Jedes Jahr dasselbe: Es schneit, und sofort posten alle Zeugen dieses Naturvorgangs es auf Facebook. Dann kommen die Schlaumeier, die sagen, man müsse Schneefotos nicht dauernd auf Facebook posten, weil jeder selber aus dem Fenster sehen könne. Als ob Schneefotos das Schlimmste wären, was man täglich so auf Facebook findet. "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!". Das lese ich täglich 350 Mal auf Facebook, und über diesen sinnleeren Satz hat sich noch nie jemand aufgeregt. Wahrscheinlich weil sie alle damit beschäftigt sind, ihren Traum zu leben - auf Facebook.
Dabei ist die Freude, die Menschen empfinden, wenn sie den ersten Schnee der Saison sehen, wenigstens noch etwas Echtes: die kindliche Glückseligkeit beim Anblick des wunderbaren Weiß. Lasst doch die Leute Schneefotos posten! Erstens sieht eben nicht jeder den Schnee, wenn er aus dem Fenster sieht. Schließlich ist der Witz an Facebook ja der, dass man da Sachen von Leuten sieht, die nicht unbedingt aus dem Nachbardorf kommen. Also freut sich vielleicht irgendein Schwarzwälder, bei dem es regnet, oder irgendein Australier, bei dem es grad unbarmherzig runterbrennt, über die Schneefotos der Pinzgauer.
Zweitens ist Schnee - solange wir ihn noch bekommen - etwas Magisches. Über Nacht verwandelt sich die Welt in eine einzige weiße Pracht, es riecht anders, die Welt klingt anders, wenn man auf dem Schnee geht, knackt es. Das ist doch der reinste Kindheitstraum, den man jedes Jahr gratis wieder aufs Neue erlebt! Daher freuen sich die Leute über Schneefotos - zumindest zum Winterbeginn. Da kommt es selten vor, dass einer ein Schneefoto mit einem grantigen Smiley goutiert oder schlicht "wäh!" drunter schreibt.
Schnee ist schön, magisch und sinnvoll. Darf man ruhig auf Facebook posten, denn jedes einzelne Schneefoto ist besser als alle Postings von Felix Baumgartner zusammen!
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Dienstag, 8. November 2016
Dienstag, 12. Juli 2016
Der Schmittenwind
Nach einem heißen Sommertag, wenn sich die Sonne hinter der Schmittenhöhe versteckt und bloß noch das gesegnete Land der Thumersbacher von ihren warmen Strahlen behütet wird, kommen die Hunde wieder aus ihren Hütten gekrochen. (Ich meine tatsächlich die Tiere, nicht die illustren Bewohner des Schmittentals!) Einen ganzen Tag lang hat die Sonne in die Talsenke gebrannt, die großen Leiber der Kühe gewärmt und ihre Fladenauf den Wiesen trocknen lassen. Die letzte Seilbahn hat sich vor über einer Stunde über die Wälder und Gräben berghinan ziehen lassen. Auch das Schlagen der Autotüren und das Kratzen von deutschen Wanderstöcken auf dem Asphalt der Seilbahnparkplätze ist verklungen.
Kaum hat man sich von der drückenden Hitze erholt, einmal kurz aufgeatmet und die Sonnenschirme abgespannt, fangen auch schon die ersten Wiesenhalme an zu zittern. Er ist wieder da: Der Grund für so viele verkühlte Rücken, die Ursache für hunderte von Windschutzvorrichtungen auf allen Terrassen entland der Schmittenstraße, der Garant für unsere kühlen Nächte: Der Schmittenwind.
Dieser stellt sich verlässlich nach Sonnenuntergang ein und fegt über die steilen Hänge der Schmittenhöhe hinab und durch das Tal hindurch. Er pfeift um jede Hausecke, durch sämtliche Ritzen unserer Kleidung; ja nicht einmal ein richtiger Pinzgauer "Jancker" vermag der schroffen Kühle des Schmittenwindes standzuhalten.
Am Ende der Schmittenstraße angekommen zeichnet er sich verantwortlich für die Terrassengestaltung der Lokale entlang der Dreifaltigkeitsgasse. Keines kommt ohne Windschutz aus, denn in der DFG kanalisiert sich seine dämonische Kühle und sorgte wohl für allerlei entzündete Nierenbecken und steife Genicke, würde man ihm nicht durch massive Glaswände Herr. Am Stadtplatz zerstreut er sich dann, pfeift weiter um die Ecken und in die Ohren der Zeller hinein. Das Säuseln der Götter, die ihnen zuraunen, dass es jetzt Zeit wird, sich die Pullover über die Rücken zu werfen. Ehrfurchtsvoll murmeln die Bewehten "Oje, da Schmittenwind!", denn sie wissen, es droht der rheumatische Infekt! Schnell leeren sie ihre Gläser und flüchten in die Lokale hinein oder gleich ganz nach Hause.
Andere wiederum, die schon seit dem späteren Nachmittag dem Spritzwein frönen, bemerken die Kälte zwar, nehmen sie aber nur zum Anlass, um humorig festzustellen, dass jetzt wohl "der Daxer das Fenster aufg'mocht" habe - bezugnehmend auf jene Familie im hinteren Schmittental, denen im Jux nachgesagt wird, sie hätten durch das Öffnen und Schließen ihrer Türen und Fenster die Gewalt über das Wesen und Wirken des Schmittenwindes. Ich kann Ihnen glaubhaft versichern, dass dem nicht so ist, und wir selbst über die unglaublichsten Windschutzanlagen verfügen bzw. die bergseitig gelegenen Aufenthaltsbereiche außerhalb unserer Häuser nach 18 Uhr ganz einfach nicht mehr nutzen; zu unwirtlich ist das Klima, das der hundsgemeine katabatische Fallwind dort verursacht. Unsere Pflanzen sterben im Sommer jeden Abend den Kältetod, nur um am nächsten Morgen lazarusgleich wieder aus der Schmittenwindstarre zu erwachen!
Als Kind kam mir dieser Wind immer sehr gelegen. Denn einer der Vorteile der Schmitten ist es, dass man als Einzelkind dort relativ gut Fußball spielen konnte. Schließlich gab es nirgendwo gerade Flächen (mit Ausnahme der Seilbahnparkplätze), und so konnte man recht gut seinen Schuss trainieren, denn der Ball rollte geduldig über den Bichl wieder zurück. Mit dem Schmittenwind eröffnete sich zudem die Möglichkeit, das Flankenschlagen zu üben. Man konnte sich, freilich in Windjacke und Haube gehüllt, hervorragend selbst den Ball zuflanken, wenn man ihn nur gegen den angreifenden Schmittenwind schoss, der ihn zuverlässig zurückblies. So musste man nicht warten, bis die Schwerkraft den Ball müde über den geneigten Hang zurückrollen ließ, und konnte das Schlagen und Annehmen von Flankenbällen gleichzeitig üben. Dass trotzdem kein großer Fußballer aus mir geworden ist, schiebe ich heute nur auf die begrenzte Trainingszeit zwischen dem Aufkommen des Schmittenwindes und der damit fast zeitgleich einsetzenden Dämmerung.
Wenn unsere Sommer wirklich immer heißer werden, ist dieser Wind ein klimatisches Juwel. Denn trotz seiner Bissigkeit, wird er doch von Einheimischen und Touristen irgendwie geschätzt. "Es ist unglaublich!", sagte mir letztens ein Gast erstaunt, "Obwohl es heute so heiß war, ist es jetzt am Abend herrlich kühl geworden. Da brauchen Sie ja gar keine Klimaanlage in den Zimmern!" Ich nicke wissend und erzähle ihm dann von der besten aber auch gefährlichsten Klimaanlage der nördlichen Alpen - dem Schmittenwind!
Kaum hat man sich von der drückenden Hitze erholt, einmal kurz aufgeatmet und die Sonnenschirme abgespannt, fangen auch schon die ersten Wiesenhalme an zu zittern. Er ist wieder da: Der Grund für so viele verkühlte Rücken, die Ursache für hunderte von Windschutzvorrichtungen auf allen Terrassen entland der Schmittenstraße, der Garant für unsere kühlen Nächte: Der Schmittenwind.
Dieser stellt sich verlässlich nach Sonnenuntergang ein und fegt über die steilen Hänge der Schmittenhöhe hinab und durch das Tal hindurch. Er pfeift um jede Hausecke, durch sämtliche Ritzen unserer Kleidung; ja nicht einmal ein richtiger Pinzgauer "Jancker" vermag der schroffen Kühle des Schmittenwindes standzuhalten.
Am Ende der Schmittenstraße angekommen zeichnet er sich verantwortlich für die Terrassengestaltung der Lokale entlang der Dreifaltigkeitsgasse. Keines kommt ohne Windschutz aus, denn in der DFG kanalisiert sich seine dämonische Kühle und sorgte wohl für allerlei entzündete Nierenbecken und steife Genicke, würde man ihm nicht durch massive Glaswände Herr. Am Stadtplatz zerstreut er sich dann, pfeift weiter um die Ecken und in die Ohren der Zeller hinein. Das Säuseln der Götter, die ihnen zuraunen, dass es jetzt Zeit wird, sich die Pullover über die Rücken zu werfen. Ehrfurchtsvoll murmeln die Bewehten "Oje, da Schmittenwind!", denn sie wissen, es droht der rheumatische Infekt! Schnell leeren sie ihre Gläser und flüchten in die Lokale hinein oder gleich ganz nach Hause.
Andere wiederum, die schon seit dem späteren Nachmittag dem Spritzwein frönen, bemerken die Kälte zwar, nehmen sie aber nur zum Anlass, um humorig festzustellen, dass jetzt wohl "der Daxer das Fenster aufg'mocht" habe - bezugnehmend auf jene Familie im hinteren Schmittental, denen im Jux nachgesagt wird, sie hätten durch das Öffnen und Schließen ihrer Türen und Fenster die Gewalt über das Wesen und Wirken des Schmittenwindes. Ich kann Ihnen glaubhaft versichern, dass dem nicht so ist, und wir selbst über die unglaublichsten Windschutzanlagen verfügen bzw. die bergseitig gelegenen Aufenthaltsbereiche außerhalb unserer Häuser nach 18 Uhr ganz einfach nicht mehr nutzen; zu unwirtlich ist das Klima, das der hundsgemeine katabatische Fallwind dort verursacht. Unsere Pflanzen sterben im Sommer jeden Abend den Kältetod, nur um am nächsten Morgen lazarusgleich wieder aus der Schmittenwindstarre zu erwachen!
Als Kind kam mir dieser Wind immer sehr gelegen. Denn einer der Vorteile der Schmitten ist es, dass man als Einzelkind dort relativ gut Fußball spielen konnte. Schließlich gab es nirgendwo gerade Flächen (mit Ausnahme der Seilbahnparkplätze), und so konnte man recht gut seinen Schuss trainieren, denn der Ball rollte geduldig über den Bichl wieder zurück. Mit dem Schmittenwind eröffnete sich zudem die Möglichkeit, das Flankenschlagen zu üben. Man konnte sich, freilich in Windjacke und Haube gehüllt, hervorragend selbst den Ball zuflanken, wenn man ihn nur gegen den angreifenden Schmittenwind schoss, der ihn zuverlässig zurückblies. So musste man nicht warten, bis die Schwerkraft den Ball müde über den geneigten Hang zurückrollen ließ, und konnte das Schlagen und Annehmen von Flankenbällen gleichzeitig üben. Dass trotzdem kein großer Fußballer aus mir geworden ist, schiebe ich heute nur auf die begrenzte Trainingszeit zwischen dem Aufkommen des Schmittenwindes und der damit fast zeitgleich einsetzenden Dämmerung.
Wenn unsere Sommer wirklich immer heißer werden, ist dieser Wind ein klimatisches Juwel. Denn trotz seiner Bissigkeit, wird er doch von Einheimischen und Touristen irgendwie geschätzt. "Es ist unglaublich!", sagte mir letztens ein Gast erstaunt, "Obwohl es heute so heiß war, ist es jetzt am Abend herrlich kühl geworden. Da brauchen Sie ja gar keine Klimaanlage in den Zimmern!" Ich nicke wissend und erzähle ihm dann von der besten aber auch gefährlichsten Klimaanlage der nördlichen Alpen - dem Schmittenwind!
Freitag, 11. Dezember 2015
Vorweihnachtliches Potpourri
Als Kind kam mir das Märchen von der Frau Holle immer extrem plausibel vor. Was konnten diese dicken, zur Erde niedertanzenden Flocken anderes sein als quasi die Federn von der Frau Holle ihrer Tuchent? Leider hat die Geschichte von der Frau Holle schon lang das Zeitliche gesegnet. Nicht nur, weil die Vorstellung einer die Betten ausschüttelnden und im Himmel wohnenden Übermutter nicht mehr zeitgemäß ist und gendermäßig geradezu frivol erscheint. Vor allem, weil man im Dezember immer öfter aus dem Fenster schaut und meint, den Frühling hereingrinsen zu sehen, dessen Fratze zwischen regnerisch kühl und wohlig warm changiert und so ihre unzeitgemäße Bedrohlichkeit dem auf den Winter wartenden Erdenbürger Flüche gen Himmel schicken lässt.
Wie gut aber, dass heutzutage der Schibetrieb sichergestellt ist und die Gäste schon vor Weihnachten österliches Wetter genießen können. Frau Holle hat ausgedient - der Diplomingenieur Holle hat jetzt das Sagen! Dem Herrn Dipl.Ing. ist der Klimawandel nämlich wurscht, weil er kann auch bei Plusgraden Schnee produzieren! Vielleicht lässt er sich bald etwas einfallen, damit der bei Plusgraden erzeugte Schnee dann auch liegen bleibt, und überhaupt: Winter findet in den Köpfen der Menschen (vor allem der Skiliftbetreiber) statt!
Der der Winterschwindsucht verfallene Erdenbürger sucht indes Trost in Punsch und Glühwein, die man bei mildem Wetter auch lauwarm akzeptiert. Kuschelig steht man kurzärmelig am Weihnachtsmarkt und macht sich gegenseitig die Herzen auf, indem man Gruselgeschichten von Flüchtlingen und "Wintermärkten", die nicht mehr Weinachtsmärkte heißen dürfen, erzählt. Hat man auf Facebook gesehen! Früher, als es im Winter noch kalt war, und man schon Anfang Jänner im See einbrechen konnte, stand sowas wenigstens noch in der Kronen Zeitung! Ja, früher war alles anders: Da gab es winters noch einen Schnee und die Nachrichten hat man gelesen und nicht nur im Drüberscrollen gesehen.
Dann gibt es noch die, welche die stillste Zeit im Jahr nicht mit Weihnachtsstress verwechselt haben wollen, und ihre Freunde und Bekannten mahnen, nur ja in lokalen Geschäften zu kaufen, denn das Internet ist böse und das Christkind kauft auch nur im schlecht sortierten Einzelhandel. Am besten ist überhaupt, man bastelt selber was, auch wenn man dann die enttäuschten Gesichter der Familienmitglieder am Weinachtsabend aushalten muss. Wo man das Bastelzeug kauft, ist aber weiterhin Gewissensfrage und im Zweifelsfall kann man ja immer noch am Samstag Nachmittag nach Salzburg in den Europark fahren (not!).
Also: Lieber zu Hause bleiben, durch das Fenster aus dem überheizten Haus auf die grüne Wiese starren und ab und zu jemanden anrufen und sich mit ihm darüber streiten, was denn nun das einzig wahre Weihnachtsessen sei. Wir Pinzgauer, die mit Bachlkoch und Würstelsuppe antreten, werden da meist belächelt. Aber das Geringe als das eigentlich Überlegene ansehen: Das war schon immer unsere Stärke!
Frohe Weihnachten
Wie gut aber, dass heutzutage der Schibetrieb sichergestellt ist und die Gäste schon vor Weihnachten österliches Wetter genießen können. Frau Holle hat ausgedient - der Diplomingenieur Holle hat jetzt das Sagen! Dem Herrn Dipl.Ing. ist der Klimawandel nämlich wurscht, weil er kann auch bei Plusgraden Schnee produzieren! Vielleicht lässt er sich bald etwas einfallen, damit der bei Plusgraden erzeugte Schnee dann auch liegen bleibt, und überhaupt: Winter findet in den Köpfen der Menschen (vor allem der Skiliftbetreiber) statt!
Der der Winterschwindsucht verfallene Erdenbürger sucht indes Trost in Punsch und Glühwein, die man bei mildem Wetter auch lauwarm akzeptiert. Kuschelig steht man kurzärmelig am Weihnachtsmarkt und macht sich gegenseitig die Herzen auf, indem man Gruselgeschichten von Flüchtlingen und "Wintermärkten", die nicht mehr Weinachtsmärkte heißen dürfen, erzählt. Hat man auf Facebook gesehen! Früher, als es im Winter noch kalt war, und man schon Anfang Jänner im See einbrechen konnte, stand sowas wenigstens noch in der Kronen Zeitung! Ja, früher war alles anders: Da gab es winters noch einen Schnee und die Nachrichten hat man gelesen und nicht nur im Drüberscrollen gesehen.
Dann gibt es noch die, welche die stillste Zeit im Jahr nicht mit Weihnachtsstress verwechselt haben wollen, und ihre Freunde und Bekannten mahnen, nur ja in lokalen Geschäften zu kaufen, denn das Internet ist böse und das Christkind kauft auch nur im schlecht sortierten Einzelhandel. Am besten ist überhaupt, man bastelt selber was, auch wenn man dann die enttäuschten Gesichter der Familienmitglieder am Weinachtsabend aushalten muss. Wo man das Bastelzeug kauft, ist aber weiterhin Gewissensfrage und im Zweifelsfall kann man ja immer noch am Samstag Nachmittag nach Salzburg in den Europark fahren (not!).
Also: Lieber zu Hause bleiben, durch das Fenster aus dem überheizten Haus auf die grüne Wiese starren und ab und zu jemanden anrufen und sich mit ihm darüber streiten, was denn nun das einzig wahre Weihnachtsessen sei. Wir Pinzgauer, die mit Bachlkoch und Würstelsuppe antreten, werden da meist belächelt. Aber das Geringe als das eigentlich Überlegene ansehen: Das war schon immer unsere Stärke!
Frohe Weihnachten
Mittwoch, 3. Juni 2015
An der Hausmauer sitzend
Der Plamberger Loisl sitzt gerne vor seinem Haus, genauer auf der Terrasse vor seinem Haus, an die Hausmauer gelehnt, die sich an warmen Sonnentagen dermaßen aufheizt, dass es den Loisl daran erinnert, wie er sich früher immer an den abkühlenden Backofen der Mutter gelehnt hat, weil es ihm zwar an menschlicher, nie aber an elektrischer Wärme gefehlt hat. Eine schöne Kindheit war das. An der Mauer also sitzend und die wohlige Wärme genießend, schaut er auf die rumpelige Straße, auf der sich, weil sie so steil ist, im Winter die Holländer und im Sommer die Araber abmühen. Die Holländer im Winter, weil es so glatt ist, und sie aber zum Apartmenthaus am Ende der Straße müssen; Die Araber im Sommer, weil das Navigationsgerät sie auf so unwegsames Gelände geführt hat und sie jetzt nur noch Allah oder der Prophet höchstpersönlich im Gewande eines österreichischen Feuerwehrautos aus ihrer misslichen Lage befreien kann.
Der Loisl, der im Winter nur selten vor der Türe sitzt, sondern lieber drinnen am Fenster, von wo aus er die gleiche Aussicht auf die rumpelige Bergstraße hat wie an der Hausmauer auf der Terrasse, nimmt das Theater, welches sich auf besagter Straße sommers wie winters abspielt, gelassen hin. Man vermag es gar nicht zu beurteilen, ob er es überhaupt wahrnimmt, denn meist sagt der Loisl nicht viel, sondern schaut nur verzwickt (das hat er von seinem Großvater gelernt, der, man glaube es den übrigen Zellern, der Weltmeister im Verzwickt-Schauen war). Wenn er etwas sagt, dann sagt er nur "mhm" oder "hmm", je nach Laune mehr aus der Nase heraus (gut gelaunt) bzw. mehr aus dem unteren Kehlbereich heraus (schlecht gelaunt). Dazu schüttelt er oft den Kopf - nicken hat man den Plamberger Loisl nur selten gesehen. Denn wenn er eine Frage wortlos bejaht, kippt sein Kopf nur zustimmend auf seine Brust, hebt sich aber nicht mehr. In diesem Falle von einem vollwertigen Nicken zu sprechen, wäre der Beobachtung nicht gerecht.
Früher hat er das Kopfschütteln geübt, als er mit dem Rücken gegen den Backofen gelehnt saß und dabei versuchte, seine Ohren abwechselnd zu wärmen. Kopf nach links - linkes Ohr warm; Kopf nach rechts - rechtes Ohr warm, linkes aber schon wieder kühl; schnell wechseln...
Seine Mutter hat ihr an den Backofen gelehnt sitzendes und den Kopf wild hin und her werfendes Kind nur verständnislos angesehen, dabei selbst den Kopf geschüttelt und ihm gesagt, wenn es so weiter tue, bliebe ihm das Kopfschütteln irgendwann. Einmal haben sie in der Stadt ein altes Männlein gesehen, das den Kopf beim Gehen ständig geschüttelt hat, damit, einer pessimistischen Taube gleich, aber aufhörte, als es still stand. Des Loisls Mutter zeigte mit dem Finger auf das Männlein und verkündete ihrem Sohn: "Schau, Loisl, so wirst du auch einmal!" Da schauderte es dem Knaben.
Der Loisl ist letztlich doch nicht so geworden, weil das Kopfschütteln bei ihm keine motorische, neurologische oder eine andere körperliche Störung ist. Es ist bloßer Ausdruck eines innergebirglerischen Weltekels, den zu lindern nur die warme, sommerliche Hausmauer im Stande ist. Daher schüttelt der Lois im Winter häufiger den Kopf und im Sommer dann besonders oft, wenn er - was selten genug vorkommt - sein Haus verlässt oder es "Araberwetter" hat: So nennt man kühles und regnerisches Sommerwetter in Zell am See gerne.
Dem Loisl sind die Araber wurscht, genauso wie die Holländer. Er schüttelt bei beiden den Kopf, und zwar genauso verächtlich, wie wenn der Apartment-Besitzer in dem übermotorisierten Sportwagen vorbeifährt, mit dem er im Winter nie den Berg rauf kommt, weil das Auto Heckantrieb hat und die computergesteuerten Fahrassistenz-Programme den Kasatschok tanzen, wenn der Fahrer den Wagen über die eisige Rumpelstraße lenkt. Keine Laborbedingungen für deutsche Sportwagen sind das! Wenn das der deutsche Ingenieur sehen könnte, er würde den Kopf genauso schütteln wie der Lois, der dazu noch "mhmm" macht. Ein "mhmm", das ganz tief unten in der Kehle gurgelt. Für den Apartment-Besitzer, der eh bloß zwei Mal im Jahr für ein paar Tage nach Zell kommt, ist das nur ein weiterer Grund, sich vielleicht doch so einen schicken englischen Geländewagen anzuschaffen. Der wird dem Loisl nur ein amüsiertes "hm!" wert sein.
Eigentlich ist dem Loisl alles wurscht. Man nennt das Resignation - der Loisl sagt aber Zufriedenheit dazu. "I bin z'friedn", sagt er, wenn er danach gefragt wird, wie es ihm ginge. Ob das jetzt Understatement oder eine krasse Fehleinschätzung ist, weiß niemand so genau. Tatsächlich aber kann man, wenn man am Haus vom Loisl vorbei die rumpelige Bergstraße hinauf fährt, fast ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht erkennen. An einem warmen Sommertag, versteht sich; wenn der Loisl an der Hausmauer lehnt, den Kopf nach hinten gekippt, und ein bisschen schläft. Wenn er vom Backofen der Mutter träumt und wie fein alles war und eigentlich noch immer ist. Meist wacht er kurz auf, wenn die Reifen auf dem Schotter durchdrehen oder die Stoßdämpfer ob der gemeinen Schlaglöcher stöhnen. Dann blinzelt er, macht "hmm" und schüttelt den Kopf.
Der Loisl, der im Winter nur selten vor der Türe sitzt, sondern lieber drinnen am Fenster, von wo aus er die gleiche Aussicht auf die rumpelige Bergstraße hat wie an der Hausmauer auf der Terrasse, nimmt das Theater, welches sich auf besagter Straße sommers wie winters abspielt, gelassen hin. Man vermag es gar nicht zu beurteilen, ob er es überhaupt wahrnimmt, denn meist sagt der Loisl nicht viel, sondern schaut nur verzwickt (das hat er von seinem Großvater gelernt, der, man glaube es den übrigen Zellern, der Weltmeister im Verzwickt-Schauen war). Wenn er etwas sagt, dann sagt er nur "mhm" oder "hmm", je nach Laune mehr aus der Nase heraus (gut gelaunt) bzw. mehr aus dem unteren Kehlbereich heraus (schlecht gelaunt). Dazu schüttelt er oft den Kopf - nicken hat man den Plamberger Loisl nur selten gesehen. Denn wenn er eine Frage wortlos bejaht, kippt sein Kopf nur zustimmend auf seine Brust, hebt sich aber nicht mehr. In diesem Falle von einem vollwertigen Nicken zu sprechen, wäre der Beobachtung nicht gerecht.
Früher hat er das Kopfschütteln geübt, als er mit dem Rücken gegen den Backofen gelehnt saß und dabei versuchte, seine Ohren abwechselnd zu wärmen. Kopf nach links - linkes Ohr warm; Kopf nach rechts - rechtes Ohr warm, linkes aber schon wieder kühl; schnell wechseln...
Seine Mutter hat ihr an den Backofen gelehnt sitzendes und den Kopf wild hin und her werfendes Kind nur verständnislos angesehen, dabei selbst den Kopf geschüttelt und ihm gesagt, wenn es so weiter tue, bliebe ihm das Kopfschütteln irgendwann. Einmal haben sie in der Stadt ein altes Männlein gesehen, das den Kopf beim Gehen ständig geschüttelt hat, damit, einer pessimistischen Taube gleich, aber aufhörte, als es still stand. Des Loisls Mutter zeigte mit dem Finger auf das Männlein und verkündete ihrem Sohn: "Schau, Loisl, so wirst du auch einmal!" Da schauderte es dem Knaben.
Der Loisl ist letztlich doch nicht so geworden, weil das Kopfschütteln bei ihm keine motorische, neurologische oder eine andere körperliche Störung ist. Es ist bloßer Ausdruck eines innergebirglerischen Weltekels, den zu lindern nur die warme, sommerliche Hausmauer im Stande ist. Daher schüttelt der Lois im Winter häufiger den Kopf und im Sommer dann besonders oft, wenn er - was selten genug vorkommt - sein Haus verlässt oder es "Araberwetter" hat: So nennt man kühles und regnerisches Sommerwetter in Zell am See gerne.
Dem Loisl sind die Araber wurscht, genauso wie die Holländer. Er schüttelt bei beiden den Kopf, und zwar genauso verächtlich, wie wenn der Apartment-Besitzer in dem übermotorisierten Sportwagen vorbeifährt, mit dem er im Winter nie den Berg rauf kommt, weil das Auto Heckantrieb hat und die computergesteuerten Fahrassistenz-Programme den Kasatschok tanzen, wenn der Fahrer den Wagen über die eisige Rumpelstraße lenkt. Keine Laborbedingungen für deutsche Sportwagen sind das! Wenn das der deutsche Ingenieur sehen könnte, er würde den Kopf genauso schütteln wie der Lois, der dazu noch "mhmm" macht. Ein "mhmm", das ganz tief unten in der Kehle gurgelt. Für den Apartment-Besitzer, der eh bloß zwei Mal im Jahr für ein paar Tage nach Zell kommt, ist das nur ein weiterer Grund, sich vielleicht doch so einen schicken englischen Geländewagen anzuschaffen. Der wird dem Loisl nur ein amüsiertes "hm!" wert sein.
Eigentlich ist dem Loisl alles wurscht. Man nennt das Resignation - der Loisl sagt aber Zufriedenheit dazu. "I bin z'friedn", sagt er, wenn er danach gefragt wird, wie es ihm ginge. Ob das jetzt Understatement oder eine krasse Fehleinschätzung ist, weiß niemand so genau. Tatsächlich aber kann man, wenn man am Haus vom Loisl vorbei die rumpelige Bergstraße hinauf fährt, fast ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht erkennen. An einem warmen Sommertag, versteht sich; wenn der Loisl an der Hausmauer lehnt, den Kopf nach hinten gekippt, und ein bisschen schläft. Wenn er vom Backofen der Mutter träumt und wie fein alles war und eigentlich noch immer ist. Meist wacht er kurz auf, wenn die Reifen auf dem Schotter durchdrehen oder die Stoßdämpfer ob der gemeinen Schlaglöcher stöhnen. Dann blinzelt er, macht "hmm" und schüttelt den Kopf.
Donnerstag, 18. September 2014
Das Point - ein Abschied
Es gab da ein Lokal in Zell, das hätte es eigentlich gar nicht geben dürfen. Ein Lokal wie eine Überraschung, eine klitzekleine Offenbarung, ein alltägliches Kleinod. Dementsprechend bescheiden nannte man es auch das "Point". Einfach ein Punkt - nicht mehr, aber gottlob auch nicht weniger!
In der Schule hatte ich einen fleißigen Mathematik-Professor. Er war für die Mittelschule vielleicht ein wenig überqualifiziert; jedenfalls versuchte er uns nicht bloß Mathematik beizubringen, sondern Denken im Allgemeinen. Das ist schwierig für Kinder. Denken ist nämlich überhaupt das Schwierigste, was ein Mensch lernen kann. Und doch tut es jeder tagtäglich - und oft auch allzu selbstverständlich.
Dieser Professor jedenfalls führte uns in die hohe Kunst der Geometrie ein, indem er mit uns eine Schulstunde lang darüber diskutierte, was denn eigentlich ein Punkt sei. Nach vielem hin und her durften wir uns einen der wichtigsten Merksätze unserer Schulkarriere in das Schulübungsheft schreiben. Freilich war uns das damals überhaupt nicht bewusst und wir hielten den Satz für hochgradig lächerlich. Er lautete: "Ein Punkt ist das, was sich jeder halbwegs intelligente Schüler darunter vorstellt."
So gilt auch für dieses Lokal, das sich nach dem abstrakten Begriff des Punkts benannt hat, ähnliches: Das Point war all das, was sich seine Gäste darunter vorstellten. Daher kam es, dass es zu einem Lokal wurde, in dem man an einem Abend die gescheitesten Leute traf, und an einem anderen Abend die wahnsinnigsten. Und oft genug war man einfach nicht in der Lage, den Unterschied zwischen den beiden festzustellen. So war das Point ein Kulminationspunkt von Genie und Wahnsinn, von Herzlichkeit und Eigensinn, von Gastlichkeit und saurer Thekenfeindschaft. Einfach hatte man es in dem Lokal weder als Gast noch als Gastgeber- aber angenehm, das war es doch immer!
Es war so angenehm, dass sogar der größte Menschenfeind, den das Zeller Nachtleben zu bieten hatte, regelmäßig dorthin flüchtete. Der Puffer Willi schimpfte dort über die sogenannte Partygesellschaft in den Zeller Mainstream-Lokalen, wünschte sich allerlei wilde Musik oder ging ganz einfach nur aufs Klo. Ja, das Point war auch ein Fluchtpunkt. Nicht selten fand ich mich dort ein, um dem Trubel, der sonstwo herrschte, entfliehen zu können. In Ruhe ein Bierchen trinken, tatsächlich mal mit Menschen reden, und sich nicht bloß unterhalten, wozu es ja in vielen Fällen gar keiner Worte bedurfte.
Es war das Point überhaupt ein Lokal der Worte und nicht der Wörter. Selbstverständlich haben wir auch im Point viel Blödsinn geredet. Aber nirgendwo sonst musste man so auf seine Worte achten. Da war es zum Beispiel nicht egal, ob man Respekt oder Ehrfurcht vor etwas hatte; nichts konnte einfach so dahin gesagt werden. Da mussten erst einmal die Begriffe geklärt werden, bevor man über irgendetwas überhaupt eine Aussage machen konnte. Das schöne daran war, dass untypischerweise gar nicht immer ich an solchen Diskussionen "Schuld" war, sondern sich das ganz natürlich ergab.
Bierernst ging es dabei nie zu. Das war überhaupt das Wichtigste am Point: Jeder wurde ernst genommen - aber nicht um jeden Preis. Über allem hing der Zweifel im Gewand des Schmähs, und doch regierte nie Zynismus, sondern immer das freundschaftliche Augenzwinkern. So konnte man an nur einem Abend einmal darüber diskutieren, ob sich die Kunst nun nach dem Leben zu richten hatte, oder es nicht vielmehr umgekehrt war; und nur eine Stunde später führte man eine leidenschaftliche Diskussion darüber, ob Daniel Craig überhaupt ein legitimer Bond-Darsteller sein könne. So kurios das jetzt für manche klingen mag: Man fühlte sich dabei nicht auch nur eine Sekunde lächerlich.
Nein, wir hatten es hier nicht mit einem elitären Separee für Schöngeister zu tun. Ich möchte behaupten: Ganz im Gegenteil! Aber nur weil man in einem Lokal steht und ein Bier in der Hand hält, muss ja der Geist nicht ruhen. Er kann - aber er muss eben nicht! Und nur, weil er nicht ruht, muss das wiederum nicht heißen, dass es kompliziert und ungemütlich zu werden hat. Es hat schon immer wieder jemand zur rechten Zeit eine "zwickspähe" Bemerkung gemacht, die uns nicht vergessen ließ, dass wir hier eigentlich in einer Bar sind und ruhig auch einmal ein bisschen deppert sein können.
Weil es wirklich anders war, als alles andere: Deswegen sind wir hier reingekommen. Dass es nun nicht mehr da ist, ist schade. Aber wie sehr es uns abgeht, das werden wir erst in ein paar Monaten merken, wenn irgendetwas in uns sich rührt und uns Lust macht auf einen Abend im Point. Auf einen Abend, an dem man nicht weiß, was passieren wird oder ob überhaupt etwas passieren wird. Auf einen Abend, von dem man sich nichts erwartet, den man hinterher in keiner Weise bereut und von dem man froh ist, dass es ihn gegeben hat.
Danke Jana und danke Anselm für die letzten Jahre. Danke, dass ihr euer Lokal für uns geöffnet habt, auf dass wir hinein gingen und uns erfreuten. Danke für die persönliche Betreuung, die uns nie das Gefühl gegeben hat, dass wir hier "nur" zu Gast waren. Danke, dass wir von einander als Freunde denken dürfen. Denn wir vermissen vielleicht dieses Lokal, das es eigentlich nie geben hätte sollen, weil Zell oft kein Platz für solche liebenswürdigen Absonderlichkeiten zu sein scheint. Aber ihr bleibt uns ja hoffentlich erhalten!
In der Schule hatte ich einen fleißigen Mathematik-Professor. Er war für die Mittelschule vielleicht ein wenig überqualifiziert; jedenfalls versuchte er uns nicht bloß Mathematik beizubringen, sondern Denken im Allgemeinen. Das ist schwierig für Kinder. Denken ist nämlich überhaupt das Schwierigste, was ein Mensch lernen kann. Und doch tut es jeder tagtäglich - und oft auch allzu selbstverständlich.
Dieser Professor jedenfalls führte uns in die hohe Kunst der Geometrie ein, indem er mit uns eine Schulstunde lang darüber diskutierte, was denn eigentlich ein Punkt sei. Nach vielem hin und her durften wir uns einen der wichtigsten Merksätze unserer Schulkarriere in das Schulübungsheft schreiben. Freilich war uns das damals überhaupt nicht bewusst und wir hielten den Satz für hochgradig lächerlich. Er lautete: "Ein Punkt ist das, was sich jeder halbwegs intelligente Schüler darunter vorstellt."
So gilt auch für dieses Lokal, das sich nach dem abstrakten Begriff des Punkts benannt hat, ähnliches: Das Point war all das, was sich seine Gäste darunter vorstellten. Daher kam es, dass es zu einem Lokal wurde, in dem man an einem Abend die gescheitesten Leute traf, und an einem anderen Abend die wahnsinnigsten. Und oft genug war man einfach nicht in der Lage, den Unterschied zwischen den beiden festzustellen. So war das Point ein Kulminationspunkt von Genie und Wahnsinn, von Herzlichkeit und Eigensinn, von Gastlichkeit und saurer Thekenfeindschaft. Einfach hatte man es in dem Lokal weder als Gast noch als Gastgeber- aber angenehm, das war es doch immer!
Es war so angenehm, dass sogar der größte Menschenfeind, den das Zeller Nachtleben zu bieten hatte, regelmäßig dorthin flüchtete. Der Puffer Willi schimpfte dort über die sogenannte Partygesellschaft in den Zeller Mainstream-Lokalen, wünschte sich allerlei wilde Musik oder ging ganz einfach nur aufs Klo. Ja, das Point war auch ein Fluchtpunkt. Nicht selten fand ich mich dort ein, um dem Trubel, der sonstwo herrschte, entfliehen zu können. In Ruhe ein Bierchen trinken, tatsächlich mal mit Menschen reden, und sich nicht bloß unterhalten, wozu es ja in vielen Fällen gar keiner Worte bedurfte.
Es war das Point überhaupt ein Lokal der Worte und nicht der Wörter. Selbstverständlich haben wir auch im Point viel Blödsinn geredet. Aber nirgendwo sonst musste man so auf seine Worte achten. Da war es zum Beispiel nicht egal, ob man Respekt oder Ehrfurcht vor etwas hatte; nichts konnte einfach so dahin gesagt werden. Da mussten erst einmal die Begriffe geklärt werden, bevor man über irgendetwas überhaupt eine Aussage machen konnte. Das schöne daran war, dass untypischerweise gar nicht immer ich an solchen Diskussionen "Schuld" war, sondern sich das ganz natürlich ergab.
Bierernst ging es dabei nie zu. Das war überhaupt das Wichtigste am Point: Jeder wurde ernst genommen - aber nicht um jeden Preis. Über allem hing der Zweifel im Gewand des Schmähs, und doch regierte nie Zynismus, sondern immer das freundschaftliche Augenzwinkern. So konnte man an nur einem Abend einmal darüber diskutieren, ob sich die Kunst nun nach dem Leben zu richten hatte, oder es nicht vielmehr umgekehrt war; und nur eine Stunde später führte man eine leidenschaftliche Diskussion darüber, ob Daniel Craig überhaupt ein legitimer Bond-Darsteller sein könne. So kurios das jetzt für manche klingen mag: Man fühlte sich dabei nicht auch nur eine Sekunde lächerlich.
Nein, wir hatten es hier nicht mit einem elitären Separee für Schöngeister zu tun. Ich möchte behaupten: Ganz im Gegenteil! Aber nur weil man in einem Lokal steht und ein Bier in der Hand hält, muss ja der Geist nicht ruhen. Er kann - aber er muss eben nicht! Und nur, weil er nicht ruht, muss das wiederum nicht heißen, dass es kompliziert und ungemütlich zu werden hat. Es hat schon immer wieder jemand zur rechten Zeit eine "zwickspähe" Bemerkung gemacht, die uns nicht vergessen ließ, dass wir hier eigentlich in einer Bar sind und ruhig auch einmal ein bisschen deppert sein können.
Weil es wirklich anders war, als alles andere: Deswegen sind wir hier reingekommen. Dass es nun nicht mehr da ist, ist schade. Aber wie sehr es uns abgeht, das werden wir erst in ein paar Monaten merken, wenn irgendetwas in uns sich rührt und uns Lust macht auf einen Abend im Point. Auf einen Abend, an dem man nicht weiß, was passieren wird oder ob überhaupt etwas passieren wird. Auf einen Abend, von dem man sich nichts erwartet, den man hinterher in keiner Weise bereut und von dem man froh ist, dass es ihn gegeben hat.
Danke Jana und danke Anselm für die letzten Jahre. Danke, dass ihr euer Lokal für uns geöffnet habt, auf dass wir hinein gingen und uns erfreuten. Danke für die persönliche Betreuung, die uns nie das Gefühl gegeben hat, dass wir hier "nur" zu Gast waren. Danke, dass wir von einander als Freunde denken dürfen. Denn wir vermissen vielleicht dieses Lokal, das es eigentlich nie geben hätte sollen, weil Zell oft kein Platz für solche liebenswürdigen Absonderlichkeiten zu sein scheint. Aber ihr bleibt uns ja hoffentlich erhalten!
Unter das Lokal allerdings müssen wir dieses Wochenende den allerletzten Punkt setzen
oder das, was sich jeder halbwegs intelligente Mensch darunter vorstellt
Samstag, 19. Juli 2014
Die Causa Nepomuk
Grausiges ereignete sich kürzlich in einer Sommernacht in Zell am See. Bisher unbekannte Vandalen vergingen sich an unserem schönen Stadtbrunnen und stürzten die Statue, die von vielen liebevoll "Nepomuk" genannt wird, samt dem Sockel um. Dabei wurde auch noch der Rand des Brunnens beschädigt. Ein trauriger Anblick, dieser in hundert Teile zersprungene Marmor-Nepomuk am Boden des Zeller Stadtplatzes. Die Zeller sind böse und naturgemäß ranken sich wilde Gerüchte darum, wer zu so einer Bosheit fähig sein könnte. Hier zwei mögliche Erklärungen und wie es gewesen sein könnte:
"Das waren bestimmt Einheimische", sagen die einen, und meinen damit eine besonders grimmige Spezies, nämlich die Oberpinzgauer. Denn ein Zeller würde sowas nie machen. Die Oberpinzgauer aber, die sind zu sowas fähig! Die reißen aus Neid auf die Zeller die Stadtbrunnenfigur um, sind sich viele sicher. Das hätte sich wohl so zugetragen:
A: "Schau her, de Hundtling mit eanan Stoudploutz! San eh koa richtige Stoud, owa Hauptsoch an Stoudploutz homms!"
B: "Jo, des san hoit richtige Großkopfate, de Zella. Schau o, den Brunnen, do sigg ma wieda wias moanan dass eppas Bessas san."
A: "Geh, Olympia-Siega und Tunni-Eröffning schreims do auffi, wei eana siest nix Bessas nid eifoit. So a Bagaasch, de Zella!"
B: "Schau hea, des Mannei do schaut a gou a so großkopfat hea!" (deutet auf die Statue)
A: "Jo, do host Recht, dea schaut hea wiara richtiga Zöia. Großkopfat und arrogant."
B: "Wos duat offt dea mit dem Fiesch? Schau hea, dea wüagg den! Des Mannei wüagg an Fiesch!"
A: "Ajo! Jo do siggst es wieda, wias mit de Viecher dand, de Zöia! Wiang duat an! Aufm Koupf steigga eam!"
B: "A so a Sauhundt, der Zöia-Doggi, dea!"
A: "Na woat, hiaz wiag i di!" (besteigt den Brunnen)
B: "Reisn hea, den Noun, den!" (auch B fängt an, auf den Brunnen zu klettern)
A, den Nepomuk schon mit dem Arm umklammernd: "So, du Sauhundt, wos du koost, koo i scho long!"
B: "Wiagn, den Sauzella! Den Sauhundt, den grausigen!" (fasst dem Nepomuk am Kopf)
A: "Ha! Den Toifi reis i hea!"
A nimmt die Marmorfigur in den Schwitzkasten, während B an deren Kopf rüttelt. Es ertönt ein dumpfes Grollen aus dem Inneren des Sockels.
A: "Hiaz riat a si, dea Doggi!"
B: "Hauman owa!"
Die beiden zerren weiter an dem Nepomuk, bis der Sockel nachgibt und auf den Brunnenrand kracht. Die Statue fällt zu Boden und zerspringt.
A: "Öha! Hiaz isa gou!"
Die beiden verschwinden.
--
Dass es aber ausgerechnet Einheimische gewesen sein sollen, die am Tag nach dem ersten rauschenden Sommernachtsfest bis vier Uhr früh unterwegs waren, ist zumindest fragwürdig. Auch wenn die niederen Motive, welche manche Zeller den Oberpinzgauern unterstellen, ja durchaus nachvollziehbar sind.
Es hielten sich aber auch einige Jugendgruppen aus Deutschland und den Niederlanden zur fraglichen Zeit in Zell am See auf, und so könnte es durchaus sein, dass der arme Nepomuk dem exzessiven Alkoholkonsum verantwortungsloser Urlauber zum Opfer fiel.
Vielleicht war es also auch so:
Vier deutsche Jugendliche, offensichtlich sehr betrunken, purzeln aus einem Lokal und finden ihren Weg auf den Stadtplatz:
A: "Och, guck mal, Stiebe, die hamm hier n' Brunn'n!"
B: "Krass Kacke, Alter! Die Ösis hamm nen Knall. Stelln da einfach n'Brunn'n hin!"
C schreit mehr als er singt: "So geh'n die Gauchos! Die Gauchos, die geh'n so! So geh'n die Gauchos, die Gauchos die geh'n so!" (geht in gebückter Haltung)
D: "Ne, die Ösis, die geh'n so!" (macht ihn nach)
A und B singend und hüpfend: "Sooo geh'n die Deutschen! Die Deuschen, die geh'n so! So geh'n die Deutschen, die Deutschen, die geh'n so!"
C: "Am Arsch, Alter, wir sind Weltmeister!"
D: "Die Ösis nich! Die hammja nichmal n'richtign Fußballer!"
A: "Doch, hammse. Den Alaba, der spielt doch bei Bayern!"
B: "Alaba is'n Schwarzer, das is kein Ösi!"
A: "Quatsch nich rum, Boateng is auch'n Schwarzer. Und der is Berliner!"
C: "Deutschland ist Weltmeister, Alter!"
D: "Genau! Egal, ob da'n Schwarzer bei is!"
B entdeckt die Tafeln am Brunnen: "Haste nich gesehen, guck, die hamm hier sogar Segelolympiasieger!"
C: "Voll schwul, Alter!"
B: "Krass. Hamm'wa auch n' Segelolympiasieger?"
A: "Weiß nich. Aber hamm'wa bestimmt. Wir hamm doch alles! Da is sicher irgendwo n'Segelolympiasieger bei!"
C: "Den WM-Pokal hammwa! Segeln is doch schwul!"
D: "Is nich schwul, Alter. Segeln is voll geil!"
C: "Am Arsch! Deutschland is Fußballweltmeister!"
Alle zusammen: "So geh'n die Gauchos, die Gauchos, die geh'n so!" usf.
C: "Guck, der olle Jung da hat'n Fisch inner Hand!"
B: "Krasse Statue hamm die da, die Ösis!"
A: "Wär'n geiler Pokal!"
Die anderen lachen zustimmend.
D: "Den holnwa runter! Der gehört uns!"
C: "Ja komm, Deutschland ist Weltmeister!"
Zwei klettern auf den Brunnen und versuchen, den "Pokal" zu stemmen.
A: "Helft mal, ihr Kacker! Hoch da!"
Die zwei anderen klettern auch auf den Brunnen und beteiligen sich. Beim Versuch, den "Pokal" zu stemmen, reißen die Jugendlichen den Sockel aus der Verankerung. Als einer der Betrunkenen droht, vom Brunnen zu stürzen, hält er sich an Nepomuk fest. Die Statue stürzt um und zerbricht.
B: "Krass, Mann! Scheiße!"
D: "Boah eh, Scheiße! Bloß weg hier!"
Die vier stürzen davon, einen hört man noch rufen: "Deutschland ist Weltmeister!"
--
Wer auch immer den Nepomuk auf dem Gewissen hat, soll nie mehr ruhig schlafen können! Unser schöner Stadtbrunnen ist von bösen Menschen zerstört worden, und Obiges ist nur ein verzweifelter satirischer Versuch, der Causa Nepomuk irgendeinen Sinn abzuringen. Nepomuk, wir werden dich nie vergessen!
Donnerstag, 13. März 2014
Des Liftlers 13 Worte
Als Liftbediensteter hat man es, entgegen landläufiger Meinung, nicht leicht. Freilich mag diese Beschäftigung an sonnigen Märztagen einen sehr entspannten Eindruck machen: Ein bisschen bei lauen Temperaturen in der Sonne sitzen, dem Schnee beim Schmelzen zusehen und dann und wann auf einen Knopf drücken, wenn es irgendjemand nicht geschafft hat, sich beim Sessellift rechtzeitig niederzusetzen. Auch die Bediensteten an den altgedienten Schleppliften scheinen ein unbeschwertes Dasein zu fristen, welches gelegentlich Gefahr läuft, ins Eintönige abzugleiten. Wer das denkt, der vergisst, was wir skifahrende Geselligkeitsterroristen ihnen dabei abverlangen!
Seit jeher gehört es nämlich zum guten Ton, mit dem Liftler beim Einsteigen ein paar Worte zu wechseln. Und welche Worte das sind! Was beim ersten Zusteigen dem Liftler noch leicht von der Hand geht und sich als abgekürzter Smalltalk verbuchen lässt, wird beim dritten, vierten oder spätestens fünften Mal zu einem echten Mühsal. Die Zeit, die einem Liftler zur Verfügung steht, um mit dem Fahrgast launige Konversation zu führen, lässt in den allermeisten Fällen nicht mehr als 13 Worte zu. Weil die Welt in 13 Worten nicht erklärt werden kann, und man in selbiger Zeitspanne auch keinen Witz oder eine Anekdote erzählen kann, beschränkt sich das Gespräch am Lift auf simple Fragen und Antworten. Hinzu kommt, dass der phatische Anteil der Konversation (jene sozial akzeptierten Floskeln, die allein dazu dienen, den Gesprächskanal offen zu halten) Überhand nimmt, und so mehr Blabla- als Aha-Momente entstehen.
So begnügt sich kein Liftler mit einem einfachen "Guten Morgen", sondern behilft sich mit einer in die Länge gezogenen Begrüßungsformel, welche die Zeit vom Öffnen der Zugangstürchen zur Einstiegsstelle bis zum unvermeidlichen Abtransport des Skifahrers durch den Schlepplift zu überbrücken sucht. Er sagt dann etwas wie "Mooooorgen, seeeeervaaas, Griiiaaas diiii!", und hofft dabei inständig, der Lift möge jetzt nicht stehen bleiben. Denn sein Gruß ist wohl getaktet: "Mooooooorgen!" - die Tür zur Einstiegesstelle geht auf, der Skifahrer rutscht unbeholfen nach vor - "Seeeervaaaas" - der verwirrte Skifahrer sieht den Bügel schon um die Kurve fahren - "Griiaaaaas diiii!" - der Bügel klemmt dem Skifahrer schon unterm Hintern und bevor er noch "Hallo" erwidern kann, winkt ihm der Liftler schon grinsend zum Abschied.
Mancher versucht, dem Liftler zuvor zu kommen und brüllt diesem schon ein "Servas!" auf dem Weg zum Einstieg, vielleicht sogar noch kurz vor dem Drehkreuz, zu. Denn der Liftler lässt sich generell bitten und grüßt nie als erstes! Auf einen solchen Präventivschlag reagiert er meistens, indem er so tut als hätte er einen nicht gehört, auch wenn sonst niemand in der Nähe ist, der seine Aufmerksamkeit verlangte. Steht man dann vor ihm, tut er erschreckt und sagt "Oh, servas, hallo, Morgen, Griasdi. Hab ich dich ja gar nicht kommen sehen!" ... 13 Worte, und da ist der Skifahrer schon weg.
Schwierig wird die Konversation beim zweiten oder dritten Mal. Mit landläufigen Themen wie dem Wetter oder den Pistenverhältnissen lässt sich kein Liftler der Welt aus der Reserve locken. Denn wie oft hören diese Leute am Tag den Satz "Schön ist es heute wieder, gell?" oder "Gut geht es heute wieder, nicht?" oder "viele Leute sind heute aber wieder unterwegs, oder?". Nur selten überrascht ein Liftler mit einer Antwort auf solche Fragen. "Jo, mia homm heit scho 14 Grad do herunten. Und des im Schottn!", zählt da schon zu den ausführlicheren Entgegnungen, die man sich in 13 Worten erwarten kann. Man fragt sich, wie vielen Menschen der Liftler das erzählen muss. Und doch, als Gast am Lift fühlt man sich freundlich behandelt, angehört, ja fast erhört. Mit einer Antwort erteilt einem der Liftler Absolution - aber lieber sagt er nichts. Daher beschränken sich viele der Antworten auf eine zustimmende Wiederholung des Gefragten. "Gut geht es heute wieder!" - "Jo, guat is. Woa gestern eh a scho guat. Und morgen wahrscheinlich aa!" - "Heute ist es aber wieder voll!" - "Jo, wonns nid oi a so saubled foan dadatn, meakat mas eh nid!" - eine Systemkritik in 13 Worten, beeindruckend.
Leute wiederum, die den Liftlern gerne ihre Ruhe lassen möchten, werden an manchen Tagen, wenn der Liftler besonders gut aufgelegt ist und ihm schweigen nicht lieber ist, am falschen Fuß erwischt. Denn da sagt der einem plötzlich was, und noch bevor man sich überhaupt eine Antwort zurecht legen kann, wird man schon von einem der Liftbügel abtransportiert. "Joo", kann man da nur noch stammeln, wenn der Liftler sagt "Mei hiatz host owa long braucht, san deine Schi nid gscheit gwaxlt, ha?" Wenn man Glück hat, fällt einem noch eine pfiffige Antwort ein, die man ihm dann noch im Wegfahren zubrüllen kann, aber da tut er schon wieder, als wäre man nicht mehr in dieser Welt zugegen. Denn der Liftler hat eine Wahrnehmung, die kann man sich gar nicht vorstellen: Dauernd tauchen vor seinem Auge Menschen auf, die nur gekommen sind, um wieder zu verschwinden. Da kann man ihm auch nicht böse sein, wenn er einen nicht wiedererkennt. Den bösen Spaß, einen Liftler bei jeder Fahrt aufs Neue zu begrüßen als sähe man ihn zum ersten Mal, sollte man sich dennoch nicht erlauben, denn: Ein verärgerter Liftler kann ein unangenehmer Zeitgenosse sein.
Ich selbst hatte heute an einem Lift Mühe, rechtzeitig vor dem Schließen der Türchen den Einstiegsbereich zu erreichen. Kurz nach dem Drehkreuz hatte sich am Boden eine Schneewanne gebildet, nach der es ein wenig nach oben ging, was zusätzlichen Stockeinsatz verlangte. Belustigt schaute mir der Liftler zu und ich versuchte mich selbstironisch zu retten, indem ich sagte: "Jetzt wäre ich fast nicht heraufgekommen zu dir!" Er entgegnete: "Jo woat nua, wos glabbst, am Noumittog sauffns ma in dera Wonn oo!"
Überrascht, düpiert und schließlich doch zufrieden wurde ich schon vom Schlepplift von dannen gezogen, bevor mir dazu noch etwas einfiel.
Seit jeher gehört es nämlich zum guten Ton, mit dem Liftler beim Einsteigen ein paar Worte zu wechseln. Und welche Worte das sind! Was beim ersten Zusteigen dem Liftler noch leicht von der Hand geht und sich als abgekürzter Smalltalk verbuchen lässt, wird beim dritten, vierten oder spätestens fünften Mal zu einem echten Mühsal. Die Zeit, die einem Liftler zur Verfügung steht, um mit dem Fahrgast launige Konversation zu führen, lässt in den allermeisten Fällen nicht mehr als 13 Worte zu. Weil die Welt in 13 Worten nicht erklärt werden kann, und man in selbiger Zeitspanne auch keinen Witz oder eine Anekdote erzählen kann, beschränkt sich das Gespräch am Lift auf simple Fragen und Antworten. Hinzu kommt, dass der phatische Anteil der Konversation (jene sozial akzeptierten Floskeln, die allein dazu dienen, den Gesprächskanal offen zu halten) Überhand nimmt, und so mehr Blabla- als Aha-Momente entstehen.
So begnügt sich kein Liftler mit einem einfachen "Guten Morgen", sondern behilft sich mit einer in die Länge gezogenen Begrüßungsformel, welche die Zeit vom Öffnen der Zugangstürchen zur Einstiegsstelle bis zum unvermeidlichen Abtransport des Skifahrers durch den Schlepplift zu überbrücken sucht. Er sagt dann etwas wie "Mooooorgen, seeeeervaaas, Griiiaaas diiii!", und hofft dabei inständig, der Lift möge jetzt nicht stehen bleiben. Denn sein Gruß ist wohl getaktet: "Mooooooorgen!" - die Tür zur Einstiegesstelle geht auf, der Skifahrer rutscht unbeholfen nach vor - "Seeeervaaaas" - der verwirrte Skifahrer sieht den Bügel schon um die Kurve fahren - "Griiaaaaas diiii!" - der Bügel klemmt dem Skifahrer schon unterm Hintern und bevor er noch "Hallo" erwidern kann, winkt ihm der Liftler schon grinsend zum Abschied.
Mancher versucht, dem Liftler zuvor zu kommen und brüllt diesem schon ein "Servas!" auf dem Weg zum Einstieg, vielleicht sogar noch kurz vor dem Drehkreuz, zu. Denn der Liftler lässt sich generell bitten und grüßt nie als erstes! Auf einen solchen Präventivschlag reagiert er meistens, indem er so tut als hätte er einen nicht gehört, auch wenn sonst niemand in der Nähe ist, der seine Aufmerksamkeit verlangte. Steht man dann vor ihm, tut er erschreckt und sagt "Oh, servas, hallo, Morgen, Griasdi. Hab ich dich ja gar nicht kommen sehen!" ... 13 Worte, und da ist der Skifahrer schon weg.
Schwierig wird die Konversation beim zweiten oder dritten Mal. Mit landläufigen Themen wie dem Wetter oder den Pistenverhältnissen lässt sich kein Liftler der Welt aus der Reserve locken. Denn wie oft hören diese Leute am Tag den Satz "Schön ist es heute wieder, gell?" oder "Gut geht es heute wieder, nicht?" oder "viele Leute sind heute aber wieder unterwegs, oder?". Nur selten überrascht ein Liftler mit einer Antwort auf solche Fragen. "Jo, mia homm heit scho 14 Grad do herunten. Und des im Schottn!", zählt da schon zu den ausführlicheren Entgegnungen, die man sich in 13 Worten erwarten kann. Man fragt sich, wie vielen Menschen der Liftler das erzählen muss. Und doch, als Gast am Lift fühlt man sich freundlich behandelt, angehört, ja fast erhört. Mit einer Antwort erteilt einem der Liftler Absolution - aber lieber sagt er nichts. Daher beschränken sich viele der Antworten auf eine zustimmende Wiederholung des Gefragten. "Gut geht es heute wieder!" - "Jo, guat is. Woa gestern eh a scho guat. Und morgen wahrscheinlich aa!" - "Heute ist es aber wieder voll!" - "Jo, wonns nid oi a so saubled foan dadatn, meakat mas eh nid!" - eine Systemkritik in 13 Worten, beeindruckend.
Leute wiederum, die den Liftlern gerne ihre Ruhe lassen möchten, werden an manchen Tagen, wenn der Liftler besonders gut aufgelegt ist und ihm schweigen nicht lieber ist, am falschen Fuß erwischt. Denn da sagt der einem plötzlich was, und noch bevor man sich überhaupt eine Antwort zurecht legen kann, wird man schon von einem der Liftbügel abtransportiert. "Joo", kann man da nur noch stammeln, wenn der Liftler sagt "Mei hiatz host owa long braucht, san deine Schi nid gscheit gwaxlt, ha?" Wenn man Glück hat, fällt einem noch eine pfiffige Antwort ein, die man ihm dann noch im Wegfahren zubrüllen kann, aber da tut er schon wieder, als wäre man nicht mehr in dieser Welt zugegen. Denn der Liftler hat eine Wahrnehmung, die kann man sich gar nicht vorstellen: Dauernd tauchen vor seinem Auge Menschen auf, die nur gekommen sind, um wieder zu verschwinden. Da kann man ihm auch nicht böse sein, wenn er einen nicht wiedererkennt. Den bösen Spaß, einen Liftler bei jeder Fahrt aufs Neue zu begrüßen als sähe man ihn zum ersten Mal, sollte man sich dennoch nicht erlauben, denn: Ein verärgerter Liftler kann ein unangenehmer Zeitgenosse sein.
Ich selbst hatte heute an einem Lift Mühe, rechtzeitig vor dem Schließen der Türchen den Einstiegsbereich zu erreichen. Kurz nach dem Drehkreuz hatte sich am Boden eine Schneewanne gebildet, nach der es ein wenig nach oben ging, was zusätzlichen Stockeinsatz verlangte. Belustigt schaute mir der Liftler zu und ich versuchte mich selbstironisch zu retten, indem ich sagte: "Jetzt wäre ich fast nicht heraufgekommen zu dir!" Er entgegnete: "Jo woat nua, wos glabbst, am Noumittog sauffns ma in dera Wonn oo!"
Überrascht, düpiert und schließlich doch zufrieden wurde ich schon vom Schlepplift von dannen gezogen, bevor mir dazu noch etwas einfiel.
Donnerstag, 27. September 2012
Unser Outlaw
Einer ist von uns gegangen, den man getrost als "Unikum" bezeichnen konnte; auch wenn Worte wie dieses gerne dazu verwendet werden, gutmütige Verschrobenheit zu diagnostizieren. Der Puffer Willi, wie er genannt wurde, war aber ein Unikum im allerbesten Sinne des Wortes - ein Original, der dem Zeller Bergvolk den Rock'n'Roll nicht nur näherbrachte, sondern vor allem vorgelebt hat - konsequent, authentisch und manchmal auch rücksichtslos. Ein Outlaw war er, aber einer mit großem Herz (nicht nur für die Damen)!
Während die einen darüber nur die Köpfe schütteln konnten, war er für die anderen ein Held. Was sich die Leute über ihn gedacht haben, war ihm aber schon seit jeher egal - Rock'n'Roll-Attitüde eben. Er spielte für die einen nicht den Narren und für die anderen nicht den Helden. Was ihm am Herzen lag, war meistens so banal wie (im Kontrast zur Borniertheit der Zeller "Intelligenzia") erhellend: Weißbier und gute Musik. Auch wenn er im Zeller Nachtleben genügend Anlass dazu fand, seinen nie ganz ernst gemeinten Zorn zu pflegen, war er aus selbigem nicht wegzudenken. Schon meine Eltern erlebten die glorreichen Zeiten bei ihm im Wurzelkeller. Ich selbst habe ihn dazumals erst als DJ im Bierkeller kennengelernt.
Dass einer amerikanische Rock- und Bluesmusik der 60er und 70er auflegte, hielt ich damals für eine Selbstverständlichkeit; zufälligerweise (?) machte ich selbst etwa um die gleiche Zeit, als ich mit dem Fortgehen begann, Bekanntschaft mit der Geschichte der früheren Popularmusik (Beatles, Hendrix etc.). Erst als seine Auftritte als DJ immer weniger wurden, erkannte ich das große musikalische Loch, das dieser Mann hinterlassen hat. "Wo spüns'n heid no a gscheide Musi!?", fragte er später oft anklagend und ich konnte ihm darauf nie eine befriedigende Antwort geben.
Aber auch als er schon nicht mehr regelmäßig Platten auflegte (oder irrtümlicherweise Schmalzbrote statt CDs in den CD-Player legte, was nur eine der vielen wahnwitzigen Anekdoten ist, die es über ihn gibt) blieb Willi den Zeller Nachteulen erhalten. Egal, ob als grantelnder Weckerlverkäufer im Viva oder als schimpfender "Wiaschtlsiada" vom Insider: Willi Puffer war gleichsam Mahnmal wie Vorbild, Sheriff wie Outlaw. Vor allem aber war er ein lustiger und lieber Kerl, der um keinen "hantigen" Spruch verlegen, sich für keinen Spaß zu schade war. Ich hoffe, dass es ihm da, wo er jetzt ist, gefällt. Zell am See wird ihn sehr vermissen und er uns wohl irgendwann auch. Auch wenn er das wahrscheinlich nie zugeben würde!
Während die einen darüber nur die Köpfe schütteln konnten, war er für die anderen ein Held. Was sich die Leute über ihn gedacht haben, war ihm aber schon seit jeher egal - Rock'n'Roll-Attitüde eben. Er spielte für die einen nicht den Narren und für die anderen nicht den Helden. Was ihm am Herzen lag, war meistens so banal wie (im Kontrast zur Borniertheit der Zeller "Intelligenzia") erhellend: Weißbier und gute Musik. Auch wenn er im Zeller Nachtleben genügend Anlass dazu fand, seinen nie ganz ernst gemeinten Zorn zu pflegen, war er aus selbigem nicht wegzudenken. Schon meine Eltern erlebten die glorreichen Zeiten bei ihm im Wurzelkeller. Ich selbst habe ihn dazumals erst als DJ im Bierkeller kennengelernt.
Dass einer amerikanische Rock- und Bluesmusik der 60er und 70er auflegte, hielt ich damals für eine Selbstverständlichkeit; zufälligerweise (?) machte ich selbst etwa um die gleiche Zeit, als ich mit dem Fortgehen begann, Bekanntschaft mit der Geschichte der früheren Popularmusik (Beatles, Hendrix etc.). Erst als seine Auftritte als DJ immer weniger wurden, erkannte ich das große musikalische Loch, das dieser Mann hinterlassen hat. "Wo spüns'n heid no a gscheide Musi!?", fragte er später oft anklagend und ich konnte ihm darauf nie eine befriedigende Antwort geben.
Aber auch als er schon nicht mehr regelmäßig Platten auflegte (oder irrtümlicherweise Schmalzbrote statt CDs in den CD-Player legte, was nur eine der vielen wahnwitzigen Anekdoten ist, die es über ihn gibt) blieb Willi den Zeller Nachteulen erhalten. Egal, ob als grantelnder Weckerlverkäufer im Viva oder als schimpfender "Wiaschtlsiada" vom Insider: Willi Puffer war gleichsam Mahnmal wie Vorbild, Sheriff wie Outlaw. Vor allem aber war er ein lustiger und lieber Kerl, der um keinen "hantigen" Spruch verlegen, sich für keinen Spaß zu schade war. Ich hoffe, dass es ihm da, wo er jetzt ist, gefällt. Zell am See wird ihn sehr vermissen und er uns wohl irgendwann auch. Auch wenn er das wahrscheinlich nie zugeben würde!
Just around the corner there's heartache
Down the street that losers use.
If you can wade in through the teardrops,
You'll find me at the Home of the Blues.
(Johnny Cash)
Samstag, 25. August 2012
Arge Vermutungen
Am Wegesrand liegt Müll. Niemand will ihn da hingeworfen haben. Er ist wohl von selbst dorthin getragen worden, oder vom Wind, dem Wind, dem himmlischen Kind. Beim Müll handelt es sich um eine schnöde Chips-Packung, aus der wohl gierige Münder genascht haben. Sie glänzt in der Sonne, was nicht allein dem Material geschuldet ist, aus dem solche Sackerl gemeinhin gemacht werden. Auch die fettigen Finger der fleißigen Esser haben ihre Spuren auf der Packung hinterlassen. So liegt das Sackerl am Wegesrand und glänzt edel vor sich hin.
Nun mag man allerhand Spekulationen anstellen über den Ursprung dieses Chips-Sackerls. Wer hat es gekauft, wer gegessen und wie kam es am Wegesrand zu liegen? Niemand wird behaupten, es absichtlich dort hingelegt zu haben. Überhaupt „legt“ niemand irgendeinen Müll irgendwohin. Müll wird immer weggeworfen. Zwar wirft man ihn selten in hohem Bogen davon (etwa aus dem fahrenden Auto, obwohl auch das vorkommen soll), aber zumindest lässt man ihn achtlos fallen. Achtlos ist dieses Chips-Sackerl wohl also einer fettigen Hand entglitten. Und, da es einmal unten lag, bemühte sich niemand mehr darum, es vom Boden aufzuheben. Vielleicht ertönte noch ein keckes Kinderlachen ob dieser Dreistigkeit, dieser fälschlicherweise (in Kinderaugen) als rebellisch verstandenen Achtlosigkeit. „Hehe!“, machte das Kind wohl und schlich verstohlen von dannen.
Aber nun bin ich schon in die erste Interpretationsfalle gegangen, da ich annehme, es müssen unbedingt Kinder gewesen sein, die dieses Umweltverbrechen begangen haben. Kein Erwachsener, sagt mir mein blauäugiger Verstand, wird es fertig bringen, eine leere Chips-Packung einfach so wegzuwerfen! Ich nehme das Corpus Delicti als Indiz für unreifes Verhalten bzw. kindliche Dummheit, anstatt es als jene unbedachte Rotzigkeit eines erwachsenen Menschen zu verstehen, die es vielleicht war. Womöglich hat sich sogar ein feiner Herr oder eine feine Dame diesen Aplomb geleistet? Ich werde es nie mit Sicherheit wissen können.
Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass es genau so war:
Eine Gruppe Araber schlurft durch die Stadt: Drei Männer, fünf Frauen, acht Kinder. Kinder und Männer schreien durcheinander, Frauen murmeln unter ihren Schleiern Unverständliches. Die Kinder werden mit ungesundem Essen ruhig gestellt, in diesem Fall mit Chips, welche sie binnen kürzester Zeit aufgegessen haben. Die Chipstüte wird weggeworfen, und zwar auf dem Boden, nur wenige Meter von einem Mistkübel entfernt. Frauen und Männer sehen zu und sagen nichts, weil ihnen das Konzept Mülleimer unbekannt ist und sie das zu Hause genauso machen.
Grauenhaft, diese vorurteilsbelastete Vermutung, nicht? Wie gesagt, nie werde ich wissen können, ob ich damit Recht behalte. Aber dass auf dem Chips-Sackerl arabische Schriftzeichen zu finden sind, stützt meine Spekulationen schon wesentlich...
Freilich kann es aber auch besagter feiner Herr gewesen sein, der sich bisweilen (weil seines Zeichens Kartoffelchips-Connaisseur) an fremdländischen Spezialitäten versuchte. Von den arabischen Chips unbeeindruckt, ließ er die Packung angewidert fallen. Den Rest erledigten die nun sehr durstigen Spatzen. Ja, auch so könnte es gewesen sein! Welcher Annahme man nun folgen will, bleibt jedem selbst überlassen...
Nun mag man allerhand Spekulationen anstellen über den Ursprung dieses Chips-Sackerls. Wer hat es gekauft, wer gegessen und wie kam es am Wegesrand zu liegen? Niemand wird behaupten, es absichtlich dort hingelegt zu haben. Überhaupt „legt“ niemand irgendeinen Müll irgendwohin. Müll wird immer weggeworfen. Zwar wirft man ihn selten in hohem Bogen davon (etwa aus dem fahrenden Auto, obwohl auch das vorkommen soll), aber zumindest lässt man ihn achtlos fallen. Achtlos ist dieses Chips-Sackerl wohl also einer fettigen Hand entglitten. Und, da es einmal unten lag, bemühte sich niemand mehr darum, es vom Boden aufzuheben. Vielleicht ertönte noch ein keckes Kinderlachen ob dieser Dreistigkeit, dieser fälschlicherweise (in Kinderaugen) als rebellisch verstandenen Achtlosigkeit. „Hehe!“, machte das Kind wohl und schlich verstohlen von dannen.
Aber nun bin ich schon in die erste Interpretationsfalle gegangen, da ich annehme, es müssen unbedingt Kinder gewesen sein, die dieses Umweltverbrechen begangen haben. Kein Erwachsener, sagt mir mein blauäugiger Verstand, wird es fertig bringen, eine leere Chips-Packung einfach so wegzuwerfen! Ich nehme das Corpus Delicti als Indiz für unreifes Verhalten bzw. kindliche Dummheit, anstatt es als jene unbedachte Rotzigkeit eines erwachsenen Menschen zu verstehen, die es vielleicht war. Womöglich hat sich sogar ein feiner Herr oder eine feine Dame diesen Aplomb geleistet? Ich werde es nie mit Sicherheit wissen können.
Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass es genau so war:
Eine Gruppe Araber schlurft durch die Stadt: Drei Männer, fünf Frauen, acht Kinder. Kinder und Männer schreien durcheinander, Frauen murmeln unter ihren Schleiern Unverständliches. Die Kinder werden mit ungesundem Essen ruhig gestellt, in diesem Fall mit Chips, welche sie binnen kürzester Zeit aufgegessen haben. Die Chipstüte wird weggeworfen, und zwar auf dem Boden, nur wenige Meter von einem Mistkübel entfernt. Frauen und Männer sehen zu und sagen nichts, weil ihnen das Konzept Mülleimer unbekannt ist und sie das zu Hause genauso machen.
Grauenhaft, diese vorurteilsbelastete Vermutung, nicht? Wie gesagt, nie werde ich wissen können, ob ich damit Recht behalte. Aber dass auf dem Chips-Sackerl arabische Schriftzeichen zu finden sind, stützt meine Spekulationen schon wesentlich...
Freilich kann es aber auch besagter feiner Herr gewesen sein, der sich bisweilen (weil seines Zeichens Kartoffelchips-Connaisseur) an fremdländischen Spezialitäten versuchte. Von den arabischen Chips unbeeindruckt, ließ er die Packung angewidert fallen. Den Rest erledigten die nun sehr durstigen Spatzen. Ja, auch so könnte es gewesen sein! Welcher Annahme man nun folgen will, bleibt jedem selbst überlassen...
Dienstag, 14. August 2012
Bergauf Bremsen
Ich wohne, so glaube ich, auf einer Anhöhe. Manche behaupten auch, ich würde „am Berg“ wohnen. Beides ist eigentlich nicht richtig. Denn im Grunde wohne ich in einem Tal, am Fuße eines Berges. Aber Tal klingt nach „niedrig“ und Berg klingt nach „hoch oben“. Die Wahrheit liegt, wie immer, irgendwo dazwischen – das gilt besonders im Gebirge.
Irgendwer hat einmal gesagt, die Straße, die zu meinem Haus führt, habe eine 34-prozentige Steigung. Das heißt, dass auf einer Strecke von 100 Metern 34 Höhenmeter zurück gelegt werden. Ich bin kein Zahlen-Mensch, mir sagt das überhaupt nichts. Obwohl 34%ige Steigungen schon recht anständige Steigungen sind, klingt die Zahl 34 alleine nach nicht viel. Sagen wir: Es geht anständig bergauf. Oder sagen wir so: Wenn Sie einmal betrunken meine Straße hinauf gegangen sind, machen Sie es freiwillig kein zweites Mal – außer aus perverser Selbstüberschätzung.
Ich würde meine Straße nicht als Bergstraße bezeichnen, obwohl sie zu einem solchen hinführt und die eben genannte Steigung besitzt. Große Teile dieser Straße sind in ihrer Neigung ohnehin unspektakulär; dort aber, wo mein Haus liegt, wird es happig! Da fangen die Mountainbiker erst richtig zu schwitzen an, da gehen die deutschen Wanderer immer schon rückwärts den Berg runter und wenn ein Belgier oder Holländer mit dem Auto vorbei fährt, riecht es entweder nach Bremsen oder Kupplung – je nachdem, ob er gerade von unten oder oben kommt. Womit wir auch schon beim Thema wären: Dem Autofahren auf Straßen mit großer Neigung bzw. Steigung.
Holländer und Belgier müssen hier nicht ganz umsonst als Beispiele der niedrigsten Form des Gebirgfahrers herhalten, stammen doch beide Völker aus Gegenden, die uns nicht ob ihrer spektakulären Gebirgszüge bekannt sind. „Halt, halt!“, will da der Opapa sprechen, “In Belgien gibt es doch die Ardennen!“ (Das war da, wo man im Dezember 1944 die Alliierten im Zuge der Ardennenoffensive noch mal so richtig erschreckte.) Ich halte dagegen: Was die Belgier aus der Ardennen-Region den Holländern in punkto Bergfahren eventuell voraus haben mögen, büßen sie aufgrund ihres (völlig gerechtfertigten) Rufes als schlechteste Autofahrer Europas wieder ein. Also: Holländer und Belgier können auf Bergstraßen ziemlich gleich schlecht Autofahren. Damit aber die Benelux-Brüder auf diesem Gebiet nicht so ganz alleine die Buhmänner abgeben müssen, schließe man vorsichtshalber ganz Deutschland auch noch mit ein (und nehme, wie man es in Österreich immer macht, die Bayern davon aus). Selbstverständlich lassen sich auch manche Slowaken, Polen oder Wiener dazu zählen – ein eindeutiges Bild lässt sich hier sowieso nicht zeichnen, aber mit Holländern, Belgiern und Deutschen als Beispielen fährt man schon recht gut...
Man kennt die Tragödie des Bergabfahrens vor allem, wenn man das Pech hat, einem solchen Talent hinterher fahren zu müssen. Das erste, was man als Hintermann am vorderen Fahrzeug bemerkt, sind die nie erlöschenden Bremslichter: Der naive Glaube an die Allmacht der Bremse beseelt den Fahrzeuglenker aus dem flachen Land und verlässt ihn nicht mehr, bis er wieder geraden Boden unter den Rädern hat. Das dauerrrote Bremslicht steht auch für das blanke Entsetzen, das den ungeübten Bergfahrer ergreift, sobald sich sein Fahrzeug in Bewegung setzt, ohne dass er dazu das Gaspedal drücken muss. Er sieht sich der fremden Zaubermacht der Schwerkraft ausgeliefert, die sein Auto erbarmungslos den Hang hinunterzieht – und gegen die nur das besagte Kraut der Fußbremse gewachsen zu sein scheint. Dabei macht der Fahrzeuglenker eine seltsam paradoxe Entdeckung: Zum ersten Mal bewegt sich sein Vehikel schneller, wenn er den rechten Fuß vom Pedal wegnimmt, anstatt es fester zu drücken. Er muss feststellen, dass er mit dem Bremspedal das Fahrzeug beschleunigen kann – nämlich, indem er es loslässt (Perdauz!).
Die Angst vor der Schwerkraft und die Verwirrung, die durch das Bremspedal-Paradoxon entsteht, hinterlassen ihre Spuren in den Gesichtern der Fahrer. Wenn man das Vergnügen hat, einem herunterkommenden Flachland-Bergfahrer in das Gesicht sehen zu können, erblickt man meistens weit aufgerissene Augen, und dort, wo sonst der Mund sitzt, klafft ein schwarzes Loch des Schreckens. Hinter einem dergestalt Paralysierten fahren zu müssen, ist jedoch ein Geduldspiel der grausamsten Art. Man hat auch viel Zeit zu überlegen, und so stellt man sich vor, wie der Vordermann in seinem Fahrersitz sitzt, beide Hände fest an das Lenkrad geklammert. Hat er vielleicht den ersten Gang eingelegt und die Kupplung durchgedrückt? Oder hat er vielleicht den dritten Gang drinnen und fährt schön untertourig, indem er den Motor mit der Bremse nah an den Kollaps bringt? Hat er vielleicht überhaupt keinen Gang drinnen und lässt das Auto fröhlich im Leerlauf den Berg hinunter rollen, sich vor dem sicheren Unfall nur mit der Bremse bewahrend? Ich weiß es nicht, ja eigentlich will ich es gar nicht wissen, denn ich warte nur auf die nächste Kurve, nach der ich ihn dann endlich überholen kann!
Dass dieses meist ein Wunschtraum bleibt, ist ebenfalls der übertriebenen, von purer Angst gefütterten Vorsicht geschuldet, die den Fahrer vor mir fest im Griff hat: Zur Angst, ungebremst den Berg hinunterfahren zu müssen, gesellt sich offenbar die noch diffusere Furcht vor dem Randstein oder der Leitplanke. Als würde es ehernes Gesetz sein, dass einem in der Mitte der Straße am wenigsten passieren kann, orientiert sich der verängstigte Urlauber am (imaginären) Mittelstreifen der Fahrbahn. Als würde ihn ausreichender, übergroßzügiger Seitenabstand zum Gehsteig noch zusätzliche Sicherheit garantieren, schleicht er nun mitten auf der Straße – scheinbar immer langsamer werdend – den Abhang hinunter, während ich im Auto hinter ihm laut schreie, ihn Körperteile schimpfe und (vielleicht völlig ungerechtfertigt) der Imbezilität bezichtige. Solcher Rage Herr zu werden ist unmöglich und daher schuf Gott die Autohupe...
Doch nicht nur das Bergabfahren von Benelux-Bürgern ist Grund für die zahlreichen Sorgenfalten, die meine Stirn schon zeichnen – auch der umgekehrte Fall bringt Schwierigkeiten mit sich. Nicht wissend, wohin sie fahren müssen, bleiben besagte Gäste beim Bergauffahren auch sehr vorsichtig und schleichen entsprechend die Bergstraße empor. Hinter diesen Kandidaten befinde ich mich dauernd auf der Suche nach dem richtigen Gang, der zu der Geschwindigkeit des vor mir Fahrenden passen will. Denn mein zweiter Gang ist zu hoch-, der dritte aber zu niedertourig, was mich zu der Frage führt, welchen Gang denn der Volltrottel vor mir eingelegt haben könnte. Ich lasse in solchen Fällen gern das Fenster runter, um zu lauschen, ob der Motor vor mir eher heult (2. oder gar 1. Gang) oder vor sich hin gurgelt (3. Gang). Die Erkenntnis ist in beiden Fällen erschreckend und dient eigentlich nur dazu, meine Neugier zu befriedigen. Ich gebe zu, ich bin an Dummheiten allgemein interessiert und klassifiziere diese gerne nach Schwachsinnigkeiten, Unsinnigkeiten, Stumpfsinnigkeiten, allgemeinen und speziellen Blödheiten sowie Unerhörtheiten. Der Katalog ist beliebig ausbaubar, aber nicht zu streng ausgelegt, weil es sich bei den allermeisten Arten von Dummheit um grenzüberschreitende Phänomene handelt – denn wie wir wissen, kennt die Dummheit ja keine Grenzen!
Bergauf fahrende Urlauber sollte man vor allem in der Nähe von Parkplatz-Einfahrten im Auge behalten. Abruptes Abbremsen droht hierbei nicht nur direkt vor einer Einfahrt, sondern vor allem auch kurz danach und – der Teufel schläft nie – dort, wo weit und breit keine Einfahrt zu finden ist. Beliebte Haltegelegenheiten sind zudem unübersichtliche und steile Kurven; vor allem im Winter wird hier gerne angehalten, um zum Beispiel Schneeketten auf den Sommerreifen zu montieren, oder vielleicht nur, um zu sehen, ob der Mercedes mit Heckantrieb auch bei Glatteis im Steilen aus dem Stand so galant anfährt wie sonst. (Tut er übrigens meistens nicht!)
Dies und vieles andere lässt sich beim täglichen Aus- und Einfahren in meiner Straße beobachten und beschimpfen. Was mir allerdings bis vor kurzem auch neu war: Das Bremsen beim Bergauf-Fahren. Um es genauer zu sagen: Das Bremsen während des Bergauf-Fahrens. Ich spreche nicht davon, wie ein übermütiger Führerschein-Neuling vor der 90-Grad-Kurve von 80 auf 30 km/h herunterbremst, weil ihm die Steigung des Berges in diesem Fall zu wenig Hindernis ist. Ich meine ein Auto, das sich, zwar langsam, aber stetig, den Berg hinauf quält, dessen Bremslicht aber immerzu leuchtet! So gesehen jüngst bei einem Holländer, der mir bewies, dass praktische Dialektik auch mit Dummheiten zu praktizieren ist. (Und nein, das Bremslicht war nicht defekt!)
Bergauf Bremsen möchte ich eine oxymorische Kunst nennen: Es ist ein Sinngebungsprozess, der in sich widersprüchlich ist, gleichzeitig natürlich über sich selbst hinaus-, letztlich aber auf nichts Bedeutendes hinweist, sondern einfach den Gipfel der Dummheiten als Synthese aller Lächerlichkeiten darstellt. Ich habe Demut vor diesem Unterfangen, denn ich wüsste nicht, wie ich es praktisch anstellen sollte. Diesen Holländer aber, der mich mit seiner Leistung so verblüffte, dass ich wohl das ungläubig-panische Gesicht eines touristischen Bergab-Fahrers angenommen haben muss, nenne ich den größten praktischen Philosophen und Zyniker seit Diogenes im Fass, und, um auch seinem Land die Treue zu halten, den größten Ethiker seit dem Niederländer Spinoza. Denn wenn Sparsamkeit eine Tugend ist, dann ist bergauf Bremsen die tugendhafteste Handlung überhaupt. Vorausgesetzt – und hier liegt die Krux dieses dialektischen Unterfangens – hinter dem Bergauf-Bremser befindet sich kein Einheimischer. Aber natürlich, mein leidendes Hinterherfahren als Zeuge dieses Weltgeistes an Dummheit ist von größter epistemologischer Relevanz, habe ich doch schließlich dieses Wunder mit meinen eigenen Augen wahrgenommen. Anders könnte ich auch nicht davon berichten, es sei denn, ich lüge – aber wer würde mir das schon glauben?
Bergauf Bremsen (ich kann meine Gedanken nicht davon lassen): das ist die hohe Kunst der Selbstzurücknahme, beinahe die Grenze zur Selbstaufgabe und -auslöschung überschreitend. Es ist autofahrerische Demut im Gewand der motoristischen Unmöglichkeit. Vor allem ist es ein ewiges Geheimnis für den ortskundigen Bergfahrer – ein widernatürliches Wunder, Zeuge einer modernen Magie der Berge und Pate für eine Psychologie der Unmöglichkeit. Es ent-setzt einen, weil es das Gegenteil einer Setzung ist, die ultimative Aufhebung ebenjenes Dogmas, dass man bergauf nicht bremsen muss oder soll. Bergauf Bremsen ist ein Lebensgefühl, das ich nie kennenlernen werde. Bergauf Bremsen ist außerdem ein praktisches Konzept unbeschwerter Dummheit. Davor kann man nur tiefsten Respekt haben – und daher muss die Hupe schweigen!
Irgendwer hat einmal gesagt, die Straße, die zu meinem Haus führt, habe eine 34-prozentige Steigung. Das heißt, dass auf einer Strecke von 100 Metern 34 Höhenmeter zurück gelegt werden. Ich bin kein Zahlen-Mensch, mir sagt das überhaupt nichts. Obwohl 34%ige Steigungen schon recht anständige Steigungen sind, klingt die Zahl 34 alleine nach nicht viel. Sagen wir: Es geht anständig bergauf. Oder sagen wir so: Wenn Sie einmal betrunken meine Straße hinauf gegangen sind, machen Sie es freiwillig kein zweites Mal – außer aus perverser Selbstüberschätzung.
Ich würde meine Straße nicht als Bergstraße bezeichnen, obwohl sie zu einem solchen hinführt und die eben genannte Steigung besitzt. Große Teile dieser Straße sind in ihrer Neigung ohnehin unspektakulär; dort aber, wo mein Haus liegt, wird es happig! Da fangen die Mountainbiker erst richtig zu schwitzen an, da gehen die deutschen Wanderer immer schon rückwärts den Berg runter und wenn ein Belgier oder Holländer mit dem Auto vorbei fährt, riecht es entweder nach Bremsen oder Kupplung – je nachdem, ob er gerade von unten oder oben kommt. Womit wir auch schon beim Thema wären: Dem Autofahren auf Straßen mit großer Neigung bzw. Steigung.
Holländer und Belgier müssen hier nicht ganz umsonst als Beispiele der niedrigsten Form des Gebirgfahrers herhalten, stammen doch beide Völker aus Gegenden, die uns nicht ob ihrer spektakulären Gebirgszüge bekannt sind. „Halt, halt!“, will da der Opapa sprechen, “In Belgien gibt es doch die Ardennen!“ (Das war da, wo man im Dezember 1944 die Alliierten im Zuge der Ardennenoffensive noch mal so richtig erschreckte.) Ich halte dagegen: Was die Belgier aus der Ardennen-Region den Holländern in punkto Bergfahren eventuell voraus haben mögen, büßen sie aufgrund ihres (völlig gerechtfertigten) Rufes als schlechteste Autofahrer Europas wieder ein. Also: Holländer und Belgier können auf Bergstraßen ziemlich gleich schlecht Autofahren. Damit aber die Benelux-Brüder auf diesem Gebiet nicht so ganz alleine die Buhmänner abgeben müssen, schließe man vorsichtshalber ganz Deutschland auch noch mit ein (und nehme, wie man es in Österreich immer macht, die Bayern davon aus). Selbstverständlich lassen sich auch manche Slowaken, Polen oder Wiener dazu zählen – ein eindeutiges Bild lässt sich hier sowieso nicht zeichnen, aber mit Holländern, Belgiern und Deutschen als Beispielen fährt man schon recht gut...
Man kennt die Tragödie des Bergabfahrens vor allem, wenn man das Pech hat, einem solchen Talent hinterher fahren zu müssen. Das erste, was man als Hintermann am vorderen Fahrzeug bemerkt, sind die nie erlöschenden Bremslichter: Der naive Glaube an die Allmacht der Bremse beseelt den Fahrzeuglenker aus dem flachen Land und verlässt ihn nicht mehr, bis er wieder geraden Boden unter den Rädern hat. Das dauerrrote Bremslicht steht auch für das blanke Entsetzen, das den ungeübten Bergfahrer ergreift, sobald sich sein Fahrzeug in Bewegung setzt, ohne dass er dazu das Gaspedal drücken muss. Er sieht sich der fremden Zaubermacht der Schwerkraft ausgeliefert, die sein Auto erbarmungslos den Hang hinunterzieht – und gegen die nur das besagte Kraut der Fußbremse gewachsen zu sein scheint. Dabei macht der Fahrzeuglenker eine seltsam paradoxe Entdeckung: Zum ersten Mal bewegt sich sein Vehikel schneller, wenn er den rechten Fuß vom Pedal wegnimmt, anstatt es fester zu drücken. Er muss feststellen, dass er mit dem Bremspedal das Fahrzeug beschleunigen kann – nämlich, indem er es loslässt (Perdauz!).
Die Angst vor der Schwerkraft und die Verwirrung, die durch das Bremspedal-Paradoxon entsteht, hinterlassen ihre Spuren in den Gesichtern der Fahrer. Wenn man das Vergnügen hat, einem herunterkommenden Flachland-Bergfahrer in das Gesicht sehen zu können, erblickt man meistens weit aufgerissene Augen, und dort, wo sonst der Mund sitzt, klafft ein schwarzes Loch des Schreckens. Hinter einem dergestalt Paralysierten fahren zu müssen, ist jedoch ein Geduldspiel der grausamsten Art. Man hat auch viel Zeit zu überlegen, und so stellt man sich vor, wie der Vordermann in seinem Fahrersitz sitzt, beide Hände fest an das Lenkrad geklammert. Hat er vielleicht den ersten Gang eingelegt und die Kupplung durchgedrückt? Oder hat er vielleicht den dritten Gang drinnen und fährt schön untertourig, indem er den Motor mit der Bremse nah an den Kollaps bringt? Hat er vielleicht überhaupt keinen Gang drinnen und lässt das Auto fröhlich im Leerlauf den Berg hinunter rollen, sich vor dem sicheren Unfall nur mit der Bremse bewahrend? Ich weiß es nicht, ja eigentlich will ich es gar nicht wissen, denn ich warte nur auf die nächste Kurve, nach der ich ihn dann endlich überholen kann!
Dass dieses meist ein Wunschtraum bleibt, ist ebenfalls der übertriebenen, von purer Angst gefütterten Vorsicht geschuldet, die den Fahrer vor mir fest im Griff hat: Zur Angst, ungebremst den Berg hinunterfahren zu müssen, gesellt sich offenbar die noch diffusere Furcht vor dem Randstein oder der Leitplanke. Als würde es ehernes Gesetz sein, dass einem in der Mitte der Straße am wenigsten passieren kann, orientiert sich der verängstigte Urlauber am (imaginären) Mittelstreifen der Fahrbahn. Als würde ihn ausreichender, übergroßzügiger Seitenabstand zum Gehsteig noch zusätzliche Sicherheit garantieren, schleicht er nun mitten auf der Straße – scheinbar immer langsamer werdend – den Abhang hinunter, während ich im Auto hinter ihm laut schreie, ihn Körperteile schimpfe und (vielleicht völlig ungerechtfertigt) der Imbezilität bezichtige. Solcher Rage Herr zu werden ist unmöglich und daher schuf Gott die Autohupe...
Doch nicht nur das Bergabfahren von Benelux-Bürgern ist Grund für die zahlreichen Sorgenfalten, die meine Stirn schon zeichnen – auch der umgekehrte Fall bringt Schwierigkeiten mit sich. Nicht wissend, wohin sie fahren müssen, bleiben besagte Gäste beim Bergauffahren auch sehr vorsichtig und schleichen entsprechend die Bergstraße empor. Hinter diesen Kandidaten befinde ich mich dauernd auf der Suche nach dem richtigen Gang, der zu der Geschwindigkeit des vor mir Fahrenden passen will. Denn mein zweiter Gang ist zu hoch-, der dritte aber zu niedertourig, was mich zu der Frage führt, welchen Gang denn der Volltrottel vor mir eingelegt haben könnte. Ich lasse in solchen Fällen gern das Fenster runter, um zu lauschen, ob der Motor vor mir eher heult (2. oder gar 1. Gang) oder vor sich hin gurgelt (3. Gang). Die Erkenntnis ist in beiden Fällen erschreckend und dient eigentlich nur dazu, meine Neugier zu befriedigen. Ich gebe zu, ich bin an Dummheiten allgemein interessiert und klassifiziere diese gerne nach Schwachsinnigkeiten, Unsinnigkeiten, Stumpfsinnigkeiten, allgemeinen und speziellen Blödheiten sowie Unerhörtheiten. Der Katalog ist beliebig ausbaubar, aber nicht zu streng ausgelegt, weil es sich bei den allermeisten Arten von Dummheit um grenzüberschreitende Phänomene handelt – denn wie wir wissen, kennt die Dummheit ja keine Grenzen!
Bergauf fahrende Urlauber sollte man vor allem in der Nähe von Parkplatz-Einfahrten im Auge behalten. Abruptes Abbremsen droht hierbei nicht nur direkt vor einer Einfahrt, sondern vor allem auch kurz danach und – der Teufel schläft nie – dort, wo weit und breit keine Einfahrt zu finden ist. Beliebte Haltegelegenheiten sind zudem unübersichtliche und steile Kurven; vor allem im Winter wird hier gerne angehalten, um zum Beispiel Schneeketten auf den Sommerreifen zu montieren, oder vielleicht nur, um zu sehen, ob der Mercedes mit Heckantrieb auch bei Glatteis im Steilen aus dem Stand so galant anfährt wie sonst. (Tut er übrigens meistens nicht!)
Dies und vieles andere lässt sich beim täglichen Aus- und Einfahren in meiner Straße beobachten und beschimpfen. Was mir allerdings bis vor kurzem auch neu war: Das Bremsen beim Bergauf-Fahren. Um es genauer zu sagen: Das Bremsen während des Bergauf-Fahrens. Ich spreche nicht davon, wie ein übermütiger Führerschein-Neuling vor der 90-Grad-Kurve von 80 auf 30 km/h herunterbremst, weil ihm die Steigung des Berges in diesem Fall zu wenig Hindernis ist. Ich meine ein Auto, das sich, zwar langsam, aber stetig, den Berg hinauf quält, dessen Bremslicht aber immerzu leuchtet! So gesehen jüngst bei einem Holländer, der mir bewies, dass praktische Dialektik auch mit Dummheiten zu praktizieren ist. (Und nein, das Bremslicht war nicht defekt!)
Bergauf Bremsen möchte ich eine oxymorische Kunst nennen: Es ist ein Sinngebungsprozess, der in sich widersprüchlich ist, gleichzeitig natürlich über sich selbst hinaus-, letztlich aber auf nichts Bedeutendes hinweist, sondern einfach den Gipfel der Dummheiten als Synthese aller Lächerlichkeiten darstellt. Ich habe Demut vor diesem Unterfangen, denn ich wüsste nicht, wie ich es praktisch anstellen sollte. Diesen Holländer aber, der mich mit seiner Leistung so verblüffte, dass ich wohl das ungläubig-panische Gesicht eines touristischen Bergab-Fahrers angenommen haben muss, nenne ich den größten praktischen Philosophen und Zyniker seit Diogenes im Fass, und, um auch seinem Land die Treue zu halten, den größten Ethiker seit dem Niederländer Spinoza. Denn wenn Sparsamkeit eine Tugend ist, dann ist bergauf Bremsen die tugendhafteste Handlung überhaupt. Vorausgesetzt – und hier liegt die Krux dieses dialektischen Unterfangens – hinter dem Bergauf-Bremser befindet sich kein Einheimischer. Aber natürlich, mein leidendes Hinterherfahren als Zeuge dieses Weltgeistes an Dummheit ist von größter epistemologischer Relevanz, habe ich doch schließlich dieses Wunder mit meinen eigenen Augen wahrgenommen. Anders könnte ich auch nicht davon berichten, es sei denn, ich lüge – aber wer würde mir das schon glauben?
Bergauf Bremsen (ich kann meine Gedanken nicht davon lassen): das ist die hohe Kunst der Selbstzurücknahme, beinahe die Grenze zur Selbstaufgabe und -auslöschung überschreitend. Es ist autofahrerische Demut im Gewand der motoristischen Unmöglichkeit. Vor allem ist es ein ewiges Geheimnis für den ortskundigen Bergfahrer – ein widernatürliches Wunder, Zeuge einer modernen Magie der Berge und Pate für eine Psychologie der Unmöglichkeit. Es ent-setzt einen, weil es das Gegenteil einer Setzung ist, die ultimative Aufhebung ebenjenes Dogmas, dass man bergauf nicht bremsen muss oder soll. Bergauf Bremsen ist ein Lebensgefühl, das ich nie kennenlernen werde. Bergauf Bremsen ist außerdem ein praktisches Konzept unbeschwerter Dummheit. Davor kann man nur tiefsten Respekt haben – und daher muss die Hupe schweigen!
Donnerstag, 19. Juli 2012
Sepp Rasser
„Sepp Rasser? I don't know a Sepp Rasser! I am Moslechner!“ Der Mann, der das sagt, fuchtelt abwehrend mit den Händen als wolle er mit dieser ganzen Sache am liebsten gar nichts zu tun haben. Der arabische Kunde beugt sich etwas über den Ladentisch, als habe er das Fuchteln als Einladung zum Näherkommen verstanden: „But man next door tell me you are Sepp Rasser!“
Der vermeintliche Sepp Rasser steht jetzt ganz an der Wand seines kleinen Trachtengeschäfts. Dort, an der Wand hinter der Kassa, hängen einige Kinderlederhosen und -dirndln. Würde man ihn fotografieren, mit seinem lichten Schnauzbart und den kleinen schwarzen Augen, sähe der Mann jetzt aus wie ein belgischer Pädophiler auf Alpenurlaub. Dem Araber fällt so etwas natürlich nicht auf. „You have dress for girrl?“ fragt er, noch eindringlicher als er vorher nach Sepp Rasser gefragt hat. Nun dringt aus dem hinteren des Raums ein hektisches Abrakadabra. Eine der fünf Frauen hält ein Dirndl hoch und es sieht aus, als würde sie damit anzeigen, dass sie es war, die geredet hat. Für den Sepp Rasser hinter dem Ladentisch wäre das nämlich nicht zu erkennen gewesen, tragen doch alle Frauen einen Schleier vor dem Gesicht.
Wütend dreht sich der Araber um und schreit irgendetwas in Richtung seiner Frau. Er scheint beleidigt zu sein, dass die Frau zuerst gefunden hat, wonach sie gesucht haben. „You show!“ sagt er zum Sepp Rasser, der eigentlich Moslechner Alois heißt, und zeigt dabei auf ihn. Ängstlich kommt der Alois aus seiner Ecke hervor und wuselt hinter dem Araber her. Drei Kleinkinder haben begonnen, die kleinen Stoffmurmeltiere, die pfeifen, wenn man sie drückt, zu betätigen. Indessen sind die arabischen Frauen in aufgeregtes Geplapper verfallen. Nacheinander werden alle Dirndln herausgezogen, die der Alois in seinem nicht allzu großen Geschäft hängen hat. Das Pfeifen der Plüschmanggerl sticht dem Alois schon in den Ohren als einer der drei Buben – oder ein vierter? - auch noch die Kuhglocken findet, die der Moslechner Alois schon seit den frühen 80ern im Geschäft hängen hat, und die sich damals noch gut verkauft haben; bis der Markt eben irgendwann gesättigt war, oder die Leute begriffen haben, dass sie mit einer Kuhglocke daheim im Grunde gar nichts anfangen können und dass auch das ästhetische Wohlempfinden beim Anblick einer solchen nur eine kurze Halbwertszeit hat.
Das Gebimmle, Gepfeife und Geplapper muss der Alois jetzt dulden, denn er ist schon längst nicht mehr Herr über seinen Laden. „What price for this?“ fragt der Araber streng, und der Alois greift schnell nach dem Preisschild. Es hat ihm vor ein paar Tagen jemand gesagt, dass Araber gut Ziffern lesen können, weil wir die von ihnen gelernt haben. Seitdem zeigt der Loisl den arabischen Gästen immer nur Preisschilder, um Missverständnissen vorzubeugen. Ein anderer Araber, der an einer kleineren Kuhglocke interessiert gewesen war, hat ihn zum Beispiel einmal nach dem Preis gefragt. Da hat der Loisl die Kuhglocken noch nicht beschriftet gehabt und dem Araber gesagt „Thirty two!“, worauf der Araber entgegnete: „Aha! But I only want one! So one fifteen?“ Der Rest des Gesprächs verlief nur weniger umständlich und nötigte den Alois dann ohnehin dazu, den Preis auf einen Zettel zu schreiben.
Der Araber inspiziert das Preisschild des Dirndls; auch die Frauen schauen neugierig darauf, während im Hintergrund weiter die Murmeltiere pfeifen und die Kuhglocken bimmeln. Als das Bimmeln aufhört, wird der Loisl misstrauisch und schaut kurz über seine Schulter. Eines der Kinder hat sich einen Filzhut aufgesetzt und rennt damit bei der Tür hinaus. Auch der arabische Vater merkt, was passiert ist und lässt einen lauten Fluch los. Sofort erscheint der Bub wieder in der Türe. „What price for hat?“ Der Loisl stürmt zum Hutregal, kommt mit einem Filzhut zurück und hält ihn dem Araber vor die Nase. „I buy“, sagt der Araber kurz und deutet dabei auf seinen Sohn. Auch die anderen beiden haben nun von den Murmeltieren gelassen und drehen jetzt an den Postkartenständern. Wieder sagt eine der Frauen etwas, wieder kann der Loisl nicht ausmachen, welche es gewesen ist.
Der Araber deutet auf das Dirndl, zieht die Augenbrauen hoch und sagt: „Discount!“ - Es ist keine Frage. Der Moslechner Alois antwortet: „No discount“, und klingt dabei fragend. „But I buy hat!“ sagt der Araber aufgebracht. - „Yes, but no, but...“ Wieder flucht der Araber etwas und die Frauen brechen in erneutes Gegacker aus. „You don't give discount?“, die Stimme klingt jetzt sanfter. „I don't have discount!“ entgegnet der Moslechner entschuldigend. „But you can give discount, no?“ - diese Frage verwirrt den Alois jetzt.
„No discount!“, sagt er mit Nachdruck. Der Araber brummt. „I take this and hat“, sagt er und hält ihm eines von den Dirndln hin. Der Moslechner Alois nimmt das Dirndl, wundert sich darüber, wie jemand ein Dirndl kaufen kann, ohne es vorher anzuprobieren, entschließt sich aber dazu, lieber keine weiteren Fragen zu stellen.
Wieder pfeift ein Murmeltier. Einer der Buben hat das Interesse an dem Postkartenständer verloren und ist zurück zu den Plagegeistern. „What's this?“ fragt der Araber und deutet Richtung Murmeltiere. „Äh... a Manggei!“ sagt der Loisl in Ermangelung der passenden englischen Vokabel. „Is animal, ha? Live here?“ - Der Araber scheint auf dem richtigen Weg zu sein, deswegen nickt der Loisl heftig. „I take!“ sagt der Kunde und schreit etwas Grimmiges, worauf der kleine arabische Junge mit dem Murmeltier zur Kassa gelaufen kommt. „So I take this, this and hat. No discount, ha?“, auf dem Gesicht des Arabers zeigt sich ein fast ironisches Lächeln. Da muss der Loisl blöd grinsen und lacht: „No discount!“, worauf sich das Gesicht des Arabers gleich wieder verfinstert. Der Postkartenständer quietscht und taumelt unter den immer wilder werdenden Drehungen, die er, angetrieben von den Händen des kleinen Arabers, zu vollführen hat.
Als der Loisl das Geld des Arabers nimmt, klatscht ein Päckchen Ansichtskarten auf den Boden. Der Vater stürmt zum Postkartenständer, hält diesen abrupt an, worauf sich weitere zwei Päckchen auf dem Boden verteilen. Laut fluchend scheucht er das Kind aus dem Laden. „I am sorry!“, sagt der Araber, „no, passt scho!“ der Loisl.
Nach Erledigung des Zahlungsgeschäftes fragt der Kunde noch ein letztes Mal „You are not Sepp Rasser, no?“ und lacht ein bisschen. Gut aufgelegt, weil er ein gutes Geschäft gemacht hat und die scheinbare Bedrohung dabei ist, sich zu verziehen, sagt der Loisl erleichtert: „No, I am not Sepp Rasser.“ - „But man next door say you Sepp Rasser!“ Der Araber wirkt verwirrt und auch der Loisl schaut sein Gegenüber verblüfft an. „I was talking to man next door. I ask who sell Austrian dress for women. He tell me: Sepp Rasser!“ (Tatsächlich ist es nämlich so, dass der Bruder vom Moslechner Alois, der Moslechner Rupert, gleich nebenan ein Spezialitätengeschäft führt.)
Der Araber fährt in seiner umständlichen Erklärung fort: „I tell him I want to go to Moslecker! He say that he is Moslecker, but for dress I have to go to Sepp Rasser! And he show me to go in here!“ Nun ging dem Moslechner Alois ein Licht auf. Der Araber wurde wohl wegen eines Dirndls zum „Moslechner“ geschickt und landete – durchaus folgerichtig – im Geschäft seines Bruders. Da es in einem Spezialitätengeschäft aber keine Dirndln gab, sondern nur Schweinsbäuche und ähnliches, für Araber ganz und gar unbrauchbares, musste der Bruder den Araber wohl zu ihm herein geschickt haben!
In diesem Moment erscheint der Moslechner Rupert grinsend in der Tür. Der Araber deutet auf ihn und scheint vergnügt: „Look, this man send me here!“, sagt er aufgeregt. Der Rupert kommt in den Laden herein, deutet auf den Loisl und sagt: „Ah, ei sie ju faund mei Brasser!“
Der Araber fragt: „This is Sepp Rasser?“ - „Yes!“, sagt der Rupert und legt stolz den Arm um seinen Bruder: „dis is mei Brasser!“
„See!“, ruft der Araber stolz und schaut den Alois in der überzeugendsten Weise an: „You are Sepp Rasser! But why you call yourself Moslecker?“
Auch der Rest dieses Gesprächs verlief wieder einmal nicht unkompliziert...
Der vermeintliche Sepp Rasser steht jetzt ganz an der Wand seines kleinen Trachtengeschäfts. Dort, an der Wand hinter der Kassa, hängen einige Kinderlederhosen und -dirndln. Würde man ihn fotografieren, mit seinem lichten Schnauzbart und den kleinen schwarzen Augen, sähe der Mann jetzt aus wie ein belgischer Pädophiler auf Alpenurlaub. Dem Araber fällt so etwas natürlich nicht auf. „You have dress for girrl?“ fragt er, noch eindringlicher als er vorher nach Sepp Rasser gefragt hat. Nun dringt aus dem hinteren des Raums ein hektisches Abrakadabra. Eine der fünf Frauen hält ein Dirndl hoch und es sieht aus, als würde sie damit anzeigen, dass sie es war, die geredet hat. Für den Sepp Rasser hinter dem Ladentisch wäre das nämlich nicht zu erkennen gewesen, tragen doch alle Frauen einen Schleier vor dem Gesicht.
Wütend dreht sich der Araber um und schreit irgendetwas in Richtung seiner Frau. Er scheint beleidigt zu sein, dass die Frau zuerst gefunden hat, wonach sie gesucht haben. „You show!“ sagt er zum Sepp Rasser, der eigentlich Moslechner Alois heißt, und zeigt dabei auf ihn. Ängstlich kommt der Alois aus seiner Ecke hervor und wuselt hinter dem Araber her. Drei Kleinkinder haben begonnen, die kleinen Stoffmurmeltiere, die pfeifen, wenn man sie drückt, zu betätigen. Indessen sind die arabischen Frauen in aufgeregtes Geplapper verfallen. Nacheinander werden alle Dirndln herausgezogen, die der Alois in seinem nicht allzu großen Geschäft hängen hat. Das Pfeifen der Plüschmanggerl sticht dem Alois schon in den Ohren als einer der drei Buben – oder ein vierter? - auch noch die Kuhglocken findet, die der Moslechner Alois schon seit den frühen 80ern im Geschäft hängen hat, und die sich damals noch gut verkauft haben; bis der Markt eben irgendwann gesättigt war, oder die Leute begriffen haben, dass sie mit einer Kuhglocke daheim im Grunde gar nichts anfangen können und dass auch das ästhetische Wohlempfinden beim Anblick einer solchen nur eine kurze Halbwertszeit hat.
Das Gebimmle, Gepfeife und Geplapper muss der Alois jetzt dulden, denn er ist schon längst nicht mehr Herr über seinen Laden. „What price for this?“ fragt der Araber streng, und der Alois greift schnell nach dem Preisschild. Es hat ihm vor ein paar Tagen jemand gesagt, dass Araber gut Ziffern lesen können, weil wir die von ihnen gelernt haben. Seitdem zeigt der Loisl den arabischen Gästen immer nur Preisschilder, um Missverständnissen vorzubeugen. Ein anderer Araber, der an einer kleineren Kuhglocke interessiert gewesen war, hat ihn zum Beispiel einmal nach dem Preis gefragt. Da hat der Loisl die Kuhglocken noch nicht beschriftet gehabt und dem Araber gesagt „Thirty two!“, worauf der Araber entgegnete: „Aha! But I only want one! So one fifteen?“ Der Rest des Gesprächs verlief nur weniger umständlich und nötigte den Alois dann ohnehin dazu, den Preis auf einen Zettel zu schreiben.
Der Araber inspiziert das Preisschild des Dirndls; auch die Frauen schauen neugierig darauf, während im Hintergrund weiter die Murmeltiere pfeifen und die Kuhglocken bimmeln. Als das Bimmeln aufhört, wird der Loisl misstrauisch und schaut kurz über seine Schulter. Eines der Kinder hat sich einen Filzhut aufgesetzt und rennt damit bei der Tür hinaus. Auch der arabische Vater merkt, was passiert ist und lässt einen lauten Fluch los. Sofort erscheint der Bub wieder in der Türe. „What price for hat?“ Der Loisl stürmt zum Hutregal, kommt mit einem Filzhut zurück und hält ihn dem Araber vor die Nase. „I buy“, sagt der Araber kurz und deutet dabei auf seinen Sohn. Auch die anderen beiden haben nun von den Murmeltieren gelassen und drehen jetzt an den Postkartenständern. Wieder sagt eine der Frauen etwas, wieder kann der Loisl nicht ausmachen, welche es gewesen ist.
Der Araber deutet auf das Dirndl, zieht die Augenbrauen hoch und sagt: „Discount!“ - Es ist keine Frage. Der Moslechner Alois antwortet: „No discount“, und klingt dabei fragend. „But I buy hat!“ sagt der Araber aufgebracht. - „Yes, but no, but...“ Wieder flucht der Araber etwas und die Frauen brechen in erneutes Gegacker aus. „You don't give discount?“, die Stimme klingt jetzt sanfter. „I don't have discount!“ entgegnet der Moslechner entschuldigend. „But you can give discount, no?“ - diese Frage verwirrt den Alois jetzt.
„No discount!“, sagt er mit Nachdruck. Der Araber brummt. „I take this and hat“, sagt er und hält ihm eines von den Dirndln hin. Der Moslechner Alois nimmt das Dirndl, wundert sich darüber, wie jemand ein Dirndl kaufen kann, ohne es vorher anzuprobieren, entschließt sich aber dazu, lieber keine weiteren Fragen zu stellen.
Wieder pfeift ein Murmeltier. Einer der Buben hat das Interesse an dem Postkartenständer verloren und ist zurück zu den Plagegeistern. „What's this?“ fragt der Araber und deutet Richtung Murmeltiere. „Äh... a Manggei!“ sagt der Loisl in Ermangelung der passenden englischen Vokabel. „Is animal, ha? Live here?“ - Der Araber scheint auf dem richtigen Weg zu sein, deswegen nickt der Loisl heftig. „I take!“ sagt der Kunde und schreit etwas Grimmiges, worauf der kleine arabische Junge mit dem Murmeltier zur Kassa gelaufen kommt. „So I take this, this and hat. No discount, ha?“, auf dem Gesicht des Arabers zeigt sich ein fast ironisches Lächeln. Da muss der Loisl blöd grinsen und lacht: „No discount!“, worauf sich das Gesicht des Arabers gleich wieder verfinstert. Der Postkartenständer quietscht und taumelt unter den immer wilder werdenden Drehungen, die er, angetrieben von den Händen des kleinen Arabers, zu vollführen hat.
Als der Loisl das Geld des Arabers nimmt, klatscht ein Päckchen Ansichtskarten auf den Boden. Der Vater stürmt zum Postkartenständer, hält diesen abrupt an, worauf sich weitere zwei Päckchen auf dem Boden verteilen. Laut fluchend scheucht er das Kind aus dem Laden. „I am sorry!“, sagt der Araber, „no, passt scho!“ der Loisl.
Nach Erledigung des Zahlungsgeschäftes fragt der Kunde noch ein letztes Mal „You are not Sepp Rasser, no?“ und lacht ein bisschen. Gut aufgelegt, weil er ein gutes Geschäft gemacht hat und die scheinbare Bedrohung dabei ist, sich zu verziehen, sagt der Loisl erleichtert: „No, I am not Sepp Rasser.“ - „But man next door say you Sepp Rasser!“ Der Araber wirkt verwirrt und auch der Loisl schaut sein Gegenüber verblüfft an. „I was talking to man next door. I ask who sell Austrian dress for women. He tell me: Sepp Rasser!“ (Tatsächlich ist es nämlich so, dass der Bruder vom Moslechner Alois, der Moslechner Rupert, gleich nebenan ein Spezialitätengeschäft führt.)
Der Araber fährt in seiner umständlichen Erklärung fort: „I tell him I want to go to Moslecker! He say that he is Moslecker, but for dress I have to go to Sepp Rasser! And he show me to go in here!“ Nun ging dem Moslechner Alois ein Licht auf. Der Araber wurde wohl wegen eines Dirndls zum „Moslechner“ geschickt und landete – durchaus folgerichtig – im Geschäft seines Bruders. Da es in einem Spezialitätengeschäft aber keine Dirndln gab, sondern nur Schweinsbäuche und ähnliches, für Araber ganz und gar unbrauchbares, musste der Bruder den Araber wohl zu ihm herein geschickt haben!
In diesem Moment erscheint der Moslechner Rupert grinsend in der Tür. Der Araber deutet auf ihn und scheint vergnügt: „Look, this man send me here!“, sagt er aufgeregt. Der Rupert kommt in den Laden herein, deutet auf den Loisl und sagt: „Ah, ei sie ju faund mei Brasser!“
Der Araber fragt: „This is Sepp Rasser?“ - „Yes!“, sagt der Rupert und legt stolz den Arm um seinen Bruder: „dis is mei Brasser!“
„See!“, ruft der Araber stolz und schaut den Alois in der überzeugendsten Weise an: „You are Sepp Rasser! But why you call yourself Moslecker?“
Auch der Rest dieses Gesprächs verlief wieder einmal nicht unkompliziert...
Donnerstag, 12. Juli 2012
Völkerverständigung
Ibrahim hat große Hände, und er kann damit Musik machen. Dauernd klatscht, trommelt und schnippt er. Uns Eingeborenen versucht er, eine uns vollkommen unbekannte Art des Fingerschnippens beizubringen und lacht sich dabei halb tot, während wir wie die ersten Affen dastehen und mit kompliziertesten Verrenkungen unserer Handknochen genau gar keinen Ton erzeugen. Ibrahim schnippt vergnügt und macht das so laut, dass es fast in den Ohren weh tut, während uns bereits die Sehnen heiß werden und immer noch kein Ton zu vernehmen ist.
Schließlich hat er Nachsehen mit uns und zeigt uns etwas anderes: Er macht ein galoppierendes Pferd nach. Auch das geht in Kuwait anders als in Österreich, wo man sich mit Händeklatschen und Oberschenkelpatschen zufrieden gibt. Ibrahim benützt den Hohlraum zwischen seinen gefalteten, großen Händen, seine Stirn, seine Brust und schließlich erst den Oberschenkel. Wie die Töne entstehen, die das Geräusch eines galoppierenden Gauls viel überzeugender nachahmen als unser Klatsch-Patsch, bleibt uns verborgen. Niemand der Anwesenden versucht sich an dem 'kuwaitischen Gaul'; alle blicken nur bewundernd den fremden Mann an, der mit uns mindestens genauso viel Freude zu haben scheint, wie wir mit ihm haben. Daheim wird er wohl erzählen, wie er die Barkultur in Österreich befruchtet hat und die dort Ansässigen mit billigen Tricks zum Staunen brachte.
Der große Bernd, ein 2 Meter 10 hoher Hüne mit langem, fettigem Haar und Indiandergesicht, meint, er müsse Ibrahims Darbietungen etwas entgegensetzen und macht den 'abgeschnittenen Daumen', jenen Volksschultrick also, der dem Zuseher vorgaukeln soll, dass man die Spitze seines Daumens beliebig verschieben könne, während es sich in Wahrheit um den Daumen der zweiten Hand handelt. Ibrahim kichert belustigt und macht ein Gesicht, als ob er den großen Bernd fragen wollte, ob er ihn verarschen wolle. „This is trick that make little kid!“, sagt Ibrahim und deutet die ungefähre Körpergröße an, die solche Kinder haben, welche derartige Kunststücke aufführen.
Der große Bernd zeigt noch einen Trick – diesmal mit dem Feuerzeug: Er hält es mit ausgestrecktem Arm vor seinen Körper, lässt eine Flamme erscheinen und führt dann das Feuerzeug langsam über seinen Kopf. Dann bläst der große Bernd einmal kurz, und wie von Zauberhand erlischt die Flamme über seinem Haupt! Ein bezeichnendes und passendes Bild, Ibrahim aber fühlt sich schön langsam nicht mehr ganz ernst genommen vom großen Bernd. Es ist auch eine traurige Angelegenheit: Da packt der Kuwaiti einen guten Schmäh nach dem anderen aus, und der Zeller kann nur mit Gags aufwarten, die ein kritisches Kleinkindpublikum bei jedem Kindergeburtstag mit erbostem Schwedenbomben-Werfen quittieren würde.
Ibrahim aber ist barmherzig und führt weiter Kunststücke vor, erzählt Witze und macht mit seinem Körper Musik. Irgendwer muss ihm jetzt Einhalt gebieten, sonst hält er uns für einen unkreativen Haufen leicht zu beeindruckender Wilder (was wir vermutlich auch sind)!
Also fasst sich der große Bernd erneut ein Herz und greift tief in die Trickkiste: „Look!“, sagt er und hält Ibrahim Zeige- und Mittelfinger vor das Gesicht. „Hoffentlich kommt jetzt nicht wieder so etwas wie der abgesägte Finger!“, denke ich mir. Ibrahim schaut mehr freundlich als gespannt auf die beiden dicken Bernd-Finger. Auch er erwartet jetzt nichts Besonderes, seine Höflichkeit aber gebietet ihm, dem Bernd seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Da taucht der Bernd die Finger in sein Bier, drückt sie von innen gegen das Glas und hebt so das Bier in die Höhe. Ibrahim lacht und klatscht – damit hat er zumindest nicht gerechnet! Mit einem Ruck lässt der große Bernd jetzt das Bierglas nach oben sausen, zieht die beiden Finger raus, fängt das Glas mit der selben Hand wieder auf und leert es in einem Zug. Ibrahim tobt, alle klatschen, der große Bernd streckt die Faust gen Himmel, wie ein Boxer nach einem KO-Sieg. Sein Indianergesicht ziert ein breites Grinsen, halb von Freude, halb vom abendlichen Alkoholkonsum gezeichnet. „Give him another beer!“ ruft Ibrahim aufgeregt und legt auch gleich lachend das Geld hin. Jetzt hat ihn der große Bernd überzeugt!
Die Freude währt jedoch nicht lange, denn nachdem Ibrahim wieder ein paar Tricks vorgeführt hat, nimmt der große Bernd einen weiteren ersten und letzten Schluck von seinem Bier und wankt sodann rückwärts zur Türe hinaus. „I give up“, lässt er Ibrahim wissen und fällt beinahe in die Staude vor dem Lokal. Besorgt sieht Ibrahim ihm nach, dreht sich zu mir und sagt: „Is big man, hurt much when fall! - But good trick with beer! I will practice!“ Dann schnippt er wieder vergnügt und trommelt auf der Bar 1001 mir gänzlich fremde Rhythmen. Ein Abend der Völkerverständigung, des Kulturaustauschs und der Ehrenrettung durch einen Pinzgauer Kampftrinker geht zu Ende...
Schließlich hat er Nachsehen mit uns und zeigt uns etwas anderes: Er macht ein galoppierendes Pferd nach. Auch das geht in Kuwait anders als in Österreich, wo man sich mit Händeklatschen und Oberschenkelpatschen zufrieden gibt. Ibrahim benützt den Hohlraum zwischen seinen gefalteten, großen Händen, seine Stirn, seine Brust und schließlich erst den Oberschenkel. Wie die Töne entstehen, die das Geräusch eines galoppierenden Gauls viel überzeugender nachahmen als unser Klatsch-Patsch, bleibt uns verborgen. Niemand der Anwesenden versucht sich an dem 'kuwaitischen Gaul'; alle blicken nur bewundernd den fremden Mann an, der mit uns mindestens genauso viel Freude zu haben scheint, wie wir mit ihm haben. Daheim wird er wohl erzählen, wie er die Barkultur in Österreich befruchtet hat und die dort Ansässigen mit billigen Tricks zum Staunen brachte.
Der große Bernd, ein 2 Meter 10 hoher Hüne mit langem, fettigem Haar und Indiandergesicht, meint, er müsse Ibrahims Darbietungen etwas entgegensetzen und macht den 'abgeschnittenen Daumen', jenen Volksschultrick also, der dem Zuseher vorgaukeln soll, dass man die Spitze seines Daumens beliebig verschieben könne, während es sich in Wahrheit um den Daumen der zweiten Hand handelt. Ibrahim kichert belustigt und macht ein Gesicht, als ob er den großen Bernd fragen wollte, ob er ihn verarschen wolle. „This is trick that make little kid!“, sagt Ibrahim und deutet die ungefähre Körpergröße an, die solche Kinder haben, welche derartige Kunststücke aufführen.
Der große Bernd zeigt noch einen Trick – diesmal mit dem Feuerzeug: Er hält es mit ausgestrecktem Arm vor seinen Körper, lässt eine Flamme erscheinen und führt dann das Feuerzeug langsam über seinen Kopf. Dann bläst der große Bernd einmal kurz, und wie von Zauberhand erlischt die Flamme über seinem Haupt! Ein bezeichnendes und passendes Bild, Ibrahim aber fühlt sich schön langsam nicht mehr ganz ernst genommen vom großen Bernd. Es ist auch eine traurige Angelegenheit: Da packt der Kuwaiti einen guten Schmäh nach dem anderen aus, und der Zeller kann nur mit Gags aufwarten, die ein kritisches Kleinkindpublikum bei jedem Kindergeburtstag mit erbostem Schwedenbomben-Werfen quittieren würde.
Ibrahim aber ist barmherzig und führt weiter Kunststücke vor, erzählt Witze und macht mit seinem Körper Musik. Irgendwer muss ihm jetzt Einhalt gebieten, sonst hält er uns für einen unkreativen Haufen leicht zu beeindruckender Wilder (was wir vermutlich auch sind)!
Also fasst sich der große Bernd erneut ein Herz und greift tief in die Trickkiste: „Look!“, sagt er und hält Ibrahim Zeige- und Mittelfinger vor das Gesicht. „Hoffentlich kommt jetzt nicht wieder so etwas wie der abgesägte Finger!“, denke ich mir. Ibrahim schaut mehr freundlich als gespannt auf die beiden dicken Bernd-Finger. Auch er erwartet jetzt nichts Besonderes, seine Höflichkeit aber gebietet ihm, dem Bernd seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Da taucht der Bernd die Finger in sein Bier, drückt sie von innen gegen das Glas und hebt so das Bier in die Höhe. Ibrahim lacht und klatscht – damit hat er zumindest nicht gerechnet! Mit einem Ruck lässt der große Bernd jetzt das Bierglas nach oben sausen, zieht die beiden Finger raus, fängt das Glas mit der selben Hand wieder auf und leert es in einem Zug. Ibrahim tobt, alle klatschen, der große Bernd streckt die Faust gen Himmel, wie ein Boxer nach einem KO-Sieg. Sein Indianergesicht ziert ein breites Grinsen, halb von Freude, halb vom abendlichen Alkoholkonsum gezeichnet. „Give him another beer!“ ruft Ibrahim aufgeregt und legt auch gleich lachend das Geld hin. Jetzt hat ihn der große Bernd überzeugt!
Die Freude währt jedoch nicht lange, denn nachdem Ibrahim wieder ein paar Tricks vorgeführt hat, nimmt der große Bernd einen weiteren ersten und letzten Schluck von seinem Bier und wankt sodann rückwärts zur Türe hinaus. „I give up“, lässt er Ibrahim wissen und fällt beinahe in die Staude vor dem Lokal. Besorgt sieht Ibrahim ihm nach, dreht sich zu mir und sagt: „Is big man, hurt much when fall! - But good trick with beer! I will practice!“ Dann schnippt er wieder vergnügt und trommelt auf der Bar 1001 mir gänzlich fremde Rhythmen. Ein Abend der Völkerverständigung, des Kulturaustauschs und der Ehrenrettung durch einen Pinzgauer Kampftrinker geht zu Ende...
Samstag, 7. Juli 2012
Hinter einer alten Dame
Ich schleiche hinter einer alten Dame her.
Nicht, dass Sie jetzt glauben, alten Damen nachzuschleichen wäre eine geheime Passion von mir – vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt. Neuer Versuch: Ich trotte einer alten Dame nach. Schon besser.
Aber trotten? Trotten tun nur die, die den Kopf dazu hängen lassen, die sich selbst und die gesunde, gerade Körperhaltung bereits aufgegeben haben. Auf Trottenden lastet der Weltschmerz und es hängt ihnen nicht nur deshalb immer auch ein wenig Rotz aus der Nase. Nein, ich trotte ihr nicht hinterher, dazu bin ich zu gut aufgelegt und auch zu stolz.
Ich schreite im Grunde. Aber alten Damen kann man nicht nachschreiten, das ist unmöglich. Schreiten verlangt große, elegante Schritte; schwungvoll biegt sich da das Knie, möglichst spitz weist der nach vorne gestreckte Fuß die Richtung, im preußischen Rechtwinkel stehen Zehen und Spann des Standbeins zueinander. Der Oberkörper gleitet dahin, nur leicht unter den zügigen Schritten wippend; die Arme schwingen wie von einem unsichtbaren Federspiel angetrieben. Ach, das Schreiten: die geschwindeste und weltläufigste Art, sich fortzubewegen. Nein, geschritten bin ich auch nicht... obwohl ich es gern gewollt hätte!
Also tappte ich wohl einer alten Dame hinterher. Das Tappen erfasst das Zaghafte und Unsichere meiner Bewegungen gut und steht damit im krassen Kontrast zum Schreiten. Es nimmt dem sich Fortbewegenden aber auch etwas von seiner Würde. Tappende sind leicht auszulachen, nicht umsonst freut sich diebisch der Räuber, wenn Polizisten im Dunkeln tappen. Auch klingt es ein wenig nach kleinem Hundsvieh auf rutschigen Parkettböden, oder nach Jungkatzen auf Autodächern, sofern die da schon rauf kommen. Tappsig nennt man Welpen gern und meint das niedlich Unbeholfene ihrer Gehversuche. Nein, ein Welpe bin ich nicht, der da einer alten Dame nachhechelt, was denken Sie?
Es muss etwas sein zwischen tappen und schreiten – quasi der Gang als Oxymoron, die Fortbewegung, die Gegensätze in sich vereint und trotzdem vollkommen unauffällig daherkommt. Mein Gehen hat etwas Ungeduldiges – das hat seine Ursache in dem, was dem Schreitenden bei erzwungener Langsamkeit weg genommen wird. Mein Gang hat aber auch etwas Vorsichtiges, Unsicheres, mit dem ich mich so gar nicht anfreunden will. Der Grund nämlich, warum ich hinter einer alten Dame hergehe, ist dieser: Ich befinde mich im Getümmel und an ein Fortkommen war bis vor kurzem noch nicht zu denken. Bis sich diese Dame vor mich schob, die aus irgendeiner Menschentraube heraustrat und sich nun ihren Weg Richtung Oberstadt bahnt.
Zunächst nahm ich die Alte mit Argwohn zur Kenntnis, denn Schreitende trotten nicht gerne alten Leuten hinterher (aus oben genannten Gründen). Gleich aber begriff ich, dass die Omi wundersame Kräfte zu besitzen scheint. Sie bahnt sich unbekümmert und wie selbstverständlich ihren Weg durch die ansonsten undurchdringbar scheinenden Menschenmassen. Es ist, als wichen die Leute unbewusst vor ihr zurück und ich erkenne, dass es nun zwar langsam vorangeht, aber immerhin: es geht voran! So hefte ich mich an ihre Fersen, wie man sagt, und trotte, tappe, schreite und schleiche ihr nach.
Meine Heilsbringerin scheint nichts von ihrer Gabe zu wissen. Ich hingegen blicke stolz umher, wie um in den Gesichtern der Umstehenden und Ausweichenden verwunderte Anerkennung entdecken zu wollen. Aber niemand nimmt wirklich wahr, was sich hier ereignet – sie sind wohl alle in ihrem Bann. Im Bann der Omma. Omma mit zwei M, denn sie ist deutsch. Das sieht man sofort an ihrem Ommakleid, ihren Ommaschuhen, dem Ommahalstuch und ihrer Ommafrisur. Wer glaubt, alte Leute sähen sowieso überall gleich aus, der irrt! So deutsch wie diese Omma ist keine österreichische Omama. Österreichische Omamas tragen Perlketten und riechen nach Emserpastillen und Entschlackungstee, manche mit einer zarten Lavendel- und Baldriannote. Deutsche Ommas haben silberne Brillenketten, trinken Blümchenkaffee und erzählen von Kaffeefahrten nach Polen. Sie riechen nach gar nichts oder nach Schurwolle.
In der Oberstadt angekommen lichtet sich das Treiben ein wenig und jetzt, da Platz genug wäre, bleibt die alte Dame plötzlich stehen. Für mich gibt es nun keinen Grund mehr, ihr zu folgen, ich kann endlich wieder schreiten. Als ich an ihr vorbeischreiten will, macht sie plötzlich einen Haken und stellt sich mir in den Weg. Fast wäre ich in sie hinein gerannt. Ich muss abrupt stehen bleiben und hebe abwehrend meine Hände, wie ein Fußballer, der seine Unschuld am Umfallen des Gegenspielers beteuern möchte. Die Omma sieht mich ängstlich an, ich will nach rechts ausweichen, sie geht gleichzeitig rückwärts und steht mir so wieder im Weg. Himmel, denke ich, jetzt verliere ich die ganze gut gemachte Zeit wieder, weil die Omma plötzlich wieder ganz nach Art der älteren Leute im Weg herum steht! Angestrengt lächle ich sie an, bemüht, sie durch mein Lächeln milde stimmen und sie die richtige Entscheidung fällen lassen zu können.
Da gibt sie auf, bleibt einfach stehen; mit einem langen Schritt bin ich an ihr vorbei, schreite hinfort, weg vom Getümmel, durch das mich heute die wundersame Kraft einer alten Dame getragen hat. Ein kleines, unbemerktes Wunder am Zeller Sommernachtsfest – und ich Heilsempfänger! Das kann nur ein guter Sommer werden...
Nicht, dass Sie jetzt glauben, alten Damen nachzuschleichen wäre eine geheime Passion von mir – vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt. Neuer Versuch: Ich trotte einer alten Dame nach. Schon besser.
Aber trotten? Trotten tun nur die, die den Kopf dazu hängen lassen, die sich selbst und die gesunde, gerade Körperhaltung bereits aufgegeben haben. Auf Trottenden lastet der Weltschmerz und es hängt ihnen nicht nur deshalb immer auch ein wenig Rotz aus der Nase. Nein, ich trotte ihr nicht hinterher, dazu bin ich zu gut aufgelegt und auch zu stolz.
Ich schreite im Grunde. Aber alten Damen kann man nicht nachschreiten, das ist unmöglich. Schreiten verlangt große, elegante Schritte; schwungvoll biegt sich da das Knie, möglichst spitz weist der nach vorne gestreckte Fuß die Richtung, im preußischen Rechtwinkel stehen Zehen und Spann des Standbeins zueinander. Der Oberkörper gleitet dahin, nur leicht unter den zügigen Schritten wippend; die Arme schwingen wie von einem unsichtbaren Federspiel angetrieben. Ach, das Schreiten: die geschwindeste und weltläufigste Art, sich fortzubewegen. Nein, geschritten bin ich auch nicht... obwohl ich es gern gewollt hätte!
Also tappte ich wohl einer alten Dame hinterher. Das Tappen erfasst das Zaghafte und Unsichere meiner Bewegungen gut und steht damit im krassen Kontrast zum Schreiten. Es nimmt dem sich Fortbewegenden aber auch etwas von seiner Würde. Tappende sind leicht auszulachen, nicht umsonst freut sich diebisch der Räuber, wenn Polizisten im Dunkeln tappen. Auch klingt es ein wenig nach kleinem Hundsvieh auf rutschigen Parkettböden, oder nach Jungkatzen auf Autodächern, sofern die da schon rauf kommen. Tappsig nennt man Welpen gern und meint das niedlich Unbeholfene ihrer Gehversuche. Nein, ein Welpe bin ich nicht, der da einer alten Dame nachhechelt, was denken Sie?
Es muss etwas sein zwischen tappen und schreiten – quasi der Gang als Oxymoron, die Fortbewegung, die Gegensätze in sich vereint und trotzdem vollkommen unauffällig daherkommt. Mein Gehen hat etwas Ungeduldiges – das hat seine Ursache in dem, was dem Schreitenden bei erzwungener Langsamkeit weg genommen wird. Mein Gang hat aber auch etwas Vorsichtiges, Unsicheres, mit dem ich mich so gar nicht anfreunden will. Der Grund nämlich, warum ich hinter einer alten Dame hergehe, ist dieser: Ich befinde mich im Getümmel und an ein Fortkommen war bis vor kurzem noch nicht zu denken. Bis sich diese Dame vor mich schob, die aus irgendeiner Menschentraube heraustrat und sich nun ihren Weg Richtung Oberstadt bahnt.
Zunächst nahm ich die Alte mit Argwohn zur Kenntnis, denn Schreitende trotten nicht gerne alten Leuten hinterher (aus oben genannten Gründen). Gleich aber begriff ich, dass die Omi wundersame Kräfte zu besitzen scheint. Sie bahnt sich unbekümmert und wie selbstverständlich ihren Weg durch die ansonsten undurchdringbar scheinenden Menschenmassen. Es ist, als wichen die Leute unbewusst vor ihr zurück und ich erkenne, dass es nun zwar langsam vorangeht, aber immerhin: es geht voran! So hefte ich mich an ihre Fersen, wie man sagt, und trotte, tappe, schreite und schleiche ihr nach.
Meine Heilsbringerin scheint nichts von ihrer Gabe zu wissen. Ich hingegen blicke stolz umher, wie um in den Gesichtern der Umstehenden und Ausweichenden verwunderte Anerkennung entdecken zu wollen. Aber niemand nimmt wirklich wahr, was sich hier ereignet – sie sind wohl alle in ihrem Bann. Im Bann der Omma. Omma mit zwei M, denn sie ist deutsch. Das sieht man sofort an ihrem Ommakleid, ihren Ommaschuhen, dem Ommahalstuch und ihrer Ommafrisur. Wer glaubt, alte Leute sähen sowieso überall gleich aus, der irrt! So deutsch wie diese Omma ist keine österreichische Omama. Österreichische Omamas tragen Perlketten und riechen nach Emserpastillen und Entschlackungstee, manche mit einer zarten Lavendel- und Baldriannote. Deutsche Ommas haben silberne Brillenketten, trinken Blümchenkaffee und erzählen von Kaffeefahrten nach Polen. Sie riechen nach gar nichts oder nach Schurwolle.
In der Oberstadt angekommen lichtet sich das Treiben ein wenig und jetzt, da Platz genug wäre, bleibt die alte Dame plötzlich stehen. Für mich gibt es nun keinen Grund mehr, ihr zu folgen, ich kann endlich wieder schreiten. Als ich an ihr vorbeischreiten will, macht sie plötzlich einen Haken und stellt sich mir in den Weg. Fast wäre ich in sie hinein gerannt. Ich muss abrupt stehen bleiben und hebe abwehrend meine Hände, wie ein Fußballer, der seine Unschuld am Umfallen des Gegenspielers beteuern möchte. Die Omma sieht mich ängstlich an, ich will nach rechts ausweichen, sie geht gleichzeitig rückwärts und steht mir so wieder im Weg. Himmel, denke ich, jetzt verliere ich die ganze gut gemachte Zeit wieder, weil die Omma plötzlich wieder ganz nach Art der älteren Leute im Weg herum steht! Angestrengt lächle ich sie an, bemüht, sie durch mein Lächeln milde stimmen und sie die richtige Entscheidung fällen lassen zu können.
Da gibt sie auf, bleibt einfach stehen; mit einem langen Schritt bin ich an ihr vorbei, schreite hinfort, weg vom Getümmel, durch das mich heute die wundersame Kraft einer alten Dame getragen hat. Ein kleines, unbemerktes Wunder am Zeller Sommernachtsfest – und ich Heilsempfänger! Das kann nur ein guter Sommer werden...
Dienstag, 28. Februar 2012
Schaltjahrsübel
Der Februar ist nicht nur der kürzeste Monat, sondern vielleicht auch der grausigste. Obwohl ich mir selber jedes Jahr unsicher bin, ob der Februar oder der März der grausigere ist. Oder ob, am anderen Ende des Jahres, der fürchterliche November den beiden den Rang abläuft. Aber vermutlich ist immer der Monat, der gerade da ist, den man momentan sozusagen „live“ erlebt, der schlimmste, schönste etc. Warum man allerdings in Schaltjahren ausgerechnet dem unsäglichen Februar einen Tag mehr vergönnt, verstehe ich auch nur aus Gründen der Zahlenharmonie.
Der heurige Februar meinte es nicht gut mit uns. Zuerst bescherte er uns eine unglaubliche Kälte, irgendwann mittendrin glaubte er, dass er uns mit weiterem Schnee noch irgendeine Freude machen könnte und mittlerweile zeigt er sich von seiner gewohnt dreckig-nassen Seite. Dazwischen war Fasching – ein Übel an sich.
Freilich könnte man sich am ersten Vogelgezwitscher erfreuen, an den schon warmen Sonnenstrahlen, dass es jetzt schon spürbar länger hell ist, man also generell das Gefühl hat, dass die kalte Jahreszeit sich dem Ende zuneigt. Aber dann sehe ich die Februarschifahrer vor mir, wie sie sich mühsam und betrunken durch den schlatzigen Schnee schieben, wie sie in ihren Schischuhen auf den dreckigen und verkiesten Gehsteigen herumstolpern und ich höre das Geräusch dazu, das die schweren Schischuhe und die nachgezogenen Stöcke dabei machen! Ein kratziges, geschlurftes Klacken zusammen mit einem hellen, darüber schwebenden, konstanten, mechanisch schleifenden Scheppern; das Ganze in einem Rhythmus, der dem unbegabtesten aller Jazzschlagzeuger nicht passieren könnte. Der Schnee, der diese grauenhaften Geräusche dämpfen könnte, ist schon längst geschmolzen und so werden die Ohren des Passanten, die gerade noch das besagte erste Vogelgezwitscher vernommen haben, vom ungeheuerlichsten akustischen Irrsinn malträtiert, den das ganzjahrige Soundpanorama eines Skiorts für schlechter Verdienende zu bieten hat.
Dazu kommt die ständige Gefahr, der man durch Schispitzen ausgesetzt ist, die einem nach dem Leben trachten. Wie wehrhafte Reptilien, die es zu zähmen gilt, tragen die Skifahrer ihre Schi und Stöcke auf ihren Armen. Nach allen Seiten hin stehen die Kanten und Spitzen weg und die Gehsteige sind nur so breit wie sie sind und im Februar sowieso enger als sonst („Vorsicht Dachlawine!“ Gerne würde ich manchmal ein Komma zwischen die Wörter setzen, um so die Dachlawinen vor den unter ihnen vorbeitorkelnden Schifahrern zu warnen). Ständig muss man sich ducken, den Kopf nach links und rechts hin weg recken, um nicht von diesen Schiern und Stöcken gebissen zu werden. Ja, die Krankenhäuser sind nicht nur voller Gipspatienten, immer öfter müssen dort auch Schürf-, Kratz- und Stichverletzungen behandelt werden. Die Wintersaison fordert ihre Opfer!
Zwar ist uns der See im Februar schön zugefroren, doch darf man nicht vergessen, dass das Im-Eis-Einbrechen das Sinnbild für den Februar schlechthin ist: Der plötzliche Übergang vom lebensweltlichen Genuss in das existenzielle Unwohlsein bezeugt die erschütternde Wirkung, die so ein Februar haben kann. Gerade noch im Winterzauberland, jetzt auf einmal im dreckig-schlatzigen Elendstal. Letztlich ist es die Vergänglichkeit, die uns der Februar vor Augen hält und nicht der Neuanfang, den dann erst der März verspricht. Der Feber (ich bevorzuge die kürzere Variante, damit ich das Wort schneller hinter mich gebracht habe – und überhaupt: Warum so ein langer Name für einen so kurzen Monat?) ist der Tod des Winters und das kann niemanden freuen. Die Winterliebhaber nicht, weil sich hier der Winter von seiner grauslichsten Seite zeigt. Die Sommerliebhaber auch nicht, weil es bis dahin noch ein langer Weg ist. Der österreichische Trost, dass es „jetzt dann schnell geht“, will uns die Zeit des Jetzt vergessen machen und ist für Leute geeignet, die auch nicht schnell genug im Eis einbrechen können.
In Schaltjahren also verlängert sich das Feber-Übel um einen Tag, anstatt dass man lieber einen Tag länger Juni macht und wir so drei lange 31-tägige Sommermonate hintereinander hätten. Oder von mir aus auch einen Tag länger April, das ist doch so ein lustiger Monat mit den Scherzen und dem lustigen Wetter usw. Oder dem Dezember 32 Tage geben, damit man entweder zwei mal Silvester feiern kann (oder drei mal mit Bauernsilvester), oder endlich einmal nüchtern in ein neues Jahr starten kann. Stattdessen ein Februar mit 29 grausamen Tagen! Ein Tag mehr Zeit zum Im-Eis-Einbrechen!
Der heurige Februar meinte es nicht gut mit uns. Zuerst bescherte er uns eine unglaubliche Kälte, irgendwann mittendrin glaubte er, dass er uns mit weiterem Schnee noch irgendeine Freude machen könnte und mittlerweile zeigt er sich von seiner gewohnt dreckig-nassen Seite. Dazwischen war Fasching – ein Übel an sich.
Freilich könnte man sich am ersten Vogelgezwitscher erfreuen, an den schon warmen Sonnenstrahlen, dass es jetzt schon spürbar länger hell ist, man also generell das Gefühl hat, dass die kalte Jahreszeit sich dem Ende zuneigt. Aber dann sehe ich die Februarschifahrer vor mir, wie sie sich mühsam und betrunken durch den schlatzigen Schnee schieben, wie sie in ihren Schischuhen auf den dreckigen und verkiesten Gehsteigen herumstolpern und ich höre das Geräusch dazu, das die schweren Schischuhe und die nachgezogenen Stöcke dabei machen! Ein kratziges, geschlurftes Klacken zusammen mit einem hellen, darüber schwebenden, konstanten, mechanisch schleifenden Scheppern; das Ganze in einem Rhythmus, der dem unbegabtesten aller Jazzschlagzeuger nicht passieren könnte. Der Schnee, der diese grauenhaften Geräusche dämpfen könnte, ist schon längst geschmolzen und so werden die Ohren des Passanten, die gerade noch das besagte erste Vogelgezwitscher vernommen haben, vom ungeheuerlichsten akustischen Irrsinn malträtiert, den das ganzjahrige Soundpanorama eines Skiorts für schlechter Verdienende zu bieten hat.
Dazu kommt die ständige Gefahr, der man durch Schispitzen ausgesetzt ist, die einem nach dem Leben trachten. Wie wehrhafte Reptilien, die es zu zähmen gilt, tragen die Skifahrer ihre Schi und Stöcke auf ihren Armen. Nach allen Seiten hin stehen die Kanten und Spitzen weg und die Gehsteige sind nur so breit wie sie sind und im Februar sowieso enger als sonst („Vorsicht Dachlawine!“ Gerne würde ich manchmal ein Komma zwischen die Wörter setzen, um so die Dachlawinen vor den unter ihnen vorbeitorkelnden Schifahrern zu warnen). Ständig muss man sich ducken, den Kopf nach links und rechts hin weg recken, um nicht von diesen Schiern und Stöcken gebissen zu werden. Ja, die Krankenhäuser sind nicht nur voller Gipspatienten, immer öfter müssen dort auch Schürf-, Kratz- und Stichverletzungen behandelt werden. Die Wintersaison fordert ihre Opfer!
Zwar ist uns der See im Februar schön zugefroren, doch darf man nicht vergessen, dass das Im-Eis-Einbrechen das Sinnbild für den Februar schlechthin ist: Der plötzliche Übergang vom lebensweltlichen Genuss in das existenzielle Unwohlsein bezeugt die erschütternde Wirkung, die so ein Februar haben kann. Gerade noch im Winterzauberland, jetzt auf einmal im dreckig-schlatzigen Elendstal. Letztlich ist es die Vergänglichkeit, die uns der Februar vor Augen hält und nicht der Neuanfang, den dann erst der März verspricht. Der Feber (ich bevorzuge die kürzere Variante, damit ich das Wort schneller hinter mich gebracht habe – und überhaupt: Warum so ein langer Name für einen so kurzen Monat?) ist der Tod des Winters und das kann niemanden freuen. Die Winterliebhaber nicht, weil sich hier der Winter von seiner grauslichsten Seite zeigt. Die Sommerliebhaber auch nicht, weil es bis dahin noch ein langer Weg ist. Der österreichische Trost, dass es „jetzt dann schnell geht“, will uns die Zeit des Jetzt vergessen machen und ist für Leute geeignet, die auch nicht schnell genug im Eis einbrechen können.
In Schaltjahren also verlängert sich das Feber-Übel um einen Tag, anstatt dass man lieber einen Tag länger Juni macht und wir so drei lange 31-tägige Sommermonate hintereinander hätten. Oder von mir aus auch einen Tag länger April, das ist doch so ein lustiger Monat mit den Scherzen und dem lustigen Wetter usw. Oder dem Dezember 32 Tage geben, damit man entweder zwei mal Silvester feiern kann (oder drei mal mit Bauernsilvester), oder endlich einmal nüchtern in ein neues Jahr starten kann. Stattdessen ein Februar mit 29 grausamen Tagen! Ein Tag mehr Zeit zum Im-Eis-Einbrechen!
Montag, 9. Januar 2012
Der Schneefried
„Pinzgau von Außenwelt abgeschnitten“ hieß es heute, weil kurzfristig alle Verbindungen zum Rest der Welt unterbrochen waren. Eigentlich ein meditativer Zustand, dieses Abgeschnitten-Sein, wenn da nicht die vielen Russen, Ukrainer und Rumänen wären, die auf den Straßen Radau machen, weil sie sogar mit ihren panzerähnlichen Fahrzeugen der Schneemassen nicht Herr werden können. Vom Rest der Welt abgeschnitten, und zwar durch eine Naturgewalt und ihre Auswirkungen, das ist der eigentliche Freiheitsbegriff eines Innergebirglers. Der autochthone Freistaat Pinzgau hat heute für ein paar Stunden gelebt und die klammheimliche Freude darüber zeigte sich auf den Gesichtern der urigsten Ureinwohner ganz deutlich. Dass die Verbindung nach Tirol am schnellsten wiederhergestellt war, wurde hingenommen, denn schließlich ist ja Tirol vom Rest der Welt sowieso abgeschnitten – wenn schon nicht wegen des vielen Schnees, so doch zumindest in den Köpfen der Leute.
„Seids eing'schneit?“ wurden wir dauernd gefragt und stolz haben wir „Jawohl!“ geantwortet. Der Schnee hat schließlich nicht uns gebrochen, sondern nur ein paar schwache Bäume irgendwo zwischen Lend und Taxenbach. Bäume also, die es ohnehin nicht wert waren, unsere Pinzgauer Straßen zu säumen. Und deswegen werden die jetzt konsequenterweise umgesägt und verheizt. Aber erst nächstes Jahr, denn heuer ist es noch nicht kalt genug und so schnell wird uns heuer auch nicht kalt werden! Und wir zersägen sie langsam und gemächlich, denn je länger die Straßen gesperrt sind, desto besser. Weil, so hört man es auf den Straßen, dann wenigstens keine „depperten Deitschn“ mehr reinkommen können.
Aber Vorsicht, gerade diese Deutschen kommen nur allzu gern über Lofer, weil sie sich damit Zeit und Vignette sparen! Kein Problem, so sperren wir eben Lofer auch, dort hat es ohnehin schon zu viel Schnee, da kommt bestimmt bald mal eine Lawine herunter. Die sprengen wir weg – gemütlich und ohne Hast.
Herrliche Abgeschiedenheit, bleib uns noch lange erhalten! – Oder zumindest bis zum Freitag, denn am Samstag ist ja wieder An- und Abreise und dann sind wir wieder froh, wenn die alten Gäste weg sind und wir uns auf die neuen „freuen“ können. Inzwischen bleiben wir in unserer Innergebirgsfestung und schauen grimmig vom Berg ins Tal hinunter und in den Fernseher hinein, wo wir uns selbst sehen und wo die Wiener von einem „Schneechaos“ sprechen, ein Schneechaos, das wir selbst lieber „die höchste Ordnung aller Dinge“ nennen. Der Herrgott hat uns endlich das gegeben, was wir eigentlich schon immer wollten: den Schneefried in Form eines von der Außenwelt (was ist das eigentlich, die Welt da draußen?) abgeschnittenen Pinzgaus. Wir setzen uns Zipfelmützen auf, trinken Jagatee und harren der Dinge.
„Seids eing'schneit?“ wurden wir dauernd gefragt und stolz haben wir „Jawohl!“ geantwortet. Der Schnee hat schließlich nicht uns gebrochen, sondern nur ein paar schwache Bäume irgendwo zwischen Lend und Taxenbach. Bäume also, die es ohnehin nicht wert waren, unsere Pinzgauer Straßen zu säumen. Und deswegen werden die jetzt konsequenterweise umgesägt und verheizt. Aber erst nächstes Jahr, denn heuer ist es noch nicht kalt genug und so schnell wird uns heuer auch nicht kalt werden! Und wir zersägen sie langsam und gemächlich, denn je länger die Straßen gesperrt sind, desto besser. Weil, so hört man es auf den Straßen, dann wenigstens keine „depperten Deitschn“ mehr reinkommen können.
Aber Vorsicht, gerade diese Deutschen kommen nur allzu gern über Lofer, weil sie sich damit Zeit und Vignette sparen! Kein Problem, so sperren wir eben Lofer auch, dort hat es ohnehin schon zu viel Schnee, da kommt bestimmt bald mal eine Lawine herunter. Die sprengen wir weg – gemütlich und ohne Hast.
Herrliche Abgeschiedenheit, bleib uns noch lange erhalten! – Oder zumindest bis zum Freitag, denn am Samstag ist ja wieder An- und Abreise und dann sind wir wieder froh, wenn die alten Gäste weg sind und wir uns auf die neuen „freuen“ können. Inzwischen bleiben wir in unserer Innergebirgsfestung und schauen grimmig vom Berg ins Tal hinunter und in den Fernseher hinein, wo wir uns selbst sehen und wo die Wiener von einem „Schneechaos“ sprechen, ein Schneechaos, das wir selbst lieber „die höchste Ordnung aller Dinge“ nennen. Der Herrgott hat uns endlich das gegeben, was wir eigentlich schon immer wollten: den Schneefried in Form eines von der Außenwelt (was ist das eigentlich, die Welt da draußen?) abgeschnittenen Pinzgaus. Wir setzen uns Zipfelmützen auf, trinken Jagatee und harren der Dinge.
Sonntag, 6. November 2011
Wenn es "wildelt"
Am Abend gab es Hirsch. Der Koch wurde gelobt, weil der Hirsch nicht "gewildelt" hat. Das habe nichts mit dem Kochen zu tun, so der bescheidene Koch abwehrend, sondern damit, wann der Hirsch geschossen wurde. Brünftige Hirschen "wildeln" mehr. "Aha, jaja", machen die Gäste. Von wem er den Hirsch habe, und ob der gewildert wäre, fragt man den Koch scherzhaft. Ich sage, dass es gewildert wohl besser schmecke als gejagt. Der Koch und die Gäste lachen. Das müsse ich als Schmittinger wohl am besten wissen, sagt mir mein Gegenüber augenzwinkernd.
Der Dessertwein ist gut. Ein Kracher, sagt man mir. Ich finde, das ist übertrieben. Dann eröffnet sich mir, dass damit das Weingut gemeint ist. Weingut Kracher, Illmitz, Burgenland. "Achso!", mache ich in mich selbst hinein und amüsiere mich über meine diesbezügliche Ahnungslosigkeit. Der Kracher sei schon gestorben, heißt es - leider. Aber der Wein schmeckt immer noch ausgezeichnet. Weltruhm habe er mit dem Süßwein erlangt.
Den Grappa lassen wir Jungen aus. Stattdessen trinken wir Vodka lemon. So jung, so dynamisch. Mit Red Bull könne ich es nicht mehr trinken, meine ich. Da schlafe ich schlecht. Mein Gegenüber überrascht mich mit der Aussage, dass er gern Red Bull trinke. Er sagt "ein Red Bull" und das, obwohl er damit nicht aufgewachsen ist, so wie ich. Ältere Leute sagen ja oft "einen Red Bull", weil der Bulle ja männlich ist. Dieser ältere Herr überrascht mich also doppelt. Ich sage, ich würde das "nicht mehr" erleiden und trinke es eigentlich nur noch beim Autofahren. Das lange Ennstal, jaja. Schrecklich alt komme ich mir jetzt vor, weil ich kein Red Bull mehr erleide, - mein Gegenüber aber sehrwohl und auch seine Frau trinke es gern, wie sie mir versichert.
Die Gastgeberin erzählt, wie sie den Koch kennengelernt hat. Also eigentlich ihren Mann, der für diesen Abend der Koch ist. Beide waren sie Schilehrer damals. Sie eine Anwärterin, er schon ein gestandener Schilehrer. Eingestaubt habe er sie alle und lässig dagestanden sei er. Seinen Kollegen, der die Ausbildung geleitet hat, habe er gefragt, was für Hasen dieser heute parat hätte. Unsympathisch sei das gewesen. Aber später habe er ihr einmal geholfen, als sie mit den Kindern beim Schlepplift war und alle Hände voll zu tun hatte. Das habe der Kollege nicht gemacht, der sei nur dagestanden und habe gegrinst. Es zahlt sich also doch aus, wenn man einmal nett auch ist und nicht nur lässig dasteht. Später haben sie sich dann auf einer Schihütte wieder getroffen. Beim gemeinsamen Runterfahren, sagt der Koch, habe er dann gewusst, dass er sie jetzt habe. "Die hab ich", hat er sich gedacht. Alle lachen, weil es eine schöne Geschichte ist und sie so schön erzählt wurde.
Beim Dessert habe ich dann Dessertwein, Kaffe und Vodka lemon vor mir stehen. Aber auch diese Kombination schmeckt gut. Man muss es ja im Mund nicht mischen. Und im Magen kommt ja bekanntlich eh alles zusammen. Die Jugend meint, dass früher alles besser gewesen sei. Wir (also die Vodka-lemon trinkende Jugend) klingen neidig, weil die Älteren so tolle Geschichten erzählen. Es klingt alles so heimelig und spannend zugleich. Ganze Gruppen von Schihaserln seien da immer gekommen, aus Schweden, Holland und Dänemark. Fesch! Heute kommen ja nur mehr die dicken Engländerinnen - was haben wir es schlecht! Nein nein, früher sei auch nicht alles so rosig gewesen, versichert man uns. Man erinnere sich halt nur an die schönen und lustigen Sachen. Dass aber früher alle rauschig Auto gefahren sind, das stimme schon. Und beim Schifahren habe keiner einen Helm getragen. Heutzutage geht das ja nicht mehr. Die Technologie! Alles schneller, viel mehr Leute. Und rücksichtslos sind die! Deswegen gehe ich immer nur in der Früh, sage ich. Ja, da sei es auch am schönsten, bestätigt man mich.
Diese Gegend ist voller unhingehbarer Wahrheiten, denke ich mir. Das ist gut, aber auch schlecht. Einerseits ist das irrsinnig konservativ. Wobei, wenn hier etwas konserviert wird, kann das ja so schlecht auch nicht sein. Andererseits nimmt auch keiner die Wahrheiten so wahnsinnig ernst. Der Witz stirbt zuletzt und wer zuletzt lacht, der muss ein Schnapserl mehr trinken.
Dumm ist auch, wenn man sagt, etwas sei gut, aber auch schlecht. Mein Vater erzählt mir öfter, dass ich als kleiner Bub beim Spazierengehen einmal einen Kuhfladen nachdenklich betrachtet habe. Anscheinend habe ich dann gesagt, dass es schon interessant sei, dass überall, wo etwas Schlechtes ist, auch etwas Gutes sei. Mein Vater hat sich über mich gewundert. Ich habe mich über die Fliegen gewundert, die die Kuhscheiße so interessant fanden. Gut, aber auch schlecht. Was denn nun? Ich weiß es bis heute nicht. Und will mich auch nicht entscheiden. Wie sagt man hier? Es hilft eh nix. Oder: wenn's nicht hilft, schadet es auch nix. So wie Topfenwickel oder Essigpatscherl.
Der Dessertwein ist gut. Ein Kracher, sagt man mir. Ich finde, das ist übertrieben. Dann eröffnet sich mir, dass damit das Weingut gemeint ist. Weingut Kracher, Illmitz, Burgenland. "Achso!", mache ich in mich selbst hinein und amüsiere mich über meine diesbezügliche Ahnungslosigkeit. Der Kracher sei schon gestorben, heißt es - leider. Aber der Wein schmeckt immer noch ausgezeichnet. Weltruhm habe er mit dem Süßwein erlangt.
Den Grappa lassen wir Jungen aus. Stattdessen trinken wir Vodka lemon. So jung, so dynamisch. Mit Red Bull könne ich es nicht mehr trinken, meine ich. Da schlafe ich schlecht. Mein Gegenüber überrascht mich mit der Aussage, dass er gern Red Bull trinke. Er sagt "ein Red Bull" und das, obwohl er damit nicht aufgewachsen ist, so wie ich. Ältere Leute sagen ja oft "einen Red Bull", weil der Bulle ja männlich ist. Dieser ältere Herr überrascht mich also doppelt. Ich sage, ich würde das "nicht mehr" erleiden und trinke es eigentlich nur noch beim Autofahren. Das lange Ennstal, jaja. Schrecklich alt komme ich mir jetzt vor, weil ich kein Red Bull mehr erleide, - mein Gegenüber aber sehrwohl und auch seine Frau trinke es gern, wie sie mir versichert.
Die Gastgeberin erzählt, wie sie den Koch kennengelernt hat. Also eigentlich ihren Mann, der für diesen Abend der Koch ist. Beide waren sie Schilehrer damals. Sie eine Anwärterin, er schon ein gestandener Schilehrer. Eingestaubt habe er sie alle und lässig dagestanden sei er. Seinen Kollegen, der die Ausbildung geleitet hat, habe er gefragt, was für Hasen dieser heute parat hätte. Unsympathisch sei das gewesen. Aber später habe er ihr einmal geholfen, als sie mit den Kindern beim Schlepplift war und alle Hände voll zu tun hatte. Das habe der Kollege nicht gemacht, der sei nur dagestanden und habe gegrinst. Es zahlt sich also doch aus, wenn man einmal nett auch ist und nicht nur lässig dasteht. Später haben sie sich dann auf einer Schihütte wieder getroffen. Beim gemeinsamen Runterfahren, sagt der Koch, habe er dann gewusst, dass er sie jetzt habe. "Die hab ich", hat er sich gedacht. Alle lachen, weil es eine schöne Geschichte ist und sie so schön erzählt wurde.
Beim Dessert habe ich dann Dessertwein, Kaffe und Vodka lemon vor mir stehen. Aber auch diese Kombination schmeckt gut. Man muss es ja im Mund nicht mischen. Und im Magen kommt ja bekanntlich eh alles zusammen. Die Jugend meint, dass früher alles besser gewesen sei. Wir (also die Vodka-lemon trinkende Jugend) klingen neidig, weil die Älteren so tolle Geschichten erzählen. Es klingt alles so heimelig und spannend zugleich. Ganze Gruppen von Schihaserln seien da immer gekommen, aus Schweden, Holland und Dänemark. Fesch! Heute kommen ja nur mehr die dicken Engländerinnen - was haben wir es schlecht! Nein nein, früher sei auch nicht alles so rosig gewesen, versichert man uns. Man erinnere sich halt nur an die schönen und lustigen Sachen. Dass aber früher alle rauschig Auto gefahren sind, das stimme schon. Und beim Schifahren habe keiner einen Helm getragen. Heutzutage geht das ja nicht mehr. Die Technologie! Alles schneller, viel mehr Leute. Und rücksichtslos sind die! Deswegen gehe ich immer nur in der Früh, sage ich. Ja, da sei es auch am schönsten, bestätigt man mich.
Diese Gegend ist voller unhingehbarer Wahrheiten, denke ich mir. Das ist gut, aber auch schlecht. Einerseits ist das irrsinnig konservativ. Wobei, wenn hier etwas konserviert wird, kann das ja so schlecht auch nicht sein. Andererseits nimmt auch keiner die Wahrheiten so wahnsinnig ernst. Der Witz stirbt zuletzt und wer zuletzt lacht, der muss ein Schnapserl mehr trinken.
Dumm ist auch, wenn man sagt, etwas sei gut, aber auch schlecht. Mein Vater erzählt mir öfter, dass ich als kleiner Bub beim Spazierengehen einmal einen Kuhfladen nachdenklich betrachtet habe. Anscheinend habe ich dann gesagt, dass es schon interessant sei, dass überall, wo etwas Schlechtes ist, auch etwas Gutes sei. Mein Vater hat sich über mich gewundert. Ich habe mich über die Fliegen gewundert, die die Kuhscheiße so interessant fanden. Gut, aber auch schlecht. Was denn nun? Ich weiß es bis heute nicht. Und will mich auch nicht entscheiden. Wie sagt man hier? Es hilft eh nix. Oder: wenn's nicht hilft, schadet es auch nix. So wie Topfenwickel oder Essigpatscherl.
Dienstag, 4. Oktober 2011
Heimkehr: Ein Berggang
Den unendlichen Weiten des amerikanischen Landesinneren entrissen, sitze ich im schönen Schmittental nahe des Zeller Sees am Balkon und starre auf die Berge. Unüberwindbar kommen sie mir vor, unglaublich grün, fast schon pervers bewaldet und irgendwie hinterlistig. Der Volksmund sagt ja, Bergmenschen würden sich oft eingesperrt fühlen und deshalb besonders gerne auf die Berge hinaufwandern, um diesen Gefühl wenigstens kurzfristig zu entfliehen; oder sie würden sich des Einsperrt-Seins wegen „wegtun“. Letzteres soll heißen: Aufgrund der wenigen Sonnenstunden in manchen Innergebirgstälern und des psychologischen Gefühls der Bedrängnis würde in den Bergmenschen oft ein suizidaler Drang entstehen. Selbst wenn das so wäre: Heutzutage fahren solariumgebräunte Menschen aus sogenannten Selbstmördertälern in schnellen Sportwagen hinaus ins Salzburgische oder Münchnerische und zelebrieren dort das heitere Leben. Umbringen tun sie sich dabei höchstens beim Zu-schnell-um-die-Kurve-Fahren: zu viel Schampus, zu viel Koks. Aber herrje, das soll sogar höchstrangigen Politikern passieren, und das alles hat mit Trübsinn und hohen Bergen nur ganz wenig zu tun...
Je länger ich auf die Berge schaue und je länger ich über die Bergmenschen nachdenke, desto mehr möchte ich auf einen dieser Berge wenigstens ein bisschen hinaufwandern. Es ist einen ja doch ins Blut „geschrieben“, dass ein Berg zum Hinaufgehen da ist und zum Von-oben-Herunterschauen. Flink habe ich meine Turnschuhe angezogen, die mir schon bei meiner Wanderung im Metnitztal gute Dienste erwiesen haben, und wähle eine unpopuläre Route auf die Sonnenalm, einem Forstweg im entlegensten Graben folgend, wo es abwechselnd nach Schnittholz und Forstmaschinen riecht.
Ich quäle mich durch den Wald den Berg hinauf, bleibe stehen, schaue auf die Uhr, blicke Hilfe suchend rings umher, überlege gar auf halbem Wege umzukehren. Aber starrköpfig sind sie ja auch, die Bergmenschen, also schleppe ich mich weiter. Letztes Jahr, so erinnere ich mich zurück, bin ich diesen Weg noch hinaufgeschritten, im reinsten Jägerschritt. Heute torkle ich halb bewusstlos vor Erschöpfung von Kehre zu Kehre und richte mein Wort an den Herrn, er möge den Weg bald flacher werden lassen.
So schäme ich mich vor mir selbst, als ich plötzlich ein Knacksen höre und weiter oben zwei Wanderer erblicke, die mir flotten Schrittes entgegen kommen. Da ich mit einem Blick erkennen kann, dass es sich bei den beiden um Deutsche handelt, reiße ich mich zusammen, wische mir den Schweiß aus dem vermutlich hochroten Gesicht und eile den steilen Forstweg hinauf, so als ob ich immer schon so gegangen wäre und auch vorhätte, den Rest des Berges sehr eilig bezwingen zu wollen (zu können). Da Deutsche es immer sehr gern haben, wenn man sie mit einem herzig herzhaften „Grüß Gott“ begrüßt (sie meinen nämlich, man würde sie als ebenbürtig akzeptieren, wenn man das tut), mache ich selbiges, um von meiner offensichtlichen Erschöpfung abzulenken.
Es stellt sich heraus, dass es sich um Sachsen handelt. Das beruhigt mich insofern, als mir die Sachsen als ein kerniges und tüchtiges Volk bekannt sind, die das Wandern noch als eine Tugend begreifen und nicht als ein leidiges Mühsal. „Kommen wir hier zur Jaga-Alm?“, fragt mich der Sachse freundlich. Wie immer amüsiert mich die bundesdeutsche Aussprache des Wortes „Jaga“, diesmal um eine sächsische Intonation bereichert. In solchen Situationen ist der Bergmensch bemüht, allen Klischees gerecht zu werden, und also lache ich kurz auf, bevor ich antworte. Dieses Lachen ist eine Mischung aus verwunderter Erheiterung und milder Nachsicht und will geübt sein – ich beherrsche es (so unbescheiden darf ich sein) perfekt. Daraufhin erkläre ich ihm in grober, aber für das Deutsche Ohr gerade noch verständlicher Mundart, dass er sich „ganz auf der falschen Seite“ des Berges befinde. Er sei wohl von oben her kommend rechts abgebogen? Das bestätigt der Sachse mit einem überaus sächsischem „Jawoll!“. Die Jaga-Alm befinde sich aber auf linken Seite, erkläre ich ihm. „Aha!“, sagt der Sachse ein wenig enttäuscht. Ich tue so als ob ich ihn und seine Frau begutachten würde und sage ihnen aufmunternd, dass mir scheine, dass sie beide gut „beinander“ seien und, unten angekommen, den Weg zur Jaga-Alm vom Tal aus angehen könnten – es seien von unten ja nur 20 Minuten. Der Sachse verzieht etwas den Mund. „Für Sie 15!“, füge ich noch hinzu, um sein Misstrauen ein wenig zu zerstreuen. Da grinst er, bedankt sich und wünscht mir noch einen guten Tag.
Ich eile weiter, bleibe aber, sobald ich die Sachsen aus meinem Blickfeld verloren habe, sofort stehen um Luft zu holen. Dabei verfluche ich den amerikanischen Lebensstil, der mir jegliche Kondition verkümmern ließ, und den versuche, das Brennen in meinen Beinen als wohliges Gefühl zu interpretieren. Dann erinnere ich mich aber daran, dass ein Amerikaner nie aufgeben würde und ich jetzt hier nicht als Österreicher auf den amerikanischen Lebensstil schimpfen und gleichzeitig auf gut österreichisch aufgeben kann. Deshalb quäle ich mich weiter.
Oben dann die gewohnt schöne Aussicht. Ja, toll ist es hier und staunen muss man schon, dass es einen solchen Flecken Erde usw... Ein wenig versöhnt mich der Blick ins Tal wieder mit meiner Heimat. Noch einmal kommt mir der Sachse in den Sinn, der die Jaga-Alm nur deshalb verfehlt hat, weil er den unwahrscheinlicheren Abstieg gewählt hat. Weil er eine Route gewählt hat, die sonst niemand wählt, ja, die die wenigsten überhaupt finden. Und Sachsen, die in unseren Wäldern unwahrscheinliche Wege beschreiten, gehören zu der Heimat genauso dazu wie der schöne Blick ins Tal und die geheimnisvollen Gerüche des Waldes. Dass das Fremde zur Heimat gehört, das wissen nur die Bergmenschen in den Tourismusgebieten. Und mag auch der eine oder andere darüber schimpfen, bestreiten kann es keiner, denke ich mir und beginne meinen knieweichen Abstieg.
Wieder unten angekommen, sitze ich erneut am Balkon und starre auf die Berge. „Das Erhabene!“, denke ich mir und muss lachen, weil ich immer an Immanuel Kant denken muss, wenn ich an „das Erhabene“ denke (was bei Gott nicht oft der Fall ist!). Und dann fällt mir ein, wie dieser Kant einmal behauptet hat, dass es überhaupt nur zwei Dinge gebe, die sein Herz berühren oder was auch immer: „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“, so er. Ich lache über die pathetische Übertriebenheit seines Satzes, obwohl mir klar ist, dass ich gerade auf die Berge schaue wie der Kant damals auf die Sterne und irgendetwas fühle. Auch, wenn es nicht das „moralische Gesetz in mir“ ist, ist es irgendetwas Wichtiges, etwas Beruhigendes. „Der Kant, der alte Depp“, sage ich mir. „Wenn der je aus Königsberg hinaus gekommen wäre und die Berge gesehen hätte, dann wäre ihm das moralische Gesetz auch wurscht gewesen.“
Und weil ich mich selbst dabei ertappe, wie ich in Gedanken Berge und Heimat mit dem Kant vermische, habe ich das Gefühl, wieder zu Hause und irgendwie bei mir selbst angekommen zu sein. Und das erheitert mich genauso wie es mich be(un)ruhigt.
Je länger ich auf die Berge schaue und je länger ich über die Bergmenschen nachdenke, desto mehr möchte ich auf einen dieser Berge wenigstens ein bisschen hinaufwandern. Es ist einen ja doch ins Blut „geschrieben“, dass ein Berg zum Hinaufgehen da ist und zum Von-oben-Herunterschauen. Flink habe ich meine Turnschuhe angezogen, die mir schon bei meiner Wanderung im Metnitztal gute Dienste erwiesen haben, und wähle eine unpopuläre Route auf die Sonnenalm, einem Forstweg im entlegensten Graben folgend, wo es abwechselnd nach Schnittholz und Forstmaschinen riecht.
Ich quäle mich durch den Wald den Berg hinauf, bleibe stehen, schaue auf die Uhr, blicke Hilfe suchend rings umher, überlege gar auf halbem Wege umzukehren. Aber starrköpfig sind sie ja auch, die Bergmenschen, also schleppe ich mich weiter. Letztes Jahr, so erinnere ich mich zurück, bin ich diesen Weg noch hinaufgeschritten, im reinsten Jägerschritt. Heute torkle ich halb bewusstlos vor Erschöpfung von Kehre zu Kehre und richte mein Wort an den Herrn, er möge den Weg bald flacher werden lassen.
So schäme ich mich vor mir selbst, als ich plötzlich ein Knacksen höre und weiter oben zwei Wanderer erblicke, die mir flotten Schrittes entgegen kommen. Da ich mit einem Blick erkennen kann, dass es sich bei den beiden um Deutsche handelt, reiße ich mich zusammen, wische mir den Schweiß aus dem vermutlich hochroten Gesicht und eile den steilen Forstweg hinauf, so als ob ich immer schon so gegangen wäre und auch vorhätte, den Rest des Berges sehr eilig bezwingen zu wollen (zu können). Da Deutsche es immer sehr gern haben, wenn man sie mit einem herzig herzhaften „Grüß Gott“ begrüßt (sie meinen nämlich, man würde sie als ebenbürtig akzeptieren, wenn man das tut), mache ich selbiges, um von meiner offensichtlichen Erschöpfung abzulenken.
Es stellt sich heraus, dass es sich um Sachsen handelt. Das beruhigt mich insofern, als mir die Sachsen als ein kerniges und tüchtiges Volk bekannt sind, die das Wandern noch als eine Tugend begreifen und nicht als ein leidiges Mühsal. „Kommen wir hier zur Jaga-Alm?“, fragt mich der Sachse freundlich. Wie immer amüsiert mich die bundesdeutsche Aussprache des Wortes „Jaga“, diesmal um eine sächsische Intonation bereichert. In solchen Situationen ist der Bergmensch bemüht, allen Klischees gerecht zu werden, und also lache ich kurz auf, bevor ich antworte. Dieses Lachen ist eine Mischung aus verwunderter Erheiterung und milder Nachsicht und will geübt sein – ich beherrsche es (so unbescheiden darf ich sein) perfekt. Daraufhin erkläre ich ihm in grober, aber für das Deutsche Ohr gerade noch verständlicher Mundart, dass er sich „ganz auf der falschen Seite“ des Berges befinde. Er sei wohl von oben her kommend rechts abgebogen? Das bestätigt der Sachse mit einem überaus sächsischem „Jawoll!“. Die Jaga-Alm befinde sich aber auf linken Seite, erkläre ich ihm. „Aha!“, sagt der Sachse ein wenig enttäuscht. Ich tue so als ob ich ihn und seine Frau begutachten würde und sage ihnen aufmunternd, dass mir scheine, dass sie beide gut „beinander“ seien und, unten angekommen, den Weg zur Jaga-Alm vom Tal aus angehen könnten – es seien von unten ja nur 20 Minuten. Der Sachse verzieht etwas den Mund. „Für Sie 15!“, füge ich noch hinzu, um sein Misstrauen ein wenig zu zerstreuen. Da grinst er, bedankt sich und wünscht mir noch einen guten Tag.
Ich eile weiter, bleibe aber, sobald ich die Sachsen aus meinem Blickfeld verloren habe, sofort stehen um Luft zu holen. Dabei verfluche ich den amerikanischen Lebensstil, der mir jegliche Kondition verkümmern ließ, und den versuche, das Brennen in meinen Beinen als wohliges Gefühl zu interpretieren. Dann erinnere ich mich aber daran, dass ein Amerikaner nie aufgeben würde und ich jetzt hier nicht als Österreicher auf den amerikanischen Lebensstil schimpfen und gleichzeitig auf gut österreichisch aufgeben kann. Deshalb quäle ich mich weiter.
Oben dann die gewohnt schöne Aussicht. Ja, toll ist es hier und staunen muss man schon, dass es einen solchen Flecken Erde usw... Ein wenig versöhnt mich der Blick ins Tal wieder mit meiner Heimat. Noch einmal kommt mir der Sachse in den Sinn, der die Jaga-Alm nur deshalb verfehlt hat, weil er den unwahrscheinlicheren Abstieg gewählt hat. Weil er eine Route gewählt hat, die sonst niemand wählt, ja, die die wenigsten überhaupt finden. Und Sachsen, die in unseren Wäldern unwahrscheinliche Wege beschreiten, gehören zu der Heimat genauso dazu wie der schöne Blick ins Tal und die geheimnisvollen Gerüche des Waldes. Dass das Fremde zur Heimat gehört, das wissen nur die Bergmenschen in den Tourismusgebieten. Und mag auch der eine oder andere darüber schimpfen, bestreiten kann es keiner, denke ich mir und beginne meinen knieweichen Abstieg.
Wieder unten angekommen, sitze ich erneut am Balkon und starre auf die Berge. „Das Erhabene!“, denke ich mir und muss lachen, weil ich immer an Immanuel Kant denken muss, wenn ich an „das Erhabene“ denke (was bei Gott nicht oft der Fall ist!). Und dann fällt mir ein, wie dieser Kant einmal behauptet hat, dass es überhaupt nur zwei Dinge gebe, die sein Herz berühren oder was auch immer: „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“, so er. Ich lache über die pathetische Übertriebenheit seines Satzes, obwohl mir klar ist, dass ich gerade auf die Berge schaue wie der Kant damals auf die Sterne und irgendetwas fühle. Auch, wenn es nicht das „moralische Gesetz in mir“ ist, ist es irgendetwas Wichtiges, etwas Beruhigendes. „Der Kant, der alte Depp“, sage ich mir. „Wenn der je aus Königsberg hinaus gekommen wäre und die Berge gesehen hätte, dann wäre ihm das moralische Gesetz auch wurscht gewesen.“
Und weil ich mich selbst dabei ertappe, wie ich in Gedanken Berge und Heimat mit dem Kant vermische, habe ich das Gefühl, wieder zu Hause und irgendwie bei mir selbst angekommen zu sein. Und das erheitert mich genauso wie es mich be(un)ruhigt.
Donnerstag, 7. Juli 2011
Am Mittwochsfestl
Am Stadtplatz stehen sich wieder einmal die Leute gegenseitig im Weg. Betrunkene Touristen, betrunkene Einheimische und solche, die es noch werden wollen - sowohl einheimisch als auch betrunken. Auf einer Bühne sitzen 4 junge Burschen und spielen Harmonika, aber niemand hört zu. Es ist Mittwochsfest und zwar das erste des Jahres, das Wetter ist schön und also ist man gezwungen hinzugehen. Bei mir geht ein riesiger Holländer vorbei, er hat eine Gämse auf dem Kopf. Vielmehr handelt es sich um eine Kopfbedeckung in Gämsenform. Sie können sich das jetzt vorstellen, wie Sie wollen - in Wirklichkeit sieht so etwas noch viel schlimmer aus.
Der Spritzer ist warm, das Bier grausig, die Bedienung langsam. Viele Mundwinkel lässt das aber nicht nach unten hängen, denn irgendwie ist man froh, dass es überhaupt was gibt und sowieso: Gerade die Zeller jammern ja auf höchstem Niveau. Gehen wir halt zu einem anderen Standl, es gibt ja genügend! Ich will wieder bergwärts, denn von dort kommend habe ich zuvor eine von Havana Club gesponserte kubanische Band gesehen. Vielmehr handelt es sich um einen Gitarristen und Sänger, einen Rastamann mit Trommeln und zwei karibische Schönheiten, die tanzend Rhythmusinstrumente bedienen. Ihre Rasseln haben es mir angetan.
Oben angekommen muss ich feststellen, dass die Havana Club Habaneros Pause machen. Ich trinke tschechisches Budweiser, nenne es bei der Bestellung ein "Technisches" und der Kellner muss - wie immer - lachen. Zwar finde ich den dummen Wortwitz schon lange nicht mehr lustig, aber ich weiß genau, dass er von mir erwartet wird. Letztens wollte ich einmal ein "Tschechisches" bestellen. Da hat mich der Kellner fragend angesehen und gesagt: "Du meinst ein Technisches?". Ja, meinte ich. Na also. Dem "Technischen " lasse ich ein Gin Tonic folgen, die Havana Club Mädchen tanzen schon wieder, auch ich versuche es ein bisschen. Ich halte mich für mittelmäßig musikalisch, aber karibische und südamerikanische Rhythmen verwirren mich prinzipiell. Immer, wenn man glaubt, jetzt habe man es heraußen, stolpert man wieder über eine scheinbar willkürlich gesetzte Pause, sucht den Takt, versucht es von vorne, hat es wieder gefunden und dann macht es "bamm bamm...... bamm bam bam" und alles geht wieder von vorne los. Ich klemme mir eine Rose zwischen die Zähne, das lässt alles unernster aussehen.
Später, als die Kubaner schon weitergezogen sind, kommt der Chef mit einer Flasche Prosecco und David Hasselhoff singt "September Love" aus dem Lautsprecher heraus. Ich werde proseccogeduscht ("Herr Magister! Herr Magister!"), meine Lederjacke klebt, Leute stieren verständnislos, ich grinse und merke zufrieden, dass ich für solche Sachen doch noch nicht zu alt bin. Bekloppt aussehende Schüler schauen erschreckt, heute sind mir sogar die egal. Sonst fragen wir uns immer, ob wir wohl auch so waren, um uns dann selbst zu versichern, dass nein. Heute abend weiß ich aber, dass wir ebenso bekloppt waren.
Irgendwann landet man dann immer im Insider und dort ist heute erwartungsgemäß die Hölle los. Wir stehen am Eingang, halb auf der Straße - immerhin haben wir einen Tisch. Der Italiener, der aussieht wie Tom Cruise, ist auch wieder da. "Enice to see eyou agaaaiin", sagt er und ich freue mich ebenso ihn zu sehen, auch wenn ich anfangs immer Angst habe, dass er mir eine Scientology-Mitgliedschaft andrehen möchte. Jedes Mal sage ich ihm, dass er wie Tom Cruise aussieht. "Ehnooo nooo, Tom Cruise ise much smaller, no?", sagt er dann immer und lacht das reinste Tom-Cruise-Lachen.
Die Mutter eines Freundes fragt mich nach meinen Sommerplänen. Ich sage ihr, dass ich in den USA sein werde und sie sagt, ich solle mir da drüben ein Mädchen suchen – zum Heiraten. Dabei schaut sie begeistert und erzählt mir, dass die da drüben so fesch sind. Ich solle mir aber keine Dicke suchen, sagt sie. Die Schlanken seien eh alle fesch bzw. fesch gemacht. "Eine Seidige brauchst du! Ein richtig seidiges Mädchen!" Mein Freund und ich sind total begeistert von den Ausführungen seiner Mutter. Seidig! Ja, so soll sie sein! Wir wissen, was wir uns darunter vorzustellen haben.
Auf der Toilette fragt uns einer der trotteligen Schüler, ob wir Salzburger seien. Ich sage, aus Graz kommend, im Reflex ja. "Aso deswegen", sagt er frech. Da stutze ich und erkenne meinen Irrtum. "Du meinst aus der Stadt? Nein! Wir sind Zeller", kläre ich ihn wahrheitsgemäß auf. Der Schüler schaut mich mit seinen viel zu eng beieinander stehenden Augen, die Rückschlüsse auf die mangelnde Variation in seinem Genpool durchaus zulassen, an und meint, wir seien aber so angezogen wie Stadtsalzburger (er meint wohl das Hemd). Ich mustere seinen fragwürdigen Aufzug von oben bis unten, sage nur "aha" und gehe. Immer das Gleiche...
Jeden Sommer gehen die Zeller aufs Mittwochsfest und jeden Mittwoch bereuen sie es immer auch ein bisschen, obwohl es ja alles in allem sehr nett ist. Das Fest bleibt gleich, die Leut bleiben gleich, ändern tut sich im Grunde nur das Wetter und selbst das kann nur entweder schlecht oder gut sein. Solange es gut ist, so sagt man im Pinzgau, muss man es ausnutzen. Deswegen stellt man sich dann auch jeden Mittwoch Abend in die Stadt, beäugt die teils recht zweifelhaften Zeitgenossen, trinkt was, unterhält sich mit Freunden, genießt das Wetter und ist sich einig, dass das Mittwochsfestl schon irgendwie ein Highlight ist. Auch wenn es eigentlich schon reicht, einmal dort gewesen zu sein. Oder zweimal – einmal beim ersten Fest und einmal beim letzten.
Der Spritzer ist warm, das Bier grausig, die Bedienung langsam. Viele Mundwinkel lässt das aber nicht nach unten hängen, denn irgendwie ist man froh, dass es überhaupt was gibt und sowieso: Gerade die Zeller jammern ja auf höchstem Niveau. Gehen wir halt zu einem anderen Standl, es gibt ja genügend! Ich will wieder bergwärts, denn von dort kommend habe ich zuvor eine von Havana Club gesponserte kubanische Band gesehen. Vielmehr handelt es sich um einen Gitarristen und Sänger, einen Rastamann mit Trommeln und zwei karibische Schönheiten, die tanzend Rhythmusinstrumente bedienen. Ihre Rasseln haben es mir angetan.
Oben angekommen muss ich feststellen, dass die Havana Club Habaneros Pause machen. Ich trinke tschechisches Budweiser, nenne es bei der Bestellung ein "Technisches" und der Kellner muss - wie immer - lachen. Zwar finde ich den dummen Wortwitz schon lange nicht mehr lustig, aber ich weiß genau, dass er von mir erwartet wird. Letztens wollte ich einmal ein "Tschechisches" bestellen. Da hat mich der Kellner fragend angesehen und gesagt: "Du meinst ein Technisches?". Ja, meinte ich. Na also. Dem "Technischen " lasse ich ein Gin Tonic folgen, die Havana Club Mädchen tanzen schon wieder, auch ich versuche es ein bisschen. Ich halte mich für mittelmäßig musikalisch, aber karibische und südamerikanische Rhythmen verwirren mich prinzipiell. Immer, wenn man glaubt, jetzt habe man es heraußen, stolpert man wieder über eine scheinbar willkürlich gesetzte Pause, sucht den Takt, versucht es von vorne, hat es wieder gefunden und dann macht es "bamm bamm...... bamm bam bam" und alles geht wieder von vorne los. Ich klemme mir eine Rose zwischen die Zähne, das lässt alles unernster aussehen.
Später, als die Kubaner schon weitergezogen sind, kommt der Chef mit einer Flasche Prosecco und David Hasselhoff singt "September Love" aus dem Lautsprecher heraus. Ich werde proseccogeduscht ("Herr Magister! Herr Magister!"), meine Lederjacke klebt, Leute stieren verständnislos, ich grinse und merke zufrieden, dass ich für solche Sachen doch noch nicht zu alt bin. Bekloppt aussehende Schüler schauen erschreckt, heute sind mir sogar die egal. Sonst fragen wir uns immer, ob wir wohl auch so waren, um uns dann selbst zu versichern, dass nein. Heute abend weiß ich aber, dass wir ebenso bekloppt waren.
Irgendwann landet man dann immer im Insider und dort ist heute erwartungsgemäß die Hölle los. Wir stehen am Eingang, halb auf der Straße - immerhin haben wir einen Tisch. Der Italiener, der aussieht wie Tom Cruise, ist auch wieder da. "Enice to see eyou agaaaiin", sagt er und ich freue mich ebenso ihn zu sehen, auch wenn ich anfangs immer Angst habe, dass er mir eine Scientology-Mitgliedschaft andrehen möchte. Jedes Mal sage ich ihm, dass er wie Tom Cruise aussieht. "Ehnooo nooo, Tom Cruise ise much smaller, no?", sagt er dann immer und lacht das reinste Tom-Cruise-Lachen.
Die Mutter eines Freundes fragt mich nach meinen Sommerplänen. Ich sage ihr, dass ich in den USA sein werde und sie sagt, ich solle mir da drüben ein Mädchen suchen – zum Heiraten. Dabei schaut sie begeistert und erzählt mir, dass die da drüben so fesch sind. Ich solle mir aber keine Dicke suchen, sagt sie. Die Schlanken seien eh alle fesch bzw. fesch gemacht. "Eine Seidige brauchst du! Ein richtig seidiges Mädchen!" Mein Freund und ich sind total begeistert von den Ausführungen seiner Mutter. Seidig! Ja, so soll sie sein! Wir wissen, was wir uns darunter vorzustellen haben.
Auf der Toilette fragt uns einer der trotteligen Schüler, ob wir Salzburger seien. Ich sage, aus Graz kommend, im Reflex ja. "Aso deswegen", sagt er frech. Da stutze ich und erkenne meinen Irrtum. "Du meinst aus der Stadt? Nein! Wir sind Zeller", kläre ich ihn wahrheitsgemäß auf. Der Schüler schaut mich mit seinen viel zu eng beieinander stehenden Augen, die Rückschlüsse auf die mangelnde Variation in seinem Genpool durchaus zulassen, an und meint, wir seien aber so angezogen wie Stadtsalzburger (er meint wohl das Hemd). Ich mustere seinen fragwürdigen Aufzug von oben bis unten, sage nur "aha" und gehe. Immer das Gleiche...
Jeden Sommer gehen die Zeller aufs Mittwochsfest und jeden Mittwoch bereuen sie es immer auch ein bisschen, obwohl es ja alles in allem sehr nett ist. Das Fest bleibt gleich, die Leut bleiben gleich, ändern tut sich im Grunde nur das Wetter und selbst das kann nur entweder schlecht oder gut sein. Solange es gut ist, so sagt man im Pinzgau, muss man es ausnutzen. Deswegen stellt man sich dann auch jeden Mittwoch Abend in die Stadt, beäugt die teils recht zweifelhaften Zeitgenossen, trinkt was, unterhält sich mit Freunden, genießt das Wetter und ist sich einig, dass das Mittwochsfestl schon irgendwie ein Highlight ist. Auch wenn es eigentlich schon reicht, einmal dort gewesen zu sein. Oder zweimal – einmal beim ersten Fest und einmal beim letzten.
Donnerstag, 2. Juni 2011
Der Wirt
Der Wirt ist ein Wirt in zweifacher Hinsicht. Einerseits ist er ein Wirt, weil er nicht nur ein Wirtshaus, sondern auch, weil er einen richtigen Wirtsbauch hat. Der Bauch, so scheint es, ist an ihm befestigt oder sieht aus wie umgehängt. Insofern ist der Wirt der Wirt seines Bauches und seines Hauses. Der Bauch ist, wie die Gäste des Wirten, eigentlich ein Schmarotzer, deswegen ist der Wirt nicht nur von Berufs wegen ein Wirt, sondern auch biologisch gesehen ist er ein regelrechter Wirt. Auch die Gäste des Wirten sind, wie gesagt, einerseits Schmarotzer, andererseits werden sie vom Wirt ausgenommen. Denn es gibt zweierlei Gäste: Die einen sind die, zu denen sich der Wirt dazusetzt. Dazusetzen heißt aber nicht nur, am Tisch der Gäste Platz zu nehmen, sondern vor allem, diese auch zu unterhalten und hie und da ein sogenanntes Schnapserl zu servieren, auf Kosten des Hauses, auf Kosten des Wirtes, auf Kosten des Wirtshauses also. Der Wirt wäre aber kein solcher, wenn er nicht sparen würde wo es geht. Also spart er auch bei diesem Schnapserl, das meist ein zusammengepanschtes alkoholhaltiges, aber niemals ein alkoholisches Getränk im herkömmlichen Sinn ist, das dann in möglichst kleinen Einheiten serviert wird. Gäste, die zu solchen Ehren kommen, nämlich zu der Ehre, dass sich der Wirt zu ihnen „dazusetzt“ und zu der Ehre, ein „Schnapserl“ serviert zu bekommen, nennt der Wirt dann seine „Stammgäste“. Die Stammgäste erkennt man daran, dass sie an einem großen Tisch sitzen, auf dem sogenannten Stammtisch, der durch einen riesigen Aschenbecher geziert wird, auf dem auch ein gusseisernes Schild angbracht ist, wo wiederum „Stammtisch“ draufsteht, sodass jeder erkenne: Hier tagt der Stammtisch, hier sitzen die Stammgäste und hier setzt sich der Wirt hie und da auch einmal dazu. Die Stammgäste mag der Wirt aber meistens gar nicht. Er mag sie als Kunden, aber nicht als Menschen. Eigentlich mag der Wirt überhaupt niemanden als Menschen, sondern nur als Kunden. Selbst wenn man als Kunde beim Wirt, ganz menschlich, die Toilette aufsuchen will, schaut der Wirt schon verzwickt, weil das kostet alles wieder Geld. Und alles, was kostet, das ist schlecht. Alles was nichts kostet, ist gut. Menschen kosten, Kunden kosten nichts. Also sind Kunden gut.
Der Wirt zählt gern. Wenn ich den Wirt sehe, zähle ich aber nur die Knöpfe an seinem Hemd, die sich oberhalb der Lederhose, die den Wirtsbauch beherbergt, gefährlich mir entgegen streben. Es sind vier. Die oberen Knöpfe sind nicht gefährlich, sie schmücken auch nicht den strammen Wirtsbauch, sondern schützen des Wirten haarige Brust, die ganz und gar abscheulich ist und kein Herz in sich trägt. Sie schützen die kalte Brust vor dem noch kälteren Wind, der am Abend durchs Tal in die Stadt hinunter pfeift. Am Abend, das ist jene Stund, zu welcher der Wirt wieder zu zählen anfängt. Er zählt Kunden und Tische. Er zählt dabei reale Kunden und fiktive Kunden, wieviele fiktive Kunden noch auf wievielen fiktiven Tischen Platz hätten und wieviele fiktive Getränke er dann noch verkaufen könnte. Aber während der Wirt zählt, schreien die Stammgäste schon wieder nach ihm und er soll ihnen neuen Schnaps bringen oder „die Luft aus dem Glas lassen“, wie die Stammgäste oft sagen. Immer wenn die Stammgäste so etwas sagen, dann lachen sie und der Wirt lacht auch. Sonst hat der Wirt nicht viel zu lachen. Meistens grinst er nur. Der Wirt grinst, je nach Situation und Laune, einmal dreckig, dann wieder falsch, oft grinst er auch hämisch. Lachen tut er nie, denn er hat ja nichts zu lachen und das ist auch das, was er immer allen erzählt, dass er nichts zu lachen habe; dass man nämlich als Wirt überhaupt nie irgendwas zu lachen habe, ja dass man „in diesem Geschäft“ – damit meint er die Wirtszunft – prinzipiell und von vorneherein nichts zu lachen habe. Und wenn er das sagt, dann grinst er – zweideutig.
Wenn der Wirt richtig gezählt hat, dann hat der Wirt gegenüber einen Tisch mehr auf der Terrasse stehen als er selbst. Wenn der Wirt das bemerkt, dann wird er nervös und er grinst nicht mehr. Dann wird er hektisch und schafft seinen Arbeitern an, doch gefälligst noch zwei, drei Tische aufzustellen. Dass auf der Terrasse kein Platz mehr ist, das interessiert den Wirt nicht, denn Platz kann man nicht zählen. Nur Plätze, die kann man zählen. Und Tische und Stühle kann man zählen. Ein Tisch mit drei Stühlen, das sind drei Plätze, vielleicht vier, wenn man noch einen kleinen Stuhl dazustellt oder ein verliebtes Paar erwischt, wo es sich das Mädchen auf dem Schoß des Burschen bequem macht, weil es ja gar so ein gemütlicher Abend ist und weil es ja eh keine Plätze gibt und noch weniger Platz auf den Plätzen. Aber der Platz auf den Plätzen und der Platz für die Plätze, das interessiert den Wirt ja alles gar nicht. Er will mehr Stühle und mehr Tische als der Nachbarwirt. Menschen brauchen Platz, Kunden brauchen Plätze, denkt sich der Wirt. Eigentlich denkt sich der Wirt nur das mit den Kunden, denn das mit den Menschen will er gar nicht wissen. Also versucht der Wirt das Paradoxe, nämlich auf immer weniger werdenden Platz immer mehr Plätze zu schaffen. So wird der Wirt zum Vollzieher des Paradoxen und bekommt selber von seiner hohen Kunst gar nichts mit.
Irgendwann ist die Terrasse so weit ausgedehnt, dass die ganze Fußgängerzone schon Terrasse ist. Dem anderen Wirt gegenüber sind die Tische ausgegangen und jetzt hat unser Wirt mehr Tische draußen stehen als der gegenüber. Da grinst der Wirt hämisch. Da sieht ihm aber der Wirt gegenüber in die Augen und auf einmal wird das hämische Grinsen ein falsches, und der andere Wirt gegenüber grinst auch falsch, man versteht sich ja. Da hat der gegenüber aber schon ein Handy am Ohr und bestellt Tische nach: jemand solle doch vom Lager noch ein paar Tische holen, es sei zwar kein Platz mehr, aber Plätze brauche man schon noch ein paar. Mittlerweile sitzen in der Fußgängerzone schon mehr Leute als überhaupt durchgehen können. Von Fußgängern kann keine Rede mehr sein, die Mehrheit sitzt, die anderen stehen, weil alles so eng ist und nichts weitergeht. Denn viele wollen sich auch hinsetzen und warten vor den vollen Tischen, bis irgendwo was frei wird. Denn der Wirt winkt sie schon heran in der Hoffnung, dass bald ein bereits abgefertigter Kunde zahlt und irgendwo ein Tisch frei wird. „Möchten Sie noch etwas?“, fragt der Wirt mit gezückter Kellner-Geldtasche und grinst falsch. Und hinter dem Wirt sieht man schon die gierigen Gesichter der nächsten Kunden, was die noch Sitzenden beängstigt und sie schnell zahlen lässt. Und noch bevor der letzte alte Kunde aufgestanden ist, sitzen die neuen schon da und der Wirt nimmt ihnen schon die Bestellung ab. Aber Schnapserl bekommen sie keines, denn sie sind keine Stammkunden und werden es auch nie werden.
Inzwischen sind beim Wirt gegenüber die Tische angekommen und werden schon aufgestellt. Es sind alte Klapptische aus den 60er Jahren, aber „immer noch gut, ja eigentlich besser als das neumoderne Glump“, wie der Wirt gegenüber behauptet. Während die alten Klapptische hektisch aufgestellt werden – man arbeitet sich gassenaufwärts – kommen von oben schon die Kellner vom dritten Wirt mit anderen Klapptischen. Denn bei der Gasse handelt es sich um eine regelrechte Gasse der Dreifaltigkeit und da sind zwei Wirte nicht genug, da muss sich auch noch ein dritter Wirt entfalten. Deswegen kämpfen jetzt die Kellner des Wirten gegenüber mit den Kellnern des Wirten oberhalb um die letzten freien Meter in der Fußgängerzone. Die beiden Wirte stehen vor ihren Eingängen wie Feldherren auf Hügeln und beobachten die Arbeit ihrer Leute kritisch, feuern sie an, sie mögen doch schneller klappen und stellen. Dann ist die Fußgängerzone voll und der obere Wirt hat gewonnen, weil er einen Tisch mehr draußen stehen halt als der andere. Aber am meisten Tische hat der grimmigste Wirt, unser Wirt mit dem besten Wirtsbauch und den besten Stammgästen. Denn er muss sich seine Seite der Gasse mit keinem anderen Wirt teilen. Und Tische auf die andere Seite der Gasse zu stellen, das traut sich noch keiner. Das ist ein ungeschriebenes Kriegsgesetz. Deswegen hat der Wirtsbauchwirt die strategisch günstigste Position, weil er auf seiner Seite quasi allein ist. Die Position hat er geerbt, weil das Wirtshaus ein sogenanntes Traditionsgasthaus ist, das schon lange Zeit im Familienbesitz ist und also immer von irgendeinem Familienmitglied geführt wurde.
Weil der Wirt einen traditionellen Familienbetrieb leitet und weil der Wirt so angesehen ist, vor allem bei seinen Stammgästen, hat er irgendwann gemeint, er müsse sich „in der Gemeindepolitik engagieren“. Und wenn ein Wirt sich in der Gemeindepolitik engagiert, dann ist das meistens eine eher einseitige Geschichte, denn dann sitzt der Wirt im Gemeinderat und versucht auch dort mehr Plätze zu schaffen, während er falsch grinst. Dann und wann erhebt er seine Stimme und schreit dann im Gemeinderat so wie wenn er in die Küche seines eigenen Betriebs hineinschreien würde. Weil aber die anderen Leute im Gemeinderat nicht seine Angestellten sind und ihm also nicht gehorchen wollen und weil zu wenige Stammgäste in der Gemeinde sitzen, ist der Wirt bald frustriert und „fertig mit der Politik“, wie man ihn dann sagen hört. Dann beschränkt er sich wieder auf sein Territorium in der Fußgängerzone und versucht, möglichst viele lokale Politprominenzen in sein Lokal zu bekommen, womöglich Stammgäste werden zu lassen, denn es werde ja vor allem im Wirtshaus Politik gemacht, meint der Wirt. Und dann lacht er und sein Wirtsbauch lacht hüpfend mit, obwohl er ja eigentlich nie was zu lachen hat, der Wirt.
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