Impressionen vom Kitzbüheler Bet-at-home-Cup (ATP 250) am Montag und Dienstag
Der Klescher und der Bauer
Es klescht, wenn Dominic Thiem aufschlägt, und zwar gleich drei mal: Zuerst, wenn sein Schläger den Ball trifft; dann, wenn der Ball im Aufschlagfeld aufspringt (da staubt es auch gleich ordentlich) und das dritte Mal, wenn der Gegner versucht, den Ball zu retournieren. Beeindruckend, der junge Österreicher, der in Kitzbühel gegen den Slowaken Martin Klizan ein sehr ordentliches Match abliefert! Leider muss er sich im dritten Satz 5:7 geschlagen geben: Nach einem unglaublichen Ballwechsel, den er noch gewinnen kann, wird Thiem von Krämpfen geplagt und plötzlich klescht der Aufschlag nicht mehr. Mit Mühe wurstelt Thiem noch drei Aufschläge ins Feld, diese aber gleichen eher den Tomatenbällen des Italieners Filippo Volandri, der aufschlägt wie ein Schuljunge. Ein gefundenes Fressen für den auf Nummer 5 gesetzten Klizan, dem es schon unbequem geworden war in diesem Match. Klizan gewinnt das Spiel, den Satz und das Match. Wie er das gemacht hat, weiß keiner so recht. Nur Günter Bresnik, der obergescheite Trainer von Thiem, weiß es ganz genau!
Dieser erklärt nach dem Match beim Interview, dass er so etwas von seinem Schützling nicht erwartet hätte. Anscheinend habe Thiem konditionelle Probleme, so Bresnik. Er sei enttäuscht von der Leistung Thiems und ihm sei gänzlich unklar, wie man so eine Partie noch aus der Hand geben könne. Ein Trainer also, der über das Leistungspotenzial seines Schützlings entweder zu wenig informiert ist, oder dieses maßlos überschätzt hat? Oder einfach nur ein Wichtigtuer, der in bäuerlichster Manier seinem Protegé vor Publikum die Leviten liest? Professionalität sieht jedenfalls anders aus. Das Publikum quittiert Günter Bresniks emotionalen Stammtisch-Kauderwelsch mit Buh-Rufen, bevor Bresnik seinerseits sarkastisch den erhobenen Daumen zeigt. „Suppa sats!“, wird er sich gedacht haben. „Ein Bauer bist!“, hat sich wohl das Publikum gedacht.
Die Gulbis-Show
Ernests Gulbis geht die Grundlinie auf und ab, immer wieder in das Publikum stierend. Seit dem ersten Spiel scheint er sich nicht wohl zu fühlen. Kein Wunder, muss er doch gegen Lokalmatador Andreas Haider-Maurer ran, der von den eher spärlich besetzten Rängen in bester Stammtisch-Manier angefeuert wird. „Geht scho, Andi!“ - „Gemma, Andi!“ - „Supa, Andi, supa!“ und mein persönliches Highlight der Grenzdebilität: „Vamos, Ändy!“ (Wirklich? Ändy? Vamos? Come on...)
Haider-Maurer schlägt immens stark auf. Aber Gulbis, der bisher einzige tatsächliche Vertreter eines ATP-Niveaus, kann sich auf den Aufschlag einstellen. Er retourniert Haider-Maurers erste Aufschläge souverän und attackiert die zweiten geradezu unwirsch. Den ersten Satz verliert er noch, den zweiten kann er knapp für sich entscheiden, im dritten geht Haider-Maurer 1:6 unter.
Was dazwischen passiert, sorgt bei den meisten im Stadion für Unverständnis. Gulbis legt sich mit dem Publikum an, Gulbis macht Mätzchen, Gulbis schimpft mit sich selbst, Gulbis raunzt Ballkinder an. „Buh!“, sagt das Kitzbüheler Publikum. Mir gefällt es insgeheim, weil es hier endlich Theater zu sehen gibt. Und gutes Tennis obendrein! Im Fernsehen sieht man es oft nicht so genau, aber der Niveauunterschied zwischen einem potenziellen Top-20-Mann und einem, der ewig zwischen Platz 80 und 120 der Weltrangliste rauf- und runter paternostert, ist, gelinde gesagt, schlagend! Gulbis ist ein Vertreter ersterer Spezies, und davon der erste, den ich beim Turnier in Kitzbühel verfolgen kann; insofern stört es mich überhaupt nicht, dass er sich hier keine Freunde macht. Noch dazu scheint er nicht hundertprozentig fit zu sein – er lässt ich am Ende des zweiten Satzes immer wieder an der Schulter behandeln.
Nach dem Match bemüht sich Gulbis um Schadensbegrenzung. Wie ein Schuljunge (ein anderer Typ Schuljunge als Volandri!) steht er beim On-Court-Interview und entschuldigt sich, dass er den „local guy“ nach Hause schicken musste. Er hoffe aber, dass die Unterhaltung gut war. Kein Wunder: Dieser Mann kommt aus einer Schauspielerfamilie!
Der Kornspitzbub
Eines muss man Alexander Antonitsch zu gute halten: Seine latente Unbekümmertheit (die oft pathologisch wirkt) trägt manchmal auch unerwartete Früchte. Seine Idee des „Spiel deines Lebens“ ist zum Beispiel so eine Frucht. Über 4.000 Leute bewarben sich um einen Platz an der Seite von Philipp Kohlschreiber im Kitzbüheler Doppelbewerb. Acht davon wurden zu einem Tie-Break-Shootout geladen, in welchem sich der junge Oberösterreicher Stephan Tumphart durchsetzte. Dieser Hobby-Spieler, der zuletzt im „Kornspitz-Cup“ erfolgreich war, durfte nun zusammen mit der Nummer 21 der Welt am Platz stehen. In der ersten Runde ging es gegen Nadal-Bezwinger Lukas Rosol aus Tschechien und den Argentinier Horacio Zeballos.
Philipp Kohlschreiber tat sich unter diesen Bedingungen schon vor dem Match als guter Sportsmann hervor. Freilich, ihm war der Doppelbewerb wahrscheinlich nicht wirklich wichtig, aber immerhin ließ er sich zu diesem „Crowd-grooming“ überreden und so war das ganze eine witzige und eigentlich auch überaus interessante Aktion. Wie würde ein Amateur auf ATP-Level mithalten können?
Um dies zu beobachten, musste man sich auf dem Grandstand einfinden, wo zu Beginn dieses Matches schon ungewöhnlich viele Leute Platz genommen hatten. Würde der 20-jährige Tumphart überhaupt ein Aufschlagspiel durchbringen können? Wie würde er die Aufschläge der Profis retournieren? - alles Fragen, die Tumphart schon nach drei Games beinahe mit Gleichmut beantwortet hatte. Zwar hörte man noch beim einen oder anderen Service-Return ein überraschtes „Boah!“ aus dem Mund des TU-Studenten, sein erstes Aufschlagspiel aber brachte er souverän durch. (Den ersten Doppelfehler im Match machte übrigens Kohlschreiber.) Kohli unterstützte seinen Partner mit Tipps und kleinen Aufmunterungen, wenn Tumphart bei einem Ballwechsel das Nachsehen hatte – was weniger oft der Fall war, als man geglaubt hätte. Der erste Satz ging für die beiden knapp mit 5:7 verloren. Das war's dann wohl – dachte man und verließ den Grandstand.
Wenig später, zurück auf dem Centercourt, hörte man die Durchsage, dass das Unglaubliche wahr geworden war und Kohlschreiber/Tumphart tatsächlich den Sieg davon getragen haben. Im Champions-Tiebreak besiegten sie Rosol/Zeballos 10:5 und zogen damit in die zweite Runde ein! Die ATP zeigte sich ratlos, denn niemand kannte den Mann, der da an der Seite von Philipp Kohlschreiber spielte. Ebenso ratlos muss Tumphart selbst gewesen sein – denn er selbst hätte wohl am wenigsten geglaubt, dass er eine Chance auf den Sieg hat.
Alex Antonitsch muss eine Freude haben, denn seine Aktion war ein voller Erfolg. Fraglich ist nur, ob diese Freude auch Philipp Kohlschreiber teilt. Denn dieser muss am Donnerstag unter Umständen drei Mal auf den Platz: Einmal, um sein am Mittwoch angefangenes Spiel fertig zu spielen, danach stünde schon die nächste Runde an. Und nun muss er ja – entgegen aller Erwartungen – Doppel auch noch spielen! Kohli wird’s mit Fassung und dem gewohnten Sportsgeist tragen. Und der Kornspitzbub Stephan Tumphart hat noch ein weiteres Spiel seines Lebens – denn nun geht es gegen die als Nummer eins gesetzte Paarung Knowle/Cermak.
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Donnerstag, 26. Juli 2012
Montag, 7. Mai 2012
Blauer Sand und grünes Gras
Dieser Tage findet in Madrid das Masters 1000-Turnier statt - auf blauem Sand. Blauer Sand, wie das klingt! Nach einer sagenumwobenen Pazifik-Insel, nach einem Film von James Cameron oder einem Reaktorunfall. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um die Idee eines wahnsinnigen Rumänen namens Ion Tiriac. Tiriac war einmal Eishockey- und Tennisspieler, in einer Zeit, in der es das noch gab, dass Leute zwei Sportarten professionell ausübten und damit auch noch erfolgreich waren. So gewann er beispielsweise das Doppel bei den French Open im Jahre 1970, zusammen mit dem ebenso wahnsinnigen Ilie Nastase - auch ein Ungustl höchster Güte. Später blieb er dann dem Profi-Tennis unter anderem als Manager von Boris Becker erhalten.
Wie Ion Tiriac zu dem Haufen Geld gekommen ist, den er zu besitzen scheint, ist ziemlich undurchsichtig und interessiert auch niemanden wirklich. Bedeutend ist aber, dass Tiriac nun das Masters-Event in Madrid organisiert, nein, besitzt. Früher im Herbst in der Halle gespielt, ist es nun fixer Bestandteil des Frühjahrs-Clay-Court-Swings vor den French Open. Der seit 2009 neue Austragungsort, die Caja Magica, ist neben Paris Bercy der hässlichste auf der Tour und überhaupt ist das Turnier auch bei Spielern nur mäßig beliebt, was unter anderem daran liegt, dass in Madrid auf über 660m Seehöhe gespielt wird, viel höher als bei den French Open und den anderen Stationen auf dem Weg dorthin. Wer wird sich aber bei einem Preisgeld von 2,8 Millionen Dollar groß über die Bedingungen beschweren?
Heuer machte das Turnier vor allem wegen Tiriacs Entscheidung, den Sand blau einzufärben, auf sich aufmerksam. Das hat einerseits mit dem Hauptsponsor zu tun, der Versicherungsanstalt Mutua Madrilena, deren Corporate Design eben auch jenes Blau in sich fasst, das dem Sand heuer seine distinkte Farbe gibt. Andererseits, so Ion Tiriac, sei auf blauem Untergrund der gelbe Ball für die Fernsehzuschauer besser zu erkennen. Letzteres ist zunächst ein nachvollziehbares Argument, da auch die meisten Hartplatz-Turniere mittlerweile auf blauem Untergrund gespielt werden. Die Spieler nahmen Tiriacs Entscheidung natürlich mit Unbehagen auf. Man zweifelte vor allem, ob der blau gefärbte Sand die gleichen Eigenschaften aufweisen würde wie der gewohnt rote Belag. Außerdem, so das Argument vieler Spieler, sei es fragwürdig, ob mitten in der Sandplatzsaison und gerade bei einem so wichtigen Pflicht-Turnier vor den French Open das ungewohnte Blau eine kluge Sache sei - man müsse sich schließlich umgewöhnen.
Man sollte Tiriacs Entscheidung nicht als besondere Pionierleistung loben. Freilich hat er es geschafft, vor dem Turnier das so wichtige mediale Gewurle zu erzeugen, und der Sponsor wird sich ob des so schönen blauen Courts sicherlich auch erkenntlich zu zeigen wissen. Als Zuseher in Zeiten von HD-Fernsehen darf man den Zugewinn an Kontrast getrost als vernachlässigbar betrachten. Der "Smurf-Turf" ist aber eine nette Abwechslung zum immergleichen rot-orange und lustig, weil ungewohnt, anzusehen (ähnlich dem nordamerikanischen Har-Tru-Sand, der dunkelgrün gefärbt ist). Die Spieler werden sich ohnehin auch in Zukunft über jegliche Änderung zu beschweren wissen, und am Ende werden die Verlierer dem blauen Sand die Schuld für ihren Misserfolg in die Schuhe schieben und die Gewinner ihn gar nicht mal so schlecht finden.
Freilich fragen sich die Konservativen unter den Tennisfreunden, was denn als nächstes komme: Ob denn nun der Rasen im altehrwürdigen Wimbledon auch des besseren Kontrastes wegen blau gefärbt werden müsse? Das darf aber bezweifelt werden. In Wimbledon wird sich so schnell nichts ändern, dort hat man gerade erst das längst fällige Dach über den Centre Court gebaut und das ist für das englische Traditionsturnier schon genug Progressivität für die nächsten 15 Jahre.
Ob man überall sonst auf grünem, blauem, rotem oder lila Sand bzw. Hartplatz spielt, hat in London noch nie jemanden gejuckt. Und wenn auch der Tennissport mit der Zeit gehen will und muss - in Wimbledon wird man noch lange weiß tragen, Erdbeeren mit Sahne essen und Pimm's trinken, selbst wenn es das allerletzte Rasenturnier werden sollte.
Die letzte große Bastion des grünen Grases hat schon die Revolution der 70er überlebt, als die US Open von Rasen auf Har-Tru-Sand wechselten:
Jedenfalls wird in ein paar Tagen ein Tennisspieler behaupten können, er habe als erster (und vielleicht einziger) ein Masters-Turnier auf blauem Sand gewonnen. Das ist doch auch eine schöne Geschichte und sie kommt ganz ohne James Cameron und Reaktorunfall aus.
Wie Ion Tiriac zu dem Haufen Geld gekommen ist, den er zu besitzen scheint, ist ziemlich undurchsichtig und interessiert auch niemanden wirklich. Bedeutend ist aber, dass Tiriac nun das Masters-Event in Madrid organisiert, nein, besitzt. Früher im Herbst in der Halle gespielt, ist es nun fixer Bestandteil des Frühjahrs-Clay-Court-Swings vor den French Open. Der seit 2009 neue Austragungsort, die Caja Magica, ist neben Paris Bercy der hässlichste auf der Tour und überhaupt ist das Turnier auch bei Spielern nur mäßig beliebt, was unter anderem daran liegt, dass in Madrid auf über 660m Seehöhe gespielt wird, viel höher als bei den French Open und den anderen Stationen auf dem Weg dorthin. Wer wird sich aber bei einem Preisgeld von 2,8 Millionen Dollar groß über die Bedingungen beschweren?
| Caja Magica |
Heuer machte das Turnier vor allem wegen Tiriacs Entscheidung, den Sand blau einzufärben, auf sich aufmerksam. Das hat einerseits mit dem Hauptsponsor zu tun, der Versicherungsanstalt Mutua Madrilena, deren Corporate Design eben auch jenes Blau in sich fasst, das dem Sand heuer seine distinkte Farbe gibt. Andererseits, so Ion Tiriac, sei auf blauem Untergrund der gelbe Ball für die Fernsehzuschauer besser zu erkennen. Letzteres ist zunächst ein nachvollziehbares Argument, da auch die meisten Hartplatz-Turniere mittlerweile auf blauem Untergrund gespielt werden. Die Spieler nahmen Tiriacs Entscheidung natürlich mit Unbehagen auf. Man zweifelte vor allem, ob der blau gefärbte Sand die gleichen Eigenschaften aufweisen würde wie der gewohnt rote Belag. Außerdem, so das Argument vieler Spieler, sei es fragwürdig, ob mitten in der Sandplatzsaison und gerade bei einem so wichtigen Pflicht-Turnier vor den French Open das ungewohnte Blau eine kluge Sache sei - man müsse sich schließlich umgewöhnen.
Man sollte Tiriacs Entscheidung nicht als besondere Pionierleistung loben. Freilich hat er es geschafft, vor dem Turnier das so wichtige mediale Gewurle zu erzeugen, und der Sponsor wird sich ob des so schönen blauen Courts sicherlich auch erkenntlich zu zeigen wissen. Als Zuseher in Zeiten von HD-Fernsehen darf man den Zugewinn an Kontrast getrost als vernachlässigbar betrachten. Der "Smurf-Turf" ist aber eine nette Abwechslung zum immergleichen rot-orange und lustig, weil ungewohnt, anzusehen (ähnlich dem nordamerikanischen Har-Tru-Sand, der dunkelgrün gefärbt ist). Die Spieler werden sich ohnehin auch in Zukunft über jegliche Änderung zu beschweren wissen, und am Ende werden die Verlierer dem blauen Sand die Schuld für ihren Misserfolg in die Schuhe schieben und die Gewinner ihn gar nicht mal so schlecht finden.
Freilich fragen sich die Konservativen unter den Tennisfreunden, was denn als nächstes komme: Ob denn nun der Rasen im altehrwürdigen Wimbledon auch des besseren Kontrastes wegen blau gefärbt werden müsse? Das darf aber bezweifelt werden. In Wimbledon wird sich so schnell nichts ändern, dort hat man gerade erst das längst fällige Dach über den Centre Court gebaut und das ist für das englische Traditionsturnier schon genug Progressivität für die nächsten 15 Jahre.
Ob man überall sonst auf grünem, blauem, rotem oder lila Sand bzw. Hartplatz spielt, hat in London noch nie jemanden gejuckt. Und wenn auch der Tennissport mit der Zeit gehen will und muss - in Wimbledon wird man noch lange weiß tragen, Erdbeeren mit Sahne essen und Pimm's trinken, selbst wenn es das allerletzte Rasenturnier werden sollte.
Die letzte große Bastion des grünen Grases hat schon die Revolution der 70er überlebt, als die US Open von Rasen auf Har-Tru-Sand wechselten:
While almost everybody smoked grass, people no longer wanted to play tennis on it anymore. Grass-court tennis smacked of tradition, exclusivity, and elitism. The vestigial grass-court game was okay at Wimbledon, where they also had royalty, double-decker buses, and judges in powdered wigs who liked getting spanked by schoolgirls dressed up as French maids. But in America in the 1970s, tradition, exclusivity, and elitism were loaded words that helped turn the tide of opinion against amateur tennis.Vielleicht wird man in ein paar Jahren, wenn alle Sandplätze dieser Welt blau sein werden, die Geschichte vom wahnsinnigen Rumänen erzählen, der es in Madrid das erste Mal wagte, ein Masters-Turnier auf blauem Sand spielen zu lassen. Oder man wird sich an diesen einmaligen Ausrutscher erinnern, als irgendjemand (ein wahnsinniger Rumäne) einmal dachte, es sei eine gute Idee, Tennissand blau zu färben, und wie sich diese Schnapsidee dann nie durchgesetzt hat.
(Pete Bodo - Courts of Babylon)
Jedenfalls wird in ein paar Tagen ein Tennisspieler behaupten können, er habe als erster (und vielleicht einziger) ein Masters-Turnier auf blauem Sand gewonnen. Das ist doch auch eine schöne Geschichte und sie kommt ganz ohne James Cameron und Reaktorunfall aus.
Freitag, 30. März 2012
10 stille und weniger stille Gerüche
Der Frühling startet durch hier in
Graz. Und er beschert uns 10 Gerüche, die wir den Winter über
vermisst haben.
Der Geruch vom Murufer: Jeder Grazer
kennt den Geruch, der einem in die Nase steigt, wenn man im
Innenstadtbereich die Mur entlang geht, oder auch nur einem Murufer
zu nahe kommt. Faulig riecht es da, aber eben auch irgendwie
lebendig. Böse Zungen behaupten, der Geruch stamme von den Leuten,
die da im Sommer gerne herumgammeln. Das kann aber nicht sein, denn
die tragen höchstens dazu bei, dass der faulige Murgeruch hin und
wieder von Marihuanaschwaden durchdrängt wird und sich dergestalt
versüßt, dass man glaubt, man stünde vor einem brennenden
Schweinestall, in dem ganz viele kleine Karamel-Schweinderl hausen.
Ansonsten riecht es dort leider einfach nur schlecht.
Der Geruch von Kanal: Nur bei seltsamen
Wetterlagen drängt er im Winter aus dem Grazer Untergrund nach oben:
Im Sommer hingegen ist der Kanalgeruch fast ein Klassiker und in
seinem Wesen dem Geruch vom Murufer gar nicht so unähnlich. Gemein
am Kanalgeruch ist nur, dass er hotspotartig auftritt, und einen also
meistens überraschend in die Nase fährt, wohingegen man ja genau
weiß, worauf man sich einlässt, wenn man dem Murufer zu nahe kommt.
Der Geruch von vergossenem Alkohol: Ja,
auch im Winter riecht es in der ganzen Grazer Innenstadt nach
Glühwein- und Punschresten. Im Sommer jedoch eröffnen sich den
verschütteten Getränken vielfältige Möglichkeiten, auch noch
Stunden nach dem Austreten zu belästigen. Versickert etwa Bier im
warmen Boden des Stadtparks – im Laufe des Sommers werden es
mehrere Hektoliter sein – ergibt das alsbald den so typischen
Festivalgeruch, also den Geruch von falsch verstandener Freiheit.
Überhaupt fördert die Wärme im Frühling und Sommer ja in jeder
Weise die Geruchsentwicklung. Ideale Bedingungen also, denn so viele
Spritzwägen hat die Stadt Graz gar nicht, dass sie dem Alkgeruch
Herr werden könnte.
Der Geruch von Feinstaub: Zugegeben,
richtig gerochen habe ich den Feinstaub noch nie. Aber dass er da
ist, merkt man in jedem Fall. Es sind nicht nur die Abgase direkt an
der Straße, die einem in das Gesicht stinken, es ist die „dicke
Luft“ überhaupt, der man in Graz gar nicht entrinnen kann. Das
muss sich nicht unbedingt in einem bestimmten Geruch niederschlagen,
aber es erlaubt einem auch nicht, in der Früh das Fenster
aufzureißen, einen tiefen Zug zu nehmen und entspannt „Aaah!“ zu
sagen. Manchmal aber, wenn man sich wieder mal sehr
sauerstoffunterversorgt vorkommt in Graz, dann meint man, den
Feinstaub sogar riechen zu können. Er riecht wie eine alte,
elektrostatisch aufgeladene Wolldecke und so gefährlich harmlos
giftig.
Der Geruch von Grill: Ob im
Schrebergarten oder auf Balkonen von Wohnhäusern: Man hat das
Gefühl, dass die Grazer das ganze Jahr hindurch grillen. Im Jänner
mag es einmal eine kurze Pause gegeben haben, aber ansonsten glimmt
in dieser Stadt der Grill andauernd. Trotzdem lässt sich zum
Sommerbeginn natürlich ein signifikanter Anstieg an Rauchschwaden
verzeichnen, die sich in den feinstaubverhangenen Grazer Himmel
schlängeln. Dann riecht es wieder überall nach verbranntem Fleisch,
mit dem sich Studenten wie Pensionisten gleichermaßen die von der
ersten Sonne geröteten Bäuche vollschlagen. Gustiös ist der
Grillgeruch irgendwann nicht mehr, denn er hat den Zauber des
Besonderen, der ihm noch in mancher Kindheit anhaftete, verloren.
Nicht nur am Mittwoch oder am Sonntag wird hier gegrillt, sondern an
jedem Werk- und Feiertag und zwar überall, am besten drei Mal
täglich.
Der Geruch von billigem Parfum:
Frühlingszeit ist Paarungszeit und deshalb greifen Männlein wie
Weiblein zu jedem erdenklichen Mittel, um sich dem jeweils anderen
(oder dem eigenen) Geschlecht schmackhaft zu machen. Nicht selten
sind hierbei zweifelhafte Düfte Mittel zum Zweck. Dass Männer bei
der Parfumwahl selten Geschmack beweisen, ist bekannt. Deshalb gibt
es jedes Jahr einen neuen Duft von Axe, der sich auch verkauft.
Leider greifen auch immer mehr Mädchen zu jener Massenware, welche
über Drogerieketten unter dem Schlagwort „Frühlingsduft“
werbewirksam in Umlauf gebracht wird. Parfums dieses Genres sind
meistens süß, riechen also irgendwie lieb und nach Blumen oder
Zuckerl und das passt nach Meinung hormongeschwängerter Mädchenköpfe
gut zum Frühling und den kurzen Rockerln. Dann stinken die
wandelnden Zuckerlgeschäfte über den Campus und in der Sporgasse
herum, solange bis das Flascherl leer ist oder der Kopf endlich sagt,
dass ihm das eigentlich zu süß sei. Dabei wissen doch alle, dass
der allerbeste Frühlings- wie auch Sommerduft der Geruch von
Sonnencreme auf gepflegter Frauenhaut ist!
Der Geruch vom Schlossberg: Ich weiß
gar nicht, ob der Schlossberg im Winter nicht gleich reicht wie im
Sommer – wahrscheinlich schon. Aber die schlagende Kühle, die im
Sommer aus dem Berg in die aufgeheizten Grazer Gassen strömt,
verleiht dem strengen Höhlengeruch eine fast erfrischende Note. Was
eigentlich nach Grab riechen sollte, riecht so nach Steinbruch in
einer Vollmondnacht, also nur nach Grabesnähe. Gerne lasse ich mich
an einem heißen Hochsommertag von dem klammen Wind anwehen und sauge
die Luft aus dem Innern des Schlossberges ein, während ich mir
vorstelle, wie tief drin im Stollen von Fledermäusen verkackte
Tropfsteinhöhlen atmen. Herrlich!
Der Geruch von Eisdielen: Eisdielen
riechen im Idealfall nach gar nichts. Eigentlich sind Eisdielen die
einzigen Geschäfte, in die man hineingeht und die nach nichts
riechen – zumindest wenn dort nur Eis verkauft wird. Das Eis selbst
ist zu kalt, um nach seiner Geschmacksrichtung zu duften und sonst
gibt es dort nichts, was riechen könnte. Höchstens nach
ausgeronnenem Kühlwasser könnte es dort stinken. Aber in solche
Eisdielen – wenn es sie in Graz, der Eishauptstadt Österreichs,
überhaupt geben sollte – geht man sowieso nicht hinein. Das Innere
von Eisdielen riecht steril, und zwar steriler als eine Arztpraxis
oder ein Krankenhaus je riechen können: nämlich eben nach gar
nichts. Achten Sie mal drauf!
Der Geruch von Tennisplätzen:
Zugegeben, jemandem, der nicht Tennis spielt, wird das nicht viel
sagen. Aber schließlich kann ich auch nicht auf jene Leute Rücksicht
nehmen, die partout in keine Eisdiele zu bekommen sind. Dabei hat der
Geruch von Sandplätzen die bemerkenswerte Eigenschaft, sich an die
Umgebung anzupassen. So reagiert der gebrannte Kalk nicht nur auf die
Temperatur im Laufe des Tages, sondern auch auf die Menschen, die auf
ihm gelbe Filzbälle umher dreschen. Gibt er sich morgens noch kühl
und nüchtern wie Kies, schwingt er sich in den heißen
Mittagsstunden zu einem Geruch auf, der, heiß und giftig, jenem von
Sommer-Baustellen nahe kommt, um dann am späteren Nachmittag,
bereits die unzähligen Schweißtropfen der Spieler aufgesogen
habend, einen gutmütig müden wie auch beruhigenden torfähnlichen
Geruch anzunehmen. So lästig der Sand sich in sämtlichen Ritzen der
Kleidung festzusetzen weiß, so reizvoll ist sein Geruch, dessen
Kondensat einem noch einmal in die Nase steigt, wenn man sich unter
der Dusche den rötlichen Rest von den Beinen wäscht und dieser sich
wirbelnd in den Abfluss drängt.
Der Geruch von Straßenbahnen: Die
öffentlichen Verkehrsmittel im Sommer zu benutzen, ist ein sehr
zweifelhaftes Vergnügen. Der Schweißgeruch der Passagiere verübelt
einem den schönsten Sonnentag, zumal an Tagen, an denen am
Nachmittag ein an sich vernüglicher Sommerregen niedergeht, es in
den Bims feuchtwarm und stickig wird. Sollte man aber in den seltenen
Genuss eines leeren Straßenbahnwaggons kommen, erlaubt das warme
Klima es der Maschine, ihre sämtlichen olfaktorischen Reize
auszuspielen. Man glaubt dann, jede einzelne Schraube, jede Dichtung,
jeden Gummi riechen zu können. Dazu kommt der wohlige Geruch von
Maschinenöl, Bremsen, Elektrizität und wenn Eisen sich an Eisen
reibt, quietscht das nicht nur schön schaurig und irgendwie urig,
sondern man glaubt es auch duften zu hören – eine synästhetische
Sinfonie von besonderer Anmut, die man den klapprigen Viechern gar
nicht zutraut.
Mittwoch, 7. September 2011
(K)ein Regenschirm?
"Go see a museum!", ist die häufigste Antwort auf die Frage, was man an einem Regentag in New York City unternehmen soll. Davon gibt es ja hier mehr als genug. Museum of Modern Art zum Beispiel. Vorgestern gemacht. Das Guggenheim-Museum: gestern gemacht. Hätte es heute den ganzen Tag durchgehend geregnet und hätte es nicht diese kurzen, verlockenden Regenpausen gegeben, wahrscheinlich wäre heute das Met dran gewesen - und zwar den ganzen Tag.
Da Regenschirme über Köpfen balanciert werden, verdecken sie die wichtigste Blickrichtung in New York: nach oben. Also Regenschirm weglassen und sich anregnen lassen? Das ist nur eine unbefriedigende Lösung. Zähneknirschend hetzt man durch die Straßen, sucht Schutz vor dem Wasser in U-Bahn-Stationen und Kaufhäusern. Bei Hollister stehen die Beachboys auch bei einem solchen Wetter in Badehose vor der Türe und fragen frech "Hey, what's up?". Überhaupt sagt in diesem Geschäft jeder "What's up?" - und mehr darf man sich auch nicht erwarten. Um die Kommunikation zu verkürzen, deute man auf ein Kleidungsstück und sage "Large!", denn so dunkel, wie es in diesem Laden ist, lassen sich die Größen nur schwer selbst ablesen. Soll also der Beachboy suchen. Der wackelt kalifornisch mit den Hüften und beginnt zu kramen. Ich mag dieses Geschäft irgendwie nicht. Trotzdem kaufe ich was, werde in den obersten Stock des viel zu kleinen Geschäfts gescheucht, bezahle, bahne mir treppab den Weg zum Ausgang, wieder fragt man mich "What's up?", schön langsam werde ich zappelig.
Am Eingang wieder ein Beachboy, an ihm vorbei verlasse ich das Geschäft. Er schaut mich an, fragt "Hey, what's up, dude?", und wenn ich nicht wüsste, dass er das nur sagt, weil man ihn sonst hinausschmeißt, weil also ein "What's up?" zu wenig ihm den Job kosten könnte, dann würde ich ihm "Fuck you, dude!" sagen. Aber das tue ich nicht, weil er kann ja nichts dafür und überhaupt muss er in Badehosen bei einem Regentag auf der Fifth Avenue stehen und das ist Strafe genug, finde ich. Also sage ich nur "jaja" und gehe.
Im Zimmer föhne ich meine Kleidung. Regenschirm hab ich mir keinen gekauft. Denn immer, wenn ich im Begriff war, mir einen zuzulegen, wenn ich mir gedacht habe "beim nächsten Regenschirmverkäufer schlage ich zu", wenn mir also der Regen ins Gesicht peitschte und ich bereit war, mich dagegen mit einem Schirm zu schützen, immer dann war weit und breit kein Regenschirm zu finden. Kaum hörte aber der Regen auf, kaum fing meine Jacke an, trockener zu werden, kaum keimten die ersten Hoffnungsschimmer auf ein paar trockene Stunden: schwupps, da stolperte ich alle 30 Meter über einen schmierigen Regenschirmstraßenverkäufer. "Umbrella, umbrella!", schrien sie mir ins Ohr gleichsam als Stimme der Vernunft, weil sie ja eh Recht hatten. Aber ich dachte mir, dass es ja eh geht, dass es ja eh nicht mehr regnet, dass es vielleicht sogar ganz aufgehört hat. Vor allem dachte ich mir, dass, wenn ich mir jetzt einen Schirm kaufe, es sowieso nicht mehr regnen wird. Das ist wie mit der Zigarette und dem Autobus. Aber ein paar trockene Stunden waren mir anscheinend keinen Regenschirm wert; weil es gibt nichts Lästigeres als einen Regenschirm, den man nutzloserweise mit sich herumschleppt. Das brauch ich nicht, vor allem nicht in New York.
Also föhne ich lieber meine Kleidung und hoffe, dass morgen, wenn ich plane zu den US Open zu gehen, es zu Regnen aufgehört haben wird. Vielleicht kaufe ich mir am Vormittag doch noch einen Regenschirm - abergläubischerweise -, auch wenn ich ihn dann wie eine lächerliche Hasenpfote mit mir herumschleppe und er nicht zum Einsatz kommt. Wenn ich dann einen Beachboy treffen sollte, der mich frech "What's up?" fragt, dann kann ich den Schirm wenigstens für etwas Sinnvolles verwenden und den Beachboy damit ordentlich verhauen. Damit er nicht mehr fragen muss.
Da Regenschirme über Köpfen balanciert werden, verdecken sie die wichtigste Blickrichtung in New York: nach oben. Also Regenschirm weglassen und sich anregnen lassen? Das ist nur eine unbefriedigende Lösung. Zähneknirschend hetzt man durch die Straßen, sucht Schutz vor dem Wasser in U-Bahn-Stationen und Kaufhäusern. Bei Hollister stehen die Beachboys auch bei einem solchen Wetter in Badehose vor der Türe und fragen frech "Hey, what's up?". Überhaupt sagt in diesem Geschäft jeder "What's up?" - und mehr darf man sich auch nicht erwarten. Um die Kommunikation zu verkürzen, deute man auf ein Kleidungsstück und sage "Large!", denn so dunkel, wie es in diesem Laden ist, lassen sich die Größen nur schwer selbst ablesen. Soll also der Beachboy suchen. Der wackelt kalifornisch mit den Hüften und beginnt zu kramen. Ich mag dieses Geschäft irgendwie nicht. Trotzdem kaufe ich was, werde in den obersten Stock des viel zu kleinen Geschäfts gescheucht, bezahle, bahne mir treppab den Weg zum Ausgang, wieder fragt man mich "What's up?", schön langsam werde ich zappelig.
Am Eingang wieder ein Beachboy, an ihm vorbei verlasse ich das Geschäft. Er schaut mich an, fragt "Hey, what's up, dude?", und wenn ich nicht wüsste, dass er das nur sagt, weil man ihn sonst hinausschmeißt, weil also ein "What's up?" zu wenig ihm den Job kosten könnte, dann würde ich ihm "Fuck you, dude!" sagen. Aber das tue ich nicht, weil er kann ja nichts dafür und überhaupt muss er in Badehosen bei einem Regentag auf der Fifth Avenue stehen und das ist Strafe genug, finde ich. Also sage ich nur "jaja" und gehe.
Im Zimmer föhne ich meine Kleidung. Regenschirm hab ich mir keinen gekauft. Denn immer, wenn ich im Begriff war, mir einen zuzulegen, wenn ich mir gedacht habe "beim nächsten Regenschirmverkäufer schlage ich zu", wenn mir also der Regen ins Gesicht peitschte und ich bereit war, mich dagegen mit einem Schirm zu schützen, immer dann war weit und breit kein Regenschirm zu finden. Kaum hörte aber der Regen auf, kaum fing meine Jacke an, trockener zu werden, kaum keimten die ersten Hoffnungsschimmer auf ein paar trockene Stunden: schwupps, da stolperte ich alle 30 Meter über einen schmierigen Regenschirmstraßenverkäufer. "Umbrella, umbrella!", schrien sie mir ins Ohr gleichsam als Stimme der Vernunft, weil sie ja eh Recht hatten. Aber ich dachte mir, dass es ja eh geht, dass es ja eh nicht mehr regnet, dass es vielleicht sogar ganz aufgehört hat. Vor allem dachte ich mir, dass, wenn ich mir jetzt einen Schirm kaufe, es sowieso nicht mehr regnen wird. Das ist wie mit der Zigarette und dem Autobus. Aber ein paar trockene Stunden waren mir anscheinend keinen Regenschirm wert; weil es gibt nichts Lästigeres als einen Regenschirm, den man nutzloserweise mit sich herumschleppt. Das brauch ich nicht, vor allem nicht in New York.
Also föhne ich lieber meine Kleidung und hoffe, dass morgen, wenn ich plane zu den US Open zu gehen, es zu Regnen aufgehört haben wird. Vielleicht kaufe ich mir am Vormittag doch noch einen Regenschirm - abergläubischerweise -, auch wenn ich ihn dann wie eine lächerliche Hasenpfote mit mir herumschleppe und er nicht zum Einsatz kommt. Wenn ich dann einen Beachboy treffen sollte, der mich frech "What's up?" fragt, dann kann ich den Schirm wenigstens für etwas Sinnvolles verwenden und den Beachboy damit ordentlich verhauen. Damit er nicht mehr fragen muss.
Dienstag, 28. Juni 2011
Skizzen zu Wimbledon
Es regnet in Strömen - schwerer, prasselnder, englischer Regen. Da man aus den Regenpausen des allzu langen Herren-Finales von 2008 zwischen Roger Federer und Rafael Nadal gelernt hat, ist der Centre Court mittlerweile überdacht. Drinnen stehen sich an diesem Nachmittag Sabine Lisicki und Marion Bartoli gegenüber. Die Atmosphäre ist eigenartig: Man hört ein konstantes dumpfes Rauschen, das in regelmäßigen Abständen von anständigem britischen Applaus, erstaunten Uuuhs und Ooohs sowie gelgentlichem Lachen unterbrochen wird. Die Schläge der Spielerinnen hört man nur selten. Aufschläge und Smashes sind zu hören, aber schon die durchaus kraftvollen Drives von der Grundlinie gehen im Lärm unter, den der auf das Dach fallende Regen verursacht. Für die Spielerinnen ist das nicht einfach, vor allem, wenn es draußen donnert.
Sabine Lisicki hat für eine Frau ein ungewöhnlich schnelles Service. Bartoli ist anfangs von Lisickis Kraft überrascht. Lisicki schlägt auf, kurz darauf donnert es. Lisicki muss lachen. Das Publikum muss lachen. Bartoli lacht nicht. Bartoli hoppst nur herum; so konzentriert sie sich, so erhält sie ihren Flow aufrecht. Für Zuschauer wirkt das lächerlich und es nervt sogar ein bisschen.
Der Regen wird noch stärker. Mittlerweile kann man den Applaus der Zuschauer vom Regenrauschen nicht mehr unterscheiden. Man hat das Gefühl, der Applaus ist nicht enden wollend. Lisicki gewinnt den ersten Satz mit einer wunderbaren Inside-Out-Rückhand. Bartoli hoppst enttäuscht zur Bank und der Regen schwillt an. Nein, es ist doch das Klatschen, das anschwillt.
Vor dem Centre-Court-Stadion befindet sich der Henman Hill, jene Anhöhe, auf der sich jeden Tag hunderte Fans sammeln, die keine Tickets für die Stadien haben und auf einer großen Leinwand das Spielgeschehen verfolgen. Letztes Jahr hat man den Henman Hill kurzerhand in Murray Mountain umbenannt - natürlich nicht offiziell. Die Engländer dachten, das nähme etwas von dem Druck, der auf der britischen Nummer 1 Andy Murray lastet. Er soll jedes Jahr aufs neue Wimbledon gewinnen und damit der erste Brite seit 1936 sein, als Fred Perry als letzter sein Heimturnier gewann. Heuer hat noch niemand vom Murray Mountain gesprochen, obwohl es - wie jedes Jahr vor dem Viertelfinale - gut für Murray aussieht.
Jedenfalls sitzen auf dem Henman Hill an diesem Nachmittag im strömenden Regen einige Dutzend Fans in Regencapes. Das ist insofern bemerkenswert, als dass für den heutigen Tag keine Herren-Einzel angesetzt sind. Als sie sich selbst auf der Großbildleinwand sehen, schreien und klatschen sie. Auch die Zuschauer drinnen applaudieren, als ihnen die im Regen sitzenden Tennisfans gezeigt werden.
Das Gras am Henman Hill ist noch etwas grüner als jenes, das den Centre Court ziert. Nach der ersten Woche wurden vor allem die Stellen an und hinter der Grundlinie schon sehr in Mitleidenschaft gezogen. Dieses sandige Grau des beanspruchten Torfs, die Weiße Kreide der Linien, das noch satte Grün in den Aufschlagfeldern (am Centre Court wurde offensichtlich noch kein Doppel gespielt), die sonnengelben Bälle, das Himmelblau auf den Hemden der Linienrichter, das Grün und Lila des Wimbledon-Logos, welches auf den Spielfeldbegrenzungen prangt... Das ergibt eine in der Tenniswelt geradezu royale Farbpalette, die jeden noch so abgebrühten Profi demütig das Haupt senken lässt, wenn er den Rasen des Centre Courts betritt. Sogar Andy Murray, als er gestern auf das Spielfeld kam und sich vor der Royal Box verneigte, in der William und Kate saßen. Murray sagte anschließend, dass er, hätte er gewusst, dass die beiden anwesend sein würden, sich noch rasiert hätte. Ich glaube, dass Murray sich nicht für viele Leute extra rasiert...
Sabine Lisicki hat für eine Frau ein ungewöhnlich schnelles Service. Bartoli ist anfangs von Lisickis Kraft überrascht. Lisicki schlägt auf, kurz darauf donnert es. Lisicki muss lachen. Das Publikum muss lachen. Bartoli lacht nicht. Bartoli hoppst nur herum; so konzentriert sie sich, so erhält sie ihren Flow aufrecht. Für Zuschauer wirkt das lächerlich und es nervt sogar ein bisschen.
Der Regen wird noch stärker. Mittlerweile kann man den Applaus der Zuschauer vom Regenrauschen nicht mehr unterscheiden. Man hat das Gefühl, der Applaus ist nicht enden wollend. Lisicki gewinnt den ersten Satz mit einer wunderbaren Inside-Out-Rückhand. Bartoli hoppst enttäuscht zur Bank und der Regen schwillt an. Nein, es ist doch das Klatschen, das anschwillt.
Vor dem Centre-Court-Stadion befindet sich der Henman Hill, jene Anhöhe, auf der sich jeden Tag hunderte Fans sammeln, die keine Tickets für die Stadien haben und auf einer großen Leinwand das Spielgeschehen verfolgen. Letztes Jahr hat man den Henman Hill kurzerhand in Murray Mountain umbenannt - natürlich nicht offiziell. Die Engländer dachten, das nähme etwas von dem Druck, der auf der britischen Nummer 1 Andy Murray lastet. Er soll jedes Jahr aufs neue Wimbledon gewinnen und damit der erste Brite seit 1936 sein, als Fred Perry als letzter sein Heimturnier gewann. Heuer hat noch niemand vom Murray Mountain gesprochen, obwohl es - wie jedes Jahr vor dem Viertelfinale - gut für Murray aussieht.
Jedenfalls sitzen auf dem Henman Hill an diesem Nachmittag im strömenden Regen einige Dutzend Fans in Regencapes. Das ist insofern bemerkenswert, als dass für den heutigen Tag keine Herren-Einzel angesetzt sind. Als sie sich selbst auf der Großbildleinwand sehen, schreien und klatschen sie. Auch die Zuschauer drinnen applaudieren, als ihnen die im Regen sitzenden Tennisfans gezeigt werden.
Das Gras am Henman Hill ist noch etwas grüner als jenes, das den Centre Court ziert. Nach der ersten Woche wurden vor allem die Stellen an und hinter der Grundlinie schon sehr in Mitleidenschaft gezogen. Dieses sandige Grau des beanspruchten Torfs, die Weiße Kreide der Linien, das noch satte Grün in den Aufschlagfeldern (am Centre Court wurde offensichtlich noch kein Doppel gespielt), die sonnengelben Bälle, das Himmelblau auf den Hemden der Linienrichter, das Grün und Lila des Wimbledon-Logos, welches auf den Spielfeldbegrenzungen prangt... Das ergibt eine in der Tenniswelt geradezu royale Farbpalette, die jeden noch so abgebrühten Profi demütig das Haupt senken lässt, wenn er den Rasen des Centre Courts betritt. Sogar Andy Murray, als er gestern auf das Spielfeld kam und sich vor der Royal Box verneigte, in der William und Kate saßen. Murray sagte anschließend, dass er, hätte er gewusst, dass die beiden anwesend sein würden, sich noch rasiert hätte. Ich glaube, dass Murray sich nicht für viele Leute extra rasiert...
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