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Dienstag, 8. November 2016

Der erste Schnee

Jedes Jahr dasselbe: Es schneit, und sofort posten alle Zeugen dieses Naturvorgangs es auf Facebook. Dann kommen die Schlaumeier, die sagen, man müsse Schneefotos nicht dauernd auf Facebook posten, weil jeder selber aus dem Fenster sehen könne. Als ob Schneefotos das Schlimmste wären, was man täglich so auf Facebook findet. "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!". Das lese ich täglich 350 Mal auf Facebook, und über diesen sinnleeren Satz hat sich noch nie jemand aufgeregt. Wahrscheinlich weil sie alle damit beschäftigt sind, ihren Traum zu leben - auf Facebook.

Dabei ist die Freude, die Menschen empfinden, wenn sie den ersten Schnee der Saison sehen, wenigstens noch etwas Echtes: die kindliche Glückseligkeit beim Anblick des wunderbaren Weiß. Lasst doch die Leute Schneefotos posten! Erstens sieht eben nicht jeder den Schnee, wenn er aus dem Fenster sieht. Schließlich ist der Witz an Facebook ja der, dass man da Sachen von Leuten sieht, die nicht unbedingt aus dem Nachbardorf kommen. Also freut sich vielleicht irgendein Schwarzwälder, bei dem es regnet, oder irgendein Australier, bei dem es grad unbarmherzig runterbrennt, über die Schneefotos der Pinzgauer.

Zweitens ist Schnee - solange wir ihn noch bekommen - etwas Magisches. Über Nacht verwandelt sich die Welt in eine einzige weiße Pracht, es riecht anders, die Welt klingt anders, wenn man auf dem Schnee geht, knackt es. Das ist doch der reinste Kindheitstraum, den man jedes Jahr gratis wieder aufs Neue erlebt! Daher freuen sich die Leute über Schneefotos - zumindest zum Winterbeginn. Da kommt es selten vor, dass einer ein Schneefoto mit einem grantigen Smiley goutiert oder schlicht "wäh!" drunter schreibt.

Schnee ist schön, magisch und sinnvoll. Darf man ruhig auf Facebook posten, denn jedes einzelne Schneefoto ist besser als alle Postings von Felix Baumgartner zusammen!


Dienstag, 12. Juli 2016

Der Schmittenwind

Nach einem heißen Sommertag, wenn sich die Sonne hinter der Schmittenhöhe versteckt und bloß noch das gesegnete Land der Thumersbacher von ihren warmen Strahlen behütet wird, kommen die Hunde wieder aus ihren Hütten gekrochen. (Ich meine tatsächlich die Tiere, nicht die illustren Bewohner des Schmittentals!) Einen ganzen Tag lang hat die Sonne in die Talsenke gebrannt, die großen Leiber der Kühe gewärmt und ihre Fladenauf den Wiesen trocknen lassen. Die letzte Seilbahn hat sich vor über einer Stunde über die Wälder und Gräben berghinan ziehen lassen. Auch das Schlagen der Autotüren und das Kratzen von deutschen Wanderstöcken auf dem Asphalt der Seilbahnparkplätze ist verklungen.

Kaum hat man sich von der drückenden Hitze erholt, einmal kurz aufgeatmet und die Sonnenschirme abgespannt, fangen auch schon die ersten Wiesenhalme an zu zittern. Er ist wieder da: Der Grund für so viele verkühlte Rücken, die Ursache für hunderte von Windschutzvorrichtungen auf allen Terrassen entland der Schmittenstraße, der Garant für unsere kühlen Nächte: Der Schmittenwind.
Dieser stellt sich verlässlich nach Sonnenuntergang ein und fegt über die steilen Hänge der Schmittenhöhe hinab und durch das Tal hindurch. Er pfeift um jede Hausecke, durch sämtliche Ritzen unserer Kleidung; ja nicht einmal ein richtiger Pinzgauer "Jancker" vermag der schroffen Kühle des Schmittenwindes standzuhalten.

Am Ende der Schmittenstraße angekommen zeichnet er sich verantwortlich für die Terrassengestaltung der Lokale entlang der Dreifaltigkeitsgasse. Keines kommt ohne Windschutz aus, denn in der DFG kanalisiert sich seine dämonische Kühle und sorgte wohl für allerlei entzündete Nierenbecken und steife Genicke, würde man ihm nicht durch massive Glaswände Herr. Am Stadtplatz zerstreut er sich dann, pfeift weiter um die Ecken und in die Ohren der Zeller hinein. Das Säuseln der Götter, die ihnen zuraunen, dass es jetzt Zeit wird, sich die Pullover über die Rücken zu werfen. Ehrfurchtsvoll murmeln die Bewehten "Oje, da Schmittenwind!", denn sie wissen, es droht der rheumatische Infekt! Schnell leeren sie ihre Gläser und flüchten in die Lokale hinein oder gleich ganz nach Hause.

Andere wiederum, die schon seit dem späteren Nachmittag dem Spritzwein frönen, bemerken die Kälte zwar, nehmen sie aber nur zum Anlass, um humorig festzustellen, dass jetzt wohl "der Daxer das Fenster aufg'mocht" habe - bezugnehmend auf jene Familie im hinteren Schmittental, denen im Jux nachgesagt wird, sie hätten durch das Öffnen und Schließen ihrer Türen und Fenster die Gewalt über das Wesen und Wirken des Schmittenwindes. Ich kann Ihnen glaubhaft versichern, dass dem nicht so ist, und wir selbst über die unglaublichsten Windschutzanlagen verfügen bzw. die bergseitig gelegenen Aufenthaltsbereiche außerhalb unserer Häuser nach 18 Uhr ganz einfach nicht mehr nutzen; zu unwirtlich ist das Klima, das der hundsgemeine katabatische Fallwind dort verursacht. Unsere Pflanzen sterben im Sommer jeden Abend den Kältetod, nur um am nächsten Morgen lazarusgleich wieder aus der Schmittenwindstarre zu erwachen!

Als Kind kam mir dieser Wind immer sehr gelegen. Denn einer der Vorteile der Schmitten ist es, dass man als Einzelkind dort relativ gut Fußball spielen konnte. Schließlich gab es nirgendwo gerade Flächen (mit Ausnahme der Seilbahnparkplätze), und so konnte man recht gut seinen Schuss trainieren, denn der Ball rollte geduldig über den Bichl wieder zurück. Mit dem Schmittenwind eröffnete sich zudem die Möglichkeit, das Flankenschlagen zu üben. Man konnte sich, freilich in Windjacke und Haube gehüllt, hervorragend selbst den Ball zuflanken, wenn man ihn nur gegen den angreifenden Schmittenwind schoss, der ihn zuverlässig zurückblies. So musste man nicht warten, bis die Schwerkraft den Ball müde über den geneigten Hang zurückrollen ließ, und konnte das Schlagen und Annehmen von Flankenbällen gleichzeitig üben. Dass trotzdem kein großer Fußballer aus mir geworden ist, schiebe ich heute nur auf die begrenzte Trainingszeit zwischen dem Aufkommen des Schmittenwindes und der damit fast zeitgleich einsetzenden Dämmerung.

Wenn unsere Sommer wirklich immer heißer werden, ist dieser Wind ein klimatisches Juwel. Denn trotz seiner Bissigkeit, wird er doch von Einheimischen und Touristen irgendwie geschätzt. "Es ist unglaublich!", sagte mir letztens ein Gast erstaunt, "Obwohl es heute so heiß war, ist es jetzt am Abend herrlich kühl geworden. Da brauchen Sie ja gar keine Klimaanlage in den Zimmern!" Ich nicke wissend und erzähle ihm dann von der besten aber auch gefährlichsten Klimaanlage der nördlichen Alpen - dem Schmittenwind!

Samstag, 9. August 2014

Die Lederhose

Leider taugt die Lederhose nicht mehr als Signum des stolzen Alpenbürgertums. Auch hat sie ihre Bedeutung als traditionalistisches Element im innergebirglerischen Selbstverständnis verloren. Denn entweder dient sie als folkloristisches Requisit (zum Beispiel an den Beinen eines Wirts) oder aber als Verkleidung für diverse "Brauchstumsveranstaltungen". Das sind - ins heutige Deutsch übersetzt - Retro-Events, bei denen eine alte Zeit so inszeniert wird, dass die einen sie beweinen können, und die anderen sich gerne vorstellen, dass es genau so einmal war; obwohl alle Beteiligten (Darstellende wie auch das Publikum) genau wissen, dass es genau so niemals war. So ist die Lederhose ein Utensil zur Täuschung geworden: Man täuscht als Träger anderen etwas vor und wird als jemand, der sie wahrnimmt, von ihr getäuscht, bisweilen sogar enttäuscht.

Dafür kann natürlich weder die Lederhose etwas, noch der Kulturraum, in dem sie zu dem geworden ist, was sie einmal war. Dass heute Lederhosen in sämtlichen geschmacklosen Variationen von der Münchner und Wiener Möchtegern-Schickeria zur Instant-Wiesn ausgetragen werden, beweist nur, wie wertlos die Lederhose an sich, die richtige, echte, ursprüngliche, traditionelle geworden ist. Denn es wird immer wichtiger, als Lederhosenträger darauf hinzuweisen, dass man selbst über eine "echte" Lederhose verfügt, in der am besten noch der Großpapa auf Bierbänken gesessen hat. Beflissen nennt der moderne Lederhosen-Traditionalist die jeweils regionalen Erkennungsmerkmale seiner "echten Lederhose" und versucht so, darüber hinwegzutäuschen, dass er selbst sie auch nur deshalb trägt, weil er irgendetwas darstellen will oder muss. Ein gesundes Verhältnis zur Lederhose gibt es nicht mehr. Für die einen hat das Kleidungsstück einen volkstümlich reaktionär-dümmlichen Nazi-Mief, für die anderen ist es eine zum Kitsch verkommene Schale ohne Kern (was natürlich beides Mumpitz ist). Sie steht damit aber sinnbildlich für die ganze alpenländische Kultur, die sich in den letzten Jahren schwer damit getan hat, ihren Platz in einer globalisierten Moderne zu finden. Sie pendelt in ihrer Bedeutung stets zwischen den beiden Polen, deren erster sie als eine Art Refugium als Paradiesersatz inszeniert, und deren zweiter sie als eine zu touristischen Marketingszwecken entseelte Kulisse einer scheinbar ursprünglichen Welt errichtet, in der quickfidele Menschen in bunten Kostümen musizieren und schuhplatteln.

Sepp Forcher und Harry Prünster haben schon längst ausgedient. Andreas Gabalier benutzt die Chiffre nur noch zur Ausleuchtung seiner sinnentleerten Darbietung bescheidenster Kunst, die höchstens dort Zuspruch findet, wo auch Apres-Ski-Halligalli mit österreichischer Gemütlichkeit verwechselt wird. Indessen hat sich just ein Konzern der Bewahrung und der modernen Aufbereitung des alpenländischen Volkskultur verschrieben, der damit eigentlich gar nichts am Hut hätte: Red Bull nämlich. In diversen Fernseh-Formaten auf dem hauseigenen Servus-TV-Sender und im zeitgemäßen und sehr beliebten Servus-Magazin wird die alpenländische Ursprünglichkeit im neuen Gewand präsentiert. Und dabei macht das Red Bull Media House einiges richtig, weil es am richtigen Ende ansetzt - nämlich bei der Natur und nicht bei der Kultur: Nicht die Lederhose ist schick, sondern die Blumenwiese; nicht die Ziehharmonika, sondern der Gebirgsbach, der sich trällernd und pritschelnd durch die Wälder ins Tal hinab schlängelt. Da spielt die Musik!



Wo also Andreas Gabalier das "schöne Rehlein" besingt und eigentlich eine junge Frau meint, die dumm genug ist, auf seine primitive Balz hereinzufallen, zeigt Servus-TV uns nur das Rehlein im Wald. Da bedarf es keiner Erinnerung im Stile von "uh lalala so a schena Toug!", damit der Rezipient erkennt, dass es da etwas zu beobachten gibt, das schön ist. Sowieso arbeitet Servus, sowohl im Magazin als auch in den TV-Sendungen mehr mit showing als mit telling. Im Heft wird das an den vielen stimmungsvollen Fotos erkennbar, im TV an den unkommentierten und ohne Hintergrundmusik auskommenden stillen Naturszenen. Freilich bleibt es nicht dabei. Denn erst wenn der Rezipient sich auf die Stimmung eingelassen hat, wird langsam verdeutlicht, was der Mensch eigentlich in dieser Umgebung verloren hat; wie er sich in ihr zurecht findet und wie er sich selbst in ihr sieht. Das ist dann der Schritt von der Natur in Richtung Kultur, und der findet bei Servus eben behutsam und überlegt statt - ganz im Sinne der Thematik.

Die Lederhose wird in diesem Kontext nur verstehbar, wer sich mit dem Handwerk und der Kleidungsgeschichte auseinandersetzen mag. In diesem Moment aber kommt es gar nicht mehr darauf an, wie eine Lederhose aussieht und wer sie anhat, sondern es geht darum, was ihre ursprüngliche Funktion war - und in weiterer Folge darum, wie es dazu kommen konnte, dass sie nun leider zum Requisit einer Festivalgesellschaft geworden ist.
Insofern stellt sich dem modernen Alpenländler, der nicht die Lederne vom Großvater im Kasten hängen hat, die Frage, wofür er sich überhaupt eine Lederhose zulegen soll, wenn er denn noch keine hat. Das alte Zugehörigkeits-Thema ist ja gut und schön. Was aber, wenn man nicht unbedingt dazugehören will? Und was, wenn man nicht genau weiß, wo genau man da dazugehört, wenn man sich eine Lederhose anzieht?

Dann lieber doch die bequemere Position einnehmen und sich die Lederhose einfach als Verkleidung vorstellen, die man zu diversen Festivitäten anziehen kann, aber nicht muss.So, wie man sich am St. Patrick's Day einen Guiness-Hut aufsetzen kann; oder zu Fasching unsanktioniert als Pirat durch die Straßen rennen darf. Das entspannt die Sache ungemein, denn so lässt sich ein Verhältnis zu Lederhose begründen, das selbige als das sieht, was ihr Name bezeichnet: Eine Hose aus Leder. Obwohl sie genau das natürlich nie sein wird...

Samstag, 19. Juli 2014

Die Causa Nepomuk


Grausiges ereignete sich kürzlich in einer Sommernacht in Zell am See. Bisher unbekannte Vandalen vergingen sich an unserem schönen Stadtbrunnen und stürzten die Statue, die von vielen liebevoll "Nepomuk" genannt wird, samt dem Sockel um. Dabei wurde auch noch der Rand des Brunnens beschädigt. Ein trauriger Anblick, dieser in hundert Teile zersprungene Marmor-Nepomuk am Boden des Zeller Stadtplatzes. Die Zeller sind böse und naturgemäß ranken sich wilde Gerüchte darum, wer zu so einer Bosheit fähig sein könnte. Hier zwei mögliche Erklärungen und wie es gewesen sein könnte:


"Das waren bestimmt Einheimische", sagen die einen, und meinen damit eine besonders grimmige Spezies, nämlich die Oberpinzgauer. Denn ein Zeller würde sowas nie machen. Die Oberpinzgauer aber, die sind zu sowas fähig! Die reißen aus Neid auf die Zeller die Stadtbrunnenfigur um, sind sich viele sicher. Das hätte sich wohl so zugetragen:

A: "Schau her, de Hundtling mit eanan Stoudploutz! San eh koa richtige Stoud, owa Hauptsoch an Stoudploutz homms!"
B: "Jo, des san hoit richtige Großkopfate, de Zella. Schau o, den Brunnen, do sigg ma wieda wias moanan dass eppas Bessas san."
A: "Geh, Olympia-Siega und Tunni-Eröffning schreims do auffi, wei eana siest nix Bessas nid eifoit. So a Bagaasch, de Zella!"
B: "Schau hea, des Mannei do schaut a gou a so großkopfat hea!" (deutet auf die Statue)
A: "Jo, do host Recht, dea schaut hea wiara richtiga Zöia. Großkopfat und arrogant."
B: "Wos duat offt dea mit dem Fiesch? Schau hea, dea wüagg den! Des Mannei wüagg an Fiesch!"
A: "Ajo! Jo do siggst es wieda, wias mit de Viecher dand, de Zöia! Wiang duat an! Aufm Koupf steigga eam!"
B: "A so a Sauhundt, der Zöia-Doggi, dea!"
A: "Na woat, hiaz wiag i di!" (besteigt den Brunnen)
B: "Reisn hea, den Noun, den!" (auch B fängt an, auf den Brunnen zu klettern)
A, den Nepomuk schon mit dem Arm umklammernd: "So, du Sauhundt, wos du koost, koo i scho long!"
B: "Wiagn, den Sauzella! Den Sauhundt, den grausigen!" (fasst dem Nepomuk am Kopf)
A: "Ha! Den Toifi reis i hea!"
A nimmt die Marmorfigur in den Schwitzkasten, während B an deren Kopf rüttelt. Es ertönt ein dumpfes Grollen aus dem Inneren des Sockels.
A: "Hiaz riat a si, dea Doggi!"
B: "Hauman owa!"
Die beiden zerren weiter an dem Nepomuk, bis der Sockel nachgibt und auf den Brunnenrand kracht. Die Statue fällt zu Boden und zerspringt.
A: "Öha! Hiaz isa gou!"
Die beiden verschwinden.

--

Dass es aber ausgerechnet Einheimische gewesen sein sollen, die am Tag nach dem ersten rauschenden Sommernachtsfest bis vier Uhr früh unterwegs waren, ist zumindest fragwürdig. Auch wenn die niederen Motive, welche manche Zeller den Oberpinzgauern unterstellen, ja durchaus nachvollziehbar sind.
Es hielten sich aber auch einige Jugendgruppen aus Deutschland und den Niederlanden zur fraglichen Zeit in Zell am See auf, und so könnte es durchaus sein, dass der arme Nepomuk dem exzessiven Alkoholkonsum verantwortungsloser Urlauber zum Opfer fiel.
Vielleicht war es also auch so:

Vier deutsche Jugendliche, offensichtlich sehr betrunken, purzeln aus einem Lokal und finden ihren Weg auf den Stadtplatz:
A: "Och, guck mal, Stiebe, die hamm hier n' Brunn'n!"
B: "Krass Kacke, Alter! Die Ösis hamm nen Knall. Stelln da einfach n'Brunn'n hin!"
C schreit mehr als er singt: "So geh'n die Gauchos! Die Gauchos, die geh'n so! So geh'n die Gauchos, die Gauchos die geh'n so!" (geht in gebückter Haltung)
D: "Ne, die Ösis, die geh'n so!" (macht ihn nach)
A und B singend und hüpfend: "Sooo geh'n die Deutschen! Die Deuschen, die geh'n so! So geh'n die Deutschen, die Deutschen, die geh'n so!"
C: "Am Arsch, Alter, wir sind Weltmeister!"
D: "Die Ösis nich! Die hammja nichmal n'richtign Fußballer!"
A: "Doch, hammse. Den Alaba, der spielt doch bei Bayern!"
B: "Alaba is'n Schwarzer, das is kein Ösi!"
A: "Quatsch nich rum, Boateng is auch'n Schwarzer. Und der is Berliner!"
C: "Deutschland ist Weltmeister, Alter!"
D: "Genau! Egal, ob da'n Schwarzer bei is!"
B entdeckt die Tafeln am Brunnen: "Haste nich gesehen, guck, die hamm hier sogar Segelolympiasieger!"
C: "Voll schwul, Alter!"
B: "Krass. Hamm'wa auch n' Segelolympiasieger?"
A: "Weiß nich. Aber hamm'wa bestimmt. Wir hamm doch alles! Da is sicher irgendwo n'Segelolympiasieger bei!"
C: "Den WM-Pokal hammwa! Segeln is doch schwul!"
D: "Is nich schwul, Alter. Segeln is voll geil!"
C: "Am Arsch! Deutschland is Fußballweltmeister!"
Alle zusammen: "So geh'n die Gauchos, die Gauchos, die geh'n so!" usf.

C: "Guck, der olle Jung da hat'n Fisch inner Hand!"
B: "Krasse Statue hamm die da, die Ösis!"
A: "Wär'n geiler Pokal!"
Die anderen lachen zustimmend.
D: "Den holnwa runter! Der gehört uns!"
C: "Ja komm, Deutschland ist Weltmeister!"
Zwei klettern auf den Brunnen und versuchen, den "Pokal" zu stemmen.
A: "Helft mal, ihr Kacker! Hoch da!"
Die zwei anderen klettern auch auf den Brunnen und beteiligen sich. Beim Versuch, den "Pokal" zu stemmen, reißen die Jugendlichen den Sockel aus der Verankerung. Als einer der Betrunkenen droht, vom Brunnen zu stürzen, hält er sich an Nepomuk fest. Die Statue stürzt um und zerbricht.
B: "Krass, Mann! Scheiße!"
D: "Boah eh, Scheiße! Bloß weg hier!"
Die vier stürzen davon, einen hört man noch rufen: "Deutschland ist Weltmeister!"

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Wer auch immer den Nepomuk auf dem Gewissen hat, soll nie mehr ruhig schlafen können! Unser schöner Stadtbrunnen ist von bösen Menschen zerstört worden, und Obiges ist nur ein verzweifelter satirischer Versuch, der Causa Nepomuk irgendeinen Sinn abzuringen. Nepomuk, wir werden dich nie vergessen!

Donnerstag, 13. März 2014

Des Liftlers 13 Worte

Als Liftbediensteter hat man es, entgegen landläufiger Meinung, nicht leicht. Freilich mag diese Beschäftigung an sonnigen Märztagen einen sehr entspannten Eindruck machen: Ein bisschen bei lauen Temperaturen in der Sonne sitzen, dem Schnee beim Schmelzen zusehen und dann und wann auf einen Knopf drücken, wenn es irgendjemand nicht geschafft hat, sich beim Sessellift rechtzeitig niederzusetzen. Auch die Bediensteten an den altgedienten Schleppliften scheinen ein unbeschwertes Dasein zu fristen, welches gelegentlich Gefahr läuft, ins Eintönige abzugleiten. Wer das denkt, der vergisst, was wir skifahrende Geselligkeitsterroristen ihnen dabei abverlangen!

Seit jeher gehört es nämlich zum guten Ton, mit dem Liftler beim Einsteigen ein paar Worte zu wechseln. Und welche Worte das sind! Was beim ersten Zusteigen dem Liftler noch leicht von der Hand geht und sich als abgekürzter Smalltalk verbuchen lässt, wird beim dritten, vierten oder spätestens fünften Mal zu einem echten Mühsal. Die Zeit, die einem Liftler zur Verfügung steht, um mit dem Fahrgast launige Konversation zu führen, lässt in den allermeisten Fällen nicht mehr als 13 Worte zu. Weil die Welt in 13 Worten nicht erklärt werden kann, und man in selbiger Zeitspanne auch keinen Witz oder eine Anekdote erzählen kann, beschränkt sich das Gespräch am Lift auf simple Fragen und Antworten. Hinzu kommt, dass der phatische Anteil der Konversation (jene sozial akzeptierten Floskeln, die allein dazu dienen, den Gesprächskanal offen zu halten) Überhand nimmt, und so mehr Blabla- als Aha-Momente entstehen.

So begnügt sich kein Liftler mit einem einfachen "Guten Morgen", sondern behilft sich mit einer in die Länge gezogenen Begrüßungsformel, welche die Zeit vom Öffnen der Zugangstürchen zur Einstiegsstelle bis zum unvermeidlichen Abtransport des Skifahrers durch den Schlepplift zu überbrücken sucht. Er sagt dann etwas wie "Mooooorgen, seeeeervaaas, Griiiaaas diiii!", und hofft dabei inständig, der Lift möge jetzt nicht stehen bleiben. Denn sein Gruß ist wohl getaktet: "Mooooooorgen!" - die Tür zur Einstiegesstelle geht auf, der Skifahrer rutscht unbeholfen nach vor - "Seeeervaaaas" - der verwirrte Skifahrer sieht den Bügel schon um die Kurve fahren - "Griiaaaaas diiii!" - der Bügel klemmt dem Skifahrer schon unterm Hintern und bevor er noch "Hallo" erwidern kann, winkt ihm der Liftler schon grinsend zum Abschied.

Mancher versucht, dem Liftler zuvor zu kommen und brüllt diesem schon ein "Servas!" auf dem Weg zum Einstieg, vielleicht sogar noch kurz vor dem Drehkreuz, zu. Denn der Liftler lässt sich generell bitten und grüßt nie als erstes! Auf einen solchen Präventivschlag reagiert er meistens, indem er so tut als hätte er einen nicht gehört, auch wenn sonst niemand in der Nähe ist, der seine Aufmerksamkeit verlangte. Steht man dann vor ihm, tut er erschreckt und sagt "Oh, servas, hallo, Morgen, Griasdi. Hab ich dich ja gar nicht kommen sehen!" ... 13 Worte, und da ist der Skifahrer schon weg.

Schwierig wird die Konversation beim zweiten oder dritten Mal. Mit landläufigen Themen wie dem Wetter oder den Pistenverhältnissen lässt sich kein Liftler der Welt aus der Reserve locken. Denn wie oft hören diese Leute am Tag den Satz "Schön ist es heute wieder, gell?" oder "Gut geht es heute wieder, nicht?" oder "viele Leute sind heute aber wieder unterwegs, oder?". Nur selten überrascht ein Liftler mit einer Antwort auf solche Fragen. "Jo, mia homm heit scho 14 Grad do herunten. Und des im Schottn!", zählt da schon zu den ausführlicheren Entgegnungen, die man sich in 13 Worten erwarten kann. Man fragt sich, wie vielen Menschen der Liftler das erzählen muss. Und doch, als Gast am Lift fühlt man sich freundlich behandelt, angehört, ja fast erhört. Mit einer Antwort erteilt einem der Liftler Absolution - aber lieber sagt er nichts. Daher beschränken sich viele der Antworten auf eine zustimmende Wiederholung des Gefragten. "Gut geht es heute wieder!" - "Jo, guat is. Woa gestern eh a scho guat. Und morgen wahrscheinlich aa!" - "Heute ist es aber wieder voll!" - "Jo, wonns nid oi a so saubled foan dadatn, meakat mas eh nid!" - eine Systemkritik in 13 Worten, beeindruckend.

Leute wiederum, die den Liftlern gerne ihre Ruhe lassen möchten, werden an manchen Tagen, wenn der Liftler besonders gut aufgelegt ist und ihm schweigen nicht lieber ist, am falschen Fuß erwischt. Denn da sagt der einem plötzlich was, und noch bevor man sich überhaupt eine Antwort zurecht legen kann, wird man schon von einem der Liftbügel abtransportiert. "Joo", kann man da nur noch stammeln, wenn der Liftler sagt "Mei hiatz host owa long braucht, san deine Schi nid gscheit gwaxlt, ha?" Wenn man Glück hat, fällt einem noch eine pfiffige Antwort ein, die man ihm dann noch im Wegfahren zubrüllen kann, aber da tut er schon wieder, als wäre man nicht mehr in dieser Welt zugegen. Denn der Liftler hat eine Wahrnehmung, die kann man sich gar nicht vorstellen: Dauernd tauchen vor seinem Auge Menschen auf, die nur gekommen sind, um wieder zu verschwinden. Da kann man ihm auch nicht böse sein, wenn er einen nicht wiedererkennt. Den bösen Spaß, einen Liftler bei jeder Fahrt aufs Neue zu begrüßen als sähe man ihn zum ersten Mal, sollte man sich dennoch nicht erlauben, denn: Ein verärgerter Liftler kann ein unangenehmer Zeitgenosse sein.

Ich selbst hatte heute an einem Lift Mühe, rechtzeitig vor dem Schließen der Türchen den Einstiegsbereich zu erreichen. Kurz nach dem Drehkreuz hatte sich am Boden eine Schneewanne gebildet, nach der es ein wenig nach oben ging, was zusätzlichen Stockeinsatz verlangte. Belustigt schaute mir der Liftler zu und ich versuchte mich selbstironisch zu retten, indem ich sagte: "Jetzt wäre ich fast nicht heraufgekommen zu dir!" Er entgegnete: "Jo woat nua, wos glabbst, am Noumittog sauffns ma in dera Wonn oo!"
Überrascht, düpiert und schließlich doch zufrieden wurde ich schon vom Schlepplift von dannen gezogen, bevor mir dazu noch etwas einfiel.


Dienstag, 14. Januar 2014

Der Bienenmann

Mit dem Bienenmann verhält es sich so: Was er sagt, passiert. Nicht, weil alle daran glauben, dass es passiert. Die Dinge, die um uns geschehen, geschehen einfach - ganz egal, was wir davon halten. Beim Bienenmann ist das anders: Es geschieht, weil er es sagt. Ganz egal, was er davon hält. Nun tätigt der Bienenmann gottlob keine Aussagen über alles, was in der Welt passiert. Würde er es tun, geschähe es freilich. Nur wer wollte das schon? Niemand - und am wenigsten er selbst.

Wichtig ist nur das Wetter, denn das kann er bestimmen. Die meisten Menschen interessieren sich ja auch für wenig Anderes. Es ist auch nicht so, dass er das Wetter machen würde. Er sagt bloß, wie es wird, und das Wetter hält sich daran. Ein stilles Abkommen scheint zwischen dem Bienenmann und dem Wetter zu bestehen.

Der Mensch will vieles wissen. Am meisten interessiert ihn aber, wie das Wetter wird. Also fragt er den Bienenmann, vor allem zwei Mal im Jahr. Einmal nach dem Winter; und einmal nach dem Sommer. "Wie wird der Sommer?" oder "Wie wird der Winter?". Im Sommer will der Mensch Sonne, aber es soll auch nicht zu lange trocken bleiben. Im Winter will der Mensch Schnee, aber eben auch Sonne, um diesen genießen zu können. Für Menschen in Tourismusgebieten ist der Schnee im Winter also besonders wichtig. "Wann kommt der Schnee?", fragen sie deshalb den Bienenmann, oder: "Wie viel Schnee bekommen wir heuer?". Und der Bienenmann sagt es dann. Er sagt zum Beispiel: "Ende November kommt viel Schnee. Danach wird es warm. Im Jänner gibt's dann wieder Neuschnee." Und das Wetter wird dann so. Zunächst zumindest.

Nach einem Monat Winter fragen die Menschen wieder: "Wann kommt der Schnee?", und der Bienenmann muss ihn wieder verheißen. "Jetzt noch nicht. Ende Jänner oder Anfang Februar", vertröstet er die Menschen. Er sagt, er habe das von den Bienen gehört oder aus dem Misthaufen herausgelesen, außerdem habe er jahrzehntelang Aufzeichnungen geführt. So gibt der Bienenmann dem Wetter auch eine statistisch gute Chance, so zu werden, wie es immer schon war: Kalt im Winter, warm im Sommer. Mal mehr Schnee oder Regen, mal weniger. Aber Schnee oder Regen kommt immer! Entweder am Ende des einen, oder am Anfang eines anderen Monats. Oder zwischendrin, einfach so.

Werden die Fragen dringlicher, wehrt der Bienenmann ab: Er könne es ja auch nicht ganz genau sagen, schließlich sei er nicht der liebe Gott. Obwohl es natürlich schon oft so aussieht, als wäre er genau das: der liebe Gott. "Fürchtet euch nicht", spricht er dann, eine Biene streichelnd, "bald einmal kommt der Schnee!" Und die Menschen erzittern unter den Worten des Bienenmannes, weil sie nun wissen: Bald einmal schneit es. "Kommt viel Schnee?", fragen sie weiter. "Nein, generell eher wenig, stellenweise aber ganz ordentlich!", sagt der Bienenmann dann, weil sein Misthaufen hat es ihm geflüstert und die Bienen haben es ihm gesummt. Damit gibt er dem Wetter wieder die Chance, auf dem Berg "ganz ordentlich" Schnee abzulagern, in sonnigen Tälern hingegen "eher wenig" liegen zu lassen.

"Sprich, Bienenmann!", fordern die Menschen, "wie wird der Sommer?" - "Vor dem Sommer kommt das Frühjahr, und das wird regenreich, dann wird es warm, und im Sommer heiß! Aber auch viel Regen - oder wenig. Und nach dem Sommer kommt ein schöner Herbst." "Oh", sagen dann die Menschen, "gut!", und verbreiten die Kunde, dass das Wetter wieder so werde, wie es der Bienenmann gesagt habe. Und sollte es im Februar immer noch zu wenig Schnee haben, so hoffen sie inständig darauf, dass der Bienenmann sein heilig Wort sprechen möge und sage: "Es kommt Schnee!" Und sie hoffen, dass das Wetter selbigen dann auch bringe, sich also wieder an die Worte des Bienenmannes halte, das stille Abkommen einlösend, welches er mit dem Wetter hat. Oh, Zauber der Natur! Oh, Weisheit des Misthaufens! Mach, lieber Bienenmann, dass es schneie!

Dienstag, 19. November 2013

Der Ribisel-Tarzan

Der Lackenbrunner Loisl war den meisten wegen seiner schmächtigen Statur nur als „Ribisel-Tarzan“ bekannt. Obschon ihn niemand so nannte. Alle sagten immer Loisl zu ihm, aber dass er mit Nachnamen Lackenbrunner hieß, wussten eigentlich nur die Allerwenigsten. Auch, ob er tatsächlich den Namen Alois trug, war den meisten nicht bekannt und auch ziemlich egal. Schließlich handelte es sich bei „Loisl“ um einen gebirglerischen Gebrauchsnamen, der mit dem eigentlichen Taufnamen nicht immer was zu tun haben musste. Sepp, Franz, Fritz, Gustl, Lois … Die meisten hatten die ursprüngliche Herkunft nicht im Sinn, wenn sie Menschen mit solchen Namen bedachten. Da konnte es durchaus passieren, dass ein Reinhard Matthias Fockinger zum „Hiasl“ verkam, weil just sein zweiter Vorname den gebräuchlichsten Gebrauchsnamen abgab. So kann also nicht mit Sicherheit bezeugt werden, dass der Lackenbrunner Loisl auch tatsächlich ein Alois war oder gar ein Blasius Aloisius, oder ob man einfach in Ermangelung eines realen Vornamens ihm irgendwann den „Loisl“ andichtete und Lackenbrunner selbst einfach lernte damit zu leben. Ein Bertram Ägidius etwa nahm oft gerne einen „Loisl“ an, zum Beispiel als Schulbub, wenn der „Bertl“ schon an einen waschechten Ro- oder Albert vergeben war. Ob es beim Lackenbrunner auch so war, das weiß wie gesagt niemand so genau. Aber in Wahrheit nannte ihn ja ohnedies jeder den „Ribisel-Tarzan“ oder einfach nur „Ribisel“ - und jeder wusste, wer gemeint war.


Der Ribisel-Tarzan bekleidete eine ungemein wichtige Stelle in der Gemeinde, obwohl niemand genau wusste, welchen Namen oder welche Funktion diese Stelle hatte. Was der eigentliche Aufgabenbereich des Loisls war, wusste ebenso keiner. Aber danach wurde ja ohnehin nie gefragt, wenn es um Gemeindeposten ging. Wichtig war nur, und das betonte der Ribisel immer und immer wieder, dass er kein, wie er sagte, „Stempelkarussellfahrer“ war. Damit meinte er, dass er keinen Amtsposten bekleidete, der mit Verwaltung oder Parteienverkehr zu tun hatte. Denn wer schon einmal auf einem Amt war, der weiß, was ihn erwartet, wenn neben dem Beamten, mit dem es zu verhandeln gilt, ein Stempelkarussell steht. Viele Stempel auf einem drehbaren Stempelhalter: Das bedeutet, dass es hier nichts umsonst gibt und man womöglich mehrmals aufkreuzen muss. Es bedeutet auch Unkenntnis der Sachverhalte, Desinteresse von Amts wegen und behördliche Ignoranz. Niemand möchte eigentlich mit solchen Leuten zu tun haben müssen, die neben einem Stempelkarussell sitzen. Und so betonte der Loisl immer wieder, dass er eben keiner von diesen war.


Arbeiten sah man den Loisl eigentlich auch nie. Meist befand er sich im „Außendienst“, wie er einem immer versicherte, sollte man sich getraut haben, nach seinem Aufgabenbereich zu fragen. „Außendienst. Gemeinde!“, sagte er dann nur und lächelte vielsagend. Fakt ist, dass man ihn öfter in der örtlichen Branntweinschenke antreffen konnte. (Was waren das für Zeiten, als es noch Branntweinschenken gab! - Ich weiß es nicht, ich hab sie nie erlebt…) Als diese einzige Branntweinschenke der Gemeinde Ende der 80er Jahre zusperrte, zogen sich Leute wie der Loisl in abgelegene Kaffeehäuser zurück, die den Leuten bald nur mehr als „Trinker-Cafés“ bekannt waren. Nun war der Ribisel bei Gott kein Trinker; doch liebte er die Geselligkeit. Und er hatte Zeit. Dass der Loisl mit seinem Gemeindeposten so viel Zeit hatte, störte viele rechtschaffende Bürger. Noch mehr giftete es sie, wenn der Loisl immer lachend verkündete „Ach, ich bin bei der Gemeinde. Ich habe ja Zeit!“


So brodelte natürlich die Gerüchteküche, was der Loisl denn bei der Gemeinde genau machte. Die Spekulationen reichten von „Promenadenpolizist“ bis zu „Fassadenkontrollor“ und waren wohl nie wirklich ernst gemeint. Das machte auch nichts, denn der Loisl engagierte sich in seiner Freizeit (sprachen die anderen Leute über Ribisels Freizeit, malten sie dabei stets Gänsefüßchen in die Luft) für den örtlichen Fußballverein. „Und zwar ehrenamtlich“, wie der Loisl bei jeder Gelegenheit stolz versicherte, obwohl niemand irgendetwas anderes von ihm erwartet hätte. „Der Ribisel“, sagten die Leute immer, „ist ein komischer Kauz. Aber im Verein tut er schon viel!“ Mit „Verein“ war stets der Sportverein, der Fußball, Tennis und Eishockey in sich vereinte (ha!), gemeint. Die übrigen Vereinigungen in der kleinen Gemeinde waren zwar rechtlich gesehen auch Vereine, nannten sich aber offiziell immer „Clubs“, weil dies in den Augen ihrer Mitglieder seriöser klang. Es gab den Schachclub, den Fischereiclub und den Akkordeonclub. Als dann der Schützenverein sich auch noch in „Club der Schützen“ umbenannte, entwertete das einerseits den Clubbegriff gewaltig, aber der Sportverein freute sich, denn nun hatte er als Verein natürlich ein Alleinstellungsmerkmal und es umgab ihn die „besondere Aura des Elitären“, wie der Landes-Sport-Rat einmal übertrieben feststellte, als die Eishockey-Sektion die Landesliga gewinnen konnte.


Was der Loisl im Verein alles tat, konnte man kaum an zwei Händen abzählen. Denn tatsächlich war er im Verein für fast alles zuständig. Er trainierte die Super-Minis im Fußball, war Platz- und stellvertretender Zeugwart, organisierte sämtliche Vereinsveranstaltungen, half wo immer es Ausbesserungsarbeiten an den Vereinsgebäuden zu erledigen gab und war auch der soziale Knotenpunkt des Vereinsgefüges. Wann immer jemand irgendwas vom Verein brauchte, ging er zuerst zum Ribisel-Tarzan und der machte das dann bzw. leitete er es in die Wege, denn der Ribisel sagte immer „wird in die Wege geleitet!“, um seinem Tun etwas Offizielles zu geben. Für all das nahm der Ribisel aber tatsächlich kein Geld, weil er, wie er behauptete, „bei der Gemeinde“ schon genug verdiente. Manche vermuteten gar, der Ribisel vertrat Gemeindeinteressen im Verein, war also quasi als Maulwurf von der Gemeinde in den Verein entsandt. Aber diese Leute überschätzten wohl einerseits das politische Interesse des Ribisels und andererseits auch das Interesse der Gemeindeführung, in die Machenschaften des Vereins hineinzupfuschen. Kurzum: Der Loisl war eigentlich der Verein - ohne ihn ging nichts.


So traf sein plötzliches Verschwinden vor allem den Sportverein hart. Niemand wusste, wo der Ribisel geblieben war, aber nachsehen konnte auch keiner, denn niemand kannte ihn persönlich. Die Vereinsleute kannten ihn vom Verein, die Trinker in den Trinker-Cafés vom Café, die Promenierenden von der Promenade usw. Doch niemand kannte des Ribisels Familie oder wusste, ob er überhaupt eine hatte. Niemand nannte sich einen engen Freund und so kannte auch niemand die Wohnung oder das Haus, in dem der Ribisel wohnte. Als man bei der Gemeinde nachfragte, ob die wüssten, wo der Ribisel geblieben sei und wo er wohnte, stellte sich heraus, dass tatsächlich alle Gemeindebediensteten dachten, der Ribisel-Tarzan würde bei ihnen arbeiten, aber keiner konnte sagen, in welcher Abteilung er war und was er dort machte. Alle Abteilungen wurden durchgefragt, niemand hat je mit ihm zusammengearbeitet, aber jeder hat ihn gekannt. Auch, dass niemand seine genaue Funktion kannte, störte keinen wirklich. „Das weiß man hier von vielen nicht, was die den ganzen Tag machen“, hat die Sekretärin des Bürgermeisters einmal gesagt und damit dem Rätsel um den Lackenbrunner Loisl ein Fundament verpasst. Sollte es tatsächlich möglich sein, dass jemand Zeit seines Lebens als „Phantombeamter“ bei der Gemeinde tätig ist? Doch woher hatte der Loisl dann sein Geld bezogen? Und wohin war er verschwunden?


Gemutmaßt wurde noch lange, doch geklärt hat sich die Sache nie. Die meisten behaupteten, der Ribisel hätte sich „versoffen“, was in dieser Gemeinde komischerweise die allgemein akzeptierte Erklärung für ein plötzliches Verschwinden war. Andere behaupteten, der Loisl wäre wahnsinnig geworden und ihn habe der „Zeiseiwagen“ geholt, wie die Leute sagten. Die Wirtin des Trinker-Cafés meinte, der Loisl habe in der Lombardei eine Freundin gehabt, die mit einem Turiner Millionär verheiratet war, und zu der sei er wohl gegangen als ihr Mann gestorben war. Das glaubte ihr aber kaum jemand. Alles, was vom Loisl blieb, waren Rätsel und sein vortrefflicher Spitzname, der jedes Mal, wenn ihn jemand nannte, ein Feuerwerk an Anekdoten zu zünden vermochte. Wo immer der Ribisel-Tarzan auch war - er musste zufrieden sein mit dem Streich, den er allen anderen spielte, und den er sein Leben nannte.

Montag, 13. Mai 2013

Die Eisheiligen

In meiner Kemenate ist es saukalt. Ich sitze im unbeheizten Teil des Hauses, unter mir die kalte Garage, ober mir ein weiteres kaltes Zimmer, zwei Außenwände mit großzügigen Fenstern lassen mich auf das gräuliche Grün des Waldes blicken, bibbernd reite ich auf dem alten Bürostuhl; dabei habe ich mir schon meinen Winterpullover angezogen. Wir schreiben den 13. Mai, Sankt Servatius hält uns fest im Griff. Auf den Bergen liegt (wieder) Schnee, der Niederschlag dauert den ganzen Tag an und wechselt zwischen Niesel- und Platzregen. Wie zum Hohn zeigt sich hie und da ein blaues Fleckchen am Himmel, aber das ist nur Andeutung, ein meteorologischer Mummenschanz, eine - so würde es der Bundesdeutsche nennen - Verhohnepiepung des frühlingsgereiften Innergebirglers, der gerade noch die Hoffnung hegte, bald die Sommerlatschen hervorholen zu können, ja vielleicht sogar schon Teile der "Übergangsgarderobe" einsommern zu können. Nichts da - zu den drei Eisheiligen wird gefroren!

Es heißt: "Servaz muss vorüber sein, will man vor Nachtfrost sicher sein!" (Oder vor Frost überhaupt!) Besser passt da schon, wenn auch rhythmisch nicht ganz so elegant: "Pankraz und Servaz sind zwei böse Brüder. Was der Frühling gebracht, zerstören sie wieder." Dabei kommt morgen erst der Bonifaz und übermorgen der Bavaria Blu bzw. die kalte Sophie. "Die kalte Sophie macht alles hie", heißts recht apokalyptisch im bayerischen Raum. Das mag vielleicht übertrieben sein, aber immerhin übertreiben es die Eisheiligen auch gehörig. Welcher Bauer mag in seinen Regeln da schon Nachsicht walten lassen? Immerhin hat man genug damit zu tun, sich in diesen Tagen auf Ofenbänke zu legen und mit Katzen zuzudecken während man durchs Fenster den Pflanzen dabei zusieht, wie sie ob der Kälte erstaunt eingehen. Traurig, diese paar Tage im Mai, denen zum düstersten November nur die abgefallenen Blätter und die Allerheiligenromantik fehlen. Man fragt sich schon, wo da das Heilige wirkt und werkt, wenn es an diesen Tagen immer so bitterkalt ist. Man muss sich Petrus als einen humorlosen Menschen vorstellen. Mamertius, Pankratius, Bonifatius, Servatius und die Sophie übrigens auch.

Montag, 25. März 2013

Sprechen Sie Deutsch ?/!

Touristen und Einwanderer haben es nicht leicht im Gebirge. Nicht nur ist es die ihnen oft unvertraute Landschaft, welche die Beschwerlichkeit des Berganschreitens genauso in sich birgt wie die oft schwer vorherzusehenden Wetterwechsel, die im Gebirge nicht nur unterhaltsam, sondern eben auch gefährlich sein können; viel öfter scheitert der Wille zum Wohlfühlen an der seltsamen Sprache der Innergebirgler. Denn der Bergmensch kann und will es nicht verstehen, dass er außerbergs nicht verstanden wird. Vielmehr: Es ist ihm egal. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass trotz mittlerweile flächendeckenden Englisch-Unterrichts, der Gebirgler auf dieser Sprache nur phrasenhaft kommunizieren mag. Sein Gebrauch des Englischen beschränkt sich zudem meist auf Wegbeschreibungen, die sich wiederum in den vielsagenden Anweisungen "down" und "up" erschöpfen. "Go up, donn hintre ... hinter... behind hoit. Nochand links... left!" Ahja.

Freilich, der Gebrauch der Englischen Sprache ist nicht jedermanns everyday business. Aber im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends kann mir kein Bewohner einer schon seit fast einem Jahrhundert touristischen Region erzählen, dass er einem Ortsunkundigen nicht auf Englisch den Weg zum nächsten Wirtshaus (als ob er den nicht kennen würde!) oder zum Skiverleih erklären könne. Der Grund, warum diese Situationen in echt immer wieder scheitern, liegt ganz einfach im Unwillen des sogenannten Einheimischen, etwas anderes als seine, die einheimische, Sprache zu sprechen. Diese Verweigerung macht nicht bei einer Weltsprache wie dem Englischen halt. Es erstreckt sich erschreckenderweise sogar auf die standardisierte, überregional verständliche Variante unserer Muttersprache.

Es sind nicht nur "arrogante Deutsche", die vorgeben, rein gar nichts von dem zu verstehen, was der Gebirgler ihm in breitestem Pinzgauer Dialekt zu verstehen gibt. Freilich, es schon auch solche, die sich absichtlich blöd stellen (oder einfach noch keinen Sprachkontakt mit uns hatten oder wollten), und die gleichzeitig davon ausgehen, dass wir ihrem Thüringischen oder Rheinfränkischen Dialekt so ohne weiteres folgen können. Ignorant sein, das kann man auch - und vor allem - in der Sprache.

Viel schlimmer ist die Weigerung des Bergmenschen, seinen Dialekt kurzzeitig zugunsten einer allgemein verständlicheren Variante des Deutschen aufzugeben, wenn er mit Menschen kommuniziert, die dem Deutschen durchaus mächtig sind bzw. sich zumindest alle Mühe geben, es sein zu wollen. Die Rede ist von Zuwanderern, denen ja immer gesagt wird, sie sollen gefälligst zuerst Deutsch lernen, bevor sie es sich bei uns gemütlich machen. Diese Menschen sind nicht abgeneigt zu tun, was von ihnen verlangt wird, ja manche sind mit Eifer und Freude bei der Sache - bis sie merken, wie wenig ihnen im sprachlichen Alltag ihr Wissen nützlich ist. Dort nämlich treffen sie auf den Bergmenschen, der, sobald er die ersten deutschsprachigen Bemühungen des Lernenden bemerkt, anfängt, mit diesem konsequent Pinzgauerisch zu reden. "Ko jo eh Deitsch. Des vastehta scho!", heißt es dann.

So fürsorglich und kameradschaftlich das vielleicht gemeint ist, so frustrierend ist es für den, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Sprache zu lernen, die angeblich in Österreich gesprochen wird. Sprachlernende, die ohnehin schon Mühe haben, das Deutsche in der freien Wildbahn des Alltags (im Gegensatz zur gepflegten Konstruiertheit des im Klassenraum Erlernten) sinnerfassend zu verstehen, sind verwundert: Was ist das für eine Sprache, die die Menschen hier sprechen?

Über die Unterschiede zwischen dem standardisiertem Deutsch und unserem Dialekt sind wir vielleicht zu wenig im Bilde. Wir können uns nicht vorstellen, wie unsere Umgangssprache für jemanden klingt, der sich gerade Mühe gibt, das Lautinventar, die oft komplexe Satzgrammatik und die Intonation des Deutschen zu durchschauen bzw. zu erhören. Für die Sprachlernenden aber ist es eine frustrierende Erfahrung: All die Mühe, die man vor allem am Anfang in ein Sprachstudium des Deutschen steckt, scheint umsonst gewesen zu sein. Das im Klassenzimmer mühsam Angeeignete hat in der Praxis wenig bis gar keinen Wert.

Umgekehrt geht der Einheimische her und hat mit den fortlaufenden Verständnisschwierigkeiten des Zuwanderers nur wenig Nachsehen: "Der lernt's nia!", heißt es dann lapidar. Und wenn er es lernt, der Herr Gastarbeiter, dann kommt dabei ein Kauderwelsch heraus, der jenseits der Grenzen des Bezirks wenig kommunikativen Alltagsbestand haben wird. Ein schlecht gelerntes Deutsch, das sich aus Dialektversatzstücken, der Grammatik der Muttersprache und ein bisschen Hochdeutsch konglomeriert, marginalisiert mehr als es integriert. Von keinem Einwanderer, der Deutsch ohne Vorkenntnisse erlernt, kann man erwarten, dass er es eines Tages akzentfrei sprechen wird, und das soll und kann auch gar nicht Ziel der sprachlichen Integration sein. Aber man kann als Muttersprachler den Lernwilligen eine kleine Hilfestellung leisten, indem man mit ihnen so kommuniziert, dass sie nicht nur verstehen, sondern im selben Zug auch noch wiedererkennen und dazulernen. Was kostet uns das mehr als eine kleine sprachliche Mühe, die eigentlich jeder Volksschüler im Unterricht aufzubringen imstande ist?

Woran also liegt es, dass die Gebirgler mit ihren so geschätzten Saisonkräften nicht ordentlich Deutsch sprechen können oder wollen? Einerseits wird da das Berufsumfeld des Gastgewerbes ins Spiel gebracht, das es angeblich unmöglich macht, Anweisungen in verständlichem Deutsch zu geben, weil alles "ruck-zuck" gehen muss und eigentlich sowieso alles ohne Worte ablaufen sollte. Nur: Wer seinen Angestellten Anweisungen auf Pinzgauerisch zubellt, läuft eben Gefahr, nicht richtig verstanden zu werden. Das hat entweder Nachfragen zur Folge (was auch wieder Zeit kostet) oder ein Missverständnis, das dazu führt, dass die erteilte Aufgabe nicht richtig erledigt wird - was noch mehr Zeit kostet.

Viel öfter aber scheint es so, als wolle der Innergebirgler gar kein ordentliches Deutsch sprechen. Er sieht den Dialekt als eine Art Geheimsprache, deren Verwendung Zugehörigkeit signalisiert. So manifestiert sich das allseits bekannte "Mia san mia" vor allem in der Sprache. Dem Lernenden wird damit signalisiert, dass er, so sehr er sich auch bemühen mag, es eben nie lernen wird. Er wird nie dazugehören. So gut sein Deutsch auch sein mag, der Gebirgler wird ihm mit seinem Dialekt immer voraus sein. "Haha, des vasteht a nid, ge?", ergötzt sich der Bergmensch am Unverständnis des Migranten. Diese "anti-integratorische" Komponente des Dialekts wird nie wirklich übersehen. Im Gegenteil: Der Dialekt ist dem Einheimischen sein Rückzugsort, wenn es ihm in der touristischen Interaktion zu viel wird, und er sich darauf besinnen möchte, dass er etwas Besonderes ist. Schließlich kann man sich eine Lederhose und einen Hut mit Gamsbart kaufen - eine kernige Aussprache jedoch nicht. An der hat sich noch immer gezeigt, ob einer ein "Dosiger" oder ein "Zuag'roaster" ist. Und die Zuag'roasten kann man ja jederzeit wieder "ausgrausigen", wie es heißt.

Mittwoch, 9. Januar 2013

Pfeifenberger hält Maß

Eine von Pfeifenbergers ausgesuchten Vorlieben ist jene für Miniaturen. Pfeifenberger ist nämlich ein Mann, der sich seine Vorlieben, Hobbys und Passionen sehr genau aussucht. Er hegt und pflegt sie so wie andere Pflanzen oder Tiere hegen und pflegen. Dabei ist er ein Mann des Mittelmaßes, weswegen der Begriff „Passion“ schon beinahe zu viel ist und eigentlich zu keiner von Pfeifenbergers Vorlieben wirklich passt. Er behält gern die Übersicht und daher hält er sich nur wenige Interessen, und diejenigen, die er verfolgt, hält er sozusagen an der kurzen Leine. Nie hätte ihn eine seiner Vorlieben dazu getrieben, etwas Unüberlegtes oder gar Dummes zu machen. Auch Unvernünftigem sieht er sich nie ausgesetzt, so wie etwa ein passionierter Sammler für ein ihm besonders begehrenswert erscheinendes Objekt eine horrende Summe Geld zahlen würde. Nein, Pfeifenberger kennt seine Grenzen, denn er hat sie ja selbst gesetzt!

Die Vorliebe für Miniaturen allerdings, so unauffällig sie zunächst scheinen mag, ist eine tief gehende. Sie umfasst viele – wenn nicht sogar alle – Lebensbereiche; doch wenn man nicht um sie weiß, sie würde einem gar nicht auffallen. Manche, die davon wissen, haben sich schon an allerlei psychologischen Erklärungen versucht. „Der Pfeifenberger ist halt selbst ein kleines Mandl, der mag kleine Dinge, weil ihm die großen Angst machen!“, hört man etwa die Leute sagen. So naheliegend derlei Interpretationen auch sein mögen, so ungenügend ist doch auch ihre Erklärungsleistung. Wir wollen uns auch hier nicht lange mit den Gründen für Pfeifenbergers Vorliebe aufhalten; ich aber glaube, es hat etwas damit zu tun, dass Pfeifenberger eben gerne den Überblick hat. Als gebürtiger Innergebirgler ist er es gewohnt, von Anhöhen und Bergesgipfeln aus sich den Blick über die große Welt zu behalten. So hält er es auch mit der Lebenswelt. Dies zeigt sich nicht nur bei der sorgfältigen Auswahl seiner Vorlieben, sondern auch an seiner kargen Einrichtung, seiner Sparsamkeit beim Einkaufen und dem generellen Maßhalten bei Essen und Trinken.

Vor allem was das Trinken betrifft, ist Pfeifenberger nach Ansicht der ihm bekannten Leute ein recht kauziger Genosse. Obwohl es eigentlich die Art der Innergebirgler ist, große Mengen an Alkohol in sich hinein zu schütten, wird man Pfeifenberger nie auch nur mit einem großen Bier erwischen. Abgesehen davon, dass er sowieso wenig trinkt, trinkt er auch nur in kleinen Portionen. Ein Seitel Bier ist ihm da oft schon zu viel – lieber hat er einen Pfiff. Dem Wein kann er höchstens zum Essen etwas abgewinnen, und auch da trinkt er ihn nur, wenn er ihn bereits als Zutat verwendet hat. Schnaps trinkt Pfeifenberger nur in Ausnahmefällen bzw. aus „medizinischer Notwendigkeit“, wie er es nennt. Wenn ihn der Magen drückt, greift er gern zum Nussschnaps, den er immer bei einem Lungauer Bauern kauft. Im Lokal lässt er sich nur ungern einladen, aber wenn, dann weiß ein jeder, dass der Pfeifenberger nur Kalmus trinkt. Denn auch der wirkt beruhigend auf Geist und Körper. „Nur keine Aufregung!“, das ist die Pfeifenberger'sche Devise und also trinkt er niemals Vodka oder Rum. Nicht pur und schon gar nicht mit irgendwelchen Mixgetränken.

Manche Leute meinen, der Pfeifenberger würde den Kalmus und den Nussschnaps sowieso nur deswegen trinken, weil ihm das kleine Schnapsglas so gefiele. Da mag etwas dran sein, denn auch am Pfiffglas gefällt ihm nicht nur die kleinere Portion Bier, sondern eben auch die „Haptik und Optik“, so er, des kleineren Glases. Vulgär würde es aussehen, müsste der Pfeifenberger ein Halbeglas (oder gar ein Mass!) jedes Mal zum Mund stemmen, wollte er daraus trinken. Es würde aussehen, als hätte ihm jemand etwas zu Fleiß getan, und Pfeifenberger wäre darüber auch gewiss nicht glücklich! „Eine Halbe, das ist ja pervers“, soll er einmal gesagt haben als ihm jemand eine solche spendieren wollte. Niemals wird man Pfeifenberger am Oktoberfest Masskrüge heben sehen, und dieses Faktum allein beweist schon die grundrichtige Geordnetheit unserer Welt.

Nicht nur, was die Größe des Glases anbelangt, ist Pfeifenberger eher ein Mann des Maßhaltens statt des Masshaltens (ein derartig dümmlicher Wortwitz sei dem Berichtenden hier ausnahmsweise erlaubt): Auch was die Wahl der Getränke anbelangt, lobt Pfeifenberger sich die Miniatur. So ist sein eigentliches Lieblingsgetränk der Radlerpfiff. Man merkt schon: Der Pfeifenberger ist kein ungeselliger Mensch, aber übertreiben will er es deswegen auch nicht! An manchen Abenden verzichtet Pfeifenberger gänzlich auf Alkohol. Stattdessen trinkt er Limonade oder Apfelsaft. Sollte er dabei auf eine besonders gesellige Runde stoßen, die sein analkoholisches In-der-Bar-Stehen als Dreistheit empfinden, gibt er dem Wirt seines Vertrauens ein Zeichen, worauf ihm dieser quasi im Geheimen ein Schlossgold einschenkt. Je geselliger und fordernder die Runde, desto unwahrscheinlicher ist es, dass einem dieser Kniff (auf den Pfeifenberger besonders stolz ist, wie er einmal verraten hat) auffällt. Das aber ist freilich bloß eine Notlösung, denn das alkoholfreie Bier wird in der betreffenden Kneipe nur in Halbliterflaschen ausgeschenkt. Der Wirt füllt dem Pfeifenberger das Schlossgold zwar in ein Seitelglas, aber es bleibt doch immer noch ein Pfiff in der Flasche zurück, der nach einiger Zeit zum sogenannten „Hansl“ wird – einem letzten, abgestandenen und schier ungenießbaren Bierrest, den nur Alkoholiker oder ganz Verzweifelte zu trinken vermögen. Davon nimmt Pfeifenberger freilich Abstand.

Manchmal, wenn Pfeifenberger die ihm unzuträgliche Einrichtung der Welt beklagt, meint er: „Das ideale Getränk für mich, das wäre ein Schlossgold-Soda-Radler-Pfiff.“ Dabei ignoriert er das überraschte Gesicht seines Gegenübers und fügt seufzend hinzu: „Aber wer schenkt das schon aus?“ Und wenn er das sagt, dann schaut er, als ob es kein Morgen gäbe, und für einen kurzen Moment erwischt man sich selbst dabei, über eine solche Tatsache ein wenig Traurigkeit zu verlieren. „Komm, trink noch einen Apfelsaft, ich lade dich ein!“, sagt man dann und hofft, dass es ihn aufmuntert. „Nein danke. Mir ist eh schon schlecht“, wird er dann antworten und an schlechten Tagen heimgehen. An guten Tagen aber lässt er sich zu einem Kalmus überreden. Und wenn dann das kleine Schnapsglas vor ihm steht, sieht man seine Augen wieder ein wenig funkeln.

Montag, 31. Dezember 2012

Pfeifenberger ist nicht eitel

Es war Pfeifenbergers größte Furcht, mit dem jungen Peter Handke verwechselt zu werden. Gegen Verwechslungen mit dem alten Peter Handke hatte Pfeifenberger wenig einzuwenden und konnte sich derer auch nicht erwehren, glich sein Haarschnitt und sein misstrauischer Blick doch sehr dem gealterten Literaten. "Der junge Handke, der war entsetzlich!", soll Pfeifenberger einmal gesagt haben. Und das meinte er nicht nur im literarischen, sondern vor allem auch im optischen Sinne. "Handke ist eigentlich überhaupt entsetzlich. Ganz entsetzlich!", sagte Pfeifenberger ein anderes Mal und bezog das vor allem auf das literarische Schaffen des Kärntner Schriftstellers. Trotzdem fühlte er sich von den Vergleichen mit dem alten Handke immer ein wenig geschmeichelt. "Frisur hat er ja eine gute! Aber seine Prosa, die ist entsetzlich. Zumindest sehr mau!" Ein Lieblingswort Pfeifenbergers war nämlich das Wort "entsetzlich". Ein anderes war "mau". Selten verwendete er beide in Verbindung: entsetzlich mau. Das geht eigentlich nicht, und das wusste auch Pfeifenberger.

Von September bis Anfang Dezember jeden Jahres schnitt sich Pfeifenberger nie die Haare. Er meinte immer, er müsse seinen "Winterpelz" gedeihen lassen. Tatsächlich sprach Pfeifenberger von "gedeihen", denn seine Haarpracht war für ihn so etwas wie eine Naturgewalt, über deren Wachstum er keine Kontrolle hatte. Freilich aber freute er sich über seine Mähne, die er gern stundenlang vor dem Spiegel begutachtete, bewunderte und pflegte. Manchmal probierte Pfeifenberger verschiedene Frisuren aus, blieb aber dann doch meistens bei einer Scheitelvariante, die einen Mittelscheitel vorgaukelte, sich aber bei genauerem Hinsehen als leichter Rechtsscheitel entpuppte. Ein Mann voller Subtilitäten - das war Pfeifenberger!

Die Idee mit dem Winterpelz hatte Pfeifenberger von seinen Vorfahren abgeschaut, die allesamt aus dem Lungau, der kältesten Region des Innergebirgs, stammten. In Tamsweg, der Bezirkshaupt- und einzigen Stadt der Region, erzählt man sich, die Pfeifenbergers hätten einst den Lungau gegründet. Dabei handelt es sich natürlich nur um einen Gründungsmythos, der aber bezeugt, welch hohes Ansehen die Familie Pfeifenberger im Lungau schon immer genossen hat. "Als Pfeifenberger trägst du einiges mit dir herum!", soll der Pfeifenberger einmal gesagt haben und damit hat er nicht seine Haare gemeint. Obwohl der Satz natürlich besonders für die winterliche Haarvariante des Pfeifenbergers gegolten hätte, denn was sich da jedes Jahr bis Anfang Dezember auf dem Pfeifenbergerkopf angesammelt hat, musste mehrere Kilo schwer gewesen sein. Die richtige Länge hatten Pfeifenbergers Haare dann, wenn er sie hinten zu einem kleinen Zopf zusammenbinden konnte. Das Volumen, das mit dieser Haarlänge einherging, füllte dann auch die Winterhaube vom Pfeifenberger vollständig aus. Das bedeutet aber: Hätte sich der Pfeifenberger die Haar schon ab August wachsen lassen, dann wären sie im Dezember so voluminös geworden, dass sie nicht mehr unter die Haube gepasst hätten. Und weil der Pfeifenberger ein recht verfrorenes Männlein war (trotz seiner Lungauer Herkunft), konnte er das nicht riskieren.

Der Friseurbesuch im Dezember fand dann meistens in Salzburg statt. Denn Pfeifenberger ging niemals zu einem anderen Friseur als zum Sturmayr in Salzburg. Dort nämlich hatte er seine Friseurin, die einzige, die seine Mähne entsprechend zu schneiden wusste. Die Ingrid - so hieß sie - hätte der Pfeifenberger auch geheiratet, hat er einmal gemeint. Denn Friseurinnen - nicht alle! - seien ordentliche Frauen, so Pfeifenberger. Man darf jetzt nicht glauben, dass der Pfeifenberger ein Mann von großer Einfalt war - im Gegenteil! Pfeifenberger war ein studierter Mann, ein belesener zumal, was ja heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist. Aber er hatte ein gutes Gespür für die einfachen Dinge im Leben. Wäre er Politiker gewesen, hätte man gesagt, der Pfeifenberger sei ein "Mann für die kleinen Leut'" und hätte damit nicht die geringe Körpergröße gemeint, die den Pfeifenberger zu einer höchst sympathischen Erscheinung machte.
Die Ingrid hat der Pfeifenberger jedenfalls nicht geheiratet. Wohl auch deshalb nicht, weil er einmal gesagt haben soll, dass Haare und Liebe nicht zusammengehen. Das eine sei eine Sache der Vernunft, das andere eine Sache des Herzens. Mit solchen Sätzen frappierte Pfeifenberger regelmäßig die Menschen.

Wer jetzt glaubt, der Pfeifenberger hätte sich den ganzen Winterpelz im Herbst wachsen lassen, um ihn dann zu Winterbeginn wieder abzuschneiden, der denkt nicht mit und hat den Pfeifenberger mit Sicherheit nicht verstanden - oder ihn gar unterschätzt (was der Kardinalfehler in Bezug auf diesen Mann ist). Mit der langen Wachstumsperiode stellte Pfeifenberger nur sicher, dass sich genügend Haare für den kalten Winter auf seinem Kopf befanden - dem Wildwuchs aber gab er seine Haare deswegen nicht hin. So wurden sie jeden Dezember in Salzburg von der Ingrid formschön geschnitten, also in Fasson gebracht, ohne dabei zu viel Material verloren gehen zu lassen. Wenn dann der Pfeifenberger aus der Sturmayr-Filiale trat und der Salzburger Innenstadtwind zum ersten Mal seine frisch geschnittenen Haare streichelte, fühlte sich Pfeifenberger erhaben. Und er sah dann auch erhaben aus! Wie der alte Peter Handke eben. Nur, dass Pfeifenberger ein viel humorvollerer und wahrscheinlich auch angenehmerer Mensch war als Handke; das gilt sowohl für den alten wie auch für den jungen.

Montag, 12. November 2012

Appell an die Brüllenden

Freundlichkeit ist ein dehnbarer Begriff und ein sehr strapazierfähiges Konzept. Man merkt dies zum Beispiel im Innergebirg, vor allem in den touristischen Regionen: dort, wo also die Freundlichkeit zu Hause ist, wie gerne behauptet wird. In Wahrheit ist das Innergebirg der Freundlichkeit ein so fremdes Umfeld wie die Sahara einem Pinguin. Trotzdem gibt es sie hier – irgendwie halt. Schließlich könnte man ja einen Pinguin auch in der Wüste aussetzen. Die Frage ist halt nur, wie er sich dort verhält und wie lange er überlebt!

Es gibt im Innergebirg zwei Arten der Freundlichkeit. Die erste ist jene den Gästen gegenüber. Es ist dies eine servile Freundlichkeit, die der Österreicher im allgemeinen besonders gut beherrscht. Mit Ehrlichkeit hat sie nichts zu tun. Manchmal erahnt man an ihr einen Hauch von Höflichkeit; das ist aber auch schon alles. Sie ist keineswegs von einem empathischen Miteinander gespeist und hat nichts mit Interesse an anderen Menschen zu tun. Eher mit allgemein akzeptierten Umgangsformen – mit eingeübten kulturellen Praktiken also, die man nicht verstehen muss, um sie zu beherrschen.

Die andere Art der Freundlichkeit ist von noch seltsamerer Natur. Sie hat ähnlich wenig mit tatsächlicher Anteilnahme zu tun wie die servile Freundlichkeit, aber sie hat existenzielleren Charakter. Sie ist quasi eine Überlebensübung und gerät als solche immer ein bisschen bemüht, ja wirkt mitunter verzweifelt. Deswegen äußert sie sich vor allem auch in überlautem Rufen bzw. 'Begrüßungsgebrüll'. Wenn also zum Beispiel ein Pinzgauer freundlich sein will, schreit er richtig laut „Servas!“ oder „Hawidere!“ und begleitet diesen Ruf mit übertriebenem Winken oder Deuten – als wolle er einen auf einem entfernten Gipfel stehenden Wanderer grüßen, auch wenn sich die gemeinte Person nur wenige Meter von ihm entfernt befindet. Die einfache soziale Gleichung, die hinter solch seltsamen Verhalten steckt, ist die folgende: „Je lauter ich mich verhalte, desto auffälliger widme ich mich der anderen Person, desto freundlicher muss ich also wirken.“ Dass dieses Gebaren nicht regelmäßig auf offene Ablehnung stößt, ist bloß dem Gewöhnungseffekt geschuldet, der sich einstellt, wenn man lange genug in der betreffenden Region freundlich gegrüßt wird – und auch selber grüßt.

Unter Freunden äußert sich besonders freundliches Verhalten gerne in übertriebenem Schulterklopfen oder gemütlichem In-den-Schwitzkasten-Nehmen. Was gleich bleibt ist aber der laute und mitunter raue Tonfall der Begrüßung, welcher oft ein noch lauteres „OH!“ voran- und ein tiefkehliges Lachen hintangestellt ist. „OH! Servas Kaiser! Hohohoho!“ oder „OH! Grias eich, Schweinsbeich! Huahaha!“ Auch die Verwendung von multiplen Grußformeln ist im Innergebirg nicht unbekannt: „Hallo, servas, grias di!“ oder „Grüß Gott, guten Morgen, hallo!“ hört man nur allzu oft. Besonders freundlich gemeint, werden multiple Grußformeln dann so gebrüllt, dass der Grüßende bereits vor dem Beginn eines möglichen Gesprächs heiser ist.

Zugegeben werden eben genannte Tugenden zumeist von Männern gepflegt, doch haben sie auch ihre weiblichen Entsprechungen. Ein falsetto-artiges „Grüß Gott!“, bei dem sich beim „Gott!“ die Stimme schon mal überschlagen kann, und dazu ein lippenstiftrotes, fratzenhaftes Lächeln – das sind die deutlichsten Anzeichen der existenziellen Freundlichkeit der Pinzgauerinnen. „Ja wie GEHT's dir denn?“ (hier hüpft der Kehlkopf beim „geht's“ fast aus dem faltigen Hals heraus). Auch die an die Begrüßung anschließenden Sätze werden übertrieben intoniert und von entsetzlichen Grimassen und Kopf-Schieflegen begleitet, das nach Meinung der Gesprächsteilnehmerin Empathie anzeigen soll, bei einem Außenstehenden allerdings nur Verstörung auslösen kann. Ein Tourist etwa, welcher der österreichischen Sprache und unserer Umgangsformen nicht kundig ist, kann solche Szenen nur als spontane Inszenierungen eines absurden Theaters wahrnehmen – niemals aber als jene völlig normalen Alltagssituationen, die sie in Wahrheit sind.

Aber auch als Bewohner besagter Region muss man diesen Emanationen Pinzgauer Geistes gegenüber kritisch sein. Daher sei hier in aller Deutlichkeit (aber in angemessener Lautstärke) gesagt: Lauter ist nicht gleich freundlicher – lauter ist grob! Lauter ist in den allermeisten Fällen unhöflich. Vor allem aber ist überlautes Begrüßen vollkommen unnotwendig, weil sich keine weiten Täler und keine tiefen Gräben mehr zwischen uns befinden. Wir sind zusammengewachsen im Innergebirg. Die Welt ist ein Dorf und das Dorf ist genauso kleiner geworden wie die Welt. Kein Grund zum Schreien! Der Fortschritt hat es uns sogar möglich gemacht, mit Menschen, die sich tausende Kilometer von uns entfernt befinden, in normaler Gesprächslautstärke zu kommunizieren, ja man könnte ihnen sogar ins Ohr flüstern! Warum also einen Bekannten auf der Straße derartig anbrüllen als habe er etwas angestellt? Mäßigt euch in der Lautstärke, liebe Innergebirgler! Die Freundlichkeit kauft man uns ja so oder so nicht ab...

Donnerstag, 27. September 2012

Unser Outlaw

Einer ist von uns gegangen, den man getrost als "Unikum" bezeichnen konnte; auch wenn Worte wie dieses gerne dazu verwendet werden, gutmütige Verschrobenheit zu diagnostizieren. Der Puffer Willi, wie er genannt wurde, war aber ein Unikum im allerbesten Sinne des Wortes - ein Original, der dem Zeller Bergvolk den Rock'n'Roll nicht nur näherbrachte, sondern vor allem vorgelebt hat - konsequent, authentisch und manchmal auch rücksichtslos. Ein Outlaw war er, aber einer mit großem Herz (nicht nur für die Damen)!

Während die einen darüber nur die Köpfe schütteln konnten, war er für die anderen ein Held. Was sich die Leute über ihn gedacht haben, war ihm aber schon seit jeher egal - Rock'n'Roll-Attitüde eben. Er spielte für die einen nicht den Narren und für die anderen nicht den Helden. Was ihm am Herzen lag, war meistens so banal wie (im Kontrast zur Borniertheit der Zeller "Intelligenzia") erhellend: Weißbier und gute Musik. Auch wenn er im Zeller Nachtleben genügend Anlass dazu fand, seinen nie ganz ernst gemeinten Zorn zu pflegen, war er aus selbigem nicht wegzudenken. Schon meine Eltern erlebten die glorreichen Zeiten bei ihm im Wurzelkeller. Ich selbst habe ihn dazumals erst als DJ im Bierkeller kennengelernt.

Dass einer amerikanische Rock- und Bluesmusik der 60er und 70er auflegte, hielt ich damals für eine Selbstverständlichkeit; zufälligerweise (?) machte ich selbst etwa um die gleiche Zeit, als ich mit dem Fortgehen begann, Bekanntschaft mit der Geschichte der früheren Popularmusik (Beatles, Hendrix etc.). Erst als seine Auftritte als DJ immer weniger wurden, erkannte ich das große musikalische Loch, das dieser Mann hinterlassen hat. "Wo spüns'n heid no a gscheide Musi!?", fragte er später oft anklagend und ich konnte ihm darauf nie eine befriedigende Antwort geben.

Aber auch als er schon nicht mehr regelmäßig Platten auflegte (oder irrtümlicherweise Schmalzbrote statt CDs in den CD-Player legte, was nur eine der vielen wahnwitzigen Anekdoten ist, die es über ihn gibt) blieb Willi den Zeller Nachteulen erhalten. Egal, ob als grantelnder Weckerlverkäufer im Viva oder als schimpfender "Wiaschtlsiada" vom Insider: Willi Puffer war gleichsam Mahnmal wie Vorbild, Sheriff wie Outlaw. Vor allem aber war er ein lustiger und lieber Kerl, der um keinen "hantigen" Spruch verlegen, sich für keinen Spaß zu schade war. Ich hoffe, dass es ihm da, wo er jetzt ist, gefällt. Zell am See wird ihn sehr vermissen und er uns wohl irgendwann auch. Auch wenn er das wahrscheinlich nie zugeben würde!



Just around the corner there's heartache
Down the street that losers use.
If you can wade in through the teardrops,
You'll find me at the Home of the Blues.
(Johnny Cash)


Dienstag, 14. August 2012

Bergauf Bremsen

Ich wohne, so glaube ich, auf einer Anhöhe. Manche behaupten auch, ich würde „am Berg“ wohnen. Beides ist eigentlich nicht richtig. Denn im Grunde wohne ich in einem Tal, am Fuße eines Berges. Aber Tal klingt nach „niedrig“ und Berg klingt nach „hoch oben“. Die Wahrheit liegt, wie immer, irgendwo dazwischen – das gilt besonders im Gebirge.

Irgendwer hat einmal gesagt, die Straße, die zu meinem Haus führt, habe eine 34-prozentige Steigung. Das heißt, dass auf einer Strecke von 100 Metern 34 Höhenmeter zurück gelegt werden. Ich bin kein Zahlen-Mensch, mir sagt das überhaupt nichts. Obwohl 34%ige Steigungen schon recht anständige Steigungen sind, klingt die Zahl 34 alleine nach nicht viel. Sagen wir: Es geht anständig bergauf. Oder sagen wir so: Wenn Sie einmal betrunken meine Straße hinauf gegangen sind, machen Sie es freiwillig kein zweites Mal – außer aus perverser Selbstüberschätzung.

Ich würde meine Straße nicht als Bergstraße bezeichnen, obwohl sie zu einem solchen hinführt und die eben genannte Steigung besitzt. Große Teile dieser Straße sind in ihrer Neigung ohnehin unspektakulär; dort aber, wo mein Haus liegt, wird es happig! Da fangen die Mountainbiker erst richtig zu schwitzen an, da gehen die deutschen Wanderer immer schon rückwärts den Berg runter und wenn ein Belgier oder Holländer mit dem Auto vorbei fährt, riecht es entweder nach Bremsen oder Kupplung – je nachdem, ob er gerade von unten oder oben kommt. Womit wir auch schon beim Thema wären: Dem Autofahren auf Straßen mit großer Neigung bzw. Steigung.

Holländer und Belgier müssen hier nicht ganz umsonst als Beispiele der niedrigsten Form des Gebirgfahrers herhalten, stammen doch beide Völker aus Gegenden, die uns nicht ob ihrer spektakulären Gebirgszüge bekannt sind. „Halt, halt!“, will da der Opapa sprechen, “In Belgien gibt es doch die Ardennen!“ (Das war da, wo man im Dezember 1944 die Alliierten im Zuge der Ardennenoffensive noch mal so richtig erschreckte.) Ich halte dagegen: Was die Belgier aus der Ardennen-Region den Holländern in punkto Bergfahren eventuell voraus haben mögen, büßen sie aufgrund ihres (völlig gerechtfertigten) Rufes als schlechteste Autofahrer Europas wieder ein. Also: Holländer und Belgier können auf Bergstraßen ziemlich gleich schlecht Autofahren. Damit aber die Benelux-Brüder auf diesem Gebiet nicht so ganz alleine die Buhmänner abgeben müssen, schließe man vorsichtshalber ganz Deutschland auch noch mit ein (und nehme, wie man es in Österreich immer macht, die Bayern davon aus). Selbstverständlich lassen sich auch manche Slowaken, Polen oder Wiener dazu zählen – ein eindeutiges Bild lässt sich hier sowieso nicht zeichnen, aber mit Holländern, Belgiern und Deutschen als Beispielen fährt man schon recht gut...

Man kennt die Tragödie des Bergabfahrens vor allem, wenn man das Pech hat, einem solchen Talent hinterher fahren zu müssen. Das erste, was man als Hintermann am vorderen Fahrzeug bemerkt, sind die nie erlöschenden Bremslichter: Der naive Glaube an die Allmacht der Bremse beseelt den Fahrzeuglenker aus dem flachen Land und verlässt ihn nicht mehr, bis er wieder geraden Boden unter den Rädern hat. Das dauerrrote Bremslicht steht auch für das blanke Entsetzen, das den ungeübten Bergfahrer ergreift, sobald sich sein Fahrzeug in Bewegung setzt, ohne dass er dazu das Gaspedal drücken muss. Er sieht sich der fremden Zaubermacht der Schwerkraft ausgeliefert, die sein Auto erbarmungslos den Hang hinunterzieht – und gegen die nur das besagte Kraut der Fußbremse gewachsen zu sein scheint. Dabei macht der Fahrzeuglenker eine seltsam paradoxe Entdeckung: Zum ersten Mal bewegt sich sein Vehikel schneller, wenn er den rechten Fuß vom Pedal wegnimmt, anstatt es fester zu drücken. Er muss feststellen, dass er mit dem Bremspedal das Fahrzeug beschleunigen kann – nämlich, indem er es loslässt (Perdauz!).

Die Angst vor der Schwerkraft und die Verwirrung, die durch das Bremspedal-Paradoxon entsteht, hinterlassen ihre Spuren in den Gesichtern der Fahrer. Wenn man das Vergnügen hat, einem herunterkommenden Flachland-Bergfahrer in das Gesicht sehen zu können, erblickt man meistens weit aufgerissene Augen, und dort, wo sonst der Mund sitzt, klafft ein schwarzes Loch des Schreckens. Hinter einem dergestalt Paralysierten fahren zu müssen, ist jedoch ein Geduldspiel der grausamsten Art. Man hat auch viel Zeit zu überlegen, und so stellt man sich vor, wie der Vordermann in seinem Fahrersitz sitzt, beide Hände fest an das Lenkrad geklammert. Hat er vielleicht den ersten Gang eingelegt und die Kupplung durchgedrückt? Oder hat er vielleicht den dritten Gang drinnen und fährt schön untertourig, indem er den Motor mit der Bremse nah an den Kollaps bringt? Hat er vielleicht überhaupt keinen Gang drinnen und lässt das Auto fröhlich im Leerlauf den Berg hinunter rollen, sich vor dem sicheren Unfall nur mit der Bremse bewahrend? Ich weiß es nicht, ja eigentlich will ich es gar nicht wissen, denn ich warte nur auf die nächste Kurve, nach der ich ihn dann endlich überholen kann!

Dass dieses meist ein Wunschtraum bleibt, ist ebenfalls der übertriebenen, von purer Angst gefütterten Vorsicht geschuldet, die den Fahrer vor mir fest im Griff hat: Zur Angst, ungebremst den Berg hinunterfahren zu müssen, gesellt sich offenbar die noch diffusere Furcht vor dem Randstein oder der Leitplanke. Als würde es ehernes Gesetz sein, dass einem in der Mitte der Straße am wenigsten passieren kann, orientiert sich der verängstigte Urlauber am (imaginären) Mittelstreifen der Fahrbahn. Als würde ihn ausreichender, übergroßzügiger Seitenabstand zum Gehsteig noch zusätzliche Sicherheit garantieren, schleicht er nun mitten auf der Straße – scheinbar immer langsamer werdend – den Abhang hinunter, während ich im Auto hinter ihm laut schreie, ihn Körperteile schimpfe und (vielleicht völlig ungerechtfertigt) der Imbezilität bezichtige. Solcher Rage Herr zu werden ist unmöglich und daher schuf Gott die Autohupe...

Doch nicht nur das Bergabfahren von Benelux-Bürgern ist Grund für die zahlreichen Sorgenfalten, die meine Stirn schon zeichnen – auch der umgekehrte Fall bringt Schwierigkeiten mit sich. Nicht wissend, wohin sie fahren müssen, bleiben besagte Gäste beim Bergauffahren auch sehr vorsichtig und schleichen entsprechend die Bergstraße empor. Hinter diesen Kandidaten befinde ich mich dauernd auf der Suche nach dem richtigen Gang, der zu der Geschwindigkeit des vor mir Fahrenden passen will. Denn mein zweiter Gang ist zu hoch-, der dritte aber zu niedertourig, was mich zu der Frage führt, welchen Gang denn der Volltrottel vor mir eingelegt haben könnte. Ich lasse in solchen Fällen gern das Fenster runter, um zu lauschen, ob der Motor vor mir eher heult (2. oder gar 1. Gang) oder vor sich hin gurgelt (3. Gang). Die Erkenntnis ist in beiden Fällen erschreckend und dient eigentlich nur dazu, meine Neugier zu befriedigen. Ich gebe zu, ich bin an Dummheiten allgemein interessiert und klassifiziere diese gerne nach Schwachsinnigkeiten, Unsinnigkeiten, Stumpfsinnigkeiten, allgemeinen und speziellen Blödheiten sowie Unerhörtheiten. Der Katalog ist beliebig ausbaubar, aber nicht zu streng ausgelegt, weil es sich bei den allermeisten Arten von Dummheit um grenzüberschreitende Phänomene handelt – denn wie wir wissen, kennt die Dummheit ja keine Grenzen!

Bergauf fahrende Urlauber sollte man vor allem in der Nähe von Parkplatz-Einfahrten im Auge behalten. Abruptes Abbremsen droht hierbei nicht nur direkt vor einer Einfahrt, sondern vor allem auch kurz danach und – der Teufel schläft nie – dort, wo weit und breit keine Einfahrt zu finden ist. Beliebte Haltegelegenheiten sind zudem unübersichtliche und steile Kurven; vor allem im Winter wird hier gerne angehalten, um zum Beispiel Schneeketten auf den Sommerreifen zu montieren, oder vielleicht nur, um zu sehen, ob der Mercedes mit Heckantrieb auch bei Glatteis im Steilen aus dem Stand so galant anfährt wie sonst. (Tut er übrigens meistens nicht!)

Dies und vieles andere lässt sich beim täglichen Aus- und Einfahren in meiner Straße beobachten und beschimpfen. Was mir allerdings bis vor kurzem auch neu war: Das Bremsen beim Bergauf-Fahren. Um es genauer zu sagen: Das Bremsen während des Bergauf-Fahrens. Ich spreche nicht davon, wie ein übermütiger Führerschein-Neuling vor der 90-Grad-Kurve von 80 auf 30 km/h herunterbremst, weil ihm die Steigung des Berges in diesem Fall zu wenig Hindernis ist. Ich meine ein Auto, das sich, zwar langsam, aber stetig, den Berg hinauf quält, dessen Bremslicht aber immerzu leuchtet! So gesehen jüngst bei einem Holländer, der mir bewies, dass praktische Dialektik auch mit Dummheiten zu praktizieren ist. (Und nein, das Bremslicht war nicht defekt!)

Bergauf Bremsen möchte ich eine oxymorische Kunst nennen: Es ist ein Sinngebungsprozess, der in sich widersprüchlich ist, gleichzeitig natürlich über sich selbst hinaus-, letztlich aber auf nichts Bedeutendes hinweist, sondern einfach den Gipfel der Dummheiten als Synthese aller Lächerlichkeiten darstellt. Ich habe Demut vor diesem Unterfangen, denn ich wüsste nicht, wie ich es praktisch anstellen sollte. Diesen Holländer aber, der mich mit seiner Leistung so verblüffte, dass ich wohl das ungläubig-panische Gesicht eines touristischen Bergab-Fahrers angenommen haben muss, nenne ich den größten praktischen Philosophen und Zyniker seit Diogenes im Fass, und, um auch seinem Land die Treue zu halten, den größten Ethiker seit dem Niederländer Spinoza. Denn wenn Sparsamkeit eine Tugend ist, dann ist bergauf Bremsen die tugendhafteste Handlung überhaupt. Vorausgesetzt – und hier liegt die Krux dieses dialektischen Unterfangens – hinter dem Bergauf-Bremser befindet sich kein Einheimischer. Aber natürlich, mein leidendes Hinterherfahren als Zeuge dieses Weltgeistes an Dummheit ist von größter epistemologischer Relevanz, habe ich doch schließlich dieses Wunder mit meinen eigenen Augen wahrgenommen. Anders könnte ich auch nicht davon berichten, es sei denn, ich lüge – aber wer würde mir das schon glauben?

Bergauf Bremsen (ich kann meine Gedanken nicht davon lassen): das ist die hohe Kunst der Selbstzurücknahme, beinahe die Grenze zur Selbstaufgabe und -auslöschung überschreitend. Es ist autofahrerische Demut im Gewand der motoristischen Unmöglichkeit. Vor allem ist es ein ewiges Geheimnis für den ortskundigen Bergfahrer – ein widernatürliches Wunder, Zeuge einer modernen Magie der Berge und Pate für eine Psychologie der Unmöglichkeit. Es ent-setzt einen, weil es das Gegenteil einer Setzung ist, die ultimative Aufhebung ebenjenes Dogmas, dass man bergauf nicht bremsen muss oder soll. Bergauf Bremsen ist ein Lebensgefühl, das ich nie kennenlernen werde. Bergauf Bremsen ist außerdem ein praktisches Konzept unbeschwerter Dummheit. Davor kann man nur tiefsten Respekt haben – und daher muss die Hupe schweigen!

Donnerstag, 19. Juli 2012

Sepp Rasser

„Sepp Rasser? I don't know a Sepp Rasser! I am Moslechner!“ Der Mann, der das sagt, fuchtelt abwehrend mit den Händen als wolle er mit dieser ganzen Sache am liebsten gar nichts zu tun haben. Der arabische Kunde beugt sich etwas über den Ladentisch, als habe er das Fuchteln als Einladung zum Näherkommen verstanden: „But man next door tell me you are Sepp Rasser!“

Der vermeintliche Sepp Rasser steht jetzt ganz an der Wand seines kleinen Trachtengeschäfts. Dort, an der Wand hinter der Kassa, hängen einige Kinderlederhosen und -dirndln. Würde man ihn fotografieren, mit seinem lichten Schnauzbart und den kleinen schwarzen Augen, sähe der Mann jetzt aus wie ein belgischer Pädophiler auf Alpenurlaub. Dem Araber fällt so etwas natürlich nicht auf. „You have dress for girrl?“ fragt er, noch eindringlicher als er vorher nach Sepp Rasser gefragt hat. Nun dringt aus dem hinteren des Raums ein hektisches Abrakadabra. Eine der fünf Frauen hält ein Dirndl hoch und es sieht aus, als würde sie damit anzeigen, dass sie es war, die geredet hat. Für den Sepp Rasser hinter dem Ladentisch wäre das nämlich nicht zu erkennen gewesen, tragen doch alle Frauen einen Schleier vor dem Gesicht.

Wütend dreht sich der Araber um und schreit irgendetwas in Richtung seiner Frau. Er scheint beleidigt zu sein, dass die Frau zuerst gefunden hat, wonach sie gesucht haben. „You show!“ sagt er zum Sepp Rasser, der eigentlich Moslechner Alois heißt, und zeigt dabei auf ihn. Ängstlich kommt der Alois aus seiner Ecke hervor und wuselt hinter dem Araber her. Drei Kleinkinder haben begonnen, die kleinen Stoffmurmeltiere, die pfeifen, wenn man sie drückt, zu betätigen. Indessen sind die arabischen Frauen in aufgeregtes Geplapper verfallen. Nacheinander werden alle Dirndln herausgezogen, die der Alois in seinem nicht allzu großen Geschäft hängen hat. Das Pfeifen der Plüschmanggerl sticht dem Alois schon in den Ohren als einer der drei Buben – oder ein vierter? - auch noch die Kuhglocken findet, die der Moslechner Alois schon seit den frühen 80ern im Geschäft hängen hat, und die sich damals noch gut verkauft haben; bis der Markt eben irgendwann gesättigt war, oder die Leute begriffen haben, dass sie mit einer Kuhglocke daheim im Grunde gar nichts anfangen können und dass auch das ästhetische Wohlempfinden beim Anblick einer solchen nur eine kurze Halbwertszeit hat.

Das Gebimmle, Gepfeife und Geplapper muss der Alois jetzt dulden, denn er ist schon längst nicht mehr Herr über seinen Laden. „What price for this?“ fragt der Araber streng, und der Alois greift schnell nach dem Preisschild. Es hat ihm vor ein paar Tagen jemand gesagt, dass Araber gut Ziffern lesen können, weil wir die von ihnen gelernt haben. Seitdem zeigt der Loisl den arabischen Gästen immer nur Preisschilder, um Missverständnissen vorzubeugen. Ein anderer Araber, der an einer kleineren Kuhglocke interessiert gewesen war, hat ihn zum Beispiel einmal nach dem Preis gefragt. Da hat der Loisl die Kuhglocken noch nicht beschriftet gehabt und dem Araber gesagt „Thirty two!“, worauf der Araber entgegnete: „Aha! But I only want one! So one fifteen?“ Der Rest des Gesprächs verlief nur weniger umständlich und nötigte den Alois dann ohnehin dazu, den Preis auf einen Zettel zu schreiben.

Der Araber inspiziert das Preisschild des Dirndls; auch die Frauen schauen neugierig darauf, während im Hintergrund weiter die Murmeltiere pfeifen und die Kuhglocken bimmeln. Als das Bimmeln aufhört, wird der Loisl misstrauisch und schaut kurz über seine Schulter. Eines der Kinder hat sich einen Filzhut aufgesetzt und rennt damit bei der Tür hinaus. Auch der arabische Vater merkt, was passiert ist und lässt einen lauten Fluch los. Sofort erscheint der Bub wieder in der Türe. „What price for hat?“ Der Loisl stürmt zum Hutregal, kommt mit einem Filzhut zurück und hält ihn dem Araber vor die Nase. „I buy“, sagt der Araber kurz und deutet dabei auf seinen Sohn. Auch die anderen beiden haben nun von den Murmeltieren gelassen und drehen jetzt an den Postkartenständern. Wieder sagt eine der Frauen etwas, wieder kann der Loisl nicht ausmachen, welche es gewesen ist.

Der Araber deutet auf das Dirndl, zieht die Augenbrauen hoch und sagt: „Discount!“ - Es ist keine Frage. Der Moslechner Alois antwortet: „No discount“, und klingt dabei fragend. „But I buy hat!“ sagt der Araber aufgebracht. - „Yes, but no, but...“ Wieder flucht der Araber etwas und die Frauen brechen in erneutes Gegacker aus. „You don't give discount?“, die Stimme klingt jetzt sanfter. „I don't have discount!“ entgegnet der Moslechner entschuldigend. „But you can give discount, no?“ - diese Frage verwirrt den Alois jetzt.

„No discount!“, sagt er mit Nachdruck. Der Araber brummt. „I take this and hat“, sagt er und hält ihm eines von den Dirndln hin. Der Moslechner Alois nimmt das Dirndl, wundert sich darüber, wie jemand ein Dirndl kaufen kann, ohne es vorher anzuprobieren, entschließt sich aber dazu, lieber keine weiteren Fragen zu stellen.

Wieder pfeift ein Murmeltier. Einer der Buben hat das Interesse an dem Postkartenständer verloren und ist zurück zu den Plagegeistern. „What's this?“ fragt der Araber und deutet Richtung Murmeltiere. „Äh... a Manggei!“ sagt der Loisl in Ermangelung der passenden englischen Vokabel. „Is animal, ha? Live here?“ - Der Araber scheint auf dem richtigen Weg zu sein, deswegen nickt der Loisl heftig. „I take!“ sagt der Kunde und schreit etwas Grimmiges, worauf der kleine arabische Junge mit dem Murmeltier zur Kassa gelaufen kommt. „So I take this, this and hat. No discount, ha?“, auf dem Gesicht des Arabers zeigt sich ein fast ironisches Lächeln. Da muss der Loisl blöd grinsen und lacht: „No discount!“, worauf sich das Gesicht des Arabers gleich wieder verfinstert. Der Postkartenständer quietscht und taumelt unter den immer wilder werdenden Drehungen, die er, angetrieben von den Händen des kleinen Arabers, zu vollführen hat.

Als der Loisl das Geld des Arabers nimmt, klatscht ein Päckchen Ansichtskarten auf den Boden. Der Vater stürmt zum Postkartenständer, hält diesen abrupt an, worauf sich weitere zwei Päckchen auf dem Boden verteilen. Laut fluchend scheucht er das Kind aus dem Laden. „I am sorry!“, sagt der Araber, „no, passt scho!“ der Loisl.

Nach Erledigung des Zahlungsgeschäftes fragt der Kunde noch ein letztes Mal „You are not Sepp Rasser, no?“ und lacht ein bisschen. Gut aufgelegt, weil er ein gutes Geschäft gemacht hat und die scheinbare Bedrohung dabei ist, sich zu verziehen, sagt der Loisl erleichtert: „No, I am not Sepp Rasser.“ - „But man next door say you Sepp Rasser!“ Der Araber wirkt verwirrt und auch der Loisl schaut sein Gegenüber verblüfft an. „I was talking to man next door. I ask who sell Austrian dress for women. He tell me: Sepp Rasser!“ (Tatsächlich ist es nämlich so, dass der Bruder vom Moslechner Alois, der Moslechner Rupert, gleich nebenan ein Spezialitätengeschäft führt.)

Der Araber fährt in seiner umständlichen Erklärung fort: „I tell him I want to go to Moslecker! He say that he is Moslecker, but for dress I have to go to Sepp Rasser! And he show me to go in here!“ Nun ging dem Moslechner Alois ein Licht auf. Der Araber wurde wohl wegen eines Dirndls zum „Moslechner“ geschickt und landete – durchaus folgerichtig – im Geschäft seines Bruders. Da es in einem Spezialitätengeschäft aber keine Dirndln gab, sondern nur Schweinsbäuche und ähnliches, für Araber ganz und gar unbrauchbares, musste der Bruder den Araber wohl zu ihm herein geschickt haben!

In diesem Moment erscheint der Moslechner Rupert grinsend in der Tür. Der Araber deutet auf ihn und scheint vergnügt: „Look, this man send me here!“, sagt er aufgeregt. Der Rupert kommt in den Laden herein, deutet auf den Loisl und sagt: „Ah, ei sie ju faund mei Brasser!“

Der Araber fragt: „This is Sepp Rasser?“ - „Yes!“, sagt der Rupert und legt stolz den Arm um seinen Bruder: „dis is mei Brasser!“
„See!“, ruft der Araber stolz und schaut den Alois in der überzeugendsten Weise an: „You are Sepp Rasser! But why you call yourself Moslecker?“

Auch der Rest dieses Gesprächs verlief wieder einmal nicht unkompliziert...

Donnerstag, 12. Juli 2012

Völkerverständigung

Ibrahim hat große Hände, und er kann damit Musik machen. Dauernd klatscht, trommelt und schnippt er. Uns Eingeborenen versucht er, eine uns vollkommen unbekannte Art des Fingerschnippens beizubringen und lacht sich dabei halb tot, während wir wie die ersten Affen dastehen und mit kompliziertesten Verrenkungen unserer Handknochen genau gar keinen Ton erzeugen. Ibrahim schnippt vergnügt und macht das so laut, dass es fast in den Ohren weh tut, während uns bereits die Sehnen heiß werden und immer noch kein Ton zu vernehmen ist.

Schließlich hat er Nachsehen mit uns und zeigt uns etwas anderes: Er macht ein galoppierendes Pferd nach. Auch das geht in Kuwait anders als in Österreich, wo man sich mit Händeklatschen und Oberschenkelpatschen zufrieden gibt. Ibrahim benützt den Hohlraum zwischen seinen gefalteten, großen Händen, seine Stirn, seine Brust und schließlich erst den Oberschenkel. Wie die Töne entstehen, die das Geräusch eines galoppierenden Gauls viel überzeugender nachahmen als unser Klatsch-Patsch, bleibt uns verborgen. Niemand der Anwesenden versucht sich an dem 'kuwaitischen Gaul'; alle blicken nur bewundernd den fremden Mann an, der mit uns mindestens genauso viel Freude zu haben scheint, wie wir mit ihm haben. Daheim wird er wohl erzählen, wie er die Barkultur in Österreich befruchtet hat und die dort Ansässigen mit billigen Tricks zum Staunen brachte.

Der große Bernd, ein 2 Meter 10 hoher Hüne mit langem, fettigem Haar und Indiandergesicht, meint, er müsse Ibrahims Darbietungen etwas entgegensetzen und macht den 'abgeschnittenen Daumen', jenen Volksschultrick also, der dem Zuseher vorgaukeln soll, dass man die Spitze seines Daumens beliebig verschieben könne, während es sich in Wahrheit um den Daumen der zweiten Hand handelt. Ibrahim kichert belustigt und macht ein Gesicht, als ob er den großen Bernd fragen wollte, ob er ihn verarschen wolle. „This is trick that make little kid!“, sagt Ibrahim und deutet die ungefähre Körpergröße an, die solche Kinder haben, welche derartige Kunststücke aufführen.

Der große Bernd zeigt noch einen Trick – diesmal mit dem Feuerzeug: Er hält es mit ausgestrecktem Arm vor seinen Körper, lässt eine Flamme erscheinen und führt dann das Feuerzeug langsam über seinen Kopf. Dann bläst der große Bernd einmal kurz, und wie von Zauberhand erlischt die Flamme über seinem Haupt! Ein bezeichnendes und passendes Bild, Ibrahim aber fühlt sich schön langsam nicht mehr ganz ernst genommen vom großen Bernd. Es ist auch eine traurige Angelegenheit: Da packt der Kuwaiti einen guten Schmäh nach dem anderen aus, und der Zeller kann nur mit Gags aufwarten, die ein kritisches Kleinkindpublikum bei jedem Kindergeburtstag mit erbostem Schwedenbomben-Werfen quittieren würde.

Ibrahim aber ist barmherzig und führt weiter Kunststücke vor, erzählt Witze und macht mit seinem Körper Musik. Irgendwer muss ihm jetzt Einhalt gebieten, sonst hält er uns für einen unkreativen Haufen leicht zu beeindruckender Wilder (was wir vermutlich auch sind)!

Also fasst sich der große Bernd erneut ein Herz und greift tief in die Trickkiste: „Look!“, sagt er und hält Ibrahim Zeige- und Mittelfinger vor das Gesicht. „Hoffentlich kommt jetzt nicht wieder so etwas wie der abgesägte Finger!“, denke ich mir. Ibrahim schaut mehr freundlich als gespannt auf die beiden dicken Bernd-Finger. Auch er erwartet jetzt nichts Besonderes, seine Höflichkeit aber gebietet ihm, dem Bernd seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Da taucht der Bernd die Finger in sein Bier, drückt sie von innen gegen das Glas und hebt so das Bier in die Höhe. Ibrahim lacht und klatscht – damit hat er zumindest nicht gerechnet! Mit einem Ruck lässt der große Bernd jetzt das Bierglas nach oben sausen, zieht die beiden Finger raus, fängt das Glas mit der selben Hand wieder auf und leert es in einem Zug. Ibrahim tobt, alle klatschen, der große Bernd streckt die Faust gen Himmel, wie ein Boxer nach einem KO-Sieg. Sein Indianergesicht ziert ein breites Grinsen, halb von Freude, halb vom abendlichen Alkoholkonsum gezeichnet. „Give him another beer!“ ruft Ibrahim aufgeregt und legt auch gleich lachend das Geld hin. Jetzt hat ihn der große Bernd überzeugt!

Die Freude währt jedoch nicht lange, denn nachdem Ibrahim wieder ein paar Tricks vorgeführt hat, nimmt der große Bernd einen weiteren ersten und letzten Schluck von seinem Bier und wankt sodann rückwärts zur Türe hinaus. „I give up“, lässt er Ibrahim wissen und fällt beinahe in die Staude vor dem Lokal. Besorgt sieht Ibrahim ihm nach, dreht sich zu mir und sagt: „Is big man, hurt much when fall! - But good trick with beer! I will practice!“ Dann schnippt er wieder vergnügt und trommelt auf der Bar 1001 mir gänzlich fremde Rhythmen. Ein Abend der Völkerverständigung, des Kulturaustauschs und der Ehrenrettung durch einen Pinzgauer Kampftrinker geht zu Ende...

Donnerstag, 12. April 2012

Zeller Weisheit

"Z'Ostan moggst Easchtkasei brockn geh, wonnst a recht a waxa Hund bist und da nix scheißt! Owa loss di jo nid dawischn!"

Freitag, 23. März 2012

Eroberung der Heimat

Heimat – ein leidiges Thema. Wie sich dazu äußern, wenn allein schon das Wort, das die Sache zu bezeichnen sucht, im Moment des Aussprechens, des Schreibens zerfasert? „Heimat“, das klingt ein wenig hohl, verstaubt und wie eingelagert. Eingelagert in einem alten Schuppen, der irgendwo im Garten unserer Kulturlandschaft steht und in dem es müde vor sich hin modert. Wörter wie „Manieren“ oder „Höflichkeit“ liegen dort auch herum und warten darauf, vergessen zu werden. Was ist los mit diesen Wörtern, was ist los mit der Heimat? Muss man den Begriff im Schuppen vergehen lassen, oder kann man vielleicht doch noch etwas damit anfangen? Und was kann Heimat heute (noch) meinen? Im gegenwärtigen Diskurs hat der Begriff seine nostalgische Komponente eingebüßt und im Vordergrund stehen politische oder pragmatisch-funktionale Aspekte. Die Nostalgie selbst steht ja unter Generalverdacht, denn, so wird den Jungen immer eingebläut, früher sei gar nicht alles besser gewesen, und wer das immer noch glauben will, leide an romantischem Eskapismus, entzöge sich dem Hier-und-Jetzt – und begeht damit das größte Kapitalverbrechen überhaupt. Denn nicht nur die Ratgeber zur Lebensführung mahnen uns, uns gefälligst im Hier-und-Jetzt zu erschöpfen, auch das Erwerbsleben kann mit Nostalgikern wenig anfangen. Und wer sich nostalgisch an alte Objekte klammert, der gilt entweder als Hoffnungsloser oder als Nachläufer, weil sogar die Nostalgie – in marktfunktionalistischer Entstellung wohlgemerkt – selbst gerade eine ironische Wiedergeburt in der Popkultur feiert.

Sich aber nostalgisch zu seiner (einer) Heimat zu verhalten, wirkt mindestens unmodern, kann einem aber – je nachdem, wie intensiv der Heimatnostalgie nachgegangen wird und je nachdem, wie empfindlich das sogenannte soziale Umfeld darauf reagiert – im schlimmsten Fall als reaktionär, heimattümelnd, konservativ, biedermeierlich, allzu bürgerlich, engstirnig, stumpf, stupide oder schlichtweg dümmlich ausgelegt werden. Die Liste dieses diesen traurigen Umstand zu beschreiben möglich machende, meist recht kraftlose und von Vorurteilen nicht ganz freie Vokabular ließe sich freilich beliebig fortsetzen. Die Sache kann beliebig gedreht und gewendet werden, aber der Mief des Altbackenen lässt sich vom nostalgischen Umgang mit der Heimat nur schwer wegdenken. Dies hat nicht nur historische Gründe, sondern ist auch dem sorglosen Umgang mit dem Heimatbegriff geschuldet, der, durch politische Vereinnahmung havariert, anscheinend immer nur dort auftaucht, wo sich Bärtchen und Joppen tragende Herren an Biertischen gegenseitig zu gedanklichen Missgeburten aufmunternd auf die oft breiten, aber immer rückgratlosen Schultern klopfen. Wer „Heimat“ sagt, so scheint es, der meint doch irgendwie auch „Heim ins Reich“, „Heimatfront“, „Heimat für die, die immer schon da waren“, „Heimattreue dem Vaterland“ etc. Gegen solche Dummheiten ist, wie so oft, kein Kraut gewachsen. Von der Heimat abhalten lassen sollte man sich jedoch davon nicht.

„Ich fühle mich als Europäer“, sagt, wer modern sein möchte, zeigen will, dass die ganze Welt seine eigentliche Heimat ist, und dass, wenn schon gezwungen, seine Herkunft anzugeben, ihm die größtmögliche Einteilung die gerade noch verkraftbarste ist – denn alles andere sind kindische Dorftümeleien. Der Zug zum Großen und Ganzen (lange Auslandsaufenthalte, berufsbedingte Reisen, das Konzept Weltreise als Lebenserfahrung) ist dem Heimatlichen feindlich gesinnt. Welt und Dorf, das verträgt sich nicht. Die frei erwählte Flucht ist der Imperativ des modernen Nomaden, sie hat als Trieb ins Ungewisse die Vertreibung aus dem Paradies ersetzt: Man vertreibt die Teufel der Heimat aus seiner Seele, indem man die Heimat so weit wie möglich hinter sich lässt. „Auf zu neuen Ufern“ heißt die Devise - „und bloß nie mehr zurückkehren!“ der Nachsatz. Der Ennui ist dem Jetlag gewichen, die Menschen sind jetzt reisemüde statt lebensmüde. Eine Verbesserung kann darin nur erkennen, wer auch die Kopfschmerzen den Magenschmerzen als angenehmeres Symptom einer mittelschweren Krankheit vorzieht.

Doch wie sich dagegen wehren, dass die Heimat vereinnahmt wurde von dubiosen politischen Diskursen und funktionalistisch-bürokratischen Hohlwörtern? Wurde uns die Heimat etwa verboten, hat man uns vergrault, hat man das Territorium unzugänglich gemacht? Betritt man den heimatlichen Boden (Boden – noch so ein gefährliches Wort!) auf eigene Gefahr? Ein neues, modernes Verhältnis zur Heimat erlangt nur, wer bereit ist, hinaus zu gehen nicht um des Weggehens willen und wer bereit ist, zurückzukommen um des Daheim-Seins willen. Erst wer die Heimat als den Ort erkennt, von dem aus alles seinen Anfang nimmt, ist wirklich heim gekommen und kann sich an seiner Region, seiner Gegend erfreuen, und nicht nur an der bloßen Behaglichkeit seines Hauptwohnsitzes.

Heimat ist nämlich mehr als Heim. In einer Gegend groß zu werden bedeutet, diese Gegend im schlimmsten Fall ein Leben lang mit sich herum zu tragen. Eine Erfahrung, deren Bitternis vor allem jene spüren, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und denen sich keine Möglichkeit zur Rückkehr mehr bot. Erst wenn die Heimat verloren ist – entrückt, unzugänglich, verschwunden – wird ihr Wert schmerzlich bewusst. Dabei sollte erwähnt werden, dass es für gewöhnlich viel braucht, um ganze Familien dazu zu bewegen, ihren Heimatort zu verlassen, und dass es schwieriger ist, eine neue Heimat zu finden, als einen neuen Hauptwohnsitz – ein Umstand, der bei aller Integrations-Politisierung gerne unter den Tisch fällt. Erst wenn die Heimat zur Hölle wird, überwindet die Bereitschaft, sie zu verlassen, jene magnetische Kraft, die alles und jeden festhält, der sich einmal – freiwillig oder unfreiwillig – ihr hingegeben hat.


Foto: Ricarda S. Kreindl


Immanuel Kant, so heißt es in Thomas Bernhards gleichnamigen Stück augenzwinkernd, sei nie aus Königsberg hinausgekommen. Auch wenn diese Behauptung faktisch unwahr ist, bezeichnet sie doch eine tiefe Verwurzelung mit einem Ort, der einmal für Preußen das war, was man ein geistiges Zentrum nennt. Was Königsberg für Kant war, war Prag wohl für Franz Kafka. Zwar ist Kafka öfter aus Prag hinausgekommen als Kant aus Königsberg, dennoch ist das literarische Bild, das Kafka von seiner Heimatstadt einst zeichnete (ein Mütterchen mit Krallen) das allertreffendste, wenn es darum geht, die Beziehung des Autors zu seiner Stadt zu beschreiben. Ob Kant Königsberg, ob Kafka Prag geliebt hat, ist einerlei. Fest steht, dass in beiden Fällen die Beziehung des Denkers zur Heimat nicht fruchtlos geblieben ist: War Königsberg für Kant so etwas wie ein Denkgefängnis, war Prag für Kafka Stimmungs-Vorlage für sein literarisches Werk. Die Auseinandersetzung mit der Heimat, der Herkunft, der Geschichte ist wohl immer schon Wurzel der künstlerischen Inspiration gewesen. So erlernen wir das Sehen und Denken zuallererst an unserer heimatlichen Umgebung, und erst, wenn wir uns an diese gewöhnt haben, ist das Fundament dafür gelegt, staunen zu können, wenn wir andere Gegenden bereisen – metaphorisch wie auch ganz wörtlich verstanden. Die Differenz, das Anders-Sein, errechnet sich, ob man will oder nicht, erst aus dem, was man schon kennt. Wenn Thomas Bernhard seinen Kant und Franz Kafka seinen Karl Roßmann nach Amerika schicken, ist das einerseits ein geradezu sarkastischer Akt der Entwurzelung, gleichsam aber auch Voraussetzung für wirklich neue Erkenntnis (alle Implikationen eines Amerika-Bildes, das Fortschritt und Neuanfang bedeutet, miteingeschlossen). Man lese Kafkas Verschollenen als Fortsetzung von Bernhards Kant-Stück und stelle sich den großen Professor vor, wie er in der neuen Welt zum 17-Jährigen Greenhorn wird und bald darauf sein Königsberg vergisst und sich – nach allen Irrungen und Wirrungen – schließlich irgendwann in Princeton niederlässt, weil ihn das noch am ehesten an Königsberg erinnert.

Ist Heimat also einfach all das, was wir schon kennen, weniger als das, was wir vorgeben, immer schon gekannt zu haben? Die Demarkationslinie zwischen Gekanntem und scheinbar Immer-schon-Gekanntem verläuft zwischen dem Gefühl der heimatlichen Geborgenheit und dem Drang, diese aufzugeben und dorthin aufzubrechen, wo man – so glaubt man – eigentlich hin gehört: nämlich in die große, weite Welt. Hänschen klein all over again. Aber auch Hänschen muss lernen, dass die Welt als ganzes kein Zuhause ist, und kehrt als Hans wieder zurück. Erkannt wird er natürlich nur von seiner Mutter, die ihm schon bei seiner Abreise gesagt hat, er solle bald wieder kommen. Warum Hänschen nach sieben Jahren wieder beschließt zurückzukehren, verrät das Kinderlied nicht. Wir erfahren bloß, dass sich das Kind „besinnt“: Es scheint, als wäre der nunmehrige Hans vernünftig geworden. Warum aber kehrt er dann wieder nach Hause zurück? Die Ferne war ihm wohl nicht Erfüllung genug; zwar war seine Reise eine Notwendigkeit in seinem Ablösungsprozess von der Mutter (lies: Heimat), aber es scheint, als wäre er von vornherein nur zu dem Zweck „ausgewandert“, um letztlich wieder zurückzukehren. Das Hänschen-klein von heute macht Praktika in London, Shanghai und Tokio, lässt sich dort nieder, wo die am besten zahlende Firmenniederlassung steht, und zieht dann höchstens noch von der Stadt in die Vorstadt, weil man in Städten keine Kinder aufzieht – zu sehr hat man die eigene Kindheit auf dem Land geschätzt. In die Heimat zurückzukehren lohnt gar nicht mehr, denn dort findet man nicht das richtige berufliche Umfeld vor. Und aus nostalgischen Gründen kann man sich ja immer noch im Alter dort niederlassen – wenn es denn sein muss.

Heimat – so könnte man es am einfachsten sagen – ist dort, wo man sich wohl fühlt. Die größere Frage als die nach der Heimat ist also jene nach dem Wohlergehen, und diese Frage ist es auch, die am schwierigsten zu beantworten ist. Sie reguliert das Verhältnis zur Heimat, denn dieses kann auch durchaus ein problematisches, ja traumatisches sein. So reicht es nicht nur aus, sich wo auszukennen und zurecht finden zu können, sondern es muss auch ein psychohygienischer Bezug zu einem Ort gegeben sein. Das, was heutzutage „loslassen können“ genannt wird, gelingt am ehesten dort, wo man keine Zügel in der Hand halten muss und sich in ein Nest fallen lassen kann. Gerne darf man sich darunter eine Art Primitiv-Wellness vorstellen. Wir versuchen es einmal negativ: Heimat ist dort, wo das Nichtstun nicht suspekt ist und kein schlechtes Gewissen verursacht. Heimat ist dort, wo man nicht blöd angeschaut wird. Heimat ist dort, wo man nicht existenziell gefordert ist, sondern seine Ruhe hat bzw. finden kann.

So hat Heimat viel mit Vertrauen und Ruhe zu tun. Zu viel Vertrauen und Ruhe kann zu Langeweile führen, zum bereits erwähnten Ennui, zur Melancholie bzw. zu dem, was wir heute Depression nennen. Es ist ein Sichlangweilen, wie Heidegger es nennt, das nicht mehr nur von einem Ding herrührt, sondern beginnt, auf alles andere sich auszubreiten. So wird die Heimat dem Heimgekommenen als Ganzes langweilig. Der Mief, der dann von ihr ausgeht, ist jener, der den Geflohenen die Nase rümpfen lässt, wenn von der Heimat die Rede ist. Die Langeweile der Heimat ist es auch, die das heimatliche Leben in Rituale zerfallen lässt, ist also am Land zum Beispiel der Grund für das ausgeprägte Vereinswesen.

Wir müssen feststellen, dass es nicht die Nostalgie ist, die den Diskurs über die Heimat suspekt macht, sondern die Furcht vor der Langeweile, die der Heimat entwachsen kann. Es gibt das „gesunde“ Verhältnis zur Heimat nach wie vor – wenn man sich auf das Langweilige vorbereiten, es annehmen und mit ihm umgehen kann. Ennui und Heimat gehören zusammen, und je enger die Heimat, desto ausgeprägter der Ennui. Das zeigt sich schon bei Büchners Leonce, dem hervorragendsten Vertreter langweiliger Figuren in der deutschen Literatur überhaupt, dessen Königreich Popo das allerkleinste, dessen Langeweile aber grenzenlos ist. Einen schönen Sommertag erlebt er so: „Die Bienen sitzen so träg an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden.“ Herrliche Langeweile, die herrlichen Müßiggang erlaubt, der ja bekanntlich (so stellt Leonce fest) aller Laster Anfang ist! Auch Leonces Flucht führt ihn aber doch wieder dorthin zurück, wo er hergekommen ist: Heimat ist, wovor es kein Entrinnen gibt.




Foto: Ricarda S. Kreindl


Gleichzeitig muss Heimat erobert werden. Von selbst stellt sie sich nicht dar, von selbst beherbergt sie nicht; sie muss bestellt werden wie ein Acker. Man muss Fragen an sie stellen, an ihre Leute, ihre Geschichte, ihre Hässlichkeiten und selbst an ihre schönen Seiten. Man muss die Heimat bezweifeln, argwöhnisch begutachten, mit Vorsicht genießen, wie einen Menschen, dem man nicht ganz trauen mag. Mit Respekt aber sollte man sie behandeln; sie selbst, die Gegend und wie sie sich in ihren Menschen, ihren Abkömmlingen, zeigt. Zu dem gehört Abstand, Flucht, Schimpf und Tadel – eine kathartische Phase der Adoleszenz, die, einmal überwunden, eine Basis für eine gesunde und lebenslange Heimatliebe bilden kann, die nicht dumpf und reaktionär sein muss, sondern das Gefühl eines lieblichen Gefangen-Seins bereit stellt. Daheim zu sein ist, der Unentrinnbaren ins Auge zu sehen und zu sagen: „Sperr mich ein, liebe Heimat, auch wenn ich dich verlassen muss, damit ich glücklich werde!“