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Dienstag, 23. Oktober 2012

Am Flughafen


Auch Flughäfen lehren uns: Der Großteil der Menschen ist hässlich. Eine sehr beruhigende Tatsache, vor allem, wenn man mit ihr um sieben Uhr früh konfrontiert wird. Die Realität jenseits des Reality-TVs sieht halt doch ganz anders aus: viel schmeichelhafter, aber weniger aufregend. So wenig aufregend wie der Geschmack des Flughafen-Kaffees, der zwar brav seinen Aufweck-Dienst versieht, dabei daber aber dem ungeschrieben Gesetz folgt, immer grässlich sein zu müssen.

Die Verschlafenheit eines Flughafens am Morgen ist, angesichts des Trubels, der sich in den frühen Vormittagsstunden einzustellen anschickt, eine bewundernswerte, und sie betrifft Personal wie Passagiere gleichermaßen. Ja, in Zeiten wie diesen, in denen sich jeder überlegen muss, ob er zu den 98%, den 2%, den 47% oder zu einem ganz anderen Prozentsatz gehört, hat eine solche Verschlafenheit geradezu etwas Demokratisches. Man fühlt sich wohl am Flughafen, unter all diesen hässlichen verschlafenen Menschen.

Auch, dass selbst sonst so geschäftige Orte wie Flughäfen Gezeiten kennen, stimmt einen milde. Die systolischen und diastolischen Bewegungen der Menschenströme lassen sie in einem moralischen Sinne lebendig erscheinen - nicht nur lebendig, weil sich da irgendwas rührt. Ein Flughafen, das ist schützenswertes Terrain. So viele sonderbare Wesen, die ihrem Treiben nachgehen, oder sich einfach vom Treiben der anderen ziehen lassen. Und er selbst, der Flughafen, atmet. Metalldetektoren zwitschern aufgeregt auf ihrer Suche nach eisernen Hosenknöpfen und Münzen, die sich in nachlässig ausgeräumten Taschen festgekrallt zu haben scheinen, aus Angst, entdeckt und einem Sicherheitsbeamten vorgelegt zu werden, für den sie keinen Wert besitzen. Jene Menschen, die noch keinen Platz auf einer der vielen Wartebänke gefunden haben, mäandern durch die fast leeren Hallen. Das gibt den frühen Morgenstunden einen zarten Rhythmus, wie mit einem Jazzbesen gespielt, der über eine gleichgültige Snaredrum schleicht. Überhaupt die Gleichgültigkeit, die hier herrscht! Sie geht vom Gebäude selbst aus, das so selbstverständlich die Hoffnungen und Traurigkeiten seiner Insaßen duldet. Kein Ort dieser modernen Welt kann die Wurschtigkeit eines Flughafens nachstellen, ohne dabei Gefahr zu laufen, in vollkommener Unwichtigkeit aufzugehen. Dass die Dreh- und Angelpunkte unserer Welt so beruhigend sein können, lässt jeden Reisenden zuversichtlich in den Flieger steigen; ganz ungeachtet seiner und seiner Mitreisenden Hässlichkeit. Noch ein letzter Vertrauensbeweis, bevor man den Metallvogel besteigt und sich dem Wunder des Fliegens ausliefert.

Montag, 7. Mai 2012

Blauer Sand und grünes Gras

Dieser Tage findet in Madrid das Masters 1000-Turnier statt - auf blauem Sand. Blauer Sand, wie das klingt! Nach einer sagenumwobenen Pazifik-Insel, nach einem Film von James Cameron oder einem Reaktorunfall. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um die Idee eines wahnsinnigen Rumänen namens Ion Tiriac. Tiriac war einmal Eishockey- und Tennisspieler, in einer Zeit, in der es das noch gab, dass Leute zwei Sportarten professionell ausübten und damit auch noch erfolgreich waren. So gewann er beispielsweise das Doppel bei den French Open im Jahre 1970, zusammen mit dem ebenso wahnsinnigen Ilie Nastase - auch ein Ungustl höchster Güte. Später blieb er dann dem Profi-Tennis unter anderem als Manager von Boris Becker erhalten.

Wie Ion Tiriac zu dem Haufen Geld gekommen ist, den er zu besitzen scheint, ist ziemlich undurchsichtig und interessiert auch niemanden wirklich. Bedeutend ist aber, dass Tiriac nun das Masters-Event in Madrid organisiert, nein, besitzt. Früher im Herbst in der Halle gespielt, ist es nun fixer Bestandteil des Frühjahrs-Clay-Court-Swings vor den French Open. Der seit 2009 neue Austragungsort, die Caja Magica, ist neben Paris Bercy der hässlichste auf der Tour und überhaupt ist das Turnier auch bei Spielern nur mäßig beliebt, was unter anderem daran liegt, dass in Madrid auf über 660m Seehöhe gespielt wird, viel höher als bei den French Open und den anderen Stationen auf dem Weg dorthin. Wer wird sich aber bei einem Preisgeld von 2,8 Millionen Dollar groß über die Bedingungen beschweren?

Caja Magica


Heuer machte das Turnier vor allem wegen Tiriacs Entscheidung, den Sand blau einzufärben, auf sich aufmerksam. Das hat einerseits mit dem Hauptsponsor zu tun, der Versicherungsanstalt Mutua Madrilena, deren Corporate Design eben auch jenes Blau in sich fasst, das dem Sand heuer seine distinkte Farbe gibt. Andererseits, so Ion Tiriac, sei auf blauem Untergrund der gelbe Ball für die Fernsehzuschauer besser zu erkennen. Letzteres ist zunächst ein nachvollziehbares Argument, da auch die meisten Hartplatz-Turniere mittlerweile auf blauem Untergrund gespielt werden. Die Spieler nahmen Tiriacs Entscheidung natürlich mit Unbehagen auf. Man zweifelte vor allem, ob der blau gefärbte Sand die gleichen Eigenschaften aufweisen würde wie der gewohnt rote Belag. Außerdem, so das Argument vieler Spieler, sei es fragwürdig, ob mitten in der Sandplatzsaison und gerade bei einem so wichtigen Pflicht-Turnier vor den French Open das ungewohnte Blau eine kluge Sache sei - man müsse sich schließlich umgewöhnen.



Man sollte Tiriacs Entscheidung nicht als besondere Pionierleistung loben. Freilich hat er es geschafft, vor dem Turnier das so wichtige mediale Gewurle zu erzeugen, und der Sponsor wird sich ob des so schönen blauen Courts sicherlich auch erkenntlich zu zeigen wissen. Als Zuseher in Zeiten von HD-Fernsehen darf man den Zugewinn an Kontrast getrost als vernachlässigbar betrachten. Der "Smurf-Turf" ist aber eine nette Abwechslung zum immergleichen rot-orange und lustig, weil ungewohnt, anzusehen (ähnlich dem nordamerikanischen Har-Tru-Sand, der dunkelgrün gefärbt ist). Die Spieler werden sich ohnehin auch in Zukunft über jegliche Änderung zu beschweren wissen, und am Ende werden die Verlierer dem blauen Sand die Schuld für ihren Misserfolg in die Schuhe schieben und die Gewinner ihn gar nicht mal so schlecht finden.

Freilich fragen sich die Konservativen unter den Tennisfreunden, was denn als nächstes komme: Ob denn nun der Rasen im altehrwürdigen Wimbledon auch des besseren Kontrastes wegen blau gefärbt werden müsse? Das darf aber bezweifelt werden. In Wimbledon wird sich so schnell nichts ändern, dort hat man gerade erst das längst fällige Dach über den Centre Court gebaut und das ist für das englische Traditionsturnier schon genug Progressivität für die nächsten 15 Jahre.
Ob man überall sonst auf grünem, blauem, rotem oder lila Sand bzw. Hartplatz spielt, hat in London noch nie jemanden gejuckt. Und wenn auch der Tennissport mit der Zeit gehen will und muss - in Wimbledon wird man noch lange weiß tragen, Erdbeeren mit Sahne essen und Pimm's trinken, selbst wenn es das allerletzte Rasenturnier werden sollte.
Die letzte große Bastion des grünen Grases hat schon die Revolution der 70er überlebt, als die US Open von Rasen auf Har-Tru-Sand wechselten:
While almost everybody smoked grass, people no longer wanted to play tennis on it anymore. Grass-court tennis smacked of tradition, exclusivity, and elitism. The vestigial grass-court game was okay at Wimbledon, where they also had royalty, double-decker buses, and judges in powdered wigs who liked getting spanked by schoolgirls dressed up as French maids. But in America in the 1970s, tradition, exclusivity, and elitism were loaded words that helped turn the tide of opinion against amateur tennis.
(Pete Bodo - Courts of Babylon)
Vielleicht wird man in ein paar Jahren, wenn alle Sandplätze dieser Welt blau sein werden, die Geschichte vom wahnsinnigen Rumänen erzählen, der es in Madrid das erste Mal wagte, ein Masters-Turnier auf blauem Sand spielen zu lassen. Oder man wird sich an diesen einmaligen Ausrutscher erinnern, als irgendjemand (ein wahnsinniger Rumäne) einmal dachte, es sei eine gute Idee, Tennissand blau zu färben, und wie sich diese Schnapsidee dann nie durchgesetzt hat.
Jedenfalls wird in ein paar Tagen ein Tennisspieler behaupten können, er habe als erster (und vielleicht einziger) ein Masters-Turnier auf blauem Sand gewonnen. Das ist doch auch eine schöne Geschichte und sie kommt ganz ohne James Cameron und Reaktorunfall aus.

Sonntag, 15. April 2012

42: Zwei außergewöhnliche Geschichten


Um Baseball verstehen zu können, reicht es leider nicht, nur die Regeln zu kennen. Es erlaubt einem zwar, ein Baseballspiel verständig zu verfolgen, aber selbst bei ausgezeichnetem Regelverständnis kann es sich dabei um eine relativ langweilige Angelegenheit handeln. Denn, wie so oft im Sport, ist das Aufregende nicht an der Oberfläche zu finden, sondern in den Tiefen der Historie und den scheinbaren Untiefen der Statistiken versteckt. Am Beispiel des heutigen Tages sollen wir erfahren, warum dies für Baseball im besonderen gilt.

Den 15. April hat die amerikanische Major League zum „Jackie Robinson Day“ erkoren. Besagter Jackie Robinson lief an eben jenem Tag im Jahre 1947 als erster schwarzer Baseballspieler in der amerikanischen Profiliga für die Brooklyn Dodgers ein. Bis dahin war Schwarzen das Baseballspielen bloß in der Negro-League erlaubt, die sich in der Folge innerhalb nur eines Jahres auflöste – also knapp 20 Jahre bevor die Bürgerrechtsbewegung in den Staaten ihren Höhepunkt erreichte. Aber nicht allein seiner Hautfarbe schuldete der 1972 verstorbene Jackie Robinson die vielen Ehrungen und posthumen Auszeichnungen. Er gehörte während seiner aktiven Zeit zu den besten, vielseitigsten und talentiertesten Spielern der MLB. Rekorde und Statistiken mögen an dieser Stelle schweigen; sagen wir einfach, dass er zu den Größten des Sports gehörte und aller Ehren würdig war.

Jackie Robinson

Die amerikanische Sitte, große Sportler eines Vereins damit zu ehren, dass deren Trikotnummern nach ihrem Karriereende für immer gesperrt werden, ist auch hierzulande bekannt. Im Eishockey sind der Name Wayne Gretzky und die 99 untrennbar miteinander verbunden, genauso wie Michael Jordan und die 23 im Basketball. Auch die mittlerweile nach Los Angeles verzogenen Dodgers sperrten 1972 Robinsons Trikotnummer – die 42. Zehn Jahre zuvor wurde er außerdem als erster Schwarzer in die Baseball Hall of Fame aufgenommen. So schien es keine Ehre zu geben, die Jackie Robinson nicht zuteil wurde.

Bis es 1997, zum 50. Jubiläum seines Debüts in der MLB, dazu kam, dass Robinsons Rückennummer ihm zu Ehren auf ewige Zeiten für Spieler sämtlicher Teams gesperrt wurde. Freilich durften jene Spieler, die zu diesem Zeitpunkt die 42 trugen, diese bis zu ihrer Pensionierung weiter behalten. Von diesen ist im Jahr 2012 nur noch einer übrig – Mariano „Mo“ Rivera von den New York Yankees. Er wird der letzte Profi-Baseballer in den USA sein, der mit der 42 auf das Feld laufen darf. Rivera selbst ist ebenfalls ein Kandidat für die Hall of Fame. Als Closing Pitcher der Yankees ist er dafür verantwortlich, den Punktevorsprung seines Teams im letzten Durchgang jedes Spiels zu halten und also keine Runs der gegnerischen Mannschaft mehr zuzulassen. In der gesamten Geschichte der Major League ist das keinem so oft gelungen wie Mariano Rivera: Im letzten September sicherte er die 6-4 Führung der Yankees gegen die Minnesota Twins und verbuchte damit den 602. Save seiner Karriere. Damit steht er nun alleine ganz oben auf der ewigen Bestenliste der MLB.

Mariano Rivera
 
Mariano Rivera erweist sich also als ein würdiger letzter Träger der Nummer 42. Dabei glänzt er als Pitcher nicht unbedingt durch seine Vielseitigkeit. Sein Erfolg rührt vielmehr daher, dass er über einen einzigartigen Wurf verfügt, den viele Experten mittlerweile als Revolution des Baseball-Pitchings ansehen. Sein Cut Fastball (oder Cutter) ist ein äußerst schnell geworfener Ball, der knapp bevor er den Batter erreicht, nach links abdreht. Ungewöhnlich daran ist nicht der Effet, der bei sogenannten Breaking Balls wie Slider oder Curveball oft viel stärker ausgeprägt ist, sondern die gleichzeitig sehr hohe Geschwindigkeit des Balls und Riveras Wurftechnik, die es dem Schlagmann erschwert, einzuschätzen, mit welchem Pitch er es zu tun bekommt. Prinzipiell gibt es für den Pitcher die Möglichkeit, den Ball mit hoher Geschwindigkeit zu werfen (Fastball) oder mit viel Schnitt, um dem Schlagmann den Ballkontakt zu erschweren (Breaking Ball). Mo Rivera hat seinen Cut Fastball, also die perfekte Mischung aus beidem, per Zufall beim Aufwärmen entdeckt und wusste einige Zeit lang nicht genau, welche Wurftechnik ihm zu dieser Wunderwaffe verhalf. Er nannte es – ganz amerikanisch – ein Geschenk Gottes bzw. hielt es zunächst für einen Fehler in seiner Wurfmechanik, bis er lernte, den Pitch zu kontrollieren und gezielt einzusetzen. Mittlerweile verfügen natürlich viele der besten MLB-Pitcher über gute Cutter, aber Rivera ist immer noch der Meister des Cut Fastballs, den Experten gerne „mysterious“ oder „magical“ nennen und dessen Unberechenbarkeit allzu oft zu abgebrochenen Baseballschlägern führt.

So ist die Nummer 42 nicht nur die Antwort auf die Frage nach eh allem (wie man bei Douglas Adams nachlesen kann), sondern steht im Baseball für die Geschichte zweier außergewöhnlicher Spieler, die eigentlich nur die Rückennummer verbindet, die aber durch die Geschichte des Sports doch irgendwie zusammen gehalten werden. Denn wenn Mariano Rivera in die Sportlerpension verschwindet und irgendwann einmal in die Hall of Fame aufgenommen wird, er sich also mit Jackie Robinson im Baseball-Walhalla trifft, wird die 42 um den Namen eines ihrer großen Träger reicher sein, und Rivera wird so auch der letzte Yankee gewesen sein, der sie getragen hat.

Robinson und Rivera sind nur zwei Beispiele dafür, dass dieser Sport viel von seiner Faszination einbüßt, wenn man bloß das Geschehen auf dem Feld verfolgt. Für unsereins, die wir zu Baseball so gut wie keinen Bezug haben, ist es schwierig sich dafür begeistern zu können, denn es gilt, viel über den Sport und seine Geschichte zu lernen, was mitunter mühsam sein kann, weiß man doch nie, wo man damit anfangen soll. Storys wie jene von Robinson und Rivera können zumindest neugierig machen. Gleiches gilt auch für den (übrigens sehr sehenswerten) Film „Moneyball“ mit Brad Pitt und Philip Seymour Hoffman, der die unglaubliche Geschichte des Baseball-Mangagers Billy Beane während seiner Zeit bei den Oakland Athletics erzählt.

***
 Video zu Jackie Robinson


Über River's Cutter:
 Moneyball:

Mittwoch, 4. Januar 2012

Very much so, Mr Fleming!

Bond liked fast cars and he liked driving them. Most American cars bored him. They lacked personality and the patina of individual craftsmanship that European cars have. They were just ‘vehicles’, similar in shape and in colour, and even in the tone of their horns. Designed to serve for a year and then be turned in in part exchange for next year’s model. All the fun of driving had been taken out of them with the abolition of a gear-change, with hydraulic-assisted steering and spongy suspension. All effort had been smoothed away and all of that close contact with the machine and the road that extracts skill and nerve from the European driver. To Bond, American cars were just beetle-shaped Dodgems in which you motored along with one hand on the wheel, the radio full on, and the power-operated windows closed to keep out the draughts.
Ian Fleming: Live and Let Die

Montag, 5. Dezember 2011

Vonn won

Wie halte ich das als Gebührenzahler aus? Nicht, dass ich jetzt der gefühlte millionste Kritiker des ORF-Sportprogramms sein muss oder gar will. Aber wenn man schon nicht darauf verzichten kann, nun auch Damenskispringen zusätzlich zum ohnehin unnötigen Herrenskispringen zu zeigen, und man auf ORF1 etwas anderes als Ski alpin, Formel 1 und langweiligen Bundesligafußballpartien eh nichts mehr zu sehen bekommt (dass sogar Wetten dass...? auf ORF2 verlegt wurde, ist ein Fanal!), dann müssen nicht auch noch die Kommentatoren durch Exklusivblödheit auffallen. Ich tu jetzt mal so, als würde ich viel und gerne fernsehen und mich das ernsthaft stören würde:

Ich verlange gar nicht, dass die alle Englisch können sollen. Fremdsprachenkenntnisse a la Pariasek sind ja ohnehin mehr drollig als peinlich. Aber wenn dann dauernd Lindsey Vonn, das US-Schatzerl unserer Nation (weil sie drüben leider keinen interessiert und weil sie unseren Damen meist davonfährt), zur "Lindsey Won" gemacht wird, frag ich mich schon, was da dahinter steckt. Will man so tun, als könnte man Englisch? Oder will man aus der Vonn eine amerikanische Asiatin machen? Wahrscheinlich soll wohl nur das Endresultat vorweg genommen werden und mit dem (paradoxen) Kommentar über das Auftauchen Vonns im Starthaus "Aber jetzt Lindsey Won" darauf aufmerksam machen, dass Lindsey schon gewonnen haben wird, sobald sie die Ziellinie überfährt.

Dabei machen es sich die Kommentatoren unnötig schwer. Das englische "w", das (hihi!) "Dabbel-Juh", gibt es im deutschen Lautbestand eh nicht. Gut also, dass das Englische "v" immer (immer!) genau so ausgesprochen wird wie unser deutsches "w". Also mit Zähnen auf den Unterlippen. Das bilabiale englische Dabbel-Juh hingegen schaut zuerst so aus, als wolle man jemandem ein Bussi geben, wonach sich die Lippen zu einem Ausdruck des Erstaunens öffnen; am besten zu beobachten in der amerikanischen Variante des "Wow!". Womöglich ist es das, was unsere Kommentatoren dazu verleitet, Laute zu produzieren, die sie gar nicht kennen sollten: Das Verlangen, der Lindsey ein Bussi mit auf den Weg zu geben, gepaart mit einem staunenden offenen Mund ob ihrer Bestzeit.

Ich will mich nicht über Leute aufregen, die irgendwas nicht richtig aussprechen können. Das ist kleinlich und gemein. Außerdem hat es schon auch Charme, wenn einer das nicht richtig kann; und was im Englischen noch relativ einfach ginge, wird bei slawischen oder gar arabischen Lautbeständen zu einer für den Laien schier unlösbaren Aufgabe. Was mich aber schon ein bisschen aufregt: Wenn man so tut, als spräche man etwas richtiger als andere aus und man es im selben Moment komplett falsch macht. In der Linguistik kann man so etwas Hyperkorrektur nennen. Das bedeutet im Grunde genommen, dass man sich so sehr bemüht, etwas richtig auszusprechen, dass es dann in vielen Fällen falsch wird: wie etwa, bei der Aussprache des Namens "Vonn" amerikanisch klingen zu wollen. Das erreicht man eher, indem man die Aussprache des "o" in Richtung "a" verschiebt. Mit dem "V" als Dabbel-Juh ist man jedoch auf dem ganz falschen Dampfer.

Vom debilen Gekichere manch anderer ORF-Kommentatoren und Co-Kommentatoren muss ich jetzt schweigen, denn darüber kann man nicht reden, sondern nur verständnislos den Kopf schütteln. Mir fiele auch noch ein gewisser Tennis-Kommentator ein, der ganz ohne Humor darauf hinweist, dass es "jetzt interessant ist, dass der Federer schon zum dritten Mal den Schläger gewechselt hat". Bald fällt einem Fußball-Kommentator vielleicht die besondere Trageweise der Stutzen eines Spielers auf, oder dass der Tormann sich öfter mal in die Hände spuckt. Mir hingegen fällt das ungeheure Talent der meisten ORF-Sportkommentatoren auf, am Geschehen, also am Sport, komplett vorbeizukommentieren. Angesichts der Begrenztheit des Gezeigten (damit meine ich das in Fernsehbilder übertragene Sportgeschehen, und zwar das und nur das!) ist das selbst schon eine fast sportliche Leistung.

Donnerstag, 29. September 2011

Der Streber

Seine Familie kann man sich genauso wenig aussuchen wie seine Sitznachbarn im Flugzeug. Mit ersterem habe ich, so ist mir spätestens nach diesem Amerika-Aufenthalt gewiss, großes Glück gehabt. Mit den Sitznachbarn schaut es weniger gut aus. Dabei bleibt freilich offen, ob es sich bei diesen Menschen wirklich um Ungustln bzw. unangenehme Personen per se handelt, oder ob sie für mich nur durch den Umstand, neben mir zu sitzen, dazu werden.

Gut, ich habe wenigstens einen Sitz am Gang erwischt, habe also quasi nur einen Sitznachbar, als ich mich in die Delta-Maschine zurück nach München setze. Das Flugzeug ist halbvoll mit Amerikanern, einige davon auf dem Weg zum unvermeidbaren Oktoberfest. Die andere Hälfte sind Deutsche auf dem Weg in die Heimat, wo sie sicherlich besser hinpassen, als nach Amerika. Behaupte noch einer, Amerikaner würden sich oft unästhetisch kleiden und schnuddelig daherkommen, dem seien diese deutschen Touristen gezeigt mit ihren allzu deutschen, vom Urlaub gepeinigten Gesichtern und ihrer Sprache, die niemals jener der ARD-Nachrichtensprecher ähnelt, sondern immer sächsischer, niederbayerischer, schwäbischer oder irgendein anderer, nur schwer zu ertragender Dialekt ist. Sie schlurfen ungekämmt und ungewaschen in Trainingsanzügen durch die Flughafenhallen und jammern über alles, als hätten sie selbst – und nicht etwa die Österreicher – das Jammern erfunden.

Ich sitze neben einem Amerikaner. Sollte er sich auf dem Weg zum Oktoberfest befinden, wird es sicherlich kein allzu lustiges. Es handelt sich um eine vollkommen humorlose Person. Eigentlich handelt es sich um einen Streber. Er gibt sich Mühe, besonders aufrecht zu sitzen, hat eine Brille, die ihm zwar nicht passt, aber wahrscheinlich unheimlich „praktisch“ ist, seine Frisur ist, wenn schon nicht schön, dann jedenfalls „pflegeleicht“. Er hat Finger mit sehr kurzen Nägeln, sie sehen irgendwie aus wie Ingenieursfinger. Mit solchen Fingern tippt man auf Taschenrechnern herum oder hält Lineale, keinesfalls verwendet man sie zum Gitarre Spielen oder für obszöne Gesten.

Der Streber hält einen Kindle in der Hand. Ja, auch irgendwie vernünftig, denke ich mir, der hat sich den sicherlich aus Gründen der Umweltfreundlichkeit gekauft. iPad ist ihm unvernünftig zu teuer und andere Tablets sind ihm suspekt; daher Kindle: die vielen Bäume, die nicht gefällt werden! Gänzlich unsympathisch ist mir die Kunstlederhülle seines Kindles. Er klappt sie auf und hält sie so, als würde er ein tatsächliches Buch in der Hand halten. An der Seite seiner Kindle-Hülle ist eine Leselampe befestigt, die er eifrig über den Bildschirm biegt und einschaltet, als das Licht in der Kabine gedimmt wird. Die Leselampe sieht aus wie ein Fühler eines Glühwürmchens und irgendwie finde ich es drollig, wie stolz der Streber auf dieses Lämpchen offensichtlich ist.

Bei der Stewardess bestellt er überraschenderweise Wein. Was mich zuerst ein wenig stutzig macht, offenbart sich bald als eine Geste des eingebildeten Geschmacks. Tatsächlich trinkt er den Wein so, als handelte es sich dabei um etwas ganz Besonderes. Als hätte er keinen viel zu vollen Plastikbecher in der Hand, sondern ein Kristallglas. Als wäre es kein Tetra-Pak-Wein, sondern ein ganz besonders feinen Tropfen. Wieder finde ich das irgendwie lieb und überlege mir, was ich bestellen könnte, um ihn sich noch feiner fühlen lassen zu können. Bier möchte ich keines, sonst fällt mir nichts ein, also bestelle ich nichts. Das scheint den Streber ein wenig zu verunsichern. Asketismus, so kommt mir vor, dass er mich spüren lassen will, ist doch eigentlich seine Domäne!

So setzt sich der Streber noch ein wenig aufrechter hin und beschließt insgeheim, die ganze Flugzeit von 9 Stunden nicht aufzustehen. Das sollte ihm tatsächlich gelingen, denn sein nun praktizierter Asketismus lässt anscheinend sogar seinen Harndrang verstummen. Ich muss zugeben, dass ich am Ende des Fluges ein klein wenig beeindruckt war.

Die meiste Zeit liest der Streber, nur selten unterhält er sich mit seinem Begleiter, der links neben ihm sitzt. Mit mir unterhält er sich gar nicht und ich bin eigentlich sehr froh darüber. Ein gelegentliches Schielen auf seinen Kindle verrät mir, dass er einen Krimi liest. Ja vielleicht sogar eher einen Agenten-Roman, jedenfalls etwas furchtbar Geschmackloses. Meine neugierigen Ausflüge auf sein Display zeigen mir einen Dialog, in dem jemand aufgefordert wird, irgendwelche „Dokumente“ zu beschaffen. Ich erfahre außerdem, dass jemand für den KGB arbeitet, dass es einen Romanov gibt und dass jemand von Solothurn (gute Agentengeschichten müssen irgendwann immer auch in der Schweiz spielen) nach Frankfurt fahren muss und das in einem schwarzen Jaguar tut.

Ich glaube gar nicht, dass der Streber seinen Roman sonderlich gut findet. Vielmehr hat er ihn sich auf seinen Kindle geladen, weil er erstens so enthusiastisch seines vermutlich neuen E-Readers wegen war, und weil er zweitens der Meinung ist, dass man sich für einen langen Flug ein Buch kaufen sollte. Weil er sonst nichts liest, und sich von einem Spionage-Thriller (?) garantierte Unterhaltung erwartet hat, hat er sich dieses Buch gekauft. Und was er sich gekauft hat, das liest er auch. Denn das gehört sich so.

Was sich allerdings nicht gehört, ist, dass der Streber etwa alle 40 Minuten einen Puh lässt. Ich möchte mich gerne bei ihm beschweren, aber was ist leichter, als die Urheberschaft eines Flatus abzustreiten, noch dazu eines leisen? So begnüge ich mich damit, jedes mal, wenn mir eine seiner Entweichungen zur Nase steigt, wiederholt den Kopf zu schütteln. Mir ist bewusst, dass es sich hierbei um ein lächerliches Verhalten handelt, und ich weiß auch gar nicht, ob der Streber meinen Ausdruck verständnislosen Widerwillens zur Kenntnis nimmt. Aber wie soll ich mir sonst behelfen? Aha, denke ich mir, vorgeben, ein Asket zu sein und dann die ganze Zeit einen Puh lassen müssen! Eine solche Hybris lässt mich dann einfach ganz automatisch den Kopf schütteln...

Der falsche Asket verzichtet auch auf sein Frühstück. Vermutlich möchte er durch diesen Stop der Nahrungsaufnahme seinen Flatulenzen Einhalt gebieten. Oder er möchte wirklich beweisen, dass er einen 9 Stunden langen Flug ohne Frühstück und ohne aufs Klo zu gehen aushält. Ich merke, er will es mir beweisen. Und ich wünschte, er würde doch endlich aufstehen und auf die Toilette gehen, damit wenigstens mit dem unsäglichen Puh-Lassen Schluss ist. Doch er verweigert und liest sichtlich gelangweilt weiter seinen Agenten-Roman auf seinem Kindle mit dem lieben Leselicht, das er mit seinen Ingenieursfingern so ausrichtet, dass es möglichst effizient das Display ausleuchtet. In mir steigt eine kleine Wut hoch. Ich versuche, mir die Zeit mit Mahjongg-Spielen zu vertreiben, spiele hektisch ungefähr 50 Partien – irgendwie muss die Zeit doch totgeschlagen werden.

Als sich am Ende des Fluges der Streber erhebt und das Flugzeug verlässt, bin ich erleichtert. Ich bleibe sogar noch ein wenig sitzen, um sein Verschwunden-Sein noch etwas genießen zu können. Während sich bei mir ein paar Oktoberfest-Bayern vorbeischieben und mir wieder die anderen widerlichen Fluggäste einfallen, wird mir plötzlich klar, warum mir der Streber als Sitznachbar sozusagen gesandt wurde: Er sollte mir den Abschied von Amerika besonders leicht machen! Mission erfüllt, Ingenieur Puh!

Sonntag, 18. September 2011

9 Gründe, warum ich noch kein Amerikaner bin

Kulturelle Assimilation - eine interessante Sache. Das ist, wenn man sich anpasst. Passiert umso häufiger und heftiger, je größer die Unterschiede zur eigenen Kultur sind. Und natürlich je abhängiger man von diesem Umfeld ist. Lebt man über zwei Monate mit einer amerikanischen Familie zusammen, wird man notgedrungenerweise einiges von deren Lebensstil übernehmen. Nicht wegen übermäßiger Begeisterung über den amerikanischen Lebenswandel, sondern einfach nur, weil es vieles im Alltag einfacher macht. "When in Rome do as the Romans do", sagen die Amerikaner gern, halten sich aber selber kaum daran. Ich versuche, diesem Motto getreu zu handeln und habe es bisher großteils genossen. Ein paar Sachen gibt es aber schon, an die ich mich nicht gewöhnen kann - und die mich daran erinnern, dass ich noch kein richtiger Amerikaner bin.

  1. Meine Konfektionsgröße ist noch nicht groß genug. So musste ich gestern entsetzt feststellen, dass mein übliches Large nicht immer jenes Large ist, das ich von daheim gewohnt bin. Ich bin hier nicht large, zumindest nicht immer. Manchmal bin ich nur medium. Auch gut, denn als ich mich im amerikanischen large-Hemd verschwinden sah, erkannte ich die Eleganz amerikanischer Mittelmäßigkeit. Schockiert musste ich feststellen, dass es hier auch XXL-Pullover gibt. Das sind dann mittlere Pferdedecken für Menschen, dessen Dimensionen mich schon in der bloßen Vorstellung gleichermaßen einschüchtern wie erschrecken.
  2. Ich dachte, ich hätte mich an die ubiquitäre Vollklimatisierung gewöhnt. Doch gerade in den letzten Tagen, da der September seine herbstlichen Züge in Form von tieferen Temperaturen offenbarte, fand ich immer wieder Orte vor, an denen vergleichsweise arktische Gegebenheiten herrschten. Es mag vielleicht herrlich sein, sich in ein Auto setzen zu können, in dem es 18 Grad hat, während es draußen 40 Grad hat. An einem Septembermorgen bei erfrischenden 21 Grad aber in eine Kirche zu spazieren (die übrigens ein ausgemustertes altes Kino ist), wo man dann bei gefühlten 14 Grad einer Predigt lauschen darf - das erinnert dann zu sehr an die katholischen Verhältnisse daheim. Zumindest klimatisch gesehen. Ich mag also nach wie vor keine Klimaanlagen.
  3. Weil wir gerade beim Thema sind: An die Allgegenwart Gottes kann ich mich auch nur schwer gewöhnen. Es ist gut zu wissen, dass man nicht allein ist auf der Welt, aber hier findet man Gott auf Münzen, auf Nummerntafeln, im Fernsehen, in den Facebook-Statusmeldungen neu gewonnener Bekannter und vor allem in den alltäglichsten Gesprächen - zum Beispiel im Supermarkt zwischen Tür und Angel oder an der Verkaufstheke. "Garst du mir die Shrimps, während ich noch Brot und Gemüse kaufe?" - "Ja, gerne!" - "God bless you!" Was ich aber zugeben muss: Die Gottesdienste hier sind ziemlich lässig und gar nicht so blöd. Wer weiß, was mit mir passiert wäre, wäre ich hier noch länger geblieben und jeden Sonntag in die Kirche gegangen...
  4. Ich esse immer noch zu gerne mit Messer und Gabel. Amerikaner haben das nicht so gern und daran ist gar nicht die Fastfood-Kultur (was immer das auch auch sein soll) schuld. Denn auch extrem slow Gekochtes nimmt der Amerikaner gern in die Hand. Man schneidet mit dem Messer, aber sobald sich eine Möglichkeit bietet, das Besteck zur Seite zu legen, wird das auch getan. So ergibt sich auch die Eigenartigkeit, manche Speisen mit Messer und Gabel in kleine Stücke zu schneiden, sodann das Messer zur Seite zu legen, bevor die Gabel von der linken in die rechte Hand wandert, welche dann das Essen zum Mund führt. Weil das so kompliziert ist, lässt man das Besteck so oft es geht lieber gleich ganz weg.
  5. Mülltrennung halte ich für eine gute Sache. Deswegen graut es mir immer noch davor, Bananenschalen in einen Mülleimer zu werfen, wo schon Plastikverpackungen, Aludosen, Papier und Glas zusammen mit verschiedensten Essensresten sich ein munteres Stelldichein geben. Oft mache ich daher die Augen zu, wenn ich etwas wegwerfe. Ja, ich gestehe: Ich verschließe die Augen vor dem Grauen der Welt, vor der gesellschaftlichen Unverantwortlichkeit usw. Aber es geht nicht anders. Zudem wird mir immer wieder versichert, es gebe "Mexikaner", die für das Sortieren unseres Hausmülls bezahlt würden. Na dann...
  6. Gewehre und Pistolen sind für Soldaten, Polizisten und Jäger. Es sind keine Sammel- und Fetischobjekte, mit denen man mal eben schnell hinters Haus geht und die Nachbarn erschreckt. Selbstverteidigung? Von mir aus, aber dafür reicht doch auch eine Pistole - dafür braucht man keinen Schrank voll.
  7. Nicht jedes Getränk muss so gekühlt sein, dass es beim Trinken weh tut. Amerikaner sind Eiswürfelfanatiker. Ohne Eis ist ein Getränk kein Getränk. Egal, ob es sich bis unmittelbar vor dem Konsum im Kühlschrank befunden hat oder nicht. Du trinkst Wasser (das aus dem Kühlschrank kommt) ohne Eis? Gibt's nicht. Tu doch Eiswürfel rein! Warum? Weil es dann kälter ist! Wie, du willst es nicht kälter? Schön kalt muss es sein, sonst kann man das ja überhaupt nicht trinken. - Was, du meinst, das viele Eis nimmt deinem Getränk den Geschmack? Das Getränk muss doch nicht schmecken, es muss kalt sein! Tut mir leid, ich verstehe das bis heute nicht. Ich verwende Eiswürfel nur dann, wenn ich ein Getränk gekühlt haben will, das vorher ungekühlt war. Kälte ist keine Geschmacksrichtung, der ich etwas abgewinnen könnte. So zweifle ich bis jetzt auch an der Geschäftsidee meines Onkels, in Österreich Eiswürfel zu verkaufen. "Believe me, they would love it!", sagt er. Dass wir Eiswürfel haben, sie nur nicht überall hineingeben, versteht er gar nicht.
  8. Ich glaube nicht, dass Zu-Fuß-Gehen eine niedere Form der Fortbewegung ist. In den USA - zumindest in den ländlicheren Gegenden, werden Leute, die zu Fuß gehen, belächelt. Wer zu Fuß geht, muss wohl irgendwas falsch gemacht haben - er kann es sich wohl nicht leisten, zu fahren. Jeder Meter zu Fuß ist einer zu viel, denn Gehen ist anstrengend. Warum sollte man also gehen wollen? Das Konzept des Spazierens würde ich hier gerne mal vor einem größeren Publikum erläutern und dann in der Empörung, die mir förmlich entgegenströmen würde, baden.
  9. Kartoffelchips sind keine Beilagen für Sandwiches, Hotdogs oder andere "Hauptspeisen". Es sind ungemein ungesunde Knabbereien, von denen man möglichst wenig essen sollte. Hier wird man ernsthaft gefragt, ob man Kartoffeln oder Chips als Beilage für sein Abendessen haben möchte. Chips sind hier Grundnahrungsmittel. Müsste man das Notwendigste einkaufen, das eine amerikanische Familie an einem typischen Tag braucht - Kartoffelchips dürften auf keinen Fall fehlen. Milch, Brot (haha), Fleisch, Käse (haha) Chips, Kekse/Cracker. Speck und Eier vielleicht noch, dann hat man alles. Das Gute daran: Amerika ist ein Paradies für Kartoffelchips-Connaisseure - keine Sorte, die es hier nicht gibt. Das Schlechte daran: Man sieht es den Menschen an.
Man sieht: am schwierigsten gestaltet sich die kulturelle Assimilation beim Essen. Das Essen ist auch das, was ich am wenigsten vermissen werde. Nicht, dass es schlecht wäre. Es gibt hier natürlich auch viele interessante kulinarische Sachen zu entdecken. Aber irgendwie lässt dann die Bandbreite an tatsächlich gegessenen Nahrungsmitteln (Steak, Hühnchen, Speck, Bohnen, Kartoffeln) und deren Zubereitungsarten (frittiert, gekocht, gegrillt) doch zu wünschen übrig.

Donnerstag, 15. September 2011

Newer Leans?

Das englische Adjektiv „lean“ erscheint mir als eine nette, elegante Art, kümmerliche Dinge zu beschreiben. Wo immer ein bisschen zu wenig vorhanden ist, sage man „lean“ und schon klingt es wie eine edle Eigenschaft. Manche mögen behaupten, dass in New Orleans vieles „lean“, manches sogar zu „lean“ ist, dass die Beschreibung einiger Dinge stärkere Wörter wie „shabby“ oder gar „desolate“ verlangen würde. Das sind aber genau solche Leute, die einen ungläubig anstarren, wenn man ihnen erzählt, dass man vorhabe nach New Orleans zu fahren. Leute, die einen den blödsinnigen Tipp geben, ein Schlauchboot mitzunehmen. Blödsinnige Leute eben.

Gegen die gemeine Verunglimpfung durch euphemistische, substantivierte Adjektive, vor allem in Verbindung mit einem ironisch-antagonistischen „newer“, wehren sich die New Orleanians schon mit der Aussprache des Namens ihrer Stadt. So betonen sie stolz die erste Silbe von Orleans und nicht das New. Anstatt eines „Newer Leans“ erhält man so ein staunendes „New Oah!leans“. Damit sollen sich vor allem die Anfänger beschäftigen, denn gerade diese sollen gefälligst das Staunen lernen. Fortgeschrittene dürfen dann „N'awlins“ sagen - lässig, informiert und Kaugummi kauend.

Warum soll man also das Staunen lernen in New Orleans? Ein alter Grieche hat einmal behauptet, im Staunen liege der Beginn der Philosophie. In New Orleans braucht man aber keine Philosophie, sondern nur Augen und vor allem Ohren. Das Staunen in New Orleans gleicht vielmehr jenem Staunen, mit dem man zum ersten Mal einen Song seiner zukünftigen Lieblingsband hört. Ein aufgeregtes „Was ist das?“ schleicht einem langsam ins Bewusstsein, wird immer dringlicher und nimmt einen schließlich ganz ein. Man will um jeden Preis wissen, worum es sich bei dem, was man da gerade hört, handelt. Doch das ist zunächst ein rein informatives Verlangen. Denn bald will man wissen, warum das einen Staunen macht, was hier genau passiert und warum es einen nicht mehr loslassen will. So ist das auch mit New Orleans.

Wenn Savannah die hübsche Perle der Ostküste ist, dann ist New Orleans ihre wildere Cousine am ölverdreckten Golf von Mexiko, die sich die Haare färbt, sich tätowieren lässt und Drogen nimmt: gefährlicher, aber auch interessanter. New Orleans ist wild. Das sieht man nicht nur an den vielen Ambivalenzen, die sich einem sehr bald zeigen, sondern vor allem an der Vielfalt der kulturellen Entitäten dieser Stadt. Das Essen zum Beispiel, das hier einen noch höheren Stellenwert genießt als im restlichen Amerika (hier aber zu Recht!), ist ein fröhliches Potpourri aus karibischer, afrikanischer, amerikanischer, mediterraner und französischer Küche, welches mit den gängigen Begriffen (Cajun, kreolisch, Soul food) nur unzulänglich beschrieben werden kann. Aber auch hier ist man weniger philosophisch, begriffsanalytisch unterwegs, sondern verlässt sich auf die Sinne. Und deswegen gibt es in New Orleans kein schlechtes Essen.

Das allerwichtigste aber ist die Musik. Davon gibt es nämlich auch keine schlechte. Wandert man abends durch das French Quarter, tönen aus jeder noch so kleinen Bar Jazz, Blues, Funk und Soul in allen möglichen Varianten – und vor allem in einer von einem Mitteleuropäer noch selten gehörter Qualität. Hier hört man Künstler, die großteils im New Orleans Sound aufgewachsen sind, die von Kindesbeinen an mit ihrem Instrument beschäftigt waren. Künstler, die sich vor allem mit der Kultur ihrer Stadt, d.h. mit ihrer Musik identifizieren. Hat man in einer Bar zwei Acts an einem Abend gehört und will man nicht gleich in die nächste schleichen, obwohl es von dort so verlockend herausgroovt, setzt man sich in sein Auto und dreht das Radio an: schon wieder gute Musik! Musik ist hier allgegenwärtig, unausweichlich, ein Lebenselixier für die Menschen dieser Stadt und bald auch für jeden Besucher. Jeder hier lebt und atmet den Jazz. Und darum gibt es in New Orleans keine schlechte Musik.

Katrina – auch dieses Wort ist allgegenwärtig. Sechs Jahre nach dem verheerenden Hurrikan sind zwar noch Spuren davon sichtbar. Aber New Orleans ist nicht Haiti, und auch wenn damals in Sachen Katastrophenhilfe nicht alles besonders gut gelaufen ist, muss man sagen, dass sich die Stadt recht gut von Katrina (und Rita) erholt hat. Mit Unglücken dieser Art gehen Menschen nämlich erstaunlich produktiv um. Wenn eine Gemeinschaft ein Desaster dieser Art überlebt, wird sie stärker, selbstbewusster. Das sieht man an New Orleans nach Katrina genauso wie an New York nach 9/11. Waren die New Orleanians vorher schon etwas Besonderes, so muss ihnen das nach Katrina noch bewusster sein. Ich würde behaupten wollen, dass sich die Einwohner von New Orleans weniger amerikanisch fühlen als Amerikaner in anderen Teilen des Landes. Zum Beispiel übersteigt die Zahl der New Orleans Saints-Flaggen (hiesiges NFL-Team) und jene der fleurs-de-lis bei weitem die der Stars and Stripes. Man ist sich seines Sonderstatus gründlicher bewusst – und Katrina hat dazu wohl auch einiges beigetragen.




New Orleans muss man erlebt haben, und zwar nicht nur zur Mardi Gras Zeit. Kaum eine andere amerikanische Stadt bietet eine vergleichbare kulturelle Vielfalt, keine andere Stadt ist so schön und hässlich zugleich bzw. tritt in keiner anderen Stadt das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen so greifbar hervor. New Orleans fehlt vielleicht jene Schicht des Euphemistischen, die die Amerikaner überall sonst vor der unmittelbaren Brutalität der Wirklichkeit schützt. Authentizität wie in Savannah, möchte ich fast sagen – aber noch ein bisschen exklusiver, ein bisschen rauer und unmittelbarer. Die vielen Amerikaner, die New Orleans besuchen, verwechseln das mit Unterhaltung – obwohl für diese natürlich auch gesorgt ist. Sie glauben, New Orleans ist eines dieser vielen Märchenländer, die es in den USA zum reinen Vergnügen ihrer Besucher gibt. Das ist freilich eine krasse Fehleinschätzung, aber die New Orleanians wären schön blöd, wenn sie das nicht ausnutzen würden. Deswegen gibt es die Bourbon Street – jene Partymeile, die einem ernsthaft Interessierten schon von weitem suspekt sein muss und die gefälligst zu meiden ist. Um New Orleans muss man sich schon ein bisschen bemühen. Die Entschädigung für das Bemühen aber ist das Staunen-Dürfen über die vielleicht interessanteste Stadt der USA: N'awlins, NOLA, 504, The Big Easy..., keinesfalls aber „Newer Leans“!

Mittwoch, 7. September 2011

(K)ein Regenschirm?

"Go see a museum!", ist die häufigste Antwort auf die Frage, was man an einem Regentag in New York City unternehmen soll. Davon gibt es ja hier mehr als genug. Museum of Modern Art zum Beispiel. Vorgestern gemacht. Das Guggenheim-Museum: gestern gemacht. Hätte es heute den ganzen Tag durchgehend geregnet und hätte es nicht diese kurzen, verlockenden Regenpausen gegeben, wahrscheinlich wäre heute das Met dran gewesen - und zwar den ganzen Tag.

Da Regenschirme über Köpfen balanciert werden, verdecken sie die wichtigste Blickrichtung in New York: nach oben. Also Regenschirm weglassen und sich anregnen lassen? Das ist nur eine unbefriedigende Lösung. Zähneknirschend hetzt man durch die Straßen, sucht Schutz vor dem Wasser in U-Bahn-Stationen und Kaufhäusern. Bei Hollister stehen die Beachboys auch bei einem solchen Wetter in Badehose vor der Türe und fragen frech "Hey, what's up?". Überhaupt sagt in diesem Geschäft jeder "What's up?" - und mehr darf man sich auch nicht erwarten. Um die Kommunikation zu verkürzen, deute man auf ein Kleidungsstück und sage "Large!", denn so dunkel, wie es in diesem Laden ist, lassen sich die Größen nur schwer selbst ablesen. Soll also der Beachboy suchen. Der wackelt kalifornisch mit den Hüften und beginnt zu kramen. Ich mag dieses Geschäft irgendwie nicht. Trotzdem kaufe ich was, werde in den obersten Stock des viel zu kleinen Geschäfts gescheucht, bezahle, bahne mir treppab den Weg zum Ausgang, wieder fragt man mich "What's up?", schön langsam werde ich zappelig.

Am Eingang wieder ein Beachboy, an ihm vorbei verlasse ich das Geschäft. Er schaut mich an, fragt "Hey, what's up, dude?", und wenn ich nicht wüsste, dass er das nur sagt, weil man ihn sonst hinausschmeißt, weil also ein "What's up?" zu wenig ihm den Job kosten könnte, dann würde ich ihm "Fuck you, dude!" sagen. Aber das tue ich nicht, weil er kann ja nichts dafür und überhaupt muss er in Badehosen bei einem Regentag auf der Fifth Avenue stehen und das ist Strafe genug, finde ich. Also sage ich nur "jaja" und gehe.

Im Zimmer föhne ich meine Kleidung. Regenschirm hab ich mir keinen gekauft. Denn immer, wenn ich im Begriff war, mir einen zuzulegen, wenn ich mir gedacht habe "beim nächsten Regenschirmverkäufer schlage ich zu", wenn mir also der Regen ins Gesicht peitschte und ich bereit war, mich dagegen mit einem Schirm zu schützen, immer dann war weit und breit kein Regenschirm zu finden. Kaum hörte aber der Regen auf, kaum fing meine Jacke an, trockener zu werden, kaum keimten die ersten Hoffnungsschimmer auf ein paar trockene Stunden: schwupps, da stolperte ich alle 30 Meter über einen schmierigen Regenschirmstraßenverkäufer. "Umbrella, umbrella!", schrien sie mir ins Ohr gleichsam als Stimme der Vernunft, weil sie ja eh Recht hatten. Aber ich dachte mir, dass es ja eh geht, dass es ja eh nicht mehr regnet, dass es vielleicht sogar ganz aufgehört hat. Vor allem dachte ich mir, dass, wenn ich mir jetzt einen Schirm kaufe, es sowieso nicht mehr regnen wird. Das ist wie mit der Zigarette und dem Autobus. Aber ein paar trockene Stunden waren mir anscheinend keinen Regenschirm wert; weil es gibt nichts Lästigeres als einen Regenschirm, den man nutzloserweise mit sich herumschleppt. Das brauch ich nicht, vor allem nicht in New York.

Also föhne ich lieber meine Kleidung und hoffe, dass morgen, wenn ich plane zu den US Open zu gehen, es zu Regnen aufgehört haben wird. Vielleicht kaufe ich mir am Vormittag doch noch einen Regenschirm - abergläubischerweise -, auch wenn ich ihn dann wie eine lächerliche Hasenpfote mit mir herumschleppe und er nicht zum Einsatz kommt. Wenn ich dann einen Beachboy treffen sollte, der mich frech "What's up?" fragt, dann kann ich den Schirm wenigstens für etwas Sinnvolles verwenden und den Beachboy damit ordentlich verhauen. Damit er nicht mehr fragen muss.

Montag, 5. September 2011

Savannah - Herz des Südens

In Savannah findet man das Herz des Südens: Es ist heiß, es ist schwül, die Häuser sind alt, die Pflanzen bedrohlich, es gibt jede Menge Fisch und Alkohol, beides wird in ansprechenden Kneipen serviert, und es gibt hier mehr Schwarze. Außerdem spukt es in den Häusern - das behaupten jedenfalls die Bewohner. Ob sie das selbst auch wirklich glauben, oder ob damit nur das Geschäft mit den Geister-Touristen angekurbelt werden soll, sei dahingestellt. Manche meinen, es seien die Seelen der vielen Sklaven, die diese Stadt einst beherbergt hat, welche keine Ruhe finden und die jetzigen Einwohner von Savannah immer noch plagen. "Selbst schuld!", ruft da der fälschlicherweise seine Hände in Unschuld waschen zu können glaubende Kontinentaleuropäer, "Hättet ihr sie nicht gequält, würden sie euch jetzt in Ruhe lassen!"

So beruhigen sich die noch in ihren lebendigen Körpern steckenden Seelen Savannahs mit Festen und einem Lebensstil, der an Romantik vielleicht von keiner anderen Stadt der USA zu überbieten ist. Ich spreche nicht von einer erotischen oder einer verträumten Nachtromantik, sondern von der Romantik des alten Südens. Diese Romantik hängt träge in der feuchtwarmen Sommerluft; fad neigen sich unter ihr die Bäume gen Boden, das spanische Moos in ihnen hängt wie das fransige Haar einer Greisin herab, als wolle es uns sagen, dass hier alles zu spät ist, dass sich hier nichts mehr rühren mag. Im gelbgrauen Licht eines späten Sonntag Nachmittags wandert man hier zwischen Parks und Alleen herum, ist unschlüssig, ob man dieses Städtchen ausgestorben oder quicklebendig nennen soll. Einerseits wirkt es wie ein Museum des amerikanischen Optimismus, andererseits verweist es augenzwinkernd auf seine schicke Anachronie und wird so zu einem hippen, postmodernen, subversiven Überbleibsel. Davon zeugen die vielen kleinen Galerien und Shops von lokalen KünstlerInnen, der Einfluss des Savannah College of Art and Design auf das soziale Gefüge und die Topografie der Stadt sowie das laissez-faire, das sonst in den USA so selten zu finden ist, weil so etwas den Amerikanern verdächtig ist und - vielleicht aufgrund seines französischen Ursprungs - sowieso nicht ernst genommen wird.

Und doch stehen da die vielen alten Häuser als Zeugen eines "imperialen Lebensstils" - Mahnmale der Sklaven- und Plantagenwirtschaft, des auserbeuteten Reichtums, des Traums vom alten Süden. So viele bekannte und wichtige Persönlichkeiten waren hier bzw. wurden gar hier geboren und/oder begraben. Damit gehen die Amerikaner aber fürchterlich locker um. Zur Geschichte ihrer Stadt haben sie eine Haltung, die irgendwo im weiten Feld zwischen österreichischer Wurschtigkeit und preußischer Wichtigtuerei lümmelt. Freilich ist man irgendwie stolz auf die Stadt - aber irgendwie ist das auch alles egal. Am deutlichsten merkt man dies auf Tybee Island, einer herzigen Insel nahe Savannah. Dort sind die Leute noch lässiger und lockerer als in Kalifornien, und dies mit einer angenehm unaufdringlichen Selbstverständlichkeit, die den sonst so ausgewiesen zwanglosen Westküstlern fehlt. Das hat nicht dieses Hoppsige, zappelig Surferhafte oder ultracool Relaxte. Es ist so unbetont selbstgenügsam, ohne arrogant zu wirken, was es sympathisch und authentisch macht.

Savannah, das ist Anti-Las-Vegas, das ist Authentizität ohne Aufpreis. Es ist klein und unaufgeregt, ohne dabei langweilig und vorhersehbar uninteressant zu sein. Savannah ist eine Perle, die man in den USA lange suchen muss und an der man mehr ihre Seltenheit als ihren Glanz schätzt. Da muss ich unbedingt wieder hin! Zuerst aber muss ich unbedingt wieder nach New York...

Donnerstag, 1. September 2011

Die Farbe macht den Unterschied

Kennen Sie Carolina-Blau? Das ist jene Farbe, die am Campus der University of North Carolina dominiert. Dieses zarte Blau ziert außerdem auch die Straßenschilder in Chapel Hill. Es ist eine freundliche Farbe und bietet einen schönen Gegensatz zum aggressiven Rot der Carolina State University - dem Lokalrivalen. Dass Amerikaner gerne T-Shirts und Kappen tragen, scheint bekannt zu sein. Dass dies aber ein wichtiger Teil des Selbstverständnisses ist, scheint weniger bekannt. Mein Onkel sagt, hier trägt man Shirts und Kappen wie Reklamen für sich selbst. Die Kleidungsstücke signalisieren: "Hier war ich schon" oder "Das gefällt mir". Klingt irgendwie nach Facebook, nicht?

Es ist den amerikanischen Studierenden wichtig, die Zugehörigkeit zu ihrer Universität zur Schau zu tragen. Dies gilt besonders für angesehene Schulen oder Schulen, deren Sportteams sehr populär oder erfolgreich sind. Der Sport (meist Football) ist auch das Bindeglied zur außeruniversitären Gesellschaft. So ist in Tennessee die Farbe der Universität von Knoxville (University of Tennessee Orange) allgegenwärtig. Man findet sie nicht nur auf Nummernschildern deutscher Sportautos, sondern auch auf Fahnen, Wimpeln oder Schaukelstühlen vor den Wohnwägen der ärmeren Schichten. Natürlich identifiziert sich Joe the Plumber vorwiegend mit dem Footballteam der Tennessee Volunteers, und ist nicht wirklich "Fan" der Universität als Bildungseinrichtung. Aber man sieht, dass die Corporate Identities der amerikanischen Hochschulen so wirken, wie sie wirken: als Identifikationsangebote, die Patriotismus und Zugehörigkeitsgefühle gleichermaßen bedienen.

Wandert man also auf dem Campus der UNC herum, wird man bemerken, dass 2 von 3 Studenten irgendetwas Blaues tragen; egal, ob es sich dabei um Kappen, Hosen, Shirts oder Zehennägel handelt. Bemerkenswert ist, dass es sich dabei nicht um einen Uniformzwang handelt, sondern man hier ganz selbstverständlich und stolz die Farben seiner Alma Mater trägt. Einem Österreicher mag das komisch vorkommen, denn hierzulande ist das öffentliche und sichtbare Bekenntnis zu einer Gruppierung entweder höchst verdächtig, oder höchstens im Sport erlaubt - und selbst dort wird es sanktioniert, wenn man zu den "Falschen" gehört. Man verstehe mich nicht falsch: Ich muss nicht mit einem roten NC State T-Shirt über den UNC Campus laufen. Aber dass mir da was passieren würde, wage ich zu bezweifeln. Ich müsste höchstens mit ein paar scherzhaften Kommentaren rechnen oder würde verwunderte Blicke kassieren. Möchte ich mit einem Austria Wien Trikot durch Hütteldorf spazieren? Ich weiß nicht...

Vielleicht vergleiche ich hier Äpfel und Birnen. Aber wie in den USA Rivalität gelebt und interpretiert wird, finde ich sehr aufschlussreich. Man hat hier das sentimentale und unerträglich romantische Gefühl, dass das Gemeinsame (die Liebe zum Sport) das Trennende (die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Teams) übersteigt. Vielleicht ist das Zur-Schau-Tragen von Kappen und Shirts auch nur ein Schmäh. Der Amerikaner jedenfalls weiß, dass er von einem Typen, der die Kappe "seines" Teams trägt, erstmal nichts zu befürchten hat. So suchte mein Onkel auch am Strand von Daytona fast instinktiv die Nachbarschaft einer Familie, die im Sand ein Zelt aufgebaut hat, welches das Zeichen der Georgia Bulldogs trug. Und letztlich ist diese Selbstbewerbung immer auch ein netter Anlass zu einem Gespräch unter Fremden. Vielleicht ist es das, was den Amerikanern daran so gefällt: Man weiß, dass man vom Gegenüber nichts zu befürchten hat. Das mildert die latente Panik ein bisschen.

Bei uns gibt es auch so etwas. Da sagt man: "Am Berg triffst koane zwidan Leit!" Außer es handelt sich um Deutsche, gell?

Mittwoch, 31. August 2011

Reise in einen unbekannten Bundesstaat

Auf einer wilden Rundfahrt durch den amerikanischen Südosten habe ich wieder zwei neue Staaten kennengelernt: Die Carolinas. North Carolina besticht durch seine für Südstaatenverhältnisse ausgesprochen vielfältige Vegetation, während South Carolina den Küstenreisenden schön langsam auf Florida vorbereitet. Diesmal erreichte ich aber den südlichsten Punkt in Savannah, der geschichtsreichen ältesten Stadt Georgias und sicher einer der schönsten Städte in den USA. Von dieser Reise versuche ich in einem ersten Teil über North Carolina zu berichten.

Wir bahnten uns unseren Weg durch das hintere Tennessee, wo am Fuße der Smokey Mountains der Ocoee-River einmal fließt, dann wieder gestaut wird. Hier fanden während der olympischen Sommerspiele 1996 die Wildwasser-Kajak-Bewerbe statt. Zu diesem Zwecke wurde das Flußbett erweitert und mit zusätzlichen Felsen ausgelegt; heute lässt sich kaum mehr unterscheiden, welche Steine schon da waren und welche erst später hinzukamen. Bei unserem Besuch zeigte sich die Szene ziemlich trocken, was darin liegt, dass dieser Teil des Flusses nur an Wochenenden geflutet wird. Unter der Woche wird das Wasser zur Stromerzeugung genutzt und über Kraftwerke geleitet. Daraus ergibt sich einmal mehr diese eigenartige Verbindung von schönster Natur und zweckmäßiger Technisierung derselben. Anscheinend lässt sich in den USA alles ein- und ausschalten, auch die Flüsse.


Weiter flussaufwärts gelangt man, vorbei Ortschaften mit klingenden Namen wie Ducktown, über die Hügel der Südappalachen nach North Carolina und damit in den Nantahala Nationalpark. Der Highway 74 bringt einen nordostwärts schließlich nach Asheville, wo man die Smokey Mountains langsam hinter sich lässt. Dort befindet sich auch das beeindruckende Biltmore-Haus, vermutlich das prächtigste historische Gebäude in den USA (mit Superlativen lässt sich nur schwer sparen!). Dafür hatten wir aber keine Zeit, weil North Carolina einer dieser Staaten ist, die sich ärger in die Länge ziehen, als es die Straßenkarte vermuten lässt. Und wir mussten nach Raleigh, der 4 Stunden entfernten Hauptstadt.


Was in North Carolina im Unterschied zu Ost-Tennessee und vor allem Nord-Georgia sofort auffällt, ist die abwechslungsreichere Vegetation. Besonders im hügeligen Westen des Staates finden sich kaum Nadelbäume, was im Herbst eine farbenprächtige Landschaft entstehen lässt. Erst hier lässt sich dann begreifen, was mit dem Begriff Indian Summer gemeint ist. Auch die Landschaftsarchitekten sind sich des floralen Reichtums der Gegend bewusst und deshalb werden sogar neben Autobahnabfahrten die schönsten Blumen, Sträucher und Bäume gepflanzt. Das alles aber mit angenehmer, fast ungewohnter Zurückhaltung.

Diese Zurückhaltung findet sich schließlich auch in den ländlichen Gegenden rund um Raleigh und Chapel Hill. Das Gras ist hier tatsächlich grüner als anderswo, die Häuser sind ein bisschen großzügiger und sauberer. Hier verschmelzt eine ländliche Idylle mit dem modernen, suburbanen Leben einer Gegend, die vor allem als Technologie- und Forschungsstandort bekannt ist. Die Universitäten (UNC, NC State, Duke University) gehören nicht nur zu den besten des Südens, sondern genießen auch internationales Ansehen.


Was Zentral-North-Carolina so reizvoll macht, ist genau diese Verbindung aus gemütlichen, ländlich geprägten Lebensstil und der Zukunftsgewandtheit in den Köpfen der Leute. Es fühlt sich hier alles richtig an, maßvoll, ja vielleicht sogar ein bisschen europäisch, obwohl viele Regionen Europas sich ein Beispiel an NC nehmen sollten. Und das alles geschieht ganz ohne großen Glanz - wer weiß hier schon über North Carolina bescheid? Insofern löst dieser Bundesstaat, der mir nun mein liebster geworden ist, sein hoch sympathisches Motto tatsächlich ein: Esse quam videri - mehr sein als scheinen.

Dienstag, 30. August 2011

Panik

Eineinhalb Monate bin ich nun schon hier, und wäre ich nicht so ein besonnener Bergmensch, den so schnell nichts aus der Ruhe zu bringen vermag, ich hätte schon ein paar Kübel voll Angstschweiß geschwitzt und müsste eines dieser Herzmedikamente nehmen, vor denen in der Fernsehwerbung gewarnt wird. Ja, tatsächlich werden Medikamente hier nicht nur beworben, es wird auch vor ihnen gewarnt, weil prinzipiell gilt, dass alles was existiert, auch gefährlich sein kann, ja vermutlich sogar mit ziemlicher Sicherheit gefährlich ist.

Die Pilgerväter sahen sich schon zu Beginn der US-amerikanischen Geschichte mit allerlei Gefahren konfrontiert. Das begann auf der Überfahrt von Europa nach Amerika und setzte sich im neuen Land fort. Denn dort sah man sich allerlei Widrigkeiten ausgesetzt, und hätte man nicht die netten Indianer gehabt, die den lustigen Briten und anderen Gesellen mit Rat und Tat zur Seite standen, wer weiß, ob das spätere Land der unbegrenzten Möglichkeiten sich nicht schon bald nach seiner Entdeckung als das Land der sehr beschränkten Möglichkeiten entpuppt hätte.



Auch heute noch lauert die Gefahr überall. Sei es in Form von Terroristen, bösen Bakterien, Haien oder Erdbeben: das Leben ist höchst ungewiss! Gerade erst beunruhigte Hurrikan Irene die Gemüter der Ostküste. Ich befand mich zufällig auf einem Trip nach North Carolina, wo Irene – aller Voraussicht nach – die Outer Banks verwüsten sollte. Von Raleigh aus, also in sicherem Abstand zum Ozean, beobachteten mein Onkel, dessen Freund und ich das Geschehen im Fernsehen. Unser Plan, das Wochenende am Strand zu verbringen, schien durchkreuzt und also begnügten wir uns mit einer kleinen Besichtigung der Gegend und der Aussicht auf schönes Wetter weiter südlich.

Einstweilen machte sich auf den Straßen Raleighs Panik breit. Die Tankstellen waren dauerbesetzt und in den Supermärkten waren die Milch- und Brotregale nahezu leer. Also kauften wir Bier, Chips, Eiscreme sowie Cracker und Käse, denn davon gab es nach wie vor genug. Tatsächlich wurde es dann auch recht stürmisch und regnerisch. Die Fernsehberichte von der Küste gaben sich zunehmend dramatischer, aber irgendwie wollte kein genügend großes Unbehagen aufkommen. Es schien, als suchten die Fernsehstationen verzweifelt nach ersten Opfern des Hurrikans. Stattdessen zeigten sich bloß ein paar Surfer, die sich über die hohen Wellen, die ihnen Irene bescherte, freuten.


Dann erfrechte sich Irene auch noch, sich zu einem Hurrikan der Kategorie 1 zu verharmlosen! Die Panik vor dem Sturm wich langsam der Panik davor, dass der Sturm nicht stark genug sein werde. „Wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich mich nicht darum sorgen, ob es sich um einen Hurrikan der Kategorie 1, 2 oder 3 handelt. Ich kann Ihnen nur versichern: Sie wollen da nicht mittendrin sein!“, verkündete eine Sprecherin der Gouverneurin mit beschwörender Stimme. Das nächste Bild zeigte eine Strandbar, in der ein paar Leute eine „Hurrikanparty“ veranstalteten.

Auch New York, so hieß es, sei noch in Gefahr. Endlich schien sich eines der vielen Horrorszenarien aus den so beliebten Katastrophenfilmen zu erfüllen: eine Millionenstadt von der Natur bedroht! Unglücklicherweise musste man schon am nächsten Tag feststellen, dass Irene nun kein Hurrikan mehr war, sondern nur mehr ein Tropensturm. „Still pretty bad, still very dangerous!“, versuchte ein Nachrichtensprecher in lehrerhafter Manier die Panik verzweifelt aufrecht zu erhalten. Doch spätestens jetzt lachten nicht nur mehr die Einwohner Louisianas, sondern auch der Großteil der nördlichen Ostküste.

Es ist nicht so, dass Irene keinen Schaden angerichtet hätte, und leider mussten auch einige Menschen im Sturm ihr Leben lassen. Aber irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass die Medien den Menschen den Hurrikan schlimmer verkaufen wollten, als er tatsächlich war. Die Frustration darüber, dass Irene da nicht mitspielte, spiegelte sich in dem Fakt wieder, dass die Berichterstattung über den Hurrikan, sobald sich dieser zum Tropensturm wandelte, schlagartig weniger wurde – ja im Vergleich zu vorher geradezu aufhörte. Das tut nicht nur dem Sturm Unrecht, sondern auch den tatsächlichen Opfern Irenes.

Freilich ist man seit dem Katrina-Desaster vorsichtig geworden was Hurrikans betrifft. Leider scheint es aber auch eine gewisse Sensations-Erwartungshaltung zu geben, die Schäden und Tragödien fordert, während sie das Glimpfliche verachtet. Panik ist eine Grundbefindlichkeit des Amerikaners und sie will genährt werden. Wenn man dafür nicht ins Kino zu gehen braucht, ist es umso besser. Umso unbefriedigender ist es dann aber auch, wenn die Panik sich als scheinbar unbegründet herausstellt. Dann fühlt sich der Amerikaner von der Natur, der sowieso nicht zu trauen ist (wie schon die Pilgerväter erfahren mussten), zum Besten gehalten. Und die Medien sorgen sich um die Einschaltquoten. Das ist dann die wahre Katastrophe.

Dienstag, 23. August 2011

Viva die Unterhaltung! Viva Las Vegas!

Wir fahren in einem Mietwagen den Strip entlang. In der Vormittagshitze, die gerade im Begriff ist, zur Mittagsglut zu werden, tummeln sich drei Elvisse am Gehsteig. Sie lassen sich zwar bereitwillig von ob dieser munteren Maskerade vergnügten Touristen fotografieren, sind jedoch eigentlich gerade dabei, zu rauchen. Aber als King hat man keine Freizeit und schon gar nicht in Las Vegas, wo Leute voller Erwartung den ganzen Tag herumrennen, um genau dich zu sehen. Dich wollen sie, den King, zwar nicht den echten, aber einen, der sich so anzieht, seine Haare so trägt und ein wenig mit den Hüften wackelt, während er mit verstellter Stimme „Heartbreak Hotel“ in den viel zu hohen Kragen murmelt. Da hilft alles nichts; wenn du der King sein willst, musst du spuren!

Die drei Elvisse aber sind durchaus zu Faxen aufgelegt. Duldsamkeit ist die oberste Tugend im Umgang mit schon vormittags betrunkenen Touristen. Schließlich kann man es sich als Elvis auch nicht leisten, verprügelt zu werden. Und das soll was heißen, denn als Elvis kann man sich gerade in Vegas so einiges leisten! Tatsächlich genießt man als Elvis mehr Privilegien als etwa der stumme Michael Myers, seines Zeichens grausiger Protagonist der „Freitag, der 13.“-Horrorfilme, der traurig und unbewegt auf einem Sockel steht. In der prallen Sonne und so exponiert erschreckt er hier wohl niemanden, auch das blutverschmierte Messer in seiner Hand vermag das nicht zu ändern. Da er, wie so viele Figuren in Horrorfilmen, für gewöhnlich stumm zu Werke geht, ist es ihm auch nicht erlaubt, mit den Passanten zu sprechen, was aber nichts ausmacht, denn wer will sich schon mit einem Michael Myers unterhalten?

Mickey Mouse hingegen ist zum Freundlich-Sein verdammt, was ihren Handlungsspielraum ebenso erheblich einschränkt. Auch ein Iron Man klopft sich höchstens stolz auf die Brust und reckt die Faust martialisch in die Höhe; seine geringe Körpergröße aber lässt diese Gesten lächerlich erscheinen. Müsste ich es mir aussuchen, wen ich auf dem Las Vegas Strip verkörpern wolle, ich würde mich also für Elvis entscheiden. Der kann auch einmal eine Zigarette rauchen, ohne dabei unanständig zu wirken oder aus der Rolle zu fallen und damit seine Fans zu enttäuschen.

Werden einem die Straßenfiguren zu langweilig, begibt man sich eben zu Madame Tussauds ins Wachsmuseum. Ich muss zugeben, dass ich vorher noch nie in einem solchen war, weder in London, noch sonst irgendwo. Der Attraktionsgehalt von Wachsfiguren, zumal Nachbildungen von teilweise noch lebenden Menschen, erschien mir immer zu gering. Diesmal machte ich eine Ausnahme, ich wollte doch sehen, worum denn da so ein Bahoi gemacht wird, und auch interessierte mich der amerikanische Wachsfigurenkanon.

Tatsächlich kommt einem ein solches Kabinett, das im Grunde eine sonderbare Ansammlung von Absurditäten ist, in Las Vegas seltsam natürlich vor. Das stumme, einfache Dasein dieser Figuren beruhigte mich sogar ein wenig und erschien mir als angenehmer Kontrast zum sonstigen Treiben in den Hotels und Casinos. So machte ich brav ein paar Fotos von mir mit wahren und zweifelhafteren Berühmtheiten und war etwas enttäuscht, als ich das Museum wieder verlassen musste und draußen sich bewegende, lärmende und überhaupt nicht berühmte Menschen zu sehen.

Das Wachsmuseum aber bringt ein Wesensmerkmal von Las Vegas auf den Punkt: Das scheinbar zusammenhangslose Zusammenstellen seltsamer Artefakte zum Zweck des Bestaunt-Werdens. Die Beziehung der Figuren im Museum entspricht der Beziehung der Hotels zueinander außerhalb des Museums: Jedes ist anders, aber im Grunde sind sie doch alle ziemlich gleich. Und sie beeindrucken durch ihre bloße Anwesenheit. Dieses angenehm beliebige Konglomerat hat – wenn man so will – etwas Postmodernes. Trotzdem bleibt einem alles erstaunlich zugänglich, weil es doch auch den Gesetzen des Pragmatischen dienen muss. Jedes Hotel, jede Wachsfigur, jeder Spielautomat, jedes Restaurant, jedes Geschäft ist für sich vollkommen leicht verständlich und benutzerfreundlich (wie es der Tourist bzw. der „Amerikaner an sich“ will). Erst der Blick auf das Ganze (mit dem man sich in Las Vegas zugegebenermaßen nicht sehr lange aufhält) enthüllt die Ungereimtheiten, das Sinnlose im System, die absolute Beliebigkeit des ganzen Unternehmens, der ganzen Stadt.

So ist Las Vegas vielleicht eine Metapher für den allzu modernen Hang zum Universalentertainment. Es ist eine Stadt der kurzfristigen, vollkommenen Inanspruchnahme der Aufmerksamkeit des Besuchers mit dem Preis, dass die übergeordnete Sinneinheit verborgen bleibt, d.h. man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Und das macht überhaupt nichts, weil man an dem Wald gar nicht interessiert zu sein braucht. Es ist Unterhaltung um der Unterhaltung willen – ein allgegenwärtiges Unterhaltet-Werden-von-etwas anstatt eines Unterhaltet-Sein-bei-etwas. So verlässt man die Stadt wieder und fragt sich etwas später: „Was war denn das nun eigentlich?“ Und dann hört man ein bisschen Elvis Presley, weil man vor lauter Elvissen total vergessen hat, wie sich der echte Elvis eigentlich anhört.

Ich würde Sin City weiterempfehlen, wenn ich mich dabei nicht schuldig machte...

Samstag, 20. August 2011

Viva das Künstliche! (Las Vegas I)


Der innereuropäische Urlauber sieht sich nach seiner Rückkehr aus dem Ausland mit vielerlei Fragen konfrontiert, deren erste und wichtigste immer jene nach dem Wetter ist. Wie das Wetter war, interessiert die Daheimgebliebenen anscheinend am brennendsten. Sei es, weil man dem Verreisten insgeheim Sturm und Hagel gewünscht hat aus Eifersucht, weil man selbst im Regen sitzen musste, oder sei es, weil man einfach nur an den klimatischen Verschiedenheiten zwischen der Heimat und der Urlaubsdestination interessiert ist. „Dort unten ist es schon Sommer!“, hört man etwa von einem zu Pfingsten in Italien Gewesenen. „Man glaubt es kaum, aber es hatte dort auch nur 18 Grad und das Wasser war kalt“, sagt zum Beispiel einer, der während eines gesamteuropäischen Kälteeinbruchs Ende Mai ein paar Tage in Kroatien verbracht hat. Wie auch immer das Wetter im Urlaub war, es ist – wie auch sonst im Alltag – ein beliebtes Gesprächsthema für Heimkömmlinge und interessierte Daheimbleiber.

In Amerika ist das ein bisschen anders. Hier scheint man immer schon zu wissen, wie das Wetter war. Das gilt vor allem für Reiseziele, die nur wenigen meteorologischen Schwankungen unterliegen – wie zum Beispiel Las Vegas. Niemand fragt nach dem Wetter in Las Vegas, weil es dort immer gleich ist: heiß und trocken. Aber auch, weil das Wetter in Vegas sowieso keine Rolle spielt, interessiert es niemanden so wirklich. Denn Las Vegas existiert im Prinzip nur im Drinnen. Das Draußen sind lauter Lichter, die auf das, was drinnen ist, aufmerksam machen wollen. Und dem Drinnen ist es egal, ob es draußen kalt ist oder nass, heiß und feucht oder staubig, oder was auch immer. Denn das Drinnen ist klimatisiert, manchmal auch odorisiert, in jedem Fall aber hermetisiert – was drinnen ist, bleibt drinnen, oder sagen wir es so: What happens in Vegas stays in Vegas.

Meine Vermutungen (nennen wir sie Vorurteile, das klingt weniger informiert) haben sich tatsächlich bestätigt – bis auf einen Punkt: das Künstliche. Als Österreicher sehe ich das Künstliche als das Gegenteil des Authentischen. Das Authentische, so verrät schon das Wort, hat etwas mit einem Tisch zu tun. Zum Beispiel mit einem Biertisch, auf den man anständig hauen kann, wenn man etwas Ehrliches zu sagen hat. Oder denken wir an einen Esstisch, auf dem man die Gaben beim Erntedankfest ausbreiten kann, die so authentisch und natürlich aus der Erde gewachsen sind, dass es einen beim Reinbeißen zwischen den Zähnen geradezu erdelt. In Las Vegas habe ich aber gelernt, dass authentisch auch anders geht, nämlich indem man das eigentlich Lächerliche derart ernst nimmt und es so gut macht, dass man als Rezipient, als Konsument oder einfach als Besucher oder Betrachter gar nicht mehr um den Unterschied zwischen künstlich und authentisch besorgt ist. Es ist einfach, wie es ist. (Schwachfugige Einfügung dazu: Hierbei handelt es sich um eine Abwandlung des parmenidischen Grundgedankens, welche sich auf die Essenz mehr denn auf die Existenz bezieht.)

Alles, was in Las Vegas an Attraktionen zu finden ist, ist in sich perfekt. Der große Vorteil, den Vegas dabei hat, ist, dass es sich selbst die Latte legen konnte. Viele Unternehmungen mögen genau an diesem Punkt scheitern, für Vegas scheint es geklappt zu haben. Die Hotels bieten alles, was das Herz begehrt, und zwar deswegen, weil sie genau all das bieten, was der Las-Vegas-Besucher erwartet: Unterhaltung. Sie beeindrucken von außen und innen mit aufwändiger Architektur, jeder Menge Möglichkeiten, sein Geld zu verlieren und jeder nur erdenklichen Form der Verköstigung aller Sinne. Als Österreicher, der sich schon gerne mal mit dem Bier-Wurscht-Spritzer-Angebot eines mittleren Volksfestes zufrieden gibt, ist man zunächst vielleicht überfordert. Dann aber realisiert man, dass man in Las Vegas eigentlich nichts zu tun braucht, außer von einem Hotel zum anderen zu gehen (oft muss man sich nicht einmal bewegen), somit also genügend Zeit hat, sich dem Geschehen eingehend zu widmen. Nichts läuft einem hier davon. Nicht nur, weil hier alles 24 Stunden verfügbar ist, sondern auch weil alles darauf ausgelegt ist, wiederholbar und reproduzierbar zu sein.

Nehmen wir als Beispiel das Venetian-Hotel, welches sich zur Aufgabe gemacht hat, Venedig zu simulieren. Freilich meint jeder, der schon einmal in Venedig war, dass ein solches Unterfangen nicht nur unmöglich, sondern geradezu blasphemisch sein muss. Die Amerikaner wären aber noch blöder, als wofür viele sie ohnehin schon halten, wenn sie nicht wüssten, dass man Venedig nicht als Hotel nachbauen kann. Also machen sie folgendes: Sie bauen ein besseres Venedig. Eines ohne (oder nur mit dem essentiellen) Schnickschnack, eines ohne Dreck und Gestank, ohne Tauben, ohne lächerlich hohe Preise für Getränke und ohne unverständliche Einheimische – ein Venedig, wie es sich ein durchschnittlicher Tourist wünscht. (Wir sprechen hier klarerweise nicht von einem italophilen Kunsthistoriker, der an jeder Stadt gerade „das Touristische“ so abstoßend findet, sondern von einem einfachen, unschuldigen Amerikaner in Europa!) Ein solches Venedig hat schöne Häuser, tolle Geschäfte zum Einkaufen, einen Kanal mit Gondeln und singenden Gondolieren, gutes Essen, hervorragendes Eis und ist sauber. Bekommt man das alles noch in ein Hotel hinein und simuliert beleuchtungstechnisch Tag und Nacht, hat man genau das, was das Venetian-Hotel bietet: Venice in a nutshell, die italienische Stadt quasi als Smartphone-App – leicht zu bedienen, übersichtlich, praktisch, unterhaltsam. Freilich nicht das echte Venedig, aber eine Einkaufsmeile mit Stil und Geschmack, nettem Ambiente und einem Charme, der einen kurz vergessen lässt, dass man sich eigentlich im bösen, unauthentischen Las Vegas befindet und gerade fürchterlich zum Narren gehalten wird.

So habe ich mich tatsächlich infizieren lassen, nannte das Venetian großartig und eines der am besten gelungenen Hotels der Stadt, bis ich auf die Straße trat und sah, wie Touristen auf einem Rollsteig über eine, das Venetian mit einem anderen Hotel verbindende, Rialtobrücke gezogen wurden. Da meldete sich der europäische Kulturelitarismus zurück und ich weigerte mich, die Rialtobrücke quasi fahrend zu überqueren. Eigensinnig und mit von den Rollsteig fahrenden Touristen abgewandten Gesicht schritt ich eilig über die Brücke, während ich meiner duldsamen Cousine erklärte, dass dies nun doch zu weit ginge und dass man ein bisschen Respekt auch noch haben müsse, wenn man schon versucht, eine Stadt wie Venedig nachzubauen und so weiter. Ich sagte ihr, sie würde das verstehen, wenn sie erst einmal Venedig sehe, welches ich ihr, so sei mir gerade klar geworden, bei ihrem nächsten Besuch mit Sicherheit zeigen werde. Zwar grinste sie verständnisvoll, was sie sich aber dachte, wusste ich nicht und will ich auch im Nachhinein nicht vermuten.

Warum man allerdings, wenn man in Las Vegas die Rialtobrücke überquert, vor Madame Tussauds' Wachsmuseum landet, versuche ich beim nächsten Mal zu erklären.

Samstag, 13. August 2011

Viva Las Vegas?

Was einen in Las Vegas erwarten wird? Ich stelle es mir wie ein großes Minimundus mit viel mehr Lichtern und zweifelhafteren Besuchern vor. Vegas ist wohl in vielerlei Hinsicht "typisch amerikanisch": Alles ist groß, beleuchtet, laut, oberflächlich und vergnügungsfunktional ausgerichtet. Vor allem aber ist es künstlich. Nachdem die Stadt durch die Legalisierung des Glücksspiels einen Aufschwung erfahren hat, an dem auch die Cosa Nostra nicht unbeteiligt war, musste man sich irgendwann vom Image der Stadt der Sünde lösen, weil das in den USA nie gut kommt. Also nannte man sich Stadt der Unterhaltung, nahm sich Disney zum Vorbild und wurde so zum Vergnügungspark für Erwachsene.

Berühmte Leute aus Las Vegas fallen mir nicht viele ein. Da wäre einmal Andre Agassi, der in der fürchterlichen Hitze von Nevada Tennis spielen lernen musste. Und dann fallen mir noch die Killers ein, eine Band, von der ich nicht weiß, ob es sie noch gibt. Aber berühmte Leute in Las Vegas: Ja, da sieht die Sache schon anders aus! Gerne würde ich ja eines dieser versoffenen Elvis-Doubles sehen, oder einen gescheiterten Musical-Schauspieler, der jetzt in Vegas den Franz Sinatra gibt. Vermutlich sehe ich mir aber dann doch lieber ein Gladys Knight Konzert an, denn zu Celine Dion bringt mich nichts und niemand und was ich von der Blue Man Group halten soll, ist mir nach wie vor nicht klar.

Und dann die Casinos! Vor allem möchte ich wissen, ob die Casinobesucher auch so aussehen wie im Film. Das wäre eine riesen Enttäuschung, wenn dem nicht so wäre; aber warum sollte ausgerechnet Las Vegas eine Ausnahme sein und sich nicht in Wirklichkeit genauso zeigen wie im TV? Da wäre ich regelrecht beleidigt und würde enttäuscht an der glitzernden Krempe meines beleuchteten Cowboyhuts kauen, während ich sinnlos die Einarmigen Banditen füttere, solange bis drei Kirschen oder Zitronen oder was weiß ich was erscheinen und es mir dann die Münzen entgegenschwemmt. Dann rüber zum Roulettetisch und alles auf Schwarz - denn entweder zahlt es sich richtig aus, oder es war eh alles umsonst. All or nothing, rien ne va plus, All in, double down: weiß der sprichwörtliche Kuckuck, was Vegas alles in petto hat. Ich versuche mich überraschen zu lassen.

Man liest sich nächste Woche wieder

Donnerstag, 11. August 2011

Ruhige Tage und ein Friseurbesuch


Die Hitze, in der ich in diesen Tagen liege, ist keine sengende mehr, wird aber ihrem Wesen trotzdem noch gerecht. Es hat abgekühlt, das heißt die Temperatur liegt in den niedrigen 30ern, vor allem aber hat die Luftfeuchtigkeit abgenommen, was das faule Herumliegen am Pool erträglicher macht. Sogar das Wasser hat seine Kinderbeckenwärme verloren und konnte heute erstmals „kühl“ genannt werden. Im Radio laufen die ewig gleichen Countrylieder, die einem mittlerweile schon egal sind – das eine oder andere findet man sogar schon ganz gut. Die in der Einfahrt liegenden Blätter brechen unter den Reifen der Autos; das Geräusch erinnert mich bezeichnenderweise an Kartoffelchips: die Amerikanisierung der Sinneseindrücke. Tatsächlich sind die Blätter schon welk. Die Hitze und der wenige Regen tragen Schuld daran, dass, vergäße man auf die Hitze, fast schon Herbststimmung aufkommen mag.


Momentan verbringe ich ruhige Tage in meinem Sommerdomizil. Das zwingt mich immer öfter vor den Fernseher, der hier den ganzen Tag läuft. Abends schaue ich Baseball, denn die Footballsaison hat noch nicht angefangen, und irgendwie habe ich ein bisschen Gefallen an diesem relativ langweiligen Sport gefunden. Morgens laufen meist Nachrichtensendungen, in denen aufgeregte Herren in diesen seltsamen, an den Schultern und Armen aufgebauschten amerikanischen Hemden auf die Regierung schimpfen, während im Hintergrund, wie zum Beweis für ihre Ausführungen, Aktienkurven eingeblendet werden. Am späteren Vormittag geben dann Ärzte Gesundheitstipps. Warum diese TV-Doktoren in Operationsklamotten oder weißen Kitteln im Studio sitzen müssen, bleibt schleierhaft. Heute jedenfalls war ein plastischer Chirurg aus Florida (woher sonst?) zu Gast, der den verblüfften Zuschauern erklärte, was ein Miami Thong Lift ist. Dabei handelt es sich um eine operative Korrektur des Fettgewebes am Gesäß, welche den perfekten Sitz des String Tangas sicherstellen soll. Seine zufriedene Patientin präsentierte dem Publikum stolz ihren neuen Podex, was heftig bejohlt und beklatscht wurde. Es ist leider großteils Bildung dieser Art, die mir den Horizont erweitert.


Gestern allerdings durfte ich einen Friseurbesuch über mich ergehen lassen. In der Daltoner Altstadt befindet sich ein Herrensalon, der von zwei Männern vom alten Schlag geführt wird. Das Geschäft besteht seit den 60er Jahren und hat sich seitdem wohl nur wenig verändert. Aber auch die Haarschnitte haben sich kaum verändert, deswegen warnt mich mein Cousin Chuck im Vorhinein: Da die beiden großteils Senioren als Kunden hätten, ginge es zwar relativ schnell, leider aber würden sie kaum Erfahrung mit dichtem Haar und jugendlichen Schnitten haben; besonders der Ältere, so mein Cousin, habe ihm schon den einen oder anderen Idioten-Schnitt verpasst. Ich werde ein wenig nervös, der Gedanke an meine ständig größer werdende Baseballkappensammlung beruhigt mich aber gleich wieder. Ich nehme mir eine Sports Illustrated und blättere darin. Henry, so der Name des jüngeren und talentierteren der beiden Friseure, entlässt gerade seinen letzten Kunden. Vor meinem Cousin und mir ist noch ein anderer Herr an der Reihe. Dieser aber sagt, er würde warten, bis der andere Friseur Zeit für ihn habe. Chuck springt sogleich auf und läuft Henry entgegen – es wirkt irgendwie erleichtert. Ich überlege kurz und komme zu dem Schluss, dass, da der Herr vor mir ohnehin mit dem „schlechten“ Haarschneider vorlieb nehmen will, ich wohl auch von Henry geschnitten werden würde.


Als der ältere Friseur mit seinem letzten Kunden fertig ist, will der freundliche Herr, der jetzt an der Reihe wäre, mir aber seinen Platz überlassen. Er sagt, er habe ohnehin den ganzen Tag nichts zu tun und sei eigentlich nur zum Quatschen hier. Sein weniges Haar bedarf nur einer kurzen Behandlung, und da ich, wie ihm aufgefallen sei, zusammen mit Chuck gekommen bin, wäre es ihm ein Vergnügen, mir den Vortritt zu lassen, damit mein Cousin nicht auf mich warten müsse, sobald dieser fertig sei. Nie war mir ein freundlicher Mensch so unangenehm! Ich erkläre ihm, dass ich, vielmehr dass mein Cousin und ich, wohl noch viel weniger zu tun hätten als er und dass es mir höchst unangenehm wäre, mich hier in irgendeiner Art und Weise vorzudrängen, wo ich doch nicht einmal von hier sei und so weiter.
Aber gerade als Gast hätte ich doch das Vortrittsrecht, sagt mir der zu freundliche Herr, während der schlechte Friseur mich schon grinsend zu sich winkt, bedrohlich mit seiner Schere die Luft zerschnippselnd. Ich fuchtle mit meiner Sports Illustrated und stammle irgendetwas davon, dass ich gern noch die Wartezeit nützen würde, um diesen Artikel fertig zu lesen, während ich auf das Bild eines mir vollkommen unbekannten Baseballspielers zeige.
Aber ich könne doch die Zeitschrift mit auf den Frisierstuhl nehmen, meint der schlechte Friseur. Nein, das könne ich nicht, sage ich, denn dann müsste ich entweder dauernd den Kopf senken, was dem Gelingen des coiffeurschen Handwerks unzuträglich wäre, oder aber mir die Zeitschrift hoch vor das Gesicht halten, was meine Arme schon nach wenigen Minuten schwer werden lassen würde. Während ich das sage, zeige ich mit übertriebenen Gesten umständlich vor, was ich meine. Der Friseur und der freundliche Herr lachen und geben schließlich nach. Ich bin gerettet.


Tatsächlich schneidet Henry ganz ordentlich. Die Tatsache, dass ich zum ersten Mal von einem glatzköpfigen Friseur geschnitten werde, finde ich bemerkenswert. Henry lobt die Farbe meines Haares und auch die Dichte. Es finde sich aber das eine oder andere graue Haar, so er. Ich sage ihm, dass mir das keine Neuigkeit sei, verzichte aber – aus Rücksicht auf Henrys blanken Schädel und seinen weißen, fast mönchsartigen, Haarring, der sich von Ohr zu Ohr zieht – auf die Bemerkung, die ich in solchen Situationen sonst zu machen pflege, nämlich, dass ich froh sei, noch viele Haare zu haben und ich deswegen die paar grauen verschmerzen könne. Henry scheitelt mir das Haar streng und tatsächlich sehe ich jetzt aus wie ein amerikanischer GI aus den 50er Jahren. Zufrieden stehe ich auf und gebe Henry 10 Dollar, die er in einer Lade seines großen Friseurtisches verschwinden lässt. Er wünscht mir noch einen schönen Aufenthalt, ich verspreche ihm, ihn weiterzuempfehlen und Henry lacht vergnügt. Vor dem Laden wartet Chuck. Wir sehen uns gegenseitig prüfend auf den Kopf und nicken uns zu. Für jemanden, der uns in diesem Moment beobachten würde, sähe es wahrscheinlich so aus, als würden wir mit dem Nicken einander Mut machen wollen.

Montag, 8. August 2011

Ein Schuss Lebensgefühl


Chester sitzt auf der Veranda und beobachtet die Futterstation, die er für die Kolibris aufgestellt hat. In den letzten Tagen haben größere Vögel das Kolibrifutter für sich entdeckt und laben sich seitdem frech daran, was die kleinen Kolibris natürlich abschreckt. Chester aber hat sich zum Ziel gesetzt, die großen Vögel zu vertreiben und so den Kolibris zu ihrem Futter zu verhelfen. Deswegen sitzt er auch mit einem Revolver in seinem Schaukelstuhl, um im „Ernstfall“ auf die Vögel schießen zu können. Die Vögel aber wissen, womit sie es zu tun haben und halten sich fern. Also geht Chester wieder ins Haus zurück und legt den Revolver hinter die Couch, als ob er ihn vor den Vögeln verstecken wollte. Kaum im Wohnzimmer, sieht er sie vor dem Fenster schon wieder herumflattern. Er schleicht zur Couch, holt den Revolver wieder hervor, stellt sich an die Tür und öffnet sie einen Spalt breit. Die Vögel fliegen davon.

Chester, ein Ex-Green-Beret und Vietnam-Veteran, scheint mir keineswegs einer dieser Eichhörnchen schießenden Rednecks zu sein, die es hier im Süden tatsächlich gibt. Deswegen frage ich ihn, womit die Waffe geladen sei. Es handelt sich um Gummigeschosse – die Streuung, so Chester, mache es einfacher, die Vögel zu treffen. Die Gummimunition habe er sich besorgt, nachdem er vor ein paar Wochen einen Hasen habe ziehen lassen müssen. Das Vieh sei schwer zu treffen gewesen, und er wollte nicht das Haus oder Auto eines Nachbarn treffen. „Oder gar den Nachbarn selbst“, ergänze ich. Chester lacht, ja, das wäre natürlich ganz schlecht gewesen.

Die selbstverständliche Allgegenwärtigkeit der Schusswaffen ist gewöhnungsbedürftig. So erschrak ich letztens regelrecht, als ich in den Keller ging, um das Modem neu zu starten, und ich, als ich das Licht eingeschaltete, direkt vor dem verglasten Waffenschrank stand. Schrank und Waffen erinnerten mich an eine Columbofolge – ich weiß nicht mehr welche. Jedenfalls ist der Schrank mit allerlei Kostbarkeiten der Gewehrskunst bestückt, Pistolen enthält er allerdings keine. Dabei hätte mich die unregistrierte Pistole interessiert, die mein Onkel vor ein paar Wochen gekauft hat. Das Wort „unregistriert“, das ich in Zusammenhang mit Waffen bisher nur aus diversen Fernsehserien kannte, hat mein Onkel dabei besonders betont. Mit unregistrierten Pistolen begeht man Morde, nach welchen man die Tatwaffe in einem See, einem Fluss oder in einer Bucht (je nach geographischer Gegebenheit) versenkt. Das hat mein Onkel freilich nicht vor, aber natürlich weiß er das und so bereitet ihm die unregistrierte Pistole ein besonderes Vergnügen, dessen Reiz für mich nur bedingt nachvollziehbar ist.

Als wir an einem der letzten Wochenenden in Alabama – ich war dort bei meinem Cousin und meiner Cousine auf College-Besuch – zu einem Liquor Store fahren wollten, begab ich mich auf den Rücksitz eines verantwortungsvoll scheinenden jungen Herren. Zwischen Fahrersitz und Mittelkonsole sah ich eine Pistole stecken. Ich fragte ihn, ob er vorhabe, damit den Laden auszurauben. Er lachte und schüttelte den Kopf. Er sei gerade vom Schießen gekommen, erklärte er mir, außerdem habe er eine Lizenz. Hätte er keine Lizenz, dachte ich mir, würde die Pistole auch nicht in einem Holster neben der Mittelkonsole stecken, sondern ohne Holster im Handschuhfach liegen. Sie würde wahrscheinlich auch unregistriert sein, und er würde keine Lizenz dafür haben. „Oh, es ist übrigens eine Glock“, sagte der verantwortungsvolle junge Herr, „aus Österreich, richtig?“ „Ja“, nickte ich, „die sind aus Österreich.“ Wenn sie auch oft nicht wissen, dass es in Österreich keine Kängurus gibt, dachte ich mir, wissen doch die meisten, dass Glock eine österreichische Firma ist. „Hervorragendes Erzeugnis“, lobte der junge Herr die Glock. Ich stimmte ihm zu, ohne dass ich einen Vergleich gehabt hätte – meine Schießerfahrung beschränkt sich schließlich auf die Waffen des österreichischen Bundesheeres. Wir raubten den Liquor Store schließlich nicht aus. Im Gegenteil: Wir mussten warten, bis alle von uns, die den Laden betreten hatten, ihren Ausweis gezeigt haben, und da eines der Mädchen ihren daheim vergessen hatte und also erst wieder nach Hause fahren musste, um den Ausweis zu holen, verbrachten wir ca. 15 Minuten wartend an der Kassa des Schnapsladens. Ich betrachtete zum Zeitvertreib die Überwachungskamerafotos jener „Kunden“, die sich als Diebe entpuppten und deshalb jetzt einen prominenten Platz in der Galerie über der Eingangstüre haben.


Irgendwie freue ich mich schon auf die nächsten Erlebnisse mit Schusswaffen, obwohl das etwas seltsam klingt. Interessant ist die Sache aber allemal. Die angebliche Waffenvernarrtheit der Amerikaner hielt ich nämlich immer für eine unsaubere Übertragung von Wildwest-Romantik in die heutige Zeit und also für eine Übertreibung. Im Süden allerdings scheint mir das Bild des allzeit bewaffneten Amerikaners ein adäquates zu sein. Die zahlreichen Waffengeschäfte entlang der Highways bestätigen mir diesen Eindruck. (Witzigerweise scheinen diese Läden auch nicht von der „schlechten Wirtschaftslage“ betroffen zu sein, von der hier dauernd die Rede ist.) „You gotta have a gun down here“, ist ein Satz, den ich schon ein paar Mal gehört habe. Haus, Autos, Boot, Gewehr, Klimaanlage, Kreditkarte: Das sind die Grundingredienzen des Südstaaten-Lebensstils, an die man sich gewöhnen muss, wenn man hier leben will. Und an die Sprache, die bisweilen durchaus kein Englisch ist. Aber davon ein andermal...


Donnerstag, 4. August 2011

Das Mehr und das Weniger - kleines Heimweh


Mehr ist besser: Das ist die einfache Formel für den amerikanischen Alltag. Es gibt kein „small is beautiful“, und sollte etwas ausnahmsweise wirklich einmal besser sein, wenn es weniger ist, werden einfach die Verhältnisse umgekehrt. Das ist ein Sprachspiel, das dem Amerikaner erlaubt, immer alles besser zu finden, was mehr ist. So lässt er sich aber auch von jedem, der dieses Sprachspiel beherrscht, vorgaukeln, dass etwas besser sei als etwas anderes, wenn dieser jemand es nur versteht, ihm die Verhältnisse so darzulegen, dass das, was der Amerikaner gut finden soll, immer mehr ist als das, was er schlecht finden soll. Klingt kompliziert, ist aber relativ simpel in der Praxis.

Erstmal sei ein Beispiel aus dem nicht manipulativem Sektor genannt. Es soll zeigen, dass die Gleichung mehr=besser dem Amerikaner natürlicher vorkommt als weniger=besser. Wir drücken die Sparsamkeit eines Autos so aus: Je weniger Treibstoff es auf 100 km verbraucht, desto besser ist es. Einem Amerikaner wäre das suspekt. Also geht das in den USA anders. Dort wird über die „gas mileage“ ausgedrückt, wie weit man mit einer Gallone Treibstoff kommt (miles per gallon). Je höher also die Zahl, desto besser die Effizienz des Fahrzeugs. Es handelt sich um eine einfache Umkehr der Verhältnisse. Wir könnten genauso gut angeben, wie viele Kilometer man mit einem Liter Kraftstoff zurücklegen kann. Dass für uns aber die kleinere Zahl die attraktivere ist, für die Amerikaner jedoch die größere, ist kein Zufall.

Im Lebensmittelsektor findet man ähnliches. Während bei uns Joghurtpackungen mit großen Nullen bepinselt werden, um jedem klarzumachen, dass im betreffenden Produkt kaum oder wenn möglich gar kein Fett enthalten ist, muss man in den USA schon genau schauen, ob es sich um ein „low fat“ Produkt handelt. Was auf diesen Produkten allerdings durchaus zu finden ist, sind große Schriftzüge, die das Erzeugnis als „healthier“ anpreisen. Ein Mehr an Gesundheit also – das versteht der Amerikaner. Weniger Fett – das versteht er nicht.

Einige Werbungen enthalten zwar das Wort „less“. Dieses hat aber meist nur subsidiäre Funktion und wird bald von einem viel größeren, dickeren und womöglich bunteren „more“ wiederholt überblendet und also aus dem Ultrakurzzeitgedächtnis geradezu herausgelöscht. less=small=bad, more=big=good: Diese Metaphernkonzepte sind dem amerikanischen Bewusstsein eingemeißelt und sind der Grund, warum sich ein Europäer mitunter überfordert fühlt. Überfordert von der Fülle der Angebote, von der Intensität der Darbietung, von der Lautstärke, den Lichteffekten, den marktschreierischen Anpreisungen der Werber – überfordert von der Art und Weise der Kommunikation überhaupt.

Ich nenne alles übertrieben und gewöhne mich doch langsam daran. Wie schal und langweilig wird mir Europa vorkommen müssen, wenn ich zurück komme! Wie unspektakulär werden die Leute, die Autos, die Supermärkte, die Werbungen, wie unspektakulär wird überhaupt alles sein. Und doch sehne ich mich manchmal nach dem Weniger, nach dem Bescheidenen, dem Unauffälligen, dem Subtilen, dem Leisen. Das kommt mir alles so europäisch vor, so edel und schlau – irgendwie gefinkelt und doch nicht hinterlistig: small but beautiful. Das klingt schön.