- Meine Konfektionsgröße ist noch nicht groß genug. So musste ich gestern entsetzt feststellen, dass mein übliches Large nicht immer jenes Large ist, das ich von daheim gewohnt bin. Ich bin hier nicht large, zumindest nicht immer. Manchmal bin ich nur medium. Auch gut, denn als ich mich im amerikanischen large-Hemd verschwinden sah, erkannte ich die Eleganz amerikanischer Mittelmäßigkeit. Schockiert musste ich feststellen, dass es hier auch XXL-Pullover gibt. Das sind dann mittlere Pferdedecken für Menschen, dessen Dimensionen mich schon in der bloßen Vorstellung gleichermaßen einschüchtern wie erschrecken.
- Ich dachte, ich hätte mich an die ubiquitäre Vollklimatisierung gewöhnt. Doch gerade in den letzten Tagen, da der September seine herbstlichen Züge in Form von tieferen Temperaturen offenbarte, fand ich immer wieder Orte vor, an denen vergleichsweise arktische Gegebenheiten herrschten. Es mag vielleicht herrlich sein, sich in ein Auto setzen zu können, in dem es 18 Grad hat, während es draußen 40 Grad hat. An einem Septembermorgen bei erfrischenden 21 Grad aber in eine Kirche zu spazieren (die übrigens ein ausgemustertes altes Kino ist), wo man dann bei gefühlten 14 Grad einer Predigt lauschen darf - das erinnert dann zu sehr an die katholischen Verhältnisse daheim. Zumindest klimatisch gesehen. Ich mag also nach wie vor keine Klimaanlagen.
- Weil wir gerade beim Thema sind: An die Allgegenwart Gottes kann ich mich auch nur schwer gewöhnen. Es ist gut zu wissen, dass man nicht allein ist auf der Welt, aber hier findet man Gott auf Münzen, auf Nummerntafeln, im Fernsehen, in den Facebook-Statusmeldungen neu gewonnener Bekannter und vor allem in den alltäglichsten Gesprächen - zum Beispiel im Supermarkt zwischen Tür und Angel oder an der Verkaufstheke. "Garst du mir die Shrimps, während ich noch Brot und Gemüse kaufe?" - "Ja, gerne!" - "God bless you!" Was ich aber zugeben muss: Die Gottesdienste hier sind ziemlich lässig und gar nicht so blöd. Wer weiß, was mit mir passiert wäre, wäre ich hier noch länger geblieben und jeden Sonntag in die Kirche gegangen...
- Ich esse immer noch zu gerne mit Messer und Gabel. Amerikaner haben das nicht so gern und daran ist gar nicht die Fastfood-Kultur (was immer das auch auch sein soll) schuld. Denn auch extrem slow Gekochtes nimmt der Amerikaner gern in die Hand. Man schneidet mit dem Messer, aber sobald sich eine Möglichkeit bietet, das Besteck zur Seite zu legen, wird das auch getan. So ergibt sich auch die Eigenartigkeit, manche Speisen mit Messer und Gabel in kleine Stücke zu schneiden, sodann das Messer zur Seite zu legen, bevor die Gabel von der linken in die rechte Hand wandert, welche dann das Essen zum Mund führt. Weil das so kompliziert ist, lässt man das Besteck so oft es geht lieber gleich ganz weg.
- Mülltrennung halte ich für eine gute Sache. Deswegen graut es mir immer noch davor, Bananenschalen in einen Mülleimer zu werfen, wo schon Plastikverpackungen, Aludosen, Papier und Glas zusammen mit verschiedensten Essensresten sich ein munteres Stelldichein geben. Oft mache ich daher die Augen zu, wenn ich etwas wegwerfe. Ja, ich gestehe: Ich verschließe die Augen vor dem Grauen der Welt, vor der gesellschaftlichen Unverantwortlichkeit usw. Aber es geht nicht anders. Zudem wird mir immer wieder versichert, es gebe "Mexikaner", die für das Sortieren unseres Hausmülls bezahlt würden. Na dann...
- Gewehre und Pistolen sind für Soldaten, Polizisten und Jäger. Es sind keine Sammel- und Fetischobjekte, mit denen man mal eben schnell hinters Haus geht und die Nachbarn erschreckt. Selbstverteidigung? Von mir aus, aber dafür reicht doch auch eine Pistole - dafür braucht man keinen Schrank voll.
- Nicht jedes Getränk muss so gekühlt sein, dass es beim Trinken weh tut. Amerikaner sind Eiswürfelfanatiker. Ohne Eis ist ein Getränk kein Getränk. Egal, ob es sich bis unmittelbar vor dem Konsum im Kühlschrank befunden hat oder nicht. Du trinkst Wasser (das aus dem Kühlschrank kommt) ohne Eis? Gibt's nicht. Tu doch Eiswürfel rein! Warum? Weil es dann kälter ist! Wie, du willst es nicht kälter? Schön kalt muss es sein, sonst kann man das ja überhaupt nicht trinken. - Was, du meinst, das viele Eis nimmt deinem Getränk den Geschmack? Das Getränk muss doch nicht schmecken, es muss kalt sein! Tut mir leid, ich verstehe das bis heute nicht. Ich verwende Eiswürfel nur dann, wenn ich ein Getränk gekühlt haben will, das vorher ungekühlt war. Kälte ist keine Geschmacksrichtung, der ich etwas abgewinnen könnte. So zweifle ich bis jetzt auch an der Geschäftsidee meines Onkels, in Österreich Eiswürfel zu verkaufen. "Believe me, they would love it!", sagt er. Dass wir Eiswürfel haben, sie nur nicht überall hineingeben, versteht er gar nicht.
- Ich glaube nicht, dass Zu-Fuß-Gehen eine niedere Form der Fortbewegung ist. In den USA - zumindest in den ländlicheren Gegenden, werden Leute, die zu Fuß gehen, belächelt. Wer zu Fuß geht, muss wohl irgendwas falsch gemacht haben - er kann es sich wohl nicht leisten, zu fahren. Jeder Meter zu Fuß ist einer zu viel, denn Gehen ist anstrengend. Warum sollte man also gehen wollen? Das Konzept des Spazierens würde ich hier gerne mal vor einem größeren Publikum erläutern und dann in der Empörung, die mir förmlich entgegenströmen würde, baden.
- Kartoffelchips sind keine Beilagen für Sandwiches, Hotdogs oder andere "Hauptspeisen". Es sind ungemein ungesunde Knabbereien, von denen man möglichst wenig essen sollte. Hier wird man ernsthaft gefragt, ob man Kartoffeln oder Chips als Beilage für sein Abendessen haben möchte. Chips sind hier Grundnahrungsmittel. Müsste man das Notwendigste einkaufen, das eine amerikanische Familie an einem typischen Tag braucht - Kartoffelchips dürften auf keinen Fall fehlen. Milch, Brot (haha), Fleisch, Käse (haha) Chips, Kekse/Cracker. Speck und Eier vielleicht noch, dann hat man alles. Das Gute daran: Amerika ist ein Paradies für Kartoffelchips-Connaisseure - keine Sorte, die es hier nicht gibt. Das Schlechte daran: Man sieht es den Menschen an.
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Sonntag, 18. September 2011
9 Gründe, warum ich noch kein Amerikaner bin
Kulturelle Assimilation - eine interessante Sache. Das ist, wenn man sich anpasst. Passiert umso häufiger und heftiger, je größer die Unterschiede zur eigenen Kultur sind. Und natürlich je abhängiger man von diesem Umfeld ist. Lebt man über zwei Monate mit einer amerikanischen Familie zusammen, wird man notgedrungenerweise einiges von deren Lebensstil übernehmen. Nicht wegen übermäßiger Begeisterung über den amerikanischen Lebenswandel, sondern einfach nur, weil es vieles im Alltag einfacher macht. "When in Rome do as the Romans do", sagen die Amerikaner gern, halten sich aber selber kaum daran. Ich versuche, diesem Motto getreu zu handeln und habe es bisher großteils genossen. Ein paar Sachen gibt es aber schon, an die ich mich nicht gewöhnen kann - und die mich daran erinnern, dass ich noch kein richtiger Amerikaner bin.
Donnerstag, 15. September 2011
Newer Leans?
Das englische Adjektiv „lean“ erscheint mir als eine nette, elegante Art, kümmerliche Dinge zu beschreiben. Wo immer ein bisschen zu wenig vorhanden ist, sage man „lean“ und schon klingt es wie eine edle Eigenschaft. Manche mögen behaupten, dass in New Orleans vieles „lean“, manches sogar zu „lean“ ist, dass die Beschreibung einiger Dinge stärkere Wörter wie „shabby“ oder gar „desolate“ verlangen würde. Das sind aber genau solche Leute, die einen ungläubig anstarren, wenn man ihnen erzählt, dass man vorhabe nach New Orleans zu fahren. Leute, die einen den blödsinnigen Tipp geben, ein Schlauchboot mitzunehmen. Blödsinnige Leute eben.
Gegen die gemeine Verunglimpfung durch euphemistische, substantivierte Adjektive, vor allem in Verbindung mit einem ironisch-antagonistischen „newer“, wehren sich die New Orleanians schon mit der Aussprache des Namens ihrer Stadt. So betonen sie stolz die erste Silbe von Orleans und nicht das New. Anstatt eines „Newer Leans“ erhält man so ein staunendes „New Oah!leans“. Damit sollen sich vor allem die Anfänger beschäftigen, denn gerade diese sollen gefälligst das Staunen lernen. Fortgeschrittene dürfen dann „N'awlins“ sagen - lässig, informiert und Kaugummi kauend.
Warum soll man also das Staunen lernen in New Orleans? Ein alter Grieche hat einmal behauptet, im Staunen liege der Beginn der Philosophie. In New Orleans braucht man aber keine Philosophie, sondern nur Augen und vor allem Ohren. Das Staunen in New Orleans gleicht vielmehr jenem Staunen, mit dem man zum ersten Mal einen Song seiner zukünftigen Lieblingsband hört. Ein aufgeregtes „Was ist das?“ schleicht einem langsam ins Bewusstsein, wird immer dringlicher und nimmt einen schließlich ganz ein. Man will um jeden Preis wissen, worum es sich bei dem, was man da gerade hört, handelt. Doch das ist zunächst ein rein informatives Verlangen. Denn bald will man wissen, warum das einen Staunen macht, was hier genau passiert und warum es einen nicht mehr loslassen will. So ist das auch mit New Orleans.
Wenn Savannah die hübsche Perle der Ostküste ist, dann ist New Orleans ihre wildere Cousine am ölverdreckten Golf von Mexiko, die sich die Haare färbt, sich tätowieren lässt und Drogen nimmt: gefährlicher, aber auch interessanter. New Orleans ist wild. Das sieht man nicht nur an den vielen Ambivalenzen, die sich einem sehr bald zeigen, sondern vor allem an der Vielfalt der kulturellen Entitäten dieser Stadt. Das Essen zum Beispiel, das hier einen noch höheren Stellenwert genießt als im restlichen Amerika (hier aber zu Recht!), ist ein fröhliches Potpourri aus karibischer, afrikanischer, amerikanischer, mediterraner und französischer Küche, welches mit den gängigen Begriffen (Cajun, kreolisch, Soul food) nur unzulänglich beschrieben werden kann. Aber auch hier ist man weniger philosophisch, begriffsanalytisch unterwegs, sondern verlässt sich auf die Sinne. Und deswegen gibt es in New Orleans kein schlechtes Essen.
Das allerwichtigste aber ist die Musik. Davon gibt es nämlich auch keine schlechte. Wandert man abends durch das French Quarter, tönen aus jeder noch so kleinen Bar Jazz, Blues, Funk und Soul in allen möglichen Varianten – und vor allem in einer von einem Mitteleuropäer noch selten gehörter Qualität. Hier hört man Künstler, die großteils im New Orleans Sound aufgewachsen sind, die von Kindesbeinen an mit ihrem Instrument beschäftigt waren. Künstler, die sich vor allem mit der Kultur ihrer Stadt, d.h. mit ihrer Musik identifizieren. Hat man in einer Bar zwei Acts an einem Abend gehört und will man nicht gleich in die nächste schleichen, obwohl es von dort so verlockend herausgroovt, setzt man sich in sein Auto und dreht das Radio an: schon wieder gute Musik! Musik ist hier allgegenwärtig, unausweichlich, ein Lebenselixier für die Menschen dieser Stadt und bald auch für jeden Besucher. Jeder hier lebt und atmet den Jazz. Und darum gibt es in New Orleans keine schlechte Musik.
Katrina – auch dieses Wort ist allgegenwärtig. Sechs Jahre nach dem verheerenden Hurrikan sind zwar noch Spuren davon sichtbar. Aber New Orleans ist nicht Haiti, und auch wenn damals in Sachen Katastrophenhilfe nicht alles besonders gut gelaufen ist, muss man sagen, dass sich die Stadt recht gut von Katrina (und Rita) erholt hat. Mit Unglücken dieser Art gehen Menschen nämlich erstaunlich produktiv um. Wenn eine Gemeinschaft ein Desaster dieser Art überlebt, wird sie stärker, selbstbewusster. Das sieht man an New Orleans nach Katrina genauso wie an New York nach 9/11. Waren die New Orleanians vorher schon etwas Besonderes, so muss ihnen das nach Katrina noch bewusster sein. Ich würde behaupten wollen, dass sich die Einwohner von New Orleans weniger amerikanisch fühlen als Amerikaner in anderen Teilen des Landes. Zum Beispiel übersteigt die Zahl der New Orleans Saints-Flaggen (hiesiges NFL-Team) und jene der fleurs-de-lis bei weitem die der Stars and Stripes. Man ist sich seines Sonderstatus gründlicher bewusst – und Katrina hat dazu wohl auch einiges beigetragen.
New Orleans muss man erlebt haben, und zwar nicht nur zur Mardi Gras Zeit. Kaum eine andere amerikanische Stadt bietet eine vergleichbare kulturelle Vielfalt, keine andere Stadt ist so schön und hässlich zugleich bzw. tritt in keiner anderen Stadt das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen so greifbar hervor. New Orleans fehlt vielleicht jene Schicht des Euphemistischen, die die Amerikaner überall sonst vor der unmittelbaren Brutalität der Wirklichkeit schützt. Authentizität wie in Savannah, möchte ich fast sagen – aber noch ein bisschen exklusiver, ein bisschen rauer und unmittelbarer. Die vielen Amerikaner, die New Orleans besuchen, verwechseln das mit Unterhaltung – obwohl für diese natürlich auch gesorgt ist. Sie glauben, New Orleans ist eines dieser vielen Märchenländer, die es in den USA zum reinen Vergnügen ihrer Besucher gibt. Das ist freilich eine krasse Fehleinschätzung, aber die New Orleanians wären schön blöd, wenn sie das nicht ausnutzen würden. Deswegen gibt es die Bourbon Street – jene Partymeile, die einem ernsthaft Interessierten schon von weitem suspekt sein muss und die gefälligst zu meiden ist. Um New Orleans muss man sich schon ein bisschen bemühen. Die Entschädigung für das Bemühen aber ist das Staunen-Dürfen über die vielleicht interessanteste Stadt der USA: N'awlins, NOLA, 504, The Big Easy..., keinesfalls aber „Newer Leans“!
Gegen die gemeine Verunglimpfung durch euphemistische, substantivierte Adjektive, vor allem in Verbindung mit einem ironisch-antagonistischen „newer“, wehren sich die New Orleanians schon mit der Aussprache des Namens ihrer Stadt. So betonen sie stolz die erste Silbe von Orleans und nicht das New. Anstatt eines „Newer Leans“ erhält man so ein staunendes „New Oah!leans“. Damit sollen sich vor allem die Anfänger beschäftigen, denn gerade diese sollen gefälligst das Staunen lernen. Fortgeschrittene dürfen dann „N'awlins“ sagen - lässig, informiert und Kaugummi kauend.
Warum soll man also das Staunen lernen in New Orleans? Ein alter Grieche hat einmal behauptet, im Staunen liege der Beginn der Philosophie. In New Orleans braucht man aber keine Philosophie, sondern nur Augen und vor allem Ohren. Das Staunen in New Orleans gleicht vielmehr jenem Staunen, mit dem man zum ersten Mal einen Song seiner zukünftigen Lieblingsband hört. Ein aufgeregtes „Was ist das?“ schleicht einem langsam ins Bewusstsein, wird immer dringlicher und nimmt einen schließlich ganz ein. Man will um jeden Preis wissen, worum es sich bei dem, was man da gerade hört, handelt. Doch das ist zunächst ein rein informatives Verlangen. Denn bald will man wissen, warum das einen Staunen macht, was hier genau passiert und warum es einen nicht mehr loslassen will. So ist das auch mit New Orleans.
Wenn Savannah die hübsche Perle der Ostküste ist, dann ist New Orleans ihre wildere Cousine am ölverdreckten Golf von Mexiko, die sich die Haare färbt, sich tätowieren lässt und Drogen nimmt: gefährlicher, aber auch interessanter. New Orleans ist wild. Das sieht man nicht nur an den vielen Ambivalenzen, die sich einem sehr bald zeigen, sondern vor allem an der Vielfalt der kulturellen Entitäten dieser Stadt. Das Essen zum Beispiel, das hier einen noch höheren Stellenwert genießt als im restlichen Amerika (hier aber zu Recht!), ist ein fröhliches Potpourri aus karibischer, afrikanischer, amerikanischer, mediterraner und französischer Küche, welches mit den gängigen Begriffen (Cajun, kreolisch, Soul food) nur unzulänglich beschrieben werden kann. Aber auch hier ist man weniger philosophisch, begriffsanalytisch unterwegs, sondern verlässt sich auf die Sinne. Und deswegen gibt es in New Orleans kein schlechtes Essen.
Das allerwichtigste aber ist die Musik. Davon gibt es nämlich auch keine schlechte. Wandert man abends durch das French Quarter, tönen aus jeder noch so kleinen Bar Jazz, Blues, Funk und Soul in allen möglichen Varianten – und vor allem in einer von einem Mitteleuropäer noch selten gehörter Qualität. Hier hört man Künstler, die großteils im New Orleans Sound aufgewachsen sind, die von Kindesbeinen an mit ihrem Instrument beschäftigt waren. Künstler, die sich vor allem mit der Kultur ihrer Stadt, d.h. mit ihrer Musik identifizieren. Hat man in einer Bar zwei Acts an einem Abend gehört und will man nicht gleich in die nächste schleichen, obwohl es von dort so verlockend herausgroovt, setzt man sich in sein Auto und dreht das Radio an: schon wieder gute Musik! Musik ist hier allgegenwärtig, unausweichlich, ein Lebenselixier für die Menschen dieser Stadt und bald auch für jeden Besucher. Jeder hier lebt und atmet den Jazz. Und darum gibt es in New Orleans keine schlechte Musik.
Katrina – auch dieses Wort ist allgegenwärtig. Sechs Jahre nach dem verheerenden Hurrikan sind zwar noch Spuren davon sichtbar. Aber New Orleans ist nicht Haiti, und auch wenn damals in Sachen Katastrophenhilfe nicht alles besonders gut gelaufen ist, muss man sagen, dass sich die Stadt recht gut von Katrina (und Rita) erholt hat. Mit Unglücken dieser Art gehen Menschen nämlich erstaunlich produktiv um. Wenn eine Gemeinschaft ein Desaster dieser Art überlebt, wird sie stärker, selbstbewusster. Das sieht man an New Orleans nach Katrina genauso wie an New York nach 9/11. Waren die New Orleanians vorher schon etwas Besonderes, so muss ihnen das nach Katrina noch bewusster sein. Ich würde behaupten wollen, dass sich die Einwohner von New Orleans weniger amerikanisch fühlen als Amerikaner in anderen Teilen des Landes. Zum Beispiel übersteigt die Zahl der New Orleans Saints-Flaggen (hiesiges NFL-Team) und jene der fleurs-de-lis bei weitem die der Stars and Stripes. Man ist sich seines Sonderstatus gründlicher bewusst – und Katrina hat dazu wohl auch einiges beigetragen.
New Orleans muss man erlebt haben, und zwar nicht nur zur Mardi Gras Zeit. Kaum eine andere amerikanische Stadt bietet eine vergleichbare kulturelle Vielfalt, keine andere Stadt ist so schön und hässlich zugleich bzw. tritt in keiner anderen Stadt das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen so greifbar hervor. New Orleans fehlt vielleicht jene Schicht des Euphemistischen, die die Amerikaner überall sonst vor der unmittelbaren Brutalität der Wirklichkeit schützt. Authentizität wie in Savannah, möchte ich fast sagen – aber noch ein bisschen exklusiver, ein bisschen rauer und unmittelbarer. Die vielen Amerikaner, die New Orleans besuchen, verwechseln das mit Unterhaltung – obwohl für diese natürlich auch gesorgt ist. Sie glauben, New Orleans ist eines dieser vielen Märchenländer, die es in den USA zum reinen Vergnügen ihrer Besucher gibt. Das ist freilich eine krasse Fehleinschätzung, aber die New Orleanians wären schön blöd, wenn sie das nicht ausnutzen würden. Deswegen gibt es die Bourbon Street – jene Partymeile, die einem ernsthaft Interessierten schon von weitem suspekt sein muss und die gefälligst zu meiden ist. Um New Orleans muss man sich schon ein bisschen bemühen. Die Entschädigung für das Bemühen aber ist das Staunen-Dürfen über die vielleicht interessanteste Stadt der USA: N'awlins, NOLA, 504, The Big Easy..., keinesfalls aber „Newer Leans“!
Montag, 5. September 2011
Savannah - Herz des Südens
In Savannah findet man das Herz des Südens: Es ist heiß, es ist schwül, die Häuser sind alt, die Pflanzen bedrohlich, es gibt jede Menge Fisch und Alkohol, beides wird in ansprechenden Kneipen serviert, und es gibt hier mehr Schwarze. Außerdem spukt es in den Häusern - das behaupten jedenfalls die Bewohner. Ob sie das selbst auch wirklich glauben, oder ob damit nur das Geschäft mit den Geister-Touristen angekurbelt werden soll, sei dahingestellt. Manche meinen, es seien die Seelen der vielen Sklaven, die diese Stadt einst beherbergt hat, welche keine Ruhe finden und die jetzigen Einwohner von Savannah immer noch plagen. "Selbst schuld!", ruft da der fälschlicherweise seine Hände in Unschuld waschen zu können glaubende Kontinentaleuropäer, "Hättet ihr sie nicht gequält, würden sie euch jetzt in Ruhe lassen!"
So beruhigen sich die noch in ihren lebendigen Körpern steckenden Seelen Savannahs mit Festen und einem Lebensstil, der an Romantik vielleicht von keiner anderen Stadt der USA zu überbieten ist. Ich spreche nicht von einer erotischen oder einer verträumten Nachtromantik, sondern von der Romantik des alten Südens. Diese Romantik hängt träge in der feuchtwarmen Sommerluft; fad neigen sich unter ihr die Bäume gen Boden, das spanische Moos in ihnen hängt wie das fransige Haar einer Greisin herab, als wolle es uns sagen, dass hier alles zu spät ist, dass sich hier nichts mehr rühren mag. Im gelbgrauen Licht eines späten Sonntag Nachmittags wandert man hier zwischen Parks und Alleen herum, ist unschlüssig, ob man dieses Städtchen ausgestorben oder quicklebendig nennen soll. Einerseits wirkt es wie ein Museum des amerikanischen Optimismus, andererseits verweist es augenzwinkernd auf seine schicke Anachronie und wird so zu einem hippen, postmodernen, subversiven Überbleibsel. Davon zeugen die vielen kleinen Galerien und Shops von lokalen KünstlerInnen, der Einfluss des Savannah College of Art and Design auf das soziale Gefüge und die Topografie der Stadt sowie das laissez-faire, das sonst in den USA so selten zu finden ist, weil so etwas den Amerikanern verdächtig ist und - vielleicht aufgrund seines französischen Ursprungs - sowieso nicht ernst genommen wird.
Und doch stehen da die vielen alten Häuser als Zeugen eines "imperialen Lebensstils" - Mahnmale der Sklaven- und Plantagenwirtschaft, des auserbeuteten Reichtums, des Traums vom alten Süden. So viele bekannte und wichtige Persönlichkeiten waren hier bzw. wurden gar hier geboren und/oder begraben. Damit gehen die Amerikaner aber fürchterlich locker um. Zur Geschichte ihrer Stadt haben sie eine Haltung, die irgendwo im weiten Feld zwischen österreichischer Wurschtigkeit und preußischer Wichtigtuerei lümmelt. Freilich ist man irgendwie stolz auf die Stadt - aber irgendwie ist das auch alles egal. Am deutlichsten merkt man dies auf Tybee Island, einer herzigen Insel nahe Savannah. Dort sind die Leute noch lässiger und lockerer als in Kalifornien, und dies mit einer angenehm unaufdringlichen Selbstverständlichkeit, die den sonst so ausgewiesen zwanglosen Westküstlern fehlt. Das hat nicht dieses Hoppsige, zappelig Surferhafte oder ultracool Relaxte. Es ist so unbetont selbstgenügsam, ohne arrogant zu wirken, was es sympathisch und authentisch macht.
Savannah, das ist Anti-Las-Vegas, das ist Authentizität ohne Aufpreis. Es ist klein und unaufgeregt, ohne dabei langweilig und vorhersehbar uninteressant zu sein. Savannah ist eine Perle, die man in den USA lange suchen muss und an der man mehr ihre Seltenheit als ihren Glanz schätzt. Da muss ich unbedingt wieder hin! Zuerst aber muss ich unbedingt wieder nach New York...
So beruhigen sich die noch in ihren lebendigen Körpern steckenden Seelen Savannahs mit Festen und einem Lebensstil, der an Romantik vielleicht von keiner anderen Stadt der USA zu überbieten ist. Ich spreche nicht von einer erotischen oder einer verträumten Nachtromantik, sondern von der Romantik des alten Südens. Diese Romantik hängt träge in der feuchtwarmen Sommerluft; fad neigen sich unter ihr die Bäume gen Boden, das spanische Moos in ihnen hängt wie das fransige Haar einer Greisin herab, als wolle es uns sagen, dass hier alles zu spät ist, dass sich hier nichts mehr rühren mag. Im gelbgrauen Licht eines späten Sonntag Nachmittags wandert man hier zwischen Parks und Alleen herum, ist unschlüssig, ob man dieses Städtchen ausgestorben oder quicklebendig nennen soll. Einerseits wirkt es wie ein Museum des amerikanischen Optimismus, andererseits verweist es augenzwinkernd auf seine schicke Anachronie und wird so zu einem hippen, postmodernen, subversiven Überbleibsel. Davon zeugen die vielen kleinen Galerien und Shops von lokalen KünstlerInnen, der Einfluss des Savannah College of Art and Design auf das soziale Gefüge und die Topografie der Stadt sowie das laissez-faire, das sonst in den USA so selten zu finden ist, weil so etwas den Amerikanern verdächtig ist und - vielleicht aufgrund seines französischen Ursprungs - sowieso nicht ernst genommen wird.
Und doch stehen da die vielen alten Häuser als Zeugen eines "imperialen Lebensstils" - Mahnmale der Sklaven- und Plantagenwirtschaft, des auserbeuteten Reichtums, des Traums vom alten Süden. So viele bekannte und wichtige Persönlichkeiten waren hier bzw. wurden gar hier geboren und/oder begraben. Damit gehen die Amerikaner aber fürchterlich locker um. Zur Geschichte ihrer Stadt haben sie eine Haltung, die irgendwo im weiten Feld zwischen österreichischer Wurschtigkeit und preußischer Wichtigtuerei lümmelt. Freilich ist man irgendwie stolz auf die Stadt - aber irgendwie ist das auch alles egal. Am deutlichsten merkt man dies auf Tybee Island, einer herzigen Insel nahe Savannah. Dort sind die Leute noch lässiger und lockerer als in Kalifornien, und dies mit einer angenehm unaufdringlichen Selbstverständlichkeit, die den sonst so ausgewiesen zwanglosen Westküstlern fehlt. Das hat nicht dieses Hoppsige, zappelig Surferhafte oder ultracool Relaxte. Es ist so unbetont selbstgenügsam, ohne arrogant zu wirken, was es sympathisch und authentisch macht.
Savannah, das ist Anti-Las-Vegas, das ist Authentizität ohne Aufpreis. Es ist klein und unaufgeregt, ohne dabei langweilig und vorhersehbar uninteressant zu sein. Savannah ist eine Perle, die man in den USA lange suchen muss und an der man mehr ihre Seltenheit als ihren Glanz schätzt. Da muss ich unbedingt wieder hin! Zuerst aber muss ich unbedingt wieder nach New York...
Dienstag, 30. August 2011
Panik
Eineinhalb Monate bin ich nun schon hier, und wäre ich nicht so ein besonnener Bergmensch, den so schnell nichts aus der Ruhe zu bringen vermag, ich hätte schon ein paar Kübel voll Angstschweiß geschwitzt und müsste eines dieser Herzmedikamente nehmen, vor denen in der Fernsehwerbung gewarnt wird. Ja, tatsächlich werden Medikamente hier nicht nur beworben, es wird auch vor ihnen gewarnt, weil prinzipiell gilt, dass alles was existiert, auch gefährlich sein kann, ja vermutlich sogar mit ziemlicher Sicherheit gefährlich ist.
Die Pilgerväter sahen sich schon zu Beginn der US-amerikanischen Geschichte mit allerlei Gefahren konfrontiert. Das begann auf der Überfahrt von Europa nach Amerika und setzte sich im neuen Land fort. Denn dort sah man sich allerlei Widrigkeiten ausgesetzt, und hätte man nicht die netten Indianer gehabt, die den lustigen Briten und anderen Gesellen mit Rat und Tat zur Seite standen, wer weiß, ob das spätere Land der unbegrenzten Möglichkeiten sich nicht schon bald nach seiner Entdeckung als das Land der sehr beschränkten Möglichkeiten entpuppt hätte.
Auch heute noch lauert die Gefahr überall. Sei es in Form von Terroristen, bösen Bakterien, Haien oder Erdbeben: das Leben ist höchst ungewiss! Gerade erst beunruhigte Hurrikan Irene die Gemüter der Ostküste. Ich befand mich zufällig auf einem Trip nach North Carolina, wo Irene – aller Voraussicht nach – die Outer Banks verwüsten sollte. Von Raleigh aus, also in sicherem Abstand zum Ozean, beobachteten mein Onkel, dessen Freund und ich das Geschehen im Fernsehen. Unser Plan, das Wochenende am Strand zu verbringen, schien durchkreuzt und also begnügten wir uns mit einer kleinen Besichtigung der Gegend und der Aussicht auf schönes Wetter weiter südlich.
Einstweilen machte sich auf den Straßen Raleighs Panik breit. Die Tankstellen waren dauerbesetzt und in den Supermärkten waren die Milch- und Brotregale nahezu leer. Also kauften wir Bier, Chips, Eiscreme sowie Cracker und Käse, denn davon gab es nach wie vor genug. Tatsächlich wurde es dann auch recht stürmisch und regnerisch. Die Fernsehberichte von der Küste gaben sich zunehmend dramatischer, aber irgendwie wollte kein genügend großes Unbehagen aufkommen. Es schien, als suchten die Fernsehstationen verzweifelt nach ersten Opfern des Hurrikans. Stattdessen zeigten sich bloß ein paar Surfer, die sich über die hohen Wellen, die ihnen Irene bescherte, freuten.
Dann erfrechte sich Irene auch noch, sich zu einem Hurrikan der Kategorie 1 zu verharmlosen! Die Panik vor dem Sturm wich langsam der Panik davor, dass der Sturm nicht stark genug sein werde. „Wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich mich nicht darum sorgen, ob es sich um einen Hurrikan der Kategorie 1, 2 oder 3 handelt. Ich kann Ihnen nur versichern: Sie wollen da nicht mittendrin sein!“, verkündete eine Sprecherin der Gouverneurin mit beschwörender Stimme. Das nächste Bild zeigte eine Strandbar, in der ein paar Leute eine „Hurrikanparty“ veranstalteten.
Auch New York, so hieß es, sei noch in Gefahr. Endlich schien sich eines der vielen Horrorszenarien aus den so beliebten Katastrophenfilmen zu erfüllen: eine Millionenstadt von der Natur bedroht! Unglücklicherweise musste man schon am nächsten Tag feststellen, dass Irene nun kein Hurrikan mehr war, sondern nur mehr ein Tropensturm. „Still pretty bad, still very dangerous!“, versuchte ein Nachrichtensprecher in lehrerhafter Manier die Panik verzweifelt aufrecht zu erhalten. Doch spätestens jetzt lachten nicht nur mehr die Einwohner Louisianas, sondern auch der Großteil der nördlichen Ostküste.
Es ist nicht so, dass Irene keinen Schaden angerichtet hätte, und leider mussten auch einige Menschen im Sturm ihr Leben lassen. Aber irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass die Medien den Menschen den Hurrikan schlimmer verkaufen wollten, als er tatsächlich war. Die Frustration darüber, dass Irene da nicht mitspielte, spiegelte sich in dem Fakt wieder, dass die Berichterstattung über den Hurrikan, sobald sich dieser zum Tropensturm wandelte, schlagartig weniger wurde – ja im Vergleich zu vorher geradezu aufhörte. Das tut nicht nur dem Sturm Unrecht, sondern auch den tatsächlichen Opfern Irenes.
Freilich ist man seit dem Katrina-Desaster vorsichtig geworden was Hurrikans betrifft. Leider scheint es aber auch eine gewisse Sensations-Erwartungshaltung zu geben, die Schäden und Tragödien fordert, während sie das Glimpfliche verachtet. Panik ist eine Grundbefindlichkeit des Amerikaners und sie will genährt werden. Wenn man dafür nicht ins Kino zu gehen braucht, ist es umso besser. Umso unbefriedigender ist es dann aber auch, wenn die Panik sich als scheinbar unbegründet herausstellt. Dann fühlt sich der Amerikaner von der Natur, der sowieso nicht zu trauen ist (wie schon die Pilgerväter erfahren mussten), zum Besten gehalten. Und die Medien sorgen sich um die Einschaltquoten. Das ist dann die wahre Katastrophe.
Donnerstag, 11. August 2011
Ruhige Tage und ein Friseurbesuch
Die Hitze, in der ich in diesen Tagen liege, ist keine sengende mehr, wird aber ihrem Wesen trotzdem noch gerecht. Es hat abgekühlt, das heißt die Temperatur liegt in den niedrigen 30ern, vor allem aber hat die Luftfeuchtigkeit abgenommen, was das faule Herumliegen am Pool erträglicher macht. Sogar das Wasser hat seine Kinderbeckenwärme verloren und konnte heute erstmals „kühl“ genannt werden. Im Radio laufen die ewig gleichen Countrylieder, die einem mittlerweile schon egal sind – das eine oder andere findet man sogar schon ganz gut. Die in der Einfahrt liegenden Blätter brechen unter den Reifen der Autos; das Geräusch erinnert mich bezeichnenderweise an Kartoffelchips: die Amerikanisierung der Sinneseindrücke. Tatsächlich sind die Blätter schon welk. Die Hitze und der wenige Regen tragen Schuld daran, dass, vergäße man auf die Hitze, fast schon Herbststimmung aufkommen mag.
Momentan verbringe ich ruhige Tage in meinem Sommerdomizil. Das zwingt mich immer öfter vor den Fernseher, der hier den ganzen Tag läuft. Abends schaue ich Baseball, denn die Footballsaison hat noch nicht angefangen, und irgendwie habe ich ein bisschen Gefallen an diesem relativ langweiligen Sport gefunden. Morgens laufen meist Nachrichtensendungen, in denen aufgeregte Herren in diesen seltsamen, an den Schultern und Armen aufgebauschten amerikanischen Hemden auf die Regierung schimpfen, während im Hintergrund, wie zum Beweis für ihre Ausführungen, Aktienkurven eingeblendet werden. Am späteren Vormittag geben dann Ärzte Gesundheitstipps. Warum diese TV-Doktoren in Operationsklamotten oder weißen Kitteln im Studio sitzen müssen, bleibt schleierhaft. Heute jedenfalls war ein plastischer Chirurg aus Florida (woher sonst?) zu Gast, der den verblüfften Zuschauern erklärte, was ein Miami Thong Lift ist. Dabei handelt es sich um eine operative Korrektur des Fettgewebes am Gesäß, welche den perfekten Sitz des String Tangas sicherstellen soll. Seine zufriedene Patientin präsentierte dem Publikum stolz ihren neuen Podex, was heftig bejohlt und beklatscht wurde. Es ist leider großteils Bildung dieser Art, die mir den Horizont erweitert.
Gestern allerdings durfte ich einen Friseurbesuch über mich ergehen lassen. In der Daltoner Altstadt befindet sich ein Herrensalon, der von zwei Männern vom alten Schlag geführt wird. Das Geschäft besteht seit den 60er Jahren und hat sich seitdem wohl nur wenig verändert. Aber auch die Haarschnitte haben sich kaum verändert, deswegen warnt mich mein Cousin Chuck im Vorhinein: Da die beiden großteils Senioren als Kunden hätten, ginge es zwar relativ schnell, leider aber würden sie kaum Erfahrung mit dichtem Haar und jugendlichen Schnitten haben; besonders der Ältere, so mein Cousin, habe ihm schon den einen oder anderen Idioten-Schnitt verpasst. Ich werde ein wenig nervös, der Gedanke an meine ständig größer werdende Baseballkappensammlung beruhigt mich aber gleich wieder. Ich nehme mir eine Sports Illustrated und blättere darin. Henry, so der Name des jüngeren und talentierteren der beiden Friseure, entlässt gerade seinen letzten Kunden. Vor meinem Cousin und mir ist noch ein anderer Herr an der Reihe. Dieser aber sagt, er würde warten, bis der andere Friseur Zeit für ihn habe. Chuck springt sogleich auf und läuft Henry entgegen – es wirkt irgendwie erleichtert. Ich überlege kurz und komme zu dem Schluss, dass, da der Herr vor mir ohnehin mit dem „schlechten“ Haarschneider vorlieb nehmen will, ich wohl auch von Henry geschnitten werden würde.
Als der ältere Friseur mit seinem letzten Kunden fertig ist, will der freundliche Herr, der jetzt an der Reihe wäre, mir aber seinen Platz überlassen. Er sagt, er habe ohnehin den ganzen Tag nichts zu tun und sei eigentlich nur zum Quatschen hier. Sein weniges Haar bedarf nur einer kurzen Behandlung, und da ich, wie ihm aufgefallen sei, zusammen mit Chuck gekommen bin, wäre es ihm ein Vergnügen, mir den Vortritt zu lassen, damit mein Cousin nicht auf mich warten müsse, sobald dieser fertig sei. Nie war mir ein freundlicher Mensch so unangenehm! Ich erkläre ihm, dass ich, vielmehr dass mein Cousin und ich, wohl noch viel weniger zu tun hätten als er und dass es mir höchst unangenehm wäre, mich hier in irgendeiner Art und Weise vorzudrängen, wo ich doch nicht einmal von hier sei und so weiter.
Aber gerade als Gast hätte ich doch das Vortrittsrecht, sagt mir der zu freundliche Herr, während der schlechte Friseur mich schon grinsend zu sich winkt, bedrohlich mit seiner Schere die Luft zerschnippselnd. Ich fuchtle mit meiner Sports Illustrated und stammle irgendetwas davon, dass ich gern noch die Wartezeit nützen würde, um diesen Artikel fertig zu lesen, während ich auf das Bild eines mir vollkommen unbekannten Baseballspielers zeige.
Aber ich könne doch die Zeitschrift mit auf den Frisierstuhl nehmen, meint der schlechte Friseur. Nein, das könne ich nicht, sage ich, denn dann müsste ich entweder dauernd den Kopf senken, was dem Gelingen des coiffeurschen Handwerks unzuträglich wäre, oder aber mir die Zeitschrift hoch vor das Gesicht halten, was meine Arme schon nach wenigen Minuten schwer werden lassen würde. Während ich das sage, zeige ich mit übertriebenen Gesten umständlich vor, was ich meine. Der Friseur und der freundliche Herr lachen und geben schließlich nach. Ich bin gerettet.
Tatsächlich schneidet Henry ganz ordentlich. Die Tatsache, dass ich zum ersten Mal von einem glatzköpfigen Friseur geschnitten werde, finde ich bemerkenswert. Henry lobt die Farbe meines Haares und auch die Dichte. Es finde sich aber das eine oder andere graue Haar, so er. Ich sage ihm, dass mir das keine Neuigkeit sei, verzichte aber – aus Rücksicht auf Henrys blanken Schädel und seinen weißen, fast mönchsartigen, Haarring, der sich von Ohr zu Ohr zieht – auf die Bemerkung, die ich in solchen Situationen sonst zu machen pflege, nämlich, dass ich froh sei, noch viele Haare zu haben und ich deswegen die paar grauen verschmerzen könne. Henry scheitelt mir das Haar streng und tatsächlich sehe ich jetzt aus wie ein amerikanischer GI aus den 50er Jahren. Zufrieden stehe ich auf und gebe Henry 10 Dollar, die er in einer Lade seines großen Friseurtisches verschwinden lässt. Er wünscht mir noch einen schönen Aufenthalt, ich verspreche ihm, ihn weiterzuempfehlen und Henry lacht vergnügt. Vor dem Laden wartet Chuck. Wir sehen uns gegenseitig prüfend auf den Kopf und nicken uns zu. Für jemanden, der uns in diesem Moment beobachten würde, sähe es wahrscheinlich so aus, als würden wir mit dem Nicken einander Mut machen wollen.
Montag, 8. August 2011
Ein Schuss Lebensgefühl
Chester sitzt auf der Veranda und beobachtet die Futterstation, die er für die Kolibris aufgestellt hat. In den letzten Tagen haben größere Vögel das Kolibrifutter für sich entdeckt und laben sich seitdem frech daran, was die kleinen Kolibris natürlich abschreckt. Chester aber hat sich zum Ziel gesetzt, die großen Vögel zu vertreiben und so den Kolibris zu ihrem Futter zu verhelfen. Deswegen sitzt er auch mit einem Revolver in seinem Schaukelstuhl, um im „Ernstfall“ auf die Vögel schießen zu können. Die Vögel aber wissen, womit sie es zu tun haben und halten sich fern. Also geht Chester wieder ins Haus zurück und legt den Revolver hinter die Couch, als ob er ihn vor den Vögeln verstecken wollte. Kaum im Wohnzimmer, sieht er sie vor dem Fenster schon wieder herumflattern. Er schleicht zur Couch, holt den Revolver wieder hervor, stellt sich an die Tür und öffnet sie einen Spalt breit. Die Vögel fliegen davon.
Chester, ein Ex-Green-Beret und Vietnam-Veteran, scheint mir keineswegs einer dieser Eichhörnchen schießenden Rednecks zu sein, die es hier im Süden tatsächlich gibt. Deswegen frage ich ihn, womit die Waffe geladen sei. Es handelt sich um Gummigeschosse – die Streuung, so Chester, mache es einfacher, die Vögel zu treffen. Die Gummimunition habe er sich besorgt, nachdem er vor ein paar Wochen einen Hasen habe ziehen lassen müssen. Das Vieh sei schwer zu treffen gewesen, und er wollte nicht das Haus oder Auto eines Nachbarn treffen. „Oder gar den Nachbarn selbst“, ergänze ich. Chester lacht, ja, das wäre natürlich ganz schlecht gewesen.
Die selbstverständliche Allgegenwärtigkeit der Schusswaffen ist gewöhnungsbedürftig. So erschrak ich letztens regelrecht, als ich in den Keller ging, um das Modem neu zu starten, und ich, als ich das Licht eingeschaltete, direkt vor dem verglasten Waffenschrank stand. Schrank und Waffen erinnerten mich an eine Columbofolge – ich weiß nicht mehr welche. Jedenfalls ist der Schrank mit allerlei Kostbarkeiten der Gewehrskunst bestückt, Pistolen enthält er allerdings keine. Dabei hätte mich die unregistrierte Pistole interessiert, die mein Onkel vor ein paar Wochen gekauft hat. Das Wort „unregistriert“, das ich in Zusammenhang mit Waffen bisher nur aus diversen Fernsehserien kannte, hat mein Onkel dabei besonders betont. Mit unregistrierten Pistolen begeht man Morde, nach welchen man die Tatwaffe in einem See, einem Fluss oder in einer Bucht (je nach geographischer Gegebenheit) versenkt. Das hat mein Onkel freilich nicht vor, aber natürlich weiß er das und so bereitet ihm die unregistrierte Pistole ein besonderes Vergnügen, dessen Reiz für mich nur bedingt nachvollziehbar ist.
Als wir an einem der letzten Wochenenden in Alabama – ich war dort bei meinem Cousin und meiner Cousine auf College-Besuch – zu einem Liquor Store fahren wollten, begab ich mich auf den Rücksitz eines verantwortungsvoll scheinenden jungen Herren. Zwischen Fahrersitz und Mittelkonsole sah ich eine Pistole stecken. Ich fragte ihn, ob er vorhabe, damit den Laden auszurauben. Er lachte und schüttelte den Kopf. Er sei gerade vom Schießen gekommen, erklärte er mir, außerdem habe er eine Lizenz. Hätte er keine Lizenz, dachte ich mir, würde die Pistole auch nicht in einem Holster neben der Mittelkonsole stecken, sondern ohne Holster im Handschuhfach liegen. Sie würde wahrscheinlich auch unregistriert sein, und er würde keine Lizenz dafür haben. „Oh, es ist übrigens eine Glock“, sagte der verantwortungsvolle junge Herr, „aus Österreich, richtig?“ „Ja“, nickte ich, „die sind aus Österreich.“ Wenn sie auch oft nicht wissen, dass es in Österreich keine Kängurus gibt, dachte ich mir, wissen doch die meisten, dass Glock eine österreichische Firma ist. „Hervorragendes Erzeugnis“, lobte der junge Herr die Glock. Ich stimmte ihm zu, ohne dass ich einen Vergleich gehabt hätte – meine Schießerfahrung beschränkt sich schließlich auf die Waffen des österreichischen Bundesheeres. Wir raubten den Liquor Store schließlich nicht aus. Im Gegenteil: Wir mussten warten, bis alle von uns, die den Laden betreten hatten, ihren Ausweis gezeigt haben, und da eines der Mädchen ihren daheim vergessen hatte und also erst wieder nach Hause fahren musste, um den Ausweis zu holen, verbrachten wir ca. 15 Minuten wartend an der Kassa des Schnapsladens. Ich betrachtete zum Zeitvertreib die Überwachungskamerafotos jener „Kunden“, die sich als Diebe entpuppten und deshalb jetzt einen prominenten Platz in der Galerie über der Eingangstüre haben.
Irgendwie freue ich mich schon auf die nächsten Erlebnisse mit Schusswaffen, obwohl das etwas seltsam klingt. Interessant ist die Sache aber allemal. Die angebliche Waffenvernarrtheit der Amerikaner hielt ich nämlich immer für eine unsaubere Übertragung von Wildwest-Romantik in die heutige Zeit und also für eine Übertreibung. Im Süden allerdings scheint mir das Bild des allzeit bewaffneten Amerikaners ein adäquates zu sein. Die zahlreichen Waffengeschäfte entlang der Highways bestätigen mir diesen Eindruck. (Witzigerweise scheinen diese Läden auch nicht von der „schlechten Wirtschaftslage“ betroffen zu sein, von der hier dauernd die Rede ist.) „You gotta have a gun down here“, ist ein Satz, den ich schon ein paar Mal gehört habe. Haus, Autos, Boot, Gewehr, Klimaanlage, Kreditkarte: Das sind die Grundingredienzen des Südstaaten-Lebensstils, an die man sich gewöhnen muss, wenn man hier leben will. Und an die Sprache, die bisweilen durchaus kein Englisch ist. Aber davon ein andermal...
Donnerstag, 4. August 2011
Der Preis der Freiheit
Im Land der Freiheit hat die Freiheit immer auch einen Preis. Ist das vielleicht der Grund für die Schuldenkrise der USA? Eine sündhaft teure Frage, die ich lieber stecken lasse. Was ich meine ist: Ist es nur der Zwentendorf-Österreicher, der sich von zwei Kühltürmen eines AKWs am Horizont die Idylle eines wunderbaren Sees trüben lässt? Für die Amerikaner scheint das kein besonders seltsames Bild zu sein; zumindest scheinen sie sich daran gewöhnt zu haben. So wie sie sich an Restaurants gewöhnt haben, die mexikanisches und italienisches Essen anbieten und dabei so tun, als sei es das Natürlichste der Welt, diese beiden Küchen nebeneinander, gleichzeitig und mit einem „und“ verbunden zu bewerben und auch tatsächlich anzubieten. Kulinarisch passt da jedenfalls nichts zusammen, aber betrachtet man es rein dekorativ, öffnen sich einem die Augen: Die mexikanische und die italienische Flagge sehen sich nämlich – vor allem für die ungeschulten und von Stars und Stripes rotweißblau entzündeten Augen eines Amerikaners – ziemlich ähnlich: grün, weiß und rot, längsgestreift. Bis auf das Wappen, das die Flagge Mexikos ziert, sind sie also identisch. Die Außen- und Innenbemalung des Lokals erlaubt also vieles. Aber ich schweife ab...
Der See und das Atomkraftwerk: Im zentralen Ost-Tennessee wurde der Tennessee River zu einem See aufgestaut. Damm und Schleuse heißen „Watts Bar“ und nebenan befindet sich gleich auch ein AKW, das man bei der Autofahrt von Cleveland nach Spring City schön beobachten kann, wenn man über die Watts-Bar-Brücke fährt. Der von der Watts Bar zurückgestaute Fluss nennt sich konsequenterweise Watts Bar Lake, ist ob seiner ursprünglichen Flussnatur wild verzweigt und hat etwa die Größe des Neusiedler Sees, was dem Seebesucher ein stundenlanges Herumfahren und Entdecken ermöglicht. Wie alles in östlichen Tennessee ist auch dieser See wunderschön. Von sattem Grün bewachsene Ufer, ein paar Klippen für Wagemutige und Leichtsinnige, geschmackvoll gebaute und platzierte Seehäuschen sowie ein veritabler Fischreichtum zeichnen den Watts Bar Lake aus.
Mit dem Boot lässt sich der See hervorragend erkunden, auch wenn man zunächst aufgrund der Verästelungen dauernd die Orientierung verliert. Umso schlimmer dann der Schreck, wenn man von einem malerischen Seitenarm Richtung Süden in einen anderen einbiegt und sich hinter den dichten, gesunden Wäldern auf einmal die schmauchenden Kühltürme des Kraftwerks zeigen. Einem in den 80er Jahren groß gewordenen Mitteleuropäer wird da ganz heiß im Kopf. Man denkt an Tschernobyl und die Schwammerl, man denkt an Janoschs „Lumpengesindel“ - die ökologische Erziehung, der man damals irgendwie zwangsweise ausgesetzt war, hat ihre Spuren hinterlassen. Jedenfalls passt das AKW hier gar nicht hin. Man erinnert sich an stundenlange Fahrten durch Deutschland, und wie man irgendwann mitten in der Ödnis, hinter einem Hügel gelegen, ein AKW erspähte und sich dachte, dass sich hier wohl kein Nachbar aufregen könne, weil es keinen Nachbarn gibt. Ähnliches gilt wohl auch für das Watts-Bar-Kraftwerk, nur: Dass sich daneben ein großes Erholungsresort befindet, befremdet schon ein wenig.
Mittwoch um 12 Uhr Mittags wird dann das Gebell eines Hundes durch einen lauten Sirenenton unterbrochen, der sehr nach Reaktorunfall klingt. Ich blicke meinen Onkel an. Der sagt mir, dass wenn ich dieses Geräusch zu einem anderen Zeitpunkt als Mittwoch um 12 Uhr hören sollte, ich die Flucht antreten müsse. Zur Beruhigung hält er mir die Armbanduhr vor die Nase – tatsächlich zwölf. Mir war irgendwie schon klar, dass es sich um eine Probe handeln müsse, aber der für mich ungewohnte Zeitpunkt und die grausige Fremdheit des Sirenentons vermögen einem durchaus kurz einen Schreck einzujagen. Die österreichische Feuerwehr-Sirene, die immer dann erklingt, wenn am Samstag Mittag das Lagerhaus zusperrt, klingt im Vergleich geradezu beruhigend. Und für alles andere haben wir einmal im Jahr (?) einen Strahlenalarm-Test oder so etwas ähnliches, wo man dann zählen muss, wie oft der Ton rauf und runter geht. Die schauerliche amerikanische AKW-Sirene hingegen lässt keinen Zweifel über den Ernst der Situation.
Beim Verlassen des Campingresorts fallen dann die blauen Schilder am Straßenrand auf, welche im Falle des Falles die Fluchtroute anzeigen sollen. Gemütlich und unschuldig geleiten den erholten Seebesucher diese stummen Zeugen der potenziellen Gefahr aus dem Resort. Dieses Nebeneinander von Atomkraft und intakter Natur wirkt vielleicht nur für einen Österreicher verstörend – für die Amerikaner ist das AKW am Seerand der Preis der Freiheit; so wie die Herzkrankheit als Folge des Fast-Food-Konsums oder die Schulden als Folge der „Kreditkartenwirtschaft“, quasi ein gottgegebenes Faktum, mit dem zu leben sich einfacher darstellt als Grundlegendes zu ändern und auf Komfort zu verzichten. Das AKW ändert nichts an der Schönheit des Sees, wie auch der See nichts an der Hässlichkeit des AKWs ändert. Erschreckend ist nur, mit welcher Selbstverständlichkeit diese beiden Dinge zusammengehören: die Freiheit und ihr Preis.
Montag, 1. August 2011
Ein Priester in Daytona
Das Oyster Pub in Daytona Beach ist ein modern eingerichtetes Ess- und Trinklokal und dient vornehmlich dem Zweck des gesellschaftlichen Zusammenseins bei gleichzeitiger Beiwohnung sportlicher Groß- und Kleinereignisse. Diese werden auf ca. 30 Bildschirmen gezeigt, die sich über der Bar, an den Wänden und in kleinen Nischen neben den Tischen befinden. Schon beim Betreten der Bar fühlt man sich sehr sportlich.
Ich verfolge ein Baseballspiel der Atlanta Braves, die sich gegen Cincinnatti alle Mühe geben, nicht das zweite Spiel in Folge zu verlieren. Von Baseball hatte ich so gut wie keine Ahnung. Als aufgeschlossener Europäer, der zu sein ich gezwungen bin vorzugeben, interessiere ich mich aber freilich für allerhand Sachen, und so auch für Baseball. Also hat mir mein Onkel die grundlegenden Prinzipien des Spiels erklärt, was mir erlaubt, an diesem Abend im Oyster Pub das Spiel zu verfolgen, ohne mit einem Ausdruck der vollkommenen Unverständnis auf meinem Gesicht dasitzen zu müssen.
Während des dritten Innings betritt ein rundlicher Mittvierziger das Lokal. Es gibt in den USA vermutlich nicht viele Mittvierziger, die nicht zumindest rundlich sind – die meisten in diesem Alter sind ja bereits fett. Der freundliche Herr setzt sich zu mir an die Bar und wir beginnen ein Gespräch. Er weiß, wo Österreich ist. Er kennt auch den Unterschied zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er weiß sogar, dass man in allen drei Ländern Deutsch spricht. Und er kennt Bayern und weiß, dass es sich dabei um ein Bundesland im Süden von Deutschland handelt. Der Mann ist mir höchst suspekt. Er sagt, er sei erst vor ein paar Monaten nach Daytona gezogen und er finde es sehr langweilig. Der Strand, so er, verliere seine Attraktivität schnell, vor allem, wenn man kein ausgesprochener Strandmensch sei, und das sei er eben nicht. Ich finde seine Ausführungen einleuchtend und er sagt mir, dass man mit mir gut reden könne, weil ich ein Intellektueller sei. Jetzt fühle ich mich elend.
Ich frage ihn, was er mache. Er sei ein Priester, sagt er, und schüttelt dabei den Kopf, als ob er gerade in diesem Moment die Absurdität seiner Profession erkannt hätte. Er lächelt aber gleich wieder und sagt, dass er ursprünglich aus New Jersey stamme und dort auch seinen Beruf ausgeübt habe, dass er von seinem Vorgesetzten aber in den Süden versetzt wurde. Das hört sich alles sehr nach einer Strafversetzung an. Als höflicher Europäer frage ich aber nicht weiter nach. Ich erfahre, dass er ein griechisch-katholischer Priester ist und dass seine Gemeinde nur etwa 40 Mitglieder hat. Zudem seien fast alle seiner Kirchgänger relativ alt, was für ihn bedeutet, dass er neben den Gottesdiensten vornehmlich mit Begräbnissen und Hochzeitsjubiläen beschäftigt ist. Seine Kirche befindet sich irgendwo im Nirgendwo und weil er neben dem Priesteramt keine anderen Verpflichtungen hat, langweile er sich sehr. Ich denke mir, ob man diese Langeweile als gerechte Strafe Gottes interpretieren könnte, frage ihn aber nicht danach. Nun weiß ich aber auch, dass es quasi sein Job ist, Leute sich elend fühlen zu lassen.
Er bestellt ein geschmackloses Bier und ein Philly Cheese Sandwich. Dabei lobt er die Erzeugnisse deutscher Brauereien und er erklärt mir noch ein paar Feinheiten des Baseballspiels. Er habe keine Freunde, sagt er, und das sei so, weil er weit weg von der Stadt wohne. Seine Familie ist in New Jersey und als katholischer Priester darf er natürlich keine eigene gründen. Er tut sich selbst leid - und auch mir ein bisschen. So ist es tröstlich, dass alle 5 Minuten irgendwelche Leute, welche die Bar betreten, den Priester erspähen und ihn freundlich begrüßen. Ich sage ihm, dass er doch viele nette Leute kenne. Das gibt er zwar zu, an seinem Selbstmitleid ändert das aber wenig. Er schickt mir noch im Lokal eine Freundschaftsanfrage auf Facebook, was mich geradezu dazu zwingt, sie umgehend anzunehmen.
Mein Onkel ruft an und fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich danke ihm für die Nachfrage und ja, es sei alles in Ordnung. Er schiebt die Schuld für diesen Anruf seiner Frau in die Schuhe: Sie sei besorgt gewesen. Ich sage ihm, dass er ihr ausrichten könne, ich befände mich in der Gesellschaft eines Priesters, es sei also alles in bester Ordnung. Mein Onkel lacht, weiß aber, dass diese Auskunft meine Tante sicher besänftigen wird. Auch der Priester lacht und bestellt noch ein Bier. Meinem Onkel verschweige ich, dass es sich um einen griechisch-katholischen Priester handelt. Zwar weiß ich nicht, ob der protestantisch-amerikanische Grundsatz, dass Katholiken fluchen und trinken, auch für griechisch-Katholische gilt, aber sicher ist sicher.
Weil mich der Priester bald langweilt und mir schon alle Fotos auf seinem iPhone gezeigt hat, verlasse ich das Oyster Pub und suche mir ein Taxi. Der Taxifahrer ist sehr freundlich, was später dazu führen soll, dass er „nur noch sehr wenig Wechselgeld“ hat. Ja, Österreich kenne er, da war er schon Skifahren, und zwar auf der Zugspitze. Er sei ein pensionierter Air Force Pilot, ein Desert Storm Veteran, und er sei mehrere Jahre in Würzburg stationiert gewesen. Was er dann sagt, verstehe ich nicht. Ich bitte ihn, das eben Gesagte zu wiederholen und verstehe wieder nichts. Er sagt mir, dass das Deutsch sei. Erst beim vierten Wiederholen verstehe ich ungefähr, was er sagen will. Irgendetwas mit „Mädchen“, „Bratwurst“ und „Hähnchen“. Jetzt wird mir klar, dass ich nicht besorgt sein muss, die Bedeutung des englischen Wortes „hention“ nicht gekannt zu haben. Auch in der Schweiz sei er gewesen, besonders gut habe ihm dort Innsbruck gefallen. Ja, sage ich launig, Innsbruck sei toll, besonders der See habe es mir angetan. Er nickt und sagt, dass er auf dem See Wasserski gefahren sei.
Die Zeit in Deutschlang sei sehr schön gewesen und habe ihm erlaubt, Deutsch so zu erlernen, dass er es jetzt mündlich und schriftlich fließend beherrsche. Ich zeige mich beeindruckt und gebe ihm mehr Trinkgeld als er sich eigentlich verdient hat. Der Grund für sein weniges Wechselgeld ist vermutlich, dass er als Veteran und ehemaliger Helikopterpilot meist mehr Trinkgeld bekommt als ein gewöhnlicher Taxifahrer. Von einem Österreicher sollte er sich das aber nicht erwarten, finde ich. Trotzdem bin ich gnädig, irgendwie war er ja auch sehr unterhaltsam. „Aff Wiersahn!“ sagt er, und dann noch „Schuss!“. Ich sage „Pfiati“ und steige aus.
Donnerstag, 28. Juli 2011
Eine Prise Daytona
Daytona Beach ist eine Küstenstadt, die ihre Glanzzeit vielleicht schon hinter sich hat. Die Kombination von perfektem Sandstrand und schmucken Hotels samt Nachtlokalen hat aber nach wie vor einiges für sich. Mein Onkel erzählt, dass es heute viel sauberer und gesitteter ist als früher. Früher, damit meint er die 70er und 80er Jahre, also jene Zeit, in der, so erzählt er, betrunkene Studenten auf den Ladeflächen ihrer Pickup Trucks saßen und leichtbekleideten Damen hinterherpfiffen, die den Ocean Drive auf- und abstöckelten. Ich finde, dass es heute nicht gar so viel anders ist, allein die Pickups stehen nicht mehr auf der Straße, sondern nur noch am Strand. Und ja, so betrunken wie früher sind die Studenten auch nicht mehr. Wahrscheinlich gilt überhaupt, dass früher alle Leute viel betrunkener und ungezogener waren als sie es heute sind.
Die Hotelanlagen in Daytona sind groß und mittelmäßig gut geführt. Es sind solche typischen Hotels, die direkt am Meer liegen, in denen die Barkeeper zu freundlich und die Zimmermädchen zu unfreundlich sind. In der Lobby spielt hawaiianisch angehauchte "Strandmusik", die Pools sind von meeresfaulen sonnenbrandverkokelten, leider meist übergewichtigen Amerikanern belegt, die aus dem Landesinneren vor der Hitze an den Strand geflüchtet sind, um dann nicht am Strand, sondern eben am Pool zu liegen. Das rhythmische Knacken ihrer Budweiser-Dosen vermischt sich mit dem Kindergeschrei zu einer Geräuschkulisse, die zu meiden man den "beschwerlichen" Weg zum Strand (3 Stufen abwärts) gern auf sich nimmt. Dort angekommen wundert man sich erst einmal über die vielen Autos, die da stehen. Denn selbst wenn man in einem Hotel wohnt, das direkt am Meer liegt, fährt man hier mit dem Fahrzeug an den Strand, hat man doch etwa 5 Kühlboxen, 8 Strandstühle, ein Zelt, einen Tisch, 10 Luftmatratzen, 3 Surfboards und allerlei Bälle, die man dort aufbauen, aufstellen und ausbreiten muss, sodass dem ausgefüllten Tag am Strand nichts mehr im Wege stehe. Dann wird mit dem Nachbarn darüber diskutiert, wo man sein Sonnensegel her hat, wieviel es gekostet hat und ob es das nicht woanders günstiger geben müsste. Man bietet sich gegenseitig Bier an, weist aber darauf hin, dass es verboten ist, Alkohol am Strand zu trinken, und überhaupt die Kinder... aber man habe ja Plastikbecher etc. Am Strand verstehen sich die Leute.
Doch nicht nur der Strand ist interessant. Daytona ist auch Amerika in klein. Die Natur zeigt sich in Form des Ozeans. Gerne lassen sich Delphine beobachten, Pelikane stürzen munter in die Wellen, um nach Fischen zu tauchen, beim Parasailing sieht man in Küstennähe riesige Mantarochen durch das Wasser gleiten. Nachts ist der Strand lichterfrei, denn zu dieser Jahreszeit kommen Meeresschildkröten, um ihre Eier in zu legen. Oft kann man früh morgens noch deren Spuren im Sand entdecken.
Gleich neben der Natur, direkt an den Strand anschließend, findet sich jenes kapitalistische Brimborium in Form von Hotels, Souvenirläden und Unterhaltungsfirlefanz, das den von der Natur Gelangweilten das Leben wieder lebenswert machen soll. Überschreitet man aber den Ocean Drive und geht nur ein paar Straßen weiter, finden sich verarmte Siedlungen mit verfallenen Häusern, durch die man bei Tageslicht schon nicht gern, bei Nacht aber überhaupt nicht geht. Dieses Nebeneinander von Natur, Unterhaltungskultur und relativem (!) Elend zeichnet ein grobes Bild des amerikanischen Traums und seiner Folgen, ohne dabei allzu tragisch zu wirken. In seiner schlichten Einfachheit überzeugt es den Touristen ebenso wie den Einheimischen und wird daher für authentisch und gottgewollt gehalten.
Die Bewohner von Daytona Beach sind froh, wenn sie in einem Hotel arbeiten können, das noch nicht pleite gegangen ist. Viele der Hotelburgen am Strand stehen leer, wirklich gut halten sich nur jene im absoluten Zentrum, also nahe des Boardwalks und des Piers. Ich spreche mit der Bardame meines Hotels, die mit ihrem Job so halbwegs zufrieden ist. Sie erzählt mir, dass sie heuer in der BikeWeek, die im Februar stattfindet, auf die Dienste in der Hotelbar verzichtet und lieber in einer Kneipe gearbeitet hat. Die BikeWeek soll aber so dürftig besucht gewesen sein, dass sie im Nachhinein bereut hat, den Dienst im Hotel gegen den in der Kneipe getauscht zu haben. 'Rezession' und 'Krise' sind Wörter, die man in den Staaten immer noch dauernd aus jedem Mund hört. Man hört auch, dass die Politiker schuld seien, nicht aber Gott und schon gar nicht man selber. Also eigentlich hört man das gleiche wie auch in Europa, nur dass die Amerikaner diesen Gedanken irgendwie mehr verinnerlicht haben: Sie glauben an die Krise, anstatt sie überwinden zu wollen.
Leah (so heißt die Bardame) erklärt mir, sie habe Angst vor dem Ozean. Sie möge überhaupt keine natürlichen Gewässer, könne nicht schwimmen und Meerestiere würden bei ihr sowieso Panik verursachen. Außerdem habe sie eine irrationale Angst vor Fröschen. Ich sage, dass das nachvollziehbare Ängste seien, wenn auch - ihren Geburts- und Wohnort in Anbetracht ziehend - etwas unglückliche. Darüberhinaus habe sie Angst vor Luftballons. Die ständige Gefahr des Platzens bereite ihr unsäglichen Stress. Das halte ich schon für eine interessantere Angst. Noch interessanter allerdings ist ihre Angst vor Einkaufswägen. Was es daran zu fürchten gebe, frage ich. Leah meint, es sei die ständige Panik davor, mit jemandem zusammenzustoßen, etwas umzufahren und die Kontrolle über den Wagen zu verlieren. Die Angst vor Einkaufswagen halte ich für eine außerordentlich besondere Angst und gratuliere ihr dazu, denn so etwas Seltsames habe ich noch nie gehört. Sie freut sich irgendwie darüber und sagt mir, dass es schon witzig sei und sie auch gut mit ihren Ängsten leben könne. Allerdings mache ihr ihr Ekel vor Blut zu schaffen, der es ihr in Kombination mit den anderen Ängsten nahezu unmöglich mache, irgendwann einmal Kinder zu haben.
Ich stelle mir vor, wie Leah für eine Geburtstagsfeier eines ihrer Kinder einkaufen fährt, mehrere Male durch den Supermarkt läuft, weil sie keinen Einkaufswagen, sondern nur einen Handkorb zur Verfügung hat; wie sie Luftballons kauft, obwohl sie weiß, dass diese ihr die Party zur Hölle machen werden. Und dann sehe ich die herumtollenden Kinder und wie sie sich die Knie blutig schlagen, während Mama in Ohnmacht fällt.
Leah erzählt mir noch von dem Unbehagen, das sie verspürt, wenn sie jemand an einer Seite ihres Körpers berührt und wie sie sich dann selbst auf der anderen Seite berühren muss, um die erste Berührung 'auszugleichen'. "Wenn mein Freund mir zum Beispiel einen Klaps auf die rechte Pobacke gibt, muss ich mir selbst auf die linke schlagen, sonst drehe ich durch!", erklärt sie mir. Aha.
Leah lädt mich noch auf ein Bier ein, erklärt mir, wo in der Nacht etwas los ist und entlässt sie mich danach. Zum Abschied bedanke ich mich für ihre interessanten Ausführungen und tätschle ihr freundlich den linken Arm. Auf meinem Weg zum Aufzug sehe ich noch, wie sie beim Umdrehen, so unauffällig wie möglich, ihren rechten Arm berührt.
Sie ist zwar nett, denke ich, doch irgend etwas stimmt nicht mit ihr. Gleiches sollte auch für den Priester gelten, den ich ein paar Abende später traf...
Die Hotelanlagen in Daytona sind groß und mittelmäßig gut geführt. Es sind solche typischen Hotels, die direkt am Meer liegen, in denen die Barkeeper zu freundlich und die Zimmermädchen zu unfreundlich sind. In der Lobby spielt hawaiianisch angehauchte "Strandmusik", die Pools sind von meeresfaulen sonnenbrandverkokelten, leider meist übergewichtigen Amerikanern belegt, die aus dem Landesinneren vor der Hitze an den Strand geflüchtet sind, um dann nicht am Strand, sondern eben am Pool zu liegen. Das rhythmische Knacken ihrer Budweiser-Dosen vermischt sich mit dem Kindergeschrei zu einer Geräuschkulisse, die zu meiden man den "beschwerlichen" Weg zum Strand (3 Stufen abwärts) gern auf sich nimmt. Dort angekommen wundert man sich erst einmal über die vielen Autos, die da stehen. Denn selbst wenn man in einem Hotel wohnt, das direkt am Meer liegt, fährt man hier mit dem Fahrzeug an den Strand, hat man doch etwa 5 Kühlboxen, 8 Strandstühle, ein Zelt, einen Tisch, 10 Luftmatratzen, 3 Surfboards und allerlei Bälle, die man dort aufbauen, aufstellen und ausbreiten muss, sodass dem ausgefüllten Tag am Strand nichts mehr im Wege stehe. Dann wird mit dem Nachbarn darüber diskutiert, wo man sein Sonnensegel her hat, wieviel es gekostet hat und ob es das nicht woanders günstiger geben müsste. Man bietet sich gegenseitig Bier an, weist aber darauf hin, dass es verboten ist, Alkohol am Strand zu trinken, und überhaupt die Kinder... aber man habe ja Plastikbecher etc. Am Strand verstehen sich die Leute.
Doch nicht nur der Strand ist interessant. Daytona ist auch Amerika in klein. Die Natur zeigt sich in Form des Ozeans. Gerne lassen sich Delphine beobachten, Pelikane stürzen munter in die Wellen, um nach Fischen zu tauchen, beim Parasailing sieht man in Küstennähe riesige Mantarochen durch das Wasser gleiten. Nachts ist der Strand lichterfrei, denn zu dieser Jahreszeit kommen Meeresschildkröten, um ihre Eier in zu legen. Oft kann man früh morgens noch deren Spuren im Sand entdecken.
Gleich neben der Natur, direkt an den Strand anschließend, findet sich jenes kapitalistische Brimborium in Form von Hotels, Souvenirläden und Unterhaltungsfirlefanz, das den von der Natur Gelangweilten das Leben wieder lebenswert machen soll. Überschreitet man aber den Ocean Drive und geht nur ein paar Straßen weiter, finden sich verarmte Siedlungen mit verfallenen Häusern, durch die man bei Tageslicht schon nicht gern, bei Nacht aber überhaupt nicht geht. Dieses Nebeneinander von Natur, Unterhaltungskultur und relativem (!) Elend zeichnet ein grobes Bild des amerikanischen Traums und seiner Folgen, ohne dabei allzu tragisch zu wirken. In seiner schlichten Einfachheit überzeugt es den Touristen ebenso wie den Einheimischen und wird daher für authentisch und gottgewollt gehalten.
Die Bewohner von Daytona Beach sind froh, wenn sie in einem Hotel arbeiten können, das noch nicht pleite gegangen ist. Viele der Hotelburgen am Strand stehen leer, wirklich gut halten sich nur jene im absoluten Zentrum, also nahe des Boardwalks und des Piers. Ich spreche mit der Bardame meines Hotels, die mit ihrem Job so halbwegs zufrieden ist. Sie erzählt mir, dass sie heuer in der BikeWeek, die im Februar stattfindet, auf die Dienste in der Hotelbar verzichtet und lieber in einer Kneipe gearbeitet hat. Die BikeWeek soll aber so dürftig besucht gewesen sein, dass sie im Nachhinein bereut hat, den Dienst im Hotel gegen den in der Kneipe getauscht zu haben. 'Rezession' und 'Krise' sind Wörter, die man in den Staaten immer noch dauernd aus jedem Mund hört. Man hört auch, dass die Politiker schuld seien, nicht aber Gott und schon gar nicht man selber. Also eigentlich hört man das gleiche wie auch in Europa, nur dass die Amerikaner diesen Gedanken irgendwie mehr verinnerlicht haben: Sie glauben an die Krise, anstatt sie überwinden zu wollen.
Leah (so heißt die Bardame) erklärt mir, sie habe Angst vor dem Ozean. Sie möge überhaupt keine natürlichen Gewässer, könne nicht schwimmen und Meerestiere würden bei ihr sowieso Panik verursachen. Außerdem habe sie eine irrationale Angst vor Fröschen. Ich sage, dass das nachvollziehbare Ängste seien, wenn auch - ihren Geburts- und Wohnort in Anbetracht ziehend - etwas unglückliche. Darüberhinaus habe sie Angst vor Luftballons. Die ständige Gefahr des Platzens bereite ihr unsäglichen Stress. Das halte ich schon für eine interessantere Angst. Noch interessanter allerdings ist ihre Angst vor Einkaufswägen. Was es daran zu fürchten gebe, frage ich. Leah meint, es sei die ständige Panik davor, mit jemandem zusammenzustoßen, etwas umzufahren und die Kontrolle über den Wagen zu verlieren. Die Angst vor Einkaufswagen halte ich für eine außerordentlich besondere Angst und gratuliere ihr dazu, denn so etwas Seltsames habe ich noch nie gehört. Sie freut sich irgendwie darüber und sagt mir, dass es schon witzig sei und sie auch gut mit ihren Ängsten leben könne. Allerdings mache ihr ihr Ekel vor Blut zu schaffen, der es ihr in Kombination mit den anderen Ängsten nahezu unmöglich mache, irgendwann einmal Kinder zu haben.
Ich stelle mir vor, wie Leah für eine Geburtstagsfeier eines ihrer Kinder einkaufen fährt, mehrere Male durch den Supermarkt läuft, weil sie keinen Einkaufswagen, sondern nur einen Handkorb zur Verfügung hat; wie sie Luftballons kauft, obwohl sie weiß, dass diese ihr die Party zur Hölle machen werden. Und dann sehe ich die herumtollenden Kinder und wie sie sich die Knie blutig schlagen, während Mama in Ohnmacht fällt.
Leah erzählt mir noch von dem Unbehagen, das sie verspürt, wenn sie jemand an einer Seite ihres Körpers berührt und wie sie sich dann selbst auf der anderen Seite berühren muss, um die erste Berührung 'auszugleichen'. "Wenn mein Freund mir zum Beispiel einen Klaps auf die rechte Pobacke gibt, muss ich mir selbst auf die linke schlagen, sonst drehe ich durch!", erklärt sie mir. Aha.
Leah lädt mich noch auf ein Bier ein, erklärt mir, wo in der Nacht etwas los ist und entlässt sie mich danach. Zum Abschied bedanke ich mich für ihre interessanten Ausführungen und tätschle ihr freundlich den linken Arm. Auf meinem Weg zum Aufzug sehe ich noch, wie sie beim Umdrehen, so unauffällig wie möglich, ihren rechten Arm berührt.
Sie ist zwar nett, denke ich, doch irgend etwas stimmt nicht mit ihr. Gleiches sollte auch für den Priester gelten, den ich ein paar Abende später traf...
Mittwoch, 27. Juli 2011
Das Australien-Erlebnis
In einem dieser Einkaufszentren, die meist an großen Kreuzungen zu finden sind und unverschämt viel an amerikanischen Boden einnehmen, werde ich in einen Laden einer mir bisher unbekannten Kette gedrängt und zum Umschauen genötigt. Als Shoppingmuffel überlege ich mir einen pragmatischen Grund für diesen Aufenthalt und rede mir ein, ich hätte ohnehin eine kurze Hose und ein T-Shirt nötig, vor allem eingedenk meines bevorstehenden Strandurlaubs. Lustlos studiere ich Farben und Aufdrucke der verschiedensten T-Shirts. Viele dieser Exemplare sprechen mich optisch überhaupt nicht an, andere ein bisschen, nie aber, so glaube ich, könnte ich mich in eines dieser sehr amerikanischen Shirts verlieben und es so tragen, als wäre es mir das Natürlichste der Welt. Ich mahne mich, ein wenig offener zu sein und schon gewöhnt sich mein Auge an die Farben und Muster, wie sie sich sonst nur an das Dunkel gewöhnen.
Die überaus freundliche aber etwas einfältig wirkende Verkäuferin begrüßt mich fast überschwänglich. Meine Tante, die mich hierher gebracht hat, sagt ihr unnötigerweise, dass ich noch nie in einem dieser Läden war. Ich finde, dass man das meinem verunsicherten Gesichtsausdruck entnehmen kann. Die Verkäuferin schließt aus dieser Auskunft, dass ich wohl aus dem Ausland sein müsse und fragt mich, woher ich denn sei. Irgendetwas kitzelt mich im hinteren Teil meines Kopfes, ich weiß, dass da jetzt was kommt. Ich sage ihr, dass ich aus Österreich bin und ihr Gesicht fängt an zu leuchten. Ich weiß, dass es jetzt kommt, es muss jetzt kommen, zu lange habe ich auf diesen einen Moment gewartet! Es ist der Moment, von dem jeder Österreicher träumt und vor dem man sich zugleich graut. Jetzt also ist dieser Augenblick für mich da. "Oh", sagt die Verkäuferin, "springen da auch Kängurus in deinem Garten herum?" Das Kitzeln in meinem Kopf hört abrupt auf, ein Gefühl der Erleichterung macht sich breit. Nach innen vergnügt, nach außen aber so arrogant wie möglich erkläre ich ihr den Unterschied zwischen Österreich und Australien, sage ihr, dass in Österreich höchstens Ziegen in Gärten herumhüpfen und ärgere mich ein bisschen über das naive Bild, das dieses Mädchen von Australien hat. Einer ihrer Kollegen, der das Gespräch gehört hat, lacht. Die Verkäuferin läuft wenigstens rot an, entschuldigt sich, was ich aber auch für überflüssig halte, und verschwindet im hinteren Teil des Ladens.
Ich begutachte weiter die T-Shirts und Jeans. Nach einigen Minuten kommt die Verkäuferin wieder zurück. Es scheint, als hätte sie irgendwo hinten im Lager hyperventiliert und starte jetzt einen neuen Versuch zu einem konstruktiven Verkaufsgespräch. Nervös stellt sie sich vor, ihr Name sei Hollie und irgendwie passt der auch zu ihr, wie ich mir denke. Sie zeigt mir verschiedene Jeansmodelle, ignoriert aber konsequent meine Bemerkung, dass ich weiße Nähte nicht akzeptieren kann. Ich schüttle ohne Unterlass den Kopf, erkläre ihr noch einmal, dass es nicht die Waschung ist, die mich stört, sondern die verdammten weißen Nähte. Schließlich versuche ich es ihr einfach zu machen und bitte sie, mir die Shorts zu zeigen, denn das sei eigentlich das, was ich brauche.
Sie zeigt mir wo die Shorts hängen und macht sich wieder aus dem Staub - wahrscheinlich um zu hyperventilieren. Ich suche mir ein für meine Begriffe mittelmäßig gewagtes Modell aus, da kommt Hollie schon mit einem orangen T-Shirt angerannt. Das passe da sehr gut dazu, meint sie. Das Shirt ist Tennessee-Orange, das heißt, es hat die Farbe des College-Football Teams der Tennessee Volunteers. Ich finde die Farbe schön, der Aufdruck aber widert mich an. Es handelt sich um einen graffitiähnlichen Schriftzug in blau und grün. Was da drauf stünde, frage ich Hollie. Sie wisse es nicht, sagt sie, aber da hilft ihr schon der informierte Kollege aus und sagt, es handle sich um den Markennamen: Ruca.
Ich mache aha und wandle zurück zu den anderen T-Shirts, wo ich eines in dem gleichen Orange sehe, das einen viel ansprechenderen Schriftzug trägt, der ebenso darüber informiert, dass es sich um ein Ruca-Shirt handelt. Hollie muss feststellen, dass ich mich nicht wirklich für irgendetwas entscheide, das sie mir präsentiert und wirkt ein bisschen enttäuscht. Also versuche ich ihr irgendwie einzureden, dass ich ohne ihre Hilfe die Hose gar nicht gefunden hätte und dass auch die Farbe des T-Shirts, die mir außerordentlich gefalle, ihre großartige Idee war. Da strahlt sie wieder und ich bin beruhigt.
Beim Bezahlen betet sie noch die obligatorischen Vergünstigungskonditionen herunter, drückt mir vier verschiedene Bonuskarten in die Hand. Dafür zeige ich ihr meinen Pass ("Oh, ich habe noch nie einen Pass gesehen!") und meinen österreichischen Führerschein - den alten, rosa Lappen -, was sie großartig findet. "Und dass du mir ja nie wieder Österreich mit Australien verwechselst, ja?", sage ich ihr großväterlich. Dann gebe ich ihr noch den Merksatz auf den Weg, den man in gut sortierten österreichischen Souvenirläden auf gelbe Verkehrshinweisschilder zusammen mit der symbolhaften Darstellung eines Kängurus gedruckt findet, und demzufolge es diese Tiere in Österreich nicht gebe. Da lacht sie wieder, wird rot und wünscht sich in das Lager um dort zu hyperventilieren.
Ich gehe mit meiner neuen Hose und meinem tennesseeorangen T-Shirt aus dem Laden und freue mich, dass ich mein erstes Australien-Erlebnis hinter mich gebracht habe. Hoffentlich folgen da noch einige!
Die überaus freundliche aber etwas einfältig wirkende Verkäuferin begrüßt mich fast überschwänglich. Meine Tante, die mich hierher gebracht hat, sagt ihr unnötigerweise, dass ich noch nie in einem dieser Läden war. Ich finde, dass man das meinem verunsicherten Gesichtsausdruck entnehmen kann. Die Verkäuferin schließt aus dieser Auskunft, dass ich wohl aus dem Ausland sein müsse und fragt mich, woher ich denn sei. Irgendetwas kitzelt mich im hinteren Teil meines Kopfes, ich weiß, dass da jetzt was kommt. Ich sage ihr, dass ich aus Österreich bin und ihr Gesicht fängt an zu leuchten. Ich weiß, dass es jetzt kommt, es muss jetzt kommen, zu lange habe ich auf diesen einen Moment gewartet! Es ist der Moment, von dem jeder Österreicher träumt und vor dem man sich zugleich graut. Jetzt also ist dieser Augenblick für mich da. "Oh", sagt die Verkäuferin, "springen da auch Kängurus in deinem Garten herum?" Das Kitzeln in meinem Kopf hört abrupt auf, ein Gefühl der Erleichterung macht sich breit. Nach innen vergnügt, nach außen aber so arrogant wie möglich erkläre ich ihr den Unterschied zwischen Österreich und Australien, sage ihr, dass in Österreich höchstens Ziegen in Gärten herumhüpfen und ärgere mich ein bisschen über das naive Bild, das dieses Mädchen von Australien hat. Einer ihrer Kollegen, der das Gespräch gehört hat, lacht. Die Verkäuferin läuft wenigstens rot an, entschuldigt sich, was ich aber auch für überflüssig halte, und verschwindet im hinteren Teil des Ladens.
Ich begutachte weiter die T-Shirts und Jeans. Nach einigen Minuten kommt die Verkäuferin wieder zurück. Es scheint, als hätte sie irgendwo hinten im Lager hyperventiliert und starte jetzt einen neuen Versuch zu einem konstruktiven Verkaufsgespräch. Nervös stellt sie sich vor, ihr Name sei Hollie und irgendwie passt der auch zu ihr, wie ich mir denke. Sie zeigt mir verschiedene Jeansmodelle, ignoriert aber konsequent meine Bemerkung, dass ich weiße Nähte nicht akzeptieren kann. Ich schüttle ohne Unterlass den Kopf, erkläre ihr noch einmal, dass es nicht die Waschung ist, die mich stört, sondern die verdammten weißen Nähte. Schließlich versuche ich es ihr einfach zu machen und bitte sie, mir die Shorts zu zeigen, denn das sei eigentlich das, was ich brauche.
Sie zeigt mir wo die Shorts hängen und macht sich wieder aus dem Staub - wahrscheinlich um zu hyperventilieren. Ich suche mir ein für meine Begriffe mittelmäßig gewagtes Modell aus, da kommt Hollie schon mit einem orangen T-Shirt angerannt. Das passe da sehr gut dazu, meint sie. Das Shirt ist Tennessee-Orange, das heißt, es hat die Farbe des College-Football Teams der Tennessee Volunteers. Ich finde die Farbe schön, der Aufdruck aber widert mich an. Es handelt sich um einen graffitiähnlichen Schriftzug in blau und grün. Was da drauf stünde, frage ich Hollie. Sie wisse es nicht, sagt sie, aber da hilft ihr schon der informierte Kollege aus und sagt, es handle sich um den Markennamen: Ruca.
Ich mache aha und wandle zurück zu den anderen T-Shirts, wo ich eines in dem gleichen Orange sehe, das einen viel ansprechenderen Schriftzug trägt, der ebenso darüber informiert, dass es sich um ein Ruca-Shirt handelt. Hollie muss feststellen, dass ich mich nicht wirklich für irgendetwas entscheide, das sie mir präsentiert und wirkt ein bisschen enttäuscht. Also versuche ich ihr irgendwie einzureden, dass ich ohne ihre Hilfe die Hose gar nicht gefunden hätte und dass auch die Farbe des T-Shirts, die mir außerordentlich gefalle, ihre großartige Idee war. Da strahlt sie wieder und ich bin beruhigt.
Beim Bezahlen betet sie noch die obligatorischen Vergünstigungskonditionen herunter, drückt mir vier verschiedene Bonuskarten in die Hand. Dafür zeige ich ihr meinen Pass ("Oh, ich habe noch nie einen Pass gesehen!") und meinen österreichischen Führerschein - den alten, rosa Lappen -, was sie großartig findet. "Und dass du mir ja nie wieder Österreich mit Australien verwechselst, ja?", sage ich ihr großväterlich. Dann gebe ich ihr noch den Merksatz auf den Weg, den man in gut sortierten österreichischen Souvenirläden auf gelbe Verkehrshinweisschilder zusammen mit der symbolhaften Darstellung eines Kängurus gedruckt findet, und demzufolge es diese Tiere in Österreich nicht gebe. Da lacht sie wieder, wird rot und wünscht sich in das Lager um dort zu hyperventilieren.
Ich gehe mit meiner neuen Hose und meinem tennesseeorangen T-Shirt aus dem Laden und freue mich, dass ich mein erstes Australien-Erlebnis hinter mich gebracht habe. Hoffentlich folgen da noch einige!
Dienstag, 19. Juli 2011
Die Geschichten
Onkel Doyle ist jetzt 72 Jahre alt. Er ist der jüngere Bruder meines Großvaters und wie die meisten älteren Männer erzählt er gern Geschichten von früher. Meistens geht es in diesen Geschichten um's Fischen oder Gewaltanwendung mittels Fäusten, Füßen oder Feuerwaffen. Es geht auch oft um Autos, Boote und Mädchen. So etwa als Doyle damals seinen schwarzen 57er Chevy, jenes Modell also, das Dr. Kurt Ostbahn so schön besungen hat, angekettet (!) vor seinem Haus stehen hatte, und er mitten in der Nacht plötzlich ein anderes Fahrzeug sich nähern hörte. Als Doyle dann das Rasseln der Kette vernahm, wusste er, dass da jemand Begehr nach seinem Fahrzeug hegte und also nahm er kurzerhand das Gewehr von der Wand. (Dass das Gewehr griffbereit an der Wand hing, ist wichtig zu bemerken!) Kurioserweise gehörte das Gewehr nicht ihm, sondern seiner Frau, Mary. Jedenfalls schlich er mit dem Gewehr in der Hand auf die Veranda und von dort machte er auch schon den potenziellen Dieb aus, zielte und schoß ihm in sein Gesäß. Was sich hier so klischeehaft anhört, wird nickenderweise von seiner Frau Mary verbürgt. Man denkt sich, dass das mit den Schusswaffen in Amerika ja kein Problem wäre, schössen sie sich gegenseitig nur in den Podex.
Oder der Nachbar, der sich immer darüber beschwerte, dass die Jungs (das waren mein Großvater Kenneth mit seinen Brüdern J.D., Harold und eben Doyle) ihr Auto immer auf seinem Rasen abstellten. Jedesmal, wenn einer der Brüder sein Auto dort parkte, kam er aus seinem Haus gelaufen und schrie sie an, sie dürften ihr Auto hier nicht hinstellen, was den arroganten Burschen herzlich egal war und was sie auch immer ignorierten. Einmal allerdings erwischte der Nachbar meinen Großvater an einem schlechten Tag, sodass dieser, als er aus dem Auto ausstieg, dem heranstürmenden Nachbarn wortlos die Faust in's Gesicht reckte, was jenen nicht nur schnell mundtot machte, sondern auch auf dem von ihm so herzlich verteidigten Rasen zum Liegen brachte. Er sollte sich nach diesem Ereignis nie wieder über die parkenden Autos beschweren.
Oder die Geschichte mit dem Typen, der mit einem Flugzeug eine Brücke auf dem Tennessee River unterflog und dabei beinahe seinen wild fluchenden Freund Harold erwischte, der ihm dann mit seiner Pistole nachschoss. Die Vergangenheit ist voll von diesen Geschichten. Zu finden sind sie in jeder Familie, und ich bin froh, dass ich nun einige der Hauptdarsteller in diesen Geschichten kenne.
Oder der Nachbar, der sich immer darüber beschwerte, dass die Jungs (das waren mein Großvater Kenneth mit seinen Brüdern J.D., Harold und eben Doyle) ihr Auto immer auf seinem Rasen abstellten. Jedesmal, wenn einer der Brüder sein Auto dort parkte, kam er aus seinem Haus gelaufen und schrie sie an, sie dürften ihr Auto hier nicht hinstellen, was den arroganten Burschen herzlich egal war und was sie auch immer ignorierten. Einmal allerdings erwischte der Nachbar meinen Großvater an einem schlechten Tag, sodass dieser, als er aus dem Auto ausstieg, dem heranstürmenden Nachbarn wortlos die Faust in's Gesicht reckte, was jenen nicht nur schnell mundtot machte, sondern auch auf dem von ihm so herzlich verteidigten Rasen zum Liegen brachte. Er sollte sich nach diesem Ereignis nie wieder über die parkenden Autos beschweren.
Oder die Geschichte mit dem Typen, der mit einem Flugzeug eine Brücke auf dem Tennessee River unterflog und dabei beinahe seinen wild fluchenden Freund Harold erwischte, der ihm dann mit seiner Pistole nachschoss. Die Vergangenheit ist voll von diesen Geschichten. Zu finden sind sie in jeder Familie, und ich bin froh, dass ich nun einige der Hauptdarsteller in diesen Geschichten kenne.
Sonntag, 17. Juli 2011
Die Differenz der Freiheit
"same same - but different!"
altes arabisches Sprichwort
Freiheit ist so ein Wort, mit dem man Amerika gerne assoziiert. Sei es die Freiheit auf einer Landstraße oder die Freiheit, dass jeder machen kann, was er möchte (die eine allgemein akzeptierte Illusion ist) oder eben die Freiheit in Form von Unabhängigkeit, jenes Konzept, das die USA im Kern ausmacht, das jedes Jahr wild gefeiert wird, von dem aber keiner mehr so richtig zu wissen scheint, wofür es heutzutage noch gut ist. Auch die Freizeit ist Ausdruck der amerikanischen Freiheit. So scheint es auch geboten, seine Freizeit zu nutzen, denn wer seine Freizeit nicht nutzt, der macht auch von seiner Freiheit nur mangelnden Gebrauch. Und das ist irgendwie unamerikanisch.
Nun ist es aber so, dass die Amerikaner Weltmeister sind im Freizeitnutzen. Das nicht deshalb, weil sie ein gar so aktives und unternehmungslustiges Volk wären, sondern weil sie einfach eine andere Auffassung von Zeitvertreib haben als etwa ein österreichischer Europäer. Ich zum Beispiel halte Fernsehen für keinen Zeitvertreib, im besten Fall für Zeittotschlagen. Zumindest wenn man unter Fernsehen das wahllose Herumschalten zwischen inhaltsleeren Sendern versteht, wie es hier praktiziert wird. Das Fernsehen ist in den Augen des Amerikaners eine veritable Zwischentätigkeit, die aber von keinem besonderen Interesse geleitet ist. Sollte zufällig einmal etwas Interessantes oder Unterhaltsames laufen, so hat man eben einfach Glück gehabt. Läuft gerade wirklich nur Langweiliges, oder sollte, Gott behüte, sich irgendein Interesse rühren, wird eben eine DVD eingelegt. Dann läuft von 4 bis 6 Uhr ein Film, den dann alle, die zufällig irgendwann einmal ins Wohnzimmer kommen, zumindest zu einem Teil anschauen. Niemand wird den Film von Anfang bis zum Schluss sehen. Aber man könnte am Abend durchaus behaupten, die Familie habe sich am Nachmittag gemeinsam einen Film angesehen.
Zeitvertreib ist aber auch Bewegung. Wer seine Vorurteile über das amerikanische Volk brav gefüttert hat, wird jetzt verwundert sein. Doch besteht hierin noch kein Grund zur Unruhe, meine ich doch die motorisierte Bewegung. So hieß es gestern etwa, dass wir zum See fahren würden. Schön, denke ich mir, ein entspannter Tag am See, das kann ich gut gebrauchen. Als ich vor die Haustüre trete, erblicke ich einen weißen Jeep mit Anhänger und einen riesigen weißen Pickup-Truck mit Anhänger (habe ich jetzt eigentlich schon alle Autos gesehen, die diese Familie hat?). Auf den Anhängern befinden sich ein Jetski und ein Motorboot. Tolle Sache, wir fahren zum See!
Auf dem Weg dorthin bleiben wir an einer Tankstelle stehen. Chuck erzählt mir, dass er sich noch erinnern kann, wie damals seine Eltern 89 Cent für eine Gallone Sprit gezahlt haben. Heute kostet sie $ 3,40. Chuck tankt zuerst den Pickup, dann das Boot. Wir fahren weiter, fahren über endlose Landstraßen Richtung Nordosten. Wir fahren in die Berge. Der See liegt auf einem Berg, er wurde von der Armee künstlich angelegt, man hat einfach einen Damm gebaut und das Wasser in einem Tal aufgestaut. In Georgia, so erklärt mir Chuck, gibt es keine natürlichen Seen. Derweil schnauft der Pickup die enge Bergstraße hinauf.
Oben angekommen werden Boot und Jetski ins Wasser gelassen und auf diesem Wege der ganze See, der riesig ist, abgefahren. Der See hat kaum Ufer, die zum Baden benutzt werden können. Im Grunde finden sich darauf auch nur Bootfahrer, Fischer, und Wasserskiläufer. Man bewegt sich, fährt den verzweigten See ab. Ich genieße die Sonne und den Fahrtwind, betrachte den dichten, für Georgia so typischen Mischwald, der überall das Ufer des Sees ziert. Ein riesiger See im Wald auf einem Berg, auf dem man mit dem Motorboot herumfahren kann: Das ist Freiheit. Das ist Bewegung. Das ist Zeitvertreib. Das ist aber freilich auch Sonnenbrand - quasi der Preis für die Freiheit.
Diese Art der Freizeitgestaltung sagt mir durchaus zu. Nur verstehe ich nicht, wie hier Zeit und Aufwand zu rechtfertigen sind, wenn ein Tag am See und ein Tag vor dem Fernseher sich von der Wertigkeit her gar nicht so von einander zu unterscheiden scheinen. Beides ist Zeitvertreib und freilich ist der Tag am See die ereignisreichere und coolere Form der Freizeitgestaltung, aber irgendwie stellt sich bei mir das Gefühl ein, dass man hier, schon allein des emotionalen und des technischen Aufwandes wegen, eine schärfere Trennlinie zwischen den beiden ziehen müsste. Meinem Gefühl zufolge ist der Tag am See etwas - der Tag vor dem Fernseher hingegen ist nichts. Im Bewusstsein der Amerikaner - so jedenfalls scheint es für den Außenstehenden - sind beides einfach andere Formen der selben Essenz. In dieser Gegend scheint nämlich auch praktisch jeder Haushalt, der einen Fernseher hat, ebenso ein Boot zu haben. In jeder Einfahrt stehen Motorboote und/oder Jetskis. Freilich gibt es kleinere und größere, ältere und modernere, teuere und günstige Boote. Doch ein Boot muss man haben, auch wenn der Treibstoff nicht mehr so billig ist, wie noch vor 20 Jahren.
Wie das mit der Wertigkeit der Dinge geht, werde ich in einem der nächsten Einträge versuchen herauszufinden. Ich denke nämlich, dass dieses binäre Denken (etwas ist, oder es ist nicht) jene Einfachheit darstellt, auf dem der ganze Firlefanz der amerikanischen Alltagskultur überhaupt erst gedeihen kann. Wie ich das genau meine, wird sich wahrscheinlich auch mir erst noch zeigen.
altes arabisches Sprichwort
Freiheit ist so ein Wort, mit dem man Amerika gerne assoziiert. Sei es die Freiheit auf einer Landstraße oder die Freiheit, dass jeder machen kann, was er möchte (die eine allgemein akzeptierte Illusion ist) oder eben die Freiheit in Form von Unabhängigkeit, jenes Konzept, das die USA im Kern ausmacht, das jedes Jahr wild gefeiert wird, von dem aber keiner mehr so richtig zu wissen scheint, wofür es heutzutage noch gut ist. Auch die Freizeit ist Ausdruck der amerikanischen Freiheit. So scheint es auch geboten, seine Freizeit zu nutzen, denn wer seine Freizeit nicht nutzt, der macht auch von seiner Freiheit nur mangelnden Gebrauch. Und das ist irgendwie unamerikanisch.
Nun ist es aber so, dass die Amerikaner Weltmeister sind im Freizeitnutzen. Das nicht deshalb, weil sie ein gar so aktives und unternehmungslustiges Volk wären, sondern weil sie einfach eine andere Auffassung von Zeitvertreib haben als etwa ein österreichischer Europäer. Ich zum Beispiel halte Fernsehen für keinen Zeitvertreib, im besten Fall für Zeittotschlagen. Zumindest wenn man unter Fernsehen das wahllose Herumschalten zwischen inhaltsleeren Sendern versteht, wie es hier praktiziert wird. Das Fernsehen ist in den Augen des Amerikaners eine veritable Zwischentätigkeit, die aber von keinem besonderen Interesse geleitet ist. Sollte zufällig einmal etwas Interessantes oder Unterhaltsames laufen, so hat man eben einfach Glück gehabt. Läuft gerade wirklich nur Langweiliges, oder sollte, Gott behüte, sich irgendein Interesse rühren, wird eben eine DVD eingelegt. Dann läuft von 4 bis 6 Uhr ein Film, den dann alle, die zufällig irgendwann einmal ins Wohnzimmer kommen, zumindest zu einem Teil anschauen. Niemand wird den Film von Anfang bis zum Schluss sehen. Aber man könnte am Abend durchaus behaupten, die Familie habe sich am Nachmittag gemeinsam einen Film angesehen.
Zeitvertreib ist aber auch Bewegung. Wer seine Vorurteile über das amerikanische Volk brav gefüttert hat, wird jetzt verwundert sein. Doch besteht hierin noch kein Grund zur Unruhe, meine ich doch die motorisierte Bewegung. So hieß es gestern etwa, dass wir zum See fahren würden. Schön, denke ich mir, ein entspannter Tag am See, das kann ich gut gebrauchen. Als ich vor die Haustüre trete, erblicke ich einen weißen Jeep mit Anhänger und einen riesigen weißen Pickup-Truck mit Anhänger (habe ich jetzt eigentlich schon alle Autos gesehen, die diese Familie hat?). Auf den Anhängern befinden sich ein Jetski und ein Motorboot. Tolle Sache, wir fahren zum See!
Auf dem Weg dorthin bleiben wir an einer Tankstelle stehen. Chuck erzählt mir, dass er sich noch erinnern kann, wie damals seine Eltern 89 Cent für eine Gallone Sprit gezahlt haben. Heute kostet sie $ 3,40. Chuck tankt zuerst den Pickup, dann das Boot. Wir fahren weiter, fahren über endlose Landstraßen Richtung Nordosten. Wir fahren in die Berge. Der See liegt auf einem Berg, er wurde von der Armee künstlich angelegt, man hat einfach einen Damm gebaut und das Wasser in einem Tal aufgestaut. In Georgia, so erklärt mir Chuck, gibt es keine natürlichen Seen. Derweil schnauft der Pickup die enge Bergstraße hinauf.
Oben angekommen werden Boot und Jetski ins Wasser gelassen und auf diesem Wege der ganze See, der riesig ist, abgefahren. Der See hat kaum Ufer, die zum Baden benutzt werden können. Im Grunde finden sich darauf auch nur Bootfahrer, Fischer, und Wasserskiläufer. Man bewegt sich, fährt den verzweigten See ab. Ich genieße die Sonne und den Fahrtwind, betrachte den dichten, für Georgia so typischen Mischwald, der überall das Ufer des Sees ziert. Ein riesiger See im Wald auf einem Berg, auf dem man mit dem Motorboot herumfahren kann: Das ist Freiheit. Das ist Bewegung. Das ist Zeitvertreib. Das ist aber freilich auch Sonnenbrand - quasi der Preis für die Freiheit.
Diese Art der Freizeitgestaltung sagt mir durchaus zu. Nur verstehe ich nicht, wie hier Zeit und Aufwand zu rechtfertigen sind, wenn ein Tag am See und ein Tag vor dem Fernseher sich von der Wertigkeit her gar nicht so von einander zu unterscheiden scheinen. Beides ist Zeitvertreib und freilich ist der Tag am See die ereignisreichere und coolere Form der Freizeitgestaltung, aber irgendwie stellt sich bei mir das Gefühl ein, dass man hier, schon allein des emotionalen und des technischen Aufwandes wegen, eine schärfere Trennlinie zwischen den beiden ziehen müsste. Meinem Gefühl zufolge ist der Tag am See etwas - der Tag vor dem Fernseher hingegen ist nichts. Im Bewusstsein der Amerikaner - so jedenfalls scheint es für den Außenstehenden - sind beides einfach andere Formen der selben Essenz. In dieser Gegend scheint nämlich auch praktisch jeder Haushalt, der einen Fernseher hat, ebenso ein Boot zu haben. In jeder Einfahrt stehen Motorboote und/oder Jetskis. Freilich gibt es kleinere und größere, ältere und modernere, teuere und günstige Boote. Doch ein Boot muss man haben, auch wenn der Treibstoff nicht mehr so billig ist, wie noch vor 20 Jahren.
Wie das mit der Wertigkeit der Dinge geht, werde ich in einem der nächsten Einträge versuchen herauszufinden. Ich denke nämlich, dass dieses binäre Denken (etwas ist, oder es ist nicht) jene Einfachheit darstellt, auf dem der ganze Firlefanz der amerikanischen Alltagskultur überhaupt erst gedeihen kann. Wie ich das genau meine, wird sich wahrscheinlich auch mir erst noch zeigen.
Samstag, 16. Juli 2011
Paranoia
Bedrohlich knarrt es hinter mir. Zwar kenne ich das Geräusch schon, aber jedes mal wieder fährt es mir durch Mark und Bein. Es ist die anspringende Klimaanlage, die zu jeder Tages- und Nachtzeit ihren von mir so gefürchteten Dienst tut. Ich sitze mit nassen Haaren am Tisch und überlege, ob ich sie nicht besser föhnen gehen sollte, denke dann aber daran, wie meine Cousine Liz am ersten Abend eine Stunde lang mit nassen Haaren unterhalb des Lüftungsschlitzes gesessen ist - und sie ist auch heute noch kerngesund. Wir Bergtäler sind den Wind gewöhnt, den echten, den herzhaft kühlen Wind, der am Abend sich vom Berg hinab in das Tal stürzt und alle Hoffnungen auf einen lauen Sommerabend unter seinem garstig kalten Atem begräbt. Aber dieses hinterlistige, allgegenwärtige Gebläse, dem man nicht einmal einen konkreten Ursprung zuordnen kann (oft suche ich ängstlich nach dem Gitter, das die giftige Kühle entlässt, finde es aber nicht), das sind wir nicht gewöhnt. Hier wird mit unfairer Partisanentaktik gegen das wärmliche österreichische Wohlbefinden gekämpft, es ist ein Guerillakrieg der kleinen blauen Eiszapfenmännchen (die ich mir mittlerweile wirklich schon so vorstelle) gegen meinen erzitternden Körper.
Gestern musste ich einige Male aus dem Haus gehen, um mich wieder aufzuwärmen. Gott sei Dank hat die Schwüle schon etwas nachgelassen, sonst hätte ich gar nicht gewusst, wohin ich mich verziehen sollte. Jedes Mal, wenn ich in einem amerikanischen Auto auf dem Beifahrersitz Platz nehme, klappe ich panisch jegliches Gebläse, das mir zuleibe rücken will, von mir weg, nur um dann mitleidig gefragt zu werden, ob mir denn kalt sei. Nein, sage ich, kalt sei mir nicht, ich sei bloß paranoid. Dann gebe ich kurz darüber Auskunft, dass wir zu Hause nicht so viele Klimaanlagen haben, da unsere Klimaanlage, um meine Mutter zu zitieren, der Wald sei. Gott sei Dank wissen zumindest mein Onkel und meine Cousine Caitie aufgrund ihres letztjährigen Aufenthalts in Zell am See, dass ich nicht scherze, denn sonst hätte ich bereits um meine Glaubwürdigkeit fürchten müssen.
So auch gestern: Auf der halbstündigen Fahrt zu einem japanischen Lokal in Chattanooga versuche ich mich in Spuckübungen mit amerikanischen Kautabak. Mein Cousin Chuck auf dem Rücksitz (er kann sich dort nur quer über die Rückbank legen, da er ca. 2,10m groß ist und ungefähr halb so breit) ruft seinem Cousin auf dem Fahrersitz zu, dass er da hinten halb zergehe vor Hitze. Munter dreht daraufhin der Fahrer die Klimaanlage bis zum Anschlag, während ich, gleichermaßen geistesgegenwärtig wie paranoid, alle Luftaustrittsöffnungen von mir weg richte. "Ist dir kalt?", fragt Austin, der fahrende Cousin. Ich erkläre ihm die Geschichte mit dem Wald. Er lacht.
Im Sushi-Laden herrscht klirrende Kälte. Einerseits beruhigt mich das, denn roher Fisch hat es gerne kühl, ich muss mich also nicht um die Qualität der Lebensmittel sorgen. Andererseits bereue ich es, keine Jacke mitgebracht zu haben - aus Stolz und auch aus Unvorsicht. Das Essen ist großartig, die geschätzten 30 Eiswürfel im Wasserglas ziemlich unnotwendig, ich bestelle mir lieber ein Bier, das ich dann auch gerne anwärmen lassen würde, was aber bei den Temperaturen im Lokal nicht möglich ist. Endlich geben auch meine Cousinen zu, dass ihnen kalt ist. Meinem Cousin ist nicht kalt, so wie einem Bären bei frühzeitigem Wintereinbruch nicht kalt wird. Nach dem Essen stürze ich hinaus in die wohlig-schwüle Abendwärme von Chattanooga.
Auf dem Rückweg müssen wir von der Interstate abfahren, denn es gibt Stau. Drei Fahrbahnen voller Fahrzeuge, vor allem LKW. Ich erzähle, dass die bei uns nach 10 Uhr abends nicht mehr fahren dürfen. Wieder ernte ich von Austin einen ungläubigen Blick. Wir nehmen die erste Ausfahrt, umfahren den Stau, kommen durch seltsame Bezirke von West-Chattanooga, die selbst die beiden Einheimischen noch nicht gesehen haben. Chuck, der Bär, meint, wenn wir nicht aufpassen, landen wir irgendwo im Ghetto und werden ausgeraubt. Das scheint eine Grundangst weißer Mittelschichtamerikaner zu sein. In jeder Stadt gibt es mindestens eine Gegend, wo man nicht hingehen sollte, denn dort wird man sofort ausgeraubt, verdroschen, mindestens aber beleidigt, im schlimmsten Fall erstochen oder erschossen. In solchen Gegenden wohnen vorzugsweise Schwarze, Latinos oder Asiaten. Die Einfachheit dieser Weltsicht macht den Europäer zwar schmunzeln, nie aber würde er sich auf eine Diskussion einlassen, die auch nur irgendeinen Punkt dieses wackeligen Konstrukts angreifen würde; ein Konstrukt, das sich jedoch - so viel muss man eingestehen - in der Praxis sicherlich größtenteils bewährt. (Man bemerke die Kombination von "sicherlich" und "größtenteils" - mehr Vorsichtigkeitsfloskeln erlaube ich mir hier vorerst nicht.)
So hat jeder sein eigenes (unbegründetes?) Feindbild. Der Europäer die allgegenwärtigen Eiszapfenmännchen, die aus der Klimaanlage kommen, und der Amerikaner die "Gangs" in der "Hood". Die Hood kann man umfahren. Den Klimaanlagen auszuweichen, stellt sich aber als ein unmögliches Unterfangen heraus. Noch aber bin ich - dabei klopfe ich auf wahrscheinlich echtes Ahornholz - gesund, auch wenn mich das Brummen der gerade wieder angesprungenen Raumtemperierung schon wieder erschreckt hat. Man wird sich daran gewöhnen.
Gestern musste ich einige Male aus dem Haus gehen, um mich wieder aufzuwärmen. Gott sei Dank hat die Schwüle schon etwas nachgelassen, sonst hätte ich gar nicht gewusst, wohin ich mich verziehen sollte. Jedes Mal, wenn ich in einem amerikanischen Auto auf dem Beifahrersitz Platz nehme, klappe ich panisch jegliches Gebläse, das mir zuleibe rücken will, von mir weg, nur um dann mitleidig gefragt zu werden, ob mir denn kalt sei. Nein, sage ich, kalt sei mir nicht, ich sei bloß paranoid. Dann gebe ich kurz darüber Auskunft, dass wir zu Hause nicht so viele Klimaanlagen haben, da unsere Klimaanlage, um meine Mutter zu zitieren, der Wald sei. Gott sei Dank wissen zumindest mein Onkel und meine Cousine Caitie aufgrund ihres letztjährigen Aufenthalts in Zell am See, dass ich nicht scherze, denn sonst hätte ich bereits um meine Glaubwürdigkeit fürchten müssen.
So auch gestern: Auf der halbstündigen Fahrt zu einem japanischen Lokal in Chattanooga versuche ich mich in Spuckübungen mit amerikanischen Kautabak. Mein Cousin Chuck auf dem Rücksitz (er kann sich dort nur quer über die Rückbank legen, da er ca. 2,10m groß ist und ungefähr halb so breit) ruft seinem Cousin auf dem Fahrersitz zu, dass er da hinten halb zergehe vor Hitze. Munter dreht daraufhin der Fahrer die Klimaanlage bis zum Anschlag, während ich, gleichermaßen geistesgegenwärtig wie paranoid, alle Luftaustrittsöffnungen von mir weg richte. "Ist dir kalt?", fragt Austin, der fahrende Cousin. Ich erkläre ihm die Geschichte mit dem Wald. Er lacht.
Im Sushi-Laden herrscht klirrende Kälte. Einerseits beruhigt mich das, denn roher Fisch hat es gerne kühl, ich muss mich also nicht um die Qualität der Lebensmittel sorgen. Andererseits bereue ich es, keine Jacke mitgebracht zu haben - aus Stolz und auch aus Unvorsicht. Das Essen ist großartig, die geschätzten 30 Eiswürfel im Wasserglas ziemlich unnotwendig, ich bestelle mir lieber ein Bier, das ich dann auch gerne anwärmen lassen würde, was aber bei den Temperaturen im Lokal nicht möglich ist. Endlich geben auch meine Cousinen zu, dass ihnen kalt ist. Meinem Cousin ist nicht kalt, so wie einem Bären bei frühzeitigem Wintereinbruch nicht kalt wird. Nach dem Essen stürze ich hinaus in die wohlig-schwüle Abendwärme von Chattanooga.
Auf dem Rückweg müssen wir von der Interstate abfahren, denn es gibt Stau. Drei Fahrbahnen voller Fahrzeuge, vor allem LKW. Ich erzähle, dass die bei uns nach 10 Uhr abends nicht mehr fahren dürfen. Wieder ernte ich von Austin einen ungläubigen Blick. Wir nehmen die erste Ausfahrt, umfahren den Stau, kommen durch seltsame Bezirke von West-Chattanooga, die selbst die beiden Einheimischen noch nicht gesehen haben. Chuck, der Bär, meint, wenn wir nicht aufpassen, landen wir irgendwo im Ghetto und werden ausgeraubt. Das scheint eine Grundangst weißer Mittelschichtamerikaner zu sein. In jeder Stadt gibt es mindestens eine Gegend, wo man nicht hingehen sollte, denn dort wird man sofort ausgeraubt, verdroschen, mindestens aber beleidigt, im schlimmsten Fall erstochen oder erschossen. In solchen Gegenden wohnen vorzugsweise Schwarze, Latinos oder Asiaten. Die Einfachheit dieser Weltsicht macht den Europäer zwar schmunzeln, nie aber würde er sich auf eine Diskussion einlassen, die auch nur irgendeinen Punkt dieses wackeligen Konstrukts angreifen würde; ein Konstrukt, das sich jedoch - so viel muss man eingestehen - in der Praxis sicherlich größtenteils bewährt. (Man bemerke die Kombination von "sicherlich" und "größtenteils" - mehr Vorsichtigkeitsfloskeln erlaube ich mir hier vorerst nicht.)
So hat jeder sein eigenes (unbegründetes?) Feindbild. Der Europäer die allgegenwärtigen Eiszapfenmännchen, die aus der Klimaanlage kommen, und der Amerikaner die "Gangs" in der "Hood". Die Hood kann man umfahren. Den Klimaanlagen auszuweichen, stellt sich aber als ein unmögliches Unterfangen heraus. Noch aber bin ich - dabei klopfe ich auf wahrscheinlich echtes Ahornholz - gesund, auch wenn mich das Brummen der gerade wieder angesprungenen Raumtemperierung schon wieder erschreckt hat. Man wird sich daran gewöhnen.
Freitag, 15. Juli 2011
Anreise
Eine weit verbreitete Beobachtung ist, dass in Amerika immer alles so aussieht, wie man es sich vorstellt. Man kennt das Land aus Filmen, egal, ob es sich um biedere Vororte in den Neuenglandstaaten, die Häuserschluchten (damit wäre auch dieses abgegriffene Wort verbraucht) von Manhattan, den unschuldigen Bimmelbahncharme von San Francisco oder die einfältige Ödnis des mittleren Westens handelt. Was man bei dieser Beobachtung gerne außer acht lässt, ist, dass nicht nur die Orte wie aus Filmen sind, sondern sich die Leute ebenso verhalten als wären sie Figuren in einem "schlechten amerikanischen Film". Doch so schlecht ist dieser Film gar nicht.
Ich wache durch das heftige Rütteln des Flugzeugs aus meinem schwachen Dämmerschlaf auf. Die Bewegung war so heftig, dass mein iPod den Shuffle-Modus aktiviert und damit passenderweise "Hold on, I'm coming" von Sam & Dave auflegt. So wäre es zumindest gewesen, passten Wirklichkeit und Vorstellung öfter zusammen. In Wahrheit raunzt mir Marvin Gaye ins Ohr, als sich die Wolkendecke über Atlanta allmählich lüftet und die fade Vorstadtlandschaft der Metropole frei gibt. Lauter Bäume und zwischendrin Straßen. Das könnte überall sein, denke ich mir, doch in diesem Moment erspähe ich ein Footballfeld. Amerika also. Dann ein absonderlicher Wasserturm, dann ein Baseballfeld. Ich irre nicht. Nach 10 Stunden Flug reicht es mir auch. Mein Sitznachbar muss noch noch Michigan, irgendwo an die Grenze zu Kanada. Noch zwei Mal fliegen. Er macht irgendwas Frommes mit Senioren - er weiß es selber nicht genau. Er ist übrigens Deutscher.
In der Gangway macht sich schon die Schwüle bemerkbar. 34 Grad Celsius, über 90 % Luftfeuchtigkeit. Ich ächze das erste Mal, kaum aber betrete ich die Innenräume des größten Passagierflughafens der Welt, wünsche ich mich wieder in die Gangway zurück: das fiese, zupfige, eisige Kalt der Klimaanlagen. Es kriecht einem überall dorthin, wovon es immer geheißen hat, man solle diese Körperteile immer warm halten, also in den Rücken, in den Hals, durch die Schuhe. Vielleicht ist das auch nur meine panische Angst vor Klimaanlagen, denen ich genauso wenig vertraue wie Mikrowellenherden oder Fastfoodrestaurants. Ich bin hier falsch!
Der Zollbeamte, der die Wartenden den entsprechenden Abfertigungskabinen zuweist, spielt seine Rolle perfekt. Grimmig nimmt er den Pass eines jeden Einreisenden, hält ihn neben das Gesicht und prüft dann, abwechselnd auf den dummen Kopf im Pass und den schwitzenden Kopf des Passinhabers schauend, die Identität. Erst dann befiehlt er, wohin man sich stellen darf. Die zwei Herren vor mir schickt er nach "irgendwo da hinten", sie sollen sich die kürzeste Schlange aussuchen. Das mit der kürzesten Schlange wiederholt er noch zwei mal, und zwar so, als sei es seine eigene, ganze spezielle Idee, sich die kürzeste Reihe auszusuchen. Irgendwo macht einer mit einer Handykamera ein Foto. Das ist verboten. Ein Uniformierter stürzt auf den Handyfotografen los und zwingt ihn, das Foto zu löschen. Dann, nachdem er die nationale Sicherheit wieder hergestellt hat, geht er zurück von wo er kam und führt sein heiteres Gespräch mit dem Reinigungspersonal weiter.
Mein Onkel fährt mit mir mitten durch Atlanta. Das sei zwar nicht das Vernünftigste, aber immerhin soll ich einer der stressigsten amerikanischen Städte auf die mühevollste Weise zur ungünstigsten Uhrzeit kennenlernen, so er. Also mitten durch statt rund herum. Verzögerungen gibt es nur zwei, irgendwie scheint mein Onkel ein wenig enttäuscht zu sein. Nachdem wir die Skyline passiert haben sehe ich eigentlich nur noch Bäume links und rechts. Ich solle auf die Schneise achten, die der schwere Tornado vor ein paar Wochen durch die Bäume geschlagen hat. Dann dreht mein Onkel Southern Rock Radio so laut auf, dass mir die Zähne weh tun - wie das geht, ich weiß es nicht.
Irgendwo im scheinbaren Nirgendwo stoppen wir. Große Kreuzung, ein paar Häuser, Parplätze, viele Autos. Anscheinend noch irgendein Vorort von Atlanta, irgendein College ist in der Nähe. Wir steigen aus dem Auto aus, fast hätte ich die lähmende Hitze vergessen. Ich schleppe mich über den Parkplatz, wir gehen zu Tacomac, damit man gleich weiß, wo man daheim ist. Tatsächlich gibt es Leute, die auf der Terrasse sitzen. Drinnen aber ist beinahe alles voll. Es ist etwa sechs, viele Stundenten und Arbeiter, die sich auf dem Nachhauseweg finden. Da hinten, so mein Onkel während er mit der Hand auf die Bäume zeigt, befänden sich große Wohnsiedlungen.
Auch im Restaurant tun wieder alle sehr amerikanisch. Als Europäer stellt sich nach anfänglichem Schmunzeln und freudigem Wiedererkennen bekannter Muster dann doch die Frage, wie man sich dazu verhalten soll. Soll man da mitmachen? Oder geht das nur ironisch? Will heißen, man muss sich entscheiden, ob man hier Zuschauer oder Akteur sein will. Geduldet wird wohl beides - nur entscheiden muss man sich.
Während Hot Wings und Nachos sowie ein viel zu kaltes Bier serviert werden, denkt man noch an den Vorsatz, den man vor dem Abflug gefasst hat, man möge sich möglichst unamerikanisch ernähren und rechtfertigt diese erste deutliche Niederlage mit dem Gerade-angekommen-Sein. Dabei bläst einem die Klimaanlage giftig ins Genick, die Kellnerin lächelt unwirklich, die Studenten sind unglaublich studentisch, überhaupt ist alles so überwirklich wirklich und dadurch noch so unzugänglich, ja absurd.
Am Abend sitze ich im gemütlichen Sessel bei der Familie. Alle freuen sich mich zu sehen. Ich freue mich auch, bin aber müde. Auch muss ich mich erst wieder an den Kauderwelsch gewöhnen, den sie hier Englisch nennen. Nicht nur, dass sie hier anders sprechen als etwa im Norden, nein, es sprechen auch die Älteren anders als die Jüngeren, Frauen sowieso anders als Männer und dann scheint es auch noch eine Rolle zu spielen, von welchem College oder welcher Schule man kommt. Wäre es ein Film, würde ich jetzt der Faulheit wegen gerne die Untertitel anschalten. Aber sie haben Nachsicht, schicken mich ins klimaanlagengekühlte Bett. Morgen solle ich erstmal am Pool ausspannen, geweckt werde ich mit Speck und Eiern. Ob ich mich darauf freuen soll?
Ich wache durch das heftige Rütteln des Flugzeugs aus meinem schwachen Dämmerschlaf auf. Die Bewegung war so heftig, dass mein iPod den Shuffle-Modus aktiviert und damit passenderweise "Hold on, I'm coming" von Sam & Dave auflegt. So wäre es zumindest gewesen, passten Wirklichkeit und Vorstellung öfter zusammen. In Wahrheit raunzt mir Marvin Gaye ins Ohr, als sich die Wolkendecke über Atlanta allmählich lüftet und die fade Vorstadtlandschaft der Metropole frei gibt. Lauter Bäume und zwischendrin Straßen. Das könnte überall sein, denke ich mir, doch in diesem Moment erspähe ich ein Footballfeld. Amerika also. Dann ein absonderlicher Wasserturm, dann ein Baseballfeld. Ich irre nicht. Nach 10 Stunden Flug reicht es mir auch. Mein Sitznachbar muss noch noch Michigan, irgendwo an die Grenze zu Kanada. Noch zwei Mal fliegen. Er macht irgendwas Frommes mit Senioren - er weiß es selber nicht genau. Er ist übrigens Deutscher.
In der Gangway macht sich schon die Schwüle bemerkbar. 34 Grad Celsius, über 90 % Luftfeuchtigkeit. Ich ächze das erste Mal, kaum aber betrete ich die Innenräume des größten Passagierflughafens der Welt, wünsche ich mich wieder in die Gangway zurück: das fiese, zupfige, eisige Kalt der Klimaanlagen. Es kriecht einem überall dorthin, wovon es immer geheißen hat, man solle diese Körperteile immer warm halten, also in den Rücken, in den Hals, durch die Schuhe. Vielleicht ist das auch nur meine panische Angst vor Klimaanlagen, denen ich genauso wenig vertraue wie Mikrowellenherden oder Fastfoodrestaurants. Ich bin hier falsch!
Der Zollbeamte, der die Wartenden den entsprechenden Abfertigungskabinen zuweist, spielt seine Rolle perfekt. Grimmig nimmt er den Pass eines jeden Einreisenden, hält ihn neben das Gesicht und prüft dann, abwechselnd auf den dummen Kopf im Pass und den schwitzenden Kopf des Passinhabers schauend, die Identität. Erst dann befiehlt er, wohin man sich stellen darf. Die zwei Herren vor mir schickt er nach "irgendwo da hinten", sie sollen sich die kürzeste Schlange aussuchen. Das mit der kürzesten Schlange wiederholt er noch zwei mal, und zwar so, als sei es seine eigene, ganze spezielle Idee, sich die kürzeste Reihe auszusuchen. Irgendwo macht einer mit einer Handykamera ein Foto. Das ist verboten. Ein Uniformierter stürzt auf den Handyfotografen los und zwingt ihn, das Foto zu löschen. Dann, nachdem er die nationale Sicherheit wieder hergestellt hat, geht er zurück von wo er kam und führt sein heiteres Gespräch mit dem Reinigungspersonal weiter.
Mein Onkel fährt mit mir mitten durch Atlanta. Das sei zwar nicht das Vernünftigste, aber immerhin soll ich einer der stressigsten amerikanischen Städte auf die mühevollste Weise zur ungünstigsten Uhrzeit kennenlernen, so er. Also mitten durch statt rund herum. Verzögerungen gibt es nur zwei, irgendwie scheint mein Onkel ein wenig enttäuscht zu sein. Nachdem wir die Skyline passiert haben sehe ich eigentlich nur noch Bäume links und rechts. Ich solle auf die Schneise achten, die der schwere Tornado vor ein paar Wochen durch die Bäume geschlagen hat. Dann dreht mein Onkel Southern Rock Radio so laut auf, dass mir die Zähne weh tun - wie das geht, ich weiß es nicht.
Irgendwo im scheinbaren Nirgendwo stoppen wir. Große Kreuzung, ein paar Häuser, Parplätze, viele Autos. Anscheinend noch irgendein Vorort von Atlanta, irgendein College ist in der Nähe. Wir steigen aus dem Auto aus, fast hätte ich die lähmende Hitze vergessen. Ich schleppe mich über den Parkplatz, wir gehen zu Tacomac, damit man gleich weiß, wo man daheim ist. Tatsächlich gibt es Leute, die auf der Terrasse sitzen. Drinnen aber ist beinahe alles voll. Es ist etwa sechs, viele Stundenten und Arbeiter, die sich auf dem Nachhauseweg finden. Da hinten, so mein Onkel während er mit der Hand auf die Bäume zeigt, befänden sich große Wohnsiedlungen.
Auch im Restaurant tun wieder alle sehr amerikanisch. Als Europäer stellt sich nach anfänglichem Schmunzeln und freudigem Wiedererkennen bekannter Muster dann doch die Frage, wie man sich dazu verhalten soll. Soll man da mitmachen? Oder geht das nur ironisch? Will heißen, man muss sich entscheiden, ob man hier Zuschauer oder Akteur sein will. Geduldet wird wohl beides - nur entscheiden muss man sich.
Während Hot Wings und Nachos sowie ein viel zu kaltes Bier serviert werden, denkt man noch an den Vorsatz, den man vor dem Abflug gefasst hat, man möge sich möglichst unamerikanisch ernähren und rechtfertigt diese erste deutliche Niederlage mit dem Gerade-angekommen-Sein. Dabei bläst einem die Klimaanlage giftig ins Genick, die Kellnerin lächelt unwirklich, die Studenten sind unglaublich studentisch, überhaupt ist alles so überwirklich wirklich und dadurch noch so unzugänglich, ja absurd.
Am Abend sitze ich im gemütlichen Sessel bei der Familie. Alle freuen sich mich zu sehen. Ich freue mich auch, bin aber müde. Auch muss ich mich erst wieder an den Kauderwelsch gewöhnen, den sie hier Englisch nennen. Nicht nur, dass sie hier anders sprechen als etwa im Norden, nein, es sprechen auch die Älteren anders als die Jüngeren, Frauen sowieso anders als Männer und dann scheint es auch noch eine Rolle zu spielen, von welchem College oder welcher Schule man kommt. Wäre es ein Film, würde ich jetzt der Faulheit wegen gerne die Untertitel anschalten. Aber sie haben Nachsicht, schicken mich ins klimaanlagengekühlte Bett. Morgen solle ich erstmal am Pool ausspannen, geweckt werde ich mit Speck und Eiern. Ob ich mich darauf freuen soll?
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