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Sonntag, 7. Juli 2013

Grazer Reminiszenzen 3: Die Sprache

"Kernöil ... Kernöuhl ... Kernaöl ... Kernauöil ...", probierte ich oft allein in meinem Studentenzimmer. Alles fängt mit dem Kernöl an. Nicht nur beim Essen, sondern auch in der Sprache. Der im bairischen Sprachraum vielgepriesene "Oachkatzlschwoaf" ist quasi die Eintrittskarte für Zugewanderte. An ihm demonstriert der Bayer oder Österreicher, dass du nie dazugehören wirst, egal wie gut dein "Oachkatzlschwoaf" auch ist - irgendwo zwischen "Oach" und "oaf" wird man immer erkennen, dass du eigentlich von woanders bist. Das Kernöl aber, das ist, von kundigen Sprechern gesagt, ein Wort von solcher phonetischer Subtilität, dass jeder Nicht-Steirer an seine natürlichen Sprachgrenzen stoßen muss. Weil man nämlich tausendmal glaubt, dass man es jetzt hat; und der Steirer dir gegenüber schüttelt unentwegt den Kopf. Das nicht-steirische Ohr hört das richtige "Öl" nicht, sondern immer etwas anderes. "Öil, Öuhl, Aöuil, ..." Manchmal glaubt man sogar das "l" verschwinden zu hören. Kontaktassimilation nennt der Phonetiker das. Aber auch der Phonetiker ist hilflos gegenüber dem Kernöl, weil es für die phonetische Transkription keine geeigneten Zeichen im phonetischen Inventar gibt. Es lässt sich nicht erhören oder erfassen.

Man hört das Wort nämlich weniger als man es spürt. Damit ist es der Urvater aller steirischen Wörter. Das Steirische erschöpft sich nämlich überhaupt nicht im allgemein angenommenen "Bellen". Freilich, der Student der Sprachwissenschaften schmunzelt, wenn er im ersten Semester erfährt, dass die neuhochdeutsche Diphthongierung, also jener Lautwandelprozess, der aus einem einfachen Vokal einen Doppelvokal werden lässt, im 12. Jahrhundert vom südostbairischen Sprachraum ausging: dem heutigen Kärnten und der Steiermark. Auch lässt sich der steirische Dialekt recht leicht (zureichend aber nicht hinreichend) parodieren, wenn man einfach aus jedem Vokal einen Zwielaut macht. Wer aber jemals Kontakt mit Süd- oder Oststeirern hat, merkt schnell, dass es damit nicht getan ist. Der steirische Dialekt prügelt einem das Trommelfell und verleitet zum Mitnicken beim Zuhören. Manchmal klingt es, wie wenn ein Volksschüler ein Gedicht im jambischen Versmaß übertrieben zu rezitieren versucht, um sich selbst vor dem Leiern zu bewahren. Das Steirische ist zuweilen anstrengend, aber es ist eine agile, nie langweilige und manchmal lustig hopsende Sprache. Und es ist (siehe Kernöl) komplexer als man denkt.

Im lexikalischen Bereich findet man als in die Kulturstadt gezogener Innergebirgler wenig Auffälliges. Im Lokal muss man sich halt daran gewöhnen, dass für den Steirer offenbar der Inbegriff eines Glases einen nullkommadreilitrigen Inhalt hat. Das "Glasl Bier" ist demnach das unsrige "Seitl" bzw. "Seitei". Zu Schwierigkeiten kommt es dabei aber nicht, weil auch die Variante "Seidl" bekannt ist. Am "Seitei" erfreuten sich die Grazer unverständlicherweise aber besonders, und so konnte ich stets mit meiner bescheidenen Bestellung Amusement erzeugen. "Seite! Seite!", riefen die Grazer vergnügt, und so war auch ich vergnügt darüber, dass ihnen das "ei" am Schluss ähnlich entgangen war wie mir manches Mal das "l" beim Kernöl.

Dass der Spritzwein bei den Grazern lapidar "Mischung" genannt wird, finde ich immer noch höchst kurios und es lässt mich den Steirern eine generelle Vorliebe für Oberbegriffe andichten. Glasl, Mischung, ... dauernd möchte man dem Steirer entgegenschreien "Wos? A Glasl wos? A Mischung wos? Wos wüst du mischen?! Wos wüst du in dei Glasl hom?!", aber eigentlich findet man das ganze eh recht drollig und lässt den Steirer gewähren. Die Vagheit der Begriffe "Glasl" und "Mischung" im Auge wundert es einen dann aber doch, dass ein Radler ein Radler bleibt, auch wenn der vorzugsweise mit Lederhosenlimonade gemacht wird. So gibt es konsequenterweise auch die "Almdudlermischung" - ein Wort von faszinierender Eleganz, vor allem, wenn es von einem Bewohner der südlichen Steiermark ausgesprochen wird.

Wenn der Steirer einige Glasln Bier und Mischungen verschiedenster Art getrunken hat, geht er meistens liegen. "Liegen gehen" heißt ganz eigentlich, dass man sich zum Schlafen niederlegt. Auch hier bleibt der Steirer sprachlich wieder sehr allgemein und sagt nicht genau, was er macht. Anfangs stellte ich mir Studenten vor, die wach auf ihrem Bette ruhen und sich Gedanken über die Unbestimmtheit der steirischen Sprache machen, wenn jemand sagte, er ginge jetzt liegen. Für die höchst passive Tätigkeit des einfachen Daliegens oder gar Schlafens hat die Wendung "liegen gehen" einen unangebracht aktiven Charakter. Es klingt fast wie Arbeit, schließlich muss man sich ja erst zu einer geeigneten Liegestätte begeben: "Ich gehe jetzt liegen" klingt nach Auftragserfüllung, wohingegen "Ich leg mich ein bisschen nieder" schon in der Ankündigung vor Faulheit stinkt. Zusätzlich meidet der Steirer mit dieser Phrase das Alarmwort "schlafen". Der Steirer schläft nie! Er liegt immer nur bzw. befindet sich Zeit seines Lebens immer nur auf dem Weg zu einer Ruhestätte. Wir können das einen Euphemismus nennen, sind aber im gleichen Moment nicht sicher, ob hier tatsächlich etwas Unangenehmes durch etwas Unverdächtiges ausgedrückt wird. Uns beschleicht vielmehr die Vermutung, dass der Steirer uns einfach täuschen will - auf gut deutsch: Er will uns verarschen. Oder aber er schämt sich. So wie man sagt "ich muss mal wohin" und niemals "ich habe Durchfall".

Wir erkennen also im Steirischen den Hang zur Verschleierung. Laute werden verschleiert, indem sie durch Hinzufügen von Zwischenlauten verwaschen werden. Möglichst allgemeine Begriffe ersetzen eindeutige Ansagen. Der Steirer täuscht und tarnt, wo er nur kann, er lässt uns im Unklaren über die wahre Natur der Dinge. Vielleicht lebt er aber auch nur konsequent die philosophische Grundannahme, dass die Dinge an sich eh nicht verfügbar sind - warum sich also die Mühe machen, sie möglichst genau zu beschreiben versuchen? Wir können den Steirer Sprachpragmaten nennen, der aber wegen eines untrüglichen Sinns für melodische Eleganz sich dankenswerter Weise einem jaulenden Singsang verpflichtet hat, der uns bei Laune hält und uns manchmal schmunzeln lässt; vielleicht neidisch schmunzeln lässt, weil wir uns zu Hause vor dem Spiegel wiederfinden, das Lautinventar des Kernöls betend: "Kernäöl, Kernauöil, Kernöuil, ..."

Montag, 1. Juli 2013

Grazer Reminiszenzen 2: Essen und Trinken

Bereist man fremde Länder, tut man das oft auch wegen oder trotz des dortigen Essens. Es soll ja Leute geben, die nur des Essens wegen nach Italien oder Frankreich fahren. Freilich gibt es dort auch einiges an Kultur und Natur zu bestaunen, aber das Kulinarische lockt in manchen Regionen mehr als alles andere. Für die Steiermark gilt das nur bedingt, und wann immer ich Menschen von meiner Wahlheimat Graz erzählt habe, fiel ihnen zum Thema Essen und Trinken immer nur das eine ein: Kernöl und Schilcher.

Dabei ginge ja auch Sterz und Puntigamer, Backhendl und Gösser oder Käferbohnen und Weichserl. Womit wir, das sage ich mit aller Arroganz, auch schon das steirische Kulinarium abgesteckt hätten, das beim Buschenschank anfängt und dort auch gleich wieder aufhört. Man komme mir jetzt nicht mit Weinstraße und Johann Lafer! Das ist alles schön und gut, aber eben nichts Alltägliches. Und ums Alltägliche soll es ja schließlich gehen. Vor allem beim Essen.

Was erwartet den Innergebirgler Absonderliches, wenn er nach Graz kommt? Am Anfang steht das Kernöl, das ich vor Graz nie mochte, von dem ich vorübergehend fast Fan wurde und das mir jetzt wurscht ist. Gleichgültigkeit einem Lebensmittel gegenüber ist ja in einer Zeit der allgegenwärtigen Nahrungsmittelunverträglichkeiten die höchste Stufe der Anerkennung. Ihr könnt mir Kernöl in die Schnitzelparnier tun, über's Vanilleeis gießen, pur zu trinken geben oder sogar in den Kaffee schütten - ich dulde es und seine unvermeidlichen Flecken wie ich die Milben in meiner Couch dulde, weil sie immer da sein werden und ich sie nie bemerke. Ob mir das Kernöl abgehen wird, jetzt, da es nicht mehr Standardnahrungsmittel ist? Das muss sich erst zeigen...

Gut in Erinnerung habe ich jedenfalls ein anderes Kürbiskernprodukt, nämlich die Suppen. Eine saisonale Köstlichkeit, die man in der Steiermark fast nirgends schlecht gemacht bekommt. Alles andere mit oder aus Kürbis oder den entsprechenden Kernen ist mir ebenfalls wurscht. In der Schokolade brauch ich das Zeug aber nicht, auch wenn die Firma Zotter (nicht nur diesbezüglich) anderer Meinung ist.

Was mir allerdings vollkommen unverständlich ist, ist der Fetisch, den Steirer mit ihren Backhendln pflegen. Mir kommt das weder sehr regional vor, noch haben mir steirische Backhendln je besser als irgendwelche anderen geschmeckt (auch nicht die in der Kürbiskernpanier). Vielleicht kann mir noch irgendwann mal wer erklären, was das explizit "Steirische" daran sein soll, an dem Backhendl, das in der Lieblingssommerspeise der Grazerinnen auf Salat im Kernöl ersoffen wird.

Eigentlich sind die Steirer aber Herbstleute. Nicht unbedingt des steirischen herbstes wegen, sondern vor allem wegen des Weins. Mit dem Aufsteirern beginnt es. Das ist eine von mir ungeliebte Lederhosen-Veranstaltung, bei der es nebst der Tracht vor allem um's Fressen und Saufen geht - wie bei jedem anderen Volksfest halt auch. Dann kommen Kastanien und Sturm und es beginnt die ewige Suche nach dem besten Maroni-Standl, bis man drauf kommt, dass man einfach Glück haben muss und es jenseits des Kernöls in der Steiermark eben keine absoluten Sicherheiten gibt.

Wer sich mit Sturm und Junker noch nicht besinnungslos getrunken hat, den erwartet im Advent das Glühweingelage in der Grazer Innenstadt. Absichtlich sagt man nicht Christkindlmarkt dazu, weil es wirklich nur um Glühwein geht bzw. Punsch und Feuerzangenbowle usw.; die Aufzählung stockt, weil mir da schlecht wird, allein, wenn ich allein an den Geruch denke, den der Hauptplatz zu dieser Zeit verströmt. Wer aber noch nie einen Schilcherglühwein probiert hat, der hat trotzdem was verpasst. Auch hier lohnt es aber, sich von Kennern informieren zu lassen, wo es brauchbaren und vor allem verträglichen zu finden gibt!

Abseits des saisonalen Angebots, sind mir zwei Dinge aus dem Grazer Bäckereisortiment besonders suspekt: Einerseits die Salzbrezen, die ich als Pinzgauer überhaupt nicht kannte, und die mich schockten, weil bei uns eine Breze immer auch automatisch eine Laugenbreze war. Naja, immerhin was gelernt! Andererseist suchte ich lange Zeit nach Mohnweckerln, die nicht süß waren, bis mir irgendwann jemand erklärt hat, dass das halt so sei. Ein Weltbild brach zusammen! Schließlich sahen die Mohnweckerln genau gleich aus wie jene daheim, nur, dass sie eben süßlich schmeckten. Das konnte ich nicht akzeptieren und nannte die Grazer allesamt verrückt. Süße Mohnweckerl! Ich schüttle immer noch den Kopf.


Was mir obendrein noch aufgefallen ist: Dass die Grazer keine Fastfoodkultur haben. Ja, da könnte man eventuell stolz drauf sein. Aber oh Schreck, wenn ich an die unsäglichen "Hot Dogs" denke, die da verkauft werden (Bosna ist praktisch unbekannt) und an die Käsekrainer, die im besten Falle mäßig waren! Man verlangt ja nicht viel von einem Würstelstand, aber die Mindesanforderungen hat da kaum einer erfüllt. Gott sei Dank gibt es in Graz viele Türken und also lässt sich das eine oder andere ordentliche bis sehr ordentliche Kebab-Etablissement finden. Aber das kann ja schließlich auch keine Lösung sein!

Von dem abgesehen hat mir Graz ein fast fünfjähriges Vegetarier-Dasein beschert (ja, das war freiwillig!), und ich bin nicht verhungert! Das war jedenfalls eine interessante Erfahrung und hat mich ohnehin in den meisten Fällen vor den Würstelständen bewahrt. In einer Studentenstadt lebt es sich als Vegetarier auf alle Fälle einfacher als am Land. Probleme bekommt man auch nur bei der Buschenschank. Denn dort gibt es dann die obligatorischen Käferbohnen - mit viel Kernöl! Vor etwas anderem hat mich nicht der Vegetarismus bewahrt, sondern der gesunde Menschenverstand: Blutsterz. Das war das erste kulinarische Fremdvokabel, das ich in Graz vernommen habe. Da wusste ich schon: Köstlichkeiten brauch ich mir keine erwarten.

Alles in allem habe ich aber überlebt, ja sogar zugenommen. Ich kam ja nach dem Bundesheer als halbertes Biafra-Kind (ein Ausdruck der 80er-Jahre, wie ich glaube) nach Graz und verließ die Stadt zwar nicht als Puntigamer-Pummerl, aber doch gut genährt. Ob es dem Bier geschuldet ist oder doch dem ewigen Kernöl, sei dahingestellt.


Montag, 24. Juni 2013

Grazer Reminiszenzen 1: Kulturangebot und -nachfrage

Graz ist vorbei. Aus, vorüber. Für mich zumindest. Nach vielen Jahren des aktiven und passiven Siechtums in der steirischen Landeshauptstadt, der Stadt der Menschenrechte und der Volkserhebung, der City of Design und vor allem der Kulturhauptstadt (so steht es auf der Autobahn!) verlasse ich nun endgültig ihre Gefilde. Obwohl die Zeiten gute waren, bin ich weder mir noch der Stadt böse, dass es nun vorbei ist. Alles hat immer zwei Enden - auch wenn die Wurst in Graz nur eines zu haben scheint (das zweite steckt unsichtbar in einem von einer Metallstange ausgehölten Hotdog-Brötchen). Also muss ich mich doppelt verabschieden. Schließlich bin ich auch doppelt angekommen. Aber dazu an anderer Stelle mehr...
Teil 1 eines kleinen Rückblicks auf die Grazer Jahre:

Als europäische Kulturhauptstadt habe ich Graz im Jahr 2003 kennengelernt. Toll, dachte ich mir, aus dem provinzlerischen und kulturell nicht kolonialisierten Innergebirg kommend. Bei uns war eine Theateraufführung an einer Schule schon ein Happening von Warhol'schem Format. Einzig das Saalfeldener Jazzfestival ließ die Pinzgauer mit geduldiger Regelmäßigkeit ein wenig Weltgeist schnuppern. Graz nun also mit seinem Kunsthaus, der futuristischen Murinsel (wie lächerlich sich das jetzt in der Retrospektive anhört!), dem steirischen herbst, der Diagonale usf. Was es da alles zu entdecken gab! Ich war zunächst nur beruhigt in einer Stadt zu leben, in der es sogar ein eigenes Literaturhaus gibt.

Wenn man dann nach gut zehn Jahren mehr oder weniger intensiven Aufenthalts Bilanz ziehen muss, fragt man sich, ob man von dem vielen Tollen, das man an Graz immer geschätzt hat, eigentlich immer nur das kulturelle Potenzial genutzt hat, oder ob man auch tatsächlich regelmäßig im Theater, im Museum oder in der Oper war. Nach kurzem überschlagsartigem Nachzählen kommt man drauf: Es hätte mehr sein können. Das geht aber fast jedem so, habe ich gehört. Ist aber auch egal, denn wichtig ist nur, dass man die prinzipielle Möglichkeit gehabt hätte, theoretisch, im Falle des Falles also, jeden Abend in eine andere Veranstaltung zu gehen. Wie oft man diese Gelegenheiten tatsächlich genutzt hat, ist ja einerlei.

Tatsächlich fand ich mich auf der einen oder anderen merkwürdigen Veranstaltung wieder, war nachher froh, dort gewesen zu sein, hatte aber größtenteils das Gefühl, eine lästige Pflicht abgeleistet zu haben. Wenn diverse kulturelle Veranstaltungen auch oft ein netter Zeitvertreib waren, die essentiellen Erkenntnisse stellten sich da selten ein. Das ist übrigens auch so etwas, was man glaubt, wenn man den Schritt an die Hochschule tut bzw. was einem im Gymnasium irgendwie versucht wurde einzureden: Dass sich der Mensch durch den alleinigen Besuch kultureller Veranstaltungen zum Besseren ändere. Ich hab sie ja alle gesehen, die Studenten in Cord-Sakkos und Karohemden, die vor Bildern stehen und mit Daumen und Zeigefinger ratlos Verständnis vorschützend ihre Kinn- und Mundpartie umspielen! Ich war ja selber schon so weit, wenngleich auch nicht in Cordsakko und Karohemd!

Dann aber die harte Erkenntnis: Dass sich im Kopfe nichts tut, wenn das Hirn sich nicht rühre. Und dazu bedarf es erstmal keiner Ausstellungen oder Vorführungen, sondern des Verständnisses für das Einfache und Klare. Die Einsicht, dass die einfachen Sätze erstmal kapiert werden müssen und nicht bloß rezitiert. "Ich weiß, dass ich nichts weiß" zum Beispiel. Der Satz kann als Ausrede für eine mangelhafte Prüfungsvorbereitung genauso herhalten wie für die letzte Conclusio am Sterbebett. Man muss sich diese Sätze aber aneignen, für sich und seinen Verstand geltend machen. Und das lernt man nicht im Museum oder im Theater. - und schon gar nicht im Seminarraum (obwohl einen der in manchen Fällen dabei ein wenig helfen kann). Das lernt man am Tresen!

Im Grunde besteht das Spannende an einem ausgeprägten "kulturellen Umfeld" nur darin, dass die Chance, Leute zu treffen, die sich irgendeine Art von Gedanken machen, etwas höher ist als in einem kulturfeindlichen oder -resistenten Milieu. Leider liegt da auch der Hund begraben, denn ein sogenanntes "kulturelles Umfeld" zieht auch eine Menge Scharlatane und Spinner an. Das liegt zum einen an der Kunst selbst, weil sie eben zutiefst menschlich ist (manche sagen nicht zu Unrecht, sie sei das Menschliche überhaupt); zum anderen liegt es an dem, was ich unter einem absichtlich so schwammig gewählten Begriff wie dem eines "kulturellen Umfelds" verstehe: Es gibt da einen geographischen Raum, in dem überdurchschnittlich viele Menschen Kultur betreiben, vertreiben, konsumieren und sich obendrein auch noch dazu verhalten, es sich also auf die Fahnen schreiben und sich darauf etwas einbilden. Klingt widerlich, ist es auch irgendwie. Aber es geht halt anscheinend nicht anders. Yin und Yang, woast scho? Der Kuhfladen ist den Fliegen ein Haus, aber mir ein Graus, etc.

Wie ist das also jetzt? Hat mich Graz verändert, was das sogenannte "Kulturelle" betrifft? Ich denke, ich bin im selben Maße, wie ich der Kultur gegenüber aufgeschlossen gemacht wurde, ihr gegenüber unsensibler oder zynischer geworden. Das hat vielleicht mit Graz per se nichts zu tun, aber ein kulturelles Überangebot verlangt vom potenziellen Konsumenten ein gewissen Grad an Ignoranz. Ganz schnell kommt es zur Ausbildung eines "Geschmacks", dessen Fundament weniger ästhetische Reflexion als das ermüdende Trübsal einer unkreativen Freizeitgestaltung ist: "Wos isn heit? ... Najo, schauma uns des hoit on. Is wahrscheinlich eh wieda a Schas...", sprachs und schlurfte zur Kulturveranstaltung. Echtes Interesse kann ein Überangebot also nicht ersetzen, aber es besteht zumindest die Chance, neue Interessen zu entdecken oder zu vertiefen. Auch hier würde ich aber sagen, dass nichts ohne den persönlichen Austausch geht (ob an der Theke oder nicht), womit wir wieder bei den Menschen wären, die Kultur machen, vertreiben und konsumieren. So waren es also nicht die Veranstaltungen und Veranstaltungsorte, sondern die Grazer Menschen,die mich da beeinflusst und teilweise sogar inspiriert haben. Klingt kitschig, ist aber durchaus wahr. Reminiszenzen, zumal solche zu Graz, kommen eben ohne Kitsch nie aus.

Graz ist keine Kulturhauptstadt, das Schild auf der Autobahn lügt. Aber es ist eine Stadt mit vielen ambitionierten (teilweise überambitionierten) Leuten, die sich etwas antun und sich ein paar Gedanken machen. Man muss deswegen nicht zu allen deren Veranstaltungen rennen. Aber es beruhigt irgendwie, dass sie da sind. So wie auch ein Kuhfladen ohne Fliegen eine zutiefst traurige Angelegenheit ist.

Montag, 14. Mai 2012

Vier nach zwölf


Eine junge Frau steht vor der Weikhard-Uhr und fotografiert selbige mit ihrem iPhone. Es ist vier nach zwölf und sie ist gerade erst vor zwei Minuten gekommen. Sie wischt ein wenig aggressiv auf dem Display ihres Telefons herum. Ja, sie schickt das Foto von der Uhr bestimmt an denjenigen, der sich hier erlaubt, vier Minuten zu spät zu sein. Was für eine Geste! Befände ich mich auf dem Weg zu einer Verabredung und bekäme ich ein solches Foto, ich würde auf der Stelle umkehren. Ich stelle mir vor, wie ich durch die Straßen eilen, wie ich die Vibration des Telefons spüren und sofort einen schuldbewussten Blick darauf werfen würde, eine Klage-SMS erwartend und ohnehin schon ein schlechtes Gewissen ob meiner Verspätung habend, mir Ausreden einfallen lassend oder darüber grübelnd, ob es nicht das Beste wäre, einfach die Wahrheit zu sagen; und wie ich dann statt einer Textnachricht eine solche perfide, ja eigentlich hundsgemeine Bild-Nachricht erblicken würde, die mich nicht nur meiner Verspätung wegen mahnt, sondern die mich ganz grundsätzlich zur Pünktlichkeit erziehen will. Ich würde auf der Stelle stehen bleiben, verdutzt auf den Bildschirm starren, vor mich hin fluchen und schließlich kehrt machen. Keine Antwort würde ich schreiben, nie wieder würde ich diese Person anrufen, die mir ein Foto von der Weikhard-Uhr schickt, auf der es vier nach zwölf ist, wo doch jeder weiß, dass die Weikhard-Uhr immer ein bisschen vor geht, es also höchsten zwei Minuten nach zwölf sein kann. Ärgern würde ich mich über die Frechheit einer solchen Bild-Nachricht, ärgern darüber, dass jemand einen solchen Aufwand betreibt, der ja in Zeiten wie diesen kein großer technischer mehr ist, aber ein gedanklicher Aufwand, denn hinter solch einer Aktion steckt ja eine Idee, eine gewisse Kreativität, das muss man zugeben, ganz unkreativ ist diese Dame ja nicht, immerhin hätte sie auch ein erbostes Telefonat führen oder eine empörte Textnachricht schicken können. Stattdessen schickt sie das Foto von der Weikhard-Uhr wie ein allgemein gültiges Beweisstück an den armen Zuspätkommenden, vermutlich kommentarlos, ganz ohne Erklärung, ohne ein zärtliches „Wo bist du?“ ohne ein humorvolles „Und da heißt es immer, ich komme zu spät“ und sicherlich ohne irgendwelche Smileys, die dem Bild von der Weikhard-Uhr etwas von seiner vorwurfsvollen, bilanzierenden Wirkung nehmen könnten. Eine Kreativität der Grausamkeit würde ich das nennen, wenn ich, bereits wieder auf dem Heimweg, darüber nachdächte, eine gewisse Bewunderung für das kreative Potenzial der Dame nicht ganz verbergen könnend.

Die junge Frau steht immer noch da und sie wird immer nervöser. Ihr Hin-und-her-Getripple und das damit einhergehende unaufhörliche Klappern ihrer unverschämt hohen Absätze haben die Lästigkeit eines Spechts. Ja, die Höhe der Absätze ist genauso unverschämt wie das Foto von der Weikhard-Uhr, denke ich mir. Auf der ist es jetzt fast sechs nach zwölf. Die Person ist immer noch nicht da und sie wird, da bin ich mir ganz sicher, auch nicht mehr kommen, denn bestimmt hat sie auf dem Weg kehrt gemacht, als sie die SMS gesehen hat. Die junge Frau ist schon so nervös, dass ich zu glauben verleitet bin, ihr Verhalten habe gar nichts mehr mit der Verspätung zu tun, sondern viel eher mit Harndrang. Da macht sie auch schon kehrt und klappert von dannen. Sie ist gegangen, ohne noch einen Blick auf die Weikhard-Uhr zu werfen. Sie klappert in Richtung Sackstraße, aufgebracht und beleidigt, genauso wie die Person, mit der sie verabredet war jetzt wohl aufgebracht und beleidigt wieder auf dem Heimweg ist.

Um acht nach zwölf schlurft ein gelangweilt aussehender junger Mann heran. Er bleibt vor der Weikhard-Uhr stehen und blickt sich suchend um. Ein wenig dümmlich schaut er hinauf, vergleicht die Zeit mit seiner Armbanduhr und beschließt zu warten. Dazu steckt er die Hände in die Hosentaschen und lehnt sich an ein Schaufenster. Dort steht er ein paar Minuten, bis er um vierzehn nach zwölf sein Mobiltelefon aus einer seiner tiefen Jeanstaschen angelt. In seinem Gesicht spiegelt sich zuerst Überraschung und dann Ratlosigkeit. Er tippt ein wenig auf dem Display herum und hebt das Telefon schließlich an sein Ohr, während er sich weiter suchend umblickt. Nichts. Es kommt kein Gespräch zustande. Noch mehr Tippen, diesmal bestimmter, schneller. Dann lässt er das Handy wieder in seine tiefe Hosentasche sinken und geht weg. Es ist sechzehn nach zwölf.

Ich stehe schon eine gute Viertelstunde vor dem Weikhard und warte auf eine junge Dame, mit der ich zum Mittagessen verabredet bin. Aber er ist nicht zu spät, denn um siebzehn nach zwölf (Weikhard-Zeit) kommt sie. Ich war, wie meistens, fünfzehn Minuten zu früh. Gerne hätte ich ihr, wäre sie zu spät gewesen, ein Foto von der Uhr geschickt, nur um zu sehen, ob sie trotzdem gekommen wäre, oder ob sie umgedreht hätte. Gott sei Dank ist mir das erspart geblieben.

Donnerstag, 26. April 2012

Alaba trifft. Ronaldo verschießt.

Ein Abend im späten April, der die Schwere eines Sommerabends hat, aber leider nicht die Temperaturen: Ich hetze durch die Innenstadt, denn ich will nicht zu spät kommen. Heute steigt das zweite Halbfinalrückspiel der Champions League und nach dem gestrigen Krimi zwischen Chelsea und Barcelona und dem viel versprechenden Hinspiel letzte Woche, kann es zwischen Real Madrid und dem FC Bayern München nur zu einem Höhepunkt kommen. Programmierten Höhepunkten mag man misstrauisch gegenüberstehen, heute scheint die Vorfreude aber gerechtfertigt.

Ich sehe jugendliche Männer in Zweier- und Dreiergruppen, die schnellen Schrittes, ebenso gehetzt wie ich, die Straßen entlang gehen, um dann in den offenen Türen jener Lokale zu verschwinden, die das Spiel übertragen. Sie sehen aus wie kleine Buben an ihrem Geburtstag. An meinem schnellen Gang erkennen auch sie, auf welchem Weg ich mich gerade befinde, und wir nicken uns wissend zu. Die bereits geöffneten Gastgärten verschiedener Cafes sind spärlich mit diversen Damenrunden besetzt. Hie und da ein junges Pärchen, vermutlich beim ersten Date. Ich meine an der Körpersprache der Burschen erkennen zu können, dass es sich dabei um klare Fälle von „Am Samstag Abend ausgemacht, dabei aber vergessen, dass am Mittwoch Champions League ist“ handelt. Absagen will man so kurzfristig dann auch wieder nicht, mal sehen wie es läuft, vielleicht dauert es ja nicht so lang... Ich kann schon sehen, wie die jungen Männer nervös ihre Smartphones kontrollieren werden, sollten die jeweiligen Damen einmal kurz die Toilette aufsuchen.

Keuchend komme ich im Gösser-Bräu an. Alle sind schon da, es wurde auch schon gegessen, das Bier steht bereit. Es ist erst viertel nach acht, das Spiel beginnt in einer halben Stunde, und doch habe ich das Gefühl, schon etwas versäumt zu haben. Man merkt dem Lokal an, wie groß die Erwartungen sind, die Leute sind unruhig. Dann die ersten Bilder aus dem Bernabeu-Stadion: getreten voll, die Lichter, die Menschen – Mann, wird das ein Spiel!

Am Tisch nebenan sitzt kurioserweise Konstantin Wecker, auch er mit ganz kindlichen Augen. Irgendwie sind hier drin alle nervös. Nicht, weil da irgendeine Mannschaft spielt, zu der man besonderen Bezug hätte (Konstantin Wecker bildet hierbei die Ausnahme), sondern es ist einfach die schiere Größe der Begegnung, die uns zappelig werden lässt. Große Spiele, große Emotionen.

Das Spiel beginnt und wieder einmal bin ich überrascht, wie attraktiv Fußball auf hohem Niveau aussehen kann. Links, rechts, links, rechts, hier eine Chance, da eine Chance. Bis man sich orientiert hat, bis man herausgefunden hat, welcher Spieler wo welche Aufgaben übernimmt, hat jede Mannschaft schon drei Chancen vergeben. Dementsprechend schnell steht es dann auch schon 2:0 für Real Madrid. Zwei Mal der unerträgliche Cristiano Ronaldo. „Große Spiele werden von großen Spielern entschieden“, höre ich den Kommentator sagen. Wie recht er doch damit haben sollte!

Das 2:1 vom Hinspiel aber mahnt den Real-Madrid-Fan: Nur ein Tor von Bayern, und die Sache geht von vorne los! Das ist das eigentlich Lustige an dieser Geschichte mit dem Hin- und Rückspiel: Dass eine vermeintliche Vorentscheidung (z.B. ein 2:0) durch das vorhergegangene Spiel wieder entschärft werden kann. Als Zuseher muss man sich ständig daran erinnern. Der Rausch, in den sich eine Mannschaft mit zwei schnell hintereinander erzielten Toren spielen kann, kann furchtbar schnell wieder vorbei sein. Und so bekommt Bayern einen Elfmeter zugesprochen, der ihnen in der ersten ganz großen Aktion des Abends den Anschlusstreffer beschert: Arjen Robben, der Mann, dessen verschossener Elfmeter im Spiel gegen Dortmund den Bayern die Meisterschaft gekostet hat, tritt an. Wenn das nur gut geht! Robben atmet tief durch, reibt sich die Augen, es sieht aus, als könnte er selbst gar nicht fassen, dass er sich gerade dafür gemeldet hat, diesen wichtigen Elfmeter zu schießen. Aber er trifft. Casillas ist zwar noch dran, aber der Ball landet im Netz, es steht 2:1. Jetzt geht das Spiel erst richtig los! Die Ouvertüre ist vorbei, es steht praktisch wieder null zu null. Aufgeregt verfolgt man weiter das hochklassige Hin und Her in Madrid.

Dann irgendwann der erste Freistoß für Cristiano Ronaldo. Oho! Der Drei-Wetter-Taft-John-Wayne stellt sich in bekannter Pose auf, das Stadion tobt. Viel Lärm um nichts, denn der Ball fliegt enttäuschend ungefährlich geradewegs in die Arme Manuel Neuers. „Schülerliga!“, rufe ich. Konstantin Wecker lacht, mehr aus Erleichterung denn aus Vergnügen. Die Halbzeitpause, eine lästige Angelegenheit, und doch weiß ich schon gar nicht mehr, ob sie überhaupt stattgefunden hat. Die zweite Halbzeit startet im selben Tempo wie die erste. „Ein Schlagabtausch der Spitzenklasse“, müsste der Kommentator sagen, oder sonst irgendwelche Sportjournalismus-Floskeln bemühen, aber das Spiel heute findet jenseits solcher Begriffe statt.

„Bloß kein Elfmeterschießen!“, höre ich die ersten schon in der 70. Minute sagen. Unvorstellbar, dass hier kein Tor mehr fallen soll! Beide Mannschaften üben hohen Druck aus, sobald sie in Ballbesitz sind. Bayern auf absolutem Spitzenniveau, einzig Bastian Schweinsteiger ist ein Schatten seiner selbst. Seine Pässe kommen zwar regelmäßig an, wenn er aber zu Dribblings ansetzt, mache ich lieber die Augen zu. Trotzdem merkt man, wie er alles versucht; Spieler wie er sind empfänglich für die Bedeutung des Moments, Spieler wie er machen in solchen Spielen keine entscheidenden Fehler - möchte man meinen. Große Spiele werden von großen Spielern entschieden...

Man weiß gar nicht mehr, wie viele Uh's und Ah's in den Räumen der Gösser erklungen sind an diesem Abend, die Stimmung jedoch ist am Siedepunkt, wie man so schön sagt. Wieder Freistoß Ronaldo, wieder die Cowboy-Pose, wieder ein harmloser Ball. „Schülerliga!“, ruft Konstantin Wecker – diesmal vergnügt. Plötzlich sind 90 Minuten vorbei. Wo ist das späte Bayern Tor? Wo der Skandalelfmeter in letzter Minute? Beides sollte heute ausbleiben. 2:1, insgesamt 3:3 – Verlängerung! „Bloß kein Elferschießen!“, sagen wieder einige. Irgendwer redet was von Herzinfarkt.

Man sieht, wie Jose Mourinho inmitten seiner Spieler kniet. Mit eindringlicher Miene versucht er, sie taktisch und mental auf die Verlängerung vorzubereiten. Selbst der Drei-Wetter-Taft-Cowboy hört ihm aufmerksam zu. Eine faszinierende, fast unwirkliche Szene. Mourinho, so hat man immer den Eindruck, lenkt eine Mannschaft mit unsichtbarer Hand, allein seine Anwesenheit genügt, um von den Spielern jene taktische Disziplin einzufordern, mit der man letztlich alles, und zwar wirklich alles, gewinnt. Plötzlich sieht man „The Special One“ arbeiten und es beschleicht einen eine Ahnung: Nämlich, dass selbst Wundertrainer wie Mourinho letztlich vielleicht auch nur mit Wasser kochen. Kann es sein, dass er verbissen wirkt? Vielleicht sogar ein wenig beleidigt? Welche wundersamen Worte gibt er seinen Spielern jetzt noch mit? Hat er noch einen „Game-Changer“ in petto?

Juup Heynckes auf der anderen Seite, marschiert zwischen seinen Spielern umher, klopft mal hier mal da auf die Schultern. Kurz vor Beginn der Verlängerung noch einmal zusammen stellen, sich erzählen, dass man das schaffen werde, und das war's dann schon. Irgendwie fatalistisch, irgendwie banal. Kann das gut gehen? Es geht wieder weiter.

Der großartige David Alaba rennt auf und ab, ist auch wieder vorne zu finden, nachdem er sich gegen Ende der zweiten Halbzeit auf Defensivaufgaben konzentriert hatte. Es scheint, als kenne er keine Müdigkeit. In Wahrheit kennt er kein Erbarmen – weder mit sich selbst noch mit seinen Gegnern. Beeindruckend, wie souverän ein so junger Spieler inmitten dieser Weltstars agiert. In so einem Spiel. Vor dieser Kulisse. Eigentlich Unvorstellbar!

Auch die Verlängerung bringt trotz vieler guter Aktionen keine Entscheidung und so kommt es, wie es kommen musste: Elfmeterschießen. Einige rennen noch einmal auf die Toilette. Konstantin Wecker sagt mir, Elfmeterschießen, das wolle keiner. Tatsächlich scheint auch im Gösser-Bräu keiner mehr die Kraft zu haben, sich auch das noch anzusehen. Man sieht Manuel Neuer, man sieht Iker Casillas. Beides Weltklassetorhüter. Lauter Weltklasseschützen. Reine Nervensache, wie immer. Wer sind die Wackelkandidaten? Arjen Robben vielleicht?

Gerade als ich mir überlege, wessen Nerven da vielleicht nicht mehr mitmachen könnten, spaziert ein völlig unbekümmerter David Alaba in Richtung Strafraum, wo Casillas schon im Tor wartet. Das darf doch nicht wahr sein! „Alaba!“, „Der Alaba schießt!“ hört man die Leute mit einer Mischung aus Aufregung und Entsetzen sagen. Der kann doch nicht..., der wird doch nicht..., als erster? Doch, kann er, wird er: David Alaba eröffnet das Elfmeterschießen im Champions League Halbfinale gegen Real Madrid. Gegen Iker Casillas. Im bummvollen Bernabeu-Stadion. Der 19-Jährige Österreicher verwandelt souverän. Scharf ins rechte Eck, fast schon riskant. Casillas fliegt ins linke. Das Lokal tobt, als wäre es das schon gewesen. Ich schlage vor lauter Begeisterung mehrmals mit der Faust auf den Tisch. Dabei spritzt mein Bier auf den Rücken von Konstantin Wecker. Er dreht sich um und strahlt mich an, als wäre er begeistert darüber. „Tschuldige!“ - „Passt schon, des g'hört sich so!“, sagt er.

Jetzt aber Cristiano Ronaldo. „Verschieß!“, rufen alle. „Der verschießt eh!“, sagt Konstantin Wecker bestimmt. Ronaldo schießt, Neuer hält. Unglaublich: Alaba trifft, Ronaldo verschießt.

Bayern trifft wieder. Neuer hält erneut. 2:0, das Ding ist fertig. Toni Kroos verschießt, macht nichts. Xabi Alonso trifft. Jetzt aber pariert Casillas den Schuss von Philip Lahm! Alles wieder ausgeglichen, das darf doch nicht wahr sein! Sergio Ramos haut daraufhin den Ball geschätzte acht Meter über das Tor. Ja ist denn das die Möglichkeit?

Dann kommt Bastian Schweinsteiger. Wenn er trifft, ist es vorbei. Oje, der Schweinsteiger! Oje, der Schatten seiner selbst! Wo ist Robben? Kneift der? Schweinsteiger tritt den möglicherweise entscheidenden Elfmeter. Das kann doch nicht gut gehen! Aber Casillas errät die Ecke nicht, Schweinsteiger trifft, Bayern siegt, das Haus tobt, das Spiel ist vorbei, Bayern im Finale. Das war's. Bumms, aus, Nikolaus. Was für eine Partie!

Noch am Heimweg überlege ich mir, dass nach einem so hochklassigen Spiel mir letzten Endes doch Alabas und Robbens Elfmeter als die größten Leistungen im Gedächtnis bleiben: Einzelleistungen, die fußballerisch nichts Außergewöhnliches darstellen, die aber vom mentalen Standpunkt her betrachtet fast übermenschlich sind. So stimmt es also doch, dass große Spiele von großen Spielern entschieden werden. David Alaba war an diesem Abend ein ganz großer Spieler. Alaba traf. Ronaldo verschoss. Wer hätte das gedacht?

Freitag, 30. März 2012

10 stille und weniger stille Gerüche


Der Frühling startet durch hier in Graz. Und er beschert uns 10 Gerüche, die wir den Winter über vermisst haben.

Der Geruch vom Murufer: Jeder Grazer kennt den Geruch, der einem in die Nase steigt, wenn man im Innenstadtbereich die Mur entlang geht, oder auch nur einem Murufer zu nahe kommt. Faulig riecht es da, aber eben auch irgendwie lebendig. Böse Zungen behaupten, der Geruch stamme von den Leuten, die da im Sommer gerne herumgammeln. Das kann aber nicht sein, denn die tragen höchstens dazu bei, dass der faulige Murgeruch hin und wieder von Marihuanaschwaden durchdrängt wird und sich dergestalt versüßt, dass man glaubt, man stünde vor einem brennenden Schweinestall, in dem ganz viele kleine Karamel-Schweinderl hausen. Ansonsten riecht es dort leider einfach nur schlecht.

Der Geruch von Kanal: Nur bei seltsamen Wetterlagen drängt er im Winter aus dem Grazer Untergrund nach oben: Im Sommer hingegen ist der Kanalgeruch fast ein Klassiker und in seinem Wesen dem Geruch vom Murufer gar nicht so unähnlich. Gemein am Kanalgeruch ist nur, dass er hotspotartig auftritt, und einen also meistens überraschend in die Nase fährt, wohingegen man ja genau weiß, worauf man sich einlässt, wenn man dem Murufer zu nahe kommt.

Der Geruch von vergossenem Alkohol: Ja, auch im Winter riecht es in der ganzen Grazer Innenstadt nach Glühwein- und Punschresten. Im Sommer jedoch eröffnen sich den verschütteten Getränken vielfältige Möglichkeiten, auch noch Stunden nach dem Austreten zu belästigen. Versickert etwa Bier im warmen Boden des Stadtparks – im Laufe des Sommers werden es mehrere Hektoliter sein – ergibt das alsbald den so typischen Festivalgeruch, also den Geruch von falsch verstandener Freiheit. Überhaupt fördert die Wärme im Frühling und Sommer ja in jeder Weise die Geruchsentwicklung. Ideale Bedingungen also, denn so viele Spritzwägen hat die Stadt Graz gar nicht, dass sie dem Alkgeruch Herr werden könnte.

Der Geruch von Feinstaub: Zugegeben, richtig gerochen habe ich den Feinstaub noch nie. Aber dass er da ist, merkt man in jedem Fall. Es sind nicht nur die Abgase direkt an der Straße, die einem in das Gesicht stinken, es ist die „dicke Luft“ überhaupt, der man in Graz gar nicht entrinnen kann. Das muss sich nicht unbedingt in einem bestimmten Geruch niederschlagen, aber es erlaubt einem auch nicht, in der Früh das Fenster aufzureißen, einen tiefen Zug zu nehmen und entspannt „Aaah!“ zu sagen. Manchmal aber, wenn man sich wieder mal sehr sauerstoffunterversorgt vorkommt in Graz, dann meint man, den Feinstaub sogar riechen zu können. Er riecht wie eine alte, elektrostatisch aufgeladene Wolldecke und so gefährlich harmlos giftig.

Der Geruch von Grill: Ob im Schrebergarten oder auf Balkonen von Wohnhäusern: Man hat das Gefühl, dass die Grazer das ganze Jahr hindurch grillen. Im Jänner mag es einmal eine kurze Pause gegeben haben, aber ansonsten glimmt in dieser Stadt der Grill andauernd. Trotzdem lässt sich zum Sommerbeginn natürlich ein signifikanter Anstieg an Rauchschwaden verzeichnen, die sich in den feinstaubverhangenen Grazer Himmel schlängeln. Dann riecht es wieder überall nach verbranntem Fleisch, mit dem sich Studenten wie Pensionisten gleichermaßen die von der ersten Sonne geröteten Bäuche vollschlagen. Gustiös ist der Grillgeruch irgendwann nicht mehr, denn er hat den Zauber des Besonderen, der ihm noch in mancher Kindheit anhaftete, verloren. Nicht nur am Mittwoch oder am Sonntag wird hier gegrillt, sondern an jedem Werk- und Feiertag und zwar überall, am besten drei Mal täglich.

Der Geruch von billigem Parfum: Frühlingszeit ist Paarungszeit und deshalb greifen Männlein wie Weiblein zu jedem erdenklichen Mittel, um sich dem jeweils anderen (oder dem eigenen) Geschlecht schmackhaft zu machen. Nicht selten sind hierbei zweifelhafte Düfte Mittel zum Zweck. Dass Männer bei der Parfumwahl selten Geschmack beweisen, ist bekannt. Deshalb gibt es jedes Jahr einen neuen Duft von Axe, der sich auch verkauft. Leider greifen auch immer mehr Mädchen zu jener Massenware, welche über Drogerieketten unter dem Schlagwort „Frühlingsduft“ werbewirksam in Umlauf gebracht wird. Parfums dieses Genres sind meistens süß, riechen also irgendwie lieb und nach Blumen oder Zuckerl und das passt nach Meinung hormongeschwängerter Mädchenköpfe gut zum Frühling und den kurzen Rockerln. Dann stinken die wandelnden Zuckerlgeschäfte über den Campus und in der Sporgasse herum, solange bis das Flascherl leer ist oder der Kopf endlich sagt, dass ihm das eigentlich zu süß sei. Dabei wissen doch alle, dass der allerbeste Frühlings- wie auch Sommerduft der Geruch von Sonnencreme auf gepflegter Frauenhaut ist!

Der Geruch vom Schlossberg: Ich weiß gar nicht, ob der Schlossberg im Winter nicht gleich reicht wie im Sommer – wahrscheinlich schon. Aber die schlagende Kühle, die im Sommer aus dem Berg in die aufgeheizten Grazer Gassen strömt, verleiht dem strengen Höhlengeruch eine fast erfrischende Note. Was eigentlich nach Grab riechen sollte, riecht so nach Steinbruch in einer Vollmondnacht, also nur nach Grabesnähe. Gerne lasse ich mich an einem heißen Hochsommertag von dem klammen Wind anwehen und sauge die Luft aus dem Innern des Schlossberges ein, während ich mir vorstelle, wie tief drin im Stollen von Fledermäusen verkackte Tropfsteinhöhlen atmen. Herrlich!

Der Geruch von Eisdielen: Eisdielen riechen im Idealfall nach gar nichts. Eigentlich sind Eisdielen die einzigen Geschäfte, in die man hineingeht und die nach nichts riechen – zumindest wenn dort nur Eis verkauft wird. Das Eis selbst ist zu kalt, um nach seiner Geschmacksrichtung zu duften und sonst gibt es dort nichts, was riechen könnte. Höchstens nach ausgeronnenem Kühlwasser könnte es dort stinken. Aber in solche Eisdielen – wenn es sie in Graz, der Eishauptstadt Österreichs, überhaupt geben sollte – geht man sowieso nicht hinein. Das Innere von Eisdielen riecht steril, und zwar steriler als eine Arztpraxis oder ein Krankenhaus je riechen können: nämlich eben nach gar nichts. Achten Sie mal drauf!

Der Geruch von Tennisplätzen: Zugegeben, jemandem, der nicht Tennis spielt, wird das nicht viel sagen. Aber schließlich kann ich auch nicht auf jene Leute Rücksicht nehmen, die partout in keine Eisdiele zu bekommen sind. Dabei hat der Geruch von Sandplätzen die bemerkenswerte Eigenschaft, sich an die Umgebung anzupassen. So reagiert der gebrannte Kalk nicht nur auf die Temperatur im Laufe des Tages, sondern auch auf die Menschen, die auf ihm gelbe Filzbälle umher dreschen. Gibt er sich morgens noch kühl und nüchtern wie Kies, schwingt er sich in den heißen Mittagsstunden zu einem Geruch auf, der, heiß und giftig, jenem von Sommer-Baustellen nahe kommt, um dann am späteren Nachmittag, bereits die unzähligen Schweißtropfen der Spieler aufgesogen habend, einen gutmütig müden wie auch beruhigenden torfähnlichen Geruch anzunehmen. So lästig der Sand sich in sämtlichen Ritzen der Kleidung festzusetzen weiß, so reizvoll ist sein Geruch, dessen Kondensat einem noch einmal in die Nase steigt, wenn man sich unter der Dusche den rötlichen Rest von den Beinen wäscht und dieser sich wirbelnd in den Abfluss drängt.

Der Geruch von Straßenbahnen: Die öffentlichen Verkehrsmittel im Sommer zu benutzen, ist ein sehr zweifelhaftes Vergnügen. Der Schweißgeruch der Passagiere verübelt einem den schönsten Sonnentag, zumal an Tagen, an denen am Nachmittag ein an sich vernüglicher Sommerregen niedergeht, es in den Bims feuchtwarm und stickig wird. Sollte man aber in den seltenen Genuss eines leeren Straßenbahnwaggons kommen, erlaubt das warme Klima es der Maschine, ihre sämtlichen olfaktorischen Reize auszuspielen. Man glaubt dann, jede einzelne Schraube, jede Dichtung, jeden Gummi riechen zu können. Dazu kommt der wohlige Geruch von Maschinenöl, Bremsen, Elektrizität und wenn Eisen sich an Eisen reibt, quietscht das nicht nur schön schaurig und irgendwie urig, sondern man glaubt es auch duften zu hören – eine synästhetische Sinfonie von besonderer Anmut, die man den klapprigen Viechern gar nicht zutraut.

Donnerstag, 26. Januar 2012

Beschreitung der Sporgasse

Die Grazer Sporgasse hat eine recht ungemütliche Neigung bzw. Steigung, je nachdem, von welcher Seite man kommt. Geht man sie hinauf, ist sie gerade so steil, dass man bei geschwindem Gehen außer Atem kommt. Geht man sie hinunter, ist sie gerade so abschüssig, dass man in dieses mühselige Bergab-Schlapfen gerät, wie man es von müden Wanderern kennt, die lust- und kraftlos vom Berg zurück kommen. Insgesamt und überhaupt ist die Sporgasse, zumindest was ihr Abschreiten betrifft, ein Graus – egal von welcher Seite man kommt.

Diesmal schlapfe ich die Sporgasse hinunter und höre schon von weitem das kratzige Geschrammel des Blues-Gitarristen mit dem schwarzen Hut – jeder Grazer kennt ihn. Obwohl mich sein Handwerk nicht immer ganz überzeugt, finde ich ihn immer noch besser als die zahnlose Frau, welche – man verzeihe mir ein Vorurteil ob meiner Uninformiertheit – vermutlich aus Rumänien stammt, und sich nicht nur in osteuropäischen Volksweisen ergeht, sondern hie und da selbst einen Blues versucht. Das ist zwar von jener gemütlichen Absonderlichkeit, die sich, so scheint mir, gerade in Graz an vielen Ecken erleben lässt, und die den Charakter solcher mittleren Städte ausmacht: noch nicht ganz urban, aber auf einem langen und beschwerlichen Weg dorthin, bereit, alles hinzunehmen, was einer gewissen „Buntheit“ zuträglich ist, mit der man sich, von der Provinz eitel abhebend, schmücken kann; künstlerisch ist das Spiel der Dame jedoch mindestens fragwürdig. Ein wenig erinnert sie mich an die weißrussische Frau, die mit einer Glühbirne Slide-Gitarre spielt.



Neben diesen Grazer Blues-Größen sieht man in der Sporgasse auch oft Stadt-Damen in Pelzen. Gerade wankt eine solche aus einer Boutique heraus. Sie wankt nicht etwa, weil sie betrunken ist, sondern weil solche Damen immerzu wanken – gerade in der steilen Sporgasse. Die Stadt-Damen trotzen nämlich dem Alter und bestehen weiterhin darauf, offensichtliche körperliche Verschleißerscheinungen stur ignorierend, sich in möglichst eleganten Stöckelschuhen zu zeigen. Den überaus unglücklichen und teilweise absurden Szenen, die sich deswegen auf Kopfsteinpflastern und bei Straßenbahneinstiegen abspielen, wäre ja einiges an Humor abzugewinnen, wenn sie nicht traurige Testamente des Altersstarrsinns wären. Angestrengt müssen diese älteren Damen immerzu auf ihre Füße starren und aufpassen, wo sie hinsteigen. So kann es vorkommen, dass die Sporgasse zu manchen Zeiten von wankenden, gebückten Damen in Kamelhaarmanteln geradezu übervölkert ist, die mühevoll von ihrer Innenstadtwohnung Richtung Kaffeehaus stolpern. Sie treffen sich alle in den hinteren Räumen des Cafès Sacher (denn das Erzherzog Johann gibt es ja nicht mehr), und in diesen mit rotem Samt ausgekleideten Zimmern schimpfen sie dann über Ausländer, die Jugend, die Stadtregierung und darüber, dass das Brot schon wieder teurer geworden ist.

Es kommt mir ein Mann entgegen, der den Blick eines besorgten Glaziologen trägt. Er scheint vor sich hin zu murmeln, bleibt plötzlich stehen, dreht sich um und marschiert wieder Richtung Hauptplatz. Nach etwa zehn Metern bleibt er wieder stehen, dreht sich erneut um und geht wieder in meine Richtung. Diesmal sieht er noch besorgter aus. Jemand wie er, denke ich, weiß Zeichen zu deuten. Dieser Mann liest am Morgen die Zeitung und stellt dann fest, dass er Grund zur Sorge hat – nein, dass überhaupt Grund zur Sorge besteht. Also nicht nur für ihn, sondern für alle und jeden. Dann fährt er in die Arbeit und begutachtet dort Messdaten von Gletschern (oder was auch immer Glaziologen sonst machen). Erneut muss er feststellen, dass Grund zur Sorge besteht. Er macht aber daraus keine Panik, sondern kummert bloß ein wenig vor sich hin und in sich hinein – jedoch nicht zu viel, denn depressiv ist der Mann auch nicht. Er ist aber ernst und weiß, dass Grund zur Sorge besteht. Vielleicht ist es das, was ihn jetzt in der Sporgasse wirr und überaus besorgt dauernd seine Richtung ändern lässt. Fast hätte mich seine Besorgnis angesteckt, ich habe meinen Blick aber rechtzeitig abgewandt und gehe schnell weiter.

Spätestens als ich am Hauptplatz ankomme, kommt die Besorgnis, der ich gerade noch entkommen war, ganz von alleine auf mich zu. Ich möchte gar nicht davon reden, dass sie mich beschliche. Nein, sie kommt auf mich zu, packt mich am Arm, dreht ihn mir auf den Rücken und führt mich schnurstracks die Murgasse entlang Richtung Hauptbrücke und erst dort lässt sie mich wieder los, verabschiedet sich freundlich von mir, kehrt wieder um und geht auf den Hautplatz zurück, wo sie dann andere Leute befallen wird. Nicht umsonst geht man, vom Karmeliterplatz aus gesehen, auf den Hautplatz „hinunter“ - geradewegs in die Hölle sozusagen. Unbarmherzig treibt einen die steil abfallende Sporgasse auf den Hautplatz hinunter. Und nur mühsam lässt sich vom Hautplatz her die relative Ruhe des Karmeliterplatzes erreichen. Es wird einem nichts geschenkt in Graz, könnte man sagen. Die Sporgasse steht dafür Pate – und ihre Beschreitung (von der einen Richtung oder der anderen) ist kein Honigschlecken!

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Wenn das die Alten wüssten!

"Goethe! Schiller!", schreit der Bollwerk-Bub unermüdlich. Er habe sie gelesen, sagt er. Zum Beweis zitiert er den Anfang von Faust "Habe nun ach! Philosophie...", dabei reißt er seine Augen samt erweiterten Pupillen weit auf. So hat sich das der Goethe nicht vorgestellt, denke ich mir. Dass da einer mit blondierten Haaren, Ohrringen, tätowiert und mit New-Yorker-Klamotten in einem Lokal steht und ihn zitiert. Oder vielleicht schon - vielleicht würd ihn ein moderner (noch lebender) Goethe als eine zeitgenössische Werther-Figur akzeptieren. Ich habe da aber so meine Zweifel.

"Faust - der Tragödie erster Teil!", verkündet der Bub. Ich frage ihn, ob er auch noch was anderes könne, weil sowohl "Faust - der Tragödie erster Teil" als auch der Beginn von Fausts erstem Monolog, das sei beides vorne und hinten auf dem Reclam-Hefterl zu finden. Um das zitieren zu können, sage ich ihm, reiche es, wenn man das Bücherl nur lange genug unaufgeschlagen vor sich liegen hat und einfach nur draufstarrt - am Klo zum Beispiel. Natürlich bin ich ihm nicht böse und tatsächlich sage ich "Hefterl" und "Bücherl", benutze also ganz bewusst Diminutive, die man Kindern zumuten kann. Das klingt lieb und verständnisvoll, verfehlt aber seine Wirkung, denn der Bub ist irgendwie ganz erbost über meine Anschuldigungen.

"Auerbachs Keller!", sagt er und weiter nichts. Ich fasse zusammen: Bis jetzt hat der Bub die Namen von Goethe und Schiller zitiert, behauptet, er habe beide gelesen (meint er - in metonymischer Wendung - beider Gesamtwerk?), dann hat er die Vorder- und Rückseite des Reclam-Hefterls zitiert. Auerbachs Keller kennt er auch. Man hat es also anscheinend mit einem Experten zu tun! Leider stellt sich bei genauerer Nachfrage heraus, dass sich das Expertentum des Buben auf das Sozialgefüge im Bollwerk beschränkt. Goethe und Schiller habe er in der Schule (sic!) gelesen. Es habe ihm aber gefallen.

Jemand sagt ihm, dass ich Germanist sei, also bittet er mich, ihm weitere Lektüreempfehlungen zu geben. Ich zähle ihm widerwillig alles auf, den ganzen Kanon, rate ihm davon ab, irgendwas zu lesen, was früher als im 18. Jahrhundert geschrieben wurde, sage ihm, dass die Traditionslinien des Realismus im 20. Jahrhundert interessanter sind als der bürgerliche Realismus, dass er sich selbigen also sparen könne, außer er erhebe Anspruch auf Vollständigkeit. Besonders empfohlen habe ich ihm natürlich Büchner, Kleist, Kafka und Musil - sie alle kennt er nur vom Hörensagen, seine Augen leuchten. Lyrik wolle er auch lesen, ich warne ihn also vor Hölderlin, spreche von einem "Wagnis", gleichzeitig auch von einer "lohnenden Herausforderung" - ich komme mir ganz deppert vor.

Abschließend sage ich ihm, dass es aber auch Leute gebe, die behaupten, dass, wenn man nur Goethe und Schiller gelesen habe, es eigentlich reichen würde. "Goethe! Schiller!", könne er dann den Rest seines Lebens brüllen und mit der entsprechenden Lektüreerfahrung würde er sich damit auch nicht gänzlich lächerlich machen. "Man kann ja nicht alles wissen wollen", sage ich ihm noch aufmunternd. Der Bub scheint mir das nicht ganz glauben zu wollen und das, obwohl er den Faust gelesen hat...
Ich bin froh, das leidige Gespräch zu einem versöhnlichen Abschluss gebracht zu haben und der Bub erzählt mir, wie er am Jakominiplatz von drei Bollwerk-Typen verprügelt worden ist. Dass er weggerannt sei, nachdem er zwei davon KO geschlagen hat, dass er aber selber eine gefangen habe und ich damit rechnen müsse, dass jeden Moment ein Dübel aus seiner Stirn wachse.

Zwei Stunden später, bevor der Bub das Lokal verlässt, überprüfe ich seine Stirn - kein Dübel weit und breit, nicht einmal rot ist es irgendwo. Ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Gleichzeitig aber empfinde ich aufgrund des Gedankens, dass da draußen ein Goethe lesender vorgeblicher Bollwerk-Prügler seine Kreise zieht, dankbare Behaglichkeit.

Daheim muss ich auf facebook lesen, wie sich jemand über den Satz "Das Nichts nichtet" amüsiert (*lol* ;-) *gg*). Den Satz habe man damals einmal bei "Echt fett" gehört.
Wenn Goethe schon nicht wegen des Bollwerk-Werthers im Grabe rotiert, so würde zumindest der Heidegger ein griesgrämiges Gesicht ziehen, wenn er erführe, dass die Jugend seine Sätze aus einem situationskomödiantischen Fernsehprogramm mit dem Namen "Echt fett" kennt und sie mit Emoticons und äußerste Heiterkeit anzeigenden Internet-Akronymen versieht. Wenn die das alles wüssten...

Freitag, 27. Mai 2011

Von Schauern und Schädeln


Wenn die wichtigste Kulturtechnik, die im 18. Jahrhundert in unseren Kreisen ihre größte Ausbreitung erfahren hat, das Lesen war, so ist es für das 20. Jahrhundert das Autofahren. Das kann heutzutage schon fast jeder; der eine besser, der andere schlechter. So gibt es auch zwischen den verschiedenen Nationen in Hinblick auf das Fahren Unterschiede in Kompetenz und Auffassung. Die Belgier etwa haben wenig Kompetenz – was weniger an ihrem Naturell als an der ungenügenden Fahrausbildung liegt. Den Italienern etwas mangelt es nicht an Kompetenz, jedoch unterscheidet sich ihre Auffassung davon, wie ein geregelter Straßenverkehr aussehen soll, teilweise drastisch von unserer. Unterschiede sind also überall zu finden und dafür braucht man gar nicht erst in den fernen Osten, den wilden Süden oder auf eigenartige Inseln zu fahren, die auf ihren Straßen links und rechts systematisch verwechseln.

Das Autofahren ist auch Mentalitätssache. Und deswegen gibt es im Fahrverhalten überall dort Unterschiede, wo selbige auch in der Mentalität zu finden sind. Mentalitäten aber divergieren vor allem regional, und deshalb lohnt ein Blick auf die Verschiedenheiten zwischen Autofahrern in ländlichen Gefilden und jenen der größeren Städte. Als Beispiele mögen hier Zell am See und Graz dienen.

In Graz, so würde man meinen, geht alles - weil es sich um eine größere Stadt handelt - ein wenig flotter. Die Autofahrer dort sollten stresserprobter sein, kein Problem mit großen Kreuzungen oder mehrspurigen Fahrbahnen haben. Hierin aber steckt schon der erste Irrtum, und für ihre Unzulänglichkeiten können die Grazer gar nichts. In Städten wie Graz ist es nämlich so, dass das Verkehrssystem und seine Teilnehmer etwas Großstädterisches haben, was aber eigentlich unangebracht ist, weil die Stadt dann so groß nun auch wieder nicht ist. Da wird gehupt, wenn man bei Gelb nicht gleich losfährt, da wird nonchalant der Fahrstreifen gewechselt, möglichst knapp vor dem hinteren Fahrzeug und sowieso ohne zu blinken, da wird gedeutet und geschrien. Das alles sind Feinheiten des Autofahrens, wie sie wirklich nur auf viel befahrenen Straßen in großen Städten notwendig sind. In Österreich haben wir in dieser Kategorie nur Wien anzubieten, und selbst dort geht es oft gesitteter zu als auf den Straßen von Graz. Im Fahrverhalten manifestiert sich also der Komplex der größeren Städte, keine wirkliche Großstadt zu sein, aber durchaus zwei- bis dreispurige Straßen zu besitzen und zu befahren. Das situationsinadäquate Fahrverhalten hat aber – zumindest für den unabhängigen Betrachtet - noch etwas durchaus Komisches.

Da hört sich in den ländlicheren Gegenden das Komische auf, denn hier regiert die Gemütlichkeit. Das ist zwar prinzipiell folgerichtig, denn am Land geht es ja gemütlicher zu als in der Stadt, wird aber dann zum Problem, wenn sich aus der Gemütlichkeit die Ineffizienz ergibt. So steht man etwa mitten auf einer Zeller Kreuzung und wartet darauf, links einbiegen zu können. Der Gegenverkehr rollt langsam an einem vorbei und man sehnt sich nach der ersten Lücke. Die Leute aber fahren heute wieder extra langsam und in Abständen, wie man sie sonst nirgends findet: groß genug für zwei Autos dazwischen, aber zu klein, um ein Einbiegen zu ermöglichen. Der Grund für die langsame Geschwindigkeit und die Abstände offenbart sich mit einem Blick hinter das Steuer: Die Leute sind beschäftigt mit Schauen. Sie schauen rings umher und am liebsten schauen sie einem direkt ins Gesicht, denn sie müssen wissen, um wen es sich da handelt, der da mitten auf der Kreuzung steht und einbiegen will. Dazu werden sie oft langsamer, und wie enttäuscht ist ihr Gesicht, wenn sie einen nicht erkennen! Damit sie aber in Ruhe schauen können und nicht etwa Gefahr laufen, auf das vordere Fahrzeug aufzufahren, halten sie den besagten Pinzgauer Sicherheitsabstand von zwei Fahrzeuglängen ein.

Manchmal ergibt es sich, dass man zur Kreuzung kommt, und sich gerade keine Autoschlange im Gegenverkehr gebildet hat, man aber ein einzelnes Fahrzeug abzuwarten hat, ehe man einbiegen kann. Man schätzt und errechnet nach allen Regeln der Erfahrung den Abstand, kommt zu dem Schluss, dass bei gegebener Geschwindigkeit des Entgegenkommenden kein sicheres Einbiegen mehr möglich ist, bleibt also stehen, nur um zu erkennen, dass besagter Entgegenkommender immer langsamer und langsamer wird. Nicht etwa ist es seine Ampel, die gerade auf Gelb gesprungen ist und ihn so zum baldigen Anhalten mahnt. Nein, es ist allein seine Neugier, die ihn langsamer werden lässt. Denn er muss schauen. Schauen, wer da abbiegen will, schauen, ob viele Leute in der Fußgängerzone sind, schauen, ob das Hotel an der Hauptstraße heuer schöne Blumen hat, schauen, ob es im Sportgeschäft etwas Neues in der Auslage zu sehen gibt. So sitzt man selbst immer unruhiger in seinem Auto und verflucht zuerst leise, dann immer lauter werdend, den Schauer, der sein Vehikel mittlerweile auf Schritttempo verlangsamt hat, um sich alles genau anschauen zu können. Dreimal hätte man einbiegen können, hätte der Schauer seine Geschwindigkeit nicht so ungünstig verändert. Dreimal, bevor er überhaupt zur Kreuzung gekommen wäre. Und wäre er nicht langsamer geworden, wäre er schon vorbeigefahren und man hätte schon dreimal nach ihm einbiegen können. Aber so steht man immer noch blinkend auf der Abbiegespur und schaut seinerseits in das blöde schauende Gesicht. Kaum ist der Schauer endlich vorbei gefahren und man auch schon Gas geben will, da sieht man auf der Gegenverkehrsspur schon das nächste Fahrzeug heranrasen, von dem vorher noch weit und breit nichts zu sehen war. Also wieder warten. Und wieder wird der Raser wie von Zauberhand zum Schleicher, denn auch er muss schauen, schauen, schauen.

Auch auf den weniger befahrenen Straßen bewirkt das gemütliche Schauen der anderen eine sich stetig steigernde Nervosität in einem selbst. Etwa dann, wenn einem ein Fahrzeug mitten auf der Fahrbahn entgegenkommt, man selber gar nicht weiter rechts fahren kann, als man eh schon fährt, und darauf hoffen muss, dass der Lenker rechtzeitig wieder auf die Straße schaut und nicht auf die Blumenkastln der an der Straße gelegenen Häuser. Hupen bietet sich nicht an, denn das wäre zunächst noch übertrieben, später dann zwecklos. Lichthupe ist ohnehin dumm, weil er eh nicht schaut. Also hilft nur langsamer werden, während man sich ausmalt, was der heranrasende Landrover mit eigenem Auto und Leib anstellen würde, wenn er so, ungebremst und auch ungeschaut, in einen hineinführe. Dann aber schaut der Schauer wie zufällig doch einmal auf die Fahrbahn, weil er gerade den Blick von den rechten Blumenkastln zu den linken wandern lassen will, erkennt das entgegenkommende Auto und fährt schön gemütlich (bei etwa 70 km/h wohlgemerkt) wieder auf seine Seite der Fahrbahn. Sich selbst die Schweißperlen von der heißen Stirn wischend, gibt man dann wieder Gas und setzt seine Fahrt erleichtert fort, nicht ohne auch selbst die besonders schönen Geranien zu bewundern, welche den Balkon des Gasthofs heuer wieder schmücken...

So gestaltet sich der Straßenverkehr wohl überall auf seine Weise gefährlich und nervenaufreibend. Während sie am Land schauen, schauen sie in der Stadt überhaupt nicht, wollen nur mit ihren Schädeln über die Kreuzung und von einer Spur auf die andere. Deswegen sind die Grazer Autofahrer die „Schädel“, während die Zeller die „Schauer“ sind. Schauer oder Schädel, egal, was einem besser behagt, einfach sind sie alle nicht. Und dass eine der zwei Gruppierungen die Kulturtechnik des Autofahrens besser beherrsche als die andere, darf ebenso bezweifelt werden. Letztlich gelten auch für das Autofahren die Gesetze der Evolution und da überlebt eben immer der am besten Angepasste. Schlimm für einen, der in Graz wie ein Schädel und in Zell wie ein Schauer sich zu verhalten hat.

Samstag, 21. Mai 2011

Heimweg


Ich bin am Heimweg, es ist schon fast ganz hell. In meiner Hand habe ich ein Buch über Georg Büchner, die Seitentasche meiner Jacke ist ganz unförmig und aufgebläht, weil sich darin ein zusammengewickeltes Regen-Cape von den Universal Studios befindet. Das habe ich bei einer Versteigerung erstanden. Ich weiß nicht, ob es mir gefällt, aber ich wollte irgend etwas haben und da ich gefehlt habe, als die schwarze Beethoven-Büste mit dem Mascherl um den Hals dran war, musste ich also mit dem Regen-Cape vorlieb nehmen. Das bleibt mir jetzt. Das und die schmerzliche Erinnerung an die nicht erstandene Beethoven-Büste.

Ausgestattet also mit einem Buch über Büchner und einem Regen-Cape, auf dem einen Woody Woodpecker frech angrinst, biege ich von der Sackstraße am Schloßbergplatz in Richtung Mur ab. Ich denke, viel absurder als mit meinen Accessoires kann man gar nicht daherkommen. Da sehe ich auch schon zwei Dummköpfe auf dem Mursteg herumtorkeln. Über den Mursteg gehe ich ohnehin nicht gern, weil er aussieht, als müsste er jeden Moment zusammenbrechen, ja, er sieht irgendwie behelfsmäßig aus. Auch die zwei Betrunkenen sehen behelfsmäßig aus, deswegen wähle ich den Weg über den Kaiser-Franz-Josefs-Kai zur Keplerbrücke. Die ersten Straßenbahnen fahren schon, und eigentlich ist es eine Unzeit, denke ich mir, eine Zeit des Übergangs von der tiefen Nacht in den geschäftigen Samstag Morgen. Es ist die Zeit, in der sich Betrunkene und Arbeitstätige dauernd über den Weg laufen. In den Straßenbahnen sitzen sie einander gegenüber und manchmal ist dem, der auf dem Weg zur Arbeit ist, der Betrunkene unangenehm, oft ist es aber auch umgekehrt und der Betrunkene fühlt sich irgendwie fehl am Platz, oder auf eine bestimmte Art und Weise schäbig.

Auch auf den Straßen sind sicher ein paar alkoholisierte Heimfahrer unterwegs, während den anderen noch schlaftrunken an jeder roten Ampel der Kopf auf das Lenkrad sackt. Eigentlich eine gefährliche Zeit, aber passieren tut selten was, weil die einen noch zu müde, und die anderen schon zu müde sind um irgendwelche Handlungen zu setzen, die darüber hinausgehen, sich selbst von Punkt A nach Punkt B zu bringen. Und was den Straßenverkehr angeht, so sind sowieso die Übermotivierten und Aggressiven die eigentlich Gefährlichen. Um diese Uhrzeit ist niemand übermotiviert oder aggressiv.

Zwischen halb fünf und halb sechs liegt eine schlappe Stunde, wahrscheinlich die schlappste des Tages. Und auch ich tappe schlapp die Mur entlang, ich gehöre wohl ebenso zu den Betrunkenen. Am Himmel lichten sich noch die letzten Nachtwolken, der Mond steht auch noch immer da, als würde er auf den Bus warten, der am Samstag Morgen nie fährt, und von dem er sich erwartet hätte, dass er ihn ins Bett bringen würde. Ich überquere den Fluss an der Keplerbrücke, schau dem Mond jetzt direkt in sein Gesicht, und denke mir meinen Teil. Auch der Mond denkt sich vermutlich seinen Teil, während er von dem seltsam cremigen Morgenlicht angestrahlt wird und mit letzter Kraft versucht, zurückzustrahlen. Er gibt eine lächerliche Figur dabei ab und ich muss wieder an die zwei torkelnden Idioten vom Mursteg denken. Vielleicht sind sie schon nach Hause, oder aber in die Mur getorkelt.

Ich tappe weiter, nun den Lendkai entlang. Es gibt nichts Einsameres als den Lendkai am frühen Morgen, denke ich mir. Ich versuche mich daran zu erinnern, wann Georg Büchner starb, und weiß nicht mehr genau, ob es 1836 oder 1837 war. So seltsam der Gedanke in dieser Situation und um diese Uhrzeit auch ist, das muss ich jetzt wissen. Also versuche ich mir im Gehen die Information aus dem Büchner-Buch herauszulesen. Da wackeln die Buchstaben vor meinem Gesicht herum, als wollten sie mich ärgern. Ich suche ein „gest“ oder ein „orben“, für ein ganzes „gestorben“ ist mein Blickfeld zu klein. Noch dazu fallen mir fett gedruckte Wörter in den Weg, einiges ist mit rosaroten Textmarker hervorgehoben. Ich lese „wegweisende Wirkung“ und stutze, weil ich mir denke, was das heißen soll, wenn jemand eine Wirkung hat, die wegweist. Dann verstehe ich, dass der Weg gemeint ist, und wundere mich nur noch darüber, dass eine solche Information fett gedruckt ist. Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin, es handelt sich zumindest um das Überblickskapitel zu Büchners Leben – die wegweisende Wirkung hat sich bestätigt. Ich suche den Tod, also blättere ich auf die letzte Seite des Kapitels und da lacht mir eine schiefe Fratze entgegen. Es handelt sich um eine „Erinnerungsskizze“ von Büchners Antlitz nach Alexis Muston, wie ich der Bildunterschrift entnehme. „So möchte ich nicht erinnert werden“, sage ich mir und grusle mich noch ein bisschen, bevor ich mich entschließe, gezielt nach Jahreszahlen zu suchen. 1875 steht da, das muss aber irgendetwas anderes sein. Ich lese „Krautgarten-Friedhof“, lese es nochmal und es heißt immer noch „Krautgarten-Friedhof“. Trotzdem meine ich, mich zu irren, lasse aber vom Krautgarten-Friedhof ab und suche weiter nach Jahreszahlen, blättere eine Seite zurück, lese ganz unten auf der Seite „19. Februar 1837“ und weiß, dass ich jetzt richtig bin, denn es ist fett gedruckt und rosarot hinterlegt. Der Tod also auf der vorletzten Seite, nicht auf der letzten, das ist bemerkenswert, denke ich mir, und nach dem Tod kommt nur noch Krautgarten-Friedhof und Erinnerungsskizze.

Während meiner Suchaktion haben sich meine Schritte unmerklich verlangsamt. Der Mond lacht mich aus, weil jetzt kann auch er sehen, dass ich betrunken bin. Ich aber fühle mich recht klar im Kopf und jetzt weiß ich ja auch wieder, wann Büchner starb. Außerdem fühlt sich das Regen-Cape von den Universal Studios in meiner Jackentasche gut an. Ich sehe es noch einmal an. Es ist azurblau, ähnlich wie die Farbe des Covers von „Thomas Crown ist nicht zu fassen“, der Nr. 45 in der Filmedition der Süddeutschen Zeitung. Heller aber als der Einband des Büchner-Buches, das selbst wiederum ein wenig heller als das Verkehrsschild ist, das den Rad- und Gehweg anzeigt, der die Mur entlang führt, den ich aber jetzt nicht betreten werde. Ein schönes Arrangement in Blau wäre das – das Regen-Cape, das Büchner-Buch und die Gehweg-Tafel, denke ich mir, biege aber schon in die Neubaugasse ein, muss aber noch daran denken, wie der Erwin einmal gesagt hat, dass die Gehweg-Tafel aussieht, als würde da ein Mann ein kleines Mädchen entführen wollen. Die „Kinderfazara-Tafel“, hat er gesagt, sei das. So eine entautomatisierte Wahnehmung haben nur die Künstler, denke ich mir und muss schmunzeln. Ich bin froh, dass ich daheim bin.

Donnerstag, 19. Mai 2011

Innerhofer

Am Lendplatz soff
einst Innerhofer.
der Franz, der aus den Bergen kam.

Gesprächsstoff für
die Künstler dort
war, wie er sich im Rausch benahm.

Es heißt, er habe
morgens schon
vier, fünf, sechs, sieben Bier getrunken.

Zu Mittag saß er
schief am Thron,
die Stirn auf seinen Arm gesunken.

Der arme Franz,
der Innerhofer,
wollt nimmer lustig sein.

Er hat in Graz,
sich ganz zerlebt
und kehrte nie mehr heim.

Sonntag, 8. Mai 2011

Landmarken: Der Lendplatz


Aus dem Grazer Lendplatz wird kein Mensch schlau. Von allen Plätzen in Graz, zumindest von allen größeren, ist der Lendplatz der fragwürdigste. Eine steile These, mag man meinen, wenn man an Plätze wie den Jakominiplatz, den Griesplatz oder den wirklich auch sehr fragwürdigen Geidorfplatz denkt. Der größte Konkurrent in Sachen Fragwürdigkeit ist aber der Andreas-Hofer-Platz, der ehemalige Fischplatz. Schon allein der Name ist da sehr fragwürdig. Denn erstens: Was hat der Andi Hofer mit Graz zu tun? Zweitens verrät der alte Name schon, dass der Platz für die Fisch ist. Aber der Andi-Hofer-Platz ist schon dermaßen absurd und hässlich, dass ich ihm glatt das Wettbewerbsrecht aberkennen würde, weil er in Sachen Fragwürdigkeit tatsächlich in einer ganz eigenen Liga spielt.

Dem Lendplatz hingegen kann man eine gewisse Wichtigkeit schon allein deswegen nicht absprechen, weil er die Feuerwehr beherbergt und weil er Verkehrsknotenpunkt für 4 (in Worten: vier) GVB-Buslinien ist; außerdem fahren noch ein paar Watzke-Busse in Dörfer, die außerhalb von Graz liegen und in die in Wahrheit niemand fahren will, außer ein paar alte Leute, die nicht mehr selber mit dem Auto fahren können oder dürfen. Im Vergleich zum Jakominiplatz ist aber die verkehrstechnische Bedeutung des Lendplatzes natürlich mickrig.

Der Lendplatz ist aber gleichzeitig auch lässig, weil da viele hippe und junge Läden auf- und oft bald wieder zusperren. In den Zeitungen steht dann, das Viertel blühe auf. Außerdem ist der Lendplatz ein multikulturelles Kleinod, weil es da türkische Geschäfte gibt und ein serbisches Café sowie einen sehr modern interpretierten Kramerladen ungeklärter ethnischer Provenienz. Auch eine kurdische Pizzeria gibt es dort, die sehr gut ist. Und sonst auch noch ein paar Lokale, steirische und sonstige; man könnte also auch behaupten, dass der Lendplatz ein regelrechtes Genussviertel ist.

Freilich ist der Lendplatz auch eine Vergnügungsmeile. Denn es gibt ein Admiral Sportwettencafé, wo garstige alte Steirer den ganzen Tag Bier trinken und rauchen. In den anderen beiden Wettcafés wird sicher auch garstig getrunken und geraucht. Und natürlich gibt’s am Lendplatz Puffs. Und es gibt die Scherbe und das Exil und das Pierre's und auch das ppc ist da und so weiter und so fort.

Auch einen Bauern-Markt gibt es am Lendplatz, also ist der Lendplatz auch ein Marktplatz. Ein paar feste Standeln gibt es da, wo man auch, wenn kein Markt ist, hingehen und was kaufen kann. Meistens gehen die Leute aber nur zum Saufen hin. Wenn man den Bauernmarkt nicht mag, weil einem das zu persönlich ist, dann kann man auch zum Billa oder zum Spar gehen, denn auch solche Geschäfte hat es am Lendplatz. Parfums und Make-Up kauft man beim Bipa, Druckerpatronen und CDs beim Libro und wenn man einmal nicht daheim schlafen will, mietet man sich im Mercure (seriös) oder im Etap-Hotel (unseriös) ein, denn auch Hotels gibt es am Lendplatz.

Geld für die Hotels holt man sich bei der Sparkassa oder der Bank Austria, der Lendplatz ist nämlich das Bankenviertel von Lend. Es gibt am Lendplatz drei Friseure, einen für Herren, einen für Damen und einen für Türken. Es gibt einen Handyshop und einen Bäcker, ein Fotostudio, ein Reisebüro, eine Fahrschule, die Polizei, die Post, einen Floristen... es ist fast nicht zum Aushalten.

Ich frage mich, was es am Lendplatz eigentlich nicht gibt. Bis auf eine Straßenbahnhaltestelle gibt es eigentlich alles. Viele werden jetzt fragen, warum ich den Lendplatz nun für den fragwürdigsten aller Grazer Plätze halte. Eben deswegen, weil es da im Prinzip alles gibt und man, sofern man in Lendplatznähe wohnt, eigentlich nur zum Lendplatz gehen muss, wenn man irgendwas braucht. Das ist deswegen ein Problem, weil es dem Lendplatz nun doch nocht an etwas fehlt: an Flair. Ganz Lend hat keinen Flair, ja man müsste fast sagen, dass der Lendplatz in Sachen Flair noch das Highlight innerhalb der Grenzen von Lend ist. Als Lendbewohner kommt man, wenn man es praktisch sieht, nie über den Lendplatz hinaus, das heißt, man bekommt von Flair nie irgendwas mit, obwohl es in Graz hie und da schon ein bissl Flair zu erhaschen gäbe. Sicher aber nicht am Lendplatz!

Also geht man als Lendbewohner Umwege. Man geht möglichst schnell aus dem Lend (so heißt es doch, oder? Heißt es nicht der Lend?) hinaus, über die Keplerbrücke hinüber oder am Kai entlang Richtung Gries, bis man beim Kunsthaus ist, das ja eigentlich noch in Lend steht, aber das ist nur eine Beckmesserei für Stadtplanzeichner, denn gefühlt gehört das Kunsthaus zur Innenstadt. Man hat es nur nach Lend gestellt, also auf die andere Murseite hinüber verfrachtet, weil man da noch Platz gehabt hat und weil man es dort schön von der Innenstadt aus sehen kann. Von (vom?) Lend aus sieht man das Kunsthaus nämlich überhaupt nie, und wenn, dann nur von hinten, und von hinten ist es hässlich wie nur was – richtig ungustiös.
Die Umwege geht man als Lendbewoher, damit man einmal hinaus kommt aus dem Lend, damit man etwas Anderes sieht und ein wenig von der, sich ihrer natürlichen Grenzen gänzlich bewussten Grazer Schönheit mitbekommt. Den Lendplatz gilt es daher zu meiden. Er ist ein flairloser Alleskönner, ein Unsympathler der hundsgemeinen Art, den sie nur deswegen gemacht haben, damit die Leute, die am Grazer Bahnhof ankommen, und die nur schnell was brauchen (einen Friseur, einen Bäcker, einen Floristen), gar nicht in die Innenstadt kommen, weil es am Lendplatz ja eh alles gibt. Und weil dann viele über die Annenstraße in die Innenstadt wollten, haben sie die verkümmern lassen; haben sie zu einem langgezogenen Lendplatz werden lassen und zusätzlich, um ganz sicher zu gehen, dass keine lästigen Leute in die Innenstadt kommen, haben sie beim Bahnhof noch einen Spar gebaut, der so lange offen hat, bis kein Zug mehr fährt und kein Lästiger mehr ankommt und in die Innenstadt fahren muss. Früher hat man Stadtmauern gebaut, heute macht man ungustiöse Plätze und Straßen, die die Leute davon abhalten, in die schöne Innenstadt zu kommen.

Montag, 2. Mai 2011

Die ironische Einrichtung der Welt

Im Stadtpark riecht es jetzt immer so, wie man sich den Geruch von Körperpuder für ältere Damen vorstellt. Es ist kein richtiger Frühlingsgeruch, eher ein penetranter Blütengestank, dem das Muffige der schlechten Grazer Luft eine morbide Note verleiht, wie sie sonst nur Gerüchen in Museen oder eben Häusern älterer Menschen zu eigen ist. Man denkt sich dann, wenn man im Park herum geht, dass es komisch ist, wie das Erwachen der Natur, wolle man diesem bizarren Schauspiel umherfliegenden, bunten Drecks eine derart poetische Beschreibung zukommen lassen, wie also dieses Naturschauspiel derartig nach Verderben stinken kann. Ironisch, möchte man meinen, hat Gott die Welt eingerichtet.

Ironisch auch, denkt man sich dann, wie die Amerikaner einen Präsidenten beschimpfen und mit Hitler vergleichen, wenn er eine Reform des Gesundheitswesens machen möchte, und wie sie ihn dann santo-subito-mäßig zum Helden erklären, wenn er den Befehl gibt, Bin Laden (oder bin Ladin, wie die FAZ wichtigtuerisch schreibt) umzubringen. Nicht, dass Osama (oder Usama, wie es in der FAZ und nur in der FAZ heißt) es verdient hätte, von irgendeinem Gericht angehört zu werden. Da bin ich selber ganz Advokat des schnellen Schusses. Mir kommt nur die Art und Weise, wie mit seinem Tod umgegangen wird, etwas seltsam vor. Da wird begratuliert und beklatscht, was man im Grunde gar nicht nüchtern genug zur Kenntnis nehmen kann.

Enttäuschend ist vor allem, dass man ihn nicht in einem Erdloch, wie damals den Saddam, gefunden hat. Wir haben uns alle erwartet, dass Osama irgendwo in einer afghanischen Berghöhle sitzt, wo er bebenden Bartes Hasspredigten gegen den Westen insgesamt, und gegen die USA im Besonderen anstimmt, während seine Kalashnikow-Kumpanen den Höhleneingang bewachen und sich von rohem Fleisch ernähren. Jetzt muss man vernehmen, dass er in einem dreistöckigen Haus gewohnt hat, in einer schönen Stadt in Pakistan. Da frisst den Bild-Zeitung-Leser der Neid und dann tut es gut zu erfahren, dass der fatale Schuss dem Osama anständig das Gesicht entstellt hat.

Seine Asche hat man ins Meer geschmissen, heißt es. Im Falle von bin Laden kann man kaum sagen über den Wellen des Ozeans verstreut, weil das für den finsteren Terrorchef eine zu gnadenvolle Formulierung wäre. Der Gentest wird zweifellos bestätigen, dass es sich um bin Laden gehandelt hat, ein paar Spinner werden weiterhin glauben, dass Osama noch irgendwo unter den Lebenden weilt und zusammen mit Hitler, Saddam Husseins Doppelgänger, Jörg Haider und Lee Harvey Oswald ein Elvis-Konzert besucht. Dann wird es bestimmt noch ein paar Mal krachen, weil Osamas Jünger jetzt natürlich auch nicht nach Hause gehen und wieder ihren erlernten Beruf ausüben. Und in ein paar Jahrzehnten wird sich mancher Amerikaner an Barack Obama zurückerinnern: "Obama? Wasn't he that black fella that got the nobel peace prize for killing the arab, while he ruined our economy?"


Dann aber wird man diesen Gedankengängen entrissen, weil ein herren- und damenloser Hund einem plötzlich das Bein beschnüffelt und den Schuh besabbert. So eine tolle Nase kann der Hund auch wieder nicht haben, denkt man sich, wenn er von dem Blütenstaubgeruch derart unbeeindruckt bleibt und die frisch gewaschene Hose viel interessanter bzw. beriechenswerter findet. Als dann jedoch eine ältere Dame um einen Busch biegt, die ganz und gar so aussieht wie der Stadtpark riecht, wird es einem klar, dass der Hund den Blütenstaub gar nicht mehr wahrnimmt, weil auch für ihn gilt, was dem Volksmund nach für uns Menschen gilt, nämlich, dass man sich irgendwann an alles gewöhnt, und dass etwas frisch Gewaschenes, Neutrales und jugendlich Agiles wie ein Jeansbein bei dem Hund wohl eine ähnliche Verstörung auslösen wird wie der Grazer Stadtparkgeruch bei einem sogenannten jungen Menschen.