Als Kind kam mir das Märchen von der Frau Holle immer extrem plausibel vor. Was konnten diese dicken, zur Erde niedertanzenden Flocken anderes sein als quasi die Federn von der Frau Holle ihrer Tuchent? Leider hat die Geschichte von der Frau Holle schon lang das Zeitliche gesegnet. Nicht nur, weil die Vorstellung einer die Betten ausschüttelnden und im Himmel wohnenden Übermutter nicht mehr zeitgemäß ist und gendermäßig geradezu frivol erscheint. Vor allem, weil man im Dezember immer öfter aus dem Fenster schaut und meint, den Frühling hereingrinsen zu sehen, dessen Fratze zwischen regnerisch kühl und wohlig warm changiert und so ihre unzeitgemäße Bedrohlichkeit dem auf den Winter wartenden Erdenbürger Flüche gen Himmel schicken lässt.
Wie gut aber, dass heutzutage der Schibetrieb sichergestellt ist und die Gäste schon vor Weihnachten österliches Wetter genießen können. Frau Holle hat ausgedient - der Diplomingenieur Holle hat jetzt das Sagen! Dem Herrn Dipl.Ing. ist der Klimawandel nämlich wurscht, weil er kann auch bei Plusgraden Schnee produzieren! Vielleicht lässt er sich bald etwas einfallen, damit der bei Plusgraden erzeugte Schnee dann auch liegen bleibt, und überhaupt: Winter findet in den Köpfen der Menschen (vor allem der Skiliftbetreiber) statt!
Der der Winterschwindsucht verfallene Erdenbürger sucht indes Trost in Punsch und Glühwein, die man bei mildem Wetter auch lauwarm akzeptiert. Kuschelig steht man kurzärmelig am Weihnachtsmarkt und macht sich gegenseitig die Herzen auf, indem man Gruselgeschichten von Flüchtlingen und "Wintermärkten", die nicht mehr Weinachtsmärkte heißen dürfen, erzählt. Hat man auf Facebook gesehen! Früher, als es im Winter noch kalt war, und man schon Anfang Jänner im See einbrechen konnte, stand sowas wenigstens noch in der Kronen Zeitung! Ja, früher war alles anders: Da gab es winters noch einen Schnee und die Nachrichten hat man gelesen und nicht nur im Drüberscrollen gesehen.
Dann gibt es noch die, welche die stillste Zeit im Jahr nicht mit Weihnachtsstress verwechselt haben wollen, und ihre Freunde und Bekannten mahnen, nur ja in lokalen Geschäften zu kaufen, denn das Internet ist böse und das Christkind kauft auch nur im schlecht sortierten Einzelhandel. Am besten ist überhaupt, man bastelt selber was, auch wenn man dann die enttäuschten Gesichter der Familienmitglieder am Weinachtsabend aushalten muss. Wo man das Bastelzeug kauft, ist aber weiterhin Gewissensfrage und im Zweifelsfall kann man ja immer noch am Samstag Nachmittag nach Salzburg in den Europark fahren (not!).
Also: Lieber zu Hause bleiben, durch das Fenster aus dem überheizten Haus auf die grüne Wiese starren und ab und zu jemanden anrufen und sich mit ihm darüber streiten, was denn nun das einzig wahre Weihnachtsessen sei. Wir Pinzgauer, die mit Bachlkoch und Würstelsuppe antreten, werden da meist belächelt. Aber das Geringe als das eigentlich Überlegene ansehen: Das war schon immer unsere Stärke!
Frohe Weihnachten
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Freitag, 11. Dezember 2015
Mittwoch, 3. Juni 2015
An der Hausmauer sitzend
Der Plamberger Loisl sitzt gerne vor seinem Haus, genauer auf der Terrasse vor seinem Haus, an die Hausmauer gelehnt, die sich an warmen Sonnentagen dermaßen aufheizt, dass es den Loisl daran erinnert, wie er sich früher immer an den abkühlenden Backofen der Mutter gelehnt hat, weil es ihm zwar an menschlicher, nie aber an elektrischer Wärme gefehlt hat. Eine schöne Kindheit war das. An der Mauer also sitzend und die wohlige Wärme genießend, schaut er auf die rumpelige Straße, auf der sich, weil sie so steil ist, im Winter die Holländer und im Sommer die Araber abmühen. Die Holländer im Winter, weil es so glatt ist, und sie aber zum Apartmenthaus am Ende der Straße müssen; Die Araber im Sommer, weil das Navigationsgerät sie auf so unwegsames Gelände geführt hat und sie jetzt nur noch Allah oder der Prophet höchstpersönlich im Gewande eines österreichischen Feuerwehrautos aus ihrer misslichen Lage befreien kann.
Der Loisl, der im Winter nur selten vor der Türe sitzt, sondern lieber drinnen am Fenster, von wo aus er die gleiche Aussicht auf die rumpelige Bergstraße hat wie an der Hausmauer auf der Terrasse, nimmt das Theater, welches sich auf besagter Straße sommers wie winters abspielt, gelassen hin. Man vermag es gar nicht zu beurteilen, ob er es überhaupt wahrnimmt, denn meist sagt der Loisl nicht viel, sondern schaut nur verzwickt (das hat er von seinem Großvater gelernt, der, man glaube es den übrigen Zellern, der Weltmeister im Verzwickt-Schauen war). Wenn er etwas sagt, dann sagt er nur "mhm" oder "hmm", je nach Laune mehr aus der Nase heraus (gut gelaunt) bzw. mehr aus dem unteren Kehlbereich heraus (schlecht gelaunt). Dazu schüttelt er oft den Kopf - nicken hat man den Plamberger Loisl nur selten gesehen. Denn wenn er eine Frage wortlos bejaht, kippt sein Kopf nur zustimmend auf seine Brust, hebt sich aber nicht mehr. In diesem Falle von einem vollwertigen Nicken zu sprechen, wäre der Beobachtung nicht gerecht.
Früher hat er das Kopfschütteln geübt, als er mit dem Rücken gegen den Backofen gelehnt saß und dabei versuchte, seine Ohren abwechselnd zu wärmen. Kopf nach links - linkes Ohr warm; Kopf nach rechts - rechtes Ohr warm, linkes aber schon wieder kühl; schnell wechseln...
Seine Mutter hat ihr an den Backofen gelehnt sitzendes und den Kopf wild hin und her werfendes Kind nur verständnislos angesehen, dabei selbst den Kopf geschüttelt und ihm gesagt, wenn es so weiter tue, bliebe ihm das Kopfschütteln irgendwann. Einmal haben sie in der Stadt ein altes Männlein gesehen, das den Kopf beim Gehen ständig geschüttelt hat, damit, einer pessimistischen Taube gleich, aber aufhörte, als es still stand. Des Loisls Mutter zeigte mit dem Finger auf das Männlein und verkündete ihrem Sohn: "Schau, Loisl, so wirst du auch einmal!" Da schauderte es dem Knaben.
Der Loisl ist letztlich doch nicht so geworden, weil das Kopfschütteln bei ihm keine motorische, neurologische oder eine andere körperliche Störung ist. Es ist bloßer Ausdruck eines innergebirglerischen Weltekels, den zu lindern nur die warme, sommerliche Hausmauer im Stande ist. Daher schüttelt der Lois im Winter häufiger den Kopf und im Sommer dann besonders oft, wenn er - was selten genug vorkommt - sein Haus verlässt oder es "Araberwetter" hat: So nennt man kühles und regnerisches Sommerwetter in Zell am See gerne.
Dem Loisl sind die Araber wurscht, genauso wie die Holländer. Er schüttelt bei beiden den Kopf, und zwar genauso verächtlich, wie wenn der Apartment-Besitzer in dem übermotorisierten Sportwagen vorbeifährt, mit dem er im Winter nie den Berg rauf kommt, weil das Auto Heckantrieb hat und die computergesteuerten Fahrassistenz-Programme den Kasatschok tanzen, wenn der Fahrer den Wagen über die eisige Rumpelstraße lenkt. Keine Laborbedingungen für deutsche Sportwagen sind das! Wenn das der deutsche Ingenieur sehen könnte, er würde den Kopf genauso schütteln wie der Lois, der dazu noch "mhmm" macht. Ein "mhmm", das ganz tief unten in der Kehle gurgelt. Für den Apartment-Besitzer, der eh bloß zwei Mal im Jahr für ein paar Tage nach Zell kommt, ist das nur ein weiterer Grund, sich vielleicht doch so einen schicken englischen Geländewagen anzuschaffen. Der wird dem Loisl nur ein amüsiertes "hm!" wert sein.
Eigentlich ist dem Loisl alles wurscht. Man nennt das Resignation - der Loisl sagt aber Zufriedenheit dazu. "I bin z'friedn", sagt er, wenn er danach gefragt wird, wie es ihm ginge. Ob das jetzt Understatement oder eine krasse Fehleinschätzung ist, weiß niemand so genau. Tatsächlich aber kann man, wenn man am Haus vom Loisl vorbei die rumpelige Bergstraße hinauf fährt, fast ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht erkennen. An einem warmen Sommertag, versteht sich; wenn der Loisl an der Hausmauer lehnt, den Kopf nach hinten gekippt, und ein bisschen schläft. Wenn er vom Backofen der Mutter träumt und wie fein alles war und eigentlich noch immer ist. Meist wacht er kurz auf, wenn die Reifen auf dem Schotter durchdrehen oder die Stoßdämpfer ob der gemeinen Schlaglöcher stöhnen. Dann blinzelt er, macht "hmm" und schüttelt den Kopf.
Der Loisl, der im Winter nur selten vor der Türe sitzt, sondern lieber drinnen am Fenster, von wo aus er die gleiche Aussicht auf die rumpelige Bergstraße hat wie an der Hausmauer auf der Terrasse, nimmt das Theater, welches sich auf besagter Straße sommers wie winters abspielt, gelassen hin. Man vermag es gar nicht zu beurteilen, ob er es überhaupt wahrnimmt, denn meist sagt der Loisl nicht viel, sondern schaut nur verzwickt (das hat er von seinem Großvater gelernt, der, man glaube es den übrigen Zellern, der Weltmeister im Verzwickt-Schauen war). Wenn er etwas sagt, dann sagt er nur "mhm" oder "hmm", je nach Laune mehr aus der Nase heraus (gut gelaunt) bzw. mehr aus dem unteren Kehlbereich heraus (schlecht gelaunt). Dazu schüttelt er oft den Kopf - nicken hat man den Plamberger Loisl nur selten gesehen. Denn wenn er eine Frage wortlos bejaht, kippt sein Kopf nur zustimmend auf seine Brust, hebt sich aber nicht mehr. In diesem Falle von einem vollwertigen Nicken zu sprechen, wäre der Beobachtung nicht gerecht.
Früher hat er das Kopfschütteln geübt, als er mit dem Rücken gegen den Backofen gelehnt saß und dabei versuchte, seine Ohren abwechselnd zu wärmen. Kopf nach links - linkes Ohr warm; Kopf nach rechts - rechtes Ohr warm, linkes aber schon wieder kühl; schnell wechseln...
Seine Mutter hat ihr an den Backofen gelehnt sitzendes und den Kopf wild hin und her werfendes Kind nur verständnislos angesehen, dabei selbst den Kopf geschüttelt und ihm gesagt, wenn es so weiter tue, bliebe ihm das Kopfschütteln irgendwann. Einmal haben sie in der Stadt ein altes Männlein gesehen, das den Kopf beim Gehen ständig geschüttelt hat, damit, einer pessimistischen Taube gleich, aber aufhörte, als es still stand. Des Loisls Mutter zeigte mit dem Finger auf das Männlein und verkündete ihrem Sohn: "Schau, Loisl, so wirst du auch einmal!" Da schauderte es dem Knaben.
Der Loisl ist letztlich doch nicht so geworden, weil das Kopfschütteln bei ihm keine motorische, neurologische oder eine andere körperliche Störung ist. Es ist bloßer Ausdruck eines innergebirglerischen Weltekels, den zu lindern nur die warme, sommerliche Hausmauer im Stande ist. Daher schüttelt der Lois im Winter häufiger den Kopf und im Sommer dann besonders oft, wenn er - was selten genug vorkommt - sein Haus verlässt oder es "Araberwetter" hat: So nennt man kühles und regnerisches Sommerwetter in Zell am See gerne.
Dem Loisl sind die Araber wurscht, genauso wie die Holländer. Er schüttelt bei beiden den Kopf, und zwar genauso verächtlich, wie wenn der Apartment-Besitzer in dem übermotorisierten Sportwagen vorbeifährt, mit dem er im Winter nie den Berg rauf kommt, weil das Auto Heckantrieb hat und die computergesteuerten Fahrassistenz-Programme den Kasatschok tanzen, wenn der Fahrer den Wagen über die eisige Rumpelstraße lenkt. Keine Laborbedingungen für deutsche Sportwagen sind das! Wenn das der deutsche Ingenieur sehen könnte, er würde den Kopf genauso schütteln wie der Lois, der dazu noch "mhmm" macht. Ein "mhmm", das ganz tief unten in der Kehle gurgelt. Für den Apartment-Besitzer, der eh bloß zwei Mal im Jahr für ein paar Tage nach Zell kommt, ist das nur ein weiterer Grund, sich vielleicht doch so einen schicken englischen Geländewagen anzuschaffen. Der wird dem Loisl nur ein amüsiertes "hm!" wert sein.
Eigentlich ist dem Loisl alles wurscht. Man nennt das Resignation - der Loisl sagt aber Zufriedenheit dazu. "I bin z'friedn", sagt er, wenn er danach gefragt wird, wie es ihm ginge. Ob das jetzt Understatement oder eine krasse Fehleinschätzung ist, weiß niemand so genau. Tatsächlich aber kann man, wenn man am Haus vom Loisl vorbei die rumpelige Bergstraße hinauf fährt, fast ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht erkennen. An einem warmen Sommertag, versteht sich; wenn der Loisl an der Hausmauer lehnt, den Kopf nach hinten gekippt, und ein bisschen schläft. Wenn er vom Backofen der Mutter träumt und wie fein alles war und eigentlich noch immer ist. Meist wacht er kurz auf, wenn die Reifen auf dem Schotter durchdrehen oder die Stoßdämpfer ob der gemeinen Schlaglöcher stöhnen. Dann blinzelt er, macht "hmm" und schüttelt den Kopf.
Samstag, 19. Juli 2014
Die Causa Nepomuk
Grausiges ereignete sich kürzlich in einer Sommernacht in Zell am See. Bisher unbekannte Vandalen vergingen sich an unserem schönen Stadtbrunnen und stürzten die Statue, die von vielen liebevoll "Nepomuk" genannt wird, samt dem Sockel um. Dabei wurde auch noch der Rand des Brunnens beschädigt. Ein trauriger Anblick, dieser in hundert Teile zersprungene Marmor-Nepomuk am Boden des Zeller Stadtplatzes. Die Zeller sind böse und naturgemäß ranken sich wilde Gerüchte darum, wer zu so einer Bosheit fähig sein könnte. Hier zwei mögliche Erklärungen und wie es gewesen sein könnte:
"Das waren bestimmt Einheimische", sagen die einen, und meinen damit eine besonders grimmige Spezies, nämlich die Oberpinzgauer. Denn ein Zeller würde sowas nie machen. Die Oberpinzgauer aber, die sind zu sowas fähig! Die reißen aus Neid auf die Zeller die Stadtbrunnenfigur um, sind sich viele sicher. Das hätte sich wohl so zugetragen:
A: "Schau her, de Hundtling mit eanan Stoudploutz! San eh koa richtige Stoud, owa Hauptsoch an Stoudploutz homms!"
B: "Jo, des san hoit richtige Großkopfate, de Zella. Schau o, den Brunnen, do sigg ma wieda wias moanan dass eppas Bessas san."
A: "Geh, Olympia-Siega und Tunni-Eröffning schreims do auffi, wei eana siest nix Bessas nid eifoit. So a Bagaasch, de Zella!"
B: "Schau hea, des Mannei do schaut a gou a so großkopfat hea!" (deutet auf die Statue)
A: "Jo, do host Recht, dea schaut hea wiara richtiga Zöia. Großkopfat und arrogant."
B: "Wos duat offt dea mit dem Fiesch? Schau hea, dea wüagg den! Des Mannei wüagg an Fiesch!"
A: "Ajo! Jo do siggst es wieda, wias mit de Viecher dand, de Zöia! Wiang duat an! Aufm Koupf steigga eam!"
B: "A so a Sauhundt, der Zöia-Doggi, dea!"
A: "Na woat, hiaz wiag i di!" (besteigt den Brunnen)
B: "Reisn hea, den Noun, den!" (auch B fängt an, auf den Brunnen zu klettern)
A, den Nepomuk schon mit dem Arm umklammernd: "So, du Sauhundt, wos du koost, koo i scho long!"
B: "Wiagn, den Sauzella! Den Sauhundt, den grausigen!" (fasst dem Nepomuk am Kopf)
A: "Ha! Den Toifi reis i hea!"
A nimmt die Marmorfigur in den Schwitzkasten, während B an deren Kopf rüttelt. Es ertönt ein dumpfes Grollen aus dem Inneren des Sockels.
A: "Hiaz riat a si, dea Doggi!"
B: "Hauman owa!"
Die beiden zerren weiter an dem Nepomuk, bis der Sockel nachgibt und auf den Brunnenrand kracht. Die Statue fällt zu Boden und zerspringt.
A: "Öha! Hiaz isa gou!"
Die beiden verschwinden.
--
Dass es aber ausgerechnet Einheimische gewesen sein sollen, die am Tag nach dem ersten rauschenden Sommernachtsfest bis vier Uhr früh unterwegs waren, ist zumindest fragwürdig. Auch wenn die niederen Motive, welche manche Zeller den Oberpinzgauern unterstellen, ja durchaus nachvollziehbar sind.
Es hielten sich aber auch einige Jugendgruppen aus Deutschland und den Niederlanden zur fraglichen Zeit in Zell am See auf, und so könnte es durchaus sein, dass der arme Nepomuk dem exzessiven Alkoholkonsum verantwortungsloser Urlauber zum Opfer fiel.
Vielleicht war es also auch so:
Vier deutsche Jugendliche, offensichtlich sehr betrunken, purzeln aus einem Lokal und finden ihren Weg auf den Stadtplatz:
A: "Och, guck mal, Stiebe, die hamm hier n' Brunn'n!"
B: "Krass Kacke, Alter! Die Ösis hamm nen Knall. Stelln da einfach n'Brunn'n hin!"
C schreit mehr als er singt: "So geh'n die Gauchos! Die Gauchos, die geh'n so! So geh'n die Gauchos, die Gauchos die geh'n so!" (geht in gebückter Haltung)
D: "Ne, die Ösis, die geh'n so!" (macht ihn nach)
A und B singend und hüpfend: "Sooo geh'n die Deutschen! Die Deuschen, die geh'n so! So geh'n die Deutschen, die Deutschen, die geh'n so!"
C: "Am Arsch, Alter, wir sind Weltmeister!"
D: "Die Ösis nich! Die hammja nichmal n'richtign Fußballer!"
A: "Doch, hammse. Den Alaba, der spielt doch bei Bayern!"
B: "Alaba is'n Schwarzer, das is kein Ösi!"
A: "Quatsch nich rum, Boateng is auch'n Schwarzer. Und der is Berliner!"
C: "Deutschland ist Weltmeister, Alter!"
D: "Genau! Egal, ob da'n Schwarzer bei is!"
B entdeckt die Tafeln am Brunnen: "Haste nich gesehen, guck, die hamm hier sogar Segelolympiasieger!"
C: "Voll schwul, Alter!"
B: "Krass. Hamm'wa auch n' Segelolympiasieger?"
A: "Weiß nich. Aber hamm'wa bestimmt. Wir hamm doch alles! Da is sicher irgendwo n'Segelolympiasieger bei!"
C: "Den WM-Pokal hammwa! Segeln is doch schwul!"
D: "Is nich schwul, Alter. Segeln is voll geil!"
C: "Am Arsch! Deutschland is Fußballweltmeister!"
Alle zusammen: "So geh'n die Gauchos, die Gauchos, die geh'n so!" usf.
C: "Guck, der olle Jung da hat'n Fisch inner Hand!"
B: "Krasse Statue hamm die da, die Ösis!"
A: "Wär'n geiler Pokal!"
Die anderen lachen zustimmend.
D: "Den holnwa runter! Der gehört uns!"
C: "Ja komm, Deutschland ist Weltmeister!"
Zwei klettern auf den Brunnen und versuchen, den "Pokal" zu stemmen.
A: "Helft mal, ihr Kacker! Hoch da!"
Die zwei anderen klettern auch auf den Brunnen und beteiligen sich. Beim Versuch, den "Pokal" zu stemmen, reißen die Jugendlichen den Sockel aus der Verankerung. Als einer der Betrunkenen droht, vom Brunnen zu stürzen, hält er sich an Nepomuk fest. Die Statue stürzt um und zerbricht.
B: "Krass, Mann! Scheiße!"
D: "Boah eh, Scheiße! Bloß weg hier!"
Die vier stürzen davon, einen hört man noch rufen: "Deutschland ist Weltmeister!"
--
Wer auch immer den Nepomuk auf dem Gewissen hat, soll nie mehr ruhig schlafen können! Unser schöner Stadtbrunnen ist von bösen Menschen zerstört worden, und Obiges ist nur ein verzweifelter satirischer Versuch, der Causa Nepomuk irgendeinen Sinn abzuringen. Nepomuk, wir werden dich nie vergessen!
Dienstag, 31. Dezember 2013
Guten Rutsch!
Der vorletzte Tag des Jahres ist der 30. Dezember. An diesem feiern manche Leute in Österreich das sogenannte "Bauernsilvester", ohne zu wissen, was damit eigentlich gemeint ist. Das soll hier auch nicht aufgeklärt werden. Bauernsilvester dient sowieso nur als Ausrede, es auch am Abend vor dem Jahreswechsel schonmal ordentlich krachen zu lassen. Ich spreche hier nicht von Knallern.
So schob sich gestern Abend ein Paar britischer Provenienz ins Lokal und wünschte schon an der Türschwelle ein "Happy New Year". Gewiss war diesen Gästen der österreichische (?) Brauch (?!) des Bauernsilvester völlig unbekannt. Deswegen wurden sie aber nicht daran gehindert, sich anständig vollaufen zu lassen. Die Dame bestellte ein großes Glas Wodka mit einem "Spritzer" Orangensaft, der Herr begnügte sich mit einem Flaschenbier. "Happy New Year" frohlockten die beiden unaufhörlich und gerne hätte man ihnen gesagt, dass es ja noch gar nicht so weit ist. Gut, wir sprechen von britischen Touristen auf Winterurlaub, da sollte man es mit solchen Dingen nicht so genau nehmen. Aber tatsächlich lagen beide dieses Jahr voll im Trend.
Für mich war Bauernsilvester eine schöne Gelegenheit, das Jahr gemütlich mit geschätzten Menschen ausklingen zu lassen. Silvester eignet sich dafür ja nur bedingt, da diese Nacht an Irrsinn und Widerlichkeiten dem Fasching um nichts nachsteht. Heuer verzichtete ich auf Bauernsilvester und musste bemerken, dass alle anderen Menschen sich dieses "geheimen Feiertages" angenommen haben und ihn besinnungslos zelebrierten. Noch vor wenigen Jahren war der 30. Dezember der stillste Abend des Jahres - gleich nach dem 1. Januar versteht sich. Gestern aber musste ich mich wundern, ob ich mich denn nicht im Datum geirrt hatte und nicht doch schon Silvester war. Bauern! Überall fröhliche Bauern, die ihr Silvester feiern wollten. Freilich war der Großteil dieser "Bauern" in Wahrheit Dänen, Engländer und Holländer, die sich in ihrem Skiurlaub nicht an die allgemein akzeptierten Gepflogenheiten des Trinkkalenders halten wollten. Aber immerhin: Es war was geboten.
Noch mehr wundern musste ich mich allerdings heute, da sich schon am Vormittag die Menschen in den Straßen gegenseitig ein "Gutes Neues!" zubrüllten, als wäre schon der erste Jänner. Irre ich mich, oder hielt man sich mit diesem Wunsch noch bis vor kurzem zurück und wartete, bis das Neue Jahr auch tatsächlich angefangen hat. Freilich, man vernahm vor allem in den Geschäften den Wunsch, dass man gut "hinüber rutschen" sollte, und ja, ab und an wünschte man auch ein "gutes neues Jahr", aber die Mehrzahl dieser Wünsche ereignete sich doch erst nach dem Jahreswechsel. Wir haben es eilig mit der Wünscherei, und wenn mich jetzt mein Gedächtnis nicht trügt, waren die Leute heuer mit den Weihnachtswünschen auch schrecklich früh dran. Das erste "Frohe Weihnachten" vermeine ich am zweiten Advent vernommen zu haben. Oder hänge ich einfach nur hinten nach?
Aber wehe, wenn man jemandem im Vorhinein zum Geburtstag gratulieren will! Das geht gar nicht, weil das Unglück bringt und sowieso. Außerdem sehe man sich ja, wenn nicht am Geburtstag, so doch bald wieder mal und könne die Glückwünsche nachreichen. Der Eine oder Andere würde sogar dann auf vorträgliche Wünsche verzichten, wenn die nachträglichen erst in Monaten möglich wären. Quasi dem Motto folgend: "Ein nachträglicher Wunsch per SMS ist mir lieber als ein persönlicher im Vorhinein." Absurd ist daran vor allem, mit welcher Pedanterie hier Wünsche abgewehrt werden und welche Kasperliaden die Wünschenden aufführen, wenn sie sich dabei ertappen, dass sie dem Jubilar gerne im Vorhinein alles Gute wünschen würden, es aber aufgrund des Verbots nicht möglich ist. "Ich darf ja noch nicht, aber...", "man soll ja nicht im Vorhinein, also..." Greuliches Gestammle begleitet von entschuldigenden Mienen - ein Affenzirkus, der im Grunde vollkommen unnötig ist.
Zu Silvester kennen wir da nichts, obwohl das Jahr Geburtstag hat. Rücksichtslos wünschen wir einander schon Tage vorher ein "Gutes Neues", um so im alten Jahr unsere Schuldigkeit getan zu haben und das neue nicht mit ewigen Glückwünschen beginnen zu müssen. Die ganz Eifrigen (zu denen ich mich in manchen Jahren zählen mag) wünschen am 31. einen "guten Rutsch" und am Ersten dann "ein Frohes Neues" bzw. brüllen sie zur nullten Stunde ein heftiges "Prosit Neujahr!", das man durchaus mit einem Niesen vergleichen kann, verschafft es einem doch ungemeine Erleichterung.
Zwar weiß ich, dass der "gute Rutsch" eigentlich mit dem Rutschen gar nichts zu tun hat, weil das Wort aus dem Hebräischen "Rosch" abgeleitet wurde und "Anfang/Beginn" bedeutet (man möge mir verzeihen, dass ich das jetzt nicht wikipediatisch verbürgen kann), aber das Bild des Hinüberrutschens hat doch etwas sehr Vergnügliches und Frohsinniges. Mögen wir uns wünschen, dass wir alle wie Kinder auf einer Rutsche ins Neue Jahr rutschen und dabei vergnügt "Prosit" quieken, und lassen wir uns dann in aller Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit "ein gutes Neues Jahr!" wünschen. In diesem Sinne: Guten Rutsch!
So schob sich gestern Abend ein Paar britischer Provenienz ins Lokal und wünschte schon an der Türschwelle ein "Happy New Year". Gewiss war diesen Gästen der österreichische (?) Brauch (?!) des Bauernsilvester völlig unbekannt. Deswegen wurden sie aber nicht daran gehindert, sich anständig vollaufen zu lassen. Die Dame bestellte ein großes Glas Wodka mit einem "Spritzer" Orangensaft, der Herr begnügte sich mit einem Flaschenbier. "Happy New Year" frohlockten die beiden unaufhörlich und gerne hätte man ihnen gesagt, dass es ja noch gar nicht so weit ist. Gut, wir sprechen von britischen Touristen auf Winterurlaub, da sollte man es mit solchen Dingen nicht so genau nehmen. Aber tatsächlich lagen beide dieses Jahr voll im Trend.
Für mich war Bauernsilvester eine schöne Gelegenheit, das Jahr gemütlich mit geschätzten Menschen ausklingen zu lassen. Silvester eignet sich dafür ja nur bedingt, da diese Nacht an Irrsinn und Widerlichkeiten dem Fasching um nichts nachsteht. Heuer verzichtete ich auf Bauernsilvester und musste bemerken, dass alle anderen Menschen sich dieses "geheimen Feiertages" angenommen haben und ihn besinnungslos zelebrierten. Noch vor wenigen Jahren war der 30. Dezember der stillste Abend des Jahres - gleich nach dem 1. Januar versteht sich. Gestern aber musste ich mich wundern, ob ich mich denn nicht im Datum geirrt hatte und nicht doch schon Silvester war. Bauern! Überall fröhliche Bauern, die ihr Silvester feiern wollten. Freilich war der Großteil dieser "Bauern" in Wahrheit Dänen, Engländer und Holländer, die sich in ihrem Skiurlaub nicht an die allgemein akzeptierten Gepflogenheiten des Trinkkalenders halten wollten. Aber immerhin: Es war was geboten.
Noch mehr wundern musste ich mich allerdings heute, da sich schon am Vormittag die Menschen in den Straßen gegenseitig ein "Gutes Neues!" zubrüllten, als wäre schon der erste Jänner. Irre ich mich, oder hielt man sich mit diesem Wunsch noch bis vor kurzem zurück und wartete, bis das Neue Jahr auch tatsächlich angefangen hat. Freilich, man vernahm vor allem in den Geschäften den Wunsch, dass man gut "hinüber rutschen" sollte, und ja, ab und an wünschte man auch ein "gutes neues Jahr", aber die Mehrzahl dieser Wünsche ereignete sich doch erst nach dem Jahreswechsel. Wir haben es eilig mit der Wünscherei, und wenn mich jetzt mein Gedächtnis nicht trügt, waren die Leute heuer mit den Weihnachtswünschen auch schrecklich früh dran. Das erste "Frohe Weihnachten" vermeine ich am zweiten Advent vernommen zu haben. Oder hänge ich einfach nur hinten nach?
Aber wehe, wenn man jemandem im Vorhinein zum Geburtstag gratulieren will! Das geht gar nicht, weil das Unglück bringt und sowieso. Außerdem sehe man sich ja, wenn nicht am Geburtstag, so doch bald wieder mal und könne die Glückwünsche nachreichen. Der Eine oder Andere würde sogar dann auf vorträgliche Wünsche verzichten, wenn die nachträglichen erst in Monaten möglich wären. Quasi dem Motto folgend: "Ein nachträglicher Wunsch per SMS ist mir lieber als ein persönlicher im Vorhinein." Absurd ist daran vor allem, mit welcher Pedanterie hier Wünsche abgewehrt werden und welche Kasperliaden die Wünschenden aufführen, wenn sie sich dabei ertappen, dass sie dem Jubilar gerne im Vorhinein alles Gute wünschen würden, es aber aufgrund des Verbots nicht möglich ist. "Ich darf ja noch nicht, aber...", "man soll ja nicht im Vorhinein, also..." Greuliches Gestammle begleitet von entschuldigenden Mienen - ein Affenzirkus, der im Grunde vollkommen unnötig ist.
Zu Silvester kennen wir da nichts, obwohl das Jahr Geburtstag hat. Rücksichtslos wünschen wir einander schon Tage vorher ein "Gutes Neues", um so im alten Jahr unsere Schuldigkeit getan zu haben und das neue nicht mit ewigen Glückwünschen beginnen zu müssen. Die ganz Eifrigen (zu denen ich mich in manchen Jahren zählen mag) wünschen am 31. einen "guten Rutsch" und am Ersten dann "ein Frohes Neues" bzw. brüllen sie zur nullten Stunde ein heftiges "Prosit Neujahr!", das man durchaus mit einem Niesen vergleichen kann, verschafft es einem doch ungemeine Erleichterung.
Zwar weiß ich, dass der "gute Rutsch" eigentlich mit dem Rutschen gar nichts zu tun hat, weil das Wort aus dem Hebräischen "Rosch" abgeleitet wurde und "Anfang/Beginn" bedeutet (man möge mir verzeihen, dass ich das jetzt nicht wikipediatisch verbürgen kann), aber das Bild des Hinüberrutschens hat doch etwas sehr Vergnügliches und Frohsinniges. Mögen wir uns wünschen, dass wir alle wie Kinder auf einer Rutsche ins Neue Jahr rutschen und dabei vergnügt "Prosit" quieken, und lassen wir uns dann in aller Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit "ein gutes Neues Jahr!" wünschen. In diesem Sinne: Guten Rutsch!
Donnerstag, 7. März 2013
Eine Preisgabe
Der Mann vor mir an der Kassa hat eine zu große Jeanshose an. Seine Daunenjacke erscheint angesichts der frühlingshaften Temperaturen übertrieben. Dafür wirken seine Glatze und sein ernster Blick umso überzeugender. Das ist einer, der Ernst macht. Einer, der in der Freizeit öfters mal auf den Tisch haut oder regelmäßig jemandem die Meinung geigt. Hart sieht er aus, aber fast wirkt es ein wenig gespielt: Schließlich steht er an einer Supermarktkassa und nicht etwa vor einem Nachtklub in Hamburg. Da stimmt etwas nicht. "Was kauft so einer?", denke ich mir. Der Blick auf das Förderband an der Kasse verrät es mir: eine Familienpackung Klopapier.
Der Mann versucht also, dem Kauf von Klopapier etwas Würdevolles oder gar Lässiges zu verleihen, indem er möglichst grimmig dreinschaut. Betont cool steht er recht weit vom Förderband entfernt und schaut, während der Kunde vor ihm noch bezahlt, bedeutungsvoll in die vermeintliche Ferne des Supermarkts. In seinen Blick drängen sich ein Friseursalon und ein Stand mit Leberkässemmeln. Leberkässemmeln um einen Euro, ein Fassonschnitt für 13 Euro: Beides weckt sein Interesse nicht. Letzteres wohl wegen der Glatze nicht, ersteres, weil er jetzt keinen Gedanken an Essen verschwenden kann und mag. Denn schließlich steht er hier an einer Supermarktkasse und kauft eine Familienpackung Klopapier - und sonst nichts. Es muss also dringend sein.
Der Kunde vor ihm hat bezahlt und geht zu dem Stand mit den Leberkässemmeln. Er kauft zwei. Die Lässigkeit des Glatzkopfes erleidet einen kleinen Dämpfer, als das Förderband vergeblich versucht, das Klopapier in Richtung Scanner zu befördern. Der hintere Teil der großen Packung hängt über das Förderband hinaus und zwingt den Mann dazu, dem Klopapier einen kleinen Schubs zu geben, damit es weiterfahren kann. Eine Geste, die fast zärtlich scheint und das Getue des Mannes letztlich doch der Lächerlichkeit preisgibt. Entspannt schmunzle ich und bin zufrieden mit der Einrichtung der Welt.
Mittwoch, 5. Dezember 2012
Der Poet
In der U-Bahn-Station steht ein frisurloser Student. Es handelt sich um einen von jenen Studenten, die unbedingt zeigen müssen, dass sie Studenten sind. Er ist fast zwei Meter groß, zumindest würde er diese Höhe erreichen, stünde er gerade. Aber sein Nacken ist geknickt wie der eines Aasgeiers - vermutlich ob der Schwere der Gedanken, die in seinem Kopfe kreisen. Außerdem hat er einen dieser übergroßen Kopfhörer auf, um damit Indiemusik zu hören und sich gegen den traurigen Alltag einer Wiener U-Bahn-Station abzuschirmen, mit dem er so gar nichts anfangen kann, seitdem er sich das Gesamtwerk Sartres besorgt hat, das er nie lesen wird, und er einen Blick in die Vorrede von Kants Kritik der reinen Vernunft geworfen hat, wovon er naturgemäß nichts verstanden hat.
Seine Mode ist modisch im weitesten Sinne: Das, was Studenten halt so tragen, wenn sie Geschmack vorschützen wollen. Die Hose ist gelb, die Jacke irgendwas Braunes und die Schuhe sind eben cool. Die unvermeidliche Umhängtasche strahlt dieselbe Lustlosigkeit aus wie sein Gesicht. Er ist gerade erst aufgestanden. Nicht, weil der Schlaf sich seiner erschöpften Forschernatur bemächtigte und Morpheus ihn nicht mehr hergeben wollte, sondern einfach deswegen, weil Studenten das halt so tun: Sie schlafen lange. Eine Brille hat er auch auf, so eine mit dickem schwarzen Rahmen. Nicht, weil es modern ist, sondern weil es einfach stimmt. Man braucht dickrandige Brillen, denn der Student studiert bestimmt die Geisteswissenschaften. Und zwar alle. Er hat mindestens sieben Studienrichtungen inskribiert und unterliegt noch den zwei großen Täuschungen der Universität: nämlich der Idee, dass man alles schaffen könne, was man sich vornimmt, auch wenn das bedeutet, dass man im Semester ca. 15 Klausuren und 5 Seminararbeiten zu schreiben hätte; und zweitens, dass alle Studienrichtungen interessant wären und man überall etwas Anderes und völlig Neuartiges lernen könnte.
Seine schlechte Haltung lässt mir das Kipferl im Magen rotieren. Gekrümmt steht er an der Wand, mit einem Fuß wippt er leicht zum Takt seiner Musik, traurig schaut er auf die Gleise. Endlich kommt die U-Bahn. Ich sitze ihm schräg gegenüber und bin gespannt, welches intelligente Buch der junge Herr gleich aus seiner Tasche ziehen wird. Zu meinem allergrößten Vergnügen holt er ein Notizbuch hervor! Es ist von Moleskine und freilich noch völlig unbenützt. Der Student schlägt es auf der zweiten Seite auf, die erste scheint leer zu sein. Jetzt zückt er einen Stift und schaut sehr ernst durch das Fenster in den dunklen U-Bahn-Schacht hinaus. Inspirierende Schwärze, singe mir! Er senkt den Blick bedächtig auf das Papier und lässt die Spitze des Stiftes eifrig über dem Papier nicken - als würde er anvisieren, den richtigen Schwung abwarten. Gleich, gleich müsste es kommen, das erste Wort, der wichtige Gedanke zu einer neuen Großstadtliteratur, das philosophische Stichwort, der Auftakt zu einer Sonate der jugendlichen Wehleidigkeit, der Anfang von etwas ganz Großem, von etwas noch nie Dagewesenem, das noch aufgeschrieben werden muss, bevor die Welt vergeht! ... Nichts. Der Blick sucht wieder den Schacht, der Stift hört auf zu nicken.
Ich muss schmunzeln. Da glaubt noch einer an die inspirierende Kraft des weißen Papiers! Er hatte genau gar keinen Gedanken in seinem Kopf, als er zum Notizbuch griff. Nicht einmal ein Wort hätte er hinschreiben können, nichts wäre ihm eingefallen, das ein paar Quadratzentimeter seines feinen Büchleins wert gewesen wäre. Stumm sitzt er jetzt da. Er schweigt, der Stift schweigt, ja sogar der Kopf schweigt jetzt wahrscheinlich. Da, wieder! Der Blick senkt sich erneut, diesmal weniger optimistisch, ein bisschen traurig gar. Auch der Stift fängt wieder an, seine abwarteten Bewegungen zu machen. Es ist alles angerichtet, mein Freund! Schreib nieder! Notier! Dichte! Das alles will ich ihm zurufen und weiß genau, es wäre nur der neiderträchtigste Hohn, der aus mir sprechen würde.
Der Student wird erlöst. Es ist seine Station, die Universität. Hurtig packt er das leere Notizbuch und seinen Stift wieder in die Umhängetasche. Wieder ist er davon gekommen. Jeden Tag zwei Stationen Inspirationslosigkeit wünsche ich ihm und folge ihm. Im Gewimmel der anderen Studenten verliere ich seinen Lockenkopf. Ich werde abgelenkt von anderen, noch fragwürdigeren Frisuren und Barttrachen. Ockhams Rasiermesser fällt mir ein. Mit so einem müsste man durch die Universität gehen und die Inspiration in die Köpfe lassen, indem man sie vom fragwürdigen Wulst zerzauster und verfilzter Haare befreit. Gar garstige Gedanken sind das, ich weiß! Aber Ockham, oh, er würde mir beipflichten!
Ich folge meinem schlechten Gewissen und nähere mich einem Stand der Grünen. Volksbegehren gegen Korruption! Ja, das klingt gut. Ich bin gegen Korruption, ich begehre! Ich begehre und unterschreibe. Am liebsten möchte ich gleich erlöst werden - nur eine Unterschrift genügt und mir sind meine garstigen Gedanken verziehen. Gegen Korruption! Wer kann da nicht ja sagen? Ein großes JA ankreuzen? Volksbegehren gegen Korruption, gegen Sittenverfall und Amoral! Ich möchte ein generelles Volksbegehren gegen "unfair". Gegen alles, was unfair ist, möchte ich begehren. Oder besser noch: Eine Volksabstimmung zum Thema: "Fair oder nicht fair?" Das wäre die ultima ratio der Politik. Wenn nichts mehr geht, fragen wir die Leute einfach mal, ob sie eigentlich wollen, dass es fair zugeht im Staate Österreich, oder ob eh alles blunzn ist.
Alles ist gut. Wir haben Wasser, steirische Äpfel, Mozartkugeln und die Donau. Wir fahren Geländewagen in Großstädten, trinken in der Adventszeit Glühwein bis zum Erbrechen und singen und frohlocken unterm Plastik-Christbaum. Vor allem aber haben wir den ORF und den freien Hochschulzugang, fesche Politiker und alte Schillingscheine in Matratzen versteckt. Wir brauchen also keine besonders inspirierten Studenten in U-Bahnen. Das macht alles nichts. Der Mensch in der Krise, wenn er das Designer-Notizbuch gezückt hat und ihm nichts einfällt: Den können wir uns gerade noch leisten! Es geht uns gut.
Seine Mode ist modisch im weitesten Sinne: Das, was Studenten halt so tragen, wenn sie Geschmack vorschützen wollen. Die Hose ist gelb, die Jacke irgendwas Braunes und die Schuhe sind eben cool. Die unvermeidliche Umhängtasche strahlt dieselbe Lustlosigkeit aus wie sein Gesicht. Er ist gerade erst aufgestanden. Nicht, weil der Schlaf sich seiner erschöpften Forschernatur bemächtigte und Morpheus ihn nicht mehr hergeben wollte, sondern einfach deswegen, weil Studenten das halt so tun: Sie schlafen lange. Eine Brille hat er auch auf, so eine mit dickem schwarzen Rahmen. Nicht, weil es modern ist, sondern weil es einfach stimmt. Man braucht dickrandige Brillen, denn der Student studiert bestimmt die Geisteswissenschaften. Und zwar alle. Er hat mindestens sieben Studienrichtungen inskribiert und unterliegt noch den zwei großen Täuschungen der Universität: nämlich der Idee, dass man alles schaffen könne, was man sich vornimmt, auch wenn das bedeutet, dass man im Semester ca. 15 Klausuren und 5 Seminararbeiten zu schreiben hätte; und zweitens, dass alle Studienrichtungen interessant wären und man überall etwas Anderes und völlig Neuartiges lernen könnte.
Seine schlechte Haltung lässt mir das Kipferl im Magen rotieren. Gekrümmt steht er an der Wand, mit einem Fuß wippt er leicht zum Takt seiner Musik, traurig schaut er auf die Gleise. Endlich kommt die U-Bahn. Ich sitze ihm schräg gegenüber und bin gespannt, welches intelligente Buch der junge Herr gleich aus seiner Tasche ziehen wird. Zu meinem allergrößten Vergnügen holt er ein Notizbuch hervor! Es ist von Moleskine und freilich noch völlig unbenützt. Der Student schlägt es auf der zweiten Seite auf, die erste scheint leer zu sein. Jetzt zückt er einen Stift und schaut sehr ernst durch das Fenster in den dunklen U-Bahn-Schacht hinaus. Inspirierende Schwärze, singe mir! Er senkt den Blick bedächtig auf das Papier und lässt die Spitze des Stiftes eifrig über dem Papier nicken - als würde er anvisieren, den richtigen Schwung abwarten. Gleich, gleich müsste es kommen, das erste Wort, der wichtige Gedanke zu einer neuen Großstadtliteratur, das philosophische Stichwort, der Auftakt zu einer Sonate der jugendlichen Wehleidigkeit, der Anfang von etwas ganz Großem, von etwas noch nie Dagewesenem, das noch aufgeschrieben werden muss, bevor die Welt vergeht! ... Nichts. Der Blick sucht wieder den Schacht, der Stift hört auf zu nicken.
Ich muss schmunzeln. Da glaubt noch einer an die inspirierende Kraft des weißen Papiers! Er hatte genau gar keinen Gedanken in seinem Kopf, als er zum Notizbuch griff. Nicht einmal ein Wort hätte er hinschreiben können, nichts wäre ihm eingefallen, das ein paar Quadratzentimeter seines feinen Büchleins wert gewesen wäre. Stumm sitzt er jetzt da. Er schweigt, der Stift schweigt, ja sogar der Kopf schweigt jetzt wahrscheinlich. Da, wieder! Der Blick senkt sich erneut, diesmal weniger optimistisch, ein bisschen traurig gar. Auch der Stift fängt wieder an, seine abwarteten Bewegungen zu machen. Es ist alles angerichtet, mein Freund! Schreib nieder! Notier! Dichte! Das alles will ich ihm zurufen und weiß genau, es wäre nur der neiderträchtigste Hohn, der aus mir sprechen würde.
Der Student wird erlöst. Es ist seine Station, die Universität. Hurtig packt er das leere Notizbuch und seinen Stift wieder in die Umhängetasche. Wieder ist er davon gekommen. Jeden Tag zwei Stationen Inspirationslosigkeit wünsche ich ihm und folge ihm. Im Gewimmel der anderen Studenten verliere ich seinen Lockenkopf. Ich werde abgelenkt von anderen, noch fragwürdigeren Frisuren und Barttrachen. Ockhams Rasiermesser fällt mir ein. Mit so einem müsste man durch die Universität gehen und die Inspiration in die Köpfe lassen, indem man sie vom fragwürdigen Wulst zerzauster und verfilzter Haare befreit. Gar garstige Gedanken sind das, ich weiß! Aber Ockham, oh, er würde mir beipflichten!
Ich folge meinem schlechten Gewissen und nähere mich einem Stand der Grünen. Volksbegehren gegen Korruption! Ja, das klingt gut. Ich bin gegen Korruption, ich begehre! Ich begehre und unterschreibe. Am liebsten möchte ich gleich erlöst werden - nur eine Unterschrift genügt und mir sind meine garstigen Gedanken verziehen. Gegen Korruption! Wer kann da nicht ja sagen? Ein großes JA ankreuzen? Volksbegehren gegen Korruption, gegen Sittenverfall und Amoral! Ich möchte ein generelles Volksbegehren gegen "unfair". Gegen alles, was unfair ist, möchte ich begehren. Oder besser noch: Eine Volksabstimmung zum Thema: "Fair oder nicht fair?" Das wäre die ultima ratio der Politik. Wenn nichts mehr geht, fragen wir die Leute einfach mal, ob sie eigentlich wollen, dass es fair zugeht im Staate Österreich, oder ob eh alles blunzn ist.
Alles ist gut. Wir haben Wasser, steirische Äpfel, Mozartkugeln und die Donau. Wir fahren Geländewagen in Großstädten, trinken in der Adventszeit Glühwein bis zum Erbrechen und singen und frohlocken unterm Plastik-Christbaum. Vor allem aber haben wir den ORF und den freien Hochschulzugang, fesche Politiker und alte Schillingscheine in Matratzen versteckt. Wir brauchen also keine besonders inspirierten Studenten in U-Bahnen. Das macht alles nichts. Der Mensch in der Krise, wenn er das Designer-Notizbuch gezückt hat und ihm nichts einfällt: Den können wir uns gerade noch leisten! Es geht uns gut.
Samstag, 25. August 2012
Arge Vermutungen
Am Wegesrand liegt Müll. Niemand will ihn da hingeworfen haben. Er ist wohl von selbst dorthin getragen worden, oder vom Wind, dem Wind, dem himmlischen Kind. Beim Müll handelt es sich um eine schnöde Chips-Packung, aus der wohl gierige Münder genascht haben. Sie glänzt in der Sonne, was nicht allein dem Material geschuldet ist, aus dem solche Sackerl gemeinhin gemacht werden. Auch die fettigen Finger der fleißigen Esser haben ihre Spuren auf der Packung hinterlassen. So liegt das Sackerl am Wegesrand und glänzt edel vor sich hin.
Nun mag man allerhand Spekulationen anstellen über den Ursprung dieses Chips-Sackerls. Wer hat es gekauft, wer gegessen und wie kam es am Wegesrand zu liegen? Niemand wird behaupten, es absichtlich dort hingelegt zu haben. Überhaupt „legt“ niemand irgendeinen Müll irgendwohin. Müll wird immer weggeworfen. Zwar wirft man ihn selten in hohem Bogen davon (etwa aus dem fahrenden Auto, obwohl auch das vorkommen soll), aber zumindest lässt man ihn achtlos fallen. Achtlos ist dieses Chips-Sackerl wohl also einer fettigen Hand entglitten. Und, da es einmal unten lag, bemühte sich niemand mehr darum, es vom Boden aufzuheben. Vielleicht ertönte noch ein keckes Kinderlachen ob dieser Dreistigkeit, dieser fälschlicherweise (in Kinderaugen) als rebellisch verstandenen Achtlosigkeit. „Hehe!“, machte das Kind wohl und schlich verstohlen von dannen.
Aber nun bin ich schon in die erste Interpretationsfalle gegangen, da ich annehme, es müssen unbedingt Kinder gewesen sein, die dieses Umweltverbrechen begangen haben. Kein Erwachsener, sagt mir mein blauäugiger Verstand, wird es fertig bringen, eine leere Chips-Packung einfach so wegzuwerfen! Ich nehme das Corpus Delicti als Indiz für unreifes Verhalten bzw. kindliche Dummheit, anstatt es als jene unbedachte Rotzigkeit eines erwachsenen Menschen zu verstehen, die es vielleicht war. Womöglich hat sich sogar ein feiner Herr oder eine feine Dame diesen Aplomb geleistet? Ich werde es nie mit Sicherheit wissen können.
Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass es genau so war:
Eine Gruppe Araber schlurft durch die Stadt: Drei Männer, fünf Frauen, acht Kinder. Kinder und Männer schreien durcheinander, Frauen murmeln unter ihren Schleiern Unverständliches. Die Kinder werden mit ungesundem Essen ruhig gestellt, in diesem Fall mit Chips, welche sie binnen kürzester Zeit aufgegessen haben. Die Chipstüte wird weggeworfen, und zwar auf dem Boden, nur wenige Meter von einem Mistkübel entfernt. Frauen und Männer sehen zu und sagen nichts, weil ihnen das Konzept Mülleimer unbekannt ist und sie das zu Hause genauso machen.
Grauenhaft, diese vorurteilsbelastete Vermutung, nicht? Wie gesagt, nie werde ich wissen können, ob ich damit Recht behalte. Aber dass auf dem Chips-Sackerl arabische Schriftzeichen zu finden sind, stützt meine Spekulationen schon wesentlich...
Freilich kann es aber auch besagter feiner Herr gewesen sein, der sich bisweilen (weil seines Zeichens Kartoffelchips-Connaisseur) an fremdländischen Spezialitäten versuchte. Von den arabischen Chips unbeeindruckt, ließ er die Packung angewidert fallen. Den Rest erledigten die nun sehr durstigen Spatzen. Ja, auch so könnte es gewesen sein! Welcher Annahme man nun folgen will, bleibt jedem selbst überlassen...
Nun mag man allerhand Spekulationen anstellen über den Ursprung dieses Chips-Sackerls. Wer hat es gekauft, wer gegessen und wie kam es am Wegesrand zu liegen? Niemand wird behaupten, es absichtlich dort hingelegt zu haben. Überhaupt „legt“ niemand irgendeinen Müll irgendwohin. Müll wird immer weggeworfen. Zwar wirft man ihn selten in hohem Bogen davon (etwa aus dem fahrenden Auto, obwohl auch das vorkommen soll), aber zumindest lässt man ihn achtlos fallen. Achtlos ist dieses Chips-Sackerl wohl also einer fettigen Hand entglitten. Und, da es einmal unten lag, bemühte sich niemand mehr darum, es vom Boden aufzuheben. Vielleicht ertönte noch ein keckes Kinderlachen ob dieser Dreistigkeit, dieser fälschlicherweise (in Kinderaugen) als rebellisch verstandenen Achtlosigkeit. „Hehe!“, machte das Kind wohl und schlich verstohlen von dannen.
Aber nun bin ich schon in die erste Interpretationsfalle gegangen, da ich annehme, es müssen unbedingt Kinder gewesen sein, die dieses Umweltverbrechen begangen haben. Kein Erwachsener, sagt mir mein blauäugiger Verstand, wird es fertig bringen, eine leere Chips-Packung einfach so wegzuwerfen! Ich nehme das Corpus Delicti als Indiz für unreifes Verhalten bzw. kindliche Dummheit, anstatt es als jene unbedachte Rotzigkeit eines erwachsenen Menschen zu verstehen, die es vielleicht war. Womöglich hat sich sogar ein feiner Herr oder eine feine Dame diesen Aplomb geleistet? Ich werde es nie mit Sicherheit wissen können.
Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass es genau so war:
Eine Gruppe Araber schlurft durch die Stadt: Drei Männer, fünf Frauen, acht Kinder. Kinder und Männer schreien durcheinander, Frauen murmeln unter ihren Schleiern Unverständliches. Die Kinder werden mit ungesundem Essen ruhig gestellt, in diesem Fall mit Chips, welche sie binnen kürzester Zeit aufgegessen haben. Die Chipstüte wird weggeworfen, und zwar auf dem Boden, nur wenige Meter von einem Mistkübel entfernt. Frauen und Männer sehen zu und sagen nichts, weil ihnen das Konzept Mülleimer unbekannt ist und sie das zu Hause genauso machen.
Grauenhaft, diese vorurteilsbelastete Vermutung, nicht? Wie gesagt, nie werde ich wissen können, ob ich damit Recht behalte. Aber dass auf dem Chips-Sackerl arabische Schriftzeichen zu finden sind, stützt meine Spekulationen schon wesentlich...
Freilich kann es aber auch besagter feiner Herr gewesen sein, der sich bisweilen (weil seines Zeichens Kartoffelchips-Connaisseur) an fremdländischen Spezialitäten versuchte. Von den arabischen Chips unbeeindruckt, ließ er die Packung angewidert fallen. Den Rest erledigten die nun sehr durstigen Spatzen. Ja, auch so könnte es gewesen sein! Welcher Annahme man nun folgen will, bleibt jedem selbst überlassen...
Dienstag, 14. August 2012
Bergauf Bremsen
Ich wohne, so glaube ich, auf einer Anhöhe. Manche behaupten auch, ich würde „am Berg“ wohnen. Beides ist eigentlich nicht richtig. Denn im Grunde wohne ich in einem Tal, am Fuße eines Berges. Aber Tal klingt nach „niedrig“ und Berg klingt nach „hoch oben“. Die Wahrheit liegt, wie immer, irgendwo dazwischen – das gilt besonders im Gebirge.
Irgendwer hat einmal gesagt, die Straße, die zu meinem Haus führt, habe eine 34-prozentige Steigung. Das heißt, dass auf einer Strecke von 100 Metern 34 Höhenmeter zurück gelegt werden. Ich bin kein Zahlen-Mensch, mir sagt das überhaupt nichts. Obwohl 34%ige Steigungen schon recht anständige Steigungen sind, klingt die Zahl 34 alleine nach nicht viel. Sagen wir: Es geht anständig bergauf. Oder sagen wir so: Wenn Sie einmal betrunken meine Straße hinauf gegangen sind, machen Sie es freiwillig kein zweites Mal – außer aus perverser Selbstüberschätzung.
Ich würde meine Straße nicht als Bergstraße bezeichnen, obwohl sie zu einem solchen hinführt und die eben genannte Steigung besitzt. Große Teile dieser Straße sind in ihrer Neigung ohnehin unspektakulär; dort aber, wo mein Haus liegt, wird es happig! Da fangen die Mountainbiker erst richtig zu schwitzen an, da gehen die deutschen Wanderer immer schon rückwärts den Berg runter und wenn ein Belgier oder Holländer mit dem Auto vorbei fährt, riecht es entweder nach Bremsen oder Kupplung – je nachdem, ob er gerade von unten oder oben kommt. Womit wir auch schon beim Thema wären: Dem Autofahren auf Straßen mit großer Neigung bzw. Steigung.
Holländer und Belgier müssen hier nicht ganz umsonst als Beispiele der niedrigsten Form des Gebirgfahrers herhalten, stammen doch beide Völker aus Gegenden, die uns nicht ob ihrer spektakulären Gebirgszüge bekannt sind. „Halt, halt!“, will da der Opapa sprechen, “In Belgien gibt es doch die Ardennen!“ (Das war da, wo man im Dezember 1944 die Alliierten im Zuge der Ardennenoffensive noch mal so richtig erschreckte.) Ich halte dagegen: Was die Belgier aus der Ardennen-Region den Holländern in punkto Bergfahren eventuell voraus haben mögen, büßen sie aufgrund ihres (völlig gerechtfertigten) Rufes als schlechteste Autofahrer Europas wieder ein. Also: Holländer und Belgier können auf Bergstraßen ziemlich gleich schlecht Autofahren. Damit aber die Benelux-Brüder auf diesem Gebiet nicht so ganz alleine die Buhmänner abgeben müssen, schließe man vorsichtshalber ganz Deutschland auch noch mit ein (und nehme, wie man es in Österreich immer macht, die Bayern davon aus). Selbstverständlich lassen sich auch manche Slowaken, Polen oder Wiener dazu zählen – ein eindeutiges Bild lässt sich hier sowieso nicht zeichnen, aber mit Holländern, Belgiern und Deutschen als Beispielen fährt man schon recht gut...
Man kennt die Tragödie des Bergabfahrens vor allem, wenn man das Pech hat, einem solchen Talent hinterher fahren zu müssen. Das erste, was man als Hintermann am vorderen Fahrzeug bemerkt, sind die nie erlöschenden Bremslichter: Der naive Glaube an die Allmacht der Bremse beseelt den Fahrzeuglenker aus dem flachen Land und verlässt ihn nicht mehr, bis er wieder geraden Boden unter den Rädern hat. Das dauerrrote Bremslicht steht auch für das blanke Entsetzen, das den ungeübten Bergfahrer ergreift, sobald sich sein Fahrzeug in Bewegung setzt, ohne dass er dazu das Gaspedal drücken muss. Er sieht sich der fremden Zaubermacht der Schwerkraft ausgeliefert, die sein Auto erbarmungslos den Hang hinunterzieht – und gegen die nur das besagte Kraut der Fußbremse gewachsen zu sein scheint. Dabei macht der Fahrzeuglenker eine seltsam paradoxe Entdeckung: Zum ersten Mal bewegt sich sein Vehikel schneller, wenn er den rechten Fuß vom Pedal wegnimmt, anstatt es fester zu drücken. Er muss feststellen, dass er mit dem Bremspedal das Fahrzeug beschleunigen kann – nämlich, indem er es loslässt (Perdauz!).
Die Angst vor der Schwerkraft und die Verwirrung, die durch das Bremspedal-Paradoxon entsteht, hinterlassen ihre Spuren in den Gesichtern der Fahrer. Wenn man das Vergnügen hat, einem herunterkommenden Flachland-Bergfahrer in das Gesicht sehen zu können, erblickt man meistens weit aufgerissene Augen, und dort, wo sonst der Mund sitzt, klafft ein schwarzes Loch des Schreckens. Hinter einem dergestalt Paralysierten fahren zu müssen, ist jedoch ein Geduldspiel der grausamsten Art. Man hat auch viel Zeit zu überlegen, und so stellt man sich vor, wie der Vordermann in seinem Fahrersitz sitzt, beide Hände fest an das Lenkrad geklammert. Hat er vielleicht den ersten Gang eingelegt und die Kupplung durchgedrückt? Oder hat er vielleicht den dritten Gang drinnen und fährt schön untertourig, indem er den Motor mit der Bremse nah an den Kollaps bringt? Hat er vielleicht überhaupt keinen Gang drinnen und lässt das Auto fröhlich im Leerlauf den Berg hinunter rollen, sich vor dem sicheren Unfall nur mit der Bremse bewahrend? Ich weiß es nicht, ja eigentlich will ich es gar nicht wissen, denn ich warte nur auf die nächste Kurve, nach der ich ihn dann endlich überholen kann!
Dass dieses meist ein Wunschtraum bleibt, ist ebenfalls der übertriebenen, von purer Angst gefütterten Vorsicht geschuldet, die den Fahrer vor mir fest im Griff hat: Zur Angst, ungebremst den Berg hinunterfahren zu müssen, gesellt sich offenbar die noch diffusere Furcht vor dem Randstein oder der Leitplanke. Als würde es ehernes Gesetz sein, dass einem in der Mitte der Straße am wenigsten passieren kann, orientiert sich der verängstigte Urlauber am (imaginären) Mittelstreifen der Fahrbahn. Als würde ihn ausreichender, übergroßzügiger Seitenabstand zum Gehsteig noch zusätzliche Sicherheit garantieren, schleicht er nun mitten auf der Straße – scheinbar immer langsamer werdend – den Abhang hinunter, während ich im Auto hinter ihm laut schreie, ihn Körperteile schimpfe und (vielleicht völlig ungerechtfertigt) der Imbezilität bezichtige. Solcher Rage Herr zu werden ist unmöglich und daher schuf Gott die Autohupe...
Doch nicht nur das Bergabfahren von Benelux-Bürgern ist Grund für die zahlreichen Sorgenfalten, die meine Stirn schon zeichnen – auch der umgekehrte Fall bringt Schwierigkeiten mit sich. Nicht wissend, wohin sie fahren müssen, bleiben besagte Gäste beim Bergauffahren auch sehr vorsichtig und schleichen entsprechend die Bergstraße empor. Hinter diesen Kandidaten befinde ich mich dauernd auf der Suche nach dem richtigen Gang, der zu der Geschwindigkeit des vor mir Fahrenden passen will. Denn mein zweiter Gang ist zu hoch-, der dritte aber zu niedertourig, was mich zu der Frage führt, welchen Gang denn der Volltrottel vor mir eingelegt haben könnte. Ich lasse in solchen Fällen gern das Fenster runter, um zu lauschen, ob der Motor vor mir eher heult (2. oder gar 1. Gang) oder vor sich hin gurgelt (3. Gang). Die Erkenntnis ist in beiden Fällen erschreckend und dient eigentlich nur dazu, meine Neugier zu befriedigen. Ich gebe zu, ich bin an Dummheiten allgemein interessiert und klassifiziere diese gerne nach Schwachsinnigkeiten, Unsinnigkeiten, Stumpfsinnigkeiten, allgemeinen und speziellen Blödheiten sowie Unerhörtheiten. Der Katalog ist beliebig ausbaubar, aber nicht zu streng ausgelegt, weil es sich bei den allermeisten Arten von Dummheit um grenzüberschreitende Phänomene handelt – denn wie wir wissen, kennt die Dummheit ja keine Grenzen!
Bergauf fahrende Urlauber sollte man vor allem in der Nähe von Parkplatz-Einfahrten im Auge behalten. Abruptes Abbremsen droht hierbei nicht nur direkt vor einer Einfahrt, sondern vor allem auch kurz danach und – der Teufel schläft nie – dort, wo weit und breit keine Einfahrt zu finden ist. Beliebte Haltegelegenheiten sind zudem unübersichtliche und steile Kurven; vor allem im Winter wird hier gerne angehalten, um zum Beispiel Schneeketten auf den Sommerreifen zu montieren, oder vielleicht nur, um zu sehen, ob der Mercedes mit Heckantrieb auch bei Glatteis im Steilen aus dem Stand so galant anfährt wie sonst. (Tut er übrigens meistens nicht!)
Dies und vieles andere lässt sich beim täglichen Aus- und Einfahren in meiner Straße beobachten und beschimpfen. Was mir allerdings bis vor kurzem auch neu war: Das Bremsen beim Bergauf-Fahren. Um es genauer zu sagen: Das Bremsen während des Bergauf-Fahrens. Ich spreche nicht davon, wie ein übermütiger Führerschein-Neuling vor der 90-Grad-Kurve von 80 auf 30 km/h herunterbremst, weil ihm die Steigung des Berges in diesem Fall zu wenig Hindernis ist. Ich meine ein Auto, das sich, zwar langsam, aber stetig, den Berg hinauf quält, dessen Bremslicht aber immerzu leuchtet! So gesehen jüngst bei einem Holländer, der mir bewies, dass praktische Dialektik auch mit Dummheiten zu praktizieren ist. (Und nein, das Bremslicht war nicht defekt!)
Bergauf Bremsen möchte ich eine oxymorische Kunst nennen: Es ist ein Sinngebungsprozess, der in sich widersprüchlich ist, gleichzeitig natürlich über sich selbst hinaus-, letztlich aber auf nichts Bedeutendes hinweist, sondern einfach den Gipfel der Dummheiten als Synthese aller Lächerlichkeiten darstellt. Ich habe Demut vor diesem Unterfangen, denn ich wüsste nicht, wie ich es praktisch anstellen sollte. Diesen Holländer aber, der mich mit seiner Leistung so verblüffte, dass ich wohl das ungläubig-panische Gesicht eines touristischen Bergab-Fahrers angenommen haben muss, nenne ich den größten praktischen Philosophen und Zyniker seit Diogenes im Fass, und, um auch seinem Land die Treue zu halten, den größten Ethiker seit dem Niederländer Spinoza. Denn wenn Sparsamkeit eine Tugend ist, dann ist bergauf Bremsen die tugendhafteste Handlung überhaupt. Vorausgesetzt – und hier liegt die Krux dieses dialektischen Unterfangens – hinter dem Bergauf-Bremser befindet sich kein Einheimischer. Aber natürlich, mein leidendes Hinterherfahren als Zeuge dieses Weltgeistes an Dummheit ist von größter epistemologischer Relevanz, habe ich doch schließlich dieses Wunder mit meinen eigenen Augen wahrgenommen. Anders könnte ich auch nicht davon berichten, es sei denn, ich lüge – aber wer würde mir das schon glauben?
Bergauf Bremsen (ich kann meine Gedanken nicht davon lassen): das ist die hohe Kunst der Selbstzurücknahme, beinahe die Grenze zur Selbstaufgabe und -auslöschung überschreitend. Es ist autofahrerische Demut im Gewand der motoristischen Unmöglichkeit. Vor allem ist es ein ewiges Geheimnis für den ortskundigen Bergfahrer – ein widernatürliches Wunder, Zeuge einer modernen Magie der Berge und Pate für eine Psychologie der Unmöglichkeit. Es ent-setzt einen, weil es das Gegenteil einer Setzung ist, die ultimative Aufhebung ebenjenes Dogmas, dass man bergauf nicht bremsen muss oder soll. Bergauf Bremsen ist ein Lebensgefühl, das ich nie kennenlernen werde. Bergauf Bremsen ist außerdem ein praktisches Konzept unbeschwerter Dummheit. Davor kann man nur tiefsten Respekt haben – und daher muss die Hupe schweigen!
Irgendwer hat einmal gesagt, die Straße, die zu meinem Haus führt, habe eine 34-prozentige Steigung. Das heißt, dass auf einer Strecke von 100 Metern 34 Höhenmeter zurück gelegt werden. Ich bin kein Zahlen-Mensch, mir sagt das überhaupt nichts. Obwohl 34%ige Steigungen schon recht anständige Steigungen sind, klingt die Zahl 34 alleine nach nicht viel. Sagen wir: Es geht anständig bergauf. Oder sagen wir so: Wenn Sie einmal betrunken meine Straße hinauf gegangen sind, machen Sie es freiwillig kein zweites Mal – außer aus perverser Selbstüberschätzung.
Ich würde meine Straße nicht als Bergstraße bezeichnen, obwohl sie zu einem solchen hinführt und die eben genannte Steigung besitzt. Große Teile dieser Straße sind in ihrer Neigung ohnehin unspektakulär; dort aber, wo mein Haus liegt, wird es happig! Da fangen die Mountainbiker erst richtig zu schwitzen an, da gehen die deutschen Wanderer immer schon rückwärts den Berg runter und wenn ein Belgier oder Holländer mit dem Auto vorbei fährt, riecht es entweder nach Bremsen oder Kupplung – je nachdem, ob er gerade von unten oder oben kommt. Womit wir auch schon beim Thema wären: Dem Autofahren auf Straßen mit großer Neigung bzw. Steigung.
Holländer und Belgier müssen hier nicht ganz umsonst als Beispiele der niedrigsten Form des Gebirgfahrers herhalten, stammen doch beide Völker aus Gegenden, die uns nicht ob ihrer spektakulären Gebirgszüge bekannt sind. „Halt, halt!“, will da der Opapa sprechen, “In Belgien gibt es doch die Ardennen!“ (Das war da, wo man im Dezember 1944 die Alliierten im Zuge der Ardennenoffensive noch mal so richtig erschreckte.) Ich halte dagegen: Was die Belgier aus der Ardennen-Region den Holländern in punkto Bergfahren eventuell voraus haben mögen, büßen sie aufgrund ihres (völlig gerechtfertigten) Rufes als schlechteste Autofahrer Europas wieder ein. Also: Holländer und Belgier können auf Bergstraßen ziemlich gleich schlecht Autofahren. Damit aber die Benelux-Brüder auf diesem Gebiet nicht so ganz alleine die Buhmänner abgeben müssen, schließe man vorsichtshalber ganz Deutschland auch noch mit ein (und nehme, wie man es in Österreich immer macht, die Bayern davon aus). Selbstverständlich lassen sich auch manche Slowaken, Polen oder Wiener dazu zählen – ein eindeutiges Bild lässt sich hier sowieso nicht zeichnen, aber mit Holländern, Belgiern und Deutschen als Beispielen fährt man schon recht gut...
Man kennt die Tragödie des Bergabfahrens vor allem, wenn man das Pech hat, einem solchen Talent hinterher fahren zu müssen. Das erste, was man als Hintermann am vorderen Fahrzeug bemerkt, sind die nie erlöschenden Bremslichter: Der naive Glaube an die Allmacht der Bremse beseelt den Fahrzeuglenker aus dem flachen Land und verlässt ihn nicht mehr, bis er wieder geraden Boden unter den Rädern hat. Das dauerrrote Bremslicht steht auch für das blanke Entsetzen, das den ungeübten Bergfahrer ergreift, sobald sich sein Fahrzeug in Bewegung setzt, ohne dass er dazu das Gaspedal drücken muss. Er sieht sich der fremden Zaubermacht der Schwerkraft ausgeliefert, die sein Auto erbarmungslos den Hang hinunterzieht – und gegen die nur das besagte Kraut der Fußbremse gewachsen zu sein scheint. Dabei macht der Fahrzeuglenker eine seltsam paradoxe Entdeckung: Zum ersten Mal bewegt sich sein Vehikel schneller, wenn er den rechten Fuß vom Pedal wegnimmt, anstatt es fester zu drücken. Er muss feststellen, dass er mit dem Bremspedal das Fahrzeug beschleunigen kann – nämlich, indem er es loslässt (Perdauz!).
Die Angst vor der Schwerkraft und die Verwirrung, die durch das Bremspedal-Paradoxon entsteht, hinterlassen ihre Spuren in den Gesichtern der Fahrer. Wenn man das Vergnügen hat, einem herunterkommenden Flachland-Bergfahrer in das Gesicht sehen zu können, erblickt man meistens weit aufgerissene Augen, und dort, wo sonst der Mund sitzt, klafft ein schwarzes Loch des Schreckens. Hinter einem dergestalt Paralysierten fahren zu müssen, ist jedoch ein Geduldspiel der grausamsten Art. Man hat auch viel Zeit zu überlegen, und so stellt man sich vor, wie der Vordermann in seinem Fahrersitz sitzt, beide Hände fest an das Lenkrad geklammert. Hat er vielleicht den ersten Gang eingelegt und die Kupplung durchgedrückt? Oder hat er vielleicht den dritten Gang drinnen und fährt schön untertourig, indem er den Motor mit der Bremse nah an den Kollaps bringt? Hat er vielleicht überhaupt keinen Gang drinnen und lässt das Auto fröhlich im Leerlauf den Berg hinunter rollen, sich vor dem sicheren Unfall nur mit der Bremse bewahrend? Ich weiß es nicht, ja eigentlich will ich es gar nicht wissen, denn ich warte nur auf die nächste Kurve, nach der ich ihn dann endlich überholen kann!
Dass dieses meist ein Wunschtraum bleibt, ist ebenfalls der übertriebenen, von purer Angst gefütterten Vorsicht geschuldet, die den Fahrer vor mir fest im Griff hat: Zur Angst, ungebremst den Berg hinunterfahren zu müssen, gesellt sich offenbar die noch diffusere Furcht vor dem Randstein oder der Leitplanke. Als würde es ehernes Gesetz sein, dass einem in der Mitte der Straße am wenigsten passieren kann, orientiert sich der verängstigte Urlauber am (imaginären) Mittelstreifen der Fahrbahn. Als würde ihn ausreichender, übergroßzügiger Seitenabstand zum Gehsteig noch zusätzliche Sicherheit garantieren, schleicht er nun mitten auf der Straße – scheinbar immer langsamer werdend – den Abhang hinunter, während ich im Auto hinter ihm laut schreie, ihn Körperteile schimpfe und (vielleicht völlig ungerechtfertigt) der Imbezilität bezichtige. Solcher Rage Herr zu werden ist unmöglich und daher schuf Gott die Autohupe...
Doch nicht nur das Bergabfahren von Benelux-Bürgern ist Grund für die zahlreichen Sorgenfalten, die meine Stirn schon zeichnen – auch der umgekehrte Fall bringt Schwierigkeiten mit sich. Nicht wissend, wohin sie fahren müssen, bleiben besagte Gäste beim Bergauffahren auch sehr vorsichtig und schleichen entsprechend die Bergstraße empor. Hinter diesen Kandidaten befinde ich mich dauernd auf der Suche nach dem richtigen Gang, der zu der Geschwindigkeit des vor mir Fahrenden passen will. Denn mein zweiter Gang ist zu hoch-, der dritte aber zu niedertourig, was mich zu der Frage führt, welchen Gang denn der Volltrottel vor mir eingelegt haben könnte. Ich lasse in solchen Fällen gern das Fenster runter, um zu lauschen, ob der Motor vor mir eher heult (2. oder gar 1. Gang) oder vor sich hin gurgelt (3. Gang). Die Erkenntnis ist in beiden Fällen erschreckend und dient eigentlich nur dazu, meine Neugier zu befriedigen. Ich gebe zu, ich bin an Dummheiten allgemein interessiert und klassifiziere diese gerne nach Schwachsinnigkeiten, Unsinnigkeiten, Stumpfsinnigkeiten, allgemeinen und speziellen Blödheiten sowie Unerhörtheiten. Der Katalog ist beliebig ausbaubar, aber nicht zu streng ausgelegt, weil es sich bei den allermeisten Arten von Dummheit um grenzüberschreitende Phänomene handelt – denn wie wir wissen, kennt die Dummheit ja keine Grenzen!
Bergauf fahrende Urlauber sollte man vor allem in der Nähe von Parkplatz-Einfahrten im Auge behalten. Abruptes Abbremsen droht hierbei nicht nur direkt vor einer Einfahrt, sondern vor allem auch kurz danach und – der Teufel schläft nie – dort, wo weit und breit keine Einfahrt zu finden ist. Beliebte Haltegelegenheiten sind zudem unübersichtliche und steile Kurven; vor allem im Winter wird hier gerne angehalten, um zum Beispiel Schneeketten auf den Sommerreifen zu montieren, oder vielleicht nur, um zu sehen, ob der Mercedes mit Heckantrieb auch bei Glatteis im Steilen aus dem Stand so galant anfährt wie sonst. (Tut er übrigens meistens nicht!)
Dies und vieles andere lässt sich beim täglichen Aus- und Einfahren in meiner Straße beobachten und beschimpfen. Was mir allerdings bis vor kurzem auch neu war: Das Bremsen beim Bergauf-Fahren. Um es genauer zu sagen: Das Bremsen während des Bergauf-Fahrens. Ich spreche nicht davon, wie ein übermütiger Führerschein-Neuling vor der 90-Grad-Kurve von 80 auf 30 km/h herunterbremst, weil ihm die Steigung des Berges in diesem Fall zu wenig Hindernis ist. Ich meine ein Auto, das sich, zwar langsam, aber stetig, den Berg hinauf quält, dessen Bremslicht aber immerzu leuchtet! So gesehen jüngst bei einem Holländer, der mir bewies, dass praktische Dialektik auch mit Dummheiten zu praktizieren ist. (Und nein, das Bremslicht war nicht defekt!)
Bergauf Bremsen möchte ich eine oxymorische Kunst nennen: Es ist ein Sinngebungsprozess, der in sich widersprüchlich ist, gleichzeitig natürlich über sich selbst hinaus-, letztlich aber auf nichts Bedeutendes hinweist, sondern einfach den Gipfel der Dummheiten als Synthese aller Lächerlichkeiten darstellt. Ich habe Demut vor diesem Unterfangen, denn ich wüsste nicht, wie ich es praktisch anstellen sollte. Diesen Holländer aber, der mich mit seiner Leistung so verblüffte, dass ich wohl das ungläubig-panische Gesicht eines touristischen Bergab-Fahrers angenommen haben muss, nenne ich den größten praktischen Philosophen und Zyniker seit Diogenes im Fass, und, um auch seinem Land die Treue zu halten, den größten Ethiker seit dem Niederländer Spinoza. Denn wenn Sparsamkeit eine Tugend ist, dann ist bergauf Bremsen die tugendhafteste Handlung überhaupt. Vorausgesetzt – und hier liegt die Krux dieses dialektischen Unterfangens – hinter dem Bergauf-Bremser befindet sich kein Einheimischer. Aber natürlich, mein leidendes Hinterherfahren als Zeuge dieses Weltgeistes an Dummheit ist von größter epistemologischer Relevanz, habe ich doch schließlich dieses Wunder mit meinen eigenen Augen wahrgenommen. Anders könnte ich auch nicht davon berichten, es sei denn, ich lüge – aber wer würde mir das schon glauben?
Bergauf Bremsen (ich kann meine Gedanken nicht davon lassen): das ist die hohe Kunst der Selbstzurücknahme, beinahe die Grenze zur Selbstaufgabe und -auslöschung überschreitend. Es ist autofahrerische Demut im Gewand der motoristischen Unmöglichkeit. Vor allem ist es ein ewiges Geheimnis für den ortskundigen Bergfahrer – ein widernatürliches Wunder, Zeuge einer modernen Magie der Berge und Pate für eine Psychologie der Unmöglichkeit. Es ent-setzt einen, weil es das Gegenteil einer Setzung ist, die ultimative Aufhebung ebenjenes Dogmas, dass man bergauf nicht bremsen muss oder soll. Bergauf Bremsen ist ein Lebensgefühl, das ich nie kennenlernen werde. Bergauf Bremsen ist außerdem ein praktisches Konzept unbeschwerter Dummheit. Davor kann man nur tiefsten Respekt haben – und daher muss die Hupe schweigen!
Donnerstag, 12. April 2012
Ö-Driver
Der Ö-Driver ist ein Bürger im besten Sinne des Wortes. Er ist kein Wutbürger, aber er ist wachsam. Er ist kein Pedant, aber er weiß, was sich gehört und wie die Sachen eigentlich sein sollten. Er erkennt den Unterschied zwischen Ist und Soll; insofern ist er ein Advokat des Werdens. Seine Vigilanz und sein Wille zum Aufzeigen, Anzeigen und Melden gleichen jenen eines pensionierten Gemeindebaubewohners, der in seinem früheren Leben einmal Beamter war – kein sehr hoher, aber ein wesentlicher und wichtiger, ein in seinem Amt unabdingbarer.
Beobachten und Melden sind zwei Tugenden, die nicht nur im Militärwesen von größtem Wert sind. Für den Ö-Driver sind es geradezu Identifikationstugenden oder – genauer – Identitätstugenden, denn ohne sie ist er kein Ö-Driver, ja vielleicht ist er ohne sie gar nichts mehr. Wer sind diese Ö-Driver? Hie und da hört man einen undeutlich durch den Äther plärren, dass auf der Südostautobahn ein ungarischer Gemüsetransporter seine Ladung verloren habe, dass der Zeitverlust mindestens eine halbe Stunde betrage und bei aller Heiterkeit über die Umstände des Unfalls es doch unerträglich sei, dass die Polizei noch nicht vor Ort und die Unfallstelle noch nicht abgesichert sei. Weiterkommen sei nur schwer möglich, er werde aber das Geschehen im Auge behalten und melden, sobald die Zwiebeln und Tomaten keine Gefahr für den fließenden Verkehr mehr darstellen würden.
Es sind Alltags-Helden, diese Ö-Driver. Ohne sie wäre ein zügiges Vorankommen auf Österreichs Straßen gar nicht mehr möglich. Ohne sie müsste Ö3 pro Stunde mindestens ein schlechtes Lied mehr spielen. Ö-Driver sind die, die langsamer werden, wenn es irgendwo was zu sehen gibt. Nicht die Neugier ist es, die den Ö-Driver langsamer werden lässt, nein, es ist seine Pflicht, genau zu erfassen, was da am Straßenrand oder auf der anderen Seite der Autobahn vor sich geht, um es dann ordnungsgemäß zu melden und uns anderen Autofahrern die Mühe zu ersparen, anhalten und nachsehen zu müssen. Erreicht uns die Meldung des Ö-Drivers rechtzeitig, schaffen wir es vielleicht sogar, Unfallstellen ganz zu umfahren. Sollten wir irgendwo im Stau stehen, tröstet uns die Meldung des Ö-Drivers, der von genau diesem Stau berichtet. Nun wissen wir, dass wir nicht allein sind, weil es Leute gibt, die nicht nur mit uns im selben Stau stehen, sondern es auch noch dem nationalen Radiosender berichten müssen, dass sie sich in der autofahrerischen Ausweglosigkeit schlechthin befinden. Wir blicken uns im Stau stehend um und fragen uns, wer von den sich in unserer Nähe befindlichen Autofahrern wohl ein Ö-Driver sein mag, denn wir möchten ihm danken.
Ö-Driver sind informierte Menschen und deshalb geben sie Informationen auch gerne weiter. Sie wissen immer, wie viel Grad es draußen hat. Sie wissen, unter welchen Bedingungen sie wie viel Benzin verbrauchen. Sie wissen Kilometeranzahl und Fahrtzeit jeder Strecke in ganz Österreich auswendig, und wenn nicht, dann schätzen sie es ziemlich genau. Sie kennen den Kilometerstand ihres Fahrzeuges zu jeder Zeit. Das Wasser in ihrer Scheibenwischanlage ist noch nie ausgegangen. Sie wechseln ihre Reifen immer selbst und haben auch noch nie zu viel für einen Satz neuer Sommer- oder Winterreifen bezahlt. Sie liebten den Ö3-Vignettenman und gewinnen immer die Jahresvignetten beim Preisausschreiben der Kronenzeitung. Sie sammeln Tankgutscheine und verwenden Online-Benzinpreiskalkulatoren, denn sie tanken nie zu teuer. Der Luftdruck in den Reifen ihres Fahrzeugs ist immer auf Außentemperatur, Fahrbahnverhältnisse und Beladung abgestimmt. Ö-Driver mögen den Kaffee, der an Autobahnraststätten serviert wird. Sie sind es auch, die dort Blumen, Kuscheltiere und Grundnahrungsmittel kaufen. Sie lieben den sechsbeinigen Hund von Agip. Was sie nicht mögen, ist, wenn an der Tankstelle der Wasserkübel zum Reinigen der Scheiben zu schmutziges Wasser beinhaltet.
Ö-Driver wird, wer fest davon überzeugt ist, dass es ohne Menschen wie ihn nur Chaos und Dummheit gäbe. Dabei entspringt dieses Weltbild keineswegs irgendeiner Form von Selbstüberschätzung, sondern ist einfache menschliche Bekümmertheit, Sorge im weitesten heideggerschen Sinne. Sie meinen es nur gut mit uns, und wir sind im Gegenzug froh, dass es sie gibt, unsere Ö-Driver.
Beobachten und Melden sind zwei Tugenden, die nicht nur im Militärwesen von größtem Wert sind. Für den Ö-Driver sind es geradezu Identifikationstugenden oder – genauer – Identitätstugenden, denn ohne sie ist er kein Ö-Driver, ja vielleicht ist er ohne sie gar nichts mehr. Wer sind diese Ö-Driver? Hie und da hört man einen undeutlich durch den Äther plärren, dass auf der Südostautobahn ein ungarischer Gemüsetransporter seine Ladung verloren habe, dass der Zeitverlust mindestens eine halbe Stunde betrage und bei aller Heiterkeit über die Umstände des Unfalls es doch unerträglich sei, dass die Polizei noch nicht vor Ort und die Unfallstelle noch nicht abgesichert sei. Weiterkommen sei nur schwer möglich, er werde aber das Geschehen im Auge behalten und melden, sobald die Zwiebeln und Tomaten keine Gefahr für den fließenden Verkehr mehr darstellen würden.
Es sind Alltags-Helden, diese Ö-Driver. Ohne sie wäre ein zügiges Vorankommen auf Österreichs Straßen gar nicht mehr möglich. Ohne sie müsste Ö3 pro Stunde mindestens ein schlechtes Lied mehr spielen. Ö-Driver sind die, die langsamer werden, wenn es irgendwo was zu sehen gibt. Nicht die Neugier ist es, die den Ö-Driver langsamer werden lässt, nein, es ist seine Pflicht, genau zu erfassen, was da am Straßenrand oder auf der anderen Seite der Autobahn vor sich geht, um es dann ordnungsgemäß zu melden und uns anderen Autofahrern die Mühe zu ersparen, anhalten und nachsehen zu müssen. Erreicht uns die Meldung des Ö-Drivers rechtzeitig, schaffen wir es vielleicht sogar, Unfallstellen ganz zu umfahren. Sollten wir irgendwo im Stau stehen, tröstet uns die Meldung des Ö-Drivers, der von genau diesem Stau berichtet. Nun wissen wir, dass wir nicht allein sind, weil es Leute gibt, die nicht nur mit uns im selben Stau stehen, sondern es auch noch dem nationalen Radiosender berichten müssen, dass sie sich in der autofahrerischen Ausweglosigkeit schlechthin befinden. Wir blicken uns im Stau stehend um und fragen uns, wer von den sich in unserer Nähe befindlichen Autofahrern wohl ein Ö-Driver sein mag, denn wir möchten ihm danken.
Ö-Driver sind informierte Menschen und deshalb geben sie Informationen auch gerne weiter. Sie wissen immer, wie viel Grad es draußen hat. Sie wissen, unter welchen Bedingungen sie wie viel Benzin verbrauchen. Sie wissen Kilometeranzahl und Fahrtzeit jeder Strecke in ganz Österreich auswendig, und wenn nicht, dann schätzen sie es ziemlich genau. Sie kennen den Kilometerstand ihres Fahrzeuges zu jeder Zeit. Das Wasser in ihrer Scheibenwischanlage ist noch nie ausgegangen. Sie wechseln ihre Reifen immer selbst und haben auch noch nie zu viel für einen Satz neuer Sommer- oder Winterreifen bezahlt. Sie liebten den Ö3-Vignettenman und gewinnen immer die Jahresvignetten beim Preisausschreiben der Kronenzeitung. Sie sammeln Tankgutscheine und verwenden Online-Benzinpreiskalkulatoren, denn sie tanken nie zu teuer. Der Luftdruck in den Reifen ihres Fahrzeugs ist immer auf Außentemperatur, Fahrbahnverhältnisse und Beladung abgestimmt. Ö-Driver mögen den Kaffee, der an Autobahnraststätten serviert wird. Sie sind es auch, die dort Blumen, Kuscheltiere und Grundnahrungsmittel kaufen. Sie lieben den sechsbeinigen Hund von Agip. Was sie nicht mögen, ist, wenn an der Tankstelle der Wasserkübel zum Reinigen der Scheiben zu schmutziges Wasser beinhaltet.
Ö-Driver wird, wer fest davon überzeugt ist, dass es ohne Menschen wie ihn nur Chaos und Dummheit gäbe. Dabei entspringt dieses Weltbild keineswegs irgendeiner Form von Selbstüberschätzung, sondern ist einfache menschliche Bekümmertheit, Sorge im weitesten heideggerschen Sinne. Sie meinen es nur gut mit uns, und wir sind im Gegenzug froh, dass es sie gibt, unsere Ö-Driver.
Dienstag, 20. März 2012
Der frühe Vogel
Der frühe Vogel ist ein komischer Vogel. Außerdem hat er es nicht leicht mit uns. Die einen behaupten, er könne sie mal; die anderen, mit ironischer Reziprozität, er habe selbst einen Vogel. Dass er traditionellerweise den Wurm (welchen Wurm? Den Wurm überhaupt? Den Wurm an sich?) fängt, ist ihm wahrscheinlich egal, denn Würmer gibt es – vor allem an Regentagen – wie Sand am Meer. Apropos Meer: Meeresvögel fangen vermutlich lieber gar nicht den Wurm, sondern den Fisch. Anderswo steht aber geschrieben, dass das Meer voller Fische sei und es auf den einzelnen überhaupt nicht ankomme. Das soll trösten (there's plenty of fish in the sea – aber nicht umgekehrt!).
Kein Grund also für Vögel, früh dran zu sein. Kein Grund auch für uns Menschen, sich mit Vogeltugenden zu brüsten, wenn es uns einmal zufällig gelingt, früh aufzustehen. Leute, die ohnehin früh aufstehen müssen (berufsbedingt, altersbedingt), denen ist dieses Aufstehen schon so natürlich, dass es keiner Erwähnung wert ist - im besten Fall ist es ihnen lästig. Und Leute, die nicht früh aufstehen müssen, bleiben sowieso im Bett, weil sie wissen, dass sie außerhalb ihrer Federburg nichts versäumen. Ob man als früher Vogel irgendeinen Wurm fangen würde, ist einem dann herzlich wurscht.
Unnötigerweise früh aufzustehen und sich dabei noch gut vorzukommen – das ist nicht nur ziemlich perfide, sondern auch noch unverschämt. Einerseits degradiert es jene, die den Schlaf als legitimes Mittel nicht nur der Erholung sondern auch des Zeitvertreibs ansehen, andererseits beweist ein solches Verhalten an sich nur, dass man sich an Tugenden zu halten vermag, die einem von alten Naziopas als kleines Kind ins Ohr geplärrt wurden, die aber, ihrem ideologischen Umfeld enthoben, sich als recht nutzlos und ausgesprochen gemütlichkeitsfeindlich erweisen. (Müde ist faul!)
Zu allem Überfluss brüsten sich doch genau jene mit dem Frühaufstehen, denen das zufällig passiert ist und die, vermutlich eines schlechten Gewissens wegen, weil sie ohnehin dubiose Menschen sind, gar nicht weiterschlafen können, obwohl sie vielleicht wollten. Ihre ganz Niedertracht offenbart sich dann in facebook-postings, in denen sie der Welt mitteilen, dass Morgenstund Gold im Mund habe, es sich bei ihnen um besagten frühen Vogel handle oder sie wünschen uns ungefragt einen hundsgemeinen Guten Morgen, damit das erste, was wir Spätaufsteher zu sehen bekommen, eine genauso tugend- wie grauenhafte Mitteilung eines Schwachsinnigen ist, dem es einmal in drei Monaten zufällig gelungen ist, vor acht Uhr aufzustehen. Solche Aktionen zwingen wiederum anständige Leute dazu, dem frühen Vogel zu unterstellen, dass er selber einen Vogel habe. Daraufhin zwitschert ein solcher tatsächlicher und leibhaftiger früher Vogel erbost beim Fenster herein, dass er sich ungerecht behandelt und irgendwie entehrt fühle. Dann darf und muss man sich in aller Frühe schon bei einem Tier, dessen Unmut man sich zugezogen hat, entschuldigen, muss ihm sagen, dass es nicht so gemeint war und die Schuld dem Menschen geben, der einem zuerst verkündet hat, dass es sich bei ihm in Wahrheit um den frühen Vogel handle.
Dabei war er nichts anderes als der erste Affe, über den man sich an einem möglicherweise schönen Tag geärgert hat. Otto Waalkes meinte wohl deswegen schon damals, dass Morgenstund Colt im Mund habe. Mehr Humor geht da leider echt nicht. There's plenty of worms in the ground, bleibt den Liegenbleibern noch tröstend zu sagen.
Kein Grund also für Vögel, früh dran zu sein. Kein Grund auch für uns Menschen, sich mit Vogeltugenden zu brüsten, wenn es uns einmal zufällig gelingt, früh aufzustehen. Leute, die ohnehin früh aufstehen müssen (berufsbedingt, altersbedingt), denen ist dieses Aufstehen schon so natürlich, dass es keiner Erwähnung wert ist - im besten Fall ist es ihnen lästig. Und Leute, die nicht früh aufstehen müssen, bleiben sowieso im Bett, weil sie wissen, dass sie außerhalb ihrer Federburg nichts versäumen. Ob man als früher Vogel irgendeinen Wurm fangen würde, ist einem dann herzlich wurscht.
Unnötigerweise früh aufzustehen und sich dabei noch gut vorzukommen – das ist nicht nur ziemlich perfide, sondern auch noch unverschämt. Einerseits degradiert es jene, die den Schlaf als legitimes Mittel nicht nur der Erholung sondern auch des Zeitvertreibs ansehen, andererseits beweist ein solches Verhalten an sich nur, dass man sich an Tugenden zu halten vermag, die einem von alten Naziopas als kleines Kind ins Ohr geplärrt wurden, die aber, ihrem ideologischen Umfeld enthoben, sich als recht nutzlos und ausgesprochen gemütlichkeitsfeindlich erweisen. (Müde ist faul!)
Zu allem Überfluss brüsten sich doch genau jene mit dem Frühaufstehen, denen das zufällig passiert ist und die, vermutlich eines schlechten Gewissens wegen, weil sie ohnehin dubiose Menschen sind, gar nicht weiterschlafen können, obwohl sie vielleicht wollten. Ihre ganz Niedertracht offenbart sich dann in facebook-postings, in denen sie der Welt mitteilen, dass Morgenstund Gold im Mund habe, es sich bei ihnen um besagten frühen Vogel handle oder sie wünschen uns ungefragt einen hundsgemeinen Guten Morgen, damit das erste, was wir Spätaufsteher zu sehen bekommen, eine genauso tugend- wie grauenhafte Mitteilung eines Schwachsinnigen ist, dem es einmal in drei Monaten zufällig gelungen ist, vor acht Uhr aufzustehen. Solche Aktionen zwingen wiederum anständige Leute dazu, dem frühen Vogel zu unterstellen, dass er selber einen Vogel habe. Daraufhin zwitschert ein solcher tatsächlicher und leibhaftiger früher Vogel erbost beim Fenster herein, dass er sich ungerecht behandelt und irgendwie entehrt fühle. Dann darf und muss man sich in aller Frühe schon bei einem Tier, dessen Unmut man sich zugezogen hat, entschuldigen, muss ihm sagen, dass es nicht so gemeint war und die Schuld dem Menschen geben, der einem zuerst verkündet hat, dass es sich bei ihm in Wahrheit um den frühen Vogel handle.
Dabei war er nichts anderes als der erste Affe, über den man sich an einem möglicherweise schönen Tag geärgert hat. Otto Waalkes meinte wohl deswegen schon damals, dass Morgenstund Colt im Mund habe. Mehr Humor geht da leider echt nicht. There's plenty of worms in the ground, bleibt den Liegenbleibern noch tröstend zu sagen.
Dienstag, 28. Februar 2012
Schaltjahrsübel
Der Februar ist nicht nur der kürzeste Monat, sondern vielleicht auch der grausigste. Obwohl ich mir selber jedes Jahr unsicher bin, ob der Februar oder der März der grausigere ist. Oder ob, am anderen Ende des Jahres, der fürchterliche November den beiden den Rang abläuft. Aber vermutlich ist immer der Monat, der gerade da ist, den man momentan sozusagen „live“ erlebt, der schlimmste, schönste etc. Warum man allerdings in Schaltjahren ausgerechnet dem unsäglichen Februar einen Tag mehr vergönnt, verstehe ich auch nur aus Gründen der Zahlenharmonie.
Der heurige Februar meinte es nicht gut mit uns. Zuerst bescherte er uns eine unglaubliche Kälte, irgendwann mittendrin glaubte er, dass er uns mit weiterem Schnee noch irgendeine Freude machen könnte und mittlerweile zeigt er sich von seiner gewohnt dreckig-nassen Seite. Dazwischen war Fasching – ein Übel an sich.
Freilich könnte man sich am ersten Vogelgezwitscher erfreuen, an den schon warmen Sonnenstrahlen, dass es jetzt schon spürbar länger hell ist, man also generell das Gefühl hat, dass die kalte Jahreszeit sich dem Ende zuneigt. Aber dann sehe ich die Februarschifahrer vor mir, wie sie sich mühsam und betrunken durch den schlatzigen Schnee schieben, wie sie in ihren Schischuhen auf den dreckigen und verkiesten Gehsteigen herumstolpern und ich höre das Geräusch dazu, das die schweren Schischuhe und die nachgezogenen Stöcke dabei machen! Ein kratziges, geschlurftes Klacken zusammen mit einem hellen, darüber schwebenden, konstanten, mechanisch schleifenden Scheppern; das Ganze in einem Rhythmus, der dem unbegabtesten aller Jazzschlagzeuger nicht passieren könnte. Der Schnee, der diese grauenhaften Geräusche dämpfen könnte, ist schon längst geschmolzen und so werden die Ohren des Passanten, die gerade noch das besagte erste Vogelgezwitscher vernommen haben, vom ungeheuerlichsten akustischen Irrsinn malträtiert, den das ganzjahrige Soundpanorama eines Skiorts für schlechter Verdienende zu bieten hat.
Dazu kommt die ständige Gefahr, der man durch Schispitzen ausgesetzt ist, die einem nach dem Leben trachten. Wie wehrhafte Reptilien, die es zu zähmen gilt, tragen die Skifahrer ihre Schi und Stöcke auf ihren Armen. Nach allen Seiten hin stehen die Kanten und Spitzen weg und die Gehsteige sind nur so breit wie sie sind und im Februar sowieso enger als sonst („Vorsicht Dachlawine!“ Gerne würde ich manchmal ein Komma zwischen die Wörter setzen, um so die Dachlawinen vor den unter ihnen vorbeitorkelnden Schifahrern zu warnen). Ständig muss man sich ducken, den Kopf nach links und rechts hin weg recken, um nicht von diesen Schiern und Stöcken gebissen zu werden. Ja, die Krankenhäuser sind nicht nur voller Gipspatienten, immer öfter müssen dort auch Schürf-, Kratz- und Stichverletzungen behandelt werden. Die Wintersaison fordert ihre Opfer!
Zwar ist uns der See im Februar schön zugefroren, doch darf man nicht vergessen, dass das Im-Eis-Einbrechen das Sinnbild für den Februar schlechthin ist: Der plötzliche Übergang vom lebensweltlichen Genuss in das existenzielle Unwohlsein bezeugt die erschütternde Wirkung, die so ein Februar haben kann. Gerade noch im Winterzauberland, jetzt auf einmal im dreckig-schlatzigen Elendstal. Letztlich ist es die Vergänglichkeit, die uns der Februar vor Augen hält und nicht der Neuanfang, den dann erst der März verspricht. Der Feber (ich bevorzuge die kürzere Variante, damit ich das Wort schneller hinter mich gebracht habe – und überhaupt: Warum so ein langer Name für einen so kurzen Monat?) ist der Tod des Winters und das kann niemanden freuen. Die Winterliebhaber nicht, weil sich hier der Winter von seiner grauslichsten Seite zeigt. Die Sommerliebhaber auch nicht, weil es bis dahin noch ein langer Weg ist. Der österreichische Trost, dass es „jetzt dann schnell geht“, will uns die Zeit des Jetzt vergessen machen und ist für Leute geeignet, die auch nicht schnell genug im Eis einbrechen können.
In Schaltjahren also verlängert sich das Feber-Übel um einen Tag, anstatt dass man lieber einen Tag länger Juni macht und wir so drei lange 31-tägige Sommermonate hintereinander hätten. Oder von mir aus auch einen Tag länger April, das ist doch so ein lustiger Monat mit den Scherzen und dem lustigen Wetter usw. Oder dem Dezember 32 Tage geben, damit man entweder zwei mal Silvester feiern kann (oder drei mal mit Bauernsilvester), oder endlich einmal nüchtern in ein neues Jahr starten kann. Stattdessen ein Februar mit 29 grausamen Tagen! Ein Tag mehr Zeit zum Im-Eis-Einbrechen!
Der heurige Februar meinte es nicht gut mit uns. Zuerst bescherte er uns eine unglaubliche Kälte, irgendwann mittendrin glaubte er, dass er uns mit weiterem Schnee noch irgendeine Freude machen könnte und mittlerweile zeigt er sich von seiner gewohnt dreckig-nassen Seite. Dazwischen war Fasching – ein Übel an sich.
Freilich könnte man sich am ersten Vogelgezwitscher erfreuen, an den schon warmen Sonnenstrahlen, dass es jetzt schon spürbar länger hell ist, man also generell das Gefühl hat, dass die kalte Jahreszeit sich dem Ende zuneigt. Aber dann sehe ich die Februarschifahrer vor mir, wie sie sich mühsam und betrunken durch den schlatzigen Schnee schieben, wie sie in ihren Schischuhen auf den dreckigen und verkiesten Gehsteigen herumstolpern und ich höre das Geräusch dazu, das die schweren Schischuhe und die nachgezogenen Stöcke dabei machen! Ein kratziges, geschlurftes Klacken zusammen mit einem hellen, darüber schwebenden, konstanten, mechanisch schleifenden Scheppern; das Ganze in einem Rhythmus, der dem unbegabtesten aller Jazzschlagzeuger nicht passieren könnte. Der Schnee, der diese grauenhaften Geräusche dämpfen könnte, ist schon längst geschmolzen und so werden die Ohren des Passanten, die gerade noch das besagte erste Vogelgezwitscher vernommen haben, vom ungeheuerlichsten akustischen Irrsinn malträtiert, den das ganzjahrige Soundpanorama eines Skiorts für schlechter Verdienende zu bieten hat.
Dazu kommt die ständige Gefahr, der man durch Schispitzen ausgesetzt ist, die einem nach dem Leben trachten. Wie wehrhafte Reptilien, die es zu zähmen gilt, tragen die Skifahrer ihre Schi und Stöcke auf ihren Armen. Nach allen Seiten hin stehen die Kanten und Spitzen weg und die Gehsteige sind nur so breit wie sie sind und im Februar sowieso enger als sonst („Vorsicht Dachlawine!“ Gerne würde ich manchmal ein Komma zwischen die Wörter setzen, um so die Dachlawinen vor den unter ihnen vorbeitorkelnden Schifahrern zu warnen). Ständig muss man sich ducken, den Kopf nach links und rechts hin weg recken, um nicht von diesen Schiern und Stöcken gebissen zu werden. Ja, die Krankenhäuser sind nicht nur voller Gipspatienten, immer öfter müssen dort auch Schürf-, Kratz- und Stichverletzungen behandelt werden. Die Wintersaison fordert ihre Opfer!
Zwar ist uns der See im Februar schön zugefroren, doch darf man nicht vergessen, dass das Im-Eis-Einbrechen das Sinnbild für den Februar schlechthin ist: Der plötzliche Übergang vom lebensweltlichen Genuss in das existenzielle Unwohlsein bezeugt die erschütternde Wirkung, die so ein Februar haben kann. Gerade noch im Winterzauberland, jetzt auf einmal im dreckig-schlatzigen Elendstal. Letztlich ist es die Vergänglichkeit, die uns der Februar vor Augen hält und nicht der Neuanfang, den dann erst der März verspricht. Der Feber (ich bevorzuge die kürzere Variante, damit ich das Wort schneller hinter mich gebracht habe – und überhaupt: Warum so ein langer Name für einen so kurzen Monat?) ist der Tod des Winters und das kann niemanden freuen. Die Winterliebhaber nicht, weil sich hier der Winter von seiner grauslichsten Seite zeigt. Die Sommerliebhaber auch nicht, weil es bis dahin noch ein langer Weg ist. Der österreichische Trost, dass es „jetzt dann schnell geht“, will uns die Zeit des Jetzt vergessen machen und ist für Leute geeignet, die auch nicht schnell genug im Eis einbrechen können.
In Schaltjahren also verlängert sich das Feber-Übel um einen Tag, anstatt dass man lieber einen Tag länger Juni macht und wir so drei lange 31-tägige Sommermonate hintereinander hätten. Oder von mir aus auch einen Tag länger April, das ist doch so ein lustiger Monat mit den Scherzen und dem lustigen Wetter usw. Oder dem Dezember 32 Tage geben, damit man entweder zwei mal Silvester feiern kann (oder drei mal mit Bauernsilvester), oder endlich einmal nüchtern in ein neues Jahr starten kann. Stattdessen ein Februar mit 29 grausamen Tagen! Ein Tag mehr Zeit zum Im-Eis-Einbrechen!
Donnerstag, 23. Februar 2012
Faschingsquintett mezzo forte
Es schiebt sich ein Hexenmeister an die
Theke. Imposant wirkt sein Hut, das Gesicht will nicht recht dazu
passen. Hinter ihm steht seine Freundin, die sich an einem
Hexenlachen versucht, denn sie ist natürlich als Hexe unterwegs. Sie
krächzt schwächlich vor sich hin, der Hexenmeister dreht sich zu
ihr um, lacht und sagt: „Mei, bist du schiach!“ Auch der Pirat,
der wandelnde Mülleimer und die Wanderhure lachen jetzt. Endlich
dürfe er das einmal in der Öffentlichkeit sagen, verkündet der
Hexenmeister. Der Mülleimer und die Wanderhure schauen verwundert.
„Sagst du ihr das sonst immer nur privat, oder wie?“, feixt der
Pirat. Die Hexe sieht den Hexenmeister böse an. Ihre künstliche
Warze scheint auf ihrer Nase hin und her zu zucken.
In der Tat sieht die Hexe unheimlich
hässlich aus. Erfrischend hässlich eigentlich, denn die meisten der
jüngeren Damen nutzen den Fasching bloß dazu, sich möglichst
aufreizend anzuziehen, um unter dem Vorwand einer Verkleidung kokett
sein zu dürfen – was sie sich selbst ansonsten strikt verbieten.
Dies gilt leider auch für viele Damen, die nicht mehr so jung sind.
Es geht ja so einfach: Hotpants mit Strumpfhose in hohen Stiefeln,
tiefes Dekolleté und dann Hasen- oder Katzenohren aufgesetzt. Was
ohne die entsprechenden Ohren aussehen würde wie das Outfit einer
Freizeitprostituierten, ist eben dann eine Katzen- oder
Häschenverkleidung. Warum? Damit sie dann neckisch sagen verkünden
können „Ich bin ein Haserl“ oder „Ein Katzerl bin ich“, wenn
ihnen ein schwer betrunkener Clown ein unvermeidliches „Wos bist
leicht du!?“ ins Gesicht rülpst.
Die Hexe aber, die hat wirklich nichts
Attraktives an sich. Die Wanderhure würde von sich das Gegenteil
behaupten, denn bei ihr handelt es sich um eine dieser älteren
Damen, die sich im Fasching dem betrunkenen männlichen Publikum auf
unansehnlichste Weise feilbieten. „Wos bist leicht du?!“ röhrt
ihr der Mülleimer ins Ohr. „Ich bin die Wanderhure!“ kichert
sie. Der Mülleimer sieht sie etwas verdutzt von oben bis unten an
und macht nur „Aha“. Etwas hat sich im Mülleimer entschieden. Er
dreht sich zum Piraten und bestellt zwei Schnäpse. Er hat zwar von
einer Wanderhure noch nie etwas gehört, aber das Wort erscheint ihm
vielversprechend und als Mülleimer darf man wohl auch nicht gar so
heikel sein.
Der Hexenmeister und seine Freundin
stehen ein bisschen beklommen herum und deswegen bekommen sie vom
Piraten auch einen Schnaps. Der Mantel des Hexenmeisters, der wohl
eigentlich einmal ein Friseurumhang war, bereitet seinem Träger
unheimliche Schwierigkeiten. Es sieht aus, als suche der Hexenmeister
darin ständig seine Hände bzw. seine Hände die Freiheit. Nach
einigem angestrengten Herumhantieren gleitet zur Überraschung des
Hexenmeisters und aller Anwesenden plötzlich seine rechte Hand unter
dem Umhang an einer vollkommen unvorhergesehenen Stelle hervor und
greift nach dem Schnapsglas. Das ganze sieht aus, als hätte der
Hexenmeister die Kontrolle über seine Hände verloren. „Der
Zauberlehrling hat aus seinem Umhang gefunden!“, kommentiert der
Pirat die Szene. „Hexenmeister!“, kreischt die Hexe empört.
„Prost!“ Der Hexenmeister leert sein Glas und seine Hand
verschwindet wieder in seinem Umhang als hätte sie ihre Schuldigkeit
nun getan und dürfte sich nun wieder in ihr unerklärliches Versteck
zurückziehen.
Der Mantel des Hexenmeisters ist mit
verschiedenen Zeichen bemalt, die für seine okkulten Machenschaften
Pate stehen sollen. Darunter ist auch ein Davidstern zu entdecken.
Der Mülleimer zeigt mit seinem langen Finger auf den Stern und
gröhlt: „Sog amoi, du bist jo a Jud!“ Verdutzt schaut der
Hexenmeister an sich herunter und beäugt den Davidstern. Seine Hände
zupfen von innen den Umhang zurecht; es sieht aus, als würde sich
der Davidstern den Betrachtern von selbst zur Schau stellen. „Ajo!“
sagt der Hexenmeister überrascht und fügt gleich entschuldigend
hinzu, dass den Mantel seine Freundin bemalt habe.
„Das hätte wohl ein Pentagramm
werden sollen“, sagt der Pirat gescheit. „Naja, so ein
Satansstern hätt das sein sollen“, erklärt der Hexenmeister und
sucht seinen Mantel nach anderen unglücklichen Symbolen ab. Die Hexe
hat sich weg gedreht und schaut in ihr Glas als suche sie etwas
darin.
„Bist halt ein Zauberjud!“, sagt
der Mülleimer kichernd. „Wie der Gargamel!“, fügt der Pirat
hinzu, „der war ja auch Zauberer und ganz offensichtlich ein Jude!“
- „Hexenmeister!“, protestiert die Hexe wieder, „der Gargamel
war auch ein Hexenmeister! Kein Zauberer!“
„Wo ist denn da der Unterschied?“,
fragt die Wanderhure. „Lebt der eigentlich noch?“, fragt der
Pirat und kichert. „Wer? Der Zauberlehrling?“ - „Nein, der
Gargamel!“ - „Hexenmeister! Nicht Zauberlehrling!“ - „Ich bin
kein Gargamel!“, schreit der Hexenmeister. „Aber a Jud bist! Hast
ja den Stern auf deinem Umhang!“ ereifert sich der Mülleimer. „Ja
und? Und woher willst du eigentlich wissen“, er wendet sich dem
Piraten zu, „ob der Gargamel Jude war?“
„Er schaut semitisch aus und seine
Katze heißt Azrael – das sind doch alles jüdische Namen.
Gargamel, Azrael. Alles mit -el hinten. Das heißt 'Gott' oder so.“,
verteidigt sich der Pirat. „Du bist ja ein Nazi! Was soll das
heißen, der schaut semitisch aus?“ Der Hexenmeister wird böse,
aber es ist nicht zu sagen, ob er gegen antisemitische Vorurteile ins
Feld ziehen oder bloß sein unglücklich verziertes Kostüm
verteidigen will.
„Der frisst Schlümpfe, sag ich dir!“
Es klingt wie das letzte Argument des Piraten. „Nein, die will er
zu Gold machen!“, nuschelt die Wanderhure, die jetzt dem Schnaps
nachgegeben hat. „Also doch ein Jud!“, ruft der Pirat. „Jetzt
hör aber auf!“, unter dem Umhang des Hexenmeisters fuchteln seine
Hände wild herum als wollten sie ins Freie. „Woher wisst's ihr
überhaupt so viel über die Schlümpfe?“, wundert sich die Hexe.
„Is ja wurscht jetzt!“ Der Mülleimer versucht, die Aufgebrachten
zu beruhigen und klammert sich an die Wanderhure, die ihrerseits nur
noch schlapp im linken Arm des Mülleimers hängt. „Mir is
schlecht“, sagt sie. Der Mülleimer rüttelt verzweifelt an ihr.
„Gut, bin ich halt ein Jud!“,
verkündet der Hexenmeister. „Nein, du bist ein Hexenmeister!“,
gibt sich die Hexe uneinsichtig. „Ein Hexenmeister mit
Davidstern!“, sagt der Pirat. „Ja, genau. Ein Hexenmeister mit
Davidstern bin ich. So geh ich nächstes Jahr zum WKR-Ball nach Wien
und schau, was die neuen Juden dazu sagen!“ Der Pirat, der
Hexenmeister und die Hexe kichern. Auch der Mülleimer lacht sein
blechernes Lachen, wobei ihm die Wanderhure aus dem Arm gleitet.
Montag, 9. Januar 2012
Der Schneefried
„Pinzgau von Außenwelt abgeschnitten“ hieß es heute, weil kurzfristig alle Verbindungen zum Rest der Welt unterbrochen waren. Eigentlich ein meditativer Zustand, dieses Abgeschnitten-Sein, wenn da nicht die vielen Russen, Ukrainer und Rumänen wären, die auf den Straßen Radau machen, weil sie sogar mit ihren panzerähnlichen Fahrzeugen der Schneemassen nicht Herr werden können. Vom Rest der Welt abgeschnitten, und zwar durch eine Naturgewalt und ihre Auswirkungen, das ist der eigentliche Freiheitsbegriff eines Innergebirglers. Der autochthone Freistaat Pinzgau hat heute für ein paar Stunden gelebt und die klammheimliche Freude darüber zeigte sich auf den Gesichtern der urigsten Ureinwohner ganz deutlich. Dass die Verbindung nach Tirol am schnellsten wiederhergestellt war, wurde hingenommen, denn schließlich ist ja Tirol vom Rest der Welt sowieso abgeschnitten – wenn schon nicht wegen des vielen Schnees, so doch zumindest in den Köpfen der Leute.
„Seids eing'schneit?“ wurden wir dauernd gefragt und stolz haben wir „Jawohl!“ geantwortet. Der Schnee hat schließlich nicht uns gebrochen, sondern nur ein paar schwache Bäume irgendwo zwischen Lend und Taxenbach. Bäume also, die es ohnehin nicht wert waren, unsere Pinzgauer Straßen zu säumen. Und deswegen werden die jetzt konsequenterweise umgesägt und verheizt. Aber erst nächstes Jahr, denn heuer ist es noch nicht kalt genug und so schnell wird uns heuer auch nicht kalt werden! Und wir zersägen sie langsam und gemächlich, denn je länger die Straßen gesperrt sind, desto besser. Weil, so hört man es auf den Straßen, dann wenigstens keine „depperten Deitschn“ mehr reinkommen können.
Aber Vorsicht, gerade diese Deutschen kommen nur allzu gern über Lofer, weil sie sich damit Zeit und Vignette sparen! Kein Problem, so sperren wir eben Lofer auch, dort hat es ohnehin schon zu viel Schnee, da kommt bestimmt bald mal eine Lawine herunter. Die sprengen wir weg – gemütlich und ohne Hast.
Herrliche Abgeschiedenheit, bleib uns noch lange erhalten! – Oder zumindest bis zum Freitag, denn am Samstag ist ja wieder An- und Abreise und dann sind wir wieder froh, wenn die alten Gäste weg sind und wir uns auf die neuen „freuen“ können. Inzwischen bleiben wir in unserer Innergebirgsfestung und schauen grimmig vom Berg ins Tal hinunter und in den Fernseher hinein, wo wir uns selbst sehen und wo die Wiener von einem „Schneechaos“ sprechen, ein Schneechaos, das wir selbst lieber „die höchste Ordnung aller Dinge“ nennen. Der Herrgott hat uns endlich das gegeben, was wir eigentlich schon immer wollten: den Schneefried in Form eines von der Außenwelt (was ist das eigentlich, die Welt da draußen?) abgeschnittenen Pinzgaus. Wir setzen uns Zipfelmützen auf, trinken Jagatee und harren der Dinge.
„Seids eing'schneit?“ wurden wir dauernd gefragt und stolz haben wir „Jawohl!“ geantwortet. Der Schnee hat schließlich nicht uns gebrochen, sondern nur ein paar schwache Bäume irgendwo zwischen Lend und Taxenbach. Bäume also, die es ohnehin nicht wert waren, unsere Pinzgauer Straßen zu säumen. Und deswegen werden die jetzt konsequenterweise umgesägt und verheizt. Aber erst nächstes Jahr, denn heuer ist es noch nicht kalt genug und so schnell wird uns heuer auch nicht kalt werden! Und wir zersägen sie langsam und gemächlich, denn je länger die Straßen gesperrt sind, desto besser. Weil, so hört man es auf den Straßen, dann wenigstens keine „depperten Deitschn“ mehr reinkommen können.
Aber Vorsicht, gerade diese Deutschen kommen nur allzu gern über Lofer, weil sie sich damit Zeit und Vignette sparen! Kein Problem, so sperren wir eben Lofer auch, dort hat es ohnehin schon zu viel Schnee, da kommt bestimmt bald mal eine Lawine herunter. Die sprengen wir weg – gemütlich und ohne Hast.
Herrliche Abgeschiedenheit, bleib uns noch lange erhalten! – Oder zumindest bis zum Freitag, denn am Samstag ist ja wieder An- und Abreise und dann sind wir wieder froh, wenn die alten Gäste weg sind und wir uns auf die neuen „freuen“ können. Inzwischen bleiben wir in unserer Innergebirgsfestung und schauen grimmig vom Berg ins Tal hinunter und in den Fernseher hinein, wo wir uns selbst sehen und wo die Wiener von einem „Schneechaos“ sprechen, ein Schneechaos, das wir selbst lieber „die höchste Ordnung aller Dinge“ nennen. Der Herrgott hat uns endlich das gegeben, was wir eigentlich schon immer wollten: den Schneefried in Form eines von der Außenwelt (was ist das eigentlich, die Welt da draußen?) abgeschnittenen Pinzgaus. Wir setzen uns Zipfelmützen auf, trinken Jagatee und harren der Dinge.
Dienstag, 13. Dezember 2011
Kopernikanische Wende
Auf der anderen Straßenseite wartet ein Mann mittleren Alters und zweifelhafter Natur an der Ampel. Er sieht aus wie jemand, der älter aussieht, als er ist. Vielleicht aber täusche ich mich und es handelt sich um einen Mann höheren Alters. Jedenfalls macht er auf mich einen etwas verwirrten Eindruck. Sein ungekämmtes, nach allen Richtungen hin abstehendes Haar trägt nicht wirklich dazu bei, ihm irgendeine Art von Vertrauen entgegen zu bringen; noch weniger tut dies sein etwas entrückter Blick. Darüber hinaus brabbelt er vor sich hin, spricht, als ob er jemanden rügen würde. Ich beruhige mich, indem ich mir einrede, der Mann spräche mit jemandem am Telefon und hat, wie so viele Zeitgenossen es haben, irgendwo ein Headset, ein Mikrofon an einem Kopfhörerkabel oder sonst irgendeine andere technische Vorrichtung, die ihm das Telefonieren erlaubt, ohne dass er dazu seine Hand benutzen müsste.
Vor ein paar Jahren schossen nämlich diese Freisprechvorrichtungen wie die Schwammerln aus dem Boden. Plötzlich sah man überall Menschen herumspazieren, die scheinbar mit sich selbst die angeregtesten Unterhaltungen führten. Es dauerte eine Weile, bis man sich an die irr vor sich hin sprechenden Leute gewöhnt hatte, doch irgendwann hielt man das für ganz normal. Radfahrer fuhren schimpfend an einem vorbei, in Supermärkten diskutierten einkaufende Damen die letzten Entwicklungen in ihren Freundeskreisen, während sie im Kühlregal die Ablaufdaten der angebotenen Produkte prüften und an Verkehrsampeln saßen einsame Autofahrer in ihren Fahrzeugen und diskutierten, teilweise wild gestikulierend, geräuschlos mit einem unsichtbaren Gegenüber.
Dabei kamen sie sich alle wahnsinnig pragmatisch vor und hatten plötzlich Hände frei, mit denen sie nichts anzufangen wussten. Wenn, dann drückten und wischten sie ohnehin auf ihren Mobiltelefonen herum - die Freisprecheinrichtung hatte also nur den Sinn, dass man während des Telefonierens das Handy für andere Zwecke verwenden konnte. Manche trugen auch das Handy wie eine milde Gabe vor sich her, als wären sie einer der heiligen drei Könige und wollten dem Jesuskindlein zur Geburt ein iPhone schenken, um es von der Langeweile im Stall zu Bethlehem zu erlösen. Andere hielten sich das am Kopfhörerkabel befestigte Mikrofon derart umständlich vor den Mund, dass man sich darüber wunderte, ob nicht das einfache Ans-Ohr-Halten die elegantere und praktischere Lösung gewesen wäre. Die ganz wichtigen hatten ein Bluetooth-Headset und also nur einen kleinen Bügel am Ohr befestigt und wirkten damit sehr wallstreetig. Da man sich damit aber lächerlich macht, wenn man einem Bekannten ein Keksrezept ansagt, anstatt wichtige geschäftliche Dinge zu besprechen, ist das Bluetooth-Headset bald wieder aus dem Alltag verschwunden.
Überhaupt scheint mir, dass nun wieder mehr Leute sich trauen, das Handy ans Ohr zu halten. Man wusste ja lange nicht, wie sich das mit der sogenannten "Handystrahlung" genau verhielt. Eigentlich weiß man das auch jetzt noch nicht. Aber man ist draufgekommen, dass man es vielleicht doch aushält, während eines Gesprächs mit einem Freund oder einer Freundin nicht mit dem Smartphone spielen zu können. Außerdem war das ganze Kabelzeugs dann halt doch nicht so der Bringer: Jahrzehntelang arbeitete man daran, antennenlose Schnurlostelefone zu entwickeln, um sich dann erst recht wieder Schnüre in die Telefone zu stecken. Und: Mit einem Handy am Ohr kann man glaubwürdiger so tun, als telefoniere man mit jemandem, wenn man in Wirklichkeit nur dem Gespräch mit einer unangenehmen Person in der Nähe entgehen will. Man stelle sich einmal vor, jemand stünde einfach so da und spräche in das Nichts hinein, um von einer anderen anwesenden Person nicht behelligt zu werden. Das wäre schon sehr sonderbar.
Der Mann am anderen Ende der Straße jedenfalls spricht immer noch vor sich hin. Ich habe mich dafür entschieden, dass er zu alt für ein Headset ist und also gerade nicht telefoniert. Es handelt sich um einen guten, alten Irren, einen vor sich hin brabbelnden Verrückten, einen Gestörten! Eh arm, aber ich freue mich gerade so, dass es noch tatsächlich Menschen gibt, die mit sich selbst sprechen und auch tatsächlich einen an der Waffel haben und nicht bloß irrtümlich für solche gehalten werden und man dann draufkommt, dass es sich eigentlich um Telefonierende handelt. Als die Ampel grün wird und wir beide die Straße überqueren, hat der verrückte seine zweifelhafte Natur gänzlich verloren. Ich würde ihn am liebsten in die Arme schließen und ihm danken, dass es noch solche wie ihn gibt.
In Zukunft aber werde ich wieder vor das Problem gestellt werden, mich für eine Interpretation entscheiden zu müssen, wenn ich vor sich hin sprechende Menschen sehe. Irre oder nicht? Telefonierer oder Wahnsinniger? Und ich werde mich wieder zu täuschen beginnen und Gesunde für Kranke halten oder umgekehrt. Denn schließlich, so sagte mal ein Königsberger Philosoph, richten sich die Objekte nach der Erkenntnis, und nicht die Erkenntnis nach den Objekten. Diese kopernikanische Wende habe ich nun auch für den Alltag geltend machen können. Darüber freue ich mich, denn von nun an wird meine Welt wieder von mehr Irren bevölkert werden. Und die sind so erfrischend anders!
Vor ein paar Jahren schossen nämlich diese Freisprechvorrichtungen wie die Schwammerln aus dem Boden. Plötzlich sah man überall Menschen herumspazieren, die scheinbar mit sich selbst die angeregtesten Unterhaltungen führten. Es dauerte eine Weile, bis man sich an die irr vor sich hin sprechenden Leute gewöhnt hatte, doch irgendwann hielt man das für ganz normal. Radfahrer fuhren schimpfend an einem vorbei, in Supermärkten diskutierten einkaufende Damen die letzten Entwicklungen in ihren Freundeskreisen, während sie im Kühlregal die Ablaufdaten der angebotenen Produkte prüften und an Verkehrsampeln saßen einsame Autofahrer in ihren Fahrzeugen und diskutierten, teilweise wild gestikulierend, geräuschlos mit einem unsichtbaren Gegenüber.
Dabei kamen sie sich alle wahnsinnig pragmatisch vor und hatten plötzlich Hände frei, mit denen sie nichts anzufangen wussten. Wenn, dann drückten und wischten sie ohnehin auf ihren Mobiltelefonen herum - die Freisprecheinrichtung hatte also nur den Sinn, dass man während des Telefonierens das Handy für andere Zwecke verwenden konnte. Manche trugen auch das Handy wie eine milde Gabe vor sich her, als wären sie einer der heiligen drei Könige und wollten dem Jesuskindlein zur Geburt ein iPhone schenken, um es von der Langeweile im Stall zu Bethlehem zu erlösen. Andere hielten sich das am Kopfhörerkabel befestigte Mikrofon derart umständlich vor den Mund, dass man sich darüber wunderte, ob nicht das einfache Ans-Ohr-Halten die elegantere und praktischere Lösung gewesen wäre. Die ganz wichtigen hatten ein Bluetooth-Headset und also nur einen kleinen Bügel am Ohr befestigt und wirkten damit sehr wallstreetig. Da man sich damit aber lächerlich macht, wenn man einem Bekannten ein Keksrezept ansagt, anstatt wichtige geschäftliche Dinge zu besprechen, ist das Bluetooth-Headset bald wieder aus dem Alltag verschwunden.
Überhaupt scheint mir, dass nun wieder mehr Leute sich trauen, das Handy ans Ohr zu halten. Man wusste ja lange nicht, wie sich das mit der sogenannten "Handystrahlung" genau verhielt. Eigentlich weiß man das auch jetzt noch nicht. Aber man ist draufgekommen, dass man es vielleicht doch aushält, während eines Gesprächs mit einem Freund oder einer Freundin nicht mit dem Smartphone spielen zu können. Außerdem war das ganze Kabelzeugs dann halt doch nicht so der Bringer: Jahrzehntelang arbeitete man daran, antennenlose Schnurlostelefone zu entwickeln, um sich dann erst recht wieder Schnüre in die Telefone zu stecken. Und: Mit einem Handy am Ohr kann man glaubwürdiger so tun, als telefoniere man mit jemandem, wenn man in Wirklichkeit nur dem Gespräch mit einer unangenehmen Person in der Nähe entgehen will. Man stelle sich einmal vor, jemand stünde einfach so da und spräche in das Nichts hinein, um von einer anderen anwesenden Person nicht behelligt zu werden. Das wäre schon sehr sonderbar.
Der Mann am anderen Ende der Straße jedenfalls spricht immer noch vor sich hin. Ich habe mich dafür entschieden, dass er zu alt für ein Headset ist und also gerade nicht telefoniert. Es handelt sich um einen guten, alten Irren, einen vor sich hin brabbelnden Verrückten, einen Gestörten! Eh arm, aber ich freue mich gerade so, dass es noch tatsächlich Menschen gibt, die mit sich selbst sprechen und auch tatsächlich einen an der Waffel haben und nicht bloß irrtümlich für solche gehalten werden und man dann draufkommt, dass es sich eigentlich um Telefonierende handelt. Als die Ampel grün wird und wir beide die Straße überqueren, hat der verrückte seine zweifelhafte Natur gänzlich verloren. Ich würde ihn am liebsten in die Arme schließen und ihm danken, dass es noch solche wie ihn gibt.
In Zukunft aber werde ich wieder vor das Problem gestellt werden, mich für eine Interpretation entscheiden zu müssen, wenn ich vor sich hin sprechende Menschen sehe. Irre oder nicht? Telefonierer oder Wahnsinniger? Und ich werde mich wieder zu täuschen beginnen und Gesunde für Kranke halten oder umgekehrt. Denn schließlich, so sagte mal ein Königsberger Philosoph, richten sich die Objekte nach der Erkenntnis, und nicht die Erkenntnis nach den Objekten. Diese kopernikanische Wende habe ich nun auch für den Alltag geltend machen können. Darüber freue ich mich, denn von nun an wird meine Welt wieder von mehr Irren bevölkert werden. Und die sind so erfrischend anders!
Freitag, 9. Dezember 2011
Der Wichtigtuer - ein Niedergang
Laut Egon Friedell gibt es für jede Zeit einen „Repräsentativmenschen“, einen Menschen also, der für seine Zeit typisch ist, der ihre Ideen und Konzepte verkörpert. Dabei handelt es sich nie um individuelle Menschen, sondern um einen idealen, prototypischen Charakter, der alle Absonderlichkeiten seiner Zeitgenossen in sich vereint. Zwischen 1815 und 1848 etwa gab es den Beidermeier, in den 1980ern den Yuppie und hier zeigt sich schon, dass solche Charaktere nicht nur Kinder ihrer Zeit, sondern vor allem ihrer jeweiligen Sozietät sind. So fragwürdig das Postulat eines Repräsentativmenschen auch sein mag, ist es doch unbestreitbar, dass uns genau so einer vorschwebt, wenn wir über Zeiten, Völker oder Regionen sprechen.
Jede Zeit hat ihre Geister, und so müssen wir uns fragen, welche Geister „unsere“ Zeit hervorgebracht hat. Was ist der Repräsentativmensch unserer Gegenwart und wie zeigt er sich uns? Meiner Meinung nach ist es der Wichtigtuer. Ein Mensch, der sich selbst wichtiger nimmt als nötig und im gleichen Schritt allen anderen unterstellt, sie würden selbst nicht wichtig genug sein und ihn, den Wichtigtuer, nicht wichtig genug nehmen. Zudem zeichnet sich der Wichtigtuer dadurch aus, dass er einen unbedingten Drang zum Erfolg hat. Erfolg stellt sich bei ihm nicht ein, Erfolg ist der Zweck allen Handelns und um den Erfolg zu erlangen, ist ihm jedes Mittel recht. Den Erfolg, ist er ihm einmal beschieden, braucht er nicht unbedingt, um sich darin zu sonnen (dafür besucht der Wichtigtuer Solarien oder wählt wichtige, sonnige Urlaubsdestinationen), sondern vor allem, um ihn anderen unter die Nase zu reiben. Und: Einmal erreicht, dient ihm der Erfolg zur Rechtfertigung aller seiner Schandtaten (iustificatio a posteriori).
Dass dem Wichtigtuer der Schein heilig ist und sich das Sein erst über den Schein einstellt, erkennt man an dem Heiligenschein, den er stolz durch die Welt trägt. Schuld ist er an nichts, denn um schuldig zu sein, ist er viel zu wichtig – und außerdem: Sein Erfolg gibt ihm immer Recht. Es ist ein wasserdichtes Lügenkonstrukt, das er gesellschaftliches Leben nennt, gebaut auf dem Fundament maßloser Selbstüberschätzung und Standesdünkel (Stichwort „Klassenkampf von oben“). Sein Überleben garantiert die andauernde Auseinandersetzung mit ihm durch andere. Man muss sich für ihn interessieren, sonst verliert er seinen Zweck und seine Selbsterfindungsmaschine läuft leer. Um interessant zu bleiben, tut er so ziemlich alles. Sollte dabei etwas schief gehen, nennt er sein Unternehmen „vorerst gescheitert“.
Damit ist auch schon ein Exemplar dieses Typus benannt: Karl-Theodor zu (!) Guttenberg, und das am besten noch mit „Freiherr“ vorne dran, wenn ihm schon der Doktor abhanden gekommen ist. Seine mediale Selbstinszenierung bis zum Dissertations-Eklat war geprägt von ganz offen zur Schau getragenen Narzissmus und trotzdem gelang es ihm, die Mehrheit der Deutschen davon zu überzeugen, dass er anders wäre als die anderen Politiker. Jung und erfolgreich: Dieses Begriffspaar dient am besten zur Beschreibung der sozialen Wahrnehmung eines Wichtigtuers. Dass ein Teil dieses Erfolgs Guttenberg mit dem adeligen Erbe in die Wiege gelegt wurde, dafür kann er nichts. Dafür aber, dass ein anderer Teil seines Erfolgs (der Doktortitel) ihm zu unrecht zukam, kann er sehrwohl etwas. Doch das will er nicht einsehen. Der Rest seines Erfolgs bleibt ein scheinbarer, denn über seine Errungenschaften während seiner politischen Hochzeit, ist man sich nach wie vor im Unklaren.
Da hat es sein österreichisches Pendant schon etwas leichter. Denn er wird immer noch von vielen als der „beste Finanzminister der Zweiten Republik“ bezeichnet. Das muss Karl-Heinz Grasser jedoch damit büßen, dass er ein bisschen tiefer im Schlamassel steckt als Guttenberg. Seine ekelhafte Fönfrisur blieb bisher nur deshalb von dem Dreck, in dem er steckt, unbehelligt, weil er es nach wie vor ganz gut versteht, sich selbst am Schopfe wieder rauszuziehen. Ansonsten nimmt auch er sich wichtiger als er eigentlich ist. Peinliches Zeugnis war sein TV-Auftritt, in dem er, der Obernarziß, schamlos aus einem Fanbrief zitierte, wo doch tatsächlich sinngemäß drinnen stand, dass er zu schön, zu gut und zu erfolgreich für die österreichische Neidgesellschaft sei. Dass sich solche Gedanken in den Köpfen mancher Bürger finden lassen, überrascht nicht. Dass aber Grasser selbstverliebt genug ist, einen solchen Brief der Öffentlichkeit vorzulesen, macht fassungslos. Auch er eine Existenz ohne Essenz, ein Typus mehr als ein Charakter, eigentlich eine traurige Schaubudenfigur in einem Stück, das hoffentlich bald niemanden mehr interessiert...
Doch Wichtigtuer lassen sich nicht nur in der Politik finden (andere Beispiele sind natürlich Gadaffi, Berlusconi, Putin, Chavez, Castro, Ahmadinedschad). Auch gibt es volksnähere Wichtigtuer für die sogenannte Unterschicht, die im Populärkulturbetrieb. Dazu zählen nicht nur gefühlt alle deutschen Rapper, sondern vor allem auch Dieter Bohlen. Dem gibt der Erfolg nämlich auch überhaupt nicht recht. Er mag vielleicht etwas von Popmusik verstehen (tut er das wirklich?), aber rechtfertigt das sein Benehmen, seine Dauerpräsenz, seine Sendungen und das, was er darin macht? Überdies verkörpert Dieter Bohlen eine Seite des deutschen massentauglichen Wichtigtuertums, die sich mit den Requisiten La-Martina-Hemd, Dummchen mit Hündchen als Freundin, Lieblingsdomizil Mallorca und Jet-Set-Koketterie als redundant, fast schon gestrig wirkend ausnimmt. Womöglich handelt es sich bei Bohlen um einen der letzten seiner Art, um die Krone der Schöpfung im Reich der Bobo-Popstars.
Überhaupt scheint mir die Ära des Wichtigtuers bald zu Ende zu gehen. Mit dem Erwachen der Krisengesellschaft und dem allgemeinen und wiedererstarkten Misstrauen in die fachlichen Fähigkeiten von Politikern wird auch der Wichtigtuer zunehmend kritischer beäugt. Man nimmt ihm seinen Schmäh nicht mehr ab bzw. vermutet man hinter seiner lästigen Selbstdarstellung immer öfter einen psychischen Defekt (Kompensationsverhalten) und hält Leute wie ihn für die eigentliche Wurzel allen gesellschaftlichen Übels. Die verzweifelte Reaktion des Wichtigtuers ob dieser fortschreitenden gesellschaftlichen Marginalisierung, die sein Typus erfährt, ist das Burn-Out. Hier hängt er wie Jesus am Kreuz und schluchzt Mitleid heischend in die Welt hinaus, wie schlecht es ihm doch ginge, dass auch er Opfer des Systems sei und nun, unverdientermaßen krank geworden, sein Joch nicht mehr zu tragen fähig ist. Man möge ihn durch Beachtung erlösen oder ihm zumindest eine entsprechende Abfindung zahlen, damit er sich aus dem Staub machen und endlich in der Versenkung verschwinden kann, um dann ein paar Jahre später wieder in einer Fernsehsendung nach dem Motto „Was wurde eigentlich aus...“ wieder aufzutauchen und entschuldigend in die Kamera grinsen zu können – im Privatfernsehen versteht sich, denn das ist sein angestammtes Soziotop. Das Dschungelcamp gibt es ja leider nicht mehr, aber bis dahin wird sich schon etwas anderes (er)finden lassen.
Ein Licht am Ende des Tunnels möchte ich den gerade erst begonnenen Niedergang des Wichtigtuers nicht nennen. Aber dennoch bietet sich eine Chance für einen Neubeginn im Sinne einer Reinterpretation dieser Figur. Wichtigtuer hat es nämlich auch vorher schon gegeben. Da war zum Beispiel jene Generation, die den Krieg überlebt und aus seinen Folgen gelernt hat. Eine Generation, die sich in Demut geübt und, davon ausgehend, das Sich-wichtig-Machen als „rhetorischen Lebensentwurf“ dazu nützte, um tatsächlich auch wichtig zu sein. Der Unterschied zu der heutigen Generation von Wichtigtuern ist neben der erwähnten Gründung in Demut das intellektuelle Kapital, das diese Wichtigtuer hatten. Sie nahmen sich wichtig und die Leute waren dankbar dafür. Sie nahmen sich wichtig und durften es auch, weil sie das nötige Rüstzeug dafür mitbrachten: Intelligenz, Denkbereitschaft, Umsicht und Geschichtsbewusstsein. Außerdem waren sie nicht bildungsfern, ganz im Gegenteil möchte man sie fast gelehrt nennen (auch in dieser Hinsicht ist Guttenbergs Doktorarbeits-Skandal mehr als nur ein akademisches Sandkastengeplänkel). Wenn Hemlut Schmidt einmal das Zeitliche segnet, wird vielleicht der letzte dieser Generation gegangen sein.
Dass der Wichtigtuer Repräsentativmensch unserer Zeit ist, mag unserer Gesellschaft kein gutes Zeugnis ausstellen. Aber es lässt zumindest Raum für Ärger und Unmut über Inkompetenz an falschen Orten. (Damit meine ich jetzt nicht die occupy-Bewegung, deren Feindbild ein Konglomerat aus höchst diffusen und allgemeinen Konzepten ist.) Es lässt Zeit, wieder Demut zu lernen und dabei bleibt zu hoffen, dass es diesmal keinen Krieg dazu braucht - obwohl die Verliebtheit der westlichen Gesellschaft in apokalyptische Szenarien dies nahe leg:. Was früher die Angst vor einem Krieg war, ist heute die Angst vor Umweltkatastrophen und/oder Seuchen a la EHEC, Vogel-, Schweine- und sonstigen Grippen, HIV etc. oder die Angst vor dem „Umsturz der Verhältnisse“ (Kleist) in Form von irgendwelchen Systemkrisen. Vielleicht entdeckt die nächste Generation, dass Kompetenz nicht immer nur „Inkompetenzkompensationskompetenz“ (Odo Marquard) sein kann. Und vielleicht tun wir uns dann auch wieder leichter damit, Anerkennung denjenigen zukommen zu lassen, denen Anerkennung gebührt (was uns momentan ja noch durch die Mechanismen der sogenannten „Neidgesellschaft“ großteils verwehrt bleiben muss) und vor allem im Gegenzug jenen Anerkennung zu verwehren, denen sie nicht gebührt.
Das Beklatschen und Verhätscheln von nicht Beklatschens- und Verhätschelnswerten ist im übrigen nicht unwesentlich der political correctness geschuldet, von der sich zu verabschieden das Programm einer „neuen“ Aufklärung sein muss. Die denkbehindernde und denkverhindernde Wirkung der political correctness ist mit den repressiven Gedankenkonstrukten eines religiösen Fundamentalismus vergleichbar. Die Wichtigtuer haben die Spielregeln der PC gekonnt genutzt und ausgenutzt, und zwar solange, bis sie selbst zu politisch korrekten Heiligenfiguren wurden und sich damit jeglicher Kritik entzogen haben. Der langsame aber stetige Niedergang dieser Heiligenverehrung ist die Götzendämmerung unserer Zeit. Die Aufhebung von Denkverboten bedeutet jene Freiheit, die wir einmal gemeint haben, da wir das Wort „Freiheit“ zum ersten Mal in den Mund nahmen. Doch sie fiel dem Misstrauen gegenüber bzw. der Angst vor der selbstregulativen Funktion des Denkens, dass alles denkbar sein muss und sich das am besten Denkbare durchsetzen wird (= Rational-Darwinismus), zum Opfer.
Dem Wichtigtuer weinen wir keine Träne nach, denn wir erkennen, dass wir uns geirrt haben. Und Irren ist nicht nur menschlich, weil es der Mensch tut, sondern vor allem weil es die conditio humana selbst ist (Goethe). Erst aber das Erkennen des Irrtums ist das wahre Denken und erst das Eingestehen des Irrtums ist wahre Demut. Deswegen kann Karl-Theodor zu Guttenberg nicht eingestehen: weil ihm als Wichtigtuer die Demut fehlt.
Mittwoch, 19. Oktober 2011
Wenn das die Alten wüssten!
"Goethe! Schiller!", schreit der Bollwerk-Bub unermüdlich. Er habe sie gelesen, sagt er. Zum Beweis zitiert er den Anfang von Faust "Habe nun ach! Philosophie...", dabei reißt er seine Augen samt erweiterten Pupillen weit auf. So hat sich das der Goethe nicht vorgestellt, denke ich mir. Dass da einer mit blondierten Haaren, Ohrringen, tätowiert und mit New-Yorker-Klamotten in einem Lokal steht und ihn zitiert. Oder vielleicht schon - vielleicht würd ihn ein moderner (noch lebender) Goethe als eine zeitgenössische Werther-Figur akzeptieren. Ich habe da aber so meine Zweifel.
"Faust - der Tragödie erster Teil!", verkündet der Bub. Ich frage ihn, ob er auch noch was anderes könne, weil sowohl "Faust - der Tragödie erster Teil" als auch der Beginn von Fausts erstem Monolog, das sei beides vorne und hinten auf dem Reclam-Hefterl zu finden. Um das zitieren zu können, sage ich ihm, reiche es, wenn man das Bücherl nur lange genug unaufgeschlagen vor sich liegen hat und einfach nur draufstarrt - am Klo zum Beispiel. Natürlich bin ich ihm nicht böse und tatsächlich sage ich "Hefterl" und "Bücherl", benutze also ganz bewusst Diminutive, die man Kindern zumuten kann. Das klingt lieb und verständnisvoll, verfehlt aber seine Wirkung, denn der Bub ist irgendwie ganz erbost über meine Anschuldigungen.
"Auerbachs Keller!", sagt er und weiter nichts. Ich fasse zusammen: Bis jetzt hat der Bub die Namen von Goethe und Schiller zitiert, behauptet, er habe beide gelesen (meint er - in metonymischer Wendung - beider Gesamtwerk?), dann hat er die Vorder- und Rückseite des Reclam-Hefterls zitiert. Auerbachs Keller kennt er auch. Man hat es also anscheinend mit einem Experten zu tun! Leider stellt sich bei genauerer Nachfrage heraus, dass sich das Expertentum des Buben auf das Sozialgefüge im Bollwerk beschränkt. Goethe und Schiller habe er in der Schule (sic!) gelesen. Es habe ihm aber gefallen.
Jemand sagt ihm, dass ich Germanist sei, also bittet er mich, ihm weitere Lektüreempfehlungen zu geben. Ich zähle ihm widerwillig alles auf, den ganzen Kanon, rate ihm davon ab, irgendwas zu lesen, was früher als im 18. Jahrhundert geschrieben wurde, sage ihm, dass die Traditionslinien des Realismus im 20. Jahrhundert interessanter sind als der bürgerliche Realismus, dass er sich selbigen also sparen könne, außer er erhebe Anspruch auf Vollständigkeit. Besonders empfohlen habe ich ihm natürlich Büchner, Kleist, Kafka und Musil - sie alle kennt er nur vom Hörensagen, seine Augen leuchten. Lyrik wolle er auch lesen, ich warne ihn also vor Hölderlin, spreche von einem "Wagnis", gleichzeitig auch von einer "lohnenden Herausforderung" - ich komme mir ganz deppert vor.
Abschließend sage ich ihm, dass es aber auch Leute gebe, die behaupten, dass, wenn man nur Goethe und Schiller gelesen habe, es eigentlich reichen würde. "Goethe! Schiller!", könne er dann den Rest seines Lebens brüllen und mit der entsprechenden Lektüreerfahrung würde er sich damit auch nicht gänzlich lächerlich machen. "Man kann ja nicht alles wissen wollen", sage ich ihm noch aufmunternd. Der Bub scheint mir das nicht ganz glauben zu wollen und das, obwohl er den Faust gelesen hat...
Ich bin froh, das leidige Gespräch zu einem versöhnlichen Abschluss gebracht zu haben und der Bub erzählt mir, wie er am Jakominiplatz von drei Bollwerk-Typen verprügelt worden ist. Dass er weggerannt sei, nachdem er zwei davon KO geschlagen hat, dass er aber selber eine gefangen habe und ich damit rechnen müsse, dass jeden Moment ein Dübel aus seiner Stirn wachse.
Zwei Stunden später, bevor der Bub das Lokal verlässt, überprüfe ich seine Stirn - kein Dübel weit und breit, nicht einmal rot ist es irgendwo. Ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Gleichzeitig aber empfinde ich aufgrund des Gedankens, dass da draußen ein Goethe lesender vorgeblicher Bollwerk-Prügler seine Kreise zieht, dankbare Behaglichkeit.
Daheim muss ich auf facebook lesen, wie sich jemand über den Satz "Das Nichts nichtet" amüsiert (*lol* ;-) *gg*). Den Satz habe man damals einmal bei "Echt fett" gehört.
Wenn Goethe schon nicht wegen des Bollwerk-Werthers im Grabe rotiert, so würde zumindest der Heidegger ein griesgrämiges Gesicht ziehen, wenn er erführe, dass die Jugend seine Sätze aus einem situationskomödiantischen Fernsehprogramm mit dem Namen "Echt fett" kennt und sie mit Emoticons und äußerste Heiterkeit anzeigenden Internet-Akronymen versieht. Wenn die das alles wüssten...
"Faust - der Tragödie erster Teil!", verkündet der Bub. Ich frage ihn, ob er auch noch was anderes könne, weil sowohl "Faust - der Tragödie erster Teil" als auch der Beginn von Fausts erstem Monolog, das sei beides vorne und hinten auf dem Reclam-Hefterl zu finden. Um das zitieren zu können, sage ich ihm, reiche es, wenn man das Bücherl nur lange genug unaufgeschlagen vor sich liegen hat und einfach nur draufstarrt - am Klo zum Beispiel. Natürlich bin ich ihm nicht böse und tatsächlich sage ich "Hefterl" und "Bücherl", benutze also ganz bewusst Diminutive, die man Kindern zumuten kann. Das klingt lieb und verständnisvoll, verfehlt aber seine Wirkung, denn der Bub ist irgendwie ganz erbost über meine Anschuldigungen.
"Auerbachs Keller!", sagt er und weiter nichts. Ich fasse zusammen: Bis jetzt hat der Bub die Namen von Goethe und Schiller zitiert, behauptet, er habe beide gelesen (meint er - in metonymischer Wendung - beider Gesamtwerk?), dann hat er die Vorder- und Rückseite des Reclam-Hefterls zitiert. Auerbachs Keller kennt er auch. Man hat es also anscheinend mit einem Experten zu tun! Leider stellt sich bei genauerer Nachfrage heraus, dass sich das Expertentum des Buben auf das Sozialgefüge im Bollwerk beschränkt. Goethe und Schiller habe er in der Schule (sic!) gelesen. Es habe ihm aber gefallen.
Jemand sagt ihm, dass ich Germanist sei, also bittet er mich, ihm weitere Lektüreempfehlungen zu geben. Ich zähle ihm widerwillig alles auf, den ganzen Kanon, rate ihm davon ab, irgendwas zu lesen, was früher als im 18. Jahrhundert geschrieben wurde, sage ihm, dass die Traditionslinien des Realismus im 20. Jahrhundert interessanter sind als der bürgerliche Realismus, dass er sich selbigen also sparen könne, außer er erhebe Anspruch auf Vollständigkeit. Besonders empfohlen habe ich ihm natürlich Büchner, Kleist, Kafka und Musil - sie alle kennt er nur vom Hörensagen, seine Augen leuchten. Lyrik wolle er auch lesen, ich warne ihn also vor Hölderlin, spreche von einem "Wagnis", gleichzeitig auch von einer "lohnenden Herausforderung" - ich komme mir ganz deppert vor.
Abschließend sage ich ihm, dass es aber auch Leute gebe, die behaupten, dass, wenn man nur Goethe und Schiller gelesen habe, es eigentlich reichen würde. "Goethe! Schiller!", könne er dann den Rest seines Lebens brüllen und mit der entsprechenden Lektüreerfahrung würde er sich damit auch nicht gänzlich lächerlich machen. "Man kann ja nicht alles wissen wollen", sage ich ihm noch aufmunternd. Der Bub scheint mir das nicht ganz glauben zu wollen und das, obwohl er den Faust gelesen hat...
Ich bin froh, das leidige Gespräch zu einem versöhnlichen Abschluss gebracht zu haben und der Bub erzählt mir, wie er am Jakominiplatz von drei Bollwerk-Typen verprügelt worden ist. Dass er weggerannt sei, nachdem er zwei davon KO geschlagen hat, dass er aber selber eine gefangen habe und ich damit rechnen müsse, dass jeden Moment ein Dübel aus seiner Stirn wachse.
Zwei Stunden später, bevor der Bub das Lokal verlässt, überprüfe ich seine Stirn - kein Dübel weit und breit, nicht einmal rot ist es irgendwo. Ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Gleichzeitig aber empfinde ich aufgrund des Gedankens, dass da draußen ein Goethe lesender vorgeblicher Bollwerk-Prügler seine Kreise zieht, dankbare Behaglichkeit.
Daheim muss ich auf facebook lesen, wie sich jemand über den Satz "Das Nichts nichtet" amüsiert (*lol* ;-) *gg*). Den Satz habe man damals einmal bei "Echt fett" gehört.
Wenn Goethe schon nicht wegen des Bollwerk-Werthers im Grabe rotiert, so würde zumindest der Heidegger ein griesgrämiges Gesicht ziehen, wenn er erführe, dass die Jugend seine Sätze aus einem situationskomödiantischen Fernsehprogramm mit dem Namen "Echt fett" kennt und sie mit Emoticons und äußerste Heiterkeit anzeigenden Internet-Akronymen versieht. Wenn die das alles wüssten...
Freitag, 7. Oktober 2011
Manchmal blättert
– eigentlich scrollt - man
durch die Liste von
Freundschaftsvorschlägen.
Sei es, weil man sich,
gepiesakt von echten Menschen,
einsam und ungeliebt fühlt.
Oder sei es, weil man sich einfach gerne
durch fremde Gesichter und Namen wühlt.
„Ach, wie nett“,
denkt man sich dann,
und klickt die bekannteren
Köpfe an.
Doch meistens
erspäht man die miesen Visagen
von Quälgeistern, Deppen
und völlig nutzlosen
Loiseln und Seppen:
Den einen gemieden,
vom ander'n geschieden,
die eine vermisst,
die and're geküsst...
So viele andere, fremdere Leben,
die mit dem eig'nen facebook-Profil
nichts mehr zu tun haben mögen!
Die Freundschaftsvorschläge also bleiben
- bei aller künstlicher Netz-Hawarie -
eine äußerst traurige Galerie!
Mittwoch, 5. Oktober 2011
Bescheidener Beginn eines Semesters
Als angehender Doktorand meint man ja manchmal, arrogant sein zu können. Deswegen ist man ein wenig enttäuscht, wenn man die Studien- und Prüfungsabteilung betritt und sich dort anscheinend alles um die blutigen Anfänger dreht. Um die 11er-Matrikelnummern nämlich. "Erstinskription" steht über fast jedem Schalter. Nirgendwo steht "Nur für Doktoranden" oder "Mag. only". Für's Anstellen ist man sich zu schade, daher verlässt man den Raum wieder und geht lieber einen Kaffee trinken. Da man mit der Inskription noch bis 20. Oktober oder gar länger Zeit hat, beschließt man, erst übermorgen wieder hinzugehen. Dann allerdings früher, und nicht erst um halb elf, wenn die Primetime für studentische Langschläfer, die sich fälschlicherweise als Frühaufsteher begreifen, beginnt.
Über den Campus schreitend - mit Magistertitel schreitet man vermeintlich, vorher schlurfte man - betrachtet man abschätzig das so genannte Studentenpack, vor allem jene Exemplare, welche die Individualität zu Ungunsten der Ästhetik ausleben und also besonders studentisch aussehen (wollen). Dann ärgert man sich über sich selbst und seine falsche und völlig unbegründete, noch wichtiger aber: vollkommen unlegitimierte Arroganz, und fragt sich, was aus einem geworden ist.
Wenig später sitzt man in kurzen Hosen und ohne T-Shirt an einem unaufgeräumten Schreibtisch und isst halb verbrannte Fertigpizza. Dann die große Epiphanie: So kann es nicht weiter gehen, es muss sich etwas ändern, etc. (Kennt man ja aus den vorigen Semestern!)
Man erinnert sich an das halbfertige Bachelorstudium und sucht im Online-Katalog der Lehrveranstaltungen nach dieser Einführungsvorlesung, die man seit neuestem machen muss und die man selbst noch nicht gemacht hat. Die Lehrveranstaltungsinformation macht darauf aufmerksam, dass die mitzubringenden Voraussetzungen "Maturaniveau und gesunder Hausverstand" sind. Man weiß nicht, ob man sich über diese Mitteilung wundert, oder eher darüber, dass eine solche nicht überhaupt in jeder Lehrveranstaltungsbeschreibung zu finden ist. "Schlecht wäre es sicher nicht", denkt man schon wieder mit der Arroganz eines Magisters, der sich obendrein noch zu Schade ist, diesen peinlichen Titel im Namen zu führen.
Man informiert sich noch, was es sonst neues an der Fakultät gibt (man denkt ja jetzt transinstitutionell) und fragt sich, ob man für einen "einmaligen finanziellen Zuschuss für StudentInnen in aktuellen psychosozialen Notlagen" infrage kommen könnte. "Was es heutzutage alles gibt!", sagt man sich altklug, so als hätte man selbst noch die Zeiten erlebt, in denen man in Hörsälen rauchen durfte und es im Winter durch die geschlossenen Fenster schneite. Da das Chaos auf dem Schreibtisch aber nicht Ausdruck einer psychosozialen Notlage ist, sondern noch von den schwierigen Zeiten des ausgehenden Magisterstudiums zeugt, beruhigt man sich bald und sieht ein, dass sowohl die Arroganz des Magisters wie auch die Zukunftsangst des Doktoranden vorerst unbegründet sind.
Dann fällt einem noch der Anfang der DDR-Hymne ein: "Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt..." So sammelt man sich und macht reinen (Schreib)tisch. Möge das Semester beginnen!
Donnerstag, 29. September 2011
Der Streber
Seine Familie kann man sich genauso wenig aussuchen wie seine Sitznachbarn im Flugzeug. Mit ersterem habe ich, so ist mir spätestens nach diesem Amerika-Aufenthalt gewiss, großes Glück gehabt. Mit den Sitznachbarn schaut es weniger gut aus. Dabei bleibt freilich offen, ob es sich bei diesen Menschen wirklich um Ungustln bzw. unangenehme Personen per se handelt, oder ob sie für mich nur durch den Umstand, neben mir zu sitzen, dazu werden.
Gut, ich habe wenigstens einen Sitz am Gang erwischt, habe also quasi nur einen Sitznachbar, als ich mich in die Delta-Maschine zurück nach München setze. Das Flugzeug ist halbvoll mit Amerikanern, einige davon auf dem Weg zum unvermeidbaren Oktoberfest. Die andere Hälfte sind Deutsche auf dem Weg in die Heimat, wo sie sicherlich besser hinpassen, als nach Amerika. Behaupte noch einer, Amerikaner würden sich oft unästhetisch kleiden und schnuddelig daherkommen, dem seien diese deutschen Touristen gezeigt mit ihren allzu deutschen, vom Urlaub gepeinigten Gesichtern und ihrer Sprache, die niemals jener der ARD-Nachrichtensprecher ähnelt, sondern immer sächsischer, niederbayerischer, schwäbischer oder irgendein anderer, nur schwer zu ertragender Dialekt ist. Sie schlurfen ungekämmt und ungewaschen in Trainingsanzügen durch die Flughafenhallen und jammern über alles, als hätten sie selbst – und nicht etwa die Österreicher – das Jammern erfunden.
Ich sitze neben einem Amerikaner. Sollte er sich auf dem Weg zum Oktoberfest befinden, wird es sicherlich kein allzu lustiges. Es handelt sich um eine vollkommen humorlose Person. Eigentlich handelt es sich um einen Streber. Er gibt sich Mühe, besonders aufrecht zu sitzen, hat eine Brille, die ihm zwar nicht passt, aber wahrscheinlich unheimlich „praktisch“ ist, seine Frisur ist, wenn schon nicht schön, dann jedenfalls „pflegeleicht“. Er hat Finger mit sehr kurzen Nägeln, sie sehen irgendwie aus wie Ingenieursfinger. Mit solchen Fingern tippt man auf Taschenrechnern herum oder hält Lineale, keinesfalls verwendet man sie zum Gitarre Spielen oder für obszöne Gesten.
Der Streber hält einen Kindle in der Hand. Ja, auch irgendwie vernünftig, denke ich mir, der hat sich den sicherlich aus Gründen der Umweltfreundlichkeit gekauft. iPad ist ihm unvernünftig zu teuer und andere Tablets sind ihm suspekt; daher Kindle: die vielen Bäume, die nicht gefällt werden! Gänzlich unsympathisch ist mir die Kunstlederhülle seines Kindles. Er klappt sie auf und hält sie so, als würde er ein tatsächliches Buch in der Hand halten. An der Seite seiner Kindle-Hülle ist eine Leselampe befestigt, die er eifrig über den Bildschirm biegt und einschaltet, als das Licht in der Kabine gedimmt wird. Die Leselampe sieht aus wie ein Fühler eines Glühwürmchens und irgendwie finde ich es drollig, wie stolz der Streber auf dieses Lämpchen offensichtlich ist.
Bei der Stewardess bestellt er überraschenderweise Wein. Was mich zuerst ein wenig stutzig macht, offenbart sich bald als eine Geste des eingebildeten Geschmacks. Tatsächlich trinkt er den Wein so, als handelte es sich dabei um etwas ganz Besonderes. Als hätte er keinen viel zu vollen Plastikbecher in der Hand, sondern ein Kristallglas. Als wäre es kein Tetra-Pak-Wein, sondern ein ganz besonders feinen Tropfen. Wieder finde ich das irgendwie lieb und überlege mir, was ich bestellen könnte, um ihn sich noch feiner fühlen lassen zu können. Bier möchte ich keines, sonst fällt mir nichts ein, also bestelle ich nichts. Das scheint den Streber ein wenig zu verunsichern. Asketismus, so kommt mir vor, dass er mich spüren lassen will, ist doch eigentlich seine Domäne!
So setzt sich der Streber noch ein wenig aufrechter hin und beschließt insgeheim, die ganze Flugzeit von 9 Stunden nicht aufzustehen. Das sollte ihm tatsächlich gelingen, denn sein nun praktizierter Asketismus lässt anscheinend sogar seinen Harndrang verstummen. Ich muss zugeben, dass ich am Ende des Fluges ein klein wenig beeindruckt war.
Die meiste Zeit liest der Streber, nur selten unterhält er sich mit seinem Begleiter, der links neben ihm sitzt. Mit mir unterhält er sich gar nicht und ich bin eigentlich sehr froh darüber. Ein gelegentliches Schielen auf seinen Kindle verrät mir, dass er einen Krimi liest. Ja vielleicht sogar eher einen Agenten-Roman, jedenfalls etwas furchtbar Geschmackloses. Meine neugierigen Ausflüge auf sein Display zeigen mir einen Dialog, in dem jemand aufgefordert wird, irgendwelche „Dokumente“ zu beschaffen. Ich erfahre außerdem, dass jemand für den KGB arbeitet, dass es einen Romanov gibt und dass jemand von Solothurn (gute Agentengeschichten müssen irgendwann immer auch in der Schweiz spielen) nach Frankfurt fahren muss und das in einem schwarzen Jaguar tut.
Ich glaube gar nicht, dass der Streber seinen Roman sonderlich gut findet. Vielmehr hat er ihn sich auf seinen Kindle geladen, weil er erstens so enthusiastisch seines vermutlich neuen E-Readers wegen war, und weil er zweitens der Meinung ist, dass man sich für einen langen Flug ein Buch kaufen sollte. Weil er sonst nichts liest, und sich von einem Spionage-Thriller (?) garantierte Unterhaltung erwartet hat, hat er sich dieses Buch gekauft. Und was er sich gekauft hat, das liest er auch. Denn das gehört sich so.
Was sich allerdings nicht gehört, ist, dass der Streber etwa alle 40 Minuten einen Puh lässt. Ich möchte mich gerne bei ihm beschweren, aber was ist leichter, als die Urheberschaft eines Flatus abzustreiten, noch dazu eines leisen? So begnüge ich mich damit, jedes mal, wenn mir eine seiner Entweichungen zur Nase steigt, wiederholt den Kopf zu schütteln. Mir ist bewusst, dass es sich hierbei um ein lächerliches Verhalten handelt, und ich weiß auch gar nicht, ob der Streber meinen Ausdruck verständnislosen Widerwillens zur Kenntnis nimmt. Aber wie soll ich mir sonst behelfen? Aha, denke ich mir, vorgeben, ein Asket zu sein und dann die ganze Zeit einen Puh lassen müssen! Eine solche Hybris lässt mich dann einfach ganz automatisch den Kopf schütteln...
Der falsche Asket verzichtet auch auf sein Frühstück. Vermutlich möchte er durch diesen Stop der Nahrungsaufnahme seinen Flatulenzen Einhalt gebieten. Oder er möchte wirklich beweisen, dass er einen 9 Stunden langen Flug ohne Frühstück und ohne aufs Klo zu gehen aushält. Ich merke, er will es mir beweisen. Und ich wünschte, er würde doch endlich aufstehen und auf die Toilette gehen, damit wenigstens mit dem unsäglichen Puh-Lassen Schluss ist. Doch er verweigert und liest sichtlich gelangweilt weiter seinen Agenten-Roman auf seinem Kindle mit dem lieben Leselicht, das er mit seinen Ingenieursfingern so ausrichtet, dass es möglichst effizient das Display ausleuchtet. In mir steigt eine kleine Wut hoch. Ich versuche, mir die Zeit mit Mahjongg-Spielen zu vertreiben, spiele hektisch ungefähr 50 Partien – irgendwie muss die Zeit doch totgeschlagen werden.
Als sich am Ende des Fluges der Streber erhebt und das Flugzeug verlässt, bin ich erleichtert. Ich bleibe sogar noch ein wenig sitzen, um sein Verschwunden-Sein noch etwas genießen zu können. Während sich bei mir ein paar Oktoberfest-Bayern vorbeischieben und mir wieder die anderen widerlichen Fluggäste einfallen, wird mir plötzlich klar, warum mir der Streber als Sitznachbar sozusagen gesandt wurde: Er sollte mir den Abschied von Amerika besonders leicht machen! Mission erfüllt, Ingenieur Puh!
Gut, ich habe wenigstens einen Sitz am Gang erwischt, habe also quasi nur einen Sitznachbar, als ich mich in die Delta-Maschine zurück nach München setze. Das Flugzeug ist halbvoll mit Amerikanern, einige davon auf dem Weg zum unvermeidbaren Oktoberfest. Die andere Hälfte sind Deutsche auf dem Weg in die Heimat, wo sie sicherlich besser hinpassen, als nach Amerika. Behaupte noch einer, Amerikaner würden sich oft unästhetisch kleiden und schnuddelig daherkommen, dem seien diese deutschen Touristen gezeigt mit ihren allzu deutschen, vom Urlaub gepeinigten Gesichtern und ihrer Sprache, die niemals jener der ARD-Nachrichtensprecher ähnelt, sondern immer sächsischer, niederbayerischer, schwäbischer oder irgendein anderer, nur schwer zu ertragender Dialekt ist. Sie schlurfen ungekämmt und ungewaschen in Trainingsanzügen durch die Flughafenhallen und jammern über alles, als hätten sie selbst – und nicht etwa die Österreicher – das Jammern erfunden.
Ich sitze neben einem Amerikaner. Sollte er sich auf dem Weg zum Oktoberfest befinden, wird es sicherlich kein allzu lustiges. Es handelt sich um eine vollkommen humorlose Person. Eigentlich handelt es sich um einen Streber. Er gibt sich Mühe, besonders aufrecht zu sitzen, hat eine Brille, die ihm zwar nicht passt, aber wahrscheinlich unheimlich „praktisch“ ist, seine Frisur ist, wenn schon nicht schön, dann jedenfalls „pflegeleicht“. Er hat Finger mit sehr kurzen Nägeln, sie sehen irgendwie aus wie Ingenieursfinger. Mit solchen Fingern tippt man auf Taschenrechnern herum oder hält Lineale, keinesfalls verwendet man sie zum Gitarre Spielen oder für obszöne Gesten.
Der Streber hält einen Kindle in der Hand. Ja, auch irgendwie vernünftig, denke ich mir, der hat sich den sicherlich aus Gründen der Umweltfreundlichkeit gekauft. iPad ist ihm unvernünftig zu teuer und andere Tablets sind ihm suspekt; daher Kindle: die vielen Bäume, die nicht gefällt werden! Gänzlich unsympathisch ist mir die Kunstlederhülle seines Kindles. Er klappt sie auf und hält sie so, als würde er ein tatsächliches Buch in der Hand halten. An der Seite seiner Kindle-Hülle ist eine Leselampe befestigt, die er eifrig über den Bildschirm biegt und einschaltet, als das Licht in der Kabine gedimmt wird. Die Leselampe sieht aus wie ein Fühler eines Glühwürmchens und irgendwie finde ich es drollig, wie stolz der Streber auf dieses Lämpchen offensichtlich ist.
Bei der Stewardess bestellt er überraschenderweise Wein. Was mich zuerst ein wenig stutzig macht, offenbart sich bald als eine Geste des eingebildeten Geschmacks. Tatsächlich trinkt er den Wein so, als handelte es sich dabei um etwas ganz Besonderes. Als hätte er keinen viel zu vollen Plastikbecher in der Hand, sondern ein Kristallglas. Als wäre es kein Tetra-Pak-Wein, sondern ein ganz besonders feinen Tropfen. Wieder finde ich das irgendwie lieb und überlege mir, was ich bestellen könnte, um ihn sich noch feiner fühlen lassen zu können. Bier möchte ich keines, sonst fällt mir nichts ein, also bestelle ich nichts. Das scheint den Streber ein wenig zu verunsichern. Asketismus, so kommt mir vor, dass er mich spüren lassen will, ist doch eigentlich seine Domäne!
So setzt sich der Streber noch ein wenig aufrechter hin und beschließt insgeheim, die ganze Flugzeit von 9 Stunden nicht aufzustehen. Das sollte ihm tatsächlich gelingen, denn sein nun praktizierter Asketismus lässt anscheinend sogar seinen Harndrang verstummen. Ich muss zugeben, dass ich am Ende des Fluges ein klein wenig beeindruckt war.
Die meiste Zeit liest der Streber, nur selten unterhält er sich mit seinem Begleiter, der links neben ihm sitzt. Mit mir unterhält er sich gar nicht und ich bin eigentlich sehr froh darüber. Ein gelegentliches Schielen auf seinen Kindle verrät mir, dass er einen Krimi liest. Ja vielleicht sogar eher einen Agenten-Roman, jedenfalls etwas furchtbar Geschmackloses. Meine neugierigen Ausflüge auf sein Display zeigen mir einen Dialog, in dem jemand aufgefordert wird, irgendwelche „Dokumente“ zu beschaffen. Ich erfahre außerdem, dass jemand für den KGB arbeitet, dass es einen Romanov gibt und dass jemand von Solothurn (gute Agentengeschichten müssen irgendwann immer auch in der Schweiz spielen) nach Frankfurt fahren muss und das in einem schwarzen Jaguar tut.
Ich glaube gar nicht, dass der Streber seinen Roman sonderlich gut findet. Vielmehr hat er ihn sich auf seinen Kindle geladen, weil er erstens so enthusiastisch seines vermutlich neuen E-Readers wegen war, und weil er zweitens der Meinung ist, dass man sich für einen langen Flug ein Buch kaufen sollte. Weil er sonst nichts liest, und sich von einem Spionage-Thriller (?) garantierte Unterhaltung erwartet hat, hat er sich dieses Buch gekauft. Und was er sich gekauft hat, das liest er auch. Denn das gehört sich so.
Was sich allerdings nicht gehört, ist, dass der Streber etwa alle 40 Minuten einen Puh lässt. Ich möchte mich gerne bei ihm beschweren, aber was ist leichter, als die Urheberschaft eines Flatus abzustreiten, noch dazu eines leisen? So begnüge ich mich damit, jedes mal, wenn mir eine seiner Entweichungen zur Nase steigt, wiederholt den Kopf zu schütteln. Mir ist bewusst, dass es sich hierbei um ein lächerliches Verhalten handelt, und ich weiß auch gar nicht, ob der Streber meinen Ausdruck verständnislosen Widerwillens zur Kenntnis nimmt. Aber wie soll ich mir sonst behelfen? Aha, denke ich mir, vorgeben, ein Asket zu sein und dann die ganze Zeit einen Puh lassen müssen! Eine solche Hybris lässt mich dann einfach ganz automatisch den Kopf schütteln...
Der falsche Asket verzichtet auch auf sein Frühstück. Vermutlich möchte er durch diesen Stop der Nahrungsaufnahme seinen Flatulenzen Einhalt gebieten. Oder er möchte wirklich beweisen, dass er einen 9 Stunden langen Flug ohne Frühstück und ohne aufs Klo zu gehen aushält. Ich merke, er will es mir beweisen. Und ich wünschte, er würde doch endlich aufstehen und auf die Toilette gehen, damit wenigstens mit dem unsäglichen Puh-Lassen Schluss ist. Doch er verweigert und liest sichtlich gelangweilt weiter seinen Agenten-Roman auf seinem Kindle mit dem lieben Leselicht, das er mit seinen Ingenieursfingern so ausrichtet, dass es möglichst effizient das Display ausleuchtet. In mir steigt eine kleine Wut hoch. Ich versuche, mir die Zeit mit Mahjongg-Spielen zu vertreiben, spiele hektisch ungefähr 50 Partien – irgendwie muss die Zeit doch totgeschlagen werden.
Als sich am Ende des Fluges der Streber erhebt und das Flugzeug verlässt, bin ich erleichtert. Ich bleibe sogar noch ein wenig sitzen, um sein Verschwunden-Sein noch etwas genießen zu können. Während sich bei mir ein paar Oktoberfest-Bayern vorbeischieben und mir wieder die anderen widerlichen Fluggäste einfallen, wird mir plötzlich klar, warum mir der Streber als Sitznachbar sozusagen gesandt wurde: Er sollte mir den Abschied von Amerika besonders leicht machen! Mission erfüllt, Ingenieur Puh!
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