Impressionen vom Kitzbüheler Bet-at-home-Cup (ATP 250) am Montag und Dienstag
Der Klescher und der Bauer
Es klescht, wenn Dominic Thiem aufschlägt, und zwar gleich drei mal: Zuerst, wenn sein Schläger den Ball trifft; dann, wenn der Ball im Aufschlagfeld aufspringt (da staubt es auch gleich ordentlich) und das dritte Mal, wenn der Gegner versucht, den Ball zu retournieren. Beeindruckend, der junge Österreicher, der in Kitzbühel gegen den Slowaken Martin Klizan ein sehr ordentliches Match abliefert! Leider muss er sich im dritten Satz 5:7 geschlagen geben: Nach einem unglaublichen Ballwechsel, den er noch gewinnen kann, wird Thiem von Krämpfen geplagt und plötzlich klescht der Aufschlag nicht mehr. Mit Mühe wurstelt Thiem noch drei Aufschläge ins Feld, diese aber gleichen eher den Tomatenbällen des Italieners Filippo Volandri, der aufschlägt wie ein Schuljunge. Ein gefundenes Fressen für den auf Nummer 5 gesetzten Klizan, dem es schon unbequem geworden war in diesem Match. Klizan gewinnt das Spiel, den Satz und das Match. Wie er das gemacht hat, weiß keiner so recht. Nur Günter Bresnik, der obergescheite Trainer von Thiem, weiß es ganz genau!
Dieser erklärt nach dem Match beim Interview, dass er so etwas von seinem Schützling nicht erwartet hätte. Anscheinend habe Thiem konditionelle Probleme, so Bresnik. Er sei enttäuscht von der Leistung Thiems und ihm sei gänzlich unklar, wie man so eine Partie noch aus der Hand geben könne. Ein Trainer also, der über das Leistungspotenzial seines Schützlings entweder zu wenig informiert ist, oder dieses maßlos überschätzt hat? Oder einfach nur ein Wichtigtuer, der in bäuerlichster Manier seinem Protegé vor Publikum die Leviten liest? Professionalität sieht jedenfalls anders aus. Das Publikum quittiert Günter Bresniks emotionalen Stammtisch-Kauderwelsch mit Buh-Rufen, bevor Bresnik seinerseits sarkastisch den erhobenen Daumen zeigt. „Suppa sats!“, wird er sich gedacht haben. „Ein Bauer bist!“, hat sich wohl das Publikum gedacht.
Die Gulbis-Show
Ernests Gulbis geht die Grundlinie auf und ab, immer wieder in das Publikum stierend. Seit dem ersten Spiel scheint er sich nicht wohl zu fühlen. Kein Wunder, muss er doch gegen Lokalmatador Andreas Haider-Maurer ran, der von den eher spärlich besetzten Rängen in bester Stammtisch-Manier angefeuert wird. „Geht scho, Andi!“ - „Gemma, Andi!“ - „Supa, Andi, supa!“ und mein persönliches Highlight der Grenzdebilität: „Vamos, Ändy!“ (Wirklich? Ändy? Vamos? Come on...)
Haider-Maurer schlägt immens stark auf. Aber Gulbis, der bisher einzige tatsächliche Vertreter eines ATP-Niveaus, kann sich auf den Aufschlag einstellen. Er retourniert Haider-Maurers erste Aufschläge souverän und attackiert die zweiten geradezu unwirsch. Den ersten Satz verliert er noch, den zweiten kann er knapp für sich entscheiden, im dritten geht Haider-Maurer 1:6 unter.
Was dazwischen passiert, sorgt bei den meisten im Stadion für Unverständnis. Gulbis legt sich mit dem Publikum an, Gulbis macht Mätzchen, Gulbis schimpft mit sich selbst, Gulbis raunzt Ballkinder an. „Buh!“, sagt das Kitzbüheler Publikum. Mir gefällt es insgeheim, weil es hier endlich Theater zu sehen gibt. Und gutes Tennis obendrein! Im Fernsehen sieht man es oft nicht so genau, aber der Niveauunterschied zwischen einem potenziellen Top-20-Mann und einem, der ewig zwischen Platz 80 und 120 der Weltrangliste rauf- und runter paternostert, ist, gelinde gesagt, schlagend! Gulbis ist ein Vertreter ersterer Spezies, und davon der erste, den ich beim Turnier in Kitzbühel verfolgen kann; insofern stört es mich überhaupt nicht, dass er sich hier keine Freunde macht. Noch dazu scheint er nicht hundertprozentig fit zu sein – er lässt ich am Ende des zweiten Satzes immer wieder an der Schulter behandeln.
Nach dem Match bemüht sich Gulbis um Schadensbegrenzung. Wie ein Schuljunge (ein anderer Typ Schuljunge als Volandri!) steht er beim On-Court-Interview und entschuldigt sich, dass er den „local guy“ nach Hause schicken musste. Er hoffe aber, dass die Unterhaltung gut war. Kein Wunder: Dieser Mann kommt aus einer Schauspielerfamilie!
Der Kornspitzbub
Eines muss man Alexander Antonitsch zu gute halten: Seine latente Unbekümmertheit (die oft pathologisch wirkt) trägt manchmal auch unerwartete Früchte. Seine Idee des „Spiel deines Lebens“ ist zum Beispiel so eine Frucht. Über 4.000 Leute bewarben sich um einen Platz an der Seite von Philipp Kohlschreiber im Kitzbüheler Doppelbewerb. Acht davon wurden zu einem Tie-Break-Shootout geladen, in welchem sich der junge Oberösterreicher Stephan Tumphart durchsetzte. Dieser Hobby-Spieler, der zuletzt im „Kornspitz-Cup“ erfolgreich war, durfte nun zusammen mit der Nummer 21 der Welt am Platz stehen. In der ersten Runde ging es gegen Nadal-Bezwinger Lukas Rosol aus Tschechien und den Argentinier Horacio Zeballos.
Philipp Kohlschreiber tat sich unter diesen Bedingungen schon vor dem Match als guter Sportsmann hervor. Freilich, ihm war der Doppelbewerb wahrscheinlich nicht wirklich wichtig, aber immerhin ließ er sich zu diesem „Crowd-grooming“ überreden und so war das ganze eine witzige und eigentlich auch überaus interessante Aktion. Wie würde ein Amateur auf ATP-Level mithalten können?
Um dies zu beobachten, musste man sich auf dem Grandstand einfinden, wo zu Beginn dieses Matches schon ungewöhnlich viele Leute Platz genommen hatten. Würde der 20-jährige Tumphart überhaupt ein Aufschlagspiel durchbringen können? Wie würde er die Aufschläge der Profis retournieren? - alles Fragen, die Tumphart schon nach drei Games beinahe mit Gleichmut beantwortet hatte. Zwar hörte man noch beim einen oder anderen Service-Return ein überraschtes „Boah!“ aus dem Mund des TU-Studenten, sein erstes Aufschlagspiel aber brachte er souverän durch. (Den ersten Doppelfehler im Match machte übrigens Kohlschreiber.) Kohli unterstützte seinen Partner mit Tipps und kleinen Aufmunterungen, wenn Tumphart bei einem Ballwechsel das Nachsehen hatte – was weniger oft der Fall war, als man geglaubt hätte. Der erste Satz ging für die beiden knapp mit 5:7 verloren. Das war's dann wohl – dachte man und verließ den Grandstand.
Wenig später, zurück auf dem Centercourt, hörte man die Durchsage, dass das Unglaubliche wahr geworden war und Kohlschreiber/Tumphart tatsächlich den Sieg davon getragen haben. Im Champions-Tiebreak besiegten sie Rosol/Zeballos 10:5 und zogen damit in die zweite Runde ein! Die ATP zeigte sich ratlos, denn niemand kannte den Mann, der da an der Seite von Philipp Kohlschreiber spielte. Ebenso ratlos muss Tumphart selbst gewesen sein – denn er selbst hätte wohl am wenigsten geglaubt, dass er eine Chance auf den Sieg hat.
Alex Antonitsch muss eine Freude haben, denn seine Aktion war ein voller Erfolg. Fraglich ist nur, ob diese Freude auch Philipp Kohlschreiber teilt. Denn dieser muss am Donnerstag unter Umständen drei Mal auf den Platz: Einmal, um sein am Mittwoch angefangenes Spiel fertig zu spielen, danach stünde schon die nächste Runde an. Und nun muss er ja – entgegen aller Erwartungen – Doppel auch noch spielen! Kohli wird’s mit Fassung und dem gewohnten Sportsgeist tragen. Und der Kornspitzbub Stephan Tumphart hat noch ein weiteres Spiel seines Lebens – denn nun geht es gegen die als Nummer eins gesetzte Paarung Knowle/Cermak.
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Donnerstag, 26. Juli 2012
Montag, 9. Januar 2012
Der Schneefried
„Pinzgau von Außenwelt abgeschnitten“ hieß es heute, weil kurzfristig alle Verbindungen zum Rest der Welt unterbrochen waren. Eigentlich ein meditativer Zustand, dieses Abgeschnitten-Sein, wenn da nicht die vielen Russen, Ukrainer und Rumänen wären, die auf den Straßen Radau machen, weil sie sogar mit ihren panzerähnlichen Fahrzeugen der Schneemassen nicht Herr werden können. Vom Rest der Welt abgeschnitten, und zwar durch eine Naturgewalt und ihre Auswirkungen, das ist der eigentliche Freiheitsbegriff eines Innergebirglers. Der autochthone Freistaat Pinzgau hat heute für ein paar Stunden gelebt und die klammheimliche Freude darüber zeigte sich auf den Gesichtern der urigsten Ureinwohner ganz deutlich. Dass die Verbindung nach Tirol am schnellsten wiederhergestellt war, wurde hingenommen, denn schließlich ist ja Tirol vom Rest der Welt sowieso abgeschnitten – wenn schon nicht wegen des vielen Schnees, so doch zumindest in den Köpfen der Leute.
„Seids eing'schneit?“ wurden wir dauernd gefragt und stolz haben wir „Jawohl!“ geantwortet. Der Schnee hat schließlich nicht uns gebrochen, sondern nur ein paar schwache Bäume irgendwo zwischen Lend und Taxenbach. Bäume also, die es ohnehin nicht wert waren, unsere Pinzgauer Straßen zu säumen. Und deswegen werden die jetzt konsequenterweise umgesägt und verheizt. Aber erst nächstes Jahr, denn heuer ist es noch nicht kalt genug und so schnell wird uns heuer auch nicht kalt werden! Und wir zersägen sie langsam und gemächlich, denn je länger die Straßen gesperrt sind, desto besser. Weil, so hört man es auf den Straßen, dann wenigstens keine „depperten Deitschn“ mehr reinkommen können.
Aber Vorsicht, gerade diese Deutschen kommen nur allzu gern über Lofer, weil sie sich damit Zeit und Vignette sparen! Kein Problem, so sperren wir eben Lofer auch, dort hat es ohnehin schon zu viel Schnee, da kommt bestimmt bald mal eine Lawine herunter. Die sprengen wir weg – gemütlich und ohne Hast.
Herrliche Abgeschiedenheit, bleib uns noch lange erhalten! – Oder zumindest bis zum Freitag, denn am Samstag ist ja wieder An- und Abreise und dann sind wir wieder froh, wenn die alten Gäste weg sind und wir uns auf die neuen „freuen“ können. Inzwischen bleiben wir in unserer Innergebirgsfestung und schauen grimmig vom Berg ins Tal hinunter und in den Fernseher hinein, wo wir uns selbst sehen und wo die Wiener von einem „Schneechaos“ sprechen, ein Schneechaos, das wir selbst lieber „die höchste Ordnung aller Dinge“ nennen. Der Herrgott hat uns endlich das gegeben, was wir eigentlich schon immer wollten: den Schneefried in Form eines von der Außenwelt (was ist das eigentlich, die Welt da draußen?) abgeschnittenen Pinzgaus. Wir setzen uns Zipfelmützen auf, trinken Jagatee und harren der Dinge.
„Seids eing'schneit?“ wurden wir dauernd gefragt und stolz haben wir „Jawohl!“ geantwortet. Der Schnee hat schließlich nicht uns gebrochen, sondern nur ein paar schwache Bäume irgendwo zwischen Lend und Taxenbach. Bäume also, die es ohnehin nicht wert waren, unsere Pinzgauer Straßen zu säumen. Und deswegen werden die jetzt konsequenterweise umgesägt und verheizt. Aber erst nächstes Jahr, denn heuer ist es noch nicht kalt genug und so schnell wird uns heuer auch nicht kalt werden! Und wir zersägen sie langsam und gemächlich, denn je länger die Straßen gesperrt sind, desto besser. Weil, so hört man es auf den Straßen, dann wenigstens keine „depperten Deitschn“ mehr reinkommen können.
Aber Vorsicht, gerade diese Deutschen kommen nur allzu gern über Lofer, weil sie sich damit Zeit und Vignette sparen! Kein Problem, so sperren wir eben Lofer auch, dort hat es ohnehin schon zu viel Schnee, da kommt bestimmt bald mal eine Lawine herunter. Die sprengen wir weg – gemütlich und ohne Hast.
Herrliche Abgeschiedenheit, bleib uns noch lange erhalten! – Oder zumindest bis zum Freitag, denn am Samstag ist ja wieder An- und Abreise und dann sind wir wieder froh, wenn die alten Gäste weg sind und wir uns auf die neuen „freuen“ können. Inzwischen bleiben wir in unserer Innergebirgsfestung und schauen grimmig vom Berg ins Tal hinunter und in den Fernseher hinein, wo wir uns selbst sehen und wo die Wiener von einem „Schneechaos“ sprechen, ein Schneechaos, das wir selbst lieber „die höchste Ordnung aller Dinge“ nennen. Der Herrgott hat uns endlich das gegeben, was wir eigentlich schon immer wollten: den Schneefried in Form eines von der Außenwelt (was ist das eigentlich, die Welt da draußen?) abgeschnittenen Pinzgaus. Wir setzen uns Zipfelmützen auf, trinken Jagatee und harren der Dinge.
Montag, 1. August 2011
Ein Priester in Daytona
Das Oyster Pub in Daytona Beach ist ein modern eingerichtetes Ess- und Trinklokal und dient vornehmlich dem Zweck des gesellschaftlichen Zusammenseins bei gleichzeitiger Beiwohnung sportlicher Groß- und Kleinereignisse. Diese werden auf ca. 30 Bildschirmen gezeigt, die sich über der Bar, an den Wänden und in kleinen Nischen neben den Tischen befinden. Schon beim Betreten der Bar fühlt man sich sehr sportlich.
Ich verfolge ein Baseballspiel der Atlanta Braves, die sich gegen Cincinnatti alle Mühe geben, nicht das zweite Spiel in Folge zu verlieren. Von Baseball hatte ich so gut wie keine Ahnung. Als aufgeschlossener Europäer, der zu sein ich gezwungen bin vorzugeben, interessiere ich mich aber freilich für allerhand Sachen, und so auch für Baseball. Also hat mir mein Onkel die grundlegenden Prinzipien des Spiels erklärt, was mir erlaubt, an diesem Abend im Oyster Pub das Spiel zu verfolgen, ohne mit einem Ausdruck der vollkommenen Unverständnis auf meinem Gesicht dasitzen zu müssen.
Während des dritten Innings betritt ein rundlicher Mittvierziger das Lokal. Es gibt in den USA vermutlich nicht viele Mittvierziger, die nicht zumindest rundlich sind – die meisten in diesem Alter sind ja bereits fett. Der freundliche Herr setzt sich zu mir an die Bar und wir beginnen ein Gespräch. Er weiß, wo Österreich ist. Er kennt auch den Unterschied zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er weiß sogar, dass man in allen drei Ländern Deutsch spricht. Und er kennt Bayern und weiß, dass es sich dabei um ein Bundesland im Süden von Deutschland handelt. Der Mann ist mir höchst suspekt. Er sagt, er sei erst vor ein paar Monaten nach Daytona gezogen und er finde es sehr langweilig. Der Strand, so er, verliere seine Attraktivität schnell, vor allem, wenn man kein ausgesprochener Strandmensch sei, und das sei er eben nicht. Ich finde seine Ausführungen einleuchtend und er sagt mir, dass man mit mir gut reden könne, weil ich ein Intellektueller sei. Jetzt fühle ich mich elend.
Ich frage ihn, was er mache. Er sei ein Priester, sagt er, und schüttelt dabei den Kopf, als ob er gerade in diesem Moment die Absurdität seiner Profession erkannt hätte. Er lächelt aber gleich wieder und sagt, dass er ursprünglich aus New Jersey stamme und dort auch seinen Beruf ausgeübt habe, dass er von seinem Vorgesetzten aber in den Süden versetzt wurde. Das hört sich alles sehr nach einer Strafversetzung an. Als höflicher Europäer frage ich aber nicht weiter nach. Ich erfahre, dass er ein griechisch-katholischer Priester ist und dass seine Gemeinde nur etwa 40 Mitglieder hat. Zudem seien fast alle seiner Kirchgänger relativ alt, was für ihn bedeutet, dass er neben den Gottesdiensten vornehmlich mit Begräbnissen und Hochzeitsjubiläen beschäftigt ist. Seine Kirche befindet sich irgendwo im Nirgendwo und weil er neben dem Priesteramt keine anderen Verpflichtungen hat, langweile er sich sehr. Ich denke mir, ob man diese Langeweile als gerechte Strafe Gottes interpretieren könnte, frage ihn aber nicht danach. Nun weiß ich aber auch, dass es quasi sein Job ist, Leute sich elend fühlen zu lassen.
Er bestellt ein geschmackloses Bier und ein Philly Cheese Sandwich. Dabei lobt er die Erzeugnisse deutscher Brauereien und er erklärt mir noch ein paar Feinheiten des Baseballspiels. Er habe keine Freunde, sagt er, und das sei so, weil er weit weg von der Stadt wohne. Seine Familie ist in New Jersey und als katholischer Priester darf er natürlich keine eigene gründen. Er tut sich selbst leid - und auch mir ein bisschen. So ist es tröstlich, dass alle 5 Minuten irgendwelche Leute, welche die Bar betreten, den Priester erspähen und ihn freundlich begrüßen. Ich sage ihm, dass er doch viele nette Leute kenne. Das gibt er zwar zu, an seinem Selbstmitleid ändert das aber wenig. Er schickt mir noch im Lokal eine Freundschaftsanfrage auf Facebook, was mich geradezu dazu zwingt, sie umgehend anzunehmen.
Mein Onkel ruft an und fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich danke ihm für die Nachfrage und ja, es sei alles in Ordnung. Er schiebt die Schuld für diesen Anruf seiner Frau in die Schuhe: Sie sei besorgt gewesen. Ich sage ihm, dass er ihr ausrichten könne, ich befände mich in der Gesellschaft eines Priesters, es sei also alles in bester Ordnung. Mein Onkel lacht, weiß aber, dass diese Auskunft meine Tante sicher besänftigen wird. Auch der Priester lacht und bestellt noch ein Bier. Meinem Onkel verschweige ich, dass es sich um einen griechisch-katholischen Priester handelt. Zwar weiß ich nicht, ob der protestantisch-amerikanische Grundsatz, dass Katholiken fluchen und trinken, auch für griechisch-Katholische gilt, aber sicher ist sicher.
Weil mich der Priester bald langweilt und mir schon alle Fotos auf seinem iPhone gezeigt hat, verlasse ich das Oyster Pub und suche mir ein Taxi. Der Taxifahrer ist sehr freundlich, was später dazu führen soll, dass er „nur noch sehr wenig Wechselgeld“ hat. Ja, Österreich kenne er, da war er schon Skifahren, und zwar auf der Zugspitze. Er sei ein pensionierter Air Force Pilot, ein Desert Storm Veteran, und er sei mehrere Jahre in Würzburg stationiert gewesen. Was er dann sagt, verstehe ich nicht. Ich bitte ihn, das eben Gesagte zu wiederholen und verstehe wieder nichts. Er sagt mir, dass das Deutsch sei. Erst beim vierten Wiederholen verstehe ich ungefähr, was er sagen will. Irgendetwas mit „Mädchen“, „Bratwurst“ und „Hähnchen“. Jetzt wird mir klar, dass ich nicht besorgt sein muss, die Bedeutung des englischen Wortes „hention“ nicht gekannt zu haben. Auch in der Schweiz sei er gewesen, besonders gut habe ihm dort Innsbruck gefallen. Ja, sage ich launig, Innsbruck sei toll, besonders der See habe es mir angetan. Er nickt und sagt, dass er auf dem See Wasserski gefahren sei.
Die Zeit in Deutschlang sei sehr schön gewesen und habe ihm erlaubt, Deutsch so zu erlernen, dass er es jetzt mündlich und schriftlich fließend beherrsche. Ich zeige mich beeindruckt und gebe ihm mehr Trinkgeld als er sich eigentlich verdient hat. Der Grund für sein weniges Wechselgeld ist vermutlich, dass er als Veteran und ehemaliger Helikopterpilot meist mehr Trinkgeld bekommt als ein gewöhnlicher Taxifahrer. Von einem Österreicher sollte er sich das aber nicht erwarten, finde ich. Trotzdem bin ich gnädig, irgendwie war er ja auch sehr unterhaltsam. „Aff Wiersahn!“ sagt er, und dann noch „Schuss!“. Ich sage „Pfiati“ und steige aus.
Samstag, 4. Juni 2011
Gebrocktes (Ein Kulturbegriff)
„Ich habe mich schon sehr viel mit dem Thema Kultur auseinandergesetzt!“, krächzt eine tiroler Stimme aus der Ecke. Irgendwie glaube ich dem Mann, dem die Stimme gehört, nicht. Er sagt dann aber: „In den meisten Lexikonartikeln habe ich aber lauter Definitionen gefunden, mit denen ich nichts anfangen konnte“. Das glaube ich ihm! Der Mann sieht nicht aus, als habe er meterweise Lexika daheim stehen. Aber benevolenter Weise schenkt man ihm erst einmal Glauben. „Also habe ich mir selber was dazu überlegt“, fährt der Tiroler fort. Ein wenig Stolz schwingt in seiner Stimme und ich bin jetzt auch gespannt, was da jetzt kommt. Auch die anderen Anwesenden im Forsthaus lauschen gespannt, einige beugen sich sogar etwas vor, um den Mann besser hören zu können. Auch der Herr Professor, der gerade eben ein Kurzreferat zu einem Allerweltsthema gehalten hat, hebt erwartungsvoll die Augenbrauen.
„Schauen Sie, wenn sie da einen Apfelbaum haben, dann ist das noch nichts. Also es ist schon etwas, aber Natur halt. Und wenn jetzt...“, hier macht der Tiroler eine äußerst geschickte Pause. Alle Anwesenden wollen jetzt natürlich wissen, was mit dem Apfelbaum geschieht und wo die Kultur ins Spiel kommt. „Wenn jetzt der Mensch hergeht und den Apfel brockt...“
Wieder eine Kunstpause, der Mann, so denke ich mir, krächzt zwar wie ein alter tirolerischer Bauerntisch, er weiß aber seine Pausen zu setzen! „Also der Mensch geht her und brockt den Apfel...“
Aha, es handelte sich also um keine Kunstpause, sondern um eine Pause der Formulierungsnot, der Tiroler weiß nicht, wie er das, worüber er sich so lange Gedanken gemacht hat, nun im Eifer des Gefechts, in der Hitze der Diskussion, auf den Punkt bringen soll.
„Naja, also der Mensch nimmt den Apfel und macht dann was daraus. Das ist dann Kultur.“
Soso, denke ich mir, da hat wohl einer vom Baum der Erkenntnis genascht!
Welche Lexika der Mann wohl konsultiert hat? Dass er da nirgendwo auf den Unterschied zwischen Kultur und Natur getroffen sein soll, glaube ich ihm nicht. Dass er das Beispiel mit dem Apfel selber gefunden hat, das glaube ich ihm schon. Der Professor ist entzückt, denn jetzt kann er wieder das sagen, was er vorher schon gesagt hat, was in etwa das war, was er schon vor einer halben Stunde gesagt hat, wahrscheinlich war es eh das, was er immer schon und sowieso seine ganze Hochschulkarriere lang behauptet hat. Was das war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Dass er irgendwann einmal auf Kant verwiesen hat, das weiß ich aber noch. Ich kann mich aber auch erinnern, dass ich nicht wusste, was das, worüber der Professor geredet hat, jetzt genau mit Kant zu tun haben sollte. Insofern bin ich auch nicht viel gescheiter, weil ich gar nicht mehr weiß, was der Professor gesagt hat und ich weiß auch nicht, was das mit Kant zu tun haben soll. Aber dass der Professor etwas gesagt hat, das weiß ich gewiss und wie er es gesagt hat - nämlich mit akademischer Bedeutsamkeit in der Stimme - das weiß ich auch noch.
Wie aber das jetzt mit der Kultur und der Natur ist? Der Tiroler hat es eh ganz gut beschrieben, die Kultur ist im Grunde das, was der Mensch selbst hervorbringt - und nicht bloß vorfindet. Was aber hat Kant über die Kultur gesagt? Dass sie die „Tauglichkeit und Geschicklichkeit zu allerlei Zwecken“ ist? Das hat aber wiederum der Professor nicht gesagt. Oder dass sie die Fähigkeit des Menschen ist, sich selbst Zwecke zu setzen? Das hat der Professor auch nicht gesagt. Aber „Kant“ hat er gesagt, ganz sicher! Wenn er nicht sogar „Immanuel Kant“ gesagt hat, der Herr Professor. Egal, was der Professor gesagt hat, der Kulturbegriff des krächzenden Tirolers schwebt noch Minuten nach der Rede des Professors in den Räumen des Forsthauses umher. Es kommt mir vor, als würden viele Besucher jetzt andächtiger die dargebrachten Speisen bestaunen, ihr Glas zärtlicher umfassen und die Architektur des Forsthauses genauer wahrnehmen, ganz in dem Bewusstsein, dass da ein Mensch hergegangen ist und etwas gemacht hat. Dabei ist nur ein Tiroler hergegangen und hat etwas gesagt.
Links: Kirschen in Schale (Natur); rechts: Guglhupf unter Glocke (Kultur). Foto von Ricarda S. Kreindl
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