Warum ich immer wieder gerne über das Wetter schreibe - ich weiß es nicht. Wahrscheinlich weil ich auch jeden Tag danach gefragt werde, und deswegen jeden Tag vor lauter Angst, keine Auskunft geben zu können, eine Wetter-App checke, um dann brav sagen zu können: "Heute wird es schön!" oder eben "heute bleibt es schlecht!". Jetzt ist die Sache die, dass es nur ein Wetter gibt, aber zahlreiche Wetter-Apps, die allesamt ein anderes Wetter versprechen. Darum gibt es auch Urlauber, die während Ihres Aufenthalts mehrere Wetter-Apps konsultieren, denn die Erfahrung zeigt, dass immer mindestens eine dabei ist, die jenes Wetter anzeigt, das sich der User erhofft.
So kann es natürlich vorkommen, dass meinem "morgen wird es schlecht" ein "auf meiner App steht aber Sonne!" entgegnet wird, wogegen ich wiederum nichts anderes sagen kann als: "Ja, naja, der Wetterbericht irrt sich ja ständig. Vielleicht ist es Ihrer, vielleicht ist es meiner, aber einer irrt sich bestimmt, weil es gibt ja immer nur ein Wetter!" Meistens empfehle ich den Gästen, die Tagesplanung nicht von jenem Wetter abhängig zu machen, das die App anzeigt (oder vielmehr vorschlägt), sondern lieber auf den nächsten Tag zu verschieben. "Es empfiehlt sich", sage ich dann immer, "in der Früh aus dem Fenster zu schauen", und komme mir dabei wahnsinnig blöd und besserwisserisch zugleich vor, "und dann zu entscheiden, was man mit dem Tag anfängt." Natürlich ist mir klar, dass das belehrend klingt, quasi wie ein Vater, der sich darüber mokiert, dass die Kinder lieber auf den Smartphone-Bildschirm schauen als in das wirkliche Leben hinaus. Deswegen schicke ich meinem Tipp hinterher, dass jedoch selbst der Blick aus dem Fenster mit Vorsicht zu genießen sei, weil es oft vorkomme, dass vor dem Fenster der Nebel hänge, dieser aber schon 100 Höhenmeter weiter oben sich vollkommen aufgelöst habe, und deswegen der einzig wahre Blick weder der auf das Smartphone noch der aus dem Fenster sei, sondern einzig und allein jener in den Fernseher: Dort läuft nämlich der Panoramakanal, und der zeigt, wie das Wetter wirklich ist!
"Ist denn das live?", werde ich dann ungläubig gefragt, wenn der Blick aus dem Fenster mit dem Blick in den Fernseher so gar nicht kongruent sein will, weil es oben sonnig, vor dem Fenster aber neblig ist. Schwierig wird es, wenn der Gast zu protestieren beginnt: "Auf meinem Handy steht aber, dass es heute bewölkt ist!" Da heißt es diplomatisch sein, und deshalb antworte ich in so einem Fall gerne, dass es dann sicherlich am Nachmittag schrecklich bewölkt sein werde, es nun aber, wie der Blick in den Fernseher bestätige, das "schönste Wetter" habe. Manchmal sage ich auch "Kaiserwetter" dazu, der Habsburger-Nostalgie halber, was die Wirkung verstärkt, denn niemand möchte bei "schönstem Wetter" oder eben bei "Kaiserwetter" im Haus sitzen bleiben und auf ein Smartphone starren, bis sich dort endlich die Sonne zeigt.
Jetzt kann man viel darüber philosophieren, dass die Welt unübersichtlich geworden ist und die Wetter-Apps dafür Pate stehen. Dass sich der Mensch von der Natur entfremdet und sich der Technik unterworfen hat und deswegen hilf- und orientierungslos im Strudel der Moderne (der nachmodernen Postmoderne!) wild rudernd unterzugehen droht. Mir liegt aber mehr daran, jene Menschen älteren Semesters in Schutz zu nehmen, die gerne bloß dasitzen, aus dem Fenster schauen und das Wetter beobachten und dieses dann knurrend oder seufzend kommentieren. Jene Menschen, die immer nur sagen "sche is" oder "schiach is", und für die es kein dazwischen gibt und die sich nicht auf waghalsige Prognosen einlassen. Die dem Irrsinn widerstehen, alles genau wissen zu müssen und möglichst auch noch den nächsten Tag und die nächste Woche und den nächsten Monat vorhersagen zu wollen. Menschen, die sagen, was der Fall ist. Die sind dann doch besser als jede App.
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Montag, 7. März 2016
Mittwoch, 3. Juni 2015
An der Hausmauer sitzend
Der Plamberger Loisl sitzt gerne vor seinem Haus, genauer auf der Terrasse vor seinem Haus, an die Hausmauer gelehnt, die sich an warmen Sonnentagen dermaßen aufheizt, dass es den Loisl daran erinnert, wie er sich früher immer an den abkühlenden Backofen der Mutter gelehnt hat, weil es ihm zwar an menschlicher, nie aber an elektrischer Wärme gefehlt hat. Eine schöne Kindheit war das. An der Mauer also sitzend und die wohlige Wärme genießend, schaut er auf die rumpelige Straße, auf der sich, weil sie so steil ist, im Winter die Holländer und im Sommer die Araber abmühen. Die Holländer im Winter, weil es so glatt ist, und sie aber zum Apartmenthaus am Ende der Straße müssen; Die Araber im Sommer, weil das Navigationsgerät sie auf so unwegsames Gelände geführt hat und sie jetzt nur noch Allah oder der Prophet höchstpersönlich im Gewande eines österreichischen Feuerwehrautos aus ihrer misslichen Lage befreien kann.
Der Loisl, der im Winter nur selten vor der Türe sitzt, sondern lieber drinnen am Fenster, von wo aus er die gleiche Aussicht auf die rumpelige Bergstraße hat wie an der Hausmauer auf der Terrasse, nimmt das Theater, welches sich auf besagter Straße sommers wie winters abspielt, gelassen hin. Man vermag es gar nicht zu beurteilen, ob er es überhaupt wahrnimmt, denn meist sagt der Loisl nicht viel, sondern schaut nur verzwickt (das hat er von seinem Großvater gelernt, der, man glaube es den übrigen Zellern, der Weltmeister im Verzwickt-Schauen war). Wenn er etwas sagt, dann sagt er nur "mhm" oder "hmm", je nach Laune mehr aus der Nase heraus (gut gelaunt) bzw. mehr aus dem unteren Kehlbereich heraus (schlecht gelaunt). Dazu schüttelt er oft den Kopf - nicken hat man den Plamberger Loisl nur selten gesehen. Denn wenn er eine Frage wortlos bejaht, kippt sein Kopf nur zustimmend auf seine Brust, hebt sich aber nicht mehr. In diesem Falle von einem vollwertigen Nicken zu sprechen, wäre der Beobachtung nicht gerecht.
Früher hat er das Kopfschütteln geübt, als er mit dem Rücken gegen den Backofen gelehnt saß und dabei versuchte, seine Ohren abwechselnd zu wärmen. Kopf nach links - linkes Ohr warm; Kopf nach rechts - rechtes Ohr warm, linkes aber schon wieder kühl; schnell wechseln...
Seine Mutter hat ihr an den Backofen gelehnt sitzendes und den Kopf wild hin und her werfendes Kind nur verständnislos angesehen, dabei selbst den Kopf geschüttelt und ihm gesagt, wenn es so weiter tue, bliebe ihm das Kopfschütteln irgendwann. Einmal haben sie in der Stadt ein altes Männlein gesehen, das den Kopf beim Gehen ständig geschüttelt hat, damit, einer pessimistischen Taube gleich, aber aufhörte, als es still stand. Des Loisls Mutter zeigte mit dem Finger auf das Männlein und verkündete ihrem Sohn: "Schau, Loisl, so wirst du auch einmal!" Da schauderte es dem Knaben.
Der Loisl ist letztlich doch nicht so geworden, weil das Kopfschütteln bei ihm keine motorische, neurologische oder eine andere körperliche Störung ist. Es ist bloßer Ausdruck eines innergebirglerischen Weltekels, den zu lindern nur die warme, sommerliche Hausmauer im Stande ist. Daher schüttelt der Lois im Winter häufiger den Kopf und im Sommer dann besonders oft, wenn er - was selten genug vorkommt - sein Haus verlässt oder es "Araberwetter" hat: So nennt man kühles und regnerisches Sommerwetter in Zell am See gerne.
Dem Loisl sind die Araber wurscht, genauso wie die Holländer. Er schüttelt bei beiden den Kopf, und zwar genauso verächtlich, wie wenn der Apartment-Besitzer in dem übermotorisierten Sportwagen vorbeifährt, mit dem er im Winter nie den Berg rauf kommt, weil das Auto Heckantrieb hat und die computergesteuerten Fahrassistenz-Programme den Kasatschok tanzen, wenn der Fahrer den Wagen über die eisige Rumpelstraße lenkt. Keine Laborbedingungen für deutsche Sportwagen sind das! Wenn das der deutsche Ingenieur sehen könnte, er würde den Kopf genauso schütteln wie der Lois, der dazu noch "mhmm" macht. Ein "mhmm", das ganz tief unten in der Kehle gurgelt. Für den Apartment-Besitzer, der eh bloß zwei Mal im Jahr für ein paar Tage nach Zell kommt, ist das nur ein weiterer Grund, sich vielleicht doch so einen schicken englischen Geländewagen anzuschaffen. Der wird dem Loisl nur ein amüsiertes "hm!" wert sein.
Eigentlich ist dem Loisl alles wurscht. Man nennt das Resignation - der Loisl sagt aber Zufriedenheit dazu. "I bin z'friedn", sagt er, wenn er danach gefragt wird, wie es ihm ginge. Ob das jetzt Understatement oder eine krasse Fehleinschätzung ist, weiß niemand so genau. Tatsächlich aber kann man, wenn man am Haus vom Loisl vorbei die rumpelige Bergstraße hinauf fährt, fast ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht erkennen. An einem warmen Sommertag, versteht sich; wenn der Loisl an der Hausmauer lehnt, den Kopf nach hinten gekippt, und ein bisschen schläft. Wenn er vom Backofen der Mutter träumt und wie fein alles war und eigentlich noch immer ist. Meist wacht er kurz auf, wenn die Reifen auf dem Schotter durchdrehen oder die Stoßdämpfer ob der gemeinen Schlaglöcher stöhnen. Dann blinzelt er, macht "hmm" und schüttelt den Kopf.
Der Loisl, der im Winter nur selten vor der Türe sitzt, sondern lieber drinnen am Fenster, von wo aus er die gleiche Aussicht auf die rumpelige Bergstraße hat wie an der Hausmauer auf der Terrasse, nimmt das Theater, welches sich auf besagter Straße sommers wie winters abspielt, gelassen hin. Man vermag es gar nicht zu beurteilen, ob er es überhaupt wahrnimmt, denn meist sagt der Loisl nicht viel, sondern schaut nur verzwickt (das hat er von seinem Großvater gelernt, der, man glaube es den übrigen Zellern, der Weltmeister im Verzwickt-Schauen war). Wenn er etwas sagt, dann sagt er nur "mhm" oder "hmm", je nach Laune mehr aus der Nase heraus (gut gelaunt) bzw. mehr aus dem unteren Kehlbereich heraus (schlecht gelaunt). Dazu schüttelt er oft den Kopf - nicken hat man den Plamberger Loisl nur selten gesehen. Denn wenn er eine Frage wortlos bejaht, kippt sein Kopf nur zustimmend auf seine Brust, hebt sich aber nicht mehr. In diesem Falle von einem vollwertigen Nicken zu sprechen, wäre der Beobachtung nicht gerecht.
Früher hat er das Kopfschütteln geübt, als er mit dem Rücken gegen den Backofen gelehnt saß und dabei versuchte, seine Ohren abwechselnd zu wärmen. Kopf nach links - linkes Ohr warm; Kopf nach rechts - rechtes Ohr warm, linkes aber schon wieder kühl; schnell wechseln...
Seine Mutter hat ihr an den Backofen gelehnt sitzendes und den Kopf wild hin und her werfendes Kind nur verständnislos angesehen, dabei selbst den Kopf geschüttelt und ihm gesagt, wenn es so weiter tue, bliebe ihm das Kopfschütteln irgendwann. Einmal haben sie in der Stadt ein altes Männlein gesehen, das den Kopf beim Gehen ständig geschüttelt hat, damit, einer pessimistischen Taube gleich, aber aufhörte, als es still stand. Des Loisls Mutter zeigte mit dem Finger auf das Männlein und verkündete ihrem Sohn: "Schau, Loisl, so wirst du auch einmal!" Da schauderte es dem Knaben.
Der Loisl ist letztlich doch nicht so geworden, weil das Kopfschütteln bei ihm keine motorische, neurologische oder eine andere körperliche Störung ist. Es ist bloßer Ausdruck eines innergebirglerischen Weltekels, den zu lindern nur die warme, sommerliche Hausmauer im Stande ist. Daher schüttelt der Lois im Winter häufiger den Kopf und im Sommer dann besonders oft, wenn er - was selten genug vorkommt - sein Haus verlässt oder es "Araberwetter" hat: So nennt man kühles und regnerisches Sommerwetter in Zell am See gerne.
Dem Loisl sind die Araber wurscht, genauso wie die Holländer. Er schüttelt bei beiden den Kopf, und zwar genauso verächtlich, wie wenn der Apartment-Besitzer in dem übermotorisierten Sportwagen vorbeifährt, mit dem er im Winter nie den Berg rauf kommt, weil das Auto Heckantrieb hat und die computergesteuerten Fahrassistenz-Programme den Kasatschok tanzen, wenn der Fahrer den Wagen über die eisige Rumpelstraße lenkt. Keine Laborbedingungen für deutsche Sportwagen sind das! Wenn das der deutsche Ingenieur sehen könnte, er würde den Kopf genauso schütteln wie der Lois, der dazu noch "mhmm" macht. Ein "mhmm", das ganz tief unten in der Kehle gurgelt. Für den Apartment-Besitzer, der eh bloß zwei Mal im Jahr für ein paar Tage nach Zell kommt, ist das nur ein weiterer Grund, sich vielleicht doch so einen schicken englischen Geländewagen anzuschaffen. Der wird dem Loisl nur ein amüsiertes "hm!" wert sein.
Eigentlich ist dem Loisl alles wurscht. Man nennt das Resignation - der Loisl sagt aber Zufriedenheit dazu. "I bin z'friedn", sagt er, wenn er danach gefragt wird, wie es ihm ginge. Ob das jetzt Understatement oder eine krasse Fehleinschätzung ist, weiß niemand so genau. Tatsächlich aber kann man, wenn man am Haus vom Loisl vorbei die rumpelige Bergstraße hinauf fährt, fast ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht erkennen. An einem warmen Sommertag, versteht sich; wenn der Loisl an der Hausmauer lehnt, den Kopf nach hinten gekippt, und ein bisschen schläft. Wenn er vom Backofen der Mutter träumt und wie fein alles war und eigentlich noch immer ist. Meist wacht er kurz auf, wenn die Reifen auf dem Schotter durchdrehen oder die Stoßdämpfer ob der gemeinen Schlaglöcher stöhnen. Dann blinzelt er, macht "hmm" und schüttelt den Kopf.
Samstag, 9. August 2014
Die Lederhose
Leider taugt die Lederhose nicht mehr als Signum des stolzen Alpenbürgertums. Auch hat sie ihre Bedeutung als traditionalistisches Element im innergebirglerischen Selbstverständnis verloren. Denn entweder dient sie als folkloristisches Requisit (zum Beispiel an den Beinen eines Wirts) oder aber als Verkleidung für diverse "Brauchstumsveranstaltungen". Das sind - ins heutige Deutsch übersetzt - Retro-Events, bei denen eine alte Zeit so inszeniert wird, dass die einen sie beweinen können, und die anderen sich gerne vorstellen, dass es genau so einmal war; obwohl alle Beteiligten (Darstellende wie auch das Publikum) genau wissen, dass es genau so niemals war. So ist die Lederhose ein Utensil zur Täuschung geworden: Man täuscht als Träger anderen etwas vor und wird als jemand, der sie wahrnimmt, von ihr getäuscht, bisweilen sogar enttäuscht.
Dafür kann natürlich weder die Lederhose etwas, noch der Kulturraum, in dem sie zu dem geworden ist, was sie einmal war. Dass heute Lederhosen in sämtlichen geschmacklosen Variationen von der Münchner und Wiener Möchtegern-Schickeria zur Instant-Wiesn ausgetragen werden, beweist nur, wie wertlos die Lederhose an sich, die richtige, echte, ursprüngliche, traditionelle geworden ist. Denn es wird immer wichtiger, als Lederhosenträger darauf hinzuweisen, dass man selbst über eine "echte" Lederhose verfügt, in der am besten noch der Großpapa auf Bierbänken gesessen hat. Beflissen nennt der moderne Lederhosen-Traditionalist die jeweils regionalen Erkennungsmerkmale seiner "echten Lederhose" und versucht so, darüber hinwegzutäuschen, dass er selbst sie auch nur deshalb trägt, weil er irgendetwas darstellen will oder muss. Ein gesundes Verhältnis zur Lederhose gibt es nicht mehr. Für die einen hat das Kleidungsstück einen volkstümlich reaktionär-dümmlichen Nazi-Mief, für die anderen ist es eine zum Kitsch verkommene Schale ohne Kern (was natürlich beides Mumpitz ist). Sie steht damit aber sinnbildlich für die ganze alpenländische Kultur, die sich in den letzten Jahren schwer damit getan hat, ihren Platz in einer globalisierten Moderne zu finden. Sie pendelt in ihrer Bedeutung stets zwischen den beiden Polen, deren erster sie als eine Art Refugium als Paradiesersatz inszeniert, und deren zweiter sie als eine zu touristischen Marketingszwecken entseelte Kulisse einer scheinbar ursprünglichen Welt errichtet, in der quickfidele Menschen in bunten Kostümen musizieren und schuhplatteln.
Sepp Forcher und Harry Prünster haben schon längst ausgedient. Andreas Gabalier benutzt die Chiffre nur noch zur Ausleuchtung seiner sinnentleerten Darbietung bescheidenster Kunst, die höchstens dort Zuspruch findet, wo auch Apres-Ski-Halligalli mit österreichischer Gemütlichkeit verwechselt wird. Indessen hat sich just ein Konzern der Bewahrung und der modernen Aufbereitung des alpenländischen Volkskultur verschrieben, der damit eigentlich gar nichts am Hut hätte: Red Bull nämlich. In diversen Fernseh-Formaten auf dem hauseigenen Servus-TV-Sender und im zeitgemäßen und sehr beliebten Servus-Magazin wird die alpenländische Ursprünglichkeit im neuen Gewand präsentiert. Und dabei macht das Red Bull Media House einiges richtig, weil es am richtigen Ende ansetzt - nämlich bei der Natur und nicht bei der Kultur: Nicht die Lederhose ist schick, sondern die Blumenwiese; nicht die Ziehharmonika, sondern der Gebirgsbach, der sich trällernd und pritschelnd durch die Wälder ins Tal hinab schlängelt. Da spielt die Musik!
Wo also Andreas Gabalier das "schöne Rehlein" besingt und eigentlich eine junge Frau meint, die dumm genug ist, auf seine primitive Balz hereinzufallen, zeigt Servus-TV uns nur das Rehlein im Wald. Da bedarf es keiner Erinnerung im Stile von "uh lalala so a schena Toug!", damit der Rezipient erkennt, dass es da etwas zu beobachten gibt, das schön ist. Sowieso arbeitet Servus, sowohl im Magazin als auch in den TV-Sendungen mehr mit showing als mit telling. Im Heft wird das an den vielen stimmungsvollen Fotos erkennbar, im TV an den unkommentierten und ohne Hintergrundmusik auskommenden stillen Naturszenen. Freilich bleibt es nicht dabei. Denn erst wenn der Rezipient sich auf die Stimmung eingelassen hat, wird langsam verdeutlicht, was der Mensch eigentlich in dieser Umgebung verloren hat; wie er sich in ihr zurecht findet und wie er sich selbst in ihr sieht. Das ist dann der Schritt von der Natur in Richtung Kultur, und der findet bei Servus eben behutsam und überlegt statt - ganz im Sinne der Thematik.
Die Lederhose wird in diesem Kontext nur verstehbar, wer sich mit dem Handwerk und der Kleidungsgeschichte auseinandersetzen mag. In diesem Moment aber kommt es gar nicht mehr darauf an, wie eine Lederhose aussieht und wer sie anhat, sondern es geht darum, was ihre ursprüngliche Funktion war - und in weiterer Folge darum, wie es dazu kommen konnte, dass sie nun leider zum Requisit einer Festivalgesellschaft geworden ist.
Insofern stellt sich dem modernen Alpenländler, der nicht die Lederne vom Großvater im Kasten hängen hat, die Frage, wofür er sich überhaupt eine Lederhose zulegen soll, wenn er denn noch keine hat. Das alte Zugehörigkeits-Thema ist ja gut und schön. Was aber, wenn man nicht unbedingt dazugehören will? Und was, wenn man nicht genau weiß, wo genau man da dazugehört, wenn man sich eine Lederhose anzieht?
Dann lieber doch die bequemere Position einnehmen und sich die Lederhose einfach als Verkleidung vorstellen, die man zu diversen Festivitäten anziehen kann, aber nicht muss.So, wie man sich am St. Patrick's Day einen Guiness-Hut aufsetzen kann; oder zu Fasching unsanktioniert als Pirat durch die Straßen rennen darf. Das entspannt die Sache ungemein, denn so lässt sich ein Verhältnis zu Lederhose begründen, das selbige als das sieht, was ihr Name bezeichnet: Eine Hose aus Leder. Obwohl sie genau das natürlich nie sein wird...
Dafür kann natürlich weder die Lederhose etwas, noch der Kulturraum, in dem sie zu dem geworden ist, was sie einmal war. Dass heute Lederhosen in sämtlichen geschmacklosen Variationen von der Münchner und Wiener Möchtegern-Schickeria zur Instant-Wiesn ausgetragen werden, beweist nur, wie wertlos die Lederhose an sich, die richtige, echte, ursprüngliche, traditionelle geworden ist. Denn es wird immer wichtiger, als Lederhosenträger darauf hinzuweisen, dass man selbst über eine "echte" Lederhose verfügt, in der am besten noch der Großpapa auf Bierbänken gesessen hat. Beflissen nennt der moderne Lederhosen-Traditionalist die jeweils regionalen Erkennungsmerkmale seiner "echten Lederhose" und versucht so, darüber hinwegzutäuschen, dass er selbst sie auch nur deshalb trägt, weil er irgendetwas darstellen will oder muss. Ein gesundes Verhältnis zur Lederhose gibt es nicht mehr. Für die einen hat das Kleidungsstück einen volkstümlich reaktionär-dümmlichen Nazi-Mief, für die anderen ist es eine zum Kitsch verkommene Schale ohne Kern (was natürlich beides Mumpitz ist). Sie steht damit aber sinnbildlich für die ganze alpenländische Kultur, die sich in den letzten Jahren schwer damit getan hat, ihren Platz in einer globalisierten Moderne zu finden. Sie pendelt in ihrer Bedeutung stets zwischen den beiden Polen, deren erster sie als eine Art Refugium als Paradiesersatz inszeniert, und deren zweiter sie als eine zu touristischen Marketingszwecken entseelte Kulisse einer scheinbar ursprünglichen Welt errichtet, in der quickfidele Menschen in bunten Kostümen musizieren und schuhplatteln.
Sepp Forcher und Harry Prünster haben schon längst ausgedient. Andreas Gabalier benutzt die Chiffre nur noch zur Ausleuchtung seiner sinnentleerten Darbietung bescheidenster Kunst, die höchstens dort Zuspruch findet, wo auch Apres-Ski-Halligalli mit österreichischer Gemütlichkeit verwechselt wird. Indessen hat sich just ein Konzern der Bewahrung und der modernen Aufbereitung des alpenländischen Volkskultur verschrieben, der damit eigentlich gar nichts am Hut hätte: Red Bull nämlich. In diversen Fernseh-Formaten auf dem hauseigenen Servus-TV-Sender und im zeitgemäßen und sehr beliebten Servus-Magazin wird die alpenländische Ursprünglichkeit im neuen Gewand präsentiert. Und dabei macht das Red Bull Media House einiges richtig, weil es am richtigen Ende ansetzt - nämlich bei der Natur und nicht bei der Kultur: Nicht die Lederhose ist schick, sondern die Blumenwiese; nicht die Ziehharmonika, sondern der Gebirgsbach, der sich trällernd und pritschelnd durch die Wälder ins Tal hinab schlängelt. Da spielt die Musik!
Wo also Andreas Gabalier das "schöne Rehlein" besingt und eigentlich eine junge Frau meint, die dumm genug ist, auf seine primitive Balz hereinzufallen, zeigt Servus-TV uns nur das Rehlein im Wald. Da bedarf es keiner Erinnerung im Stile von "uh lalala so a schena Toug!", damit der Rezipient erkennt, dass es da etwas zu beobachten gibt, das schön ist. Sowieso arbeitet Servus, sowohl im Magazin als auch in den TV-Sendungen mehr mit showing als mit telling. Im Heft wird das an den vielen stimmungsvollen Fotos erkennbar, im TV an den unkommentierten und ohne Hintergrundmusik auskommenden stillen Naturszenen. Freilich bleibt es nicht dabei. Denn erst wenn der Rezipient sich auf die Stimmung eingelassen hat, wird langsam verdeutlicht, was der Mensch eigentlich in dieser Umgebung verloren hat; wie er sich in ihr zurecht findet und wie er sich selbst in ihr sieht. Das ist dann der Schritt von der Natur in Richtung Kultur, und der findet bei Servus eben behutsam und überlegt statt - ganz im Sinne der Thematik.
Die Lederhose wird in diesem Kontext nur verstehbar, wer sich mit dem Handwerk und der Kleidungsgeschichte auseinandersetzen mag. In diesem Moment aber kommt es gar nicht mehr darauf an, wie eine Lederhose aussieht und wer sie anhat, sondern es geht darum, was ihre ursprüngliche Funktion war - und in weiterer Folge darum, wie es dazu kommen konnte, dass sie nun leider zum Requisit einer Festivalgesellschaft geworden ist.
Insofern stellt sich dem modernen Alpenländler, der nicht die Lederne vom Großvater im Kasten hängen hat, die Frage, wofür er sich überhaupt eine Lederhose zulegen soll, wenn er denn noch keine hat. Das alte Zugehörigkeits-Thema ist ja gut und schön. Was aber, wenn man nicht unbedingt dazugehören will? Und was, wenn man nicht genau weiß, wo genau man da dazugehört, wenn man sich eine Lederhose anzieht?
Dann lieber doch die bequemere Position einnehmen und sich die Lederhose einfach als Verkleidung vorstellen, die man zu diversen Festivitäten anziehen kann, aber nicht muss.So, wie man sich am St. Patrick's Day einen Guiness-Hut aufsetzen kann; oder zu Fasching unsanktioniert als Pirat durch die Straßen rennen darf. Das entspannt die Sache ungemein, denn so lässt sich ein Verhältnis zu Lederhose begründen, das selbige als das sieht, was ihr Name bezeichnet: Eine Hose aus Leder. Obwohl sie genau das natürlich nie sein wird...
Dienstag, 19. November 2013
Der Ribisel-Tarzan
Der Lackenbrunner Loisl war den meisten wegen seiner schmächtigen Statur nur als „Ribisel-Tarzan“ bekannt. Obschon ihn niemand so nannte. Alle sagten immer Loisl zu ihm, aber dass er mit Nachnamen Lackenbrunner hieß, wussten eigentlich nur die Allerwenigsten. Auch, ob er tatsächlich den Namen Alois trug, war den meisten nicht bekannt und auch ziemlich egal. Schließlich handelte es sich bei „Loisl“ um einen gebirglerischen Gebrauchsnamen, der mit dem eigentlichen Taufnamen nicht immer was zu tun haben musste. Sepp, Franz, Fritz, Gustl, Lois … Die meisten hatten die ursprüngliche Herkunft nicht im Sinn, wenn sie Menschen mit solchen Namen bedachten. Da konnte es durchaus passieren, dass ein Reinhard Matthias Fockinger zum „Hiasl“ verkam, weil just sein zweiter Vorname den gebräuchlichsten Gebrauchsnamen abgab. So kann also nicht mit Sicherheit bezeugt werden, dass der Lackenbrunner Loisl auch tatsächlich ein Alois war oder gar ein Blasius Aloisius, oder ob man einfach in Ermangelung eines realen Vornamens ihm irgendwann den „Loisl“ andichtete und Lackenbrunner selbst einfach lernte damit zu leben. Ein Bertram Ägidius etwa nahm oft gerne einen „Loisl“ an, zum Beispiel als Schulbub, wenn der „Bertl“ schon an einen waschechten Ro- oder Albert vergeben war. Ob es beim Lackenbrunner auch so war, das weiß wie gesagt niemand so genau. Aber in Wahrheit nannte ihn ja ohnedies jeder den „Ribisel-Tarzan“ oder einfach nur „Ribisel“ - und jeder wusste, wer gemeint war.
Der Ribisel-Tarzan bekleidete eine ungemein wichtige Stelle in der Gemeinde, obwohl niemand genau wusste, welchen Namen oder welche Funktion diese Stelle hatte. Was der eigentliche Aufgabenbereich des Loisls war, wusste ebenso keiner. Aber danach wurde ja ohnehin nie gefragt, wenn es um Gemeindeposten ging. Wichtig war nur, und das betonte der Ribisel immer und immer wieder, dass er kein, wie er sagte, „Stempelkarussellfahrer“ war. Damit meinte er, dass er keinen Amtsposten bekleidete, der mit Verwaltung oder Parteienverkehr zu tun hatte. Denn wer schon einmal auf einem Amt war, der weiß, was ihn erwartet, wenn neben dem Beamten, mit dem es zu verhandeln gilt, ein Stempelkarussell steht. Viele Stempel auf einem drehbaren Stempelhalter: Das bedeutet, dass es hier nichts umsonst gibt und man womöglich mehrmals aufkreuzen muss. Es bedeutet auch Unkenntnis der Sachverhalte, Desinteresse von Amts wegen und behördliche Ignoranz. Niemand möchte eigentlich mit solchen Leuten zu tun haben müssen, die neben einem Stempelkarussell sitzen. Und so betonte der Loisl immer wieder, dass er eben keiner von diesen war.
Arbeiten sah man den Loisl eigentlich auch nie. Meist befand er sich im „Außendienst“, wie er einem immer versicherte, sollte man sich getraut haben, nach seinem Aufgabenbereich zu fragen. „Außendienst. Gemeinde!“, sagte er dann nur und lächelte vielsagend. Fakt ist, dass man ihn öfter in der örtlichen Branntweinschenke antreffen konnte. (Was waren das für Zeiten, als es noch Branntweinschenken gab! - Ich weiß es nicht, ich hab sie nie erlebt…) Als diese einzige Branntweinschenke der Gemeinde Ende der 80er Jahre zusperrte, zogen sich Leute wie der Loisl in abgelegene Kaffeehäuser zurück, die den Leuten bald nur mehr als „Trinker-Cafés“ bekannt waren. Nun war der Ribisel bei Gott kein Trinker; doch liebte er die Geselligkeit. Und er hatte Zeit. Dass der Loisl mit seinem Gemeindeposten so viel Zeit hatte, störte viele rechtschaffende Bürger. Noch mehr giftete es sie, wenn der Loisl immer lachend verkündete „Ach, ich bin bei der Gemeinde. Ich habe ja Zeit!“
So brodelte natürlich die Gerüchteküche, was der Loisl denn bei der Gemeinde genau machte. Die Spekulationen reichten von „Promenadenpolizist“ bis zu „Fassadenkontrollor“ und waren wohl nie wirklich ernst gemeint. Das machte auch nichts, denn der Loisl engagierte sich in seiner Freizeit (sprachen die anderen Leute über Ribisels Freizeit, malten sie dabei stets Gänsefüßchen in die Luft) für den örtlichen Fußballverein. „Und zwar ehrenamtlich“, wie der Loisl bei jeder Gelegenheit stolz versicherte, obwohl niemand irgendetwas anderes von ihm erwartet hätte. „Der Ribisel“, sagten die Leute immer, „ist ein komischer Kauz. Aber im Verein tut er schon viel!“ Mit „Verein“ war stets der Sportverein, der Fußball, Tennis und Eishockey in sich vereinte (ha!), gemeint. Die übrigen Vereinigungen in der kleinen Gemeinde waren zwar rechtlich gesehen auch Vereine, nannten sich aber offiziell immer „Clubs“, weil dies in den Augen ihrer Mitglieder seriöser klang. Es gab den Schachclub, den Fischereiclub und den Akkordeonclub. Als dann der Schützenverein sich auch noch in „Club der Schützen“ umbenannte, entwertete das einerseits den Clubbegriff gewaltig, aber der Sportverein freute sich, denn nun hatte er als Verein natürlich ein Alleinstellungsmerkmal und es umgab ihn die „besondere Aura des Elitären“, wie der Landes-Sport-Rat einmal übertrieben feststellte, als die Eishockey-Sektion die Landesliga gewinnen konnte.
Was der Loisl im Verein alles tat, konnte man kaum an zwei Händen abzählen. Denn tatsächlich war er im Verein für fast alles zuständig. Er trainierte die Super-Minis im Fußball, war Platz- und stellvertretender Zeugwart, organisierte sämtliche Vereinsveranstaltungen, half wo immer es Ausbesserungsarbeiten an den Vereinsgebäuden zu erledigen gab und war auch der soziale Knotenpunkt des Vereinsgefüges. Wann immer jemand irgendwas vom Verein brauchte, ging er zuerst zum Ribisel-Tarzan und der machte das dann bzw. leitete er es in die Wege, denn der Ribisel sagte immer „wird in die Wege geleitet!“, um seinem Tun etwas Offizielles zu geben. Für all das nahm der Ribisel aber tatsächlich kein Geld, weil er, wie er behauptete, „bei der Gemeinde“ schon genug verdiente. Manche vermuteten gar, der Ribisel vertrat Gemeindeinteressen im Verein, war also quasi als Maulwurf von der Gemeinde in den Verein entsandt. Aber diese Leute überschätzten wohl einerseits das politische Interesse des Ribisels und andererseits auch das Interesse der Gemeindeführung, in die Machenschaften des Vereins hineinzupfuschen. Kurzum: Der Loisl war eigentlich der Verein - ohne ihn ging nichts.
So traf sein plötzliches Verschwinden vor allem den Sportverein hart. Niemand wusste, wo der Ribisel geblieben war, aber nachsehen konnte auch keiner, denn niemand kannte ihn persönlich. Die Vereinsleute kannten ihn vom Verein, die Trinker in den Trinker-Cafés vom Café, die Promenierenden von der Promenade usw. Doch niemand kannte des Ribisels Familie oder wusste, ob er überhaupt eine hatte. Niemand nannte sich einen engen Freund und so kannte auch niemand die Wohnung oder das Haus, in dem der Ribisel wohnte. Als man bei der Gemeinde nachfragte, ob die wüssten, wo der Ribisel geblieben sei und wo er wohnte, stellte sich heraus, dass tatsächlich alle Gemeindebediensteten dachten, der Ribisel-Tarzan würde bei ihnen arbeiten, aber keiner konnte sagen, in welcher Abteilung er war und was er dort machte. Alle Abteilungen wurden durchgefragt, niemand hat je mit ihm zusammengearbeitet, aber jeder hat ihn gekannt. Auch, dass niemand seine genaue Funktion kannte, störte keinen wirklich. „Das weiß man hier von vielen nicht, was die den ganzen Tag machen“, hat die Sekretärin des Bürgermeisters einmal gesagt und damit dem Rätsel um den Lackenbrunner Loisl ein Fundament verpasst. Sollte es tatsächlich möglich sein, dass jemand Zeit seines Lebens als „Phantombeamter“ bei der Gemeinde tätig ist? Doch woher hatte der Loisl dann sein Geld bezogen? Und wohin war er verschwunden?
Gemutmaßt wurde noch lange, doch geklärt hat sich die Sache nie. Die meisten behaupteten, der Ribisel hätte sich „versoffen“, was in dieser Gemeinde komischerweise die allgemein akzeptierte Erklärung für ein plötzliches Verschwinden war. Andere behaupteten, der Loisl wäre wahnsinnig geworden und ihn habe der „Zeiseiwagen“ geholt, wie die Leute sagten. Die Wirtin des Trinker-Cafés meinte, der Loisl habe in der Lombardei eine Freundin gehabt, die mit einem Turiner Millionär verheiratet war, und zu der sei er wohl gegangen als ihr Mann gestorben war. Das glaubte ihr aber kaum jemand. Alles, was vom Loisl blieb, waren Rätsel und sein vortrefflicher Spitzname, der jedes Mal, wenn ihn jemand nannte, ein Feuerwerk an Anekdoten zu zünden vermochte. Wo immer der Ribisel-Tarzan auch war - er musste zufrieden sein mit dem Streich, den er allen anderen spielte, und den er sein Leben nannte.
Der Ribisel-Tarzan bekleidete eine ungemein wichtige Stelle in der Gemeinde, obwohl niemand genau wusste, welchen Namen oder welche Funktion diese Stelle hatte. Was der eigentliche Aufgabenbereich des Loisls war, wusste ebenso keiner. Aber danach wurde ja ohnehin nie gefragt, wenn es um Gemeindeposten ging. Wichtig war nur, und das betonte der Ribisel immer und immer wieder, dass er kein, wie er sagte, „Stempelkarussellfahrer“ war. Damit meinte er, dass er keinen Amtsposten bekleidete, der mit Verwaltung oder Parteienverkehr zu tun hatte. Denn wer schon einmal auf einem Amt war, der weiß, was ihn erwartet, wenn neben dem Beamten, mit dem es zu verhandeln gilt, ein Stempelkarussell steht. Viele Stempel auf einem drehbaren Stempelhalter: Das bedeutet, dass es hier nichts umsonst gibt und man womöglich mehrmals aufkreuzen muss. Es bedeutet auch Unkenntnis der Sachverhalte, Desinteresse von Amts wegen und behördliche Ignoranz. Niemand möchte eigentlich mit solchen Leuten zu tun haben müssen, die neben einem Stempelkarussell sitzen. Und so betonte der Loisl immer wieder, dass er eben keiner von diesen war.
Arbeiten sah man den Loisl eigentlich auch nie. Meist befand er sich im „Außendienst“, wie er einem immer versicherte, sollte man sich getraut haben, nach seinem Aufgabenbereich zu fragen. „Außendienst. Gemeinde!“, sagte er dann nur und lächelte vielsagend. Fakt ist, dass man ihn öfter in der örtlichen Branntweinschenke antreffen konnte. (Was waren das für Zeiten, als es noch Branntweinschenken gab! - Ich weiß es nicht, ich hab sie nie erlebt…) Als diese einzige Branntweinschenke der Gemeinde Ende der 80er Jahre zusperrte, zogen sich Leute wie der Loisl in abgelegene Kaffeehäuser zurück, die den Leuten bald nur mehr als „Trinker-Cafés“ bekannt waren. Nun war der Ribisel bei Gott kein Trinker; doch liebte er die Geselligkeit. Und er hatte Zeit. Dass der Loisl mit seinem Gemeindeposten so viel Zeit hatte, störte viele rechtschaffende Bürger. Noch mehr giftete es sie, wenn der Loisl immer lachend verkündete „Ach, ich bin bei der Gemeinde. Ich habe ja Zeit!“
So brodelte natürlich die Gerüchteküche, was der Loisl denn bei der Gemeinde genau machte. Die Spekulationen reichten von „Promenadenpolizist“ bis zu „Fassadenkontrollor“ und waren wohl nie wirklich ernst gemeint. Das machte auch nichts, denn der Loisl engagierte sich in seiner Freizeit (sprachen die anderen Leute über Ribisels Freizeit, malten sie dabei stets Gänsefüßchen in die Luft) für den örtlichen Fußballverein. „Und zwar ehrenamtlich“, wie der Loisl bei jeder Gelegenheit stolz versicherte, obwohl niemand irgendetwas anderes von ihm erwartet hätte. „Der Ribisel“, sagten die Leute immer, „ist ein komischer Kauz. Aber im Verein tut er schon viel!“ Mit „Verein“ war stets der Sportverein, der Fußball, Tennis und Eishockey in sich vereinte (ha!), gemeint. Die übrigen Vereinigungen in der kleinen Gemeinde waren zwar rechtlich gesehen auch Vereine, nannten sich aber offiziell immer „Clubs“, weil dies in den Augen ihrer Mitglieder seriöser klang. Es gab den Schachclub, den Fischereiclub und den Akkordeonclub. Als dann der Schützenverein sich auch noch in „Club der Schützen“ umbenannte, entwertete das einerseits den Clubbegriff gewaltig, aber der Sportverein freute sich, denn nun hatte er als Verein natürlich ein Alleinstellungsmerkmal und es umgab ihn die „besondere Aura des Elitären“, wie der Landes-Sport-Rat einmal übertrieben feststellte, als die Eishockey-Sektion die Landesliga gewinnen konnte.
Was der Loisl im Verein alles tat, konnte man kaum an zwei Händen abzählen. Denn tatsächlich war er im Verein für fast alles zuständig. Er trainierte die Super-Minis im Fußball, war Platz- und stellvertretender Zeugwart, organisierte sämtliche Vereinsveranstaltungen, half wo immer es Ausbesserungsarbeiten an den Vereinsgebäuden zu erledigen gab und war auch der soziale Knotenpunkt des Vereinsgefüges. Wann immer jemand irgendwas vom Verein brauchte, ging er zuerst zum Ribisel-Tarzan und der machte das dann bzw. leitete er es in die Wege, denn der Ribisel sagte immer „wird in die Wege geleitet!“, um seinem Tun etwas Offizielles zu geben. Für all das nahm der Ribisel aber tatsächlich kein Geld, weil er, wie er behauptete, „bei der Gemeinde“ schon genug verdiente. Manche vermuteten gar, der Ribisel vertrat Gemeindeinteressen im Verein, war also quasi als Maulwurf von der Gemeinde in den Verein entsandt. Aber diese Leute überschätzten wohl einerseits das politische Interesse des Ribisels und andererseits auch das Interesse der Gemeindeführung, in die Machenschaften des Vereins hineinzupfuschen. Kurzum: Der Loisl war eigentlich der Verein - ohne ihn ging nichts.
So traf sein plötzliches Verschwinden vor allem den Sportverein hart. Niemand wusste, wo der Ribisel geblieben war, aber nachsehen konnte auch keiner, denn niemand kannte ihn persönlich. Die Vereinsleute kannten ihn vom Verein, die Trinker in den Trinker-Cafés vom Café, die Promenierenden von der Promenade usw. Doch niemand kannte des Ribisels Familie oder wusste, ob er überhaupt eine hatte. Niemand nannte sich einen engen Freund und so kannte auch niemand die Wohnung oder das Haus, in dem der Ribisel wohnte. Als man bei der Gemeinde nachfragte, ob die wüssten, wo der Ribisel geblieben sei und wo er wohnte, stellte sich heraus, dass tatsächlich alle Gemeindebediensteten dachten, der Ribisel-Tarzan würde bei ihnen arbeiten, aber keiner konnte sagen, in welcher Abteilung er war und was er dort machte. Alle Abteilungen wurden durchgefragt, niemand hat je mit ihm zusammengearbeitet, aber jeder hat ihn gekannt. Auch, dass niemand seine genaue Funktion kannte, störte keinen wirklich. „Das weiß man hier von vielen nicht, was die den ganzen Tag machen“, hat die Sekretärin des Bürgermeisters einmal gesagt und damit dem Rätsel um den Lackenbrunner Loisl ein Fundament verpasst. Sollte es tatsächlich möglich sein, dass jemand Zeit seines Lebens als „Phantombeamter“ bei der Gemeinde tätig ist? Doch woher hatte der Loisl dann sein Geld bezogen? Und wohin war er verschwunden?
Gemutmaßt wurde noch lange, doch geklärt hat sich die Sache nie. Die meisten behaupteten, der Ribisel hätte sich „versoffen“, was in dieser Gemeinde komischerweise die allgemein akzeptierte Erklärung für ein plötzliches Verschwinden war. Andere behaupteten, der Loisl wäre wahnsinnig geworden und ihn habe der „Zeiseiwagen“ geholt, wie die Leute sagten. Die Wirtin des Trinker-Cafés meinte, der Loisl habe in der Lombardei eine Freundin gehabt, die mit einem Turiner Millionär verheiratet war, und zu der sei er wohl gegangen als ihr Mann gestorben war. Das glaubte ihr aber kaum jemand. Alles, was vom Loisl blieb, waren Rätsel und sein vortrefflicher Spitzname, der jedes Mal, wenn ihn jemand nannte, ein Feuerwerk an Anekdoten zu zünden vermochte. Wo immer der Ribisel-Tarzan auch war - er musste zufrieden sein mit dem Streich, den er allen anderen spielte, und den er sein Leben nannte.
Montag, 1. Juli 2013
Grazer Reminiszenzen 2: Essen und Trinken
Bereist man fremde Länder, tut man das oft auch wegen oder trotz des dortigen Essens. Es soll ja Leute geben, die nur des Essens wegen nach Italien oder Frankreich fahren. Freilich gibt es dort auch einiges an Kultur und Natur zu bestaunen, aber das Kulinarische lockt in manchen Regionen mehr als alles andere. Für die Steiermark gilt das nur bedingt, und wann immer ich Menschen von meiner Wahlheimat Graz erzählt habe, fiel ihnen zum Thema Essen und Trinken immer nur das eine ein: Kernöl und Schilcher.
Dabei ginge ja auch Sterz und Puntigamer, Backhendl und Gösser oder Käferbohnen und Weichserl. Womit wir, das sage ich mit aller Arroganz, auch schon das steirische Kulinarium abgesteckt hätten, das beim Buschenschank anfängt und dort auch gleich wieder aufhört. Man komme mir jetzt nicht mit Weinstraße und Johann Lafer! Das ist alles schön und gut, aber eben nichts Alltägliches. Und ums Alltägliche soll es ja schließlich gehen. Vor allem beim Essen.
Was erwartet den Innergebirgler Absonderliches, wenn er nach Graz kommt? Am Anfang steht das Kernöl, das ich vor Graz nie mochte, von dem ich vorübergehend fast Fan wurde und das mir jetzt wurscht ist. Gleichgültigkeit einem Lebensmittel gegenüber ist ja in einer Zeit der allgegenwärtigen Nahrungsmittelunverträglichkeiten die höchste Stufe der Anerkennung. Ihr könnt mir Kernöl in die Schnitzelparnier tun, über's Vanilleeis gießen, pur zu trinken geben oder sogar in den Kaffee schütten - ich dulde es und seine unvermeidlichen Flecken wie ich die Milben in meiner Couch dulde, weil sie immer da sein werden und ich sie nie bemerke. Ob mir das Kernöl abgehen wird, jetzt, da es nicht mehr Standardnahrungsmittel ist? Das muss sich erst zeigen...
Gut in Erinnerung habe ich jedenfalls ein anderes Kürbiskernprodukt, nämlich die Suppen. Eine saisonale Köstlichkeit, die man in der Steiermark fast nirgends schlecht gemacht bekommt. Alles andere mit oder aus Kürbis oder den entsprechenden Kernen ist mir ebenfalls wurscht. In der Schokolade brauch ich das Zeug aber nicht, auch wenn die Firma Zotter (nicht nur diesbezüglich) anderer Meinung ist.
Was mir allerdings vollkommen unverständlich ist, ist der Fetisch, den Steirer mit ihren Backhendln pflegen. Mir kommt das weder sehr regional vor, noch haben mir steirische Backhendln je besser als irgendwelche anderen geschmeckt (auch nicht die in der Kürbiskernpanier). Vielleicht kann mir noch irgendwann mal wer erklären, was das explizit "Steirische" daran sein soll, an dem Backhendl, das in der Lieblingssommerspeise der Grazerinnen auf Salat im Kernöl ersoffen wird.
Eigentlich sind die Steirer aber Herbstleute. Nicht unbedingt des steirischen herbstes wegen, sondern vor allem wegen des Weins. Mit dem Aufsteirern beginnt es. Das ist eine von mir ungeliebte Lederhosen-Veranstaltung, bei der es nebst der Tracht vor allem um's Fressen und Saufen geht - wie bei jedem anderen Volksfest halt auch. Dann kommen Kastanien und Sturm und es beginnt die ewige Suche nach dem besten Maroni-Standl, bis man drauf kommt, dass man einfach Glück haben muss und es jenseits des Kernöls in der Steiermark eben keine absoluten Sicherheiten gibt.
Wer sich mit Sturm und Junker noch nicht besinnungslos getrunken hat, den erwartet im Advent das Glühweingelage in der Grazer Innenstadt. Absichtlich sagt man nicht Christkindlmarkt dazu, weil es wirklich nur um Glühwein geht bzw. Punsch und Feuerzangenbowle usw.; die Aufzählung stockt, weil mir da schlecht wird, allein, wenn ich allein an den Geruch denke, den der Hauptplatz zu dieser Zeit verströmt. Wer aber noch nie einen Schilcherglühwein probiert hat, der hat trotzdem was verpasst. Auch hier lohnt es aber, sich von Kennern informieren zu lassen, wo es brauchbaren und vor allem verträglichen zu finden gibt!
Abseits des saisonalen Angebots, sind mir zwei Dinge aus dem Grazer Bäckereisortiment besonders suspekt: Einerseits die Salzbrezen, die ich als Pinzgauer überhaupt nicht kannte, und die mich schockten, weil bei uns eine Breze immer auch automatisch eine Laugenbreze war. Naja, immerhin was gelernt! Andererseist suchte ich lange Zeit nach Mohnweckerln, die nicht süß waren, bis mir irgendwann jemand erklärt hat, dass das halt so sei. Ein Weltbild brach zusammen! Schließlich sahen die Mohnweckerln genau gleich aus wie jene daheim, nur, dass sie eben süßlich schmeckten. Das konnte ich nicht akzeptieren und nannte die Grazer allesamt verrückt. Süße Mohnweckerl! Ich schüttle immer noch den Kopf.
Was mir obendrein noch aufgefallen ist: Dass die Grazer keine Fastfoodkultur haben. Ja, da könnte man eventuell stolz drauf sein. Aber oh Schreck, wenn ich an die unsäglichen "Hot Dogs" denke, die da verkauft werden (Bosna ist praktisch unbekannt) und an die Käsekrainer, die im besten Falle mäßig waren! Man verlangt ja nicht viel von einem Würstelstand, aber die Mindesanforderungen hat da kaum einer erfüllt. Gott sei Dank gibt es in Graz viele Türken und also lässt sich das eine oder andere ordentliche bis sehr ordentliche Kebab-Etablissement finden. Aber das kann ja schließlich auch keine Lösung sein!
Von dem abgesehen hat mir Graz ein fast fünfjähriges Vegetarier-Dasein beschert (ja, das war freiwillig!), und ich bin nicht verhungert! Das war jedenfalls eine interessante Erfahrung und hat mich ohnehin in den meisten Fällen vor den Würstelständen bewahrt. In einer Studentenstadt lebt es sich als Vegetarier auf alle Fälle einfacher als am Land. Probleme bekommt man auch nur bei der Buschenschank. Denn dort gibt es dann die obligatorischen Käferbohnen - mit viel Kernöl! Vor etwas anderem hat mich nicht der Vegetarismus bewahrt, sondern der gesunde Menschenverstand: Blutsterz. Das war das erste kulinarische Fremdvokabel, das ich in Graz vernommen habe. Da wusste ich schon: Köstlichkeiten brauch ich mir keine erwarten.
Alles in allem habe ich aber überlebt, ja sogar zugenommen. Ich kam ja nach dem Bundesheer als halbertes Biafra-Kind (ein Ausdruck der 80er-Jahre, wie ich glaube) nach Graz und verließ die Stadt zwar nicht als Puntigamer-Pummerl, aber doch gut genährt. Ob es dem Bier geschuldet ist oder doch dem ewigen Kernöl, sei dahingestellt.
Dabei ginge ja auch Sterz und Puntigamer, Backhendl und Gösser oder Käferbohnen und Weichserl. Womit wir, das sage ich mit aller Arroganz, auch schon das steirische Kulinarium abgesteckt hätten, das beim Buschenschank anfängt und dort auch gleich wieder aufhört. Man komme mir jetzt nicht mit Weinstraße und Johann Lafer! Das ist alles schön und gut, aber eben nichts Alltägliches. Und ums Alltägliche soll es ja schließlich gehen. Vor allem beim Essen.
Was erwartet den Innergebirgler Absonderliches, wenn er nach Graz kommt? Am Anfang steht das Kernöl, das ich vor Graz nie mochte, von dem ich vorübergehend fast Fan wurde und das mir jetzt wurscht ist. Gleichgültigkeit einem Lebensmittel gegenüber ist ja in einer Zeit der allgegenwärtigen Nahrungsmittelunverträglichkeiten die höchste Stufe der Anerkennung. Ihr könnt mir Kernöl in die Schnitzelparnier tun, über's Vanilleeis gießen, pur zu trinken geben oder sogar in den Kaffee schütten - ich dulde es und seine unvermeidlichen Flecken wie ich die Milben in meiner Couch dulde, weil sie immer da sein werden und ich sie nie bemerke. Ob mir das Kernöl abgehen wird, jetzt, da es nicht mehr Standardnahrungsmittel ist? Das muss sich erst zeigen...
Gut in Erinnerung habe ich jedenfalls ein anderes Kürbiskernprodukt, nämlich die Suppen. Eine saisonale Köstlichkeit, die man in der Steiermark fast nirgends schlecht gemacht bekommt. Alles andere mit oder aus Kürbis oder den entsprechenden Kernen ist mir ebenfalls wurscht. In der Schokolade brauch ich das Zeug aber nicht, auch wenn die Firma Zotter (nicht nur diesbezüglich) anderer Meinung ist.
Was mir allerdings vollkommen unverständlich ist, ist der Fetisch, den Steirer mit ihren Backhendln pflegen. Mir kommt das weder sehr regional vor, noch haben mir steirische Backhendln je besser als irgendwelche anderen geschmeckt (auch nicht die in der Kürbiskernpanier). Vielleicht kann mir noch irgendwann mal wer erklären, was das explizit "Steirische" daran sein soll, an dem Backhendl, das in der Lieblingssommerspeise der Grazerinnen auf Salat im Kernöl ersoffen wird.
Eigentlich sind die Steirer aber Herbstleute. Nicht unbedingt des steirischen herbstes wegen, sondern vor allem wegen des Weins. Mit dem Aufsteirern beginnt es. Das ist eine von mir ungeliebte Lederhosen-Veranstaltung, bei der es nebst der Tracht vor allem um's Fressen und Saufen geht - wie bei jedem anderen Volksfest halt auch. Dann kommen Kastanien und Sturm und es beginnt die ewige Suche nach dem besten Maroni-Standl, bis man drauf kommt, dass man einfach Glück haben muss und es jenseits des Kernöls in der Steiermark eben keine absoluten Sicherheiten gibt.
Wer sich mit Sturm und Junker noch nicht besinnungslos getrunken hat, den erwartet im Advent das Glühweingelage in der Grazer Innenstadt. Absichtlich sagt man nicht Christkindlmarkt dazu, weil es wirklich nur um Glühwein geht bzw. Punsch und Feuerzangenbowle usw.; die Aufzählung stockt, weil mir da schlecht wird, allein, wenn ich allein an den Geruch denke, den der Hauptplatz zu dieser Zeit verströmt. Wer aber noch nie einen Schilcherglühwein probiert hat, der hat trotzdem was verpasst. Auch hier lohnt es aber, sich von Kennern informieren zu lassen, wo es brauchbaren und vor allem verträglichen zu finden gibt!
Abseits des saisonalen Angebots, sind mir zwei Dinge aus dem Grazer Bäckereisortiment besonders suspekt: Einerseits die Salzbrezen, die ich als Pinzgauer überhaupt nicht kannte, und die mich schockten, weil bei uns eine Breze immer auch automatisch eine Laugenbreze war. Naja, immerhin was gelernt! Andererseist suchte ich lange Zeit nach Mohnweckerln, die nicht süß waren, bis mir irgendwann jemand erklärt hat, dass das halt so sei. Ein Weltbild brach zusammen! Schließlich sahen die Mohnweckerln genau gleich aus wie jene daheim, nur, dass sie eben süßlich schmeckten. Das konnte ich nicht akzeptieren und nannte die Grazer allesamt verrückt. Süße Mohnweckerl! Ich schüttle immer noch den Kopf.
Was mir obendrein noch aufgefallen ist: Dass die Grazer keine Fastfoodkultur haben. Ja, da könnte man eventuell stolz drauf sein. Aber oh Schreck, wenn ich an die unsäglichen "Hot Dogs" denke, die da verkauft werden (Bosna ist praktisch unbekannt) und an die Käsekrainer, die im besten Falle mäßig waren! Man verlangt ja nicht viel von einem Würstelstand, aber die Mindesanforderungen hat da kaum einer erfüllt. Gott sei Dank gibt es in Graz viele Türken und also lässt sich das eine oder andere ordentliche bis sehr ordentliche Kebab-Etablissement finden. Aber das kann ja schließlich auch keine Lösung sein!
Von dem abgesehen hat mir Graz ein fast fünfjähriges Vegetarier-Dasein beschert (ja, das war freiwillig!), und ich bin nicht verhungert! Das war jedenfalls eine interessante Erfahrung und hat mich ohnehin in den meisten Fällen vor den Würstelständen bewahrt. In einer Studentenstadt lebt es sich als Vegetarier auf alle Fälle einfacher als am Land. Probleme bekommt man auch nur bei der Buschenschank. Denn dort gibt es dann die obligatorischen Käferbohnen - mit viel Kernöl! Vor etwas anderem hat mich nicht der Vegetarismus bewahrt, sondern der gesunde Menschenverstand: Blutsterz. Das war das erste kulinarische Fremdvokabel, das ich in Graz vernommen habe. Da wusste ich schon: Köstlichkeiten brauch ich mir keine erwarten.
Alles in allem habe ich aber überlebt, ja sogar zugenommen. Ich kam ja nach dem Bundesheer als halbertes Biafra-Kind (ein Ausdruck der 80er-Jahre, wie ich glaube) nach Graz und verließ die Stadt zwar nicht als Puntigamer-Pummerl, aber doch gut genährt. Ob es dem Bier geschuldet ist oder doch dem ewigen Kernöl, sei dahingestellt.
Montag, 24. Juni 2013
Grazer Reminiszenzen 1: Kulturangebot und -nachfrage
Graz ist vorbei. Aus, vorüber. Für mich zumindest. Nach vielen Jahren des aktiven und passiven Siechtums in der steirischen Landeshauptstadt, der Stadt der Menschenrechte und der Volkserhebung, der City of Design und vor allem der Kulturhauptstadt (so steht es auf der Autobahn!) verlasse ich nun endgültig ihre Gefilde. Obwohl die Zeiten gute waren, bin ich weder mir noch der Stadt böse, dass es nun vorbei ist. Alles hat immer zwei Enden - auch wenn die Wurst in Graz nur eines zu haben scheint (das zweite steckt unsichtbar in einem von einer Metallstange ausgehölten Hotdog-Brötchen). Also muss ich mich doppelt verabschieden. Schließlich bin ich auch doppelt angekommen. Aber dazu an anderer Stelle mehr...
Teil 1 eines kleinen Rückblicks auf die Grazer Jahre:
Als europäische Kulturhauptstadt habe ich Graz im Jahr 2003 kennengelernt. Toll, dachte ich mir, aus dem provinzlerischen und kulturell nicht kolonialisierten Innergebirg kommend. Bei uns war eine Theateraufführung an einer Schule schon ein Happening von Warhol'schem Format. Einzig das Saalfeldener Jazzfestival ließ die Pinzgauer mit geduldiger Regelmäßigkeit ein wenig Weltgeist schnuppern. Graz nun also mit seinem Kunsthaus, der futuristischen Murinsel (wie lächerlich sich das jetzt in der Retrospektive anhört!), dem steirischen herbst, der Diagonale usf. Was es da alles zu entdecken gab! Ich war zunächst nur beruhigt in einer Stadt zu leben, in der es sogar ein eigenes Literaturhaus gibt.
Wenn man dann nach gut zehn Jahren mehr oder weniger intensiven Aufenthalts Bilanz ziehen muss, fragt man sich, ob man von dem vielen Tollen, das man an Graz immer geschätzt hat, eigentlich immer nur das kulturelle Potenzial genutzt hat, oder ob man auch tatsächlich regelmäßig im Theater, im Museum oder in der Oper war. Nach kurzem überschlagsartigem Nachzählen kommt man drauf: Es hätte mehr sein können. Das geht aber fast jedem so, habe ich gehört. Ist aber auch egal, denn wichtig ist nur, dass man die prinzipielle Möglichkeit gehabt hätte, theoretisch, im Falle des Falles also, jeden Abend in eine andere Veranstaltung zu gehen. Wie oft man diese Gelegenheiten tatsächlich genutzt hat, ist ja einerlei.
Tatsächlich fand ich mich auf der einen oder anderen merkwürdigen Veranstaltung wieder, war nachher froh, dort gewesen zu sein, hatte aber größtenteils das Gefühl, eine lästige Pflicht abgeleistet zu haben. Wenn diverse kulturelle Veranstaltungen auch oft ein netter Zeitvertreib waren, die essentiellen Erkenntnisse stellten sich da selten ein. Das ist übrigens auch so etwas, was man glaubt, wenn man den Schritt an die Hochschule tut bzw. was einem im Gymnasium irgendwie versucht wurde einzureden: Dass sich der Mensch durch den alleinigen Besuch kultureller Veranstaltungen zum Besseren ändere. Ich hab sie ja alle gesehen, die Studenten in Cord-Sakkos und Karohemden, die vor Bildern stehen und mit Daumen und Zeigefinger ratlos Verständnis vorschützend ihre Kinn- und Mundpartie umspielen! Ich war ja selber schon so weit, wenngleich auch nicht in Cordsakko und Karohemd!
Dann aber die harte Erkenntnis: Dass sich im Kopfe nichts tut, wenn das Hirn sich nicht rühre. Und dazu bedarf es erstmal keiner Ausstellungen oder Vorführungen, sondern des Verständnisses für das Einfache und Klare. Die Einsicht, dass die einfachen Sätze erstmal kapiert werden müssen und nicht bloß rezitiert. "Ich weiß, dass ich nichts weiß" zum Beispiel. Der Satz kann als Ausrede für eine mangelhafte Prüfungsvorbereitung genauso herhalten wie für die letzte Conclusio am Sterbebett. Man muss sich diese Sätze aber aneignen, für sich und seinen Verstand geltend machen. Und das lernt man nicht im Museum oder im Theater. - und schon gar nicht im Seminarraum (obwohl einen der in manchen Fällen dabei ein wenig helfen kann). Das lernt man am Tresen!
Im Grunde besteht das Spannende an einem ausgeprägten "kulturellen Umfeld" nur darin, dass die Chance, Leute zu treffen, die sich irgendeine Art von Gedanken machen, etwas höher ist als in einem kulturfeindlichen oder -resistenten Milieu. Leider liegt da auch der Hund begraben, denn ein sogenanntes "kulturelles Umfeld" zieht auch eine Menge Scharlatane und Spinner an. Das liegt zum einen an der Kunst selbst, weil sie eben zutiefst menschlich ist (manche sagen nicht zu Unrecht, sie sei das Menschliche überhaupt); zum anderen liegt es an dem, was ich unter einem absichtlich so schwammig gewählten Begriff wie dem eines "kulturellen Umfelds" verstehe: Es gibt da einen geographischen Raum, in dem überdurchschnittlich viele Menschen Kultur betreiben, vertreiben, konsumieren und sich obendrein auch noch dazu verhalten, es sich also auf die Fahnen schreiben und sich darauf etwas einbilden. Klingt widerlich, ist es auch irgendwie. Aber es geht halt anscheinend nicht anders. Yin und Yang, woast scho? Der Kuhfladen ist den Fliegen ein Haus, aber mir ein Graus, etc.
Wie ist das also jetzt? Hat mich Graz verändert, was das sogenannte "Kulturelle" betrifft? Ich denke, ich bin im selben Maße, wie ich der Kultur gegenüber aufgeschlossen gemacht wurde, ihr gegenüber unsensibler oder zynischer geworden. Das hat vielleicht mit Graz per se nichts zu tun, aber ein kulturelles Überangebot verlangt vom potenziellen Konsumenten ein gewissen Grad an Ignoranz. Ganz schnell kommt es zur Ausbildung eines "Geschmacks", dessen Fundament weniger ästhetische Reflexion als das ermüdende Trübsal einer unkreativen Freizeitgestaltung ist: "Wos isn heit? ... Najo, schauma uns des hoit on. Is wahrscheinlich eh wieda a Schas...", sprachs und schlurfte zur Kulturveranstaltung. Echtes Interesse kann ein Überangebot also nicht ersetzen, aber es besteht zumindest die Chance, neue Interessen zu entdecken oder zu vertiefen. Auch hier würde ich aber sagen, dass nichts ohne den persönlichen Austausch geht (ob an der Theke oder nicht), womit wir wieder bei den Menschen wären, die Kultur machen, vertreiben und konsumieren. So waren es also nicht die Veranstaltungen und Veranstaltungsorte, sondern die Grazer Menschen,die mich da beeinflusst und teilweise sogar inspiriert haben. Klingt kitschig, ist aber durchaus wahr. Reminiszenzen, zumal solche zu Graz, kommen eben ohne Kitsch nie aus.
Graz ist keine Kulturhauptstadt, das Schild auf der Autobahn lügt. Aber es ist eine Stadt mit vielen ambitionierten (teilweise überambitionierten) Leuten, die sich etwas antun und sich ein paar Gedanken machen. Man muss deswegen nicht zu allen deren Veranstaltungen rennen. Aber es beruhigt irgendwie, dass sie da sind. So wie auch ein Kuhfladen ohne Fliegen eine zutiefst traurige Angelegenheit ist.
Teil 1 eines kleinen Rückblicks auf die Grazer Jahre:
Als europäische Kulturhauptstadt habe ich Graz im Jahr 2003 kennengelernt. Toll, dachte ich mir, aus dem provinzlerischen und kulturell nicht kolonialisierten Innergebirg kommend. Bei uns war eine Theateraufführung an einer Schule schon ein Happening von Warhol'schem Format. Einzig das Saalfeldener Jazzfestival ließ die Pinzgauer mit geduldiger Regelmäßigkeit ein wenig Weltgeist schnuppern. Graz nun also mit seinem Kunsthaus, der futuristischen Murinsel (wie lächerlich sich das jetzt in der Retrospektive anhört!), dem steirischen herbst, der Diagonale usf. Was es da alles zu entdecken gab! Ich war zunächst nur beruhigt in einer Stadt zu leben, in der es sogar ein eigenes Literaturhaus gibt.
Wenn man dann nach gut zehn Jahren mehr oder weniger intensiven Aufenthalts Bilanz ziehen muss, fragt man sich, ob man von dem vielen Tollen, das man an Graz immer geschätzt hat, eigentlich immer nur das kulturelle Potenzial genutzt hat, oder ob man auch tatsächlich regelmäßig im Theater, im Museum oder in der Oper war. Nach kurzem überschlagsartigem Nachzählen kommt man drauf: Es hätte mehr sein können. Das geht aber fast jedem so, habe ich gehört. Ist aber auch egal, denn wichtig ist nur, dass man die prinzipielle Möglichkeit gehabt hätte, theoretisch, im Falle des Falles also, jeden Abend in eine andere Veranstaltung zu gehen. Wie oft man diese Gelegenheiten tatsächlich genutzt hat, ist ja einerlei.
Tatsächlich fand ich mich auf der einen oder anderen merkwürdigen Veranstaltung wieder, war nachher froh, dort gewesen zu sein, hatte aber größtenteils das Gefühl, eine lästige Pflicht abgeleistet zu haben. Wenn diverse kulturelle Veranstaltungen auch oft ein netter Zeitvertreib waren, die essentiellen Erkenntnisse stellten sich da selten ein. Das ist übrigens auch so etwas, was man glaubt, wenn man den Schritt an die Hochschule tut bzw. was einem im Gymnasium irgendwie versucht wurde einzureden: Dass sich der Mensch durch den alleinigen Besuch kultureller Veranstaltungen zum Besseren ändere. Ich hab sie ja alle gesehen, die Studenten in Cord-Sakkos und Karohemden, die vor Bildern stehen und mit Daumen und Zeigefinger ratlos Verständnis vorschützend ihre Kinn- und Mundpartie umspielen! Ich war ja selber schon so weit, wenngleich auch nicht in Cordsakko und Karohemd!
Dann aber die harte Erkenntnis: Dass sich im Kopfe nichts tut, wenn das Hirn sich nicht rühre. Und dazu bedarf es erstmal keiner Ausstellungen oder Vorführungen, sondern des Verständnisses für das Einfache und Klare. Die Einsicht, dass die einfachen Sätze erstmal kapiert werden müssen und nicht bloß rezitiert. "Ich weiß, dass ich nichts weiß" zum Beispiel. Der Satz kann als Ausrede für eine mangelhafte Prüfungsvorbereitung genauso herhalten wie für die letzte Conclusio am Sterbebett. Man muss sich diese Sätze aber aneignen, für sich und seinen Verstand geltend machen. Und das lernt man nicht im Museum oder im Theater. - und schon gar nicht im Seminarraum (obwohl einen der in manchen Fällen dabei ein wenig helfen kann). Das lernt man am Tresen!
Im Grunde besteht das Spannende an einem ausgeprägten "kulturellen Umfeld" nur darin, dass die Chance, Leute zu treffen, die sich irgendeine Art von Gedanken machen, etwas höher ist als in einem kulturfeindlichen oder -resistenten Milieu. Leider liegt da auch der Hund begraben, denn ein sogenanntes "kulturelles Umfeld" zieht auch eine Menge Scharlatane und Spinner an. Das liegt zum einen an der Kunst selbst, weil sie eben zutiefst menschlich ist (manche sagen nicht zu Unrecht, sie sei das Menschliche überhaupt); zum anderen liegt es an dem, was ich unter einem absichtlich so schwammig gewählten Begriff wie dem eines "kulturellen Umfelds" verstehe: Es gibt da einen geographischen Raum, in dem überdurchschnittlich viele Menschen Kultur betreiben, vertreiben, konsumieren und sich obendrein auch noch dazu verhalten, es sich also auf die Fahnen schreiben und sich darauf etwas einbilden. Klingt widerlich, ist es auch irgendwie. Aber es geht halt anscheinend nicht anders. Yin und Yang, woast scho? Der Kuhfladen ist den Fliegen ein Haus, aber mir ein Graus, etc.
Wie ist das also jetzt? Hat mich Graz verändert, was das sogenannte "Kulturelle" betrifft? Ich denke, ich bin im selben Maße, wie ich der Kultur gegenüber aufgeschlossen gemacht wurde, ihr gegenüber unsensibler oder zynischer geworden. Das hat vielleicht mit Graz per se nichts zu tun, aber ein kulturelles Überangebot verlangt vom potenziellen Konsumenten ein gewissen Grad an Ignoranz. Ganz schnell kommt es zur Ausbildung eines "Geschmacks", dessen Fundament weniger ästhetische Reflexion als das ermüdende Trübsal einer unkreativen Freizeitgestaltung ist: "Wos isn heit? ... Najo, schauma uns des hoit on. Is wahrscheinlich eh wieda a Schas...", sprachs und schlurfte zur Kulturveranstaltung. Echtes Interesse kann ein Überangebot also nicht ersetzen, aber es besteht zumindest die Chance, neue Interessen zu entdecken oder zu vertiefen. Auch hier würde ich aber sagen, dass nichts ohne den persönlichen Austausch geht (ob an der Theke oder nicht), womit wir wieder bei den Menschen wären, die Kultur machen, vertreiben und konsumieren. So waren es also nicht die Veranstaltungen und Veranstaltungsorte, sondern die Grazer Menschen,die mich da beeinflusst und teilweise sogar inspiriert haben. Klingt kitschig, ist aber durchaus wahr. Reminiszenzen, zumal solche zu Graz, kommen eben ohne Kitsch nie aus.
Graz ist keine Kulturhauptstadt, das Schild auf der Autobahn lügt. Aber es ist eine Stadt mit vielen ambitionierten (teilweise überambitionierten) Leuten, die sich etwas antun und sich ein paar Gedanken machen. Man muss deswegen nicht zu allen deren Veranstaltungen rennen. Aber es beruhigt irgendwie, dass sie da sind. So wie auch ein Kuhfladen ohne Fliegen eine zutiefst traurige Angelegenheit ist.
Samstag, 8. Dezember 2012
Advent
Advent ist eine komische Zeit. Advent ist auch ein komisches Wort. Jeder neunmalkluge Mittelschüler kann einem erklären, dass es so viel wie "Ankunft" bedeutet. Alles klar, aber warum gibt es dann den ersten, zweiten, dritten und vierten Advent? Vier Ankünfte für eine Person, das ist schon ein bisschen übertrieben. Da merkt man bereits, was der Advent im Schilde führt: Er blendet uns nämlich. Mit Kränzen und Lichtern und Türchen auf Adventkalendern etc.
Advent ist die Zeit, in der man sich nichts erwartet und dann doch enttäuscht ist, wenn nichts passiert. Die meisten tun so, als wäre ihnen der Advent wurscht. Andere wiederum machen ein riesen Brimborium aus dem Advent und zelebrieren das Keksebacken, das Dekorieren, das Singen und Glühwein trinken usf. Dabei ist der Advent eigentlich nur ein Countdown. Der Adventkranz und der entsprechende Kalender sind Taktapparate. Tag um Tag rücken wir der Weihnacht näher - vier Wochen, 24 Tage und dann ist endlich alles vorbei und wir können uns wieder der lähmendsten Woche im Jahr widmen, nämlich jener zwischen Weihnachten und Neujahr, in der so gut wie gar nichts passiert.
Der Advent ist also das Warten auf das große Nichtstun, auf die Entspannung zwischen den Jahren. Hier wird gefressen und getrunken, und wer es gar nicht aushält, der sucht sich exotische Reiseziele, wo es heller und wärmer ist als in unseren Gefilden. Aber noch ist es nicht so weit, noch müssen wir uns mit Kerzerln und Lichterln über Wasser halten! Als Nervennahrung gibt es die unvermeidlichen Kekse sowie Punsch zur Beruhigung. Außerdem dürfen wir einkaufen gehen - auch das beruhigt die meisten und es steht sinnbildlich und ganz unironisch für das Warten auf das Nichts.
"Advent, Advent" - schon die Wiederholung des Wortes drückt die Ungeduld der Wartenden aus. Und nachher will es wieder keiner gewesen sein! Der nachweihnachtliche Kater ist das Eingeständnis einer Schuld, das Bekenntnis, dass man tatsächlich auf nichts gewartet hat. Obwohl man immer irgendwie gehofft hat, dass doch was passiert. Das ist, was vom Advent übrig bleibt: Hoffnung. Das wäre auch die verständlichere (wenn auch nicht die richtige) Übersetzung. Als Kind hofft man ganz profan auf das richtige Weihnachtsgeschenk. Als geübter Erwachsener darauf, dass diesmal alles anders wird und doch noch Weihnachtsstimmung aufkommt. Als älterer Mensch hofft man vielleicht schon spirituell auf das, was danach kommt. Eigentlich eine schlimme Zeit, dieser Advent...
Advent ist die Zeit, in der man sich nichts erwartet und dann doch enttäuscht ist, wenn nichts passiert. Die meisten tun so, als wäre ihnen der Advent wurscht. Andere wiederum machen ein riesen Brimborium aus dem Advent und zelebrieren das Keksebacken, das Dekorieren, das Singen und Glühwein trinken usf. Dabei ist der Advent eigentlich nur ein Countdown. Der Adventkranz und der entsprechende Kalender sind Taktapparate. Tag um Tag rücken wir der Weihnacht näher - vier Wochen, 24 Tage und dann ist endlich alles vorbei und wir können uns wieder der lähmendsten Woche im Jahr widmen, nämlich jener zwischen Weihnachten und Neujahr, in der so gut wie gar nichts passiert.
Der Advent ist also das Warten auf das große Nichtstun, auf die Entspannung zwischen den Jahren. Hier wird gefressen und getrunken, und wer es gar nicht aushält, der sucht sich exotische Reiseziele, wo es heller und wärmer ist als in unseren Gefilden. Aber noch ist es nicht so weit, noch müssen wir uns mit Kerzerln und Lichterln über Wasser halten! Als Nervennahrung gibt es die unvermeidlichen Kekse sowie Punsch zur Beruhigung. Außerdem dürfen wir einkaufen gehen - auch das beruhigt die meisten und es steht sinnbildlich und ganz unironisch für das Warten auf das Nichts.
"Advent, Advent" - schon die Wiederholung des Wortes drückt die Ungeduld der Wartenden aus. Und nachher will es wieder keiner gewesen sein! Der nachweihnachtliche Kater ist das Eingeständnis einer Schuld, das Bekenntnis, dass man tatsächlich auf nichts gewartet hat. Obwohl man immer irgendwie gehofft hat, dass doch was passiert. Das ist, was vom Advent übrig bleibt: Hoffnung. Das wäre auch die verständlichere (wenn auch nicht die richtige) Übersetzung. Als Kind hofft man ganz profan auf das richtige Weihnachtsgeschenk. Als geübter Erwachsener darauf, dass diesmal alles anders wird und doch noch Weihnachtsstimmung aufkommt. Als älterer Mensch hofft man vielleicht schon spirituell auf das, was danach kommt. Eigentlich eine schlimme Zeit, dieser Advent...
Montag, 7. Mai 2012
Blauer Sand und grünes Gras
Dieser Tage findet in Madrid das Masters 1000-Turnier statt - auf blauem Sand. Blauer Sand, wie das klingt! Nach einer sagenumwobenen Pazifik-Insel, nach einem Film von James Cameron oder einem Reaktorunfall. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um die Idee eines wahnsinnigen Rumänen namens Ion Tiriac. Tiriac war einmal Eishockey- und Tennisspieler, in einer Zeit, in der es das noch gab, dass Leute zwei Sportarten professionell ausübten und damit auch noch erfolgreich waren. So gewann er beispielsweise das Doppel bei den French Open im Jahre 1970, zusammen mit dem ebenso wahnsinnigen Ilie Nastase - auch ein Ungustl höchster Güte. Später blieb er dann dem Profi-Tennis unter anderem als Manager von Boris Becker erhalten.
Wie Ion Tiriac zu dem Haufen Geld gekommen ist, den er zu besitzen scheint, ist ziemlich undurchsichtig und interessiert auch niemanden wirklich. Bedeutend ist aber, dass Tiriac nun das Masters-Event in Madrid organisiert, nein, besitzt. Früher im Herbst in der Halle gespielt, ist es nun fixer Bestandteil des Frühjahrs-Clay-Court-Swings vor den French Open. Der seit 2009 neue Austragungsort, die Caja Magica, ist neben Paris Bercy der hässlichste auf der Tour und überhaupt ist das Turnier auch bei Spielern nur mäßig beliebt, was unter anderem daran liegt, dass in Madrid auf über 660m Seehöhe gespielt wird, viel höher als bei den French Open und den anderen Stationen auf dem Weg dorthin. Wer wird sich aber bei einem Preisgeld von 2,8 Millionen Dollar groß über die Bedingungen beschweren?
Heuer machte das Turnier vor allem wegen Tiriacs Entscheidung, den Sand blau einzufärben, auf sich aufmerksam. Das hat einerseits mit dem Hauptsponsor zu tun, der Versicherungsanstalt Mutua Madrilena, deren Corporate Design eben auch jenes Blau in sich fasst, das dem Sand heuer seine distinkte Farbe gibt. Andererseits, so Ion Tiriac, sei auf blauem Untergrund der gelbe Ball für die Fernsehzuschauer besser zu erkennen. Letzteres ist zunächst ein nachvollziehbares Argument, da auch die meisten Hartplatz-Turniere mittlerweile auf blauem Untergrund gespielt werden. Die Spieler nahmen Tiriacs Entscheidung natürlich mit Unbehagen auf. Man zweifelte vor allem, ob der blau gefärbte Sand die gleichen Eigenschaften aufweisen würde wie der gewohnt rote Belag. Außerdem, so das Argument vieler Spieler, sei es fragwürdig, ob mitten in der Sandplatzsaison und gerade bei einem so wichtigen Pflicht-Turnier vor den French Open das ungewohnte Blau eine kluge Sache sei - man müsse sich schließlich umgewöhnen.
Man sollte Tiriacs Entscheidung nicht als besondere Pionierleistung loben. Freilich hat er es geschafft, vor dem Turnier das so wichtige mediale Gewurle zu erzeugen, und der Sponsor wird sich ob des so schönen blauen Courts sicherlich auch erkenntlich zu zeigen wissen. Als Zuseher in Zeiten von HD-Fernsehen darf man den Zugewinn an Kontrast getrost als vernachlässigbar betrachten. Der "Smurf-Turf" ist aber eine nette Abwechslung zum immergleichen rot-orange und lustig, weil ungewohnt, anzusehen (ähnlich dem nordamerikanischen Har-Tru-Sand, der dunkelgrün gefärbt ist). Die Spieler werden sich ohnehin auch in Zukunft über jegliche Änderung zu beschweren wissen, und am Ende werden die Verlierer dem blauen Sand die Schuld für ihren Misserfolg in die Schuhe schieben und die Gewinner ihn gar nicht mal so schlecht finden.
Freilich fragen sich die Konservativen unter den Tennisfreunden, was denn als nächstes komme: Ob denn nun der Rasen im altehrwürdigen Wimbledon auch des besseren Kontrastes wegen blau gefärbt werden müsse? Das darf aber bezweifelt werden. In Wimbledon wird sich so schnell nichts ändern, dort hat man gerade erst das längst fällige Dach über den Centre Court gebaut und das ist für das englische Traditionsturnier schon genug Progressivität für die nächsten 15 Jahre.
Ob man überall sonst auf grünem, blauem, rotem oder lila Sand bzw. Hartplatz spielt, hat in London noch nie jemanden gejuckt. Und wenn auch der Tennissport mit der Zeit gehen will und muss - in Wimbledon wird man noch lange weiß tragen, Erdbeeren mit Sahne essen und Pimm's trinken, selbst wenn es das allerletzte Rasenturnier werden sollte.
Die letzte große Bastion des grünen Grases hat schon die Revolution der 70er überlebt, als die US Open von Rasen auf Har-Tru-Sand wechselten:
Jedenfalls wird in ein paar Tagen ein Tennisspieler behaupten können, er habe als erster (und vielleicht einziger) ein Masters-Turnier auf blauem Sand gewonnen. Das ist doch auch eine schöne Geschichte und sie kommt ganz ohne James Cameron und Reaktorunfall aus.
Wie Ion Tiriac zu dem Haufen Geld gekommen ist, den er zu besitzen scheint, ist ziemlich undurchsichtig und interessiert auch niemanden wirklich. Bedeutend ist aber, dass Tiriac nun das Masters-Event in Madrid organisiert, nein, besitzt. Früher im Herbst in der Halle gespielt, ist es nun fixer Bestandteil des Frühjahrs-Clay-Court-Swings vor den French Open. Der seit 2009 neue Austragungsort, die Caja Magica, ist neben Paris Bercy der hässlichste auf der Tour und überhaupt ist das Turnier auch bei Spielern nur mäßig beliebt, was unter anderem daran liegt, dass in Madrid auf über 660m Seehöhe gespielt wird, viel höher als bei den French Open und den anderen Stationen auf dem Weg dorthin. Wer wird sich aber bei einem Preisgeld von 2,8 Millionen Dollar groß über die Bedingungen beschweren?
| Caja Magica |
Heuer machte das Turnier vor allem wegen Tiriacs Entscheidung, den Sand blau einzufärben, auf sich aufmerksam. Das hat einerseits mit dem Hauptsponsor zu tun, der Versicherungsanstalt Mutua Madrilena, deren Corporate Design eben auch jenes Blau in sich fasst, das dem Sand heuer seine distinkte Farbe gibt. Andererseits, so Ion Tiriac, sei auf blauem Untergrund der gelbe Ball für die Fernsehzuschauer besser zu erkennen. Letzteres ist zunächst ein nachvollziehbares Argument, da auch die meisten Hartplatz-Turniere mittlerweile auf blauem Untergrund gespielt werden. Die Spieler nahmen Tiriacs Entscheidung natürlich mit Unbehagen auf. Man zweifelte vor allem, ob der blau gefärbte Sand die gleichen Eigenschaften aufweisen würde wie der gewohnt rote Belag. Außerdem, so das Argument vieler Spieler, sei es fragwürdig, ob mitten in der Sandplatzsaison und gerade bei einem so wichtigen Pflicht-Turnier vor den French Open das ungewohnte Blau eine kluge Sache sei - man müsse sich schließlich umgewöhnen.
Man sollte Tiriacs Entscheidung nicht als besondere Pionierleistung loben. Freilich hat er es geschafft, vor dem Turnier das so wichtige mediale Gewurle zu erzeugen, und der Sponsor wird sich ob des so schönen blauen Courts sicherlich auch erkenntlich zu zeigen wissen. Als Zuseher in Zeiten von HD-Fernsehen darf man den Zugewinn an Kontrast getrost als vernachlässigbar betrachten. Der "Smurf-Turf" ist aber eine nette Abwechslung zum immergleichen rot-orange und lustig, weil ungewohnt, anzusehen (ähnlich dem nordamerikanischen Har-Tru-Sand, der dunkelgrün gefärbt ist). Die Spieler werden sich ohnehin auch in Zukunft über jegliche Änderung zu beschweren wissen, und am Ende werden die Verlierer dem blauen Sand die Schuld für ihren Misserfolg in die Schuhe schieben und die Gewinner ihn gar nicht mal so schlecht finden.
Freilich fragen sich die Konservativen unter den Tennisfreunden, was denn als nächstes komme: Ob denn nun der Rasen im altehrwürdigen Wimbledon auch des besseren Kontrastes wegen blau gefärbt werden müsse? Das darf aber bezweifelt werden. In Wimbledon wird sich so schnell nichts ändern, dort hat man gerade erst das längst fällige Dach über den Centre Court gebaut und das ist für das englische Traditionsturnier schon genug Progressivität für die nächsten 15 Jahre.
Ob man überall sonst auf grünem, blauem, rotem oder lila Sand bzw. Hartplatz spielt, hat in London noch nie jemanden gejuckt. Und wenn auch der Tennissport mit der Zeit gehen will und muss - in Wimbledon wird man noch lange weiß tragen, Erdbeeren mit Sahne essen und Pimm's trinken, selbst wenn es das allerletzte Rasenturnier werden sollte.
Die letzte große Bastion des grünen Grases hat schon die Revolution der 70er überlebt, als die US Open von Rasen auf Har-Tru-Sand wechselten:
While almost everybody smoked grass, people no longer wanted to play tennis on it anymore. Grass-court tennis smacked of tradition, exclusivity, and elitism. The vestigial grass-court game was okay at Wimbledon, where they also had royalty, double-decker buses, and judges in powdered wigs who liked getting spanked by schoolgirls dressed up as French maids. But in America in the 1970s, tradition, exclusivity, and elitism were loaded words that helped turn the tide of opinion against amateur tennis.Vielleicht wird man in ein paar Jahren, wenn alle Sandplätze dieser Welt blau sein werden, die Geschichte vom wahnsinnigen Rumänen erzählen, der es in Madrid das erste Mal wagte, ein Masters-Turnier auf blauem Sand spielen zu lassen. Oder man wird sich an diesen einmaligen Ausrutscher erinnern, als irgendjemand (ein wahnsinniger Rumäne) einmal dachte, es sei eine gute Idee, Tennissand blau zu färben, und wie sich diese Schnapsidee dann nie durchgesetzt hat.
(Pete Bodo - Courts of Babylon)
Jedenfalls wird in ein paar Tagen ein Tennisspieler behaupten können, er habe als erster (und vielleicht einziger) ein Masters-Turnier auf blauem Sand gewonnen. Das ist doch auch eine schöne Geschichte und sie kommt ganz ohne James Cameron und Reaktorunfall aus.
Freitag, 23. März 2012
Eroberung der Heimat
Sich aber nostalgisch zu seiner (einer) Heimat zu verhalten, wirkt mindestens unmodern, kann einem aber – je nachdem, wie intensiv der Heimatnostalgie nachgegangen wird und je nachdem, wie empfindlich das sogenannte soziale Umfeld darauf reagiert – im schlimmsten Fall als reaktionär, heimattümelnd, konservativ, biedermeierlich, allzu bürgerlich, engstirnig, stumpf, stupide oder schlichtweg dümmlich ausgelegt werden. Die Liste dieses diesen traurigen Umstand zu beschreiben möglich machende, meist recht kraftlose und von Vorurteilen nicht ganz freie Vokabular ließe sich freilich beliebig fortsetzen. Die Sache kann beliebig gedreht und gewendet werden, aber der Mief des Altbackenen lässt sich vom nostalgischen Umgang mit der Heimat nur schwer wegdenken. Dies hat nicht nur historische Gründe, sondern ist auch dem sorglosen Umgang mit dem Heimatbegriff geschuldet, der, durch politische Vereinnahmung havariert, anscheinend immer nur dort auftaucht, wo sich Bärtchen und Joppen tragende Herren an Biertischen gegenseitig zu gedanklichen Missgeburten aufmunternd auf die oft breiten, aber immer rückgratlosen Schultern klopfen. Wer „Heimat“ sagt, so scheint es, der meint doch irgendwie auch „Heim ins Reich“, „Heimatfront“, „Heimat für die, die immer schon da waren“, „Heimattreue dem Vaterland“ etc. Gegen solche Dummheiten ist, wie so oft, kein Kraut gewachsen. Von der Heimat abhalten lassen sollte man sich jedoch davon nicht.
„Ich fühle mich als Europäer“, sagt, wer modern sein möchte, zeigen will, dass die ganze Welt seine eigentliche Heimat ist, und dass, wenn schon gezwungen, seine Herkunft anzugeben, ihm die größtmögliche Einteilung die gerade noch verkraftbarste ist – denn alles andere sind kindische Dorftümeleien. Der Zug zum Großen und Ganzen (lange Auslandsaufenthalte, berufsbedingte Reisen, das Konzept Weltreise als Lebenserfahrung) ist dem Heimatlichen feindlich gesinnt. Welt und Dorf, das verträgt sich nicht. Die frei erwählte Flucht ist der Imperativ des modernen Nomaden, sie hat als Trieb ins Ungewisse die Vertreibung aus dem Paradies ersetzt: Man vertreibt die Teufel der Heimat aus seiner Seele, indem man die Heimat so weit wie möglich hinter sich lässt. „Auf zu neuen Ufern“ heißt die Devise - „und bloß nie mehr zurückkehren!“ der Nachsatz. Der Ennui ist dem Jetlag gewichen, die Menschen sind jetzt reisemüde statt lebensmüde. Eine Verbesserung kann darin nur erkennen, wer auch die Kopfschmerzen den Magenschmerzen als angenehmeres Symptom einer mittelschweren Krankheit vorzieht.
Doch wie sich dagegen wehren, dass die Heimat vereinnahmt wurde von dubiosen politischen Diskursen und funktionalistisch-bürokratischen Hohlwörtern? Wurde uns die Heimat etwa verboten, hat man uns vergrault, hat man das Territorium unzugänglich gemacht? Betritt man den heimatlichen Boden (Boden – noch so ein gefährliches Wort!) auf eigene Gefahr? Ein neues, modernes Verhältnis zur Heimat erlangt nur, wer bereit ist, hinaus zu gehen nicht um des Weggehens willen und wer bereit ist, zurückzukommen um des Daheim-Seins willen. Erst wer die Heimat als den Ort erkennt, von dem aus alles seinen Anfang nimmt, ist wirklich heim gekommen und kann sich an seiner Region, seiner Gegend erfreuen, und nicht nur an der bloßen Behaglichkeit seines Hauptwohnsitzes.
Heimat ist nämlich mehr als Heim. In einer Gegend groß zu werden bedeutet, diese Gegend im schlimmsten Fall ein Leben lang mit sich herum zu tragen. Eine Erfahrung, deren Bitternis vor allem jene spüren, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und denen sich keine Möglichkeit zur Rückkehr mehr bot. Erst wenn die Heimat verloren ist – entrückt, unzugänglich, verschwunden – wird ihr Wert schmerzlich bewusst. Dabei sollte erwähnt werden, dass es für gewöhnlich viel braucht, um ganze Familien dazu zu bewegen, ihren Heimatort zu verlassen, und dass es schwieriger ist, eine neue Heimat zu finden, als einen neuen Hauptwohnsitz – ein Umstand, der bei aller Integrations-Politisierung gerne unter den Tisch fällt. Erst wenn die Heimat zur Hölle wird, überwindet die Bereitschaft, sie zu verlassen, jene magnetische Kraft, die alles und jeden festhält, der sich einmal – freiwillig oder unfreiwillig – ihr hingegeben hat.
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| Foto: Ricarda S. Kreindl |
Immanuel Kant, so heißt es in Thomas Bernhards gleichnamigen Stück augenzwinkernd, sei nie aus Königsberg hinausgekommen. Auch wenn diese Behauptung faktisch unwahr ist, bezeichnet sie doch eine tiefe Verwurzelung mit einem Ort, der einmal für Preußen das war, was man ein geistiges Zentrum nennt. Was Königsberg für Kant war, war Prag wohl für Franz Kafka. Zwar ist Kafka öfter aus Prag hinausgekommen als Kant aus Königsberg, dennoch ist das literarische Bild, das Kafka von seiner Heimatstadt einst zeichnete (ein Mütterchen mit Krallen) das allertreffendste, wenn es darum geht, die Beziehung des Autors zu seiner Stadt zu beschreiben. Ob Kant Königsberg, ob Kafka Prag geliebt hat, ist einerlei. Fest steht, dass in beiden Fällen die Beziehung des Denkers zur Heimat nicht fruchtlos geblieben ist: War Königsberg für Kant so etwas wie ein Denkgefängnis, war Prag für Kafka Stimmungs-Vorlage für sein literarisches Werk. Die Auseinandersetzung mit der Heimat, der Herkunft, der Geschichte ist wohl immer schon Wurzel der künstlerischen Inspiration gewesen. So erlernen wir das Sehen und Denken zuallererst an unserer heimatlichen Umgebung, und erst, wenn wir uns an diese gewöhnt haben, ist das Fundament dafür gelegt, staunen zu können, wenn wir andere Gegenden bereisen – metaphorisch wie auch ganz wörtlich verstanden. Die Differenz, das Anders-Sein, errechnet sich, ob man will oder nicht, erst aus dem, was man schon kennt. Wenn Thomas Bernhard seinen Kant und Franz Kafka seinen Karl Roßmann nach Amerika schicken, ist das einerseits ein geradezu sarkastischer Akt der Entwurzelung, gleichsam aber auch Voraussetzung für wirklich neue Erkenntnis (alle Implikationen eines Amerika-Bildes, das Fortschritt und Neuanfang bedeutet, miteingeschlossen). Man lese Kafkas Verschollenen als Fortsetzung von Bernhards Kant-Stück und stelle sich den großen Professor vor, wie er in der neuen Welt zum 17-Jährigen Greenhorn wird und bald darauf sein Königsberg vergisst und sich – nach allen Irrungen und Wirrungen – schließlich irgendwann in Princeton niederlässt, weil ihn das noch am ehesten an Königsberg erinnert.
Ist Heimat also einfach all das, was wir schon kennen, weniger als das, was wir vorgeben, immer schon gekannt zu haben? Die Demarkationslinie zwischen Gekanntem und scheinbar Immer-schon-Gekanntem verläuft zwischen dem Gefühl der heimatlichen Geborgenheit und dem Drang, diese aufzugeben und dorthin aufzubrechen, wo man – so glaubt man – eigentlich hin gehört: nämlich in die große, weite Welt. Hänschen klein all over again. Aber auch Hänschen muss lernen, dass die Welt als ganzes kein Zuhause ist, und kehrt als Hans wieder zurück. Erkannt wird er natürlich nur von seiner Mutter, die ihm schon bei seiner Abreise gesagt hat, er solle bald wieder kommen. Warum Hänschen nach sieben Jahren wieder beschließt zurückzukehren, verrät das Kinderlied nicht. Wir erfahren bloß, dass sich das Kind „besinnt“: Es scheint, als wäre der nunmehrige Hans vernünftig geworden. Warum aber kehrt er dann wieder nach Hause zurück? Die Ferne war ihm wohl nicht Erfüllung genug; zwar war seine Reise eine Notwendigkeit in seinem Ablösungsprozess von der Mutter (lies: Heimat), aber es scheint, als wäre er von vornherein nur zu dem Zweck „ausgewandert“, um letztlich wieder zurückzukehren. Das Hänschen-klein von heute macht Praktika in London, Shanghai und Tokio, lässt sich dort nieder, wo die am besten zahlende Firmenniederlassung steht, und zieht dann höchstens noch von der Stadt in die Vorstadt, weil man in Städten keine Kinder aufzieht – zu sehr hat man die eigene Kindheit auf dem Land geschätzt. In die Heimat zurückzukehren lohnt gar nicht mehr, denn dort findet man nicht das richtige berufliche Umfeld vor. Und aus nostalgischen Gründen kann man sich ja immer noch im Alter dort niederlassen – wenn es denn sein muss.
Heimat – so könnte man es am einfachsten sagen – ist dort, wo man sich wohl fühlt. Die größere Frage als die nach der Heimat ist also jene nach dem Wohlergehen, und diese Frage ist es auch, die am schwierigsten zu beantworten ist. Sie reguliert das Verhältnis zur Heimat, denn dieses kann auch durchaus ein problematisches, ja traumatisches sein. So reicht es nicht nur aus, sich wo auszukennen und zurecht finden zu können, sondern es muss auch ein psychohygienischer Bezug zu einem Ort gegeben sein. Das, was heutzutage „loslassen können“ genannt wird, gelingt am ehesten dort, wo man keine Zügel in der Hand halten muss und sich in ein Nest fallen lassen kann. Gerne darf man sich darunter eine Art Primitiv-Wellness vorstellen. Wir versuchen es einmal negativ: Heimat ist dort, wo das Nichtstun nicht suspekt ist und kein schlechtes Gewissen verursacht. Heimat ist dort, wo man nicht blöd angeschaut wird. Heimat ist dort, wo man nicht existenziell gefordert ist, sondern seine Ruhe hat bzw. finden kann.
So hat Heimat viel mit Vertrauen und Ruhe zu tun. Zu viel Vertrauen und Ruhe kann zu Langeweile führen, zum bereits erwähnten Ennui, zur Melancholie bzw. zu dem, was wir heute Depression nennen. Es ist ein Sichlangweilen, wie Heidegger es nennt, das nicht mehr nur von einem Ding herrührt, sondern beginnt, auf alles andere sich auszubreiten. So wird die Heimat dem Heimgekommenen als Ganzes langweilig. Der Mief, der dann von ihr ausgeht, ist jener, der den Geflohenen die Nase rümpfen lässt, wenn von der Heimat die Rede ist. Die Langeweile der Heimat ist es auch, die das heimatliche Leben in Rituale zerfallen lässt, ist also am Land zum Beispiel der Grund für das ausgeprägte Vereinswesen.
Wir müssen feststellen, dass es nicht die Nostalgie ist, die den Diskurs über die Heimat suspekt macht, sondern die Furcht vor der Langeweile, die der Heimat entwachsen kann. Es gibt das „gesunde“ Verhältnis zur Heimat nach wie vor – wenn man sich auf das Langweilige vorbereiten, es annehmen und mit ihm umgehen kann. Ennui und Heimat gehören zusammen, und je enger die Heimat, desto ausgeprägter der Ennui. Das zeigt sich schon bei Büchners Leonce, dem hervorragendsten Vertreter langweiliger Figuren in der deutschen Literatur überhaupt, dessen Königreich Popo das allerkleinste, dessen Langeweile aber grenzenlos ist. Einen schönen Sommertag erlebt er so: „Die Bienen sitzen so träg an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden.“ Herrliche Langeweile, die herrlichen Müßiggang erlaubt, der ja bekanntlich (so stellt Leonce fest) aller Laster Anfang ist! Auch Leonces Flucht führt ihn aber doch wieder dorthin zurück, wo er hergekommen ist: Heimat ist, wovor es kein Entrinnen gibt.
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| Foto: Ricarda S. Kreindl |
Gleichzeitig muss Heimat erobert werden. Von selbst stellt sie sich nicht dar, von selbst beherbergt sie nicht; sie muss bestellt werden wie ein Acker. Man muss Fragen an sie stellen, an ihre Leute, ihre Geschichte, ihre Hässlichkeiten und selbst an ihre schönen Seiten. Man muss die Heimat bezweifeln, argwöhnisch begutachten, mit Vorsicht genießen, wie einen Menschen, dem man nicht ganz trauen mag. Mit Respekt aber sollte man sie behandeln; sie selbst, die Gegend und wie sie sich in ihren Menschen, ihren Abkömmlingen, zeigt. Zu dem gehört Abstand, Flucht, Schimpf und Tadel – eine kathartische Phase der Adoleszenz, die, einmal überwunden, eine Basis für eine gesunde und lebenslange Heimatliebe bilden kann, die nicht dumpf und reaktionär sein muss, sondern das Gefühl eines lieblichen Gefangen-Seins bereit stellt. Daheim zu sein ist, der Unentrinnbaren ins Auge zu sehen und zu sagen: „Sperr mich ein, liebe Heimat, auch wenn ich dich verlassen muss, damit ich glücklich werde!“
Mittwoch, 11. Januar 2012
Rasurkunde
Meinen ersten geschenkten Nassrasierer bekam ich vom Bundesheer, und zwar bei der Musterung. Einerseits freute ich mich über die großzügige Gabe, andererseits war der Rasierer bereits mit einer Warnung verbunden. Sie nahmen einen bereits Monate vor dem Einrücken jegliche Ausrede für ein schlecht rasiertes oder gar unrasiertes Gesicht. Egal, endlich ein Gillette Mach-3, dachte ich mir. Das Vorgänger-Modell, der Sensor-Excel, den ich mir einst zur Flaumrasur zulegte, hatte ausgedient. Immerhin hatte der nur zwei Klingen. „Was?“, werden jetzt viele Jüngere entsetzt fragen, „es gab mal einen Nassrasierer mit nur zwei Klingen?“ Ja, und es gab sogar mal einen mit bloß einer Klinge! Aber an ein solches Gerät kann selbst ich mich nicht mehr wirklich erinnern.
Von Wilkinson habe ich nie etwas gehalten. „So scharf, dass er hinter Gitter muss“, das ist ein Werbespruch, der bei jüngeren Konsumenten außer Furcht gar nichts erzeugt. Schon als Kind dachte ich mir, wer so blöd sein kann und sich mit einem so scharfen Ding im Gesicht herumfahren will - Gitter hin oder her. Später mochte ich dann das Knubbel-Design dieser Wilkinson-Rasierer nicht. Außerdem kamen mir die Gitter kontraproduktiv vor. Wofür scharfe Klingen, wenn ich dann nichts davon habe, weil sie hinter Gittern stecken?
Irgendwann hatte ich dann Gillette auch satt. Alle anderthalb Monate, so schien mir, kam ein neues Modell heraus (M3 Power, M3 Turbo, etc.). Plötzlich sollte man Batterien in einen Nassrasierer einlegen, damit das Ding während der Rasur ein angenehmes Brummen von sich gab. Praktischer Nutzen null, das erkannte selbst der Dümmste. Dreifach-Lamellen, Dreifach-Klingen, Schwingkopf etc. ließen wir uns ja noch einreden. Aber ein brummender Nassrasierer? Das Über-feature trug zur Überfeatureisierung bei und mir wurde das ganze System suspekt.
Das ließ mich irgendwann zu meinem ersten Wilkinson greifen. Ironischerweise handelte es sich dabei ebenso um einen Nassrasierer mit Batterie. Allerdings nutzte der Wilkinson Quattro Titanium (ja, dieses Ding hatte absurderweise bereits vier Klingen!) den Strom zum Antrieb eines kleinen elektrischen Rasierers am Ende des Griffs. Dieser eignete sich zum Stutzen von Kotletten und anderen Bärtchen. Das fand ich zuerst ganz famos, irgendwann stellte sich aber Ernüchterung ein. Erstens enttäuschte die Batterielaufzeit, zweitens kann man sich denken, wie lange so ein elektrischer Rasierer gut funktioniert, wenn dauernd Wasser dran kommt und drittens war ich auch mit den Vierfach-Klingen hinter Gittern nicht einverstanden. In diesem Scherengewirr fanden die Barthaare irgendwann nicht mehr heraus und so kam es, dass eine Klinge schneller durch „Verstopfung“ unbrauchbar wurde als durch Abstumpfung.
Mit den „Rasier-Systemen“ beider großen Marken Gillette und Wilkinson unzufrieden geworden, griff ich dann in Amerika zum ersten Mal zu einem Wegwerfrasierer – auch wieder von Gillette. Diese Dinger bestechen einerseits durch den Preis, andererseits auch durch Handhabung und Feeling. Man hat das ursprüngliche Gefühl, als hobelte man sich damit Haut und Haar vom Gesicht. Nicht umsonst hießen die Vorgänger der heutigen Rasur-Systeme „Rasierhobeln“. Wegwerfrasierer (übrigens ein wunderbares Wort, wie ich finde) sind sehr praktisch und günstig, aber seiner Haut tut man damit keinen Gefallen – besonders, wenn man empfindlich ist. Und das, so sagt man, trifft ja leider auf die meisten heutigen Männer zu.
Hätte mir nicht unser Zimmermädchen vor einem Jahr einen Gillette Fusion Pro Glide geschenkt, ich wäre mittlerweile wohl auf ein Barbiermesser samt Rasierseife umgestiegen (mit Wetzgurt – noch so ein tolles Wort!). Das letzte Modell aus der Gillette-Serie verzichtet Gott sei Dank auf Batterien und gleitet einfach nur gut – ganz wie es der Name verspricht! Auch er hat vier Klingen – das scheint das Maximum dieser Produktsparte zu sein. Vermutlich hat es schon Prototypen mit fünf Klingen gegeben, die aber wegen optischer Lächerlichkeit nie in Serienproduktion gegangen sind. Das Ding benutze ich jetzt gern und bin auch sehr zufrieden damit. Letztlich habe ich in Gillette immer noch das größte Vertrauen, auch wenn ich da ein bisschen Opfer ihrer grandiosen Fernsehwerbungen geworden bin. Früher war ich wie hypnotisiert von ihrem eingängigen Jingle „Gillette – für das Bäähestäää im Mahahann!“, später überzeugte mich die Auswahl ihrer Rasier-Paten: Tiger Woods, Thierry Henry und Roger Federer. Von den dreien ist mittlerweile nur noch der Schweizer Tennisspieler glaubwürdig geblieben, da ersterer nun die Präzision vermissen lässt, die dem Produkt würdig wäre und zweiterer momentan Vollbart trägt. Vielleicht nutzt Henry den Fusion Pro Glide ja für seinen Kopf? Egal, ich weiß eh nicht, ob Henry und Woods immer noch einen Werbevertrag mit Gillette haben und es ist ja auch egal. Immerhin wurde ja jetzt hier auch genügend Werbung für die Firma gemacht. Also: Gillette kaufen oder Barthaare ausreißen! Oder vielleicht doch Messer, Seife und Wetzgurt?
Von Wilkinson habe ich nie etwas gehalten. „So scharf, dass er hinter Gitter muss“, das ist ein Werbespruch, der bei jüngeren Konsumenten außer Furcht gar nichts erzeugt. Schon als Kind dachte ich mir, wer so blöd sein kann und sich mit einem so scharfen Ding im Gesicht herumfahren will - Gitter hin oder her. Später mochte ich dann das Knubbel-Design dieser Wilkinson-Rasierer nicht. Außerdem kamen mir die Gitter kontraproduktiv vor. Wofür scharfe Klingen, wenn ich dann nichts davon habe, weil sie hinter Gittern stecken?
Irgendwann hatte ich dann Gillette auch satt. Alle anderthalb Monate, so schien mir, kam ein neues Modell heraus (M3 Power, M3 Turbo, etc.). Plötzlich sollte man Batterien in einen Nassrasierer einlegen, damit das Ding während der Rasur ein angenehmes Brummen von sich gab. Praktischer Nutzen null, das erkannte selbst der Dümmste. Dreifach-Lamellen, Dreifach-Klingen, Schwingkopf etc. ließen wir uns ja noch einreden. Aber ein brummender Nassrasierer? Das Über-feature trug zur Überfeatureisierung bei und mir wurde das ganze System suspekt.
Das ließ mich irgendwann zu meinem ersten Wilkinson greifen. Ironischerweise handelte es sich dabei ebenso um einen Nassrasierer mit Batterie. Allerdings nutzte der Wilkinson Quattro Titanium (ja, dieses Ding hatte absurderweise bereits vier Klingen!) den Strom zum Antrieb eines kleinen elektrischen Rasierers am Ende des Griffs. Dieser eignete sich zum Stutzen von Kotletten und anderen Bärtchen. Das fand ich zuerst ganz famos, irgendwann stellte sich aber Ernüchterung ein. Erstens enttäuschte die Batterielaufzeit, zweitens kann man sich denken, wie lange so ein elektrischer Rasierer gut funktioniert, wenn dauernd Wasser dran kommt und drittens war ich auch mit den Vierfach-Klingen hinter Gittern nicht einverstanden. In diesem Scherengewirr fanden die Barthaare irgendwann nicht mehr heraus und so kam es, dass eine Klinge schneller durch „Verstopfung“ unbrauchbar wurde als durch Abstumpfung.
Mit den „Rasier-Systemen“ beider großen Marken Gillette und Wilkinson unzufrieden geworden, griff ich dann in Amerika zum ersten Mal zu einem Wegwerfrasierer – auch wieder von Gillette. Diese Dinger bestechen einerseits durch den Preis, andererseits auch durch Handhabung und Feeling. Man hat das ursprüngliche Gefühl, als hobelte man sich damit Haut und Haar vom Gesicht. Nicht umsonst hießen die Vorgänger der heutigen Rasur-Systeme „Rasierhobeln“. Wegwerfrasierer (übrigens ein wunderbares Wort, wie ich finde) sind sehr praktisch und günstig, aber seiner Haut tut man damit keinen Gefallen – besonders, wenn man empfindlich ist. Und das, so sagt man, trifft ja leider auf die meisten heutigen Männer zu.
Hätte mir nicht unser Zimmermädchen vor einem Jahr einen Gillette Fusion Pro Glide geschenkt, ich wäre mittlerweile wohl auf ein Barbiermesser samt Rasierseife umgestiegen (mit Wetzgurt – noch so ein tolles Wort!). Das letzte Modell aus der Gillette-Serie verzichtet Gott sei Dank auf Batterien und gleitet einfach nur gut – ganz wie es der Name verspricht! Auch er hat vier Klingen – das scheint das Maximum dieser Produktsparte zu sein. Vermutlich hat es schon Prototypen mit fünf Klingen gegeben, die aber wegen optischer Lächerlichkeit nie in Serienproduktion gegangen sind. Das Ding benutze ich jetzt gern und bin auch sehr zufrieden damit. Letztlich habe ich in Gillette immer noch das größte Vertrauen, auch wenn ich da ein bisschen Opfer ihrer grandiosen Fernsehwerbungen geworden bin. Früher war ich wie hypnotisiert von ihrem eingängigen Jingle „Gillette – für das Bäähestäää im Mahahann!“, später überzeugte mich die Auswahl ihrer Rasier-Paten: Tiger Woods, Thierry Henry und Roger Federer. Von den dreien ist mittlerweile nur noch der Schweizer Tennisspieler glaubwürdig geblieben, da ersterer nun die Präzision vermissen lässt, die dem Produkt würdig wäre und zweiterer momentan Vollbart trägt. Vielleicht nutzt Henry den Fusion Pro Glide ja für seinen Kopf? Egal, ich weiß eh nicht, ob Henry und Woods immer noch einen Werbevertrag mit Gillette haben und es ist ja auch egal. Immerhin wurde ja jetzt hier auch genügend Werbung für die Firma gemacht. Also: Gillette kaufen oder Barthaare ausreißen! Oder vielleicht doch Messer, Seife und Wetzgurt?
Montag, 2. Januar 2012
Neujahrsvolten
„Saisonpflanzen“ steht auf dem
Rechnungsbeleg, den man am Neujahrstag aus der Manteltasche zieht.
Jemand kaufte 16 Glücksklees samt Rauchfangkehrer und heute gilt es,
diese unter der Verwandtschaft aufzuteilen. Mit breitem Grinsen würde
man vor Haustüren stehen, Hände schütteln und ein „gutes Neues“
wünschen. Natürlich auch Gesundheit, Glück, Zufriedenheit, Erfolg.
Humor wünscht man niemandem, weil es vielleicht ein wenig zynisch
klingt. „Ich wünsche dir viel Humor fürs Neue Jahr!“ - das
verspricht Schwierigkeiten und trägt den leisen Vorwurf in sich, der
zum neuen Jahr Beglückwünschte habe bisher viel zu wenig davon
gezeigt.
Dabei wäre die Fähigkeit, Humor zu zeigen, heutzutage eigentlich viel wichtiger als alles andere. Sätze, die das Wörtchen „heutzutage“ beinhalten, neigen jedoch dazu, irgendwie altbacken zeitkritisch daherzukommen. Jemand, der meint, irgendetwas sei „heutzutage besonders wichtig“ oder „heutzutage nicht mehr möglich“, suhlt sich in Vergangenheitsnostalgie (keineswegs ein Pleonasmus!) und will von dem „heutzutage“ eigentlich gar nichts wissen, weil ohnehin alles schon verkommen ist und „früher alles besser“ war. So, nun wissen wir wieder nicht, ob die, die sagen, dass früher alles besser gewesen wäre, lästiger sind als die, die jene bekritteln, die behaupten, dass früher alles besser gewesen wäre. Die Vergangenheitsnostalgiker sind schlimm genug – aber die hyperprogressiven Vergangenheitsverächter sind am allerschlimmsten. Man sieht schon, wie schwierig es heutzutage (!) ist, überhaupt irgendeine Aussage über irgendwas zu tätigen, ohne sich dabei als Vertreter einer immer schon da gewesenen (und irgendwie langweiligen) Denke lächerlich zu machen. Und das Ausweichen auf die „Metaebene“ (auch ein ungeheures Reizwort) ist und bleibt eine Übung mit circensischen Charakter, trägt nur selten etwas zur Sache bei, sondern dient einzig dazu, die Fähigkeit der Metadenker zu demonstrieren, dass sie Metadenken könnten, wenn sie wollten.
Schon bei solchen Sachen zeigt sich,
warum eine Portion Humor nicht schaden würde und warum es sinnvoll
wäre, vor allem sich selbst nicht immer ganz ernst zu nehmen. Nicht,
weil man dann unbeschwerter und freier durchs Leben ginge. Sondern
einzig und allein deswegen, weil der Selbsternst nichts bringt. Denn
man muss im Grunde davon ausgehen, dass einen die anderen Menschen
überhaupt nicht ernst nehmen („Anders ließe sich der Zustand
unserer Gesellschaft ja gar nicht erklären!“, würde da der
pessimistische Sozialkritiker polemisch hinzufügen). Wenn man sich
dann selbst überaus ernst nimmt, aber von niemandem wirklich ernst
genommen wird, führt das zu einer Form von mildem Alltagsautismus,
mit dem man wahrscheinlich nicht glücklich werden wird – und auch
andere nicht glücklich macht.
Also spare man sich das Wünschen von
Glück und Zufriedenheit für das neue Jahr und wünsche stattdessen
viel Humor. Auch wenn es zynisch klingt. Denn schließlich muss man
beim Nicht-so-ernst-Nehmen konsequenterweise auch schon bei den
Neujahrswünschen beginnen. Man übergebe also die Saisonpflanze mit
einem breiten Grinsen und wünsche einfach viel Humor für 2012. Auch
auf die Gefahr hin, dass man dann für exzentrisch (oder verrückt)
gehalten wird, ist das noch der ehrlichste, realisierenswerteste und
sozial verträglichste Wunsch, den man überbringen kann. Für einen
Zyniker wird man höchstens noch von jenen gehalten, die auch an den
diesjährigen Weltuntergang glauben. Das sind die, die vergessen,
dass für die Maya die Welt schon lange untergegangen ist. Hat ja
auch was Gutes, denn von den Mayas sagt nun keiner mehr einen Satz
mit „heutzutage“.
Montag, 19. Dezember 2011
Zeller Weisheit
"Friara hod ma gsogg, dasam Montoug Gnedltoug is. Heitzatougs kimmb ma fieh, da Montoug is ehanta Kähwapptoug!"
Montag, 28. November 2011
"Bist du das?" (Verwechslungskomödie im Dritten Rang)
Wir stehen im Foyer des Schauspielhauses und ich halte nach dem mir sonst so verhassten Theaterpublikum Ausschau. Nur diesmal finde ich es nicht. Ein paar Schüler in Mittelschul-Abendgarderobe, das heißt zu große oder zu kleine Sakkos bei den Burschen, die ersten Stöckelschuhe bei den Mädchen, in denen sie zu gehen noch nicht ganz gelernt haben. Ein Mittdreißiger, der seine Freundin oder Frau ins Theater ausführt: Auch er hat, wie wir, die billigsten Karten gekauft (3. Rang!) und hofft auf einen unvergesslichen Theaterabend. Doch wenig überschminkte und überparfümierte ältere Damen in Pelzmänteln, auch höre ich wenig österreichisches Städter-Deutsch, jene Sprache, deren Sprecher meinen, sie klängen besonders elegant und gebildet, wobei sie doch eigentlich nur arrogant und kleingeistig klingen.
Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, dass nicht mehr typisches Theaterpublikum anwesend ist. Aber immerhin wird ja heute Thomas Glavinic gespielt und kein Thomas Bernhard oder – publikumstechnisch noch schlimmer – Schiller oder Shakespeare. Es wird ein – im Vergleich zum typischen Theaterpublikum - „junger“ Autor gespielt, der nicht unter den Verdacht der übermäßigen Intellektualität fällt, was vermutlich nicht nur ihm, sondern auch mir als Theaterbesucher ganz recht ist. Auch versucht er sich nicht als ein solcher zu inszenieren, was er vielen seiner Zeitgenossen voraus hat. Nach Lektüre seines Romans „Das bin doch ich“ erwartet man sich von der Bühnenversion etwas Frisches, Kabarettartiges, ein wenig Klamauk, vor allem aber Humor, damit den Schülern und auch uns, die wir allesamt schon lange nicht mehr im Schauspielhaus gewesen sind, das Theatergehen nicht ganz so schwer fällt.
Wer schon einmal im „3. Rang“ des Grazer Schauspielhauses gesessen ist, weiß, dass man dort oben erstens keine Höhenangst haben darf, zweitens gute Augen braucht und drittens auf Sitzkomfort keinerlei wert legen sollte. Aber zum Studentenpreis von 7 Euro wird man sich auch nicht beschweren dürfen. Wir sitzen in der ersten Reihe und wenn wir uns ein bisschen über die Brüstung schieben, sehen wir fast die ganze Bühne. Einzig jener Teil der Lichtanlage, der hier vom dritten Rang die Bühne erleuchtet, blockiert mir die Sicht auf den halbrechten Bühnenrand. Solchen Einschränkungen begegnet man am besten mit Arroganz („Brauch ich eh nicht“) oder altösterreichischem Alltagsfatalismus („Man kann eben nicht immer alles haben“). Ich tröste mich außerdem damit, dass ich auf meinem Sitzplatz die Arme auf die Brüstung legen und so in der Art eines Thomas Bernhard betont gelangweilt dem Geschehen auf der Bühne beiwohnen kann. Bernhard lümmelte bekanntlich gerne bei den Proben seiner Stücke im Burgtheater in der Loge. Dort ließ er sich zu bösen Texten über das Burgtheater im Allgemeinen, und die Burgtheaterschauspieler im Besonderen inspirieren. Die waren nämlich seiner Meinung nach alle schlecht. Außer die, die gut waren, und nur diese durften seine Stücke spielen.
Im Theater ostentativ lümmeln: Das wäre meine persönliche Rache am gespreizten Theaterpublikum. Dass davon heute zu wenig da sind, wurmt mich jetzt wieder ein bisschen. Dafür deutet der Mittdreißiger, den ich mit seiner Freundin zuvor im Foyer gesehen habe, auf mich. Leider kann ich seinem Gesichtsausdruck nicht entnehmen, ob er seine Begleitung etwas entrüstet darauf aufmerksam macht, dass hier jemand lümmelt, oder ob er mir neidig ist, dass ich meinen Kopf auf ein sanftes Ruhekissen aus Ärmeln betten kann, welches, von der Brüstung gestützt, den komfortabelsten Theatergenuss verspricht, den der dritte Rang zu bieten hat. Gut, dass er nicht sieht, wie ich meine Beine zwischen Sitz und Brüstung quer legen muss, um meinen Oberkörper nahe genug an den Balkon zu bekommen. Mit Komfort hat das nämlich wenig zu tun. Aber man gewöhnt sich daran, so wie man sich im Flugzeug an die zu engen Sitze gewöhnt, schon allein deswegen, weil man keine andere Wahl hat.
Warum sind wir eigentlich hier? Weil Thomas Glavinic uns in seinen Roman hineingeschrieben hat und wir deswegen neugierig sind, wie die Szene auf der Bühne verarbeitet wird. Aitzerl, der Kellner aus jenem Grazer Lokal, das der Szene im Buch als Vorbild dient, hat gesagt, dass, wenn er sich selbst als Figur auf der Bühne entdeckt, er im Theatersaal aufspringen und „Das bin doch ich!“ schreien wolle. Was zunächst nach einer ganz witzigen Idee geklungen hat, wirft jetzt, da wir tatsächlich im Theater sitzen, doch einige praktische Fragen auf. Was, wenn ihn gar keiner hört, weil dieser Satz vom dritten Rang gerufen vermutlich akustisch gar nie seinen Weg ins Parterre findet? Und falls doch: Wie soll der Rest des Publikums den aufgesprungenen Aitzerl erkennen? Von unten sieht man doch über den Balkon des dritten Rangs gar nicht drüber. Vielleicht ließe sich noch ein empört erhobener Finger erkennen. Aitzerl müsste sich, um erkannt zu werden, den Oberkörper auf die Brüstung legen und nach unten schauen, dem Foyerpublikum geradewegs in die erstaunten Gesichter. Und dazu müsste er einen Finger fuchtig nach vorne strecken. Dann allerdings würden die Theaterbesucher im Parterre womöglich glauben, er versuche sich an einer Nachstellung dieser Türkenfigur, die sich aus einem Sims des Palais Saurau in der Sporgasse lehnt. Und wenn sie ihn dann sehen, was dann? Hören die Schauspieler zu spielen auf? Erwartet Aitzerl sich Zurufe wie „Was, echt?“, „Oag!“ oder „Geil!“? Über solche Dinge sollte man sich aber gar keine Gedanken machen. Das große „Was dann?“ hat ja schon zu viele gute Ideen im Keim erstickt.
Das Stück fängt an wie eine Lesung. Nach etwa zwei Minuten vergesse ich, dass es sich um ein Theaterstück handelt und folge gespannt dem Text, den der Schauspieler, der Thomas Glavinic darstellt, vorliest. Ein wenig enttäuscht bin ich dann, als das Stück dann tatsächlich los geht, als die Figur Thomas Glavinic die Lesung unterbrechen muss, weil ein Teil der Bühne auf einmal von selbst nach oben fährt. Schade, jetzt ist die Lesung vorbei... Und das mit der Bühne, naja. Aber irgendwie muss es doch „anfangen“. Recht schnell verwandelt sich das Stück in eine irre Achterbahnfahrt durch den Alltag eines allzu menschlichen Autors, der sich von Dusche zu Dusche und von einem alkoholischen Getränk zum nächsten hantelt, während er dazwischen von allerlei lästigen Mitmenschen belagert und genervt wird. Das ganze ist auf der Bühne höchst unterhaltsam umgesetzt: Das Leben als permanentes Kasperltheater der sozialen Unannehmlichkeiten. Die Verdichtung von Raum und Zeit und die Zusammenführung von realem Geschehen und Innenleben der Hauptfigur auf der Bühne lässt den Theaterbesucher die allgegenwärtige beklemmende Lästigkeit der Welt sehr gut nachempfinden. Wir werden gut unterhalten und freuen uns schon auf die Szene, die in dem Grazer Lokal spielen soll.
Dann ist es soweit. Thomas Glavinic (also die Figur) befindet sich in Graz und geht zu einer Ausstellung seines Freundes Erwin Michenthaler in dieses Grazer Lokal: Wir, die Theaterbesucher, die sich sonst aus eben jenem Lokal kennen, in welchem Thomas Glavinic vor Jahren gewesen sein soll, was wir damals nicht gewusst haben, was uns aber eben jener Erwin Michenthaler bestätigt hat, sitzen im dritten Rang des Grazer Schauspielhauses. Tumult auf der Bühne, Glavinic (die Figur!) ist im Lokal, er wird angetanzt und betatscht und eine Frau kreischt „Child in Time“ von Deep Purple. Die Frau, die hier dargestellt wird, kennen wir natürlich und sie hat jahrelang nicht gewusst, dass sie in einem Roman vorkommt. Heute ist sie im Theater nicht dabei (also als Figur schon, aber nicht als Zuseherin). Ich glaube, sie ist beleidigt. An dem Abend, an dem sie erfahren hat, dass sie eine Roman- und Theaterfigur geworden ist, war sie erstens böse auf Aitzerl, weil er ihr das nie gesagt hat. Der Roman ist immerhin bereits 2007 erschienen. Zweitens war sie böse auf Thomas Glavinic („Was glaubt denn der eigentlich? Darf denn der das? Dem werd ich was erzählen!“). Wir haben ihr gesagt, sie soll mit uns ins Theater gehen und dann bei der Lokal-Szene selbst aufstehen und zu schreien beginnen, damit die Leute wissen, wer das wirklich ist. Hat sie aber nicht gemacht. Deswegen haben wir heute nur einen dabei, der aufspringen und „Das bin doch ich!“ schreien kann – den Aitzerl.
Das soll bei der Armdrück-Szene passieren, in der Thomas Glavinic (die Figur) mit Tolya (die Figur von Aitzerl) Arme drückt. Gleich muss es soweit sein. Jemand schreit auf der Bühne „Armdrücken!“ und man sieht, wie die Figur des Thomas Glavinic mit zwei anderen Figuren gleichzeitig armdrückt. Was soll das? Das passt jetzt überhaupt nicht in die Szene! Der soll doch mit Tolya Arm drücken! Aitzerl sitzt aufrecht und unschlüssig in seinem Sitz am dritten Rang und starrt auf die Bühne hinab. „Jetzt!“, rufen wir ihm zu. Auf der Bühne rangeln die Figuren armdrückenderweise mit einander. Gleich wird das vorbei sein. Mir ist die Szene immer noch rätselhaft. Im Buch war das irgendwie einleuchtender. Das Gerangel auf der Bühne ist völlig deplatziert. Etwa so deplatziert wie jetzt ein Aufspringen und „Das bin doch ich!“-Rufen von Aitzerl wäre. Doppelt deplatziert nämlich. Erstens, weil es sich nicht gehört und zweitens, weil es gar nicht stimmt.
Die Figuren lösen sich von einander, der Glavinic-Schauspieler stolpert rückwärts. Wen die beiden anderen Schauspieler gerade dargestellt haben, lässt sich schwer sagen. Einer davon muss Tolya, also Aitzerl, gewesen sein. Vorbei, die Szene ist vorbei. Es ist zu spät. Eigentlich ist gar nichts passiert, wir sind immer noch völlig überrascht davon, dass die Armdrück-Szene so ganz anders dargestellt wurde. Und wir fragen uns, was sie in dieser Form auf der Bühne verloren hat. Etwas ratlos schaue ich zu Aitzerl rüber, der in diesem Moment aufspringt und schreit: „Aber das war doch gar nicht ich!“
Der Glavinic-Schauspieler richtet seinen Blick kurz in das Dunkel des Raums. Auf die Idee, dass der Satz vom dritten Rang gekommen sein könnte, kommt er gar nicht. Er hat sich nur leicht aus dem Konzept bringen lassen und setzt seinen Monolog gleich wieder fort. Ein paar ältere Damen (Theaterpublikum! Endlich!) im Parterre blicken sich suchend um, schauen in die Logen und wissen gar nicht, wie falsch sie da liegen. Der Mittdreißiger und seine Freundin lachen kurz, Aitzerl dreht sich entrüstet zu ihnen um und sagt aufgebracht: „Aber das hätt doch ich sein sollen!“ Ein paar andere Zuseher auf dem dritten Rang schütteln die Köpfe, eine Dame hinter Aitzerl sagt im reinsten Städter-Deutsch: „Geh, setzen’s Ihnen wieder hin!“ Aitzerl bemerkt die Vergeblichkeit seiner Bemühungen, die Nicht-Identität zwischen Figur und ihm festzustellen, und setzt sich wieder. Den Rest des Stückes verfolgt er Fingernägel kauend.
„Blöd war das“, sind wir uns dann im Foyer einig. Die Armdrück-Szene wurde nicht zu unserer Zufriedenheit dargestellt. „Ich hätt auch nicht aufspringen sollen“, sagt Aitzerl ein wenig geknickt. Wir sagen ihm, dass es gut und richtig gewesen wäre, aufzuspringen, wenn er, Aitzerl, in der Figur des Tolya tatsächlich auf der Bühne aufgetreten wäre. Aber so war es halt ein bisschen seltsam. Die Feststellung eines Zuschauers, so der Konsens, dass es sich bei der Figur auf der Bühne NICHT um ihn handelt, hat einfach keinen Exklusivitätsanspruch. Das könnte ja jeder von sich behaupten und zwar bei jedem Stück. Und das Stück heiße nunmal „Das bin doch ich!“ und nicht „Das bist doch du!“.
Auf dem Weg in das nächstgelegene Lokal, in das wir gehen, um den doch sehr gelungenen Theaterabend zu beschließen, denke ich mir, wie das für Thomas Glavinic gewesen sein muss, als er das Stück zum ersten Mal gesehen hat. Wer, wenn nicht er, hätte die Lizenz zum „Das bin doch ich!“-Schreien? Aber wenn dann ein Autor, der Thomas Glavinic heißt, in einem Stück sitzt, das auf einem Roman basiert, den er über einen Autor, der Thomas Glavinic heißt, geschrieben hat, und dann dem Schauspieler, der die Figur Thomas Glavinic spielt, zuruft, dass das doch er, nämlich Thomas Glavinic selbst, sei, dann hat mir das persönlich zu viele Ebenen, auf denen sich jeweils mindestens zwei Katzen gegenseitig in den Schwanz beißen. Und das wäre dann lächerlich und deswegen hat das Thomas Glavinic wohl auch nicht gemacht. Dann lieber ein Kellner, der sich selbst im Stück wider Erwarten NICHT wieder erkennt, und dann betroffen feststellt: „Aber das bin doch gar nicht ich!“
Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, dass nicht mehr typisches Theaterpublikum anwesend ist. Aber immerhin wird ja heute Thomas Glavinic gespielt und kein Thomas Bernhard oder – publikumstechnisch noch schlimmer – Schiller oder Shakespeare. Es wird ein – im Vergleich zum typischen Theaterpublikum - „junger“ Autor gespielt, der nicht unter den Verdacht der übermäßigen Intellektualität fällt, was vermutlich nicht nur ihm, sondern auch mir als Theaterbesucher ganz recht ist. Auch versucht er sich nicht als ein solcher zu inszenieren, was er vielen seiner Zeitgenossen voraus hat. Nach Lektüre seines Romans „Das bin doch ich“ erwartet man sich von der Bühnenversion etwas Frisches, Kabarettartiges, ein wenig Klamauk, vor allem aber Humor, damit den Schülern und auch uns, die wir allesamt schon lange nicht mehr im Schauspielhaus gewesen sind, das Theatergehen nicht ganz so schwer fällt.
Wer schon einmal im „3. Rang“ des Grazer Schauspielhauses gesessen ist, weiß, dass man dort oben erstens keine Höhenangst haben darf, zweitens gute Augen braucht und drittens auf Sitzkomfort keinerlei wert legen sollte. Aber zum Studentenpreis von 7 Euro wird man sich auch nicht beschweren dürfen. Wir sitzen in der ersten Reihe und wenn wir uns ein bisschen über die Brüstung schieben, sehen wir fast die ganze Bühne. Einzig jener Teil der Lichtanlage, der hier vom dritten Rang die Bühne erleuchtet, blockiert mir die Sicht auf den halbrechten Bühnenrand. Solchen Einschränkungen begegnet man am besten mit Arroganz („Brauch ich eh nicht“) oder altösterreichischem Alltagsfatalismus („Man kann eben nicht immer alles haben“). Ich tröste mich außerdem damit, dass ich auf meinem Sitzplatz die Arme auf die Brüstung legen und so in der Art eines Thomas Bernhard betont gelangweilt dem Geschehen auf der Bühne beiwohnen kann. Bernhard lümmelte bekanntlich gerne bei den Proben seiner Stücke im Burgtheater in der Loge. Dort ließ er sich zu bösen Texten über das Burgtheater im Allgemeinen, und die Burgtheaterschauspieler im Besonderen inspirieren. Die waren nämlich seiner Meinung nach alle schlecht. Außer die, die gut waren, und nur diese durften seine Stücke spielen.
Im Theater ostentativ lümmeln: Das wäre meine persönliche Rache am gespreizten Theaterpublikum. Dass davon heute zu wenig da sind, wurmt mich jetzt wieder ein bisschen. Dafür deutet der Mittdreißiger, den ich mit seiner Freundin zuvor im Foyer gesehen habe, auf mich. Leider kann ich seinem Gesichtsausdruck nicht entnehmen, ob er seine Begleitung etwas entrüstet darauf aufmerksam macht, dass hier jemand lümmelt, oder ob er mir neidig ist, dass ich meinen Kopf auf ein sanftes Ruhekissen aus Ärmeln betten kann, welches, von der Brüstung gestützt, den komfortabelsten Theatergenuss verspricht, den der dritte Rang zu bieten hat. Gut, dass er nicht sieht, wie ich meine Beine zwischen Sitz und Brüstung quer legen muss, um meinen Oberkörper nahe genug an den Balkon zu bekommen. Mit Komfort hat das nämlich wenig zu tun. Aber man gewöhnt sich daran, so wie man sich im Flugzeug an die zu engen Sitze gewöhnt, schon allein deswegen, weil man keine andere Wahl hat.
Warum sind wir eigentlich hier? Weil Thomas Glavinic uns in seinen Roman hineingeschrieben hat und wir deswegen neugierig sind, wie die Szene auf der Bühne verarbeitet wird. Aitzerl, der Kellner aus jenem Grazer Lokal, das der Szene im Buch als Vorbild dient, hat gesagt, dass, wenn er sich selbst als Figur auf der Bühne entdeckt, er im Theatersaal aufspringen und „Das bin doch ich!“ schreien wolle. Was zunächst nach einer ganz witzigen Idee geklungen hat, wirft jetzt, da wir tatsächlich im Theater sitzen, doch einige praktische Fragen auf. Was, wenn ihn gar keiner hört, weil dieser Satz vom dritten Rang gerufen vermutlich akustisch gar nie seinen Weg ins Parterre findet? Und falls doch: Wie soll der Rest des Publikums den aufgesprungenen Aitzerl erkennen? Von unten sieht man doch über den Balkon des dritten Rangs gar nicht drüber. Vielleicht ließe sich noch ein empört erhobener Finger erkennen. Aitzerl müsste sich, um erkannt zu werden, den Oberkörper auf die Brüstung legen und nach unten schauen, dem Foyerpublikum geradewegs in die erstaunten Gesichter. Und dazu müsste er einen Finger fuchtig nach vorne strecken. Dann allerdings würden die Theaterbesucher im Parterre womöglich glauben, er versuche sich an einer Nachstellung dieser Türkenfigur, die sich aus einem Sims des Palais Saurau in der Sporgasse lehnt. Und wenn sie ihn dann sehen, was dann? Hören die Schauspieler zu spielen auf? Erwartet Aitzerl sich Zurufe wie „Was, echt?“, „Oag!“ oder „Geil!“? Über solche Dinge sollte man sich aber gar keine Gedanken machen. Das große „Was dann?“ hat ja schon zu viele gute Ideen im Keim erstickt.
Das Stück fängt an wie eine Lesung. Nach etwa zwei Minuten vergesse ich, dass es sich um ein Theaterstück handelt und folge gespannt dem Text, den der Schauspieler, der Thomas Glavinic darstellt, vorliest. Ein wenig enttäuscht bin ich dann, als das Stück dann tatsächlich los geht, als die Figur Thomas Glavinic die Lesung unterbrechen muss, weil ein Teil der Bühne auf einmal von selbst nach oben fährt. Schade, jetzt ist die Lesung vorbei... Und das mit der Bühne, naja. Aber irgendwie muss es doch „anfangen“. Recht schnell verwandelt sich das Stück in eine irre Achterbahnfahrt durch den Alltag eines allzu menschlichen Autors, der sich von Dusche zu Dusche und von einem alkoholischen Getränk zum nächsten hantelt, während er dazwischen von allerlei lästigen Mitmenschen belagert und genervt wird. Das ganze ist auf der Bühne höchst unterhaltsam umgesetzt: Das Leben als permanentes Kasperltheater der sozialen Unannehmlichkeiten. Die Verdichtung von Raum und Zeit und die Zusammenführung von realem Geschehen und Innenleben der Hauptfigur auf der Bühne lässt den Theaterbesucher die allgegenwärtige beklemmende Lästigkeit der Welt sehr gut nachempfinden. Wir werden gut unterhalten und freuen uns schon auf die Szene, die in dem Grazer Lokal spielen soll.
Dann ist es soweit. Thomas Glavinic (also die Figur) befindet sich in Graz und geht zu einer Ausstellung seines Freundes Erwin Michenthaler in dieses Grazer Lokal: Wir, die Theaterbesucher, die sich sonst aus eben jenem Lokal kennen, in welchem Thomas Glavinic vor Jahren gewesen sein soll, was wir damals nicht gewusst haben, was uns aber eben jener Erwin Michenthaler bestätigt hat, sitzen im dritten Rang des Grazer Schauspielhauses. Tumult auf der Bühne, Glavinic (die Figur!) ist im Lokal, er wird angetanzt und betatscht und eine Frau kreischt „Child in Time“ von Deep Purple. Die Frau, die hier dargestellt wird, kennen wir natürlich und sie hat jahrelang nicht gewusst, dass sie in einem Roman vorkommt. Heute ist sie im Theater nicht dabei (also als Figur schon, aber nicht als Zuseherin). Ich glaube, sie ist beleidigt. An dem Abend, an dem sie erfahren hat, dass sie eine Roman- und Theaterfigur geworden ist, war sie erstens böse auf Aitzerl, weil er ihr das nie gesagt hat. Der Roman ist immerhin bereits 2007 erschienen. Zweitens war sie böse auf Thomas Glavinic („Was glaubt denn der eigentlich? Darf denn der das? Dem werd ich was erzählen!“). Wir haben ihr gesagt, sie soll mit uns ins Theater gehen und dann bei der Lokal-Szene selbst aufstehen und zu schreien beginnen, damit die Leute wissen, wer das wirklich ist. Hat sie aber nicht gemacht. Deswegen haben wir heute nur einen dabei, der aufspringen und „Das bin doch ich!“ schreien kann – den Aitzerl.
Das soll bei der Armdrück-Szene passieren, in der Thomas Glavinic (die Figur) mit Tolya (die Figur von Aitzerl) Arme drückt. Gleich muss es soweit sein. Jemand schreit auf der Bühne „Armdrücken!“ und man sieht, wie die Figur des Thomas Glavinic mit zwei anderen Figuren gleichzeitig armdrückt. Was soll das? Das passt jetzt überhaupt nicht in die Szene! Der soll doch mit Tolya Arm drücken! Aitzerl sitzt aufrecht und unschlüssig in seinem Sitz am dritten Rang und starrt auf die Bühne hinab. „Jetzt!“, rufen wir ihm zu. Auf der Bühne rangeln die Figuren armdrückenderweise mit einander. Gleich wird das vorbei sein. Mir ist die Szene immer noch rätselhaft. Im Buch war das irgendwie einleuchtender. Das Gerangel auf der Bühne ist völlig deplatziert. Etwa so deplatziert wie jetzt ein Aufspringen und „Das bin doch ich!“-Rufen von Aitzerl wäre. Doppelt deplatziert nämlich. Erstens, weil es sich nicht gehört und zweitens, weil es gar nicht stimmt.
Die Figuren lösen sich von einander, der Glavinic-Schauspieler stolpert rückwärts. Wen die beiden anderen Schauspieler gerade dargestellt haben, lässt sich schwer sagen. Einer davon muss Tolya, also Aitzerl, gewesen sein. Vorbei, die Szene ist vorbei. Es ist zu spät. Eigentlich ist gar nichts passiert, wir sind immer noch völlig überrascht davon, dass die Armdrück-Szene so ganz anders dargestellt wurde. Und wir fragen uns, was sie in dieser Form auf der Bühne verloren hat. Etwas ratlos schaue ich zu Aitzerl rüber, der in diesem Moment aufspringt und schreit: „Aber das war doch gar nicht ich!“
Der Glavinic-Schauspieler richtet seinen Blick kurz in das Dunkel des Raums. Auf die Idee, dass der Satz vom dritten Rang gekommen sein könnte, kommt er gar nicht. Er hat sich nur leicht aus dem Konzept bringen lassen und setzt seinen Monolog gleich wieder fort. Ein paar ältere Damen (Theaterpublikum! Endlich!) im Parterre blicken sich suchend um, schauen in die Logen und wissen gar nicht, wie falsch sie da liegen. Der Mittdreißiger und seine Freundin lachen kurz, Aitzerl dreht sich entrüstet zu ihnen um und sagt aufgebracht: „Aber das hätt doch ich sein sollen!“ Ein paar andere Zuseher auf dem dritten Rang schütteln die Köpfe, eine Dame hinter Aitzerl sagt im reinsten Städter-Deutsch: „Geh, setzen’s Ihnen wieder hin!“ Aitzerl bemerkt die Vergeblichkeit seiner Bemühungen, die Nicht-Identität zwischen Figur und ihm festzustellen, und setzt sich wieder. Den Rest des Stückes verfolgt er Fingernägel kauend.
„Blöd war das“, sind wir uns dann im Foyer einig. Die Armdrück-Szene wurde nicht zu unserer Zufriedenheit dargestellt. „Ich hätt auch nicht aufspringen sollen“, sagt Aitzerl ein wenig geknickt. Wir sagen ihm, dass es gut und richtig gewesen wäre, aufzuspringen, wenn er, Aitzerl, in der Figur des Tolya tatsächlich auf der Bühne aufgetreten wäre. Aber so war es halt ein bisschen seltsam. Die Feststellung eines Zuschauers, so der Konsens, dass es sich bei der Figur auf der Bühne NICHT um ihn handelt, hat einfach keinen Exklusivitätsanspruch. Das könnte ja jeder von sich behaupten und zwar bei jedem Stück. Und das Stück heiße nunmal „Das bin doch ich!“ und nicht „Das bist doch du!“.
Auf dem Weg in das nächstgelegene Lokal, in das wir gehen, um den doch sehr gelungenen Theaterabend zu beschließen, denke ich mir, wie das für Thomas Glavinic gewesen sein muss, als er das Stück zum ersten Mal gesehen hat. Wer, wenn nicht er, hätte die Lizenz zum „Das bin doch ich!“-Schreien? Aber wenn dann ein Autor, der Thomas Glavinic heißt, in einem Stück sitzt, das auf einem Roman basiert, den er über einen Autor, der Thomas Glavinic heißt, geschrieben hat, und dann dem Schauspieler, der die Figur Thomas Glavinic spielt, zuruft, dass das doch er, nämlich Thomas Glavinic selbst, sei, dann hat mir das persönlich zu viele Ebenen, auf denen sich jeweils mindestens zwei Katzen gegenseitig in den Schwanz beißen. Und das wäre dann lächerlich und deswegen hat das Thomas Glavinic wohl auch nicht gemacht. Dann lieber ein Kellner, der sich selbst im Stück wider Erwarten NICHT wieder erkennt, und dann betroffen feststellt: „Aber das bin doch gar nicht ich!“
Sonntag, 6. November 2011
Wenn es "wildelt"
Am Abend gab es Hirsch. Der Koch wurde gelobt, weil der Hirsch nicht "gewildelt" hat. Das habe nichts mit dem Kochen zu tun, so der bescheidene Koch abwehrend, sondern damit, wann der Hirsch geschossen wurde. Brünftige Hirschen "wildeln" mehr. "Aha, jaja", machen die Gäste. Von wem er den Hirsch habe, und ob der gewildert wäre, fragt man den Koch scherzhaft. Ich sage, dass es gewildert wohl besser schmecke als gejagt. Der Koch und die Gäste lachen. Das müsse ich als Schmittinger wohl am besten wissen, sagt mir mein Gegenüber augenzwinkernd.
Der Dessertwein ist gut. Ein Kracher, sagt man mir. Ich finde, das ist übertrieben. Dann eröffnet sich mir, dass damit das Weingut gemeint ist. Weingut Kracher, Illmitz, Burgenland. "Achso!", mache ich in mich selbst hinein und amüsiere mich über meine diesbezügliche Ahnungslosigkeit. Der Kracher sei schon gestorben, heißt es - leider. Aber der Wein schmeckt immer noch ausgezeichnet. Weltruhm habe er mit dem Süßwein erlangt.
Den Grappa lassen wir Jungen aus. Stattdessen trinken wir Vodka lemon. So jung, so dynamisch. Mit Red Bull könne ich es nicht mehr trinken, meine ich. Da schlafe ich schlecht. Mein Gegenüber überrascht mich mit der Aussage, dass er gern Red Bull trinke. Er sagt "ein Red Bull" und das, obwohl er damit nicht aufgewachsen ist, so wie ich. Ältere Leute sagen ja oft "einen Red Bull", weil der Bulle ja männlich ist. Dieser ältere Herr überrascht mich also doppelt. Ich sage, ich würde das "nicht mehr" erleiden und trinke es eigentlich nur noch beim Autofahren. Das lange Ennstal, jaja. Schrecklich alt komme ich mir jetzt vor, weil ich kein Red Bull mehr erleide, - mein Gegenüber aber sehrwohl und auch seine Frau trinke es gern, wie sie mir versichert.
Die Gastgeberin erzählt, wie sie den Koch kennengelernt hat. Also eigentlich ihren Mann, der für diesen Abend der Koch ist. Beide waren sie Schilehrer damals. Sie eine Anwärterin, er schon ein gestandener Schilehrer. Eingestaubt habe er sie alle und lässig dagestanden sei er. Seinen Kollegen, der die Ausbildung geleitet hat, habe er gefragt, was für Hasen dieser heute parat hätte. Unsympathisch sei das gewesen. Aber später habe er ihr einmal geholfen, als sie mit den Kindern beim Schlepplift war und alle Hände voll zu tun hatte. Das habe der Kollege nicht gemacht, der sei nur dagestanden und habe gegrinst. Es zahlt sich also doch aus, wenn man einmal nett auch ist und nicht nur lässig dasteht. Später haben sie sich dann auf einer Schihütte wieder getroffen. Beim gemeinsamen Runterfahren, sagt der Koch, habe er dann gewusst, dass er sie jetzt habe. "Die hab ich", hat er sich gedacht. Alle lachen, weil es eine schöne Geschichte ist und sie so schön erzählt wurde.
Beim Dessert habe ich dann Dessertwein, Kaffe und Vodka lemon vor mir stehen. Aber auch diese Kombination schmeckt gut. Man muss es ja im Mund nicht mischen. Und im Magen kommt ja bekanntlich eh alles zusammen. Die Jugend meint, dass früher alles besser gewesen sei. Wir (also die Vodka-lemon trinkende Jugend) klingen neidig, weil die Älteren so tolle Geschichten erzählen. Es klingt alles so heimelig und spannend zugleich. Ganze Gruppen von Schihaserln seien da immer gekommen, aus Schweden, Holland und Dänemark. Fesch! Heute kommen ja nur mehr die dicken Engländerinnen - was haben wir es schlecht! Nein nein, früher sei auch nicht alles so rosig gewesen, versichert man uns. Man erinnere sich halt nur an die schönen und lustigen Sachen. Dass aber früher alle rauschig Auto gefahren sind, das stimme schon. Und beim Schifahren habe keiner einen Helm getragen. Heutzutage geht das ja nicht mehr. Die Technologie! Alles schneller, viel mehr Leute. Und rücksichtslos sind die! Deswegen gehe ich immer nur in der Früh, sage ich. Ja, da sei es auch am schönsten, bestätigt man mich.
Diese Gegend ist voller unhingehbarer Wahrheiten, denke ich mir. Das ist gut, aber auch schlecht. Einerseits ist das irrsinnig konservativ. Wobei, wenn hier etwas konserviert wird, kann das ja so schlecht auch nicht sein. Andererseits nimmt auch keiner die Wahrheiten so wahnsinnig ernst. Der Witz stirbt zuletzt und wer zuletzt lacht, der muss ein Schnapserl mehr trinken.
Dumm ist auch, wenn man sagt, etwas sei gut, aber auch schlecht. Mein Vater erzählt mir öfter, dass ich als kleiner Bub beim Spazierengehen einmal einen Kuhfladen nachdenklich betrachtet habe. Anscheinend habe ich dann gesagt, dass es schon interessant sei, dass überall, wo etwas Schlechtes ist, auch etwas Gutes sei. Mein Vater hat sich über mich gewundert. Ich habe mich über die Fliegen gewundert, die die Kuhscheiße so interessant fanden. Gut, aber auch schlecht. Was denn nun? Ich weiß es bis heute nicht. Und will mich auch nicht entscheiden. Wie sagt man hier? Es hilft eh nix. Oder: wenn's nicht hilft, schadet es auch nix. So wie Topfenwickel oder Essigpatscherl.
Der Dessertwein ist gut. Ein Kracher, sagt man mir. Ich finde, das ist übertrieben. Dann eröffnet sich mir, dass damit das Weingut gemeint ist. Weingut Kracher, Illmitz, Burgenland. "Achso!", mache ich in mich selbst hinein und amüsiere mich über meine diesbezügliche Ahnungslosigkeit. Der Kracher sei schon gestorben, heißt es - leider. Aber der Wein schmeckt immer noch ausgezeichnet. Weltruhm habe er mit dem Süßwein erlangt.
Den Grappa lassen wir Jungen aus. Stattdessen trinken wir Vodka lemon. So jung, so dynamisch. Mit Red Bull könne ich es nicht mehr trinken, meine ich. Da schlafe ich schlecht. Mein Gegenüber überrascht mich mit der Aussage, dass er gern Red Bull trinke. Er sagt "ein Red Bull" und das, obwohl er damit nicht aufgewachsen ist, so wie ich. Ältere Leute sagen ja oft "einen Red Bull", weil der Bulle ja männlich ist. Dieser ältere Herr überrascht mich also doppelt. Ich sage, ich würde das "nicht mehr" erleiden und trinke es eigentlich nur noch beim Autofahren. Das lange Ennstal, jaja. Schrecklich alt komme ich mir jetzt vor, weil ich kein Red Bull mehr erleide, - mein Gegenüber aber sehrwohl und auch seine Frau trinke es gern, wie sie mir versichert.
Die Gastgeberin erzählt, wie sie den Koch kennengelernt hat. Also eigentlich ihren Mann, der für diesen Abend der Koch ist. Beide waren sie Schilehrer damals. Sie eine Anwärterin, er schon ein gestandener Schilehrer. Eingestaubt habe er sie alle und lässig dagestanden sei er. Seinen Kollegen, der die Ausbildung geleitet hat, habe er gefragt, was für Hasen dieser heute parat hätte. Unsympathisch sei das gewesen. Aber später habe er ihr einmal geholfen, als sie mit den Kindern beim Schlepplift war und alle Hände voll zu tun hatte. Das habe der Kollege nicht gemacht, der sei nur dagestanden und habe gegrinst. Es zahlt sich also doch aus, wenn man einmal nett auch ist und nicht nur lässig dasteht. Später haben sie sich dann auf einer Schihütte wieder getroffen. Beim gemeinsamen Runterfahren, sagt der Koch, habe er dann gewusst, dass er sie jetzt habe. "Die hab ich", hat er sich gedacht. Alle lachen, weil es eine schöne Geschichte ist und sie so schön erzählt wurde.
Beim Dessert habe ich dann Dessertwein, Kaffe und Vodka lemon vor mir stehen. Aber auch diese Kombination schmeckt gut. Man muss es ja im Mund nicht mischen. Und im Magen kommt ja bekanntlich eh alles zusammen. Die Jugend meint, dass früher alles besser gewesen sei. Wir (also die Vodka-lemon trinkende Jugend) klingen neidig, weil die Älteren so tolle Geschichten erzählen. Es klingt alles so heimelig und spannend zugleich. Ganze Gruppen von Schihaserln seien da immer gekommen, aus Schweden, Holland und Dänemark. Fesch! Heute kommen ja nur mehr die dicken Engländerinnen - was haben wir es schlecht! Nein nein, früher sei auch nicht alles so rosig gewesen, versichert man uns. Man erinnere sich halt nur an die schönen und lustigen Sachen. Dass aber früher alle rauschig Auto gefahren sind, das stimme schon. Und beim Schifahren habe keiner einen Helm getragen. Heutzutage geht das ja nicht mehr. Die Technologie! Alles schneller, viel mehr Leute. Und rücksichtslos sind die! Deswegen gehe ich immer nur in der Früh, sage ich. Ja, da sei es auch am schönsten, bestätigt man mich.
Diese Gegend ist voller unhingehbarer Wahrheiten, denke ich mir. Das ist gut, aber auch schlecht. Einerseits ist das irrsinnig konservativ. Wobei, wenn hier etwas konserviert wird, kann das ja so schlecht auch nicht sein. Andererseits nimmt auch keiner die Wahrheiten so wahnsinnig ernst. Der Witz stirbt zuletzt und wer zuletzt lacht, der muss ein Schnapserl mehr trinken.
Dumm ist auch, wenn man sagt, etwas sei gut, aber auch schlecht. Mein Vater erzählt mir öfter, dass ich als kleiner Bub beim Spazierengehen einmal einen Kuhfladen nachdenklich betrachtet habe. Anscheinend habe ich dann gesagt, dass es schon interessant sei, dass überall, wo etwas Schlechtes ist, auch etwas Gutes sei. Mein Vater hat sich über mich gewundert. Ich habe mich über die Fliegen gewundert, die die Kuhscheiße so interessant fanden. Gut, aber auch schlecht. Was denn nun? Ich weiß es bis heute nicht. Und will mich auch nicht entscheiden. Wie sagt man hier? Es hilft eh nix. Oder: wenn's nicht hilft, schadet es auch nix. So wie Topfenwickel oder Essigpatscherl.
Dienstag, 4. Oktober 2011
Heimkehr: Ein Berggang
Den unendlichen Weiten des amerikanischen Landesinneren entrissen, sitze ich im schönen Schmittental nahe des Zeller Sees am Balkon und starre auf die Berge. Unüberwindbar kommen sie mir vor, unglaublich grün, fast schon pervers bewaldet und irgendwie hinterlistig. Der Volksmund sagt ja, Bergmenschen würden sich oft eingesperrt fühlen und deshalb besonders gerne auf die Berge hinaufwandern, um diesen Gefühl wenigstens kurzfristig zu entfliehen; oder sie würden sich des Einsperrt-Seins wegen „wegtun“. Letzteres soll heißen: Aufgrund der wenigen Sonnenstunden in manchen Innergebirgstälern und des psychologischen Gefühls der Bedrängnis würde in den Bergmenschen oft ein suizidaler Drang entstehen. Selbst wenn das so wäre: Heutzutage fahren solariumgebräunte Menschen aus sogenannten Selbstmördertälern in schnellen Sportwagen hinaus ins Salzburgische oder Münchnerische und zelebrieren dort das heitere Leben. Umbringen tun sie sich dabei höchstens beim Zu-schnell-um-die-Kurve-Fahren: zu viel Schampus, zu viel Koks. Aber herrje, das soll sogar höchstrangigen Politikern passieren, und das alles hat mit Trübsinn und hohen Bergen nur ganz wenig zu tun...
Je länger ich auf die Berge schaue und je länger ich über die Bergmenschen nachdenke, desto mehr möchte ich auf einen dieser Berge wenigstens ein bisschen hinaufwandern. Es ist einen ja doch ins Blut „geschrieben“, dass ein Berg zum Hinaufgehen da ist und zum Von-oben-Herunterschauen. Flink habe ich meine Turnschuhe angezogen, die mir schon bei meiner Wanderung im Metnitztal gute Dienste erwiesen haben, und wähle eine unpopuläre Route auf die Sonnenalm, einem Forstweg im entlegensten Graben folgend, wo es abwechselnd nach Schnittholz und Forstmaschinen riecht.
Ich quäle mich durch den Wald den Berg hinauf, bleibe stehen, schaue auf die Uhr, blicke Hilfe suchend rings umher, überlege gar auf halbem Wege umzukehren. Aber starrköpfig sind sie ja auch, die Bergmenschen, also schleppe ich mich weiter. Letztes Jahr, so erinnere ich mich zurück, bin ich diesen Weg noch hinaufgeschritten, im reinsten Jägerschritt. Heute torkle ich halb bewusstlos vor Erschöpfung von Kehre zu Kehre und richte mein Wort an den Herrn, er möge den Weg bald flacher werden lassen.
So schäme ich mich vor mir selbst, als ich plötzlich ein Knacksen höre und weiter oben zwei Wanderer erblicke, die mir flotten Schrittes entgegen kommen. Da ich mit einem Blick erkennen kann, dass es sich bei den beiden um Deutsche handelt, reiße ich mich zusammen, wische mir den Schweiß aus dem vermutlich hochroten Gesicht und eile den steilen Forstweg hinauf, so als ob ich immer schon so gegangen wäre und auch vorhätte, den Rest des Berges sehr eilig bezwingen zu wollen (zu können). Da Deutsche es immer sehr gern haben, wenn man sie mit einem herzig herzhaften „Grüß Gott“ begrüßt (sie meinen nämlich, man würde sie als ebenbürtig akzeptieren, wenn man das tut), mache ich selbiges, um von meiner offensichtlichen Erschöpfung abzulenken.
Es stellt sich heraus, dass es sich um Sachsen handelt. Das beruhigt mich insofern, als mir die Sachsen als ein kerniges und tüchtiges Volk bekannt sind, die das Wandern noch als eine Tugend begreifen und nicht als ein leidiges Mühsal. „Kommen wir hier zur Jaga-Alm?“, fragt mich der Sachse freundlich. Wie immer amüsiert mich die bundesdeutsche Aussprache des Wortes „Jaga“, diesmal um eine sächsische Intonation bereichert. In solchen Situationen ist der Bergmensch bemüht, allen Klischees gerecht zu werden, und also lache ich kurz auf, bevor ich antworte. Dieses Lachen ist eine Mischung aus verwunderter Erheiterung und milder Nachsicht und will geübt sein – ich beherrsche es (so unbescheiden darf ich sein) perfekt. Daraufhin erkläre ich ihm in grober, aber für das Deutsche Ohr gerade noch verständlicher Mundart, dass er sich „ganz auf der falschen Seite“ des Berges befinde. Er sei wohl von oben her kommend rechts abgebogen? Das bestätigt der Sachse mit einem überaus sächsischem „Jawoll!“. Die Jaga-Alm befinde sich aber auf linken Seite, erkläre ich ihm. „Aha!“, sagt der Sachse ein wenig enttäuscht. Ich tue so als ob ich ihn und seine Frau begutachten würde und sage ihnen aufmunternd, dass mir scheine, dass sie beide gut „beinander“ seien und, unten angekommen, den Weg zur Jaga-Alm vom Tal aus angehen könnten – es seien von unten ja nur 20 Minuten. Der Sachse verzieht etwas den Mund. „Für Sie 15!“, füge ich noch hinzu, um sein Misstrauen ein wenig zu zerstreuen. Da grinst er, bedankt sich und wünscht mir noch einen guten Tag.
Ich eile weiter, bleibe aber, sobald ich die Sachsen aus meinem Blickfeld verloren habe, sofort stehen um Luft zu holen. Dabei verfluche ich den amerikanischen Lebensstil, der mir jegliche Kondition verkümmern ließ, und den versuche, das Brennen in meinen Beinen als wohliges Gefühl zu interpretieren. Dann erinnere ich mich aber daran, dass ein Amerikaner nie aufgeben würde und ich jetzt hier nicht als Österreicher auf den amerikanischen Lebensstil schimpfen und gleichzeitig auf gut österreichisch aufgeben kann. Deshalb quäle ich mich weiter.
Oben dann die gewohnt schöne Aussicht. Ja, toll ist es hier und staunen muss man schon, dass es einen solchen Flecken Erde usw... Ein wenig versöhnt mich der Blick ins Tal wieder mit meiner Heimat. Noch einmal kommt mir der Sachse in den Sinn, der die Jaga-Alm nur deshalb verfehlt hat, weil er den unwahrscheinlicheren Abstieg gewählt hat. Weil er eine Route gewählt hat, die sonst niemand wählt, ja, die die wenigsten überhaupt finden. Und Sachsen, die in unseren Wäldern unwahrscheinliche Wege beschreiten, gehören zu der Heimat genauso dazu wie der schöne Blick ins Tal und die geheimnisvollen Gerüche des Waldes. Dass das Fremde zur Heimat gehört, das wissen nur die Bergmenschen in den Tourismusgebieten. Und mag auch der eine oder andere darüber schimpfen, bestreiten kann es keiner, denke ich mir und beginne meinen knieweichen Abstieg.
Wieder unten angekommen, sitze ich erneut am Balkon und starre auf die Berge. „Das Erhabene!“, denke ich mir und muss lachen, weil ich immer an Immanuel Kant denken muss, wenn ich an „das Erhabene“ denke (was bei Gott nicht oft der Fall ist!). Und dann fällt mir ein, wie dieser Kant einmal behauptet hat, dass es überhaupt nur zwei Dinge gebe, die sein Herz berühren oder was auch immer: „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“, so er. Ich lache über die pathetische Übertriebenheit seines Satzes, obwohl mir klar ist, dass ich gerade auf die Berge schaue wie der Kant damals auf die Sterne und irgendetwas fühle. Auch, wenn es nicht das „moralische Gesetz in mir“ ist, ist es irgendetwas Wichtiges, etwas Beruhigendes. „Der Kant, der alte Depp“, sage ich mir. „Wenn der je aus Königsberg hinaus gekommen wäre und die Berge gesehen hätte, dann wäre ihm das moralische Gesetz auch wurscht gewesen.“
Und weil ich mich selbst dabei ertappe, wie ich in Gedanken Berge und Heimat mit dem Kant vermische, habe ich das Gefühl, wieder zu Hause und irgendwie bei mir selbst angekommen zu sein. Und das erheitert mich genauso wie es mich be(un)ruhigt.
Je länger ich auf die Berge schaue und je länger ich über die Bergmenschen nachdenke, desto mehr möchte ich auf einen dieser Berge wenigstens ein bisschen hinaufwandern. Es ist einen ja doch ins Blut „geschrieben“, dass ein Berg zum Hinaufgehen da ist und zum Von-oben-Herunterschauen. Flink habe ich meine Turnschuhe angezogen, die mir schon bei meiner Wanderung im Metnitztal gute Dienste erwiesen haben, und wähle eine unpopuläre Route auf die Sonnenalm, einem Forstweg im entlegensten Graben folgend, wo es abwechselnd nach Schnittholz und Forstmaschinen riecht.
Ich quäle mich durch den Wald den Berg hinauf, bleibe stehen, schaue auf die Uhr, blicke Hilfe suchend rings umher, überlege gar auf halbem Wege umzukehren. Aber starrköpfig sind sie ja auch, die Bergmenschen, also schleppe ich mich weiter. Letztes Jahr, so erinnere ich mich zurück, bin ich diesen Weg noch hinaufgeschritten, im reinsten Jägerschritt. Heute torkle ich halb bewusstlos vor Erschöpfung von Kehre zu Kehre und richte mein Wort an den Herrn, er möge den Weg bald flacher werden lassen.
So schäme ich mich vor mir selbst, als ich plötzlich ein Knacksen höre und weiter oben zwei Wanderer erblicke, die mir flotten Schrittes entgegen kommen. Da ich mit einem Blick erkennen kann, dass es sich bei den beiden um Deutsche handelt, reiße ich mich zusammen, wische mir den Schweiß aus dem vermutlich hochroten Gesicht und eile den steilen Forstweg hinauf, so als ob ich immer schon so gegangen wäre und auch vorhätte, den Rest des Berges sehr eilig bezwingen zu wollen (zu können). Da Deutsche es immer sehr gern haben, wenn man sie mit einem herzig herzhaften „Grüß Gott“ begrüßt (sie meinen nämlich, man würde sie als ebenbürtig akzeptieren, wenn man das tut), mache ich selbiges, um von meiner offensichtlichen Erschöpfung abzulenken.
Es stellt sich heraus, dass es sich um Sachsen handelt. Das beruhigt mich insofern, als mir die Sachsen als ein kerniges und tüchtiges Volk bekannt sind, die das Wandern noch als eine Tugend begreifen und nicht als ein leidiges Mühsal. „Kommen wir hier zur Jaga-Alm?“, fragt mich der Sachse freundlich. Wie immer amüsiert mich die bundesdeutsche Aussprache des Wortes „Jaga“, diesmal um eine sächsische Intonation bereichert. In solchen Situationen ist der Bergmensch bemüht, allen Klischees gerecht zu werden, und also lache ich kurz auf, bevor ich antworte. Dieses Lachen ist eine Mischung aus verwunderter Erheiterung und milder Nachsicht und will geübt sein – ich beherrsche es (so unbescheiden darf ich sein) perfekt. Daraufhin erkläre ich ihm in grober, aber für das Deutsche Ohr gerade noch verständlicher Mundart, dass er sich „ganz auf der falschen Seite“ des Berges befinde. Er sei wohl von oben her kommend rechts abgebogen? Das bestätigt der Sachse mit einem überaus sächsischem „Jawoll!“. Die Jaga-Alm befinde sich aber auf linken Seite, erkläre ich ihm. „Aha!“, sagt der Sachse ein wenig enttäuscht. Ich tue so als ob ich ihn und seine Frau begutachten würde und sage ihnen aufmunternd, dass mir scheine, dass sie beide gut „beinander“ seien und, unten angekommen, den Weg zur Jaga-Alm vom Tal aus angehen könnten – es seien von unten ja nur 20 Minuten. Der Sachse verzieht etwas den Mund. „Für Sie 15!“, füge ich noch hinzu, um sein Misstrauen ein wenig zu zerstreuen. Da grinst er, bedankt sich und wünscht mir noch einen guten Tag.
Ich eile weiter, bleibe aber, sobald ich die Sachsen aus meinem Blickfeld verloren habe, sofort stehen um Luft zu holen. Dabei verfluche ich den amerikanischen Lebensstil, der mir jegliche Kondition verkümmern ließ, und den versuche, das Brennen in meinen Beinen als wohliges Gefühl zu interpretieren. Dann erinnere ich mich aber daran, dass ein Amerikaner nie aufgeben würde und ich jetzt hier nicht als Österreicher auf den amerikanischen Lebensstil schimpfen und gleichzeitig auf gut österreichisch aufgeben kann. Deshalb quäle ich mich weiter.
Oben dann die gewohnt schöne Aussicht. Ja, toll ist es hier und staunen muss man schon, dass es einen solchen Flecken Erde usw... Ein wenig versöhnt mich der Blick ins Tal wieder mit meiner Heimat. Noch einmal kommt mir der Sachse in den Sinn, der die Jaga-Alm nur deshalb verfehlt hat, weil er den unwahrscheinlicheren Abstieg gewählt hat. Weil er eine Route gewählt hat, die sonst niemand wählt, ja, die die wenigsten überhaupt finden. Und Sachsen, die in unseren Wäldern unwahrscheinliche Wege beschreiten, gehören zu der Heimat genauso dazu wie der schöne Blick ins Tal und die geheimnisvollen Gerüche des Waldes. Dass das Fremde zur Heimat gehört, das wissen nur die Bergmenschen in den Tourismusgebieten. Und mag auch der eine oder andere darüber schimpfen, bestreiten kann es keiner, denke ich mir und beginne meinen knieweichen Abstieg.
Wieder unten angekommen, sitze ich erneut am Balkon und starre auf die Berge. „Das Erhabene!“, denke ich mir und muss lachen, weil ich immer an Immanuel Kant denken muss, wenn ich an „das Erhabene“ denke (was bei Gott nicht oft der Fall ist!). Und dann fällt mir ein, wie dieser Kant einmal behauptet hat, dass es überhaupt nur zwei Dinge gebe, die sein Herz berühren oder was auch immer: „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“, so er. Ich lache über die pathetische Übertriebenheit seines Satzes, obwohl mir klar ist, dass ich gerade auf die Berge schaue wie der Kant damals auf die Sterne und irgendetwas fühle. Auch, wenn es nicht das „moralische Gesetz in mir“ ist, ist es irgendetwas Wichtiges, etwas Beruhigendes. „Der Kant, der alte Depp“, sage ich mir. „Wenn der je aus Königsberg hinaus gekommen wäre und die Berge gesehen hätte, dann wäre ihm das moralische Gesetz auch wurscht gewesen.“
Und weil ich mich selbst dabei ertappe, wie ich in Gedanken Berge und Heimat mit dem Kant vermische, habe ich das Gefühl, wieder zu Hause und irgendwie bei mir selbst angekommen zu sein. Und das erheitert mich genauso wie es mich be(un)ruhigt.
Montag, 5. September 2011
Savannah - Herz des Südens
In Savannah findet man das Herz des Südens: Es ist heiß, es ist schwül, die Häuser sind alt, die Pflanzen bedrohlich, es gibt jede Menge Fisch und Alkohol, beides wird in ansprechenden Kneipen serviert, und es gibt hier mehr Schwarze. Außerdem spukt es in den Häusern - das behaupten jedenfalls die Bewohner. Ob sie das selbst auch wirklich glauben, oder ob damit nur das Geschäft mit den Geister-Touristen angekurbelt werden soll, sei dahingestellt. Manche meinen, es seien die Seelen der vielen Sklaven, die diese Stadt einst beherbergt hat, welche keine Ruhe finden und die jetzigen Einwohner von Savannah immer noch plagen. "Selbst schuld!", ruft da der fälschlicherweise seine Hände in Unschuld waschen zu können glaubende Kontinentaleuropäer, "Hättet ihr sie nicht gequält, würden sie euch jetzt in Ruhe lassen!"
So beruhigen sich die noch in ihren lebendigen Körpern steckenden Seelen Savannahs mit Festen und einem Lebensstil, der an Romantik vielleicht von keiner anderen Stadt der USA zu überbieten ist. Ich spreche nicht von einer erotischen oder einer verträumten Nachtromantik, sondern von der Romantik des alten Südens. Diese Romantik hängt träge in der feuchtwarmen Sommerluft; fad neigen sich unter ihr die Bäume gen Boden, das spanische Moos in ihnen hängt wie das fransige Haar einer Greisin herab, als wolle es uns sagen, dass hier alles zu spät ist, dass sich hier nichts mehr rühren mag. Im gelbgrauen Licht eines späten Sonntag Nachmittags wandert man hier zwischen Parks und Alleen herum, ist unschlüssig, ob man dieses Städtchen ausgestorben oder quicklebendig nennen soll. Einerseits wirkt es wie ein Museum des amerikanischen Optimismus, andererseits verweist es augenzwinkernd auf seine schicke Anachronie und wird so zu einem hippen, postmodernen, subversiven Überbleibsel. Davon zeugen die vielen kleinen Galerien und Shops von lokalen KünstlerInnen, der Einfluss des Savannah College of Art and Design auf das soziale Gefüge und die Topografie der Stadt sowie das laissez-faire, das sonst in den USA so selten zu finden ist, weil so etwas den Amerikanern verdächtig ist und - vielleicht aufgrund seines französischen Ursprungs - sowieso nicht ernst genommen wird.
Und doch stehen da die vielen alten Häuser als Zeugen eines "imperialen Lebensstils" - Mahnmale der Sklaven- und Plantagenwirtschaft, des auserbeuteten Reichtums, des Traums vom alten Süden. So viele bekannte und wichtige Persönlichkeiten waren hier bzw. wurden gar hier geboren und/oder begraben. Damit gehen die Amerikaner aber fürchterlich locker um. Zur Geschichte ihrer Stadt haben sie eine Haltung, die irgendwo im weiten Feld zwischen österreichischer Wurschtigkeit und preußischer Wichtigtuerei lümmelt. Freilich ist man irgendwie stolz auf die Stadt - aber irgendwie ist das auch alles egal. Am deutlichsten merkt man dies auf Tybee Island, einer herzigen Insel nahe Savannah. Dort sind die Leute noch lässiger und lockerer als in Kalifornien, und dies mit einer angenehm unaufdringlichen Selbstverständlichkeit, die den sonst so ausgewiesen zwanglosen Westküstlern fehlt. Das hat nicht dieses Hoppsige, zappelig Surferhafte oder ultracool Relaxte. Es ist so unbetont selbstgenügsam, ohne arrogant zu wirken, was es sympathisch und authentisch macht.
Savannah, das ist Anti-Las-Vegas, das ist Authentizität ohne Aufpreis. Es ist klein und unaufgeregt, ohne dabei langweilig und vorhersehbar uninteressant zu sein. Savannah ist eine Perle, die man in den USA lange suchen muss und an der man mehr ihre Seltenheit als ihren Glanz schätzt. Da muss ich unbedingt wieder hin! Zuerst aber muss ich unbedingt wieder nach New York...
So beruhigen sich die noch in ihren lebendigen Körpern steckenden Seelen Savannahs mit Festen und einem Lebensstil, der an Romantik vielleicht von keiner anderen Stadt der USA zu überbieten ist. Ich spreche nicht von einer erotischen oder einer verträumten Nachtromantik, sondern von der Romantik des alten Südens. Diese Romantik hängt träge in der feuchtwarmen Sommerluft; fad neigen sich unter ihr die Bäume gen Boden, das spanische Moos in ihnen hängt wie das fransige Haar einer Greisin herab, als wolle es uns sagen, dass hier alles zu spät ist, dass sich hier nichts mehr rühren mag. Im gelbgrauen Licht eines späten Sonntag Nachmittags wandert man hier zwischen Parks und Alleen herum, ist unschlüssig, ob man dieses Städtchen ausgestorben oder quicklebendig nennen soll. Einerseits wirkt es wie ein Museum des amerikanischen Optimismus, andererseits verweist es augenzwinkernd auf seine schicke Anachronie und wird so zu einem hippen, postmodernen, subversiven Überbleibsel. Davon zeugen die vielen kleinen Galerien und Shops von lokalen KünstlerInnen, der Einfluss des Savannah College of Art and Design auf das soziale Gefüge und die Topografie der Stadt sowie das laissez-faire, das sonst in den USA so selten zu finden ist, weil so etwas den Amerikanern verdächtig ist und - vielleicht aufgrund seines französischen Ursprungs - sowieso nicht ernst genommen wird.
Und doch stehen da die vielen alten Häuser als Zeugen eines "imperialen Lebensstils" - Mahnmale der Sklaven- und Plantagenwirtschaft, des auserbeuteten Reichtums, des Traums vom alten Süden. So viele bekannte und wichtige Persönlichkeiten waren hier bzw. wurden gar hier geboren und/oder begraben. Damit gehen die Amerikaner aber fürchterlich locker um. Zur Geschichte ihrer Stadt haben sie eine Haltung, die irgendwo im weiten Feld zwischen österreichischer Wurschtigkeit und preußischer Wichtigtuerei lümmelt. Freilich ist man irgendwie stolz auf die Stadt - aber irgendwie ist das auch alles egal. Am deutlichsten merkt man dies auf Tybee Island, einer herzigen Insel nahe Savannah. Dort sind die Leute noch lässiger und lockerer als in Kalifornien, und dies mit einer angenehm unaufdringlichen Selbstverständlichkeit, die den sonst so ausgewiesen zwanglosen Westküstlern fehlt. Das hat nicht dieses Hoppsige, zappelig Surferhafte oder ultracool Relaxte. Es ist so unbetont selbstgenügsam, ohne arrogant zu wirken, was es sympathisch und authentisch macht.
Savannah, das ist Anti-Las-Vegas, das ist Authentizität ohne Aufpreis. Es ist klein und unaufgeregt, ohne dabei langweilig und vorhersehbar uninteressant zu sein. Savannah ist eine Perle, die man in den USA lange suchen muss und an der man mehr ihre Seltenheit als ihren Glanz schätzt. Da muss ich unbedingt wieder hin! Zuerst aber muss ich unbedingt wieder nach New York...
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