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Dienstag, 8. November 2016

Der erste Schnee

Jedes Jahr dasselbe: Es schneit, und sofort posten alle Zeugen dieses Naturvorgangs es auf Facebook. Dann kommen die Schlaumeier, die sagen, man müsse Schneefotos nicht dauernd auf Facebook posten, weil jeder selber aus dem Fenster sehen könne. Als ob Schneefotos das Schlimmste wären, was man täglich so auf Facebook findet. "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!". Das lese ich täglich 350 Mal auf Facebook, und über diesen sinnleeren Satz hat sich noch nie jemand aufgeregt. Wahrscheinlich weil sie alle damit beschäftigt sind, ihren Traum zu leben - auf Facebook.

Dabei ist die Freude, die Menschen empfinden, wenn sie den ersten Schnee der Saison sehen, wenigstens noch etwas Echtes: die kindliche Glückseligkeit beim Anblick des wunderbaren Weiß. Lasst doch die Leute Schneefotos posten! Erstens sieht eben nicht jeder den Schnee, wenn er aus dem Fenster sieht. Schließlich ist der Witz an Facebook ja der, dass man da Sachen von Leuten sieht, die nicht unbedingt aus dem Nachbardorf kommen. Also freut sich vielleicht irgendein Schwarzwälder, bei dem es regnet, oder irgendein Australier, bei dem es grad unbarmherzig runterbrennt, über die Schneefotos der Pinzgauer.

Zweitens ist Schnee - solange wir ihn noch bekommen - etwas Magisches. Über Nacht verwandelt sich die Welt in eine einzige weiße Pracht, es riecht anders, die Welt klingt anders, wenn man auf dem Schnee geht, knackt es. Das ist doch der reinste Kindheitstraum, den man jedes Jahr gratis wieder aufs Neue erlebt! Daher freuen sich die Leute über Schneefotos - zumindest zum Winterbeginn. Da kommt es selten vor, dass einer ein Schneefoto mit einem grantigen Smiley goutiert oder schlicht "wäh!" drunter schreibt.

Schnee ist schön, magisch und sinnvoll. Darf man ruhig auf Facebook posten, denn jedes einzelne Schneefoto ist besser als alle Postings von Felix Baumgartner zusammen!


Dienstag, 12. Juli 2016

Der Schmittenwind

Nach einem heißen Sommertag, wenn sich die Sonne hinter der Schmittenhöhe versteckt und bloß noch das gesegnete Land der Thumersbacher von ihren warmen Strahlen behütet wird, kommen die Hunde wieder aus ihren Hütten gekrochen. (Ich meine tatsächlich die Tiere, nicht die illustren Bewohner des Schmittentals!) Einen ganzen Tag lang hat die Sonne in die Talsenke gebrannt, die großen Leiber der Kühe gewärmt und ihre Fladenauf den Wiesen trocknen lassen. Die letzte Seilbahn hat sich vor über einer Stunde über die Wälder und Gräben berghinan ziehen lassen. Auch das Schlagen der Autotüren und das Kratzen von deutschen Wanderstöcken auf dem Asphalt der Seilbahnparkplätze ist verklungen.

Kaum hat man sich von der drückenden Hitze erholt, einmal kurz aufgeatmet und die Sonnenschirme abgespannt, fangen auch schon die ersten Wiesenhalme an zu zittern. Er ist wieder da: Der Grund für so viele verkühlte Rücken, die Ursache für hunderte von Windschutzvorrichtungen auf allen Terrassen entland der Schmittenstraße, der Garant für unsere kühlen Nächte: Der Schmittenwind.
Dieser stellt sich verlässlich nach Sonnenuntergang ein und fegt über die steilen Hänge der Schmittenhöhe hinab und durch das Tal hindurch. Er pfeift um jede Hausecke, durch sämtliche Ritzen unserer Kleidung; ja nicht einmal ein richtiger Pinzgauer "Jancker" vermag der schroffen Kühle des Schmittenwindes standzuhalten.

Am Ende der Schmittenstraße angekommen zeichnet er sich verantwortlich für die Terrassengestaltung der Lokale entlang der Dreifaltigkeitsgasse. Keines kommt ohne Windschutz aus, denn in der DFG kanalisiert sich seine dämonische Kühle und sorgte wohl für allerlei entzündete Nierenbecken und steife Genicke, würde man ihm nicht durch massive Glaswände Herr. Am Stadtplatz zerstreut er sich dann, pfeift weiter um die Ecken und in die Ohren der Zeller hinein. Das Säuseln der Götter, die ihnen zuraunen, dass es jetzt Zeit wird, sich die Pullover über die Rücken zu werfen. Ehrfurchtsvoll murmeln die Bewehten "Oje, da Schmittenwind!", denn sie wissen, es droht der rheumatische Infekt! Schnell leeren sie ihre Gläser und flüchten in die Lokale hinein oder gleich ganz nach Hause.

Andere wiederum, die schon seit dem späteren Nachmittag dem Spritzwein frönen, bemerken die Kälte zwar, nehmen sie aber nur zum Anlass, um humorig festzustellen, dass jetzt wohl "der Daxer das Fenster aufg'mocht" habe - bezugnehmend auf jene Familie im hinteren Schmittental, denen im Jux nachgesagt wird, sie hätten durch das Öffnen und Schließen ihrer Türen und Fenster die Gewalt über das Wesen und Wirken des Schmittenwindes. Ich kann Ihnen glaubhaft versichern, dass dem nicht so ist, und wir selbst über die unglaublichsten Windschutzanlagen verfügen bzw. die bergseitig gelegenen Aufenthaltsbereiche außerhalb unserer Häuser nach 18 Uhr ganz einfach nicht mehr nutzen; zu unwirtlich ist das Klima, das der hundsgemeine katabatische Fallwind dort verursacht. Unsere Pflanzen sterben im Sommer jeden Abend den Kältetod, nur um am nächsten Morgen lazarusgleich wieder aus der Schmittenwindstarre zu erwachen!

Als Kind kam mir dieser Wind immer sehr gelegen. Denn einer der Vorteile der Schmitten ist es, dass man als Einzelkind dort relativ gut Fußball spielen konnte. Schließlich gab es nirgendwo gerade Flächen (mit Ausnahme der Seilbahnparkplätze), und so konnte man recht gut seinen Schuss trainieren, denn der Ball rollte geduldig über den Bichl wieder zurück. Mit dem Schmittenwind eröffnete sich zudem die Möglichkeit, das Flankenschlagen zu üben. Man konnte sich, freilich in Windjacke und Haube gehüllt, hervorragend selbst den Ball zuflanken, wenn man ihn nur gegen den angreifenden Schmittenwind schoss, der ihn zuverlässig zurückblies. So musste man nicht warten, bis die Schwerkraft den Ball müde über den geneigten Hang zurückrollen ließ, und konnte das Schlagen und Annehmen von Flankenbällen gleichzeitig üben. Dass trotzdem kein großer Fußballer aus mir geworden ist, schiebe ich heute nur auf die begrenzte Trainingszeit zwischen dem Aufkommen des Schmittenwindes und der damit fast zeitgleich einsetzenden Dämmerung.

Wenn unsere Sommer wirklich immer heißer werden, ist dieser Wind ein klimatisches Juwel. Denn trotz seiner Bissigkeit, wird er doch von Einheimischen und Touristen irgendwie geschätzt. "Es ist unglaublich!", sagte mir letztens ein Gast erstaunt, "Obwohl es heute so heiß war, ist es jetzt am Abend herrlich kühl geworden. Da brauchen Sie ja gar keine Klimaanlage in den Zimmern!" Ich nicke wissend und erzähle ihm dann von der besten aber auch gefährlichsten Klimaanlage der nördlichen Alpen - dem Schmittenwind!

Montag, 7. März 2016

Der Blick aus dem Fenster

Warum ich immer wieder gerne über das Wetter schreibe - ich weiß es nicht. Wahrscheinlich weil ich auch jeden Tag danach gefragt werde, und deswegen jeden Tag vor lauter Angst, keine Auskunft geben zu können, eine Wetter-App checke, um dann brav sagen zu können: "Heute wird es schön!" oder eben "heute bleibt es schlecht!". Jetzt ist die Sache die, dass es nur ein Wetter gibt, aber zahlreiche Wetter-Apps, die allesamt ein anderes Wetter versprechen. Darum gibt es auch Urlauber, die während Ihres Aufenthalts mehrere Wetter-Apps konsultieren, denn die Erfahrung zeigt, dass immer mindestens eine dabei ist, die jenes Wetter anzeigt, das sich der User erhofft.

So kann es natürlich vorkommen, dass meinem "morgen wird es schlecht" ein "auf meiner App steht aber Sonne!" entgegnet wird, wogegen ich wiederum nichts anderes sagen kann als: "Ja, naja, der Wetterbericht irrt sich ja ständig. Vielleicht ist es Ihrer, vielleicht ist es meiner, aber einer irrt sich bestimmt, weil es gibt ja immer nur ein Wetter!" Meistens empfehle ich den Gästen, die Tagesplanung nicht von jenem Wetter abhängig zu machen, das die App anzeigt (oder vielmehr vorschlägt), sondern lieber auf den nächsten Tag zu verschieben. "Es empfiehlt sich", sage ich dann immer, "in der Früh aus dem Fenster zu schauen", und komme mir dabei wahnsinnig blöd und besserwisserisch zugleich vor, "und dann zu entscheiden, was man mit dem Tag anfängt." Natürlich ist mir klar, dass das belehrend klingt, quasi wie ein Vater, der sich darüber mokiert, dass die Kinder lieber auf den Smartphone-Bildschirm schauen als in das wirkliche Leben hinaus. Deswegen schicke ich meinem Tipp hinterher, dass jedoch selbst der Blick aus dem Fenster mit Vorsicht zu genießen sei, weil es oft vorkomme, dass vor dem Fenster der Nebel hänge, dieser aber schon 100 Höhenmeter weiter oben sich vollkommen aufgelöst habe, und deswegen der einzig wahre Blick weder der auf das Smartphone noch der aus dem Fenster sei, sondern einzig und allein jener in den Fernseher: Dort läuft nämlich der Panoramakanal, und der zeigt, wie das Wetter wirklich ist!

"Ist denn das live?", werde ich dann ungläubig gefragt, wenn der Blick aus dem Fenster mit dem Blick in den Fernseher so gar nicht kongruent sein will, weil es oben sonnig, vor dem Fenster aber neblig ist. Schwierig wird es, wenn der Gast zu protestieren beginnt: "Auf meinem Handy steht aber, dass es heute bewölkt ist!" Da heißt es diplomatisch sein, und deshalb antworte ich in so einem Fall gerne, dass es dann sicherlich am Nachmittag schrecklich bewölkt sein werde, es nun aber, wie der Blick in den Fernseher bestätige, das "schönste Wetter" habe. Manchmal sage ich auch "Kaiserwetter" dazu, der Habsburger-Nostalgie halber, was die Wirkung verstärkt, denn niemand möchte bei "schönstem Wetter" oder eben bei "Kaiserwetter" im Haus sitzen bleiben und auf ein Smartphone starren, bis sich dort endlich die Sonne zeigt.

Jetzt kann man viel darüber philosophieren, dass die Welt unübersichtlich geworden ist und die Wetter-Apps dafür Pate stehen. Dass sich der Mensch von der Natur entfremdet und sich der Technik unterworfen hat und deswegen hilf- und orientierungslos im Strudel der Moderne (der nachmodernen Postmoderne!) wild rudernd unterzugehen droht. Mir liegt aber mehr daran, jene Menschen älteren Semesters in Schutz zu nehmen, die gerne bloß dasitzen, aus dem Fenster schauen und das Wetter beobachten und dieses dann knurrend oder seufzend kommentieren. Jene Menschen, die immer nur sagen "sche is" oder "schiach is", und für die es kein dazwischen gibt und die sich nicht auf waghalsige Prognosen einlassen. Die dem Irrsinn widerstehen, alles genau wissen zu müssen und möglichst auch noch den nächsten Tag und die nächste Woche und den nächsten Monat vorhersagen zu wollen. Menschen, die sagen, was der Fall ist. Die sind dann doch besser als jede App.


Freitag, 11. Dezember 2015

Vorweihnachtliches Potpourri

Als Kind kam mir das Märchen von der Frau Holle immer extrem plausibel vor. Was konnten diese dicken, zur Erde niedertanzenden Flocken anderes sein als quasi die Federn von der Frau Holle ihrer Tuchent? Leider hat die Geschichte von der Frau Holle schon lang das Zeitliche gesegnet. Nicht nur, weil die Vorstellung einer die Betten ausschüttelnden und im Himmel wohnenden Übermutter nicht mehr zeitgemäß ist und gendermäßig geradezu frivol erscheint. Vor allem, weil man im Dezember immer öfter aus dem Fenster schaut und meint, den Frühling hereingrinsen zu sehen, dessen Fratze zwischen regnerisch kühl und wohlig warm changiert und so ihre unzeitgemäße Bedrohlichkeit dem auf den Winter wartenden Erdenbürger Flüche gen Himmel schicken lässt.

Wie gut aber, dass heutzutage der Schibetrieb sichergestellt ist und die Gäste schon vor Weihnachten österliches Wetter genießen können. Frau Holle hat ausgedient - der Diplomingenieur Holle hat jetzt das Sagen! Dem Herrn Dipl.Ing. ist der Klimawandel nämlich wurscht, weil er kann auch bei Plusgraden Schnee produzieren! Vielleicht lässt er sich bald etwas einfallen, damit der bei Plusgraden erzeugte Schnee dann auch liegen bleibt, und überhaupt: Winter findet in den Köpfen der Menschen (vor allem der Skiliftbetreiber) statt!

Der der Winterschwindsucht verfallene Erdenbürger sucht indes Trost in Punsch und Glühwein, die man bei mildem Wetter auch lauwarm akzeptiert. Kuschelig steht man kurzärmelig am Weihnachtsmarkt und macht sich gegenseitig die Herzen auf, indem man Gruselgeschichten von Flüchtlingen und "Wintermärkten", die nicht mehr Weinachtsmärkte heißen dürfen, erzählt. Hat man auf Facebook gesehen! Früher, als es im Winter noch kalt war, und man schon Anfang Jänner im See einbrechen konnte, stand sowas wenigstens noch in der Kronen Zeitung! Ja, früher war alles anders: Da gab es winters noch einen Schnee und die Nachrichten hat man gelesen und nicht nur im Drüberscrollen gesehen.

Dann gibt es noch die, welche die stillste Zeit im Jahr nicht mit Weihnachtsstress verwechselt haben wollen, und ihre Freunde und Bekannten mahnen, nur ja in lokalen Geschäften zu kaufen, denn das Internet ist böse und das Christkind kauft auch nur im schlecht sortierten Einzelhandel. Am besten ist überhaupt, man bastelt selber was, auch wenn man dann die enttäuschten Gesichter der Familienmitglieder am Weinachtsabend aushalten muss. Wo man das Bastelzeug kauft, ist aber weiterhin Gewissensfrage und im Zweifelsfall kann man ja immer noch am Samstag Nachmittag nach Salzburg in den Europark fahren (not!).

Also: Lieber zu Hause bleiben, durch das Fenster aus dem überheizten Haus auf die grüne Wiese starren und ab und zu jemanden anrufen und sich mit ihm darüber streiten, was denn nun das einzig wahre Weihnachtsessen sei. Wir Pinzgauer, die mit Bachlkoch und Würstelsuppe antreten, werden da meist belächelt. Aber das Geringe als das eigentlich Überlegene ansehen: Das war schon immer unsere Stärke!

Frohe Weihnachten

Dienstag, 14. Januar 2014

Der Bienenmann

Mit dem Bienenmann verhält es sich so: Was er sagt, passiert. Nicht, weil alle daran glauben, dass es passiert. Die Dinge, die um uns geschehen, geschehen einfach - ganz egal, was wir davon halten. Beim Bienenmann ist das anders: Es geschieht, weil er es sagt. Ganz egal, was er davon hält. Nun tätigt der Bienenmann gottlob keine Aussagen über alles, was in der Welt passiert. Würde er es tun, geschähe es freilich. Nur wer wollte das schon? Niemand - und am wenigsten er selbst.

Wichtig ist nur das Wetter, denn das kann er bestimmen. Die meisten Menschen interessieren sich ja auch für wenig Anderes. Es ist auch nicht so, dass er das Wetter machen würde. Er sagt bloß, wie es wird, und das Wetter hält sich daran. Ein stilles Abkommen scheint zwischen dem Bienenmann und dem Wetter zu bestehen.

Der Mensch will vieles wissen. Am meisten interessiert ihn aber, wie das Wetter wird. Also fragt er den Bienenmann, vor allem zwei Mal im Jahr. Einmal nach dem Winter; und einmal nach dem Sommer. "Wie wird der Sommer?" oder "Wie wird der Winter?". Im Sommer will der Mensch Sonne, aber es soll auch nicht zu lange trocken bleiben. Im Winter will der Mensch Schnee, aber eben auch Sonne, um diesen genießen zu können. Für Menschen in Tourismusgebieten ist der Schnee im Winter also besonders wichtig. "Wann kommt der Schnee?", fragen sie deshalb den Bienenmann, oder: "Wie viel Schnee bekommen wir heuer?". Und der Bienenmann sagt es dann. Er sagt zum Beispiel: "Ende November kommt viel Schnee. Danach wird es warm. Im Jänner gibt's dann wieder Neuschnee." Und das Wetter wird dann so. Zunächst zumindest.

Nach einem Monat Winter fragen die Menschen wieder: "Wann kommt der Schnee?", und der Bienenmann muss ihn wieder verheißen. "Jetzt noch nicht. Ende Jänner oder Anfang Februar", vertröstet er die Menschen. Er sagt, er habe das von den Bienen gehört oder aus dem Misthaufen herausgelesen, außerdem habe er jahrzehntelang Aufzeichnungen geführt. So gibt der Bienenmann dem Wetter auch eine statistisch gute Chance, so zu werden, wie es immer schon war: Kalt im Winter, warm im Sommer. Mal mehr Schnee oder Regen, mal weniger. Aber Schnee oder Regen kommt immer! Entweder am Ende des einen, oder am Anfang eines anderen Monats. Oder zwischendrin, einfach so.

Werden die Fragen dringlicher, wehrt der Bienenmann ab: Er könne es ja auch nicht ganz genau sagen, schließlich sei er nicht der liebe Gott. Obwohl es natürlich schon oft so aussieht, als wäre er genau das: der liebe Gott. "Fürchtet euch nicht", spricht er dann, eine Biene streichelnd, "bald einmal kommt der Schnee!" Und die Menschen erzittern unter den Worten des Bienenmannes, weil sie nun wissen: Bald einmal schneit es. "Kommt viel Schnee?", fragen sie weiter. "Nein, generell eher wenig, stellenweise aber ganz ordentlich!", sagt der Bienenmann dann, weil sein Misthaufen hat es ihm geflüstert und die Bienen haben es ihm gesummt. Damit gibt er dem Wetter wieder die Chance, auf dem Berg "ganz ordentlich" Schnee abzulagern, in sonnigen Tälern hingegen "eher wenig" liegen zu lassen.

"Sprich, Bienenmann!", fordern die Menschen, "wie wird der Sommer?" - "Vor dem Sommer kommt das Frühjahr, und das wird regenreich, dann wird es warm, und im Sommer heiß! Aber auch viel Regen - oder wenig. Und nach dem Sommer kommt ein schöner Herbst." "Oh", sagen dann die Menschen, "gut!", und verbreiten die Kunde, dass das Wetter wieder so werde, wie es der Bienenmann gesagt habe. Und sollte es im Februar immer noch zu wenig Schnee haben, so hoffen sie inständig darauf, dass der Bienenmann sein heilig Wort sprechen möge und sage: "Es kommt Schnee!" Und sie hoffen, dass das Wetter selbigen dann auch bringe, sich also wieder an die Worte des Bienenmannes halte, das stille Abkommen einlösend, welches er mit dem Wetter hat. Oh, Zauber der Natur! Oh, Weisheit des Misthaufens! Mach, lieber Bienenmann, dass es schneie!

Montag, 13. Mai 2013

Die Eisheiligen

In meiner Kemenate ist es saukalt. Ich sitze im unbeheizten Teil des Hauses, unter mir die kalte Garage, ober mir ein weiteres kaltes Zimmer, zwei Außenwände mit großzügigen Fenstern lassen mich auf das gräuliche Grün des Waldes blicken, bibbernd reite ich auf dem alten Bürostuhl; dabei habe ich mir schon meinen Winterpullover angezogen. Wir schreiben den 13. Mai, Sankt Servatius hält uns fest im Griff. Auf den Bergen liegt (wieder) Schnee, der Niederschlag dauert den ganzen Tag an und wechselt zwischen Niesel- und Platzregen. Wie zum Hohn zeigt sich hie und da ein blaues Fleckchen am Himmel, aber das ist nur Andeutung, ein meteorologischer Mummenschanz, eine - so würde es der Bundesdeutsche nennen - Verhohnepiepung des frühlingsgereiften Innergebirglers, der gerade noch die Hoffnung hegte, bald die Sommerlatschen hervorholen zu können, ja vielleicht sogar schon Teile der "Übergangsgarderobe" einsommern zu können. Nichts da - zu den drei Eisheiligen wird gefroren!

Es heißt: "Servaz muss vorüber sein, will man vor Nachtfrost sicher sein!" (Oder vor Frost überhaupt!) Besser passt da schon, wenn auch rhythmisch nicht ganz so elegant: "Pankraz und Servaz sind zwei böse Brüder. Was der Frühling gebracht, zerstören sie wieder." Dabei kommt morgen erst der Bonifaz und übermorgen der Bavaria Blu bzw. die kalte Sophie. "Die kalte Sophie macht alles hie", heißts recht apokalyptisch im bayerischen Raum. Das mag vielleicht übertrieben sein, aber immerhin übertreiben es die Eisheiligen auch gehörig. Welcher Bauer mag in seinen Regeln da schon Nachsicht walten lassen? Immerhin hat man genug damit zu tun, sich in diesen Tagen auf Ofenbänke zu legen und mit Katzen zuzudecken während man durchs Fenster den Pflanzen dabei zusieht, wie sie ob der Kälte erstaunt eingehen. Traurig, diese paar Tage im Mai, denen zum düstersten November nur die abgefallenen Blätter und die Allerheiligenromantik fehlen. Man fragt sich schon, wo da das Heilige wirkt und werkt, wenn es an diesen Tagen immer so bitterkalt ist. Man muss sich Petrus als einen humorlosen Menschen vorstellen. Mamertius, Pankratius, Bonifatius, Servatius und die Sophie übrigens auch.

Montag, 25. März 2013

Vom Märzenkalb

Jetzt ist es schon soweit: Auf derstandard.at wurde ein "Frostfrustforum" eingerichtet, wo sich die User den Frust über das kalte Wetter im März von der Seele schreiben sollen. Freilich, es ist kalt in diesen Tagen. Allerorts hört man die Leute höhnisch fragen: "Und dann heißt es Klimaerwärmung, bahaha!" Dann ziehen sie bibbernd von dannen, während sie nicht einmal bemerken, dass sie schon ihre Frühlingsgarderobe ausführen.

Es ist kalt, und darf man den Meteorologen glauben, war es um diese Zeit noch nie so kalt. "Seit Beginn der Aufzeichnungen", lautet der gewohnte Zusatz. Das hört man in letzter Zeit öfter. Wärmster Jänner ever, kältester März überhaupt, die allerverregnetsten Weihnachten seit Menschengedenken - das Wetter ergötzt sich an Superlativen und liefert uns damit Gesprächsstoff und vor allem Lamentiermaterial ohne Ende.

März, das ist einer der "Monate mit r", in denen man damit rechnen muss, eine Schicht mehr anzuziehen. Das Märzenkalb schläft nicht! "Pass auf, dass di as Mäaznkeiwi nit beißt!", heißt ein gut gemeinter Rat in Bayern. Damit ist gemeint, dass man sich ob der teils verlockend warmen Temperaturen nicht dazu hinreißen lassen soll, sich nachlässig anzuziehen. Denn überall weht der bekannte "saukalte Wind", und wehe, die Sonne versteckt sich kurz mal hinter einer Wolke, denn: "im Schatten ist es saukalt!". Aber das war ja im März immer schon so.

Ruhig Blut also! Der Frust über den Frost ist übertrieben, und wenn ich mich richtig erinnere, war es letztes Jahr zu Ostern auch saukalt. Und da war Ostern später. Die paar kalten Tage werden wir auch noch aushalten. Vielleicht sind wir nur verwöhnt von den letzten Wochen. Man hörte von Temperaturen von 18 oder gar 20 Grad (wärmster Märzbeginn ever?). Und jetzt fühlen wir uns vom Wetter ungerecht behandelt? Das Märzenkalb soll euch beißen!

Montag, 16. April 2012

Zeller Weisheit

"Wonns schütt und schneibb und d'Sunn scheit z'gleich, nochand is entweda Aprüh, oda da Heagoud houd hoid amoi an Vogl!"

Donnerstag, 12. April 2012

Zeller Weisheit

"Z'Ostan moggst Easchtkasei brockn geh, wonnst a recht a waxa Hund bist und da nix scheißt! Owa loss di jo nid dawischn!"

Montag, 5. März 2012

Frühlingsmilde

Eine viel zu frühe Februarfliege hat sich auf dem Biertisch vor mir niedergelassen. Eigentlich kann ich gar nicht sagen, ob sie sich tatsächlich niedergelassen hat, oder ob sie nicht einfach wie aus dem Nichts von irgendwoher heran gekrabbelt war. Müde schleppt sie sich auf ihren noch wackeligen Fliegenbeinen über das dottergelbe Holz. Es wäre ein Leichtes, sie zu erschlagen, einzufangen, weg zu schnippen – aber ihr Kampf mit ihrem noch müden Körper scheint mir schon genug der Strafe zu sein, die jedes Fliegendasein von vornherein verdient hat. Kalt muss sie sich anfühlen, denke ich mir und beobachte, wie die Fliege mit ihrem Rüssel das lackierte Holz tastend absaugt. Völlig von jener Hektik verlassen, welche Fliegen ansonsten ständig ruckartig krabbeln, nervös auffliegen und sich wieder niederlassen lässt, sucht sie, wonach Fliegen eben so suchen: klebriges Zeug, das Menschen achtlos und unwissend auf Biertischen zurück lassen. Ihr Nektar, unser Schmutz. Was sie gierig aufsaugt, sind wir ständig bemüht wegzuwischen.

Träge schmatzt der Rüssel in die Ritzen des Holzes hinein. Das Langsame lässt die Fliege dümmlich wirken. Ein Anblick, der, an anderen Tieren beobachtet, bei mir Mitgefühl auslösen mag, nehme ich bei dieser Fliege gänzlich ohne Bewegung des Gemüts zur Kenntnis. Mein Interesse gilt ihren verzweckten Bewegungen; normalerweise bewegen sich Fliegen nämlich bar jeder Ästhetik. Wo sich, dem menschlichen Ermessen nach, bei anderen Insekten noch Eleganz, Grazie oder Anmut in Bewegungen oder Aussehen nachweisen (oder zumindest vorstellen) lassen, haftet der Fliege eine kalte, trockene Mechanik an. Schon ihr Fluggeräusch erinnert an kleine Motoren. Die hochfrequenten Bewegungen von Flügeln, Beinen und Rüssel sind überhaupt charakterlos.

Ganz anders erscheint mir diese gerade erst aufgetaute Februarfliege. Ein Anflug von Persönlichkeit zeichnet ihre verlangsamten Bewegungen. So, wie wenn ein batteriebetriebenes Kinderspielzeug allmählich seinen Geist aufgibt und den Kinderaugen den Eindruck vermittelt, als stürbe es gerade. Vielleicht wünscht sich die Fliege in diesem Moment, erst ein paar Tage später aufgetaut worden zu sein. Die Sonne scheint zu stark für den geschwächten Fliegenkörper, macht sie zusätzlich müde und zehrt an ihren ohnehin geringen Ressourcen. Was sie gerade noch von den Toten erweckt hat, scheint sie im nächsten Augenblick schon wieder zurück ins Grab schicken zu wollen.

Endlich findet die Fliege die Hinterlassenschaft meines Getränkeglases: einen zuckrigen Ring sonnengetrockneter Limonade. Schwach saugt der Rüssel an den Überresten, die Fliege hat anfangs noch Mühe, den Rüssel von der klebrigen Limonade zu lösen. Nach ein paar Versuchen klappt es schon besser, fast saugt der Rüssel schon mit gewohnter Eile. Die Fliege arbeitet sich den kreisrunden Abdruck entlang, lässt kurzzeitig wieder von ihrem Mahl ab, krabbelt schon wesentlich flinker, aber ziellos auf dem Biertisch umher und kehrt schließlich wieder zur Limonade zurück wie ein Hund, der nicht von seinem Knochen lassen will. (Oder wie ein junger Liebhaber, der nicht von seinem Mädchen lassen kann...)

Ich wehre mich gegen den gewohnten Drang, die Fliege verscheuchen zu wollen oder sie gar zu erschlagen. Vielleicht verzückt mich ihr Kampf um's Überleben so sehr, vielleicht vertraue ich darauf, dass sie die drohende kalte Nacht nicht überleben wird. Vielleicht aber lasse ich Gnade walten, weil mich die Frühlingssonne milde stimmt und selbst der kalte Fliegentöterinstinkt in mir in diesen Tagen dem Wunsch, das blühende Leben zu erblicken, unterliegt. „Warte nur!“, drohe ich der Fliege in Gedanken, „In den Sommermonaten wird es mit der Frühlingsmilde vorbei sein und ich erschlage euch wieder in Dutzenden!“ Die Fliege brummt wie zur Antwort. Sie startet ihre Flügel und fliegt auf meine Hand, verharrt dort aber nur kurz und ist gleich darauf verschwunden – in gewohnt hektischer Fliegenmanier.

Dienstag, 28. Februar 2012

Schaltjahrsübel

Der Februar ist nicht nur der kürzeste Monat, sondern vielleicht auch der grausigste. Obwohl ich mir selber jedes Jahr unsicher bin, ob der Februar oder der März der grausigere ist. Oder ob, am anderen Ende des Jahres, der fürchterliche November den beiden den Rang abläuft. Aber vermutlich ist immer der Monat, der gerade da ist, den man momentan sozusagen „live“ erlebt, der schlimmste, schönste etc. Warum man allerdings in Schaltjahren ausgerechnet dem unsäglichen Februar einen Tag mehr vergönnt, verstehe ich auch nur aus Gründen der Zahlenharmonie.

Der heurige Februar meinte es nicht gut mit uns. Zuerst bescherte er uns eine unglaubliche Kälte, irgendwann mittendrin glaubte er, dass er uns mit weiterem Schnee noch irgendeine Freude machen könnte und mittlerweile zeigt er sich von seiner gewohnt dreckig-nassen Seite. Dazwischen war Fasching – ein Übel an sich.

Freilich könnte man sich am ersten Vogelgezwitscher erfreuen, an den schon warmen Sonnenstrahlen, dass es jetzt schon spürbar länger hell ist, man also generell das Gefühl hat, dass die kalte Jahreszeit sich dem Ende zuneigt. Aber dann sehe ich die Februarschifahrer vor mir, wie sie sich mühsam und betrunken durch den schlatzigen Schnee schieben, wie sie in ihren Schischuhen auf den dreckigen und verkiesten Gehsteigen herumstolpern und ich höre das Geräusch dazu, das die schweren Schischuhe und die nachgezogenen Stöcke dabei machen! Ein kratziges, geschlurftes Klacken zusammen mit einem hellen, darüber schwebenden, konstanten, mechanisch schleifenden Scheppern; das Ganze in einem Rhythmus, der dem unbegabtesten aller Jazzschlagzeuger nicht passieren könnte. Der Schnee, der diese grauenhaften Geräusche dämpfen könnte, ist schon längst geschmolzen und so werden die Ohren des Passanten, die gerade noch das besagte erste Vogelgezwitscher vernommen haben, vom ungeheuerlichsten akustischen Irrsinn malträtiert, den das ganzjahrige Soundpanorama eines Skiorts für schlechter Verdienende zu bieten hat.

Dazu kommt die ständige Gefahr, der man durch Schispitzen ausgesetzt ist, die einem nach dem Leben trachten. Wie wehrhafte Reptilien, die es zu zähmen gilt, tragen die Skifahrer ihre Schi und Stöcke auf ihren Armen. Nach allen Seiten hin stehen die Kanten und Spitzen weg und die Gehsteige sind nur so breit wie sie sind und im Februar sowieso enger als sonst („Vorsicht Dachlawine!“ Gerne würde ich manchmal ein Komma zwischen die Wörter setzen, um so die Dachlawinen vor den unter ihnen vorbeitorkelnden Schifahrern zu warnen). Ständig muss man sich ducken, den Kopf nach links und rechts hin weg recken, um nicht von diesen Schiern und Stöcken gebissen zu werden. Ja, die Krankenhäuser sind nicht nur voller Gipspatienten, immer öfter müssen dort auch Schürf-, Kratz- und Stichverletzungen behandelt werden. Die Wintersaison fordert ihre Opfer!

Zwar ist uns der See im Februar schön zugefroren, doch darf man nicht vergessen, dass das Im-Eis-Einbrechen das Sinnbild für den Februar schlechthin ist: Der plötzliche Übergang vom lebensweltlichen Genuss in das existenzielle Unwohlsein bezeugt die erschütternde Wirkung, die so ein Februar haben kann. Gerade noch im Winterzauberland, jetzt auf einmal im dreckig-schlatzigen Elendstal. Letztlich ist es die Vergänglichkeit, die uns der Februar vor Augen hält und nicht der Neuanfang, den dann erst der März verspricht. Der Feber (ich bevorzuge die kürzere Variante, damit ich das Wort schneller hinter mich gebracht habe – und überhaupt: Warum so ein langer Name für einen so kurzen Monat?) ist der Tod des Winters und das kann niemanden freuen. Die Winterliebhaber nicht, weil sich hier der Winter von seiner grauslichsten Seite zeigt. Die Sommerliebhaber auch nicht, weil es bis dahin noch ein langer Weg ist. Der österreichische Trost, dass es „jetzt dann schnell geht“, will uns die Zeit des Jetzt vergessen machen und ist für Leute geeignet, die auch nicht schnell genug im Eis einbrechen können.

In Schaltjahren also verlängert sich das Feber-Übel um einen Tag, anstatt dass man lieber einen Tag länger Juni macht und wir so drei lange 31-tägige Sommermonate hintereinander hätten. Oder von mir aus auch einen Tag länger April, das ist doch so ein lustiger Monat mit den Scherzen und dem lustigen Wetter usw. Oder dem Dezember 32 Tage geben, damit man entweder zwei mal Silvester feiern kann (oder drei mal mit Bauernsilvester), oder endlich einmal nüchtern in ein neues Jahr starten kann. Stattdessen ein Februar mit 29 grausamen Tagen! Ein Tag mehr Zeit zum Im-Eis-Einbrechen!

Montag, 9. Januar 2012

Der Schneefried

„Pinzgau von Außenwelt abgeschnitten“ hieß es heute, weil kurzfristig alle Verbindungen zum Rest der Welt unterbrochen waren. Eigentlich ein meditativer Zustand, dieses Abgeschnitten-Sein, wenn da nicht die vielen Russen, Ukrainer und Rumänen wären, die auf den Straßen Radau machen, weil sie sogar mit ihren panzerähnlichen Fahrzeugen der Schneemassen nicht Herr werden können. Vom Rest der Welt abgeschnitten, und zwar durch eine Naturgewalt und ihre Auswirkungen, das ist der eigentliche Freiheitsbegriff eines Innergebirglers. Der autochthone Freistaat Pinzgau hat heute für ein paar Stunden gelebt und die klammheimliche Freude darüber zeigte sich auf den Gesichtern der urigsten Ureinwohner ganz deutlich. Dass die Verbindung nach Tirol am schnellsten wiederhergestellt war, wurde hingenommen, denn schließlich ist ja Tirol vom Rest der Welt sowieso abgeschnitten – wenn schon nicht wegen des vielen Schnees, so doch zumindest in den Köpfen der Leute.

„Seids eing'schneit?“ wurden wir dauernd gefragt und stolz haben wir „Jawohl!“ geantwortet. Der Schnee hat schließlich nicht uns gebrochen, sondern nur ein paar schwache Bäume irgendwo zwischen Lend und Taxenbach. Bäume also, die es ohnehin nicht wert waren, unsere Pinzgauer Straßen zu säumen. Und deswegen werden die jetzt konsequenterweise umgesägt und verheizt. Aber erst nächstes Jahr, denn heuer ist es noch nicht kalt genug und so schnell wird uns heuer auch nicht kalt werden! Und wir zersägen sie langsam und gemächlich, denn je länger die Straßen gesperrt sind, desto besser. Weil, so hört man es auf den Straßen, dann wenigstens keine „depperten Deitschn“ mehr reinkommen können.
Aber Vorsicht, gerade diese Deutschen kommen nur allzu gern über Lofer, weil sie sich damit Zeit und Vignette sparen! Kein Problem, so sperren wir eben Lofer auch, dort hat es ohnehin schon zu viel Schnee, da kommt bestimmt bald mal eine Lawine herunter. Die sprengen wir weg – gemütlich und ohne Hast.




Herrliche Abgeschiedenheit, bleib uns noch lange erhalten! – Oder zumindest bis zum Freitag, denn am Samstag ist ja wieder An- und Abreise und dann sind wir wieder froh, wenn die alten Gäste weg sind und wir uns auf die neuen „freuen“ können. Inzwischen bleiben wir in unserer Innergebirgsfestung und schauen grimmig vom Berg ins Tal hinunter und in den Fernseher hinein, wo wir uns selbst sehen und wo die Wiener von einem „Schneechaos“ sprechen, ein Schneechaos, das wir selbst lieber „die höchste Ordnung aller Dinge“ nennen. Der Herrgott hat uns endlich das gegeben, was wir eigentlich schon immer wollten: den Schneefried in Form eines von der Außenwelt (was ist das eigentlich, die Welt da draußen?) abgeschnittenen Pinzgaus. Wir setzen uns Zipfelmützen auf, trinken Jagatee und harren der Dinge.

Sonntag, 20. November 2011

Dienstag, 15. November 2011

Herbstobst und Heine

Im traurigen Monat November war’s
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber. 

Das schrieb Heinrich Heine irgendwann einmal in Paris. Es ist der Beginn zu seinem sehr langen Gedicht Deutschland. Ein Wintermärchen. Warum Heine ausgerechnet im November nach Deutschland reisen wollte bzw. wie er darauf kam, dass irgendwer im November größere Reiselust verspüren und sich dann als Destination ausgerechnet Deutschland aussuchen würde, bleibt rätselhaft. Im November reist man nicht, und wenn, dann in wärmere Gefilde, wo auch die Tage nicht so trübe sind und es Bäume gibt, von denen höchstens Pinienzapfen oder Kokosnüsse fallen.

Wir machen es uns im traurigen Monat gerne daheim gemütlich. Besser gesagt: Wir versuchen es uns so gemütlich wie möglich zu machen, und das im Drinnen, weil das Draußen uns von Tag zu Tag unwirtlicher wird. Obwohl das heuer auch nicht ganz richtig ist. Der diesjährige November verhöhnt uns mit Sonnenschein bis zu den Mittagsstunden, um dann schon am frühen Nachmittag dämmrig zu werden. Wir flüchten alsdann in schummrig beleuchtete Kaffeehäuser, in die bereits geöffneten Glühweinschenken oder bleiben zu Hause und blicken traurig aus unseren Fenstern, in die wir verzweifelt Aromakerzen stellen oder depressives Herbstobst legen.

Zu Mittag aber sieht man noch viele Menschen im Stadtpark mehr oder weniger fröhlich ihre Herbstspaziergänge erledigen. Studenten machen Fotos von den am Boden liegenden Blättern des Ginkgo-Baums, weil die so schön gelb sind. Andere stellen sich in einen Laubhaufen, werfen Blätter in die Höhe und lachen, wenn ihnen das Laub auf Kopf und Mantel fällt. Sie hoffen, dasselbe in zwei Monaten mit Schnee machen zu können. Auch davon wird es wieder Fotos geben. Es werden die selben wie letztes Jahr sein. Herbst 2010, Herbst 2011, Herbst 2012...

Der Rest ist Traurigkeit. Schon zu Beginn des Novembers gedenkt man der Verstorbenen, steht andächtig und ob der manchmal noch warmen Temperaturen schwitzend am Friedhof. Es will doch der neue Herbstmantel ausgeführt werden, auch wenn es tagsüber noch 20 Grad hat. Die Tage aber werden trüber, die Gedanken auch. Also stürzt man sich in die Arbeit oder liest die erbaulichen Werke des diesjährigen Bücherherbstes.

Bald schon, wenn die Adventszeit beginnt, werden die düsteren Gedanken aber von den vielen Lichtern und der Weihnachtsmusik verscheucht. Da beginnt wieder unser aller liebster „Stress“ im Jahr und wir haben ohnehin keine Zeit mehr, um Trübsal zu blasen. Ich frage mich, was die Menschen früher gemacht haben. Es muss eine furchtbare Zeit gewesen sein, die Monate zwischen November und Februar. Deswegen hat man wohl auch alles mit religiösen Ritualen voll gestopft – einerseits aus Angst, den Winter nicht zu überleben, andererseits, um die bösen Geister zu vertreiben.

Heutzutage rettet man sich mit Glühwein- und Kaufrausch sowie mit allerlei Absonderlichkeiten wie Kekse backen oder Betriebs-Weihnachtsfeiern ins neue Jahr. Jeder, der diese Zeit noch „besinnlich“ nennt, ist sich der Ironie seiner Rede bewusst. Manch einer nennt es auch „berinnlich“ und kichert dabei blöde, obwohl die Wahrheit, die in diesem Kalauer steckt, die bitterste ist. Die Weihnachtszeit ist überhaupt nicht besinnlich; auch nicht die Vorweihnachtszeit. Wenn, dann ist es die Zeit vor der Vorweihnachtszeit: der traurige Monat November nämlich. In dem ist der Mensch ganz auf sich selbst „zurückgeworfen“, wie es dem größten Existenzialisten das reinste Vergnügen wäre.

Die Verzweiflung darüber, mit sich selbst nichts anfangen zu können bzw. die Ratslosigkeit dem eigenen Dasein gegenüber ist der Nullpunkt der menschlichen Erfahrung. Und diesen Nullpunkt erreichen wir immer so in der Mitte des Novembers, weswegen uns der Vorweihnachtsfirlefanz sehr gelegen kommt. Auch, wenn wir es nicht gerne zugeben. Also können die Glühweinstände gar nicht früh genug aufsperren, die Nikoläuse am besten schon ab Oktober wie die reinsten Ölgötzen in den Lebensmittelgeschäften stehen und die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen ist uns zwar energieökonomisch verdächtig, kommt uns aber gerade recht, wenn wir bereits um drei Uhr Nachmittag auf ansonsten dunklen Straßen herumschlurfen müssen.

Sollten wir in diesen Tagen auf die Idee kommen, eine Reise zu machen, wir würden bestimmt nicht nach Deutschland fahren wollen, wie es dieser Heine anscheinend einst getan hat. Und wenn, dann besuchen wir den Nürnberger oder den Augsburger Christkindlmarkt. Auf jeden Fall einen Christkindlmarkt in einer mittelalterlichen Stadt, wo es guten Lebkuchen und ansonsten die gleichen Punschstände und ein ähnliches Weihnachtsbrimborium wie auch bei uns gibt. Obwohl wir dann eigentlich auch gleich daheim bleiben könnten... Am Fenster. Mit Duftkerze und Herbstobst.

Dienstag, 11. Oktober 2011

Über das Wetter

"Komisch warm" sei es heute gewesen, so die Leute. Ich kann da nur zustimmen, wenn mir auch im Bezug auf das Wetter der Humor immer ein wenig unterbeleuchtet vorkommt. Überhaupt kennen die Leute beim Wetter wenig Spaß. Wollte einer einmal das allgemeine Phänomen der Unzufriedenheit erklären, er müsste untersuchen, ob sein Ursprung nicht im Wetter - besser gesagt im Reden über das Wetter - zu finden ist.

Freud und Leid hängen ja immer sehr eng mit dem zusammen, was eintrifft, vor der Folie dessen, was man sich erwartet hat. Bei meteorologischen Phänomenen kommt hinzu, dass die bescheidene Prognostizierbarkeit uns das Gefühl gibt, das Wetter missverhalte sich, wenn es nicht so wird wie vorhergesagt. Das ist dann ein "blödes Wetter", eines nämlich, das man nicht einschätzen kann. Über ein solches regt man sich auf, denn es macht einem die Kleidungswahl oder die Entscheidung, ob man einen Schirm mitnehmen soll oder nicht, schwer - im extremen Fall unmöglich. (Dass es kein schlechtes Wetter gebe, sondern nur schlechte Kleidung, das ist eine allzu deutsche Weisheit, deren praktische Unbrauchbarkeit bei aller schlaumeierischer, nach außen getragener Breitbrüstigkeit wir in solchen Situationen gleich erkennen.)

Wir mögen es auch nicht sonderlich, wenn sich das Wetter nicht entscheiden kann. Wenn es uns früh morgens noch Sonnenschein verspricht, es sich dann zu Mittag anders überlegt und uns einen fröhlichen Platzregen beschert, nur um danach wieder Hoffnungen zu wecken, dass es "doch noch besser" werde. Dann aber keimt Wind auf und es bleibt bedeckt, vielleicht regnet es noch ein, zwei Mal. Hach, das regt einen auf!

Gerne machen wir uns die Vorstellung von einem saisonalen Wetterverlauf, demgemäß es im Winter kalt und im Sommer gefälligst warm zu sein hat. Die Übergangsperioden dazwischen nehmen wir einfach so hin, manchen Phänomenen geben wir eigene Namen. "Aprilwetter" zum Beispiel (aber wehe, wenn das schon im März eintritt oder gar erst im Mai!) oder "Altweibersommer". Gibt es dann Schnee im Juli oder fängt selbiger im Februar schon an zu schmelzen, dann "spielt das Wetter verrückt". Gott sei Dank gibt es jetzt den Klimawandel, der uns einander apokalyptisch zunickend sagen lässt "Jaja, die Zeiten ändern sich!"

Warum aber war es heute "komisch warm"? Es hatte doch vor etwas weniger als einer Woche noch ein äußerst warmes Herbstwetter, mit welchem verglichen es heute wahrscheinlich "etwas kühler" gewesen wäre. Nur war da der Kälteeinbruch, ein Temperatursturz von mehreren Graden Celsius, der uns hoffen machte, dass nun der Herbst richtig beginne. Dass die "kalte Jahreszeit" anbrechen würde - mit Wind, Regen und herumwirbelnden Blättern. Jetzt hat es sich das Wetter also doch wieder anders überlegt? Oder war das nur ein kurzer Jux, ein schlechter Schmäh, eine Finte, die uns auf die falsche meteorologische Fährte führen sollte?

Um diese Frage zu beantworten, muss man ironischerweise wieder einmal den Wetterbericht konsultieren. Jene allgemeine Dienstvorschrift für das Wetter also, der wir prinzipiell nicht trauen, von der aber immer alles abhängt: Entweder das Wetter verhält sich nicht entsprechend (es ist wärmer/schöner als gedacht), oder die Meteorologen sind Lügner (es ist kälter/schlechter als gedacht). Weil sich also hier die Katze wieder in den Schwanz und der Wetterfühlige in den Arsch beißt, möchte ich hier die Empfehlung abgeben, sich mit dem Wetter im Diskurs gar nicht mehr auseinanderzusetzen. Dabei üben wir nämlich bloß das Belegen von uns unerklärlichen Situationen mit unpassenden Adjektiven und grämen uns über Dinge, die keinen Gram - ein edles, allzu menschliches und deshalb schützenswertes Gefühl - wert sind. Kant hat nämlich, so viel ich weiß, nicht viel über das Wetter zu sagen. Das allein soll uns schon ein gewisser Hinweis sein...

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Freuen würde ich mich, fände irgendwer ein Kant-Zitat zum Thema Wetter!

Mittwoch, 7. September 2011

(K)ein Regenschirm?

"Go see a museum!", ist die häufigste Antwort auf die Frage, was man an einem Regentag in New York City unternehmen soll. Davon gibt es ja hier mehr als genug. Museum of Modern Art zum Beispiel. Vorgestern gemacht. Das Guggenheim-Museum: gestern gemacht. Hätte es heute den ganzen Tag durchgehend geregnet und hätte es nicht diese kurzen, verlockenden Regenpausen gegeben, wahrscheinlich wäre heute das Met dran gewesen - und zwar den ganzen Tag.

Da Regenschirme über Köpfen balanciert werden, verdecken sie die wichtigste Blickrichtung in New York: nach oben. Also Regenschirm weglassen und sich anregnen lassen? Das ist nur eine unbefriedigende Lösung. Zähneknirschend hetzt man durch die Straßen, sucht Schutz vor dem Wasser in U-Bahn-Stationen und Kaufhäusern. Bei Hollister stehen die Beachboys auch bei einem solchen Wetter in Badehose vor der Türe und fragen frech "Hey, what's up?". Überhaupt sagt in diesem Geschäft jeder "What's up?" - und mehr darf man sich auch nicht erwarten. Um die Kommunikation zu verkürzen, deute man auf ein Kleidungsstück und sage "Large!", denn so dunkel, wie es in diesem Laden ist, lassen sich die Größen nur schwer selbst ablesen. Soll also der Beachboy suchen. Der wackelt kalifornisch mit den Hüften und beginnt zu kramen. Ich mag dieses Geschäft irgendwie nicht. Trotzdem kaufe ich was, werde in den obersten Stock des viel zu kleinen Geschäfts gescheucht, bezahle, bahne mir treppab den Weg zum Ausgang, wieder fragt man mich "What's up?", schön langsam werde ich zappelig.

Am Eingang wieder ein Beachboy, an ihm vorbei verlasse ich das Geschäft. Er schaut mich an, fragt "Hey, what's up, dude?", und wenn ich nicht wüsste, dass er das nur sagt, weil man ihn sonst hinausschmeißt, weil also ein "What's up?" zu wenig ihm den Job kosten könnte, dann würde ich ihm "Fuck you, dude!" sagen. Aber das tue ich nicht, weil er kann ja nichts dafür und überhaupt muss er in Badehosen bei einem Regentag auf der Fifth Avenue stehen und das ist Strafe genug, finde ich. Also sage ich nur "jaja" und gehe.

Im Zimmer föhne ich meine Kleidung. Regenschirm hab ich mir keinen gekauft. Denn immer, wenn ich im Begriff war, mir einen zuzulegen, wenn ich mir gedacht habe "beim nächsten Regenschirmverkäufer schlage ich zu", wenn mir also der Regen ins Gesicht peitschte und ich bereit war, mich dagegen mit einem Schirm zu schützen, immer dann war weit und breit kein Regenschirm zu finden. Kaum hörte aber der Regen auf, kaum fing meine Jacke an, trockener zu werden, kaum keimten die ersten Hoffnungsschimmer auf ein paar trockene Stunden: schwupps, da stolperte ich alle 30 Meter über einen schmierigen Regenschirmstraßenverkäufer. "Umbrella, umbrella!", schrien sie mir ins Ohr gleichsam als Stimme der Vernunft, weil sie ja eh Recht hatten. Aber ich dachte mir, dass es ja eh geht, dass es ja eh nicht mehr regnet, dass es vielleicht sogar ganz aufgehört hat. Vor allem dachte ich mir, dass, wenn ich mir jetzt einen Schirm kaufe, es sowieso nicht mehr regnen wird. Das ist wie mit der Zigarette und dem Autobus. Aber ein paar trockene Stunden waren mir anscheinend keinen Regenschirm wert; weil es gibt nichts Lästigeres als einen Regenschirm, den man nutzloserweise mit sich herumschleppt. Das brauch ich nicht, vor allem nicht in New York.

Also föhne ich lieber meine Kleidung und hoffe, dass morgen, wenn ich plane zu den US Open zu gehen, es zu Regnen aufgehört haben wird. Vielleicht kaufe ich mir am Vormittag doch noch einen Regenschirm - abergläubischerweise -, auch wenn ich ihn dann wie eine lächerliche Hasenpfote mit mir herumschleppe und er nicht zum Einsatz kommt. Wenn ich dann einen Beachboy treffen sollte, der mich frech "What's up?" fragt, dann kann ich den Schirm wenigstens für etwas Sinnvolles verwenden und den Beachboy damit ordentlich verhauen. Damit er nicht mehr fragen muss.

Dienstag, 30. August 2011

Panik

Eineinhalb Monate bin ich nun schon hier, und wäre ich nicht so ein besonnener Bergmensch, den so schnell nichts aus der Ruhe zu bringen vermag, ich hätte schon ein paar Kübel voll Angstschweiß geschwitzt und müsste eines dieser Herzmedikamente nehmen, vor denen in der Fernsehwerbung gewarnt wird. Ja, tatsächlich werden Medikamente hier nicht nur beworben, es wird auch vor ihnen gewarnt, weil prinzipiell gilt, dass alles was existiert, auch gefährlich sein kann, ja vermutlich sogar mit ziemlicher Sicherheit gefährlich ist.

Die Pilgerväter sahen sich schon zu Beginn der US-amerikanischen Geschichte mit allerlei Gefahren konfrontiert. Das begann auf der Überfahrt von Europa nach Amerika und setzte sich im neuen Land fort. Denn dort sah man sich allerlei Widrigkeiten ausgesetzt, und hätte man nicht die netten Indianer gehabt, die den lustigen Briten und anderen Gesellen mit Rat und Tat zur Seite standen, wer weiß, ob das spätere Land der unbegrenzten Möglichkeiten sich nicht schon bald nach seiner Entdeckung als das Land der sehr beschränkten Möglichkeiten entpuppt hätte.



Auch heute noch lauert die Gefahr überall. Sei es in Form von Terroristen, bösen Bakterien, Haien oder Erdbeben: das Leben ist höchst ungewiss! Gerade erst beunruhigte Hurrikan Irene die Gemüter der Ostküste. Ich befand mich zufällig auf einem Trip nach North Carolina, wo Irene – aller Voraussicht nach – die Outer Banks verwüsten sollte. Von Raleigh aus, also in sicherem Abstand zum Ozean, beobachteten mein Onkel, dessen Freund und ich das Geschehen im Fernsehen. Unser Plan, das Wochenende am Strand zu verbringen, schien durchkreuzt und also begnügten wir uns mit einer kleinen Besichtigung der Gegend und der Aussicht auf schönes Wetter weiter südlich.

Einstweilen machte sich auf den Straßen Raleighs Panik breit. Die Tankstellen waren dauerbesetzt und in den Supermärkten waren die Milch- und Brotregale nahezu leer. Also kauften wir Bier, Chips, Eiscreme sowie Cracker und Käse, denn davon gab es nach wie vor genug. Tatsächlich wurde es dann auch recht stürmisch und regnerisch. Die Fernsehberichte von der Küste gaben sich zunehmend dramatischer, aber irgendwie wollte kein genügend großes Unbehagen aufkommen. Es schien, als suchten die Fernsehstationen verzweifelt nach ersten Opfern des Hurrikans. Stattdessen zeigten sich bloß ein paar Surfer, die sich über die hohen Wellen, die ihnen Irene bescherte, freuten.


Dann erfrechte sich Irene auch noch, sich zu einem Hurrikan der Kategorie 1 zu verharmlosen! Die Panik vor dem Sturm wich langsam der Panik davor, dass der Sturm nicht stark genug sein werde. „Wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich mich nicht darum sorgen, ob es sich um einen Hurrikan der Kategorie 1, 2 oder 3 handelt. Ich kann Ihnen nur versichern: Sie wollen da nicht mittendrin sein!“, verkündete eine Sprecherin der Gouverneurin mit beschwörender Stimme. Das nächste Bild zeigte eine Strandbar, in der ein paar Leute eine „Hurrikanparty“ veranstalteten.

Auch New York, so hieß es, sei noch in Gefahr. Endlich schien sich eines der vielen Horrorszenarien aus den so beliebten Katastrophenfilmen zu erfüllen: eine Millionenstadt von der Natur bedroht! Unglücklicherweise musste man schon am nächsten Tag feststellen, dass Irene nun kein Hurrikan mehr war, sondern nur mehr ein Tropensturm. „Still pretty bad, still very dangerous!“, versuchte ein Nachrichtensprecher in lehrerhafter Manier die Panik verzweifelt aufrecht zu erhalten. Doch spätestens jetzt lachten nicht nur mehr die Einwohner Louisianas, sondern auch der Großteil der nördlichen Ostküste.

Es ist nicht so, dass Irene keinen Schaden angerichtet hätte, und leider mussten auch einige Menschen im Sturm ihr Leben lassen. Aber irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass die Medien den Menschen den Hurrikan schlimmer verkaufen wollten, als er tatsächlich war. Die Frustration darüber, dass Irene da nicht mitspielte, spiegelte sich in dem Fakt wieder, dass die Berichterstattung über den Hurrikan, sobald sich dieser zum Tropensturm wandelte, schlagartig weniger wurde – ja im Vergleich zu vorher geradezu aufhörte. Das tut nicht nur dem Sturm Unrecht, sondern auch den tatsächlichen Opfern Irenes.

Freilich ist man seit dem Katrina-Desaster vorsichtig geworden was Hurrikans betrifft. Leider scheint es aber auch eine gewisse Sensations-Erwartungshaltung zu geben, die Schäden und Tragödien fordert, während sie das Glimpfliche verachtet. Panik ist eine Grundbefindlichkeit des Amerikaners und sie will genährt werden. Wenn man dafür nicht ins Kino zu gehen braucht, ist es umso besser. Umso unbefriedigender ist es dann aber auch, wenn die Panik sich als scheinbar unbegründet herausstellt. Dann fühlt sich der Amerikaner von der Natur, der sowieso nicht zu trauen ist (wie schon die Pilgerväter erfahren mussten), zum Besten gehalten. Und die Medien sorgen sich um die Einschaltquoten. Das ist dann die wahre Katastrophe.

Samstag, 20. August 2011

Viva das Künstliche! (Las Vegas I)


Der innereuropäische Urlauber sieht sich nach seiner Rückkehr aus dem Ausland mit vielerlei Fragen konfrontiert, deren erste und wichtigste immer jene nach dem Wetter ist. Wie das Wetter war, interessiert die Daheimgebliebenen anscheinend am brennendsten. Sei es, weil man dem Verreisten insgeheim Sturm und Hagel gewünscht hat aus Eifersucht, weil man selbst im Regen sitzen musste, oder sei es, weil man einfach nur an den klimatischen Verschiedenheiten zwischen der Heimat und der Urlaubsdestination interessiert ist. „Dort unten ist es schon Sommer!“, hört man etwa von einem zu Pfingsten in Italien Gewesenen. „Man glaubt es kaum, aber es hatte dort auch nur 18 Grad und das Wasser war kalt“, sagt zum Beispiel einer, der während eines gesamteuropäischen Kälteeinbruchs Ende Mai ein paar Tage in Kroatien verbracht hat. Wie auch immer das Wetter im Urlaub war, es ist – wie auch sonst im Alltag – ein beliebtes Gesprächsthema für Heimkömmlinge und interessierte Daheimbleiber.

In Amerika ist das ein bisschen anders. Hier scheint man immer schon zu wissen, wie das Wetter war. Das gilt vor allem für Reiseziele, die nur wenigen meteorologischen Schwankungen unterliegen – wie zum Beispiel Las Vegas. Niemand fragt nach dem Wetter in Las Vegas, weil es dort immer gleich ist: heiß und trocken. Aber auch, weil das Wetter in Vegas sowieso keine Rolle spielt, interessiert es niemanden so wirklich. Denn Las Vegas existiert im Prinzip nur im Drinnen. Das Draußen sind lauter Lichter, die auf das, was drinnen ist, aufmerksam machen wollen. Und dem Drinnen ist es egal, ob es draußen kalt ist oder nass, heiß und feucht oder staubig, oder was auch immer. Denn das Drinnen ist klimatisiert, manchmal auch odorisiert, in jedem Fall aber hermetisiert – was drinnen ist, bleibt drinnen, oder sagen wir es so: What happens in Vegas stays in Vegas.

Meine Vermutungen (nennen wir sie Vorurteile, das klingt weniger informiert) haben sich tatsächlich bestätigt – bis auf einen Punkt: das Künstliche. Als Österreicher sehe ich das Künstliche als das Gegenteil des Authentischen. Das Authentische, so verrät schon das Wort, hat etwas mit einem Tisch zu tun. Zum Beispiel mit einem Biertisch, auf den man anständig hauen kann, wenn man etwas Ehrliches zu sagen hat. Oder denken wir an einen Esstisch, auf dem man die Gaben beim Erntedankfest ausbreiten kann, die so authentisch und natürlich aus der Erde gewachsen sind, dass es einen beim Reinbeißen zwischen den Zähnen geradezu erdelt. In Las Vegas habe ich aber gelernt, dass authentisch auch anders geht, nämlich indem man das eigentlich Lächerliche derart ernst nimmt und es so gut macht, dass man als Rezipient, als Konsument oder einfach als Besucher oder Betrachter gar nicht mehr um den Unterschied zwischen künstlich und authentisch besorgt ist. Es ist einfach, wie es ist. (Schwachfugige Einfügung dazu: Hierbei handelt es sich um eine Abwandlung des parmenidischen Grundgedankens, welche sich auf die Essenz mehr denn auf die Existenz bezieht.)

Alles, was in Las Vegas an Attraktionen zu finden ist, ist in sich perfekt. Der große Vorteil, den Vegas dabei hat, ist, dass es sich selbst die Latte legen konnte. Viele Unternehmungen mögen genau an diesem Punkt scheitern, für Vegas scheint es geklappt zu haben. Die Hotels bieten alles, was das Herz begehrt, und zwar deswegen, weil sie genau all das bieten, was der Las-Vegas-Besucher erwartet: Unterhaltung. Sie beeindrucken von außen und innen mit aufwändiger Architektur, jeder Menge Möglichkeiten, sein Geld zu verlieren und jeder nur erdenklichen Form der Verköstigung aller Sinne. Als Österreicher, der sich schon gerne mal mit dem Bier-Wurscht-Spritzer-Angebot eines mittleren Volksfestes zufrieden gibt, ist man zunächst vielleicht überfordert. Dann aber realisiert man, dass man in Las Vegas eigentlich nichts zu tun braucht, außer von einem Hotel zum anderen zu gehen (oft muss man sich nicht einmal bewegen), somit also genügend Zeit hat, sich dem Geschehen eingehend zu widmen. Nichts läuft einem hier davon. Nicht nur, weil hier alles 24 Stunden verfügbar ist, sondern auch weil alles darauf ausgelegt ist, wiederholbar und reproduzierbar zu sein.

Nehmen wir als Beispiel das Venetian-Hotel, welches sich zur Aufgabe gemacht hat, Venedig zu simulieren. Freilich meint jeder, der schon einmal in Venedig war, dass ein solches Unterfangen nicht nur unmöglich, sondern geradezu blasphemisch sein muss. Die Amerikaner wären aber noch blöder, als wofür viele sie ohnehin schon halten, wenn sie nicht wüssten, dass man Venedig nicht als Hotel nachbauen kann. Also machen sie folgendes: Sie bauen ein besseres Venedig. Eines ohne (oder nur mit dem essentiellen) Schnickschnack, eines ohne Dreck und Gestank, ohne Tauben, ohne lächerlich hohe Preise für Getränke und ohne unverständliche Einheimische – ein Venedig, wie es sich ein durchschnittlicher Tourist wünscht. (Wir sprechen hier klarerweise nicht von einem italophilen Kunsthistoriker, der an jeder Stadt gerade „das Touristische“ so abstoßend findet, sondern von einem einfachen, unschuldigen Amerikaner in Europa!) Ein solches Venedig hat schöne Häuser, tolle Geschäfte zum Einkaufen, einen Kanal mit Gondeln und singenden Gondolieren, gutes Essen, hervorragendes Eis und ist sauber. Bekommt man das alles noch in ein Hotel hinein und simuliert beleuchtungstechnisch Tag und Nacht, hat man genau das, was das Venetian-Hotel bietet: Venice in a nutshell, die italienische Stadt quasi als Smartphone-App – leicht zu bedienen, übersichtlich, praktisch, unterhaltsam. Freilich nicht das echte Venedig, aber eine Einkaufsmeile mit Stil und Geschmack, nettem Ambiente und einem Charme, der einen kurz vergessen lässt, dass man sich eigentlich im bösen, unauthentischen Las Vegas befindet und gerade fürchterlich zum Narren gehalten wird.

So habe ich mich tatsächlich infizieren lassen, nannte das Venetian großartig und eines der am besten gelungenen Hotels der Stadt, bis ich auf die Straße trat und sah, wie Touristen auf einem Rollsteig über eine, das Venetian mit einem anderen Hotel verbindende, Rialtobrücke gezogen wurden. Da meldete sich der europäische Kulturelitarismus zurück und ich weigerte mich, die Rialtobrücke quasi fahrend zu überqueren. Eigensinnig und mit von den Rollsteig fahrenden Touristen abgewandten Gesicht schritt ich eilig über die Brücke, während ich meiner duldsamen Cousine erklärte, dass dies nun doch zu weit ginge und dass man ein bisschen Respekt auch noch haben müsse, wenn man schon versucht, eine Stadt wie Venedig nachzubauen und so weiter. Ich sagte ihr, sie würde das verstehen, wenn sie erst einmal Venedig sehe, welches ich ihr, so sei mir gerade klar geworden, bei ihrem nächsten Besuch mit Sicherheit zeigen werde. Zwar grinste sie verständnisvoll, was sie sich aber dachte, wusste ich nicht und will ich auch im Nachhinein nicht vermuten.

Warum man allerdings, wenn man in Las Vegas die Rialtobrücke überquert, vor Madame Tussauds' Wachsmuseum landet, versuche ich beim nächsten Mal zu erklären.

Donnerstag, 11. August 2011

Ruhige Tage und ein Friseurbesuch


Die Hitze, in der ich in diesen Tagen liege, ist keine sengende mehr, wird aber ihrem Wesen trotzdem noch gerecht. Es hat abgekühlt, das heißt die Temperatur liegt in den niedrigen 30ern, vor allem aber hat die Luftfeuchtigkeit abgenommen, was das faule Herumliegen am Pool erträglicher macht. Sogar das Wasser hat seine Kinderbeckenwärme verloren und konnte heute erstmals „kühl“ genannt werden. Im Radio laufen die ewig gleichen Countrylieder, die einem mittlerweile schon egal sind – das eine oder andere findet man sogar schon ganz gut. Die in der Einfahrt liegenden Blätter brechen unter den Reifen der Autos; das Geräusch erinnert mich bezeichnenderweise an Kartoffelchips: die Amerikanisierung der Sinneseindrücke. Tatsächlich sind die Blätter schon welk. Die Hitze und der wenige Regen tragen Schuld daran, dass, vergäße man auf die Hitze, fast schon Herbststimmung aufkommen mag.


Momentan verbringe ich ruhige Tage in meinem Sommerdomizil. Das zwingt mich immer öfter vor den Fernseher, der hier den ganzen Tag läuft. Abends schaue ich Baseball, denn die Footballsaison hat noch nicht angefangen, und irgendwie habe ich ein bisschen Gefallen an diesem relativ langweiligen Sport gefunden. Morgens laufen meist Nachrichtensendungen, in denen aufgeregte Herren in diesen seltsamen, an den Schultern und Armen aufgebauschten amerikanischen Hemden auf die Regierung schimpfen, während im Hintergrund, wie zum Beweis für ihre Ausführungen, Aktienkurven eingeblendet werden. Am späteren Vormittag geben dann Ärzte Gesundheitstipps. Warum diese TV-Doktoren in Operationsklamotten oder weißen Kitteln im Studio sitzen müssen, bleibt schleierhaft. Heute jedenfalls war ein plastischer Chirurg aus Florida (woher sonst?) zu Gast, der den verblüfften Zuschauern erklärte, was ein Miami Thong Lift ist. Dabei handelt es sich um eine operative Korrektur des Fettgewebes am Gesäß, welche den perfekten Sitz des String Tangas sicherstellen soll. Seine zufriedene Patientin präsentierte dem Publikum stolz ihren neuen Podex, was heftig bejohlt und beklatscht wurde. Es ist leider großteils Bildung dieser Art, die mir den Horizont erweitert.


Gestern allerdings durfte ich einen Friseurbesuch über mich ergehen lassen. In der Daltoner Altstadt befindet sich ein Herrensalon, der von zwei Männern vom alten Schlag geführt wird. Das Geschäft besteht seit den 60er Jahren und hat sich seitdem wohl nur wenig verändert. Aber auch die Haarschnitte haben sich kaum verändert, deswegen warnt mich mein Cousin Chuck im Vorhinein: Da die beiden großteils Senioren als Kunden hätten, ginge es zwar relativ schnell, leider aber würden sie kaum Erfahrung mit dichtem Haar und jugendlichen Schnitten haben; besonders der Ältere, so mein Cousin, habe ihm schon den einen oder anderen Idioten-Schnitt verpasst. Ich werde ein wenig nervös, der Gedanke an meine ständig größer werdende Baseballkappensammlung beruhigt mich aber gleich wieder. Ich nehme mir eine Sports Illustrated und blättere darin. Henry, so der Name des jüngeren und talentierteren der beiden Friseure, entlässt gerade seinen letzten Kunden. Vor meinem Cousin und mir ist noch ein anderer Herr an der Reihe. Dieser aber sagt, er würde warten, bis der andere Friseur Zeit für ihn habe. Chuck springt sogleich auf und läuft Henry entgegen – es wirkt irgendwie erleichtert. Ich überlege kurz und komme zu dem Schluss, dass, da der Herr vor mir ohnehin mit dem „schlechten“ Haarschneider vorlieb nehmen will, ich wohl auch von Henry geschnitten werden würde.


Als der ältere Friseur mit seinem letzten Kunden fertig ist, will der freundliche Herr, der jetzt an der Reihe wäre, mir aber seinen Platz überlassen. Er sagt, er habe ohnehin den ganzen Tag nichts zu tun und sei eigentlich nur zum Quatschen hier. Sein weniges Haar bedarf nur einer kurzen Behandlung, und da ich, wie ihm aufgefallen sei, zusammen mit Chuck gekommen bin, wäre es ihm ein Vergnügen, mir den Vortritt zu lassen, damit mein Cousin nicht auf mich warten müsse, sobald dieser fertig sei. Nie war mir ein freundlicher Mensch so unangenehm! Ich erkläre ihm, dass ich, vielmehr dass mein Cousin und ich, wohl noch viel weniger zu tun hätten als er und dass es mir höchst unangenehm wäre, mich hier in irgendeiner Art und Weise vorzudrängen, wo ich doch nicht einmal von hier sei und so weiter.
Aber gerade als Gast hätte ich doch das Vortrittsrecht, sagt mir der zu freundliche Herr, während der schlechte Friseur mich schon grinsend zu sich winkt, bedrohlich mit seiner Schere die Luft zerschnippselnd. Ich fuchtle mit meiner Sports Illustrated und stammle irgendetwas davon, dass ich gern noch die Wartezeit nützen würde, um diesen Artikel fertig zu lesen, während ich auf das Bild eines mir vollkommen unbekannten Baseballspielers zeige.
Aber ich könne doch die Zeitschrift mit auf den Frisierstuhl nehmen, meint der schlechte Friseur. Nein, das könne ich nicht, sage ich, denn dann müsste ich entweder dauernd den Kopf senken, was dem Gelingen des coiffeurschen Handwerks unzuträglich wäre, oder aber mir die Zeitschrift hoch vor das Gesicht halten, was meine Arme schon nach wenigen Minuten schwer werden lassen würde. Während ich das sage, zeige ich mit übertriebenen Gesten umständlich vor, was ich meine. Der Friseur und der freundliche Herr lachen und geben schließlich nach. Ich bin gerettet.


Tatsächlich schneidet Henry ganz ordentlich. Die Tatsache, dass ich zum ersten Mal von einem glatzköpfigen Friseur geschnitten werde, finde ich bemerkenswert. Henry lobt die Farbe meines Haares und auch die Dichte. Es finde sich aber das eine oder andere graue Haar, so er. Ich sage ihm, dass mir das keine Neuigkeit sei, verzichte aber – aus Rücksicht auf Henrys blanken Schädel und seinen weißen, fast mönchsartigen, Haarring, der sich von Ohr zu Ohr zieht – auf die Bemerkung, die ich in solchen Situationen sonst zu machen pflege, nämlich, dass ich froh sei, noch viele Haare zu haben und ich deswegen die paar grauen verschmerzen könne. Henry scheitelt mir das Haar streng und tatsächlich sehe ich jetzt aus wie ein amerikanischer GI aus den 50er Jahren. Zufrieden stehe ich auf und gebe Henry 10 Dollar, die er in einer Lade seines großen Friseurtisches verschwinden lässt. Er wünscht mir noch einen schönen Aufenthalt, ich verspreche ihm, ihn weiterzuempfehlen und Henry lacht vergnügt. Vor dem Laden wartet Chuck. Wir sehen uns gegenseitig prüfend auf den Kopf und nicken uns zu. Für jemanden, der uns in diesem Moment beobachten würde, sähe es wahrscheinlich so aus, als würden wir mit dem Nicken einander Mut machen wollen.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Am Mittwochsfestl

Am Stadtplatz stehen sich wieder einmal die Leute gegenseitig im Weg. Betrunkene Touristen, betrunkene Einheimische und solche, die es noch werden wollen - sowohl einheimisch als auch betrunken. Auf einer Bühne sitzen 4 junge Burschen und spielen Harmonika, aber niemand hört zu. Es ist Mittwochsfest und zwar das erste des Jahres, das Wetter ist schön und also ist man gezwungen hinzugehen. Bei mir geht ein riesiger Holländer vorbei, er hat eine Gämse auf dem Kopf. Vielmehr handelt es sich um eine Kopfbedeckung in Gämsenform. Sie können sich das jetzt vorstellen, wie Sie wollen - in Wirklichkeit sieht so etwas noch viel schlimmer aus.

Der Spritzer ist warm, das Bier grausig, die Bedienung langsam. Viele Mundwinkel lässt das aber nicht nach unten hängen, denn irgendwie ist man froh, dass es überhaupt was gibt und sowieso: Gerade die Zeller jammern ja auf höchstem Niveau. Gehen wir halt zu einem anderen Standl, es gibt ja genügend! Ich will wieder bergwärts, denn von dort kommend habe ich zuvor eine von Havana Club gesponserte kubanische Band gesehen. Vielmehr handelt es sich um einen Gitarristen und Sänger, einen Rastamann mit Trommeln und zwei karibische Schönheiten, die tanzend Rhythmusinstrumente bedienen. Ihre Rasseln haben es mir angetan.

Oben angekommen muss ich feststellen, dass die Havana Club Habaneros Pause machen. Ich trinke tschechisches Budweiser, nenne es bei der Bestellung ein "Technisches" und der Kellner muss - wie immer - lachen. Zwar finde ich den dummen Wortwitz schon lange nicht mehr lustig, aber ich weiß genau, dass er von mir erwartet wird. Letztens wollte ich einmal ein "Tschechisches" bestellen. Da hat mich der Kellner fragend angesehen und gesagt: "Du meinst ein Technisches?". Ja, meinte ich. Na also. Dem "Technischen " lasse ich ein Gin Tonic folgen, die Havana Club Mädchen tanzen schon wieder, auch ich versuche es ein bisschen. Ich halte mich für mittelmäßig musikalisch, aber karibische und südamerikanische Rhythmen verwirren mich prinzipiell. Immer, wenn man glaubt, jetzt habe man es heraußen, stolpert man wieder über eine scheinbar willkürlich gesetzte Pause, sucht den Takt, versucht es von vorne, hat es wieder gefunden und dann macht es "bamm bamm...... bamm bam bam" und alles geht wieder von vorne los. Ich klemme mir eine Rose zwischen die Zähne, das lässt alles unernster aussehen.

Später, als die Kubaner schon weitergezogen sind, kommt der Chef mit einer Flasche Prosecco und David Hasselhoff singt "September Love" aus dem Lautsprecher heraus. Ich werde proseccogeduscht ("Herr Magister! Herr Magister!"), meine Lederjacke klebt, Leute stieren verständnislos, ich grinse und merke zufrieden, dass ich für solche Sachen doch noch nicht zu alt bin. Bekloppt aussehende Schüler schauen erschreckt, heute sind mir sogar die egal. Sonst fragen wir uns immer, ob wir wohl auch so waren, um uns dann selbst zu versichern, dass nein. Heute abend weiß ich aber, dass wir ebenso bekloppt waren.

Irgendwann landet man dann immer im Insider und dort ist heute erwartungsgemäß die Hölle los. Wir stehen am Eingang, halb auf der Straße - immerhin haben wir einen Tisch. Der Italiener, der aussieht wie Tom Cruise, ist auch wieder da. "Enice to see eyou agaaaiin", sagt er und ich freue mich ebenso ihn zu sehen, auch wenn ich anfangs immer Angst habe, dass er mir eine Scientology-Mitgliedschaft andrehen möchte. Jedes Mal sage ich ihm, dass er wie Tom Cruise aussieht. "Ehnooo nooo, Tom Cruise ise much smaller, no?", sagt er dann immer und lacht das reinste Tom-Cruise-Lachen.

Die Mutter eines Freundes fragt mich nach meinen Sommerplänen. Ich sage ihr, dass ich in den USA sein werde und sie sagt, ich solle mir da drüben ein Mädchen suchen – zum Heiraten. Dabei schaut sie begeistert und erzählt mir, dass die da drüben so fesch sind. Ich solle mir aber keine Dicke suchen, sagt sie. Die Schlanken seien eh alle fesch bzw. fesch gemacht. "Eine Seidige brauchst du! Ein richtig seidiges Mädchen!" Mein Freund und ich sind total begeistert von den Ausführungen seiner Mutter. Seidig! Ja, so soll sie sein! Wir wissen, was wir uns darunter vorzustellen haben.

Auf der Toilette fragt uns einer der trotteligen Schüler, ob wir Salzburger seien. Ich sage, aus Graz kommend, im Reflex ja. "Aso deswegen", sagt er frech. Da stutze ich und erkenne meinen Irrtum. "Du meinst aus der Stadt? Nein! Wir sind Zeller", kläre ich ihn wahrheitsgemäß auf. Der Schüler schaut mich mit seinen viel zu eng beieinander stehenden Augen, die Rückschlüsse auf die mangelnde Variation in seinem Genpool durchaus zulassen, an und meint, wir seien aber so angezogen wie Stadtsalzburger (er meint wohl das Hemd). Ich mustere seinen fragwürdigen Aufzug von oben bis unten, sage nur "aha" und gehe. Immer das Gleiche...

Jeden Sommer gehen die Zeller aufs Mittwochsfest und jeden Mittwoch bereuen sie es immer auch ein bisschen, obwohl es ja alles in allem sehr nett ist. Das Fest bleibt gleich, die Leut bleiben gleich, ändern tut sich im Grunde nur das Wetter und selbst das kann nur entweder schlecht oder gut sein. Solange es gut ist, so sagt man im Pinzgau, muss man es ausnutzen. Deswegen stellt man sich dann auch jeden Mittwoch Abend in die Stadt, beäugt die teils recht zweifelhaften Zeitgenossen, trinkt was, unterhält sich mit Freunden, genießt das Wetter und ist sich einig, dass das Mittwochsfestl schon irgendwie ein Highlight ist. Auch wenn es eigentlich schon reicht, einmal dort gewesen zu sein. Oder zweimal – einmal beim ersten Fest und einmal beim letzten.