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Mittwoch, 20. Juni 2012

Fußball für Nerds

Wir schließen die Gruppe C mit einem 1:0 von Spanien über Kroatien und einem italienischen 2:0 Sieg über Irland. Die Rechnereien sind erstmal vorbei, die Favoriten wieder weiter.

Als ich vorgestern geschrieben habe, dass mich die Endspiele der Gruppe B mit dem seltsamen Aufstiegsmodus der Euro-Gruppenphase versöhnt haben, wusste ich noch gar nichts von den möglichen Aufstiegskonstellationen in Gruppe C. Dort ging es nämlich ähnlich bunt zu und wir waren über weite Strecken des Kroatien-Spanien-Spiels nicht sicher, ob die Italiener oder die Kroaten weiterkommen würden. Auch der ORF-Kommentator Thomas König kannte sich zuweilen gar nicht mehr aus. So kapierte er erst Minuten nach dem spanischen Tor, dass dieses für Kroatien eigentlich gar nichts zu bedeuten hatte, dass mit einem 1:1 Italien auch draußen wäre – oder so ähnlich. Ganz genau wusste es an diesem Abend nie jemand. Das erklärte auch die Erleichterung der italienischen Spieler nach dem Abpfiff ihrer Partie gegen Irland. Es muss ein komisches Gefühl sein, eine Partie 2:0 zu führen und sich, was den Aufstieg betrifft, nie in Sicherheit wiegen zu können.

Wie ging das also bei Punktegleichstand nochmal? Aufgestiegen ist der, der 1. mehr Punkte im direkten Vergleich holte, der 2. eine bessere Tordifferenz im direkten Vergleich hatte, der 3. mehr Tore im direkten Vergleich erzielte. Wenn dann immer noch alles gleich wäre, dann würden diese Kriterien noch einmal angewendet, und zwar diesmal nur auf die direkten Duelle zwischen den gleichplatzierten Mannschaften. Danach hätten wir noch die bessere Tordifferenz aus allen Gruppenspielen und die Anzahl der erzielten Tore aus allen Gruppenspielen zur Entscheidungsfindung heranzuziehen. Reichte das immer noch nicht, würde es sehr absurd weitergehen: Dann wird nämlich auf den UEFA-Koeffizienten geschaut und schließlich auf das Fairplay-Verhalten während der Endrunde (!?). Am Ende steht der Losentscheid, aber dass es soweit kommen kann, ist allein aufgrund der Absurdität der beiden vorhergehenden Kriterien so gut wie unmöglich. Also, alles klar? Jetzt rechnen wir das alles mit drei oder vier Mannschaften während eines Spiels durch und immer, wenn ein Tor fällt, starten wir unsere Berechnungen neu, damit wir dann am Ende sagen können „Juchee, es ist noch nicht vorbei!“ oder eben „Team X bräuchte nur noch ein Tor, wenn Team Z im Spiel gegen Y mindesten noch drei Fouls begeht, damit Team W beim Heimfahren den Diesel von der UEFA bezahlt bekommt.“ Wie ein des Rechnens kundiger Freund von mir bemerkte, hat die UEFA mit diesem Vorrunden-Modus nun endlich auch die Nerds fußballnarrisch gemacht.

Nun gut, die Gruppe C ist jetzt auch abgeschlossen und es fahren Irland (erwartungsgemäß) und Kroatien (leider) heim. Für das kroatische Team ist die Niederlage deshalb bitter, weil man gegen die Spanier auf hohem taktischen Niveau agierte und damit den Italienern ebenbürtig war, ohne Italien sein zu müssen. Dass man aber vor lauter Hosenscheißen auf das Offensivspiel vergisst (oder verzichtet), wenn man doch ein Tor bräuchte, das ist eigentlich unverzeihlich. So war es eine interessante aber unbelohnte Vorstellung von Team Hrvatska, das neben Dänemark nun als ein weiterer schmerzlicher Verlierer nach Hause fährt, den wir vermissen werden.

Das von Slaven Bilic wieder ausgezeichnet eingestellte Team neutralisierte das spanische Tikitaka (das auch schon mal wirkungsvoller ausgesehen hat) fast nach Belieben: einmal früh, noch vor der Mittellinie, dann wieder tief vor dem eigenen Strafraum. Freilich änderte das an der spanischen Ballbesitz-Übermacht nur wenig – und es kostete viel Kraft, welche die Kroaten am Ende nicht mehr aufbringen konnten, als es darum ging, die Frucht noch irgendwie im Korb unterzubringen. Dass das spanische Tor eigentlich Abseits war, ist wieder so eine Geschichte, die uns zwei Tage danach schon nicht mehr interessiert, genauso wie der vermeintlich eindeutige Elfmeter, der den Kroaten nicht zugesprochen wurde. Sich auf solche Dinge zu verlassen, stinkt nicht nur nach fauler Ausrede, sondern geht auch irgendwie am Geist des Sports vorbei. Letztlich vergaß Kroatien auf die zweite große Fußball-Maxime, die einst Sepp Herberger formulierte: „Das Runde muss ins Eckige!“ Ja, so einfach klingt das, so schwer ist das manchmal zu bewerkstelligen...

Die Italiener, von denen man aufgrund des (diesmal richtig gewählten) ORF-Fokus auf das Spanien-Spiel nur wenig sah, ließen die Rechner natürlich auch hoffen: Darauf, dass es auf einmal heißen würde „Tor in Posen!“ und man plötzlich jubelnde Trapattoni-Iren sehen würde. Diese Hoffnung zerstörte Cassano in der 35. Minute, denn da hieß es „Tor in Posen!“ und man sah statt der jubelnden Iren einen jubelnden Cassano. Man hofft ja als Fußballfan gerade bei solchen Spielen, gerade in solchen Momenten, wo alles passieren kann, wo ein Tor tatsächlich den Unterschied (nicht nur in einem, sondern womöglich in zwei Spielen) macht, auf die große kleine Sensation: Ein irisches Tor wäre so etwas gewesen und wen hätte man so eine Sensation eher gewünscht als den lieben Iren? Wieder beeindruckten deren Fans, als man diese zu hunderten Arm in Arm mit dem Rücken zum Spielfeld auf den Rängen hüpfen sah. Das evozierte sogar spontanen Applaus von der in Graz beim Public Viewing versammelten Meute. Viel schöner als die irischen Fußballer sind die irischen Fans anzusehen – leider wird das die Erkenntnis sein, mit der uns die irische Mannschaft nach dieser Euro zurücklässt. Wer die Iren auch mal einen Sieg feiern sehen will, der sollte sich ein Spiel der kommenden WM-Qualifikation ansehen – vielleicht jenes gegen Österreich?

Erwähnung finden muss auch noch das zweite Tor der Italiener: Endlich trafen nämlich beide Stürmer in einem Spiel und so durfte auch noch Mario Balotelli jubeln, dem sein Teamkollege Leonardo Bonucci nach seinem Treffer den Mund zuhielt – aus Angst, das Enfant terrible könnte wieder irgendetwas Dummes von sich geben. War vielleicht gar keine so schlechte Idee, denn nach so einem schönen Treffer (Seitfallzieher am Fünfer nach Eckball) neigen solche Charaktere gerne zum Übermut. Bonucci meinte, er hörte Balotelli irgendetwas auf Englisch sagen, das er nicht gleich verstand, also hielt er ihm lieber gleich den Mund zu. Kurios, aber so eine intelligente Konsequenz kann man nur von einem italienischen Verteidiger erwarten.

Spanien und Italien haben also die Gruppe C überstanden und so haben sich hier erwartungsgemäß die Favoriten durchgesetzt. Allerdings würde ich hier nun den zweiten Joker einfordern und die Kroaten gerne gegen die Griechen eintauschen – oder gegen irgendeinen der beiden Sieger aus der Gruppe D. Fußballerisch hätten sie sich das verdient, auch wenn ich auf die saublöden Feuerwerkskörper verzichten kann, welche die kroatischen Fans immer meinen zünden zu müssen. Das also nehmen wir aus dieser Gruppe mit: Wir hätten gerne ein kroatisches Team mit irischen Fans; das wäre für Fans, Spieler und Zuseher eine echte Bereicherung!




Mann des Tages: Slaven Bilic zum Abschied. Er ist und bleibt der charismatischste und gleichzeitig ausgefuchsteste Trainer des Turniers. Leider fand er im entscheidenden Spiel nicht den letzten Mut zur Offensive.


Buhmann des Tages: Schiedsrichter Wolfgang Stark im Spiel Spanien gegen Kroatien. Das war wieder mal ein Beispiel dafür, wie man eine Partie nicht pfeifen sollte. So zerpflückt und zerzaust war das zeitweise, dass einem das Zusehen fast verging bzw. zumindest vermiest wurde. Eigentlich beeindruckend, wie sehr im Fußball ein guter Schiedsrichter zur Attraktivität einer Partie beitragen kann.

Montag, 18. Juni 2012

Versöhnliches Ende

Die Niederlande verabschieden wir leise, den Dänen trauern wir ein wenig nach. Deutschland und Portugal haben es geschafft und sind mit jeweils einem 2:1 Sieg der Mördergruppe entkommen.


Na, war das ein Fußballabend? Die Gruppe B hat nie zu viel versprochen und gestern kam es dann zum endgültigen Showdown. Man fragt sich, wofür man drei Gruppenspiele spielen muss, wenn sich dann letztlich eh alles im dritten entscheidet. Was hätte nicht alles passieren können! Deutschland hätte nach Hause fahren können, Holland noch aufsteigen, letzten Endes ist aber alles so passiert, wie es vor dem Spiel am wahrscheinlichsten schien: Deutschland und Portugal steigen auf, die Dänen und Niederländer fahren nach Hause. Dabei hätte ich, ich habe es schon vor ein paar Tagen bekundet, überhaupt nichts dagegen gehabt, wären Dänemark und Portugal aufgestiegen... Egal, jedenfalls hat mich der gestrige Abend absolut mit dem Parallelspiel-Modus versöhnt. Und das kam so:

Die Niederländer mussten weg. Dabei sah zunächst alles so anders aus als in den Partien zuvor. Endlich löste van Marwijk seine defensiven Doppel-6er van Bommel/de Jong auf und ließ van der Vaart statt des Kapitäns und Schwiegersohns van Bommel starten. Zusätzlich nahm Marwijk auch Huntelaar mit in die Startelf und so begann Holland mit so etwas wie einem 4-1-3-2 mit einem offensiv aufspielenden Kapitän van der Vaart, was sich auch bald bezahlt machte, denn in der elften Minute erzielte jener das 1:0 für die Niederlande. Acht Minuten später schoss Podolski in Lemberg die Deutschen in Führung und so waren wir nur noch ein Tor vom gemeinsamen Aufstieg Hollands und Deutschlands entfernt. (Die Niederländer mussten ja ihr Spiel mit zwei Toren Unterschied gewinnen.)

Dann aber bekam Team Holland das polnische Syndrom und das aufregende Offensivspiel der ersten Minuten sackte zusammen (van der Vaart zog sich ebenfalls wieder etwas zurück, und so war es dann doch wieder das gute alte 4-2-3-1, nur halt mit einem Holzfuß statt zweien auf der 6er-Position) – Portugal begann mitzuspielen und rannte gegen die wie immer schwache niederländische Defensive an (diesmal mit Vlaar statt Heitinga). Wer die kennt und Portugals Angriffsspiel schon mal gesehen hat, der wusste, dass das nicht lange gut gehen würde. Holland hätte ein zweites Tor gebraucht, nicht nur des Ergebnisses wegen, sondern um den Portugiesen das Momentum zu nehmen und sich selbst Sicherheit zu geben. Doch es kam, wie es kommen musste: Der Drei-Wetter-Taft-Cowboy hatte seinen ersten großen Auftritt und netzte zum 1:1. Cristiano Ronaldo eierte zwei Spiele lang herum, vergab zig Hundertprozentige und es sah bald so aus, als wäre ein mögliches portugiesisches Debakel allein ihm zuzuschreiben. Und dann, im entscheidenden Spiel, tritt er auf und macht das erste wichtige Tor. Das hat schon Klasse, keine Frage!

Nun hatte aber 4 Minuten zuvor Krohn-Deli die Dänen wieder rehabilitiert und so stand es jetzt in beiden Partien 1:1. Den Deutschen hätte das gereicht – den Niederländern freilich nicht. Aber C. Ronaldo hatte ihnen das letzte kleine Flämmchen ausgeblasen, das sie vor dem Spiel noch entfachen hatten können. Als dann selbiger Ronaldo in der 74. Minute zum 2:1 traf, stellte das die Niederländer vor die unmögliche Aufgabe, noch drei Tore schießen zu müssen. In Charkiw war damit alles gelaufen – in Lemberg aber noch lange nicht. Denn nun waren wir nur noch ein Tor davon entfernt, auch Deutschland verabschieden zu müssen. Hätten die Dänen in dieser Phase noch das 2:1 gemacht – und an Chancen dazu mangelte es ihnen überhaupt nicht – wären Portugal und Dänemark weiter gewesen.

Dann kam Lars Bender, der Boateng in der Abwehrkette ersetzte und damit sein erstes Spiel dieser EM von Beginn an spielte, und erlöste die Deutschen von ihrem Bangen und die Dänen von ihrem Hoffen, indem er den Ball zum 2:1 in das Tor schob. Es war vielleicht das unkomplizierteste Tor dieses Turniers, aber für Fußballdeutschland das wichtigste, denn nun konnte man sagen: 9 Punkte aus drei Spielen und damit jetzt schon als die beste Vorrundenmannschaft im Viertelfinale: Das sollte Auftrieb geben. Außerdem erkannte man hier erneut, welche Luxusprobleme die Deutschen bejammern, wenn sie von Besetzungsschwierigkeiten auf manchen Positionen sprechen... Zuerst macht der fragwürdige Boateng zwei sehr gute Spiele, dann kommt sein Ersatzmann Bender und sichert mit einem Tor das Weiterkommen der Nationalelf: Deutschland, Deutschland, deine Sorgen! ...

Schade ist es um die Dänen schon. Kein Team spielt so cool wie die; kein Team ließ sich von Gegentreffern so wenig beeindrucken wie die Dänen. Man hatte das Gefühl, dass sie vollkommen auf das vertrauten, was ihnen zur Verfügung stand: ein mittelmäßiges Spielermaterial mit zwei, drei wirklichen Klasseleuten, ein ausgeklügeltes taktisches Konzept mit einem Coach, dem man blind vertrauen kann und unbedingter Kampfeswille – egal bei welcher Ausgangssituation, egal in welcher Phase des Matches. Vor allem letztere ist eine Qualität, die andere Mannschaften vermissen ließen (Polen, Russland, Holland), obwohl sie vielleicht sonst nominell besser dastanden als die Dänen. Ich würde die Dänen gerne gegen ein Team aus Gruppe A tauschen, am liebsten gegen die Tschechen, denn das Duell Griechenland-Deutschland wollen wir uns sicher nicht entgehen lassen.

Was wohl los wäre, verlöre Deutschland gegen die Griechen? Gerne würde ich die Bild-Schlagzeilen dazu lesen, gerne würde ich die Genugtuung in den Gesichtern der Griechen sehen, wenn sie den Fußball-Riesen zu Fall gebracht hätten. Europäischer könnte diese Euro gar nicht werden! Zwar habe ich mich darauf festgelegt, nur die fußballerische Seite der teilnehmenden Länder betrachten zu wollen, bei Griechenland gegen Deutschland aber wird freilich mehr im Spiel sein: Das wird eine ganz emotionale Partie, vor allem für die Griechen. Natürlich bleibt Deutschland haushoher Favorit – aber gegen Favoriten zu spielen sind die Griechen gewohnt. Das wird für die Teutonen kein Strandspaziergang auf Kos in Adiletten!

Portugal ist auch zurecht weiter. Sie spielen ansehnlichen, sehr engagierten Fußball, ohne eine besonders sympathische Mannschaft zu sein. Sie sind, obwohl ewiger Geheimfavorit, ein bisschen Überraschungsaufsteiger in dieser Gruppe. Zuvor hieß es: Wenn die Portugiesen diese Mördergruppe überstehen, dann können sie auch ins Finale kommen. Dazu müssten wir aber erstmal wissen, wer im Halbfinale auf sie warten könnte. Derzeit deutet nämlich alles auf Spanien hin. Aber bis dahin ist es bekanntlich noch eine Weile hin und ein langer Weg... Zuerst geht es für die Portugiesen nämlich gegen Tschechien. Alles andere als ein Sieg wäre nach dieser sehr soliden Vorrunde eine Enttäuschung.



Heute ermittelt die Gruppe C ihre beiden Viertelfinalisten. Spanien und Kroatien dürfen sich dabei nicht 2:2 trennen, sonst machen sie sich des Betrugs verdächtig. Italien hätte dann nämlich keine Chance mehr auf den Aufstieg, egal wie hoch sie gegen Irland gewinnen. Für Kroatien wird es gegen Spanien natürlich schwer werden; die Spanier gelten seit dem Irland-Spiel wieder als hohe Favoriten auf den Titel. Mit der „mittleren Mannschaft“ Kroatien als Gegner könnte man sich für das Viertelfinale warm machen, um dann gut vorbereitet gegen England oder Frankreich (oder die Ukraine?) „ins Feld zu ziehen“. Man muss davon ausgehen, dass die Italiener gewinnen und die Iren wieder schön singen werden. Was am Ende mehr wert ist, wird im Parallelspiel entschieden. Die Italiener täten dem Turnier in der KO-Phase besser als die Kroaten, die vielleicht Stolperstein sein könnten, aber letztlich irgendeinem der beiden großen Teams (Spanien, Deutschland) zum Fraß vorgeworfen werden. Italien hingegen hat immer (!) absolutes Finalpotenzial und ist Deutschlands Angstgegner.

Wir dürfen uns, so glaube ich, wieder auf einen hochklassigen und spannenden Fußballabend freuen. Mal sehen, ob uns heute jemand überrascht...




Mann des Tages: C. Ronaldo, da kommt man nicht drum herum. Er ist erwacht, unsympathischerweise. Es ist nur gut, dass er weniger Freistöße als früher trifft. Jedes Mal, wenn er sich so saublöd breitbeinig aufstellt und dann nicht trifft, wird dieser Firlefanz ein bisschen lächerlicher. Das ist gut so.


Buhmann des Tages: Der ORF, der, so wurde mir berichtet, das eigentlich uninteressantere Spiel (Deutschland vs. Dänemark) übertragen hat. Aber das ist die Hörigkeit der ORF-Leute gegenüber dem deutschen Fußball. Ist ja bei der Championsleague auch immer das gleiche: Wenn da z.B. Arsenal gegen Real Madrid spielt und gleichzeitig Bayern gegen Dynamo Kiew, kann man sich sicher sein, dass der ORF das Bayern-Spiel überträgt, auch wenn es da um nichts mehr geht und beim anderen um alles. Das wird dann immer damit gerechtfertigt, dass es bei uns halt doch viele Bayern-Fans gibt usf. An die Fußball-Fans denkt dabei aber nie wer. Stumpfes Denken ist das, ganz stumpfes Denken!

Freitag, 15. Juni 2012

Irischer Abgang mit Stil

Public Viewings sind toll, wenn man Bierbänke und brüllende Fangruppen mag. Ich mag Bierbänke und bei den Fangruppen kommt es immer darauf an, ob es sich um SchwedInnen, singende Iren, lustige Holländer oder halt im Kroaten handelt, die ein Gebrüll anstimmen, als wollten sie in den Krieg ziehen anstatt der EU beitreten. Public Viewings sind nicht toll, wenn man sich ein Spiel genau anschauen will, d.h. sie sind vollkommen wertlos, wenn es ein sehr von Taktik geprägtes Match zu sehen gibt mit wenig Torszenen, die mit gutturalen „Uh!“s oder „Oah!“s kommentiert werden könnten. Das Match zwischen Kroatien und Italien eignete sich zwar gut für ein Public Viewing, im Nachhinein hätte ich es aber auch gern in Ruhe gesehen, denn ich bin mir nach Lektüre der gewohnten Berichterstattung sicher, dass es da mehr zu beobachten gab als gute Torchancen auf beiden Seiten. Aber auch beim Fußball-Schauen gilt dasselbe wie sonst auch: nämlich, dass man eben nicht alles haben kann. (Das wieder mal als der Weisheit letzter Schluss zu verkaufen... na servas!)

Sieht man Italien zu, hat man, trotz der nach vorne spielfreudigeren Ausrichtung dieser 2012er Mannschaft, das Gefühl, dass ein Sieg immer ein 1:0, eine Niederlage immer ein 0:1 und ein Unentschieden immer ein 1:1 sein muss. Vielleicht ist das der Grund, warum sich der italienische Fußball so gut für Wettbetrug eignet; derlei Ergebnisse sind leicht … sagen wir 'herzustellen'. Dabei war es gestern gar nicht so, als hätten die Italiener nicht das Zeug dazu gehabt, aus dem Spiel heraus ein zweites Tor zu erzielen. Vor allem am Ende der ersten Halbzeit war Italien spielerisch überlegen und konnte einige gute Chancen generieren. In der zweiten Halbzeit wurde Modrić direkt auf Pirlo angesetzt, was den Aufbau von Angriffen auf italienischer Seite viel besser unterband. Cassano und Balotelli, das stumpfeste Stürmerduo der Welt, waren nicht unauffällig, jedoch leider zu uneffektiv. Diesmal konnte auch Ersatzmann di Natale nicht die Wende herbeiführen.

Es war aber nicht nur die italienische Chancenauswertung, die dieses Spiel bei einem Unentschieden beließ; vor allem waren es die unbändigen Kroaten, die ihre Leistung vom Spiel gegen Irland noch steigern und die Italiener auch über weite Strecken unter Druck setzen konnten. Das funktioniert nur dann, wenn die Topstars (Srna, Modrić, Mandžukić) Topleistung bringen, die anderen keine Scheu vor großen Gegnern zeigen und das Team taktisch perfekt eingestellt ist (wofür Coach Slaven Bilić gesorgt hat). Dann, wenn so ein Spiel funktioniert, generiert sich erst jenes Selbstvertrauen, das man braucht, um mutig und frech gegen Teams wie Italien zu Werke zu gehen – und das hat Team Kroatien hervorragend gemacht. Sie hätten sich damit auch den Sieg verdient. Aber gegen Italien zwei Tore zu machen, das fällt selbst Europameister Spanien schwer.

Die Spanier haben das gemacht, was man von ihnen erwartet hatte. Ich habe es gestern schon gesagt, dass sie die Iren abschießen werden (was keine besonders mutige Vorhersage war) und dass es den Iren egal sein wird (was sich auf eine doch etwas überraschende Weise bewahrheitet hat). Spanien steht jetzt gut da: Sie haben im ersten Match gegen den schwersten Gruppengegner eine taktische Ausnahmevariante probiert, die gut funktioniert hat. Im zweiten Match, gegen den Gruppenschwächsten, haben sie sich mit der Standardeinstellung Selbstvertrauen geholt und allen anderen Teams dieser Euro gezeigt, dass es mit dem spanischen Zauber noch lange nicht vorbei ist. Tiki-Taka in Zahlen: 788 angekommene Pässe von insgesamt 860 (nur zum Vergleich: Team Eire passte insgesamt 254 mal, wovon 178 auch wirklich ankamen). Der Vergleich der Pass-Statistik ist freilich nicht nur ein Vergleich zweier Spielklassen, sondern eben auch der unterschiedlichen Spielweise; aber wer 600 erfolgreiche Pässe mehr spielt als der Gegner, hat auch gute Aussichten auf eine erfolgreichere Chancengenerierung und -auswertung.

Über das Match muss eigentlich nichts gesagt werden, außer, dass es ein Zeichen dafür war, dass Spanien als Favorit absolut in der Lage ist, zu überzeugen. Deutschland hat hier noch etwas nachzuholen, aber immerhin bleibt denen das letzte Gruppenspiel gegen den falschen Gruppenaußenseiter ('falsch' deshalb, weil Dänemark nur auf dem Papier das schwächste Team ist, in Wahrheit aber das einzige, das in dieser Gruppe irgendwelche Erwartungen übertroffen hat). Irland ist nun das erste Team dieser Euro, das schon fix ausgeschieden ist. Die Iren trugen das aber wie erwartet mit Fassung: Während der letzten Minuten des Spiels intonierten die irischen Fans Gesänge, wie man sie selten in Fußballstadien während einer Euro gehört hat. Man muss es selbst hören und sehen, wie Spanier und Iren in dieser Kulisse ihr Spiel fertig spielen – es klingt wie in einer Kirche. Gespenstisch irgendwie, aber für einen irischen Fußballspieler muss das wohl das absolute Gänsehaut-Feeling sein. Noch nie habe ich Fans eine Niederlage so würdig akzeptieren gesehen bzw. gehört. Fantechnisch ist das sicherlich das Highlight dieser EM und wird unmöglich zu toppen sein. Ganz große Gratulation und ein herzliches Dankeschön an die irischen Fans – würdevoller kann man nicht ausscheiden!




In der Gruppe D stehen heute die letzten Spiele der zweiten Runde an. Dabei werden England und Frankreich zeigen müssen, dass sie sich – von einander ungestört – frei spielen können. Frankreich hat es mit Andrij Schewtschenko zu tun, England spielt gegen Ibrahimovic. Eigentlich sollten sich hier die in ihrem ersten Aufeinandertreffen noch schaumgebremsten Favoriten durchsetzen, wobei man mit der Ukraine die leichtere Aufgabe für Frankreich vermutet. Aber Vorsicht, wir wissen aus dem ersten Spiel, dass beide Teams zu sehr schlechtem Fußball fähig sind! Wenn Andrij Schewtschenko nach dem furiosen ersten Spiel noch Kraft für ein zweites haben sollte, darf auch mit ihm, dem Jetzt-schon-Volkshelden, wieder gerechnet werden. Frankreich muss gewinnen, nicht nur, um die Gruppenführung zu übernehmen, sondern auch um den Geheimfavoriten-Status zu rechtfertigen.

Auch England darf an Schweden nicht scheitern; ein Unentschieden wäre nicht nur moralisch zu wenig. Schweden hingegen hat die Chance, gegen England zu beweisen, dass mit ihnen doch noch zu rechnen ist. Jedoch würde mich auch hier alles andere als eine schwedische Niederlage überraschen und auch ein bisschen enttäuschen, haben sich doch die Engländer (zumindest eine Halbzeit lang) viel besser verkauft als ihnen zugetraut wurde. Alle vier Teams sollten noch etwas in petto haben, schließlich haben sie in der letzten Runde jeweils nur eine Halbzeit lang wirklich gespielt!



Mann des Tages: Andrea Pirlo, der den ersten schönen direkten Freistoß dieser EM verwandelt hat und mit seinem etwas fortgeschrittenen Alter und seiner Spielintelligenz der italienischen Mannschaft noch einen Rest von Würde verleiht.


Buhmann des Tages: Gibt's keinen, das haben sich die beiden Spiele wirklich nicht verdient. Vielleicht der kroatische Fan, der unbedingt Feuerwerkskörper auf das Spielfeld werfen musste. Gerade an einem Tag, an dem im Anschluss die Iren so positiv aufgefallen sind, wirkt sowas im Nachhinein betrachtet noch bescheuerter, stumpfer und unsinniger als es vorher schon war.

Montag, 11. Juni 2012

Überraschend erfüllte Erwartungen

Irland ist ein seltsames Fußball-Völkchen. In der Nationalmannschaft kann jeder spielen, der zumindest einen irischen Opa oder eine irische Oma vorweisen kann, man muss also nicht einmal Ire sein. So clever dieses Rekrutierungssystem sein mag, so bitter ist allerdings auch die Erkenntnis, dass es dem Inselvolk anscheinend an wirklich guten Fußballern mangelt. Das ist aber okay und letztlich wurscht, denn man hat sich für diese EM qualifiziert und das ist schon Beweis genug, dass es auch mit Vaterlands-Stief-Enkelsöhnen möglich ist, erfolgreich zu kicken – und mit einem gescheiten Trainer.

Giovanni Trapattoni ist vielleicht der Trainer, der am wenigsten zu seiner Mannschaft passt. Die graue Eminenz aus Italien und die wilden Burschen von der verregneten Insel, die optisch gesehen eigentlich lieber Rugby spielen sollten – das ist ein seltsamer Verband. Aber irgendwie kommen sie sympathisch daher, wie so viele Außenseiter. Ich vergleiche sie gerne mit Australien oder Neuseeland bei Weltmeisterschaften: Jeder weiß, dass man von denen nicht viel erwarten kann, aber diese Mannschaften wirken immer, als wollten sie wirklich Fußball spielen und allen zeigen, dass sie das auch ganz gut zustande bringen. Außerdem sind die Fans immer extrem begeistert ohne deswegen übermütig zu werden: harmlose Betrunkene im besten Fall. So sind die Iren auch, und deswegen sind sie irgendwie lieb.

Dass sie guten Fußball spielen wollen ohne besonders gute Fußballer zu sein, zeigten sie auch gestern gegen Kroatien. Das Spiel war so erfrischend, weil es so unkompliziert war. Den Iren fehlt zwar das technische Können, um ein komplexes Spiel aufzuziehen, aber sie lassen sich deswegen auch nicht hinten reinstellen und zu Bollwerks-Defensivarbeit verdonnern. Das ist ein weiterer Grund, warum Trapattoni nicht zu den Iren passt. Deswegen (und natürlich, weil es seine Natur ist) hauste Trap auch wieder wie kein zweiter an der Seitenlinie. Es wirkte, als würde er bei Angriffen seiner Mannschaft verzagt zusehen, wie ein Vater, der es schon aufgegeben hat, seinen Söhnen gute Ratschläge zu geben, die diese sowieso nicht beachteten. Bei Angriffen der Kroaten dann wurde er wieder wild, fuchtelte, schrie und deutete, als könne er allein durch Zurufen die Spieler am Feld bewegen, so wie er es sich vorstellt.

Die Iren aber sind widerspenstig; und sie sind auch ein bisschen tollpatschig. Deswegen sind sie ja auch so lieb. Iren spielen den Ball, wenn sie ihn nicht mit dem Fuß treten, am liebsten mit dem Gesicht, oder er springt ihnen irgendwie anders auf den Kopf, so, dass es halt einfach nicht gut aussieht, sondern komisch. Das macht aber alles nichts, denn wenn sie den Ball haben, dann laufen und rackern sie wie Irre – so motiviert (nicht übermotiviert!) ist bisher noch keine Mannschaft aufgetreten. Man sollte sie einfach spielen lassen, es ist aufregend anzusehen. Freilich, ohne Trapattoni wären sie vermutlich nicht da, wo sie jetzt sind. Hier haben sie aber überhaupt nichts zu verlieren, warum also nicht einfach drauf pfeifen und dem Motto gemäß spielen, das auf dem Teambus der Iren prangt: „Talk with your feet. Play with your heart.“

Ähnliches haben sich wohl auch die Kroaten gedacht und deshalb mit einer bisschen intelligenteren Scheißdrauf-Mentalität mehr aus dem Match holen können. Natürlich finden sich in den Reihen der Kroaten auch die besseren Spieler; wer aber einen Coach wie Slaven Bilic hat, der spielt einfach auch unbekümmerter. Bilic ist bei dieser EM außer Joachim Löw der einzige Trainer, der auch schon 2008 auf der Bank saß (oder vor selbiger stand). Damals als Zigaretten rauchender Prolet mit Flinserl aufgefallen, gab er sich gestern 'stilsicher' mit Sakko, brauner Krawatte und Haube. Ich weiß nicht, ob die kroatischen Spieler sich manchmal seiner schämen, aber irgendwie scheinen sie ihm doch zu vertrauen und der Erfolg gibt ihm erstmal recht. Jedenfalls liegt hier der eklatanteste Unterschied zu Irland: Bilic passt zu seiner Mannschaft, seine Mentalität passt zum kroatischen Spiel – nein, sie ist das kroatische Spiel: Wild und laut, ein bisschen proletoid, gleichzeitig aber sehr intelligent und sich seiner eigenen Möglichkeiten bewusst. Weiter so, Kroatien!

Spanien gegen Italien war das zweite (eigentlich das erste) Spiel dieser Gruppe und es kam eigentlich alles so, wie man es sich gedacht hat: Die Spanier mit Problemen beim Abschluss (merke: Mit dem Ball in's Tor rennen, das geht bei italienischen Verteidigern nicht!), Italien hinten gewohnt gut. Was aber doch überraschend war: Die Offensivfreudigkeit der Italiener. Nicht, dass Italiener keinen Offensivfußball spielen könnten, aber bisher schien es immer so, als verstünden sie diesen als notwendiges Übel. Gestern aber wirkte das ganz anders. Schon die Aufstellung hat das verraten: Die Italiener starteten mit einem 3-5-2, einem Dreier-Abwehrkern um DeRossi, der im Verteidigungsfall aber zu einer Fünfer-Abwehr werden konnte. Das machte es für die Spanier schwierig, ihr Kurzpassspiel in Strafraumnähe zu bringen. Über die Flanken ging nicht nur deswegen nichts, weil es das Spiel der Spanier einfach nicht ist, sondern vor allem auch, weil Spanien ohne echten Stürmer auftrat. Negredo, Llorente und Torres blieben zunächst auf der Bank, während sich Fabregas und Silva jeweils als vorderster Mann abwechselnden. Überhaupt schien del Bosques Mittelfeld alle Freiheiten zu besitzen, es wirkte, als wolle man sich wirbelnder Weise durch die italienische Abwehr bohren.

Das führte zu teilweise absurden Szenen, in denen Spanier sich gegenseitig Pässe zuspielten und dafür so viel Platz hatten wie in einer Besenkammer. Gegen Irland und Kroatien wird das bestimmt anders aussehen, gegen Italien aber war es eine interessante und kluge Variante. Was die Italiener anbelangt, wird es auch spannend zu sehen sein, wie diese gegen die schwächeren Gruppengegner auftreten. Was sie allerdings gegen Spanien gezeigt haben, muss jede technisch gute, offensiv ausgerichtete Mannschaft das Fürchten lehren. Sollten Spanien und Italien sich im Finale wiedersehen, ist es nicht ausgeschlossen, dass es dann auf die beiden Torhüter ankommt – im Elfmeterschießen.

Ein Tag mit zwei sehr ansehnlichen Partien war das also, jeweils auf unterschiedlichem Niveau zwar, aber so kann man doch von jenem Popcorn-Fußball sprechen, von dem ich gestern noch behauptet habe, dass man es nur in der österreichischen Regionalliga zu sehen bekomme (was natürlich nicht ganz ernst gemeint war). Man musste mit Spanien vs. Italien vielleicht geduldiger sein, aber das war ein sehr dichtes, komplexes und durchdachtes Match. Der einzige, der da nicht ganz dazu passte, war Balotelli – charakterlich wie fußballerisch nicht. Deswegen wurde er dann konsequenterweise auch ausgetauscht. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen, ich glaube, dass der noch für so manch fragwürdige Szene sorgen wird.

Ich tu mir schwer mit diesem Italien, weil es gar nicht so unsympathisch ist, wie ich es erwartet hatte. Zeitweise habe ich mich sogar dabei ertappt, die Italiener gut zu finden; also jetzt nicht nur rein fußballerisch, sondern auch so, wie sie auf dem Platz auftraten und offensivwillensmäßig, ein bisschen – jetzt kann man es ja sagen – irisch-kroatisch fast. Außerdem ödet mich das spanische Spiel schön langsam an. Nicht, weil es nicht schön wäre, sondern weil es ein bisschen vorhersehbar geworden ist und damit schwieriger auszuführen und eben nicht mehr so leicht und einfach aussieht, wie damals vor vier Jahren noch. Aber spätestens, wenn ich wieder Italiener jammern und umfallen sehe, vergeht es mir wieder, weil ich weiß, dass sie die Urheber dieses unsittlichen Betragens sind, das man mittlerweile auch schon in Mannschaften findet, die für so etwas ganz und gar nicht bekannt waren (Ja, Arjen Robben, du bist gemeint!).

Danke, Gruppe C, für diesen tollen, sehr vielfältigen Fußballtag, der unsere Erwartungen nicht enttäuscht und uns trotzdem ein bisschen überrascht hat! Wenn es heute in der Gruppe D auch wieder so wird, können wir von einem gelungenen ersten Durchgang sprechen.


Typ des Tages: Bilic, der Hauben-Prolet. Der ist einfach super!

Buhmann des Tages: Mario Balotelli, der sinnlos-Prolet. Als er allein auf's spanische Tor gelaufen ist und sich den Ball dann so einfach abnehmen ließ, sah das auch ein bisschen nach Wett-Skandal aus.

Team dieser Gruppe: Irland, auch wenn sie nicht aufsteigen werden. Aber sie sind einfach lieb und spielen so sympathisch!

Mittwoch, 6. Juni 2012

Die Unberechenbarkeit des Erwartbaren

Die Gruppe C beschert uns den ersten richtigen Knaller/Kracher/Schlager, also alles, was laut ist und weh tut, dieser EM. Schon am Sonntag treffen die Favoriten Spanien und Italien aufeinander. Moment, höre ich jetzt den ersten Schlaumeier fragen, wieso Italien Favorit sein soll? Darauf habe ich eine ganz einfache Antwort: Weil Italien immer Favorit ist. Weil mit Italien immer zu rechnen ist, ganz besonders dann, wenn alle meinen, es wäre nicht mit ihnen zu rechnen. Der europäische Fußball besteht seit jeher im Wesentlichen aus Italien, Deutschland und England. Alles andere sind bessere oder schlechtere Derivate dieser drei Mannschaften. Im Unterschied zu England konnten allerdings nur Deutschland und Italien regelmäßig beweisen, dass sie ihrer ewigen Favoritenrolle gerecht werden können. Darum wird Italien auch diesmal wieder als Favorit zu handhaben sein.

Bei den Buchmachern ist freilich Spanien der große Favorit und es spricht viel dafür, dass sie auch diesmal dieser Rolle gerecht werden. Aber haben wir uns an Spanien nicht schon ein bisschen satt gesehen? Waren wir allzu traurig, dass der FC Barcelona heuer nicht im Championsleague-Finale stand? Ist Tikitaka nicht irgendwann fad, besonders wenn es gegen doppelt verstärkte Abwehrbollwerke wirbelt? Wie lange können wir Xavi, Iniesta und Co. noch dabei zusehen, wie sie nicht nur ihre Gegner, sondern immer öfter auch sich selbst verblüffen? Und glauben wir wirklich, dass Spanien den dritten internationalen Titel in Folge gewinnt bzw. wollen wir das überhaupt? Natürlich ist es dem Fußballgott herzlich egal, was wir wollen oder nicht wollen, denn er kennt nur das Gesetz des Fußballs, das er selber erfunden hat, und das wir, wie die alten Griechen es schon sagten, nicht erschauen können. Deswegen lässt uns Fußball so oft ratlos zurück.

Möglich ist in dieser Gruppe wieder mal (fast) alles. Italien ist unberechenbar, Wettskandale hin oder her. Wer die Italiener kennt, weiß, dass es sich um ein Volk handelt, das gewohnt ist, mit Krisen umzugehen. Die Italiener halten sich selber genauso für korrupt wie alle anderen Länder die Italiener für korrupt halten; soll heißen: Der Wettskandal überrascht niemanden wirklich und geht in Wahrheit allen am Allerwertesten vorbei. Italiener lieben Fußball und sie wollen Fußball spielen – auch wenn dieser Fußball dann nicht immer schön anzusehen ist. Die Abwehr war im italienischen Team auch nie ein Problemfall und selbst wenn die großen Akteure der jüngeren Vergangenheit nicht mehr dabei sind, gibt es hier immer noch eine Juventus-Innenverteidigung mit Chiellini und Bonucci – und Juventus hat heuer in der Serie A kein Spiel verloren. Vorne gab's dann auch immer irgendwen, der ein Tor erstolpert hat. Und wer ein Tor mehr schießt als der Gegner, gewinnt im Normalfall. Wirklich weh tun können den Italienern in dieser Gruppe eigentlich nur die Spanier - und das dürfte selbst für den amtierenden Europameister schwer genug werden.

Mit Kroatien haben wir in dieser Gruppe auch einen ewigen Geheimfavoriten am Start, den man, auch in Bezug auf die Übermacht der beiden Gruppenfavoriten, gerne mit Portugal vergleichen darf. Auch hier gilt, dass das kroatische Team leider nicht nur auf die eigene Leistung vertrauen kann, sondern auch davon abhängig ist, was Italien und Spanien zulassen; und das dürfte sehr wenig sein. Die Kroaten haben aber den Vorteil, dass zwischen ihnen und Irland genügend Luft sein sollte, sodass sie sich ganz darauf konzentrieren können, gegen die Großen anständig Ärger zu machen. Spielen Spanien und Italien im ersten Spiel unentschieden, und gewinnt Kroatien erwartungsgemäß sein Spiel gegen Irland, hätten sie sich eine gute Ausgangsposition geschaffen, aus der dann alles mögliche entwachsen kann. Verlieren sie gegen Irland, dann ist das letzte Cevapcici allerdings gegessen und sie können im Grunde schon einpacken.

Irland ist der große Außenseiter in der Gruppe C. Von denen ist gar nichts zu erwarten, und sollten sie aus dieser Gruppenphase auch nur einen Punkt mit nach Hause nehmen, wäre das schon als Erfolg zu sehen. Mannschaften wie die irische haben im besten Fall Stolperstein-Charakter, füllen also zumindest eine wichtige dramatische Rolle aus. Es müsste bei den anderen schon viel schief gehen, damit Irland auch nur die Ahnung eines Viertelfinales erschnüffeln könnte.

Wir erwarten in der Gruppe C also ein Weiterkommen der Favoriten, hoffen aber darauf, dass Kroatien ein bisschen Wind in das zweite Spiel mitnehmen kann. Voraussetzung dafür ist, wie gesagt, ein Sieg gegen Irland. Es folgt dann das Spiel gegen Italien, in das man als Tabellenführer gehen könnte, keinesfalls aber als Favorit. Spiel Nummer eins zwischen Spanien und Italien ist auch nur bedingt aussagekräftig, wenn wir uns daran erinnern, dass Spanien bei der letzten Weltmeisterschaft sein erstes Spiel gegen die Schweiz verloren hat. Ein Sieg der Italiener wäre für diese ein Motivationsschub, für Spanien aber noch lange kein Grund zur Sorge. Obwohl, man sagt ja, dass es bei einer EM keine Jausengegner gibt...

Ich halte es für möglich, dass sich in der Gruppe C ein späterer Finalist befindet. Irland wird es aber nicht sein... Spanien übrigens auch nicht!


Worauf wir uns freuen können:


Auf das Auftaktspiel der Gruppe Italien gegen Spanien, auch wenn die Aussagekraft der Begegnung beschränkt sein wird. Die Kroatien-Spiele dürfen wir mit Spannung verfolgen, und Irland kann eigentlich nur überraschen.


Bemerkenswerte Namen:


Álvaro Arbeloa (SPA): Der Abwehrmann von Real Madrid darf seinen Eltern danken für diese Namenskombination. Sein voller Name ist sogar Álvaro Arbeloa Coca. Fügte man diesem Wonneklang noch ein Cola hinzu, und würde er dann nicht wie ein Brausegetränk heißen, wäre es fast schon kitschig.

Giorgio Chiellini (ITA): Die besten Namen haben doch immer die Italiener. Der Juve-Verteidiger klingt wie eine Nudelsorte oder eine süditalienische Süßspeise.

Alessandro Diamanti (ITA): Mittelfeld-Ersatzmann vom FC Bologna. Ob er so hochkarätig ist, wie sein Name vermuten lässt, wird sich erst weisen.

Darren O'Dea (IRL): Verteidiger von Celtic Glasgow, der sich mit dem Sunderland-Spieler John O'Shea O' so nicht rhymt. Warum das so ist, weiß keiner. John O'Shea kann übrigens auch Tormann.

Damien Duff (IRL): Fulham-Mittelfelder, dessen Name irgendwie erfunden und nach irischem Kinderbuchhelden klingt.

Gordon Schildenfeld (CRO): Der Abwehrspieler von Eintracht Frankfurt steht mit seinem Namen im kroatischen Nationalteam zwischen den ganzen a's und ic's so ganz alleine da. Der Name erklärt sich aus deutschen und österreichischen Vorfahren.