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Montag, 1. Juli 2013

Grazer Reminiszenzen 2: Essen und Trinken

Bereist man fremde Länder, tut man das oft auch wegen oder trotz des dortigen Essens. Es soll ja Leute geben, die nur des Essens wegen nach Italien oder Frankreich fahren. Freilich gibt es dort auch einiges an Kultur und Natur zu bestaunen, aber das Kulinarische lockt in manchen Regionen mehr als alles andere. Für die Steiermark gilt das nur bedingt, und wann immer ich Menschen von meiner Wahlheimat Graz erzählt habe, fiel ihnen zum Thema Essen und Trinken immer nur das eine ein: Kernöl und Schilcher.

Dabei ginge ja auch Sterz und Puntigamer, Backhendl und Gösser oder Käferbohnen und Weichserl. Womit wir, das sage ich mit aller Arroganz, auch schon das steirische Kulinarium abgesteckt hätten, das beim Buschenschank anfängt und dort auch gleich wieder aufhört. Man komme mir jetzt nicht mit Weinstraße und Johann Lafer! Das ist alles schön und gut, aber eben nichts Alltägliches. Und ums Alltägliche soll es ja schließlich gehen. Vor allem beim Essen.

Was erwartet den Innergebirgler Absonderliches, wenn er nach Graz kommt? Am Anfang steht das Kernöl, das ich vor Graz nie mochte, von dem ich vorübergehend fast Fan wurde und das mir jetzt wurscht ist. Gleichgültigkeit einem Lebensmittel gegenüber ist ja in einer Zeit der allgegenwärtigen Nahrungsmittelunverträglichkeiten die höchste Stufe der Anerkennung. Ihr könnt mir Kernöl in die Schnitzelparnier tun, über's Vanilleeis gießen, pur zu trinken geben oder sogar in den Kaffee schütten - ich dulde es und seine unvermeidlichen Flecken wie ich die Milben in meiner Couch dulde, weil sie immer da sein werden und ich sie nie bemerke. Ob mir das Kernöl abgehen wird, jetzt, da es nicht mehr Standardnahrungsmittel ist? Das muss sich erst zeigen...

Gut in Erinnerung habe ich jedenfalls ein anderes Kürbiskernprodukt, nämlich die Suppen. Eine saisonale Köstlichkeit, die man in der Steiermark fast nirgends schlecht gemacht bekommt. Alles andere mit oder aus Kürbis oder den entsprechenden Kernen ist mir ebenfalls wurscht. In der Schokolade brauch ich das Zeug aber nicht, auch wenn die Firma Zotter (nicht nur diesbezüglich) anderer Meinung ist.

Was mir allerdings vollkommen unverständlich ist, ist der Fetisch, den Steirer mit ihren Backhendln pflegen. Mir kommt das weder sehr regional vor, noch haben mir steirische Backhendln je besser als irgendwelche anderen geschmeckt (auch nicht die in der Kürbiskernpanier). Vielleicht kann mir noch irgendwann mal wer erklären, was das explizit "Steirische" daran sein soll, an dem Backhendl, das in der Lieblingssommerspeise der Grazerinnen auf Salat im Kernöl ersoffen wird.

Eigentlich sind die Steirer aber Herbstleute. Nicht unbedingt des steirischen herbstes wegen, sondern vor allem wegen des Weins. Mit dem Aufsteirern beginnt es. Das ist eine von mir ungeliebte Lederhosen-Veranstaltung, bei der es nebst der Tracht vor allem um's Fressen und Saufen geht - wie bei jedem anderen Volksfest halt auch. Dann kommen Kastanien und Sturm und es beginnt die ewige Suche nach dem besten Maroni-Standl, bis man drauf kommt, dass man einfach Glück haben muss und es jenseits des Kernöls in der Steiermark eben keine absoluten Sicherheiten gibt.

Wer sich mit Sturm und Junker noch nicht besinnungslos getrunken hat, den erwartet im Advent das Glühweingelage in der Grazer Innenstadt. Absichtlich sagt man nicht Christkindlmarkt dazu, weil es wirklich nur um Glühwein geht bzw. Punsch und Feuerzangenbowle usw.; die Aufzählung stockt, weil mir da schlecht wird, allein, wenn ich allein an den Geruch denke, den der Hauptplatz zu dieser Zeit verströmt. Wer aber noch nie einen Schilcherglühwein probiert hat, der hat trotzdem was verpasst. Auch hier lohnt es aber, sich von Kennern informieren zu lassen, wo es brauchbaren und vor allem verträglichen zu finden gibt!

Abseits des saisonalen Angebots, sind mir zwei Dinge aus dem Grazer Bäckereisortiment besonders suspekt: Einerseits die Salzbrezen, die ich als Pinzgauer überhaupt nicht kannte, und die mich schockten, weil bei uns eine Breze immer auch automatisch eine Laugenbreze war. Naja, immerhin was gelernt! Andererseist suchte ich lange Zeit nach Mohnweckerln, die nicht süß waren, bis mir irgendwann jemand erklärt hat, dass das halt so sei. Ein Weltbild brach zusammen! Schließlich sahen die Mohnweckerln genau gleich aus wie jene daheim, nur, dass sie eben süßlich schmeckten. Das konnte ich nicht akzeptieren und nannte die Grazer allesamt verrückt. Süße Mohnweckerl! Ich schüttle immer noch den Kopf.


Was mir obendrein noch aufgefallen ist: Dass die Grazer keine Fastfoodkultur haben. Ja, da könnte man eventuell stolz drauf sein. Aber oh Schreck, wenn ich an die unsäglichen "Hot Dogs" denke, die da verkauft werden (Bosna ist praktisch unbekannt) und an die Käsekrainer, die im besten Falle mäßig waren! Man verlangt ja nicht viel von einem Würstelstand, aber die Mindesanforderungen hat da kaum einer erfüllt. Gott sei Dank gibt es in Graz viele Türken und also lässt sich das eine oder andere ordentliche bis sehr ordentliche Kebab-Etablissement finden. Aber das kann ja schließlich auch keine Lösung sein!

Von dem abgesehen hat mir Graz ein fast fünfjähriges Vegetarier-Dasein beschert (ja, das war freiwillig!), und ich bin nicht verhungert! Das war jedenfalls eine interessante Erfahrung und hat mich ohnehin in den meisten Fällen vor den Würstelständen bewahrt. In einer Studentenstadt lebt es sich als Vegetarier auf alle Fälle einfacher als am Land. Probleme bekommt man auch nur bei der Buschenschank. Denn dort gibt es dann die obligatorischen Käferbohnen - mit viel Kernöl! Vor etwas anderem hat mich nicht der Vegetarismus bewahrt, sondern der gesunde Menschenverstand: Blutsterz. Das war das erste kulinarische Fremdvokabel, das ich in Graz vernommen habe. Da wusste ich schon: Köstlichkeiten brauch ich mir keine erwarten.

Alles in allem habe ich aber überlebt, ja sogar zugenommen. Ich kam ja nach dem Bundesheer als halbertes Biafra-Kind (ein Ausdruck der 80er-Jahre, wie ich glaube) nach Graz und verließ die Stadt zwar nicht als Puntigamer-Pummerl, aber doch gut genährt. Ob es dem Bier geschuldet ist oder doch dem ewigen Kernöl, sei dahingestellt.


Donnerstag, 24. Januar 2013

Jausengegner

Einmal wurde ich von einem Sportunkundigen gefragt, was denn ein Jausengegner sei. Ich habe meine Freude an solchen Fragen, weil es einem einerseits vor Augen führt, welche Absurditäten man für selbstverständlich hält, andererseits sieht man sich gezwungen, über solche seltsamen Wörter einmal genauer nachzudenken.

Jausengegner also... In der Tat, so ein Wort gibt Rätsel auf! Vor allem, wenn man es ohne Zusammenhang vernimmt, könnte man ja durchaus meinen, es handle sich um jemanden, der sich strikt gegen das Einnehmen von kleinen Zwischenmahlzeiten ausspricht. Man stelle sich die empörten Gesichter von solchen Jausengegnern vor, wenn diese während eines Waldspaziergangs auf rastende Wanderer treffen, die, auf einer Bank sitzend und Wurstbrote sowie Landjäger kauend ihrer Brotzeit frönen. Auch in die Diskussion über die gesunde Schuljause würden sich solche Jausengegner natürlich einmischen. "Jause - wozu?" wäre etwa der Titel eines entsprechenden Leserbriefs in einem Lokalblatt zu diesem Thema, oder auch "Weg mit der Schuljause!".

Solche Jausengegner könnten einer Diätbewegung enstpringen, die striktes Fasten zwischen den Hauptmahlzeiten propagiert. Dazu müssten aber zu den diätologischen Aspekten auch noch moralische oder zumindest weltanschauliche treten. Jausengegner könnten zum Beispiel sagen, dass das sorglose Verzehren von kleinen Häppchen (noch dazu in der Öffentlichkeit!) ein Ausdruck der Verachtung gegenüber dem hungerleidenden Teil der Weltbevölkerung wäre. Ja, es müsste der herablassende Charakter des Jausnens hervorgekehrt werden. Jausnen, so müsste der Jausengegner betonen, sei keine naturnotwendige Tätigkeit, sondern entspringe vielmehr der Gier nach Luxus, der kapitalistischen Nahrungsmittelüberproduktion etc. und sei somit kategorisch abzulehnen. "Jausnen, pfui!", müsste allerorts plakatiert werden. Darüberhinaus sollte ein Jausenverbot gefordert werden, die Verbannung abgepackter Weckerl und überhaupt der Verkauf diverser Semmerln an der Wursttheke usf.

Nun, über die tatsächliche Bedeutung des Wortes Jausengegner habe ich den Unkundigen aufklären können, jedoch nicht ohne zu bemerken, dass die Verwendung des Wortes "Jause" in ebendiesem Kompositum gleichzeitig etwas Geringschätziges gegenüber der Brotzeit ausdrückt. Man könnte demnach fast glauben, das Wort "Jausengegner" wäre von den Jausengegnern selbst erfunden worden. Aber da beißt sich die Katze wieder in den Schwanz, und weil das weh tut, muss man solche Überlegungen rechtzeitig abbrechen.

Mittwoch, 9. Januar 2013

Pfeifenberger hält Maß

Eine von Pfeifenbergers ausgesuchten Vorlieben ist jene für Miniaturen. Pfeifenberger ist nämlich ein Mann, der sich seine Vorlieben, Hobbys und Passionen sehr genau aussucht. Er hegt und pflegt sie so wie andere Pflanzen oder Tiere hegen und pflegen. Dabei ist er ein Mann des Mittelmaßes, weswegen der Begriff „Passion“ schon beinahe zu viel ist und eigentlich zu keiner von Pfeifenbergers Vorlieben wirklich passt. Er behält gern die Übersicht und daher hält er sich nur wenige Interessen, und diejenigen, die er verfolgt, hält er sozusagen an der kurzen Leine. Nie hätte ihn eine seiner Vorlieben dazu getrieben, etwas Unüberlegtes oder gar Dummes zu machen. Auch Unvernünftigem sieht er sich nie ausgesetzt, so wie etwa ein passionierter Sammler für ein ihm besonders begehrenswert erscheinendes Objekt eine horrende Summe Geld zahlen würde. Nein, Pfeifenberger kennt seine Grenzen, denn er hat sie ja selbst gesetzt!

Die Vorliebe für Miniaturen allerdings, so unauffällig sie zunächst scheinen mag, ist eine tief gehende. Sie umfasst viele – wenn nicht sogar alle – Lebensbereiche; doch wenn man nicht um sie weiß, sie würde einem gar nicht auffallen. Manche, die davon wissen, haben sich schon an allerlei psychologischen Erklärungen versucht. „Der Pfeifenberger ist halt selbst ein kleines Mandl, der mag kleine Dinge, weil ihm die großen Angst machen!“, hört man etwa die Leute sagen. So naheliegend derlei Interpretationen auch sein mögen, so ungenügend ist doch auch ihre Erklärungsleistung. Wir wollen uns auch hier nicht lange mit den Gründen für Pfeifenbergers Vorliebe aufhalten; ich aber glaube, es hat etwas damit zu tun, dass Pfeifenberger eben gerne den Überblick hat. Als gebürtiger Innergebirgler ist er es gewohnt, von Anhöhen und Bergesgipfeln aus sich den Blick über die große Welt zu behalten. So hält er es auch mit der Lebenswelt. Dies zeigt sich nicht nur bei der sorgfältigen Auswahl seiner Vorlieben, sondern auch an seiner kargen Einrichtung, seiner Sparsamkeit beim Einkaufen und dem generellen Maßhalten bei Essen und Trinken.

Vor allem was das Trinken betrifft, ist Pfeifenberger nach Ansicht der ihm bekannten Leute ein recht kauziger Genosse. Obwohl es eigentlich die Art der Innergebirgler ist, große Mengen an Alkohol in sich hinein zu schütten, wird man Pfeifenberger nie auch nur mit einem großen Bier erwischen. Abgesehen davon, dass er sowieso wenig trinkt, trinkt er auch nur in kleinen Portionen. Ein Seitel Bier ist ihm da oft schon zu viel – lieber hat er einen Pfiff. Dem Wein kann er höchstens zum Essen etwas abgewinnen, und auch da trinkt er ihn nur, wenn er ihn bereits als Zutat verwendet hat. Schnaps trinkt Pfeifenberger nur in Ausnahmefällen bzw. aus „medizinischer Notwendigkeit“, wie er es nennt. Wenn ihn der Magen drückt, greift er gern zum Nussschnaps, den er immer bei einem Lungauer Bauern kauft. Im Lokal lässt er sich nur ungern einladen, aber wenn, dann weiß ein jeder, dass der Pfeifenberger nur Kalmus trinkt. Denn auch der wirkt beruhigend auf Geist und Körper. „Nur keine Aufregung!“, das ist die Pfeifenberger'sche Devise und also trinkt er niemals Vodka oder Rum. Nicht pur und schon gar nicht mit irgendwelchen Mixgetränken.

Manche Leute meinen, der Pfeifenberger würde den Kalmus und den Nussschnaps sowieso nur deswegen trinken, weil ihm das kleine Schnapsglas so gefiele. Da mag etwas dran sein, denn auch am Pfiffglas gefällt ihm nicht nur die kleinere Portion Bier, sondern eben auch die „Haptik und Optik“, so er, des kleineren Glases. Vulgär würde es aussehen, müsste der Pfeifenberger ein Halbeglas (oder gar ein Mass!) jedes Mal zum Mund stemmen, wollte er daraus trinken. Es würde aussehen, als hätte ihm jemand etwas zu Fleiß getan, und Pfeifenberger wäre darüber auch gewiss nicht glücklich! „Eine Halbe, das ist ja pervers“, soll er einmal gesagt haben als ihm jemand eine solche spendieren wollte. Niemals wird man Pfeifenberger am Oktoberfest Masskrüge heben sehen, und dieses Faktum allein beweist schon die grundrichtige Geordnetheit unserer Welt.

Nicht nur, was die Größe des Glases anbelangt, ist Pfeifenberger eher ein Mann des Maßhaltens statt des Masshaltens (ein derartig dümmlicher Wortwitz sei dem Berichtenden hier ausnahmsweise erlaubt): Auch was die Wahl der Getränke anbelangt, lobt Pfeifenberger sich die Miniatur. So ist sein eigentliches Lieblingsgetränk der Radlerpfiff. Man merkt schon: Der Pfeifenberger ist kein ungeselliger Mensch, aber übertreiben will er es deswegen auch nicht! An manchen Abenden verzichtet Pfeifenberger gänzlich auf Alkohol. Stattdessen trinkt er Limonade oder Apfelsaft. Sollte er dabei auf eine besonders gesellige Runde stoßen, die sein analkoholisches In-der-Bar-Stehen als Dreistheit empfinden, gibt er dem Wirt seines Vertrauens ein Zeichen, worauf ihm dieser quasi im Geheimen ein Schlossgold einschenkt. Je geselliger und fordernder die Runde, desto unwahrscheinlicher ist es, dass einem dieser Kniff (auf den Pfeifenberger besonders stolz ist, wie er einmal verraten hat) auffällt. Das aber ist freilich bloß eine Notlösung, denn das alkoholfreie Bier wird in der betreffenden Kneipe nur in Halbliterflaschen ausgeschenkt. Der Wirt füllt dem Pfeifenberger das Schlossgold zwar in ein Seitelglas, aber es bleibt doch immer noch ein Pfiff in der Flasche zurück, der nach einiger Zeit zum sogenannten „Hansl“ wird – einem letzten, abgestandenen und schier ungenießbaren Bierrest, den nur Alkoholiker oder ganz Verzweifelte zu trinken vermögen. Davon nimmt Pfeifenberger freilich Abstand.

Manchmal, wenn Pfeifenberger die ihm unzuträgliche Einrichtung der Welt beklagt, meint er: „Das ideale Getränk für mich, das wäre ein Schlossgold-Soda-Radler-Pfiff.“ Dabei ignoriert er das überraschte Gesicht seines Gegenübers und fügt seufzend hinzu: „Aber wer schenkt das schon aus?“ Und wenn er das sagt, dann schaut er, als ob es kein Morgen gäbe, und für einen kurzen Moment erwischt man sich selbst dabei, über eine solche Tatsache ein wenig Traurigkeit zu verlieren. „Komm, trink noch einen Apfelsaft, ich lade dich ein!“, sagt man dann und hofft, dass es ihn aufmuntert. „Nein danke. Mir ist eh schon schlecht“, wird er dann antworten und an schlechten Tagen heimgehen. An guten Tagen aber lässt er sich zu einem Kalmus überreden. Und wenn dann das kleine Schnapsglas vor ihm steht, sieht man seine Augen wieder ein wenig funkeln.

Samstag, 25. August 2012

Arge Vermutungen

Am Wegesrand liegt Müll. Niemand will ihn da hingeworfen haben. Er ist wohl von selbst dorthin getragen worden, oder vom Wind, dem Wind, dem himmlischen Kind. Beim Müll handelt es sich um eine schnöde Chips-Packung, aus der wohl gierige Münder genascht haben. Sie glänzt in der Sonne, was nicht allein dem Material geschuldet ist, aus dem solche Sackerl gemeinhin gemacht werden. Auch die fettigen Finger der fleißigen Esser haben ihre Spuren auf der Packung hinterlassen. So liegt das Sackerl am Wegesrand und glänzt edel vor sich hin.

Nun mag man allerhand Spekulationen anstellen über den Ursprung dieses Chips-Sackerls. Wer hat es gekauft, wer gegessen und wie kam es am Wegesrand zu liegen? Niemand wird behaupten, es absichtlich dort hingelegt zu haben. Überhaupt „legt“ niemand irgendeinen Müll irgendwohin. Müll wird immer weggeworfen. Zwar wirft man ihn selten in hohem Bogen davon (etwa aus dem fahrenden Auto, obwohl auch das vorkommen soll), aber zumindest lässt man ihn achtlos fallen. Achtlos ist dieses Chips-Sackerl wohl also einer fettigen Hand entglitten. Und, da es einmal unten lag, bemühte sich niemand mehr darum, es vom Boden aufzuheben. Vielleicht ertönte noch ein keckes Kinderlachen ob dieser Dreistigkeit, dieser fälschlicherweise (in Kinderaugen) als rebellisch verstandenen Achtlosigkeit. „Hehe!“, machte das Kind wohl und schlich verstohlen von dannen.

Aber nun bin ich schon in die erste Interpretationsfalle gegangen, da ich annehme, es müssen unbedingt Kinder gewesen sein, die dieses Umweltverbrechen begangen haben. Kein Erwachsener, sagt mir mein blauäugiger Verstand, wird es fertig bringen, eine leere Chips-Packung einfach so wegzuwerfen! Ich nehme das Corpus Delicti als Indiz für unreifes Verhalten bzw. kindliche Dummheit, anstatt es als jene unbedachte Rotzigkeit eines erwachsenen Menschen zu verstehen, die es vielleicht war. Womöglich hat sich sogar ein feiner Herr oder eine feine Dame diesen Aplomb geleistet? Ich werde es nie mit Sicherheit wissen können.


Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass es genau so war:
Eine Gruppe Araber schlurft durch die Stadt: Drei Männer, fünf Frauen, acht Kinder. Kinder und Männer schreien durcheinander, Frauen murmeln unter ihren Schleiern Unverständliches. Die Kinder werden mit ungesundem Essen ruhig gestellt, in diesem Fall mit Chips, welche sie binnen kürzester Zeit aufgegessen haben. Die Chipstüte wird weggeworfen, und zwar auf dem Boden, nur wenige Meter von einem Mistkübel entfernt. Frauen und Männer sehen zu und sagen nichts, weil ihnen das Konzept Mülleimer unbekannt ist und sie das zu Hause genauso machen.

Grauenhaft, diese vorurteilsbelastete Vermutung, nicht? Wie gesagt, nie werde ich wissen können, ob ich damit Recht behalte. Aber dass auf dem Chips-Sackerl arabische Schriftzeichen zu finden sind, stützt meine Spekulationen schon wesentlich...

Freilich kann es aber auch besagter feiner Herr gewesen sein, der sich bisweilen (weil seines Zeichens Kartoffelchips-Connaisseur) an fremdländischen Spezialitäten versuchte. Von den arabischen Chips unbeeindruckt, ließ er die Packung angewidert fallen. Den Rest erledigten die nun sehr durstigen Spatzen. Ja, auch so könnte es gewesen sein! Welcher Annahme man nun folgen will, bleibt jedem selbst überlassen...

Freitag, 30. März 2012

10 stille und weniger stille Gerüche


Der Frühling startet durch hier in Graz. Und er beschert uns 10 Gerüche, die wir den Winter über vermisst haben.

Der Geruch vom Murufer: Jeder Grazer kennt den Geruch, der einem in die Nase steigt, wenn man im Innenstadtbereich die Mur entlang geht, oder auch nur einem Murufer zu nahe kommt. Faulig riecht es da, aber eben auch irgendwie lebendig. Böse Zungen behaupten, der Geruch stamme von den Leuten, die da im Sommer gerne herumgammeln. Das kann aber nicht sein, denn die tragen höchstens dazu bei, dass der faulige Murgeruch hin und wieder von Marihuanaschwaden durchdrängt wird und sich dergestalt versüßt, dass man glaubt, man stünde vor einem brennenden Schweinestall, in dem ganz viele kleine Karamel-Schweinderl hausen. Ansonsten riecht es dort leider einfach nur schlecht.

Der Geruch von Kanal: Nur bei seltsamen Wetterlagen drängt er im Winter aus dem Grazer Untergrund nach oben: Im Sommer hingegen ist der Kanalgeruch fast ein Klassiker und in seinem Wesen dem Geruch vom Murufer gar nicht so unähnlich. Gemein am Kanalgeruch ist nur, dass er hotspotartig auftritt, und einen also meistens überraschend in die Nase fährt, wohingegen man ja genau weiß, worauf man sich einlässt, wenn man dem Murufer zu nahe kommt.

Der Geruch von vergossenem Alkohol: Ja, auch im Winter riecht es in der ganzen Grazer Innenstadt nach Glühwein- und Punschresten. Im Sommer jedoch eröffnen sich den verschütteten Getränken vielfältige Möglichkeiten, auch noch Stunden nach dem Austreten zu belästigen. Versickert etwa Bier im warmen Boden des Stadtparks – im Laufe des Sommers werden es mehrere Hektoliter sein – ergibt das alsbald den so typischen Festivalgeruch, also den Geruch von falsch verstandener Freiheit. Überhaupt fördert die Wärme im Frühling und Sommer ja in jeder Weise die Geruchsentwicklung. Ideale Bedingungen also, denn so viele Spritzwägen hat die Stadt Graz gar nicht, dass sie dem Alkgeruch Herr werden könnte.

Der Geruch von Feinstaub: Zugegeben, richtig gerochen habe ich den Feinstaub noch nie. Aber dass er da ist, merkt man in jedem Fall. Es sind nicht nur die Abgase direkt an der Straße, die einem in das Gesicht stinken, es ist die „dicke Luft“ überhaupt, der man in Graz gar nicht entrinnen kann. Das muss sich nicht unbedingt in einem bestimmten Geruch niederschlagen, aber es erlaubt einem auch nicht, in der Früh das Fenster aufzureißen, einen tiefen Zug zu nehmen und entspannt „Aaah!“ zu sagen. Manchmal aber, wenn man sich wieder mal sehr sauerstoffunterversorgt vorkommt in Graz, dann meint man, den Feinstaub sogar riechen zu können. Er riecht wie eine alte, elektrostatisch aufgeladene Wolldecke und so gefährlich harmlos giftig.

Der Geruch von Grill: Ob im Schrebergarten oder auf Balkonen von Wohnhäusern: Man hat das Gefühl, dass die Grazer das ganze Jahr hindurch grillen. Im Jänner mag es einmal eine kurze Pause gegeben haben, aber ansonsten glimmt in dieser Stadt der Grill andauernd. Trotzdem lässt sich zum Sommerbeginn natürlich ein signifikanter Anstieg an Rauchschwaden verzeichnen, die sich in den feinstaubverhangenen Grazer Himmel schlängeln. Dann riecht es wieder überall nach verbranntem Fleisch, mit dem sich Studenten wie Pensionisten gleichermaßen die von der ersten Sonne geröteten Bäuche vollschlagen. Gustiös ist der Grillgeruch irgendwann nicht mehr, denn er hat den Zauber des Besonderen, der ihm noch in mancher Kindheit anhaftete, verloren. Nicht nur am Mittwoch oder am Sonntag wird hier gegrillt, sondern an jedem Werk- und Feiertag und zwar überall, am besten drei Mal täglich.

Der Geruch von billigem Parfum: Frühlingszeit ist Paarungszeit und deshalb greifen Männlein wie Weiblein zu jedem erdenklichen Mittel, um sich dem jeweils anderen (oder dem eigenen) Geschlecht schmackhaft zu machen. Nicht selten sind hierbei zweifelhafte Düfte Mittel zum Zweck. Dass Männer bei der Parfumwahl selten Geschmack beweisen, ist bekannt. Deshalb gibt es jedes Jahr einen neuen Duft von Axe, der sich auch verkauft. Leider greifen auch immer mehr Mädchen zu jener Massenware, welche über Drogerieketten unter dem Schlagwort „Frühlingsduft“ werbewirksam in Umlauf gebracht wird. Parfums dieses Genres sind meistens süß, riechen also irgendwie lieb und nach Blumen oder Zuckerl und das passt nach Meinung hormongeschwängerter Mädchenköpfe gut zum Frühling und den kurzen Rockerln. Dann stinken die wandelnden Zuckerlgeschäfte über den Campus und in der Sporgasse herum, solange bis das Flascherl leer ist oder der Kopf endlich sagt, dass ihm das eigentlich zu süß sei. Dabei wissen doch alle, dass der allerbeste Frühlings- wie auch Sommerduft der Geruch von Sonnencreme auf gepflegter Frauenhaut ist!

Der Geruch vom Schlossberg: Ich weiß gar nicht, ob der Schlossberg im Winter nicht gleich reicht wie im Sommer – wahrscheinlich schon. Aber die schlagende Kühle, die im Sommer aus dem Berg in die aufgeheizten Grazer Gassen strömt, verleiht dem strengen Höhlengeruch eine fast erfrischende Note. Was eigentlich nach Grab riechen sollte, riecht so nach Steinbruch in einer Vollmondnacht, also nur nach Grabesnähe. Gerne lasse ich mich an einem heißen Hochsommertag von dem klammen Wind anwehen und sauge die Luft aus dem Innern des Schlossberges ein, während ich mir vorstelle, wie tief drin im Stollen von Fledermäusen verkackte Tropfsteinhöhlen atmen. Herrlich!

Der Geruch von Eisdielen: Eisdielen riechen im Idealfall nach gar nichts. Eigentlich sind Eisdielen die einzigen Geschäfte, in die man hineingeht und die nach nichts riechen – zumindest wenn dort nur Eis verkauft wird. Das Eis selbst ist zu kalt, um nach seiner Geschmacksrichtung zu duften und sonst gibt es dort nichts, was riechen könnte. Höchstens nach ausgeronnenem Kühlwasser könnte es dort stinken. Aber in solche Eisdielen – wenn es sie in Graz, der Eishauptstadt Österreichs, überhaupt geben sollte – geht man sowieso nicht hinein. Das Innere von Eisdielen riecht steril, und zwar steriler als eine Arztpraxis oder ein Krankenhaus je riechen können: nämlich eben nach gar nichts. Achten Sie mal drauf!

Der Geruch von Tennisplätzen: Zugegeben, jemandem, der nicht Tennis spielt, wird das nicht viel sagen. Aber schließlich kann ich auch nicht auf jene Leute Rücksicht nehmen, die partout in keine Eisdiele zu bekommen sind. Dabei hat der Geruch von Sandplätzen die bemerkenswerte Eigenschaft, sich an die Umgebung anzupassen. So reagiert der gebrannte Kalk nicht nur auf die Temperatur im Laufe des Tages, sondern auch auf die Menschen, die auf ihm gelbe Filzbälle umher dreschen. Gibt er sich morgens noch kühl und nüchtern wie Kies, schwingt er sich in den heißen Mittagsstunden zu einem Geruch auf, der, heiß und giftig, jenem von Sommer-Baustellen nahe kommt, um dann am späteren Nachmittag, bereits die unzähligen Schweißtropfen der Spieler aufgesogen habend, einen gutmütig müden wie auch beruhigenden torfähnlichen Geruch anzunehmen. So lästig der Sand sich in sämtlichen Ritzen der Kleidung festzusetzen weiß, so reizvoll ist sein Geruch, dessen Kondensat einem noch einmal in die Nase steigt, wenn man sich unter der Dusche den rötlichen Rest von den Beinen wäscht und dieser sich wirbelnd in den Abfluss drängt.

Der Geruch von Straßenbahnen: Die öffentlichen Verkehrsmittel im Sommer zu benutzen, ist ein sehr zweifelhaftes Vergnügen. Der Schweißgeruch der Passagiere verübelt einem den schönsten Sonnentag, zumal an Tagen, an denen am Nachmittag ein an sich vernüglicher Sommerregen niedergeht, es in den Bims feuchtwarm und stickig wird. Sollte man aber in den seltenen Genuss eines leeren Straßenbahnwaggons kommen, erlaubt das warme Klima es der Maschine, ihre sämtlichen olfaktorischen Reize auszuspielen. Man glaubt dann, jede einzelne Schraube, jede Dichtung, jeden Gummi riechen zu können. Dazu kommt der wohlige Geruch von Maschinenöl, Bremsen, Elektrizität und wenn Eisen sich an Eisen reibt, quietscht das nicht nur schön schaurig und irgendwie urig, sondern man glaubt es auch duften zu hören – eine synästhetische Sinfonie von besonderer Anmut, die man den klapprigen Viechern gar nicht zutraut.

Dienstag, 7. Februar 2012

Traditionelle Diät

Die Bond-Methode:


Some tagliatelle verdi came, and the wine, and then a delicious escalope. 'Oh it is so good', she said. 'Since I came out of Russia I am all stomach.' Her eyes widened. 'You won't let me get too fat, James. You won't let me get so fat that I am no use for making love? You will have to be careful, or I shall just eat all day long and sleep. You will beat me if I eat too much?'
'Certainly I will beat you.'

Ian Fleming - From Russia with Love

Montag, 19. Dezember 2011

Zeller Weisheit


"Friara hod ma gsogg, dasam Montoug Gnedltoug is. Heitzatougs kimmb ma fieh, da Montoug is ehanta Kähwapptoug!"

Montag, 21. November 2011

Der Schöpfer

Jemand schuf ziemlich am Anfang Himmel, Erde und alles, was es sonst noch so zu bestaunen gibt. Diesen jemand nennen wir den/die SchöpferIn. Nennen wir ihn doch einfachheitshalber den Schöpfer und denken uns die Schöpferin mit. Weil ohne das Wort „Schöpfer“ funktioniert dieser Text nicht so richtig.

Was mich zunächst ein wenig verwirrt, ist, dass der Schöpfer gar nicht schöpft, sondern vielmehr schafft. Es heißt ja, dass er „schuf“, und nicht, dass er „schöpfte“. Trotzdem sprechen wir von einem Schöpfer und nicht von einem Schaffer. Vielleicht, um nicht unabsichtlich von einem „Schaffner“ sprechen zu müssen; vielleicht aber auch deswegen, weil, wer viel schafft, irgendwann erschöpft ist und am siebenten Tage ruhen muss. Der Schöpfer ist demnach der Erschöpfte und viel weniger der Erschaffene, denn dann hätte er sich ja selbst erschaffen und eine solche Vorstellung bringt uns ganz schnell in die größten ontologischen Schwierigkeiten. Ja hat denn den Schöpfer wer erschaffen? Das sind Fragen, die man nicht fragen darf. So wie die Physiker das nicht mögen, wenn man fragt, was vor dem Urknall war. Dann sagen sie entweder „nichts“ oder „alles“ oder „etwas“, aber erklären können und wollen sie es einem nicht. Und könnten sie es, so würde man es eh gar nicht wissen wollen.

„Hol mir doch mal den Schöpfer aus der Lade“ ist ein Satz, den man in einer Küche zu hören bekommt. Der Schöpfer also ruht seit seinem Schaffen erschöpft in einer Schublade und wartet darauf, herausgeholt zu werden – und zwar zum Zwecke des Schöpfens und nicht des Schaffens. Denn mit dem Schöpfer in der Küche schöpft man Essen aus Pfannen auf Teller. Zum Beispiel Schupfnudeln. Da wird der Schöpfer zum Haushaltsgehilfen, zum einfachen, aber praktischen Küchenwerkzeug. Soviel also zur Frage, was der Schöpfer nach der Schöpfung gemacht hat. Er ruhte sich in einer Küchenlade aus.

Aber auch wir werden manchmal zu wahren Schöpfern und Schöpferinnen. Entweder, wenn wir fleißig sind und viel arbeiten und uns noch dazu in gewissen Regionen Österreichs befinden. Dann wird nämlich von uns behauptet werden, dass wir „urdentlich schepfn“. In Deutschland heißt das in gewissen Regionen „malochen“. Wir kennen, dem Schöpfer sei Dank, auch noch das Wort „hackeln“, weswegen es bei uns zur Hacklerregelung kam und nicht zur „Schepferregelung“. Dieses Wort ist allein deswegen schon hässlich, weil man es so lesen kann, dass „Schepf-erreglung“ daraus entsteht. Und „erregelung“ klingt furchtbar; das „Schepf“ davor, macht es nicht besser. Dann lieber Hackl.

„Schnee schepfn“ als österreichisches Pendant zum piefkenesischen „Schnee schippen“ (was wissen die schon davon?) begegnet uns in der Winterzeit sehr häufig. Witzigerweise klingt, transkribiert man die dialektale Wendung ins Hochdeutsche, die damit beschriebene Tätigkeit höchst unglaubwürdig. Vgl. die Wendungen „ich schöpfe Schnee“ oder „sie schöpft Schnee“. Denn auch die „Schneeschöpfung“ ist ein Vorgang, der schon lange vor unserer Zeit vom Schöpfer erledigt wurde und um die wir uns keine Sorgen mehr machen müssen. Trotzdem sind wir vom vielen Schöpfen des Schnees bald erschöpft bzw. vollkommen geschafft.

Der Schaffende schöpft, der Schöpfer schafft. Oder auch: Der Schaffner schafft, die Schnepfe schöpft; doch was schuf eigentlich der Schuft? Irgendwie werden wir aus diesem ganzen Wortwirrwarr nicht schlau. Wer sich allerdings mit dem Gedanken des Schöpfers in der Küchenlade so gar nicht anfreunden mag, dem sei angeraten, zum Schöpfer in Zukunft „Kelle“ zu sagen. Und mit der kann er oder sie dann sogleich Schnee schippen gehen. Nach Hamburg, auf die Autobahn. Mit Kalle.

Sonntag, 6. November 2011

Wenn es "wildelt"

Am Abend gab es Hirsch. Der Koch wurde gelobt, weil der Hirsch nicht "gewildelt" hat. Das habe nichts mit dem Kochen zu tun, so der bescheidene Koch abwehrend, sondern damit, wann der Hirsch geschossen wurde. Brünftige Hirschen "wildeln" mehr. "Aha, jaja", machen die Gäste. Von wem er den Hirsch habe, und ob der gewildert wäre, fragt man den Koch scherzhaft. Ich sage, dass es gewildert wohl besser schmecke als gejagt. Der Koch und die Gäste lachen. Das müsse ich als Schmittinger wohl am besten wissen, sagt mir mein Gegenüber augenzwinkernd.

Der Dessertwein ist gut. Ein Kracher, sagt man mir. Ich finde, das ist übertrieben. Dann eröffnet sich mir, dass damit das Weingut gemeint ist. Weingut Kracher, Illmitz, Burgenland. "Achso!", mache ich in mich selbst hinein und amüsiere mich über meine diesbezügliche Ahnungslosigkeit. Der Kracher sei schon gestorben, heißt es - leider. Aber der Wein schmeckt immer noch ausgezeichnet. Weltruhm habe er mit dem Süßwein erlangt.

Den Grappa lassen wir Jungen aus. Stattdessen trinken wir Vodka lemon. So jung, so dynamisch. Mit Red Bull könne ich es nicht mehr trinken, meine ich. Da schlafe ich schlecht. Mein Gegenüber überrascht mich mit der Aussage, dass er gern Red Bull trinke. Er sagt "ein Red Bull" und das, obwohl er damit nicht aufgewachsen ist, so wie ich. Ältere Leute sagen ja oft "einen Red Bull", weil der Bulle ja männlich ist. Dieser ältere Herr überrascht mich also doppelt. Ich sage, ich würde das "nicht mehr" erleiden und trinke es eigentlich nur noch beim Autofahren. Das lange Ennstal, jaja. Schrecklich alt komme ich mir jetzt vor, weil ich kein Red Bull mehr erleide, - mein Gegenüber aber sehrwohl und auch seine Frau trinke es gern, wie sie mir versichert.

Die Gastgeberin erzählt, wie sie den Koch kennengelernt hat. Also eigentlich ihren Mann, der für diesen Abend der Koch ist. Beide waren sie Schilehrer damals. Sie eine Anwärterin, er schon ein gestandener Schilehrer. Eingestaubt habe er sie alle und lässig dagestanden sei er. Seinen Kollegen, der die Ausbildung geleitet hat, habe er gefragt, was für Hasen dieser heute parat hätte. Unsympathisch sei das gewesen. Aber später habe er ihr einmal geholfen, als sie mit den Kindern beim Schlepplift war und alle Hände voll zu tun hatte. Das habe der Kollege nicht gemacht, der sei nur dagestanden und habe gegrinst. Es zahlt sich also doch aus, wenn man einmal nett auch ist und nicht nur lässig dasteht. Später haben sie sich dann auf einer Schihütte wieder getroffen. Beim gemeinsamen Runterfahren, sagt der Koch, habe er dann gewusst, dass er sie jetzt habe. "Die hab ich", hat er sich gedacht. Alle lachen, weil es eine schöne Geschichte ist und sie so schön erzählt wurde.

Beim Dessert habe ich dann Dessertwein, Kaffe und Vodka lemon vor mir stehen. Aber auch diese Kombination schmeckt gut. Man muss es ja im Mund nicht mischen. Und im Magen kommt ja bekanntlich eh alles zusammen. Die Jugend meint, dass früher alles besser gewesen sei. Wir (also die Vodka-lemon trinkende Jugend) klingen neidig, weil die Älteren so tolle Geschichten erzählen. Es klingt alles so heimelig und spannend zugleich. Ganze Gruppen von Schihaserln seien da immer gekommen, aus Schweden, Holland und Dänemark. Fesch! Heute kommen ja nur mehr die dicken Engländerinnen - was haben wir es schlecht! Nein nein, früher sei auch nicht alles so rosig gewesen, versichert man uns. Man erinnere sich halt nur an die schönen und lustigen Sachen. Dass aber früher alle rauschig Auto gefahren sind, das stimme schon. Und beim Schifahren habe keiner einen Helm getragen. Heutzutage geht das ja nicht mehr. Die Technologie! Alles schneller, viel mehr Leute. Und rücksichtslos sind die! Deswegen gehe ich immer nur in der Früh, sage ich. Ja, da sei es auch am schönsten, bestätigt man mich.

Diese Gegend ist voller unhingehbarer Wahrheiten, denke ich mir. Das ist gut, aber auch schlecht. Einerseits ist das irrsinnig konservativ. Wobei, wenn hier etwas konserviert wird, kann das ja so schlecht auch nicht sein. Andererseits nimmt auch keiner die Wahrheiten so wahnsinnig ernst. Der Witz stirbt zuletzt und wer zuletzt lacht, der muss ein Schnapserl mehr trinken.

Dumm ist auch, wenn man sagt, etwas sei gut, aber auch schlecht. Mein Vater erzählt mir öfter, dass ich als kleiner Bub beim Spazierengehen einmal einen Kuhfladen nachdenklich betrachtet habe. Anscheinend habe ich dann gesagt, dass es schon interessant sei, dass überall, wo etwas Schlechtes ist, auch etwas Gutes sei. Mein Vater hat sich über mich gewundert. Ich habe mich über die Fliegen gewundert, die die Kuhscheiße so interessant fanden. Gut, aber auch schlecht. Was denn nun? Ich weiß es bis heute nicht. Und will mich auch nicht entscheiden. Wie sagt man hier? Es hilft eh nix. Oder: wenn's nicht hilft, schadet es auch nix. So wie Topfenwickel oder Essigpatscherl.

Sonntag, 18. September 2011

9 Gründe, warum ich noch kein Amerikaner bin

Kulturelle Assimilation - eine interessante Sache. Das ist, wenn man sich anpasst. Passiert umso häufiger und heftiger, je größer die Unterschiede zur eigenen Kultur sind. Und natürlich je abhängiger man von diesem Umfeld ist. Lebt man über zwei Monate mit einer amerikanischen Familie zusammen, wird man notgedrungenerweise einiges von deren Lebensstil übernehmen. Nicht wegen übermäßiger Begeisterung über den amerikanischen Lebenswandel, sondern einfach nur, weil es vieles im Alltag einfacher macht. "When in Rome do as the Romans do", sagen die Amerikaner gern, halten sich aber selber kaum daran. Ich versuche, diesem Motto getreu zu handeln und habe es bisher großteils genossen. Ein paar Sachen gibt es aber schon, an die ich mich nicht gewöhnen kann - und die mich daran erinnern, dass ich noch kein richtiger Amerikaner bin.

  1. Meine Konfektionsgröße ist noch nicht groß genug. So musste ich gestern entsetzt feststellen, dass mein übliches Large nicht immer jenes Large ist, das ich von daheim gewohnt bin. Ich bin hier nicht large, zumindest nicht immer. Manchmal bin ich nur medium. Auch gut, denn als ich mich im amerikanischen large-Hemd verschwinden sah, erkannte ich die Eleganz amerikanischer Mittelmäßigkeit. Schockiert musste ich feststellen, dass es hier auch XXL-Pullover gibt. Das sind dann mittlere Pferdedecken für Menschen, dessen Dimensionen mich schon in der bloßen Vorstellung gleichermaßen einschüchtern wie erschrecken.
  2. Ich dachte, ich hätte mich an die ubiquitäre Vollklimatisierung gewöhnt. Doch gerade in den letzten Tagen, da der September seine herbstlichen Züge in Form von tieferen Temperaturen offenbarte, fand ich immer wieder Orte vor, an denen vergleichsweise arktische Gegebenheiten herrschten. Es mag vielleicht herrlich sein, sich in ein Auto setzen zu können, in dem es 18 Grad hat, während es draußen 40 Grad hat. An einem Septembermorgen bei erfrischenden 21 Grad aber in eine Kirche zu spazieren (die übrigens ein ausgemustertes altes Kino ist), wo man dann bei gefühlten 14 Grad einer Predigt lauschen darf - das erinnert dann zu sehr an die katholischen Verhältnisse daheim. Zumindest klimatisch gesehen. Ich mag also nach wie vor keine Klimaanlagen.
  3. Weil wir gerade beim Thema sind: An die Allgegenwart Gottes kann ich mich auch nur schwer gewöhnen. Es ist gut zu wissen, dass man nicht allein ist auf der Welt, aber hier findet man Gott auf Münzen, auf Nummerntafeln, im Fernsehen, in den Facebook-Statusmeldungen neu gewonnener Bekannter und vor allem in den alltäglichsten Gesprächen - zum Beispiel im Supermarkt zwischen Tür und Angel oder an der Verkaufstheke. "Garst du mir die Shrimps, während ich noch Brot und Gemüse kaufe?" - "Ja, gerne!" - "God bless you!" Was ich aber zugeben muss: Die Gottesdienste hier sind ziemlich lässig und gar nicht so blöd. Wer weiß, was mit mir passiert wäre, wäre ich hier noch länger geblieben und jeden Sonntag in die Kirche gegangen...
  4. Ich esse immer noch zu gerne mit Messer und Gabel. Amerikaner haben das nicht so gern und daran ist gar nicht die Fastfood-Kultur (was immer das auch auch sein soll) schuld. Denn auch extrem slow Gekochtes nimmt der Amerikaner gern in die Hand. Man schneidet mit dem Messer, aber sobald sich eine Möglichkeit bietet, das Besteck zur Seite zu legen, wird das auch getan. So ergibt sich auch die Eigenartigkeit, manche Speisen mit Messer und Gabel in kleine Stücke zu schneiden, sodann das Messer zur Seite zu legen, bevor die Gabel von der linken in die rechte Hand wandert, welche dann das Essen zum Mund führt. Weil das so kompliziert ist, lässt man das Besteck so oft es geht lieber gleich ganz weg.
  5. Mülltrennung halte ich für eine gute Sache. Deswegen graut es mir immer noch davor, Bananenschalen in einen Mülleimer zu werfen, wo schon Plastikverpackungen, Aludosen, Papier und Glas zusammen mit verschiedensten Essensresten sich ein munteres Stelldichein geben. Oft mache ich daher die Augen zu, wenn ich etwas wegwerfe. Ja, ich gestehe: Ich verschließe die Augen vor dem Grauen der Welt, vor der gesellschaftlichen Unverantwortlichkeit usw. Aber es geht nicht anders. Zudem wird mir immer wieder versichert, es gebe "Mexikaner", die für das Sortieren unseres Hausmülls bezahlt würden. Na dann...
  6. Gewehre und Pistolen sind für Soldaten, Polizisten und Jäger. Es sind keine Sammel- und Fetischobjekte, mit denen man mal eben schnell hinters Haus geht und die Nachbarn erschreckt. Selbstverteidigung? Von mir aus, aber dafür reicht doch auch eine Pistole - dafür braucht man keinen Schrank voll.
  7. Nicht jedes Getränk muss so gekühlt sein, dass es beim Trinken weh tut. Amerikaner sind Eiswürfelfanatiker. Ohne Eis ist ein Getränk kein Getränk. Egal, ob es sich bis unmittelbar vor dem Konsum im Kühlschrank befunden hat oder nicht. Du trinkst Wasser (das aus dem Kühlschrank kommt) ohne Eis? Gibt's nicht. Tu doch Eiswürfel rein! Warum? Weil es dann kälter ist! Wie, du willst es nicht kälter? Schön kalt muss es sein, sonst kann man das ja überhaupt nicht trinken. - Was, du meinst, das viele Eis nimmt deinem Getränk den Geschmack? Das Getränk muss doch nicht schmecken, es muss kalt sein! Tut mir leid, ich verstehe das bis heute nicht. Ich verwende Eiswürfel nur dann, wenn ich ein Getränk gekühlt haben will, das vorher ungekühlt war. Kälte ist keine Geschmacksrichtung, der ich etwas abgewinnen könnte. So zweifle ich bis jetzt auch an der Geschäftsidee meines Onkels, in Österreich Eiswürfel zu verkaufen. "Believe me, they would love it!", sagt er. Dass wir Eiswürfel haben, sie nur nicht überall hineingeben, versteht er gar nicht.
  8. Ich glaube nicht, dass Zu-Fuß-Gehen eine niedere Form der Fortbewegung ist. In den USA - zumindest in den ländlicheren Gegenden, werden Leute, die zu Fuß gehen, belächelt. Wer zu Fuß geht, muss wohl irgendwas falsch gemacht haben - er kann es sich wohl nicht leisten, zu fahren. Jeder Meter zu Fuß ist einer zu viel, denn Gehen ist anstrengend. Warum sollte man also gehen wollen? Das Konzept des Spazierens würde ich hier gerne mal vor einem größeren Publikum erläutern und dann in der Empörung, die mir förmlich entgegenströmen würde, baden.
  9. Kartoffelchips sind keine Beilagen für Sandwiches, Hotdogs oder andere "Hauptspeisen". Es sind ungemein ungesunde Knabbereien, von denen man möglichst wenig essen sollte. Hier wird man ernsthaft gefragt, ob man Kartoffeln oder Chips als Beilage für sein Abendessen haben möchte. Chips sind hier Grundnahrungsmittel. Müsste man das Notwendigste einkaufen, das eine amerikanische Familie an einem typischen Tag braucht - Kartoffelchips dürften auf keinen Fall fehlen. Milch, Brot (haha), Fleisch, Käse (haha) Chips, Kekse/Cracker. Speck und Eier vielleicht noch, dann hat man alles. Das Gute daran: Amerika ist ein Paradies für Kartoffelchips-Connaisseure - keine Sorte, die es hier nicht gibt. Das Schlechte daran: Man sieht es den Menschen an.
Man sieht: am schwierigsten gestaltet sich die kulturelle Assimilation beim Essen. Das Essen ist auch das, was ich am wenigsten vermissen werde. Nicht, dass es schlecht wäre. Es gibt hier natürlich auch viele interessante kulinarische Sachen zu entdecken. Aber irgendwie lässt dann die Bandbreite an tatsächlich gegessenen Nahrungsmitteln (Steak, Hühnchen, Speck, Bohnen, Kartoffeln) und deren Zubereitungsarten (frittiert, gekocht, gegrillt) doch zu wünschen übrig.

Donnerstag, 15. September 2011

Newer Leans?

Das englische Adjektiv „lean“ erscheint mir als eine nette, elegante Art, kümmerliche Dinge zu beschreiben. Wo immer ein bisschen zu wenig vorhanden ist, sage man „lean“ und schon klingt es wie eine edle Eigenschaft. Manche mögen behaupten, dass in New Orleans vieles „lean“, manches sogar zu „lean“ ist, dass die Beschreibung einiger Dinge stärkere Wörter wie „shabby“ oder gar „desolate“ verlangen würde. Das sind aber genau solche Leute, die einen ungläubig anstarren, wenn man ihnen erzählt, dass man vorhabe nach New Orleans zu fahren. Leute, die einen den blödsinnigen Tipp geben, ein Schlauchboot mitzunehmen. Blödsinnige Leute eben.

Gegen die gemeine Verunglimpfung durch euphemistische, substantivierte Adjektive, vor allem in Verbindung mit einem ironisch-antagonistischen „newer“, wehren sich die New Orleanians schon mit der Aussprache des Namens ihrer Stadt. So betonen sie stolz die erste Silbe von Orleans und nicht das New. Anstatt eines „Newer Leans“ erhält man so ein staunendes „New Oah!leans“. Damit sollen sich vor allem die Anfänger beschäftigen, denn gerade diese sollen gefälligst das Staunen lernen. Fortgeschrittene dürfen dann „N'awlins“ sagen - lässig, informiert und Kaugummi kauend.

Warum soll man also das Staunen lernen in New Orleans? Ein alter Grieche hat einmal behauptet, im Staunen liege der Beginn der Philosophie. In New Orleans braucht man aber keine Philosophie, sondern nur Augen und vor allem Ohren. Das Staunen in New Orleans gleicht vielmehr jenem Staunen, mit dem man zum ersten Mal einen Song seiner zukünftigen Lieblingsband hört. Ein aufgeregtes „Was ist das?“ schleicht einem langsam ins Bewusstsein, wird immer dringlicher und nimmt einen schließlich ganz ein. Man will um jeden Preis wissen, worum es sich bei dem, was man da gerade hört, handelt. Doch das ist zunächst ein rein informatives Verlangen. Denn bald will man wissen, warum das einen Staunen macht, was hier genau passiert und warum es einen nicht mehr loslassen will. So ist das auch mit New Orleans.

Wenn Savannah die hübsche Perle der Ostküste ist, dann ist New Orleans ihre wildere Cousine am ölverdreckten Golf von Mexiko, die sich die Haare färbt, sich tätowieren lässt und Drogen nimmt: gefährlicher, aber auch interessanter. New Orleans ist wild. Das sieht man nicht nur an den vielen Ambivalenzen, die sich einem sehr bald zeigen, sondern vor allem an der Vielfalt der kulturellen Entitäten dieser Stadt. Das Essen zum Beispiel, das hier einen noch höheren Stellenwert genießt als im restlichen Amerika (hier aber zu Recht!), ist ein fröhliches Potpourri aus karibischer, afrikanischer, amerikanischer, mediterraner und französischer Küche, welches mit den gängigen Begriffen (Cajun, kreolisch, Soul food) nur unzulänglich beschrieben werden kann. Aber auch hier ist man weniger philosophisch, begriffsanalytisch unterwegs, sondern verlässt sich auf die Sinne. Und deswegen gibt es in New Orleans kein schlechtes Essen.

Das allerwichtigste aber ist die Musik. Davon gibt es nämlich auch keine schlechte. Wandert man abends durch das French Quarter, tönen aus jeder noch so kleinen Bar Jazz, Blues, Funk und Soul in allen möglichen Varianten – und vor allem in einer von einem Mitteleuropäer noch selten gehörter Qualität. Hier hört man Künstler, die großteils im New Orleans Sound aufgewachsen sind, die von Kindesbeinen an mit ihrem Instrument beschäftigt waren. Künstler, die sich vor allem mit der Kultur ihrer Stadt, d.h. mit ihrer Musik identifizieren. Hat man in einer Bar zwei Acts an einem Abend gehört und will man nicht gleich in die nächste schleichen, obwohl es von dort so verlockend herausgroovt, setzt man sich in sein Auto und dreht das Radio an: schon wieder gute Musik! Musik ist hier allgegenwärtig, unausweichlich, ein Lebenselixier für die Menschen dieser Stadt und bald auch für jeden Besucher. Jeder hier lebt und atmet den Jazz. Und darum gibt es in New Orleans keine schlechte Musik.

Katrina – auch dieses Wort ist allgegenwärtig. Sechs Jahre nach dem verheerenden Hurrikan sind zwar noch Spuren davon sichtbar. Aber New Orleans ist nicht Haiti, und auch wenn damals in Sachen Katastrophenhilfe nicht alles besonders gut gelaufen ist, muss man sagen, dass sich die Stadt recht gut von Katrina (und Rita) erholt hat. Mit Unglücken dieser Art gehen Menschen nämlich erstaunlich produktiv um. Wenn eine Gemeinschaft ein Desaster dieser Art überlebt, wird sie stärker, selbstbewusster. Das sieht man an New Orleans nach Katrina genauso wie an New York nach 9/11. Waren die New Orleanians vorher schon etwas Besonderes, so muss ihnen das nach Katrina noch bewusster sein. Ich würde behaupten wollen, dass sich die Einwohner von New Orleans weniger amerikanisch fühlen als Amerikaner in anderen Teilen des Landes. Zum Beispiel übersteigt die Zahl der New Orleans Saints-Flaggen (hiesiges NFL-Team) und jene der fleurs-de-lis bei weitem die der Stars and Stripes. Man ist sich seines Sonderstatus gründlicher bewusst – und Katrina hat dazu wohl auch einiges beigetragen.




New Orleans muss man erlebt haben, und zwar nicht nur zur Mardi Gras Zeit. Kaum eine andere amerikanische Stadt bietet eine vergleichbare kulturelle Vielfalt, keine andere Stadt ist so schön und hässlich zugleich bzw. tritt in keiner anderen Stadt das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen so greifbar hervor. New Orleans fehlt vielleicht jene Schicht des Euphemistischen, die die Amerikaner überall sonst vor der unmittelbaren Brutalität der Wirklichkeit schützt. Authentizität wie in Savannah, möchte ich fast sagen – aber noch ein bisschen exklusiver, ein bisschen rauer und unmittelbarer. Die vielen Amerikaner, die New Orleans besuchen, verwechseln das mit Unterhaltung – obwohl für diese natürlich auch gesorgt ist. Sie glauben, New Orleans ist eines dieser vielen Märchenländer, die es in den USA zum reinen Vergnügen ihrer Besucher gibt. Das ist freilich eine krasse Fehleinschätzung, aber die New Orleanians wären schön blöd, wenn sie das nicht ausnutzen würden. Deswegen gibt es die Bourbon Street – jene Partymeile, die einem ernsthaft Interessierten schon von weitem suspekt sein muss und die gefälligst zu meiden ist. Um New Orleans muss man sich schon ein bisschen bemühen. Die Entschädigung für das Bemühen aber ist das Staunen-Dürfen über die vielleicht interessanteste Stadt der USA: N'awlins, NOLA, 504, The Big Easy..., keinesfalls aber „Newer Leans“!

Samstag, 13. August 2011

Zeller Weisheit

"Bei dem Essn, wos de Amerighana mea aufwaama als kochn, miassatst de gonze Zeit an Schnopps trinkn, dass d'es dabloust. Owa weis Schnopps a koan gscheidn homm, duast es oft doo nid!"