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Samstag, 17. März 2018

Spaziergang mit Mops

Der Mops muss raus. Immerhin hat er gestern den ganzen Tag nicht gekackt. Zumindest hat ihn dabei niemand beobachtet, und weil Möpse nichts, aber auch gar nichts, selbstständig tun können, liegt die Vermutung nahe, dass der Mops gestern nicht gekackt hat, weil ihn niemand dabei gesehen hat.

Aufgeregt dreht sich der Mops im Aufzug um die eigene Achse. Bald ist es soweit. Oben in der Wohnung wird schon sein Futter bereitet, und er weiß, dass er zuerst kacken muss, um an sein Futter zu kommen. Er ist mit seinem Fressnapf wie mit einer unsichtbaren Schnur verbunden. Während der nächsten paar Minuten ist er geistig beim Fressnapf. Der Mops läuft durch die Haustüre und biegt gleich rechts ab in Richtung See. Er weiß Bescheid.

Auf der Seepromenade herrscht reges Treiben. Ungewöhnlich viele Menschen spazieren hier auf und ab, machen Fotos, starren die langweiligen Enten an und lachen den Mops aus, wenn er an ihnen vorbei läuft. Der Mops sieht nämlich nicht nur lustig aus, er hat auch einen lustigen Gang. Aber der Gang des Mopses soll hier nicht Thema sein. Denn den Leuten vergeht das Lachen recht schnell, wenn sie den Mops beim Kacken beobachten müssen.

Der Mops schnüffelt den Boden entlang, dreht sich in die richtigen Position (Kopf nach Norden) und macht einen krummen Rücken. Seine Augenbrauen schiebt er dachförmig zusammen, und er scheint seine schwarzen Kulleraugen noch weiter herauszudrücken als sonst. Er sieht erbärmlich aus, wenn er kackt!

Hinten drückt er eine hellbraune Wurst heraus. Dann noch eine – und noch eine. Je mehr aus dem Mops heraus kommt, desto weicher und heller wird es. Herrje, was hat er denn gestern schon wieder gefressen? Der Mops ist fertig, stackst noch in gebückter Haltung ein paar Zentimeter weiter. Kommt da noch was? Der schwarze Plastikbeutel wird ausgerollt, meine Freude hält sich in Grenzen. Die Kacke klebt am frühlingshaften Gras. Wie schade für das Gras – gerade eben vom Schnee befreit, nun schon mit Mopskot beschmiert ...

Ich warte, ob noch was kommt, aber der Mops schnüffelt schon wieder an einer anderen Stelle. Noch bevor ich dazu komme, sein "Werk" aufzuheben, dreht er sich plötzlich um und stürmt davon – geradewegs durch seine eigenen Exkremente! Hier sei nochmals betont, dass es sich um besonders weiche Ausscheidungen handelt, deren Viskosität etwa mit jener von Nockerlteig ähnelt. Ich verstaue den Nockerlteig im Plastiksackerl, die Menschen um mich herum beneiden mich wenig, bemühe ich mich doch, das Gras sauber zu putzen. Jetzt bin ich derjenige, der erbärmlich aussieht.

Der Mops hat schon eine Grasinsel weiter erneut Platz genommen. Seine Leine ist um seinen Körper gewickelt, ein Teil davon verdeckt seinen Hinterausgang. Davon unbeeindruckt versucht das Tier den Rest des Nockerlteiges loszuwerden, der naturgemäß immer breiiger wird. Noch bevor ich die Leine vom Mops-Anus wegziehen kann, ist diese auch schon beschmutzt. Ein letzter Rest plumpst noch ins Gras, der Mops dreht und wendet sich, die Leine streift an seinem Hinterbein, an seinem Rücken und an seinem Ringelschwanz. Wild hüpft der Mops im Kreis, schnüffelt erneut, hetzt zuerst in die eine, dann in die andere Richtung. Nur mit Mühe gelingt es mir, ihn davon abzuhalten, erneut durch seine Scheiße zu tapsen.

Ich ziehe ein zweites Plastiksackerl hervor und bemühe mich, den Rest des Nockerlteigs vom Gras zu schaben, erreiche aber nur, dass sich die Kacke noch gleichmäßiger zwischen den Halmen verteilt. Dabei sieht mir ein kleines Kind zu, das sich schnell weg dreht, als ich es ansehe. Vielleicht hat es gerade zum ersten Mal das Gefühl von Fremdschämen verspürt.

Der Mops sieht mich an, als wäre nichts gewesen. Er ist im Geiste wieder ganz bei seinem Fressnapf und drängt zu gehen. Dass sein beiges Fell an verschiedenen Stellen mit hellbraunem Schiss beschmiert ist, scheint das Tier nicht zu stören. Es blickt mich erwartungsvoll an, und auch ich bin froh, wenn wir möglichst schnell nach Hause kommen. Am Weg dorthin wäge ich meine Optionen ab, wie ich den Mops sauber bekomme, bevor er auf seinen Futternapf los stürmt.

Wir warten auf den Lift, heraus springt der Nachbarshund. Ich halte den Mops am Halsband fest und versuche ansonsten möglichst nicht mit ihm in Berührung zu kommen. Auf die bekackte Leine vergesse ich dabei fast, und um ein Haar hätte ich mir den Nockerlteig an die Hose geschmiert. Der Nachbarshund ist fort, wir stehen im Aufzug, ich halte den Mops immer noch fest, auf dass er sich nicht an den Aufzugswänden reibe.

Vor der Wohnung muss er "Sitz" machen. Er gehorcht nur widerwillig. Mit der Leine weit von mir gestreckt gehe ich in die Wohnung und warne (auch etwas Hilfe suchend) meine Frau: "Der Hund ist voller Kacke! Die Leine ist voller Kacke!" Die Frau lacht nur. Ich solle ihn gleich in die Badewanne setzen, so lautet der Vorschlag. Die angekackte Leine bringe ich auf den Balkon. Der Balkon ist immer ein dankbarer Aufbewahrungsort für Dinge, die man nicht in der Wohnung haben will, und die man auch nicht dem Gang vor der Wohnung, und also den Blicken und Nasen der Nachbarn, zumuten will.

Bevor ich den Mops packe, versichere ich mich, dass die Stellen, an denen ich ihn anzugreifen gedenke, frei von Kot sind. Dann stelle ich ihn in die Badewanne. Er schaut mich entsetzt an. Warmes Wasser umspült seinen wurstförmigen Körper. Es ist ein liebes Tier und hat ja auch nichts falsch gemacht. Für den Mops ist aber eine Dusche – und vor allem das anschließende Abtrocknen – eine Strafe. Beim Abtrocknen ist sein Blick starr in die Küche gerichtet, wo schon sein gefüllter Fressnapf steht. Halb getrocknet stürzt er darauf zu und frisst. Ich stehe daneben und hoffe, dass das, was er da in sich hineinfrisst, morgen in etwas festerer Form wieder hinten herauskommt.

Als er fertig ist, leckt er sich das Maul und sieht mich an, als wäre nichts gewesen. Für ihn war ja auch nichts. Die Schmach, die Peinlichkeit, die Mühsal hatte ja ich! Ich musste die belustigten Blicke der Passanten ertragen, und den peinlich berührten Blick eines Kindes, das meine armseligen Versuche, das Gras zu säubern, mit einem Kopfschütteln quittiert hätte, wenn es denn schon gewusst hätte, dass dies die adäquate Geste für solche Situationen ist. Der Mops ist zufrieden, weil einerseits sein Darm leer, und andererseits sein Magen voll ist. Er niest noch zwei, drei Mal vor sich hin, und legt sich dann auf die Couch, von aus er mich, wie mir scheint, amüsiert betrachtet.

Mops in Badewanne


Dienstag, 8. November 2016

Der erste Schnee

Jedes Jahr dasselbe: Es schneit, und sofort posten alle Zeugen dieses Naturvorgangs es auf Facebook. Dann kommen die Schlaumeier, die sagen, man müsse Schneefotos nicht dauernd auf Facebook posten, weil jeder selber aus dem Fenster sehen könne. Als ob Schneefotos das Schlimmste wären, was man täglich so auf Facebook findet. "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!". Das lese ich täglich 350 Mal auf Facebook, und über diesen sinnleeren Satz hat sich noch nie jemand aufgeregt. Wahrscheinlich weil sie alle damit beschäftigt sind, ihren Traum zu leben - auf Facebook.

Dabei ist die Freude, die Menschen empfinden, wenn sie den ersten Schnee der Saison sehen, wenigstens noch etwas Echtes: die kindliche Glückseligkeit beim Anblick des wunderbaren Weiß. Lasst doch die Leute Schneefotos posten! Erstens sieht eben nicht jeder den Schnee, wenn er aus dem Fenster sieht. Schließlich ist der Witz an Facebook ja der, dass man da Sachen von Leuten sieht, die nicht unbedingt aus dem Nachbardorf kommen. Also freut sich vielleicht irgendein Schwarzwälder, bei dem es regnet, oder irgendein Australier, bei dem es grad unbarmherzig runterbrennt, über die Schneefotos der Pinzgauer.

Zweitens ist Schnee - solange wir ihn noch bekommen - etwas Magisches. Über Nacht verwandelt sich die Welt in eine einzige weiße Pracht, es riecht anders, die Welt klingt anders, wenn man auf dem Schnee geht, knackt es. Das ist doch der reinste Kindheitstraum, den man jedes Jahr gratis wieder aufs Neue erlebt! Daher freuen sich die Leute über Schneefotos - zumindest zum Winterbeginn. Da kommt es selten vor, dass einer ein Schneefoto mit einem grantigen Smiley goutiert oder schlicht "wäh!" drunter schreibt.

Schnee ist schön, magisch und sinnvoll. Darf man ruhig auf Facebook posten, denn jedes einzelne Schneefoto ist besser als alle Postings von Felix Baumgartner zusammen!


Dienstag, 12. Juli 2016

Der Schmittenwind

Nach einem heißen Sommertag, wenn sich die Sonne hinter der Schmittenhöhe versteckt und bloß noch das gesegnete Land der Thumersbacher von ihren warmen Strahlen behütet wird, kommen die Hunde wieder aus ihren Hütten gekrochen. (Ich meine tatsächlich die Tiere, nicht die illustren Bewohner des Schmittentals!) Einen ganzen Tag lang hat die Sonne in die Talsenke gebrannt, die großen Leiber der Kühe gewärmt und ihre Fladenauf den Wiesen trocknen lassen. Die letzte Seilbahn hat sich vor über einer Stunde über die Wälder und Gräben berghinan ziehen lassen. Auch das Schlagen der Autotüren und das Kratzen von deutschen Wanderstöcken auf dem Asphalt der Seilbahnparkplätze ist verklungen.

Kaum hat man sich von der drückenden Hitze erholt, einmal kurz aufgeatmet und die Sonnenschirme abgespannt, fangen auch schon die ersten Wiesenhalme an zu zittern. Er ist wieder da: Der Grund für so viele verkühlte Rücken, die Ursache für hunderte von Windschutzvorrichtungen auf allen Terrassen entland der Schmittenstraße, der Garant für unsere kühlen Nächte: Der Schmittenwind.
Dieser stellt sich verlässlich nach Sonnenuntergang ein und fegt über die steilen Hänge der Schmittenhöhe hinab und durch das Tal hindurch. Er pfeift um jede Hausecke, durch sämtliche Ritzen unserer Kleidung; ja nicht einmal ein richtiger Pinzgauer "Jancker" vermag der schroffen Kühle des Schmittenwindes standzuhalten.

Am Ende der Schmittenstraße angekommen zeichnet er sich verantwortlich für die Terrassengestaltung der Lokale entlang der Dreifaltigkeitsgasse. Keines kommt ohne Windschutz aus, denn in der DFG kanalisiert sich seine dämonische Kühle und sorgte wohl für allerlei entzündete Nierenbecken und steife Genicke, würde man ihm nicht durch massive Glaswände Herr. Am Stadtplatz zerstreut er sich dann, pfeift weiter um die Ecken und in die Ohren der Zeller hinein. Das Säuseln der Götter, die ihnen zuraunen, dass es jetzt Zeit wird, sich die Pullover über die Rücken zu werfen. Ehrfurchtsvoll murmeln die Bewehten "Oje, da Schmittenwind!", denn sie wissen, es droht der rheumatische Infekt! Schnell leeren sie ihre Gläser und flüchten in die Lokale hinein oder gleich ganz nach Hause.

Andere wiederum, die schon seit dem späteren Nachmittag dem Spritzwein frönen, bemerken die Kälte zwar, nehmen sie aber nur zum Anlass, um humorig festzustellen, dass jetzt wohl "der Daxer das Fenster aufg'mocht" habe - bezugnehmend auf jene Familie im hinteren Schmittental, denen im Jux nachgesagt wird, sie hätten durch das Öffnen und Schließen ihrer Türen und Fenster die Gewalt über das Wesen und Wirken des Schmittenwindes. Ich kann Ihnen glaubhaft versichern, dass dem nicht so ist, und wir selbst über die unglaublichsten Windschutzanlagen verfügen bzw. die bergseitig gelegenen Aufenthaltsbereiche außerhalb unserer Häuser nach 18 Uhr ganz einfach nicht mehr nutzen; zu unwirtlich ist das Klima, das der hundsgemeine katabatische Fallwind dort verursacht. Unsere Pflanzen sterben im Sommer jeden Abend den Kältetod, nur um am nächsten Morgen lazarusgleich wieder aus der Schmittenwindstarre zu erwachen!

Als Kind kam mir dieser Wind immer sehr gelegen. Denn einer der Vorteile der Schmitten ist es, dass man als Einzelkind dort relativ gut Fußball spielen konnte. Schließlich gab es nirgendwo gerade Flächen (mit Ausnahme der Seilbahnparkplätze), und so konnte man recht gut seinen Schuss trainieren, denn der Ball rollte geduldig über den Bichl wieder zurück. Mit dem Schmittenwind eröffnete sich zudem die Möglichkeit, das Flankenschlagen zu üben. Man konnte sich, freilich in Windjacke und Haube gehüllt, hervorragend selbst den Ball zuflanken, wenn man ihn nur gegen den angreifenden Schmittenwind schoss, der ihn zuverlässig zurückblies. So musste man nicht warten, bis die Schwerkraft den Ball müde über den geneigten Hang zurückrollen ließ, und konnte das Schlagen und Annehmen von Flankenbällen gleichzeitig üben. Dass trotzdem kein großer Fußballer aus mir geworden ist, schiebe ich heute nur auf die begrenzte Trainingszeit zwischen dem Aufkommen des Schmittenwindes und der damit fast zeitgleich einsetzenden Dämmerung.

Wenn unsere Sommer wirklich immer heißer werden, ist dieser Wind ein klimatisches Juwel. Denn trotz seiner Bissigkeit, wird er doch von Einheimischen und Touristen irgendwie geschätzt. "Es ist unglaublich!", sagte mir letztens ein Gast erstaunt, "Obwohl es heute so heiß war, ist es jetzt am Abend herrlich kühl geworden. Da brauchen Sie ja gar keine Klimaanlage in den Zimmern!" Ich nicke wissend und erzähle ihm dann von der besten aber auch gefährlichsten Klimaanlage der nördlichen Alpen - dem Schmittenwind!

Montag, 7. März 2016

Der Blick aus dem Fenster

Warum ich immer wieder gerne über das Wetter schreibe - ich weiß es nicht. Wahrscheinlich weil ich auch jeden Tag danach gefragt werde, und deswegen jeden Tag vor lauter Angst, keine Auskunft geben zu können, eine Wetter-App checke, um dann brav sagen zu können: "Heute wird es schön!" oder eben "heute bleibt es schlecht!". Jetzt ist die Sache die, dass es nur ein Wetter gibt, aber zahlreiche Wetter-Apps, die allesamt ein anderes Wetter versprechen. Darum gibt es auch Urlauber, die während Ihres Aufenthalts mehrere Wetter-Apps konsultieren, denn die Erfahrung zeigt, dass immer mindestens eine dabei ist, die jenes Wetter anzeigt, das sich der User erhofft.

So kann es natürlich vorkommen, dass meinem "morgen wird es schlecht" ein "auf meiner App steht aber Sonne!" entgegnet wird, wogegen ich wiederum nichts anderes sagen kann als: "Ja, naja, der Wetterbericht irrt sich ja ständig. Vielleicht ist es Ihrer, vielleicht ist es meiner, aber einer irrt sich bestimmt, weil es gibt ja immer nur ein Wetter!" Meistens empfehle ich den Gästen, die Tagesplanung nicht von jenem Wetter abhängig zu machen, das die App anzeigt (oder vielmehr vorschlägt), sondern lieber auf den nächsten Tag zu verschieben. "Es empfiehlt sich", sage ich dann immer, "in der Früh aus dem Fenster zu schauen", und komme mir dabei wahnsinnig blöd und besserwisserisch zugleich vor, "und dann zu entscheiden, was man mit dem Tag anfängt." Natürlich ist mir klar, dass das belehrend klingt, quasi wie ein Vater, der sich darüber mokiert, dass die Kinder lieber auf den Smartphone-Bildschirm schauen als in das wirkliche Leben hinaus. Deswegen schicke ich meinem Tipp hinterher, dass jedoch selbst der Blick aus dem Fenster mit Vorsicht zu genießen sei, weil es oft vorkomme, dass vor dem Fenster der Nebel hänge, dieser aber schon 100 Höhenmeter weiter oben sich vollkommen aufgelöst habe, und deswegen der einzig wahre Blick weder der auf das Smartphone noch der aus dem Fenster sei, sondern einzig und allein jener in den Fernseher: Dort läuft nämlich der Panoramakanal, und der zeigt, wie das Wetter wirklich ist!

"Ist denn das live?", werde ich dann ungläubig gefragt, wenn der Blick aus dem Fenster mit dem Blick in den Fernseher so gar nicht kongruent sein will, weil es oben sonnig, vor dem Fenster aber neblig ist. Schwierig wird es, wenn der Gast zu protestieren beginnt: "Auf meinem Handy steht aber, dass es heute bewölkt ist!" Da heißt es diplomatisch sein, und deshalb antworte ich in so einem Fall gerne, dass es dann sicherlich am Nachmittag schrecklich bewölkt sein werde, es nun aber, wie der Blick in den Fernseher bestätige, das "schönste Wetter" habe. Manchmal sage ich auch "Kaiserwetter" dazu, der Habsburger-Nostalgie halber, was die Wirkung verstärkt, denn niemand möchte bei "schönstem Wetter" oder eben bei "Kaiserwetter" im Haus sitzen bleiben und auf ein Smartphone starren, bis sich dort endlich die Sonne zeigt.

Jetzt kann man viel darüber philosophieren, dass die Welt unübersichtlich geworden ist und die Wetter-Apps dafür Pate stehen. Dass sich der Mensch von der Natur entfremdet und sich der Technik unterworfen hat und deswegen hilf- und orientierungslos im Strudel der Moderne (der nachmodernen Postmoderne!) wild rudernd unterzugehen droht. Mir liegt aber mehr daran, jene Menschen älteren Semesters in Schutz zu nehmen, die gerne bloß dasitzen, aus dem Fenster schauen und das Wetter beobachten und dieses dann knurrend oder seufzend kommentieren. Jene Menschen, die immer nur sagen "sche is" oder "schiach is", und für die es kein dazwischen gibt und die sich nicht auf waghalsige Prognosen einlassen. Die dem Irrsinn widerstehen, alles genau wissen zu müssen und möglichst auch noch den nächsten Tag und die nächste Woche und den nächsten Monat vorhersagen zu wollen. Menschen, die sagen, was der Fall ist. Die sind dann doch besser als jede App.


Freitag, 11. Dezember 2015

Vorweihnachtliches Potpourri

Als Kind kam mir das Märchen von der Frau Holle immer extrem plausibel vor. Was konnten diese dicken, zur Erde niedertanzenden Flocken anderes sein als quasi die Federn von der Frau Holle ihrer Tuchent? Leider hat die Geschichte von der Frau Holle schon lang das Zeitliche gesegnet. Nicht nur, weil die Vorstellung einer die Betten ausschüttelnden und im Himmel wohnenden Übermutter nicht mehr zeitgemäß ist und gendermäßig geradezu frivol erscheint. Vor allem, weil man im Dezember immer öfter aus dem Fenster schaut und meint, den Frühling hereingrinsen zu sehen, dessen Fratze zwischen regnerisch kühl und wohlig warm changiert und so ihre unzeitgemäße Bedrohlichkeit dem auf den Winter wartenden Erdenbürger Flüche gen Himmel schicken lässt.

Wie gut aber, dass heutzutage der Schibetrieb sichergestellt ist und die Gäste schon vor Weihnachten österliches Wetter genießen können. Frau Holle hat ausgedient - der Diplomingenieur Holle hat jetzt das Sagen! Dem Herrn Dipl.Ing. ist der Klimawandel nämlich wurscht, weil er kann auch bei Plusgraden Schnee produzieren! Vielleicht lässt er sich bald etwas einfallen, damit der bei Plusgraden erzeugte Schnee dann auch liegen bleibt, und überhaupt: Winter findet in den Köpfen der Menschen (vor allem der Skiliftbetreiber) statt!

Der der Winterschwindsucht verfallene Erdenbürger sucht indes Trost in Punsch und Glühwein, die man bei mildem Wetter auch lauwarm akzeptiert. Kuschelig steht man kurzärmelig am Weihnachtsmarkt und macht sich gegenseitig die Herzen auf, indem man Gruselgeschichten von Flüchtlingen und "Wintermärkten", die nicht mehr Weinachtsmärkte heißen dürfen, erzählt. Hat man auf Facebook gesehen! Früher, als es im Winter noch kalt war, und man schon Anfang Jänner im See einbrechen konnte, stand sowas wenigstens noch in der Kronen Zeitung! Ja, früher war alles anders: Da gab es winters noch einen Schnee und die Nachrichten hat man gelesen und nicht nur im Drüberscrollen gesehen.

Dann gibt es noch die, welche die stillste Zeit im Jahr nicht mit Weihnachtsstress verwechselt haben wollen, und ihre Freunde und Bekannten mahnen, nur ja in lokalen Geschäften zu kaufen, denn das Internet ist böse und das Christkind kauft auch nur im schlecht sortierten Einzelhandel. Am besten ist überhaupt, man bastelt selber was, auch wenn man dann die enttäuschten Gesichter der Familienmitglieder am Weinachtsabend aushalten muss. Wo man das Bastelzeug kauft, ist aber weiterhin Gewissensfrage und im Zweifelsfall kann man ja immer noch am Samstag Nachmittag nach Salzburg in den Europark fahren (not!).

Also: Lieber zu Hause bleiben, durch das Fenster aus dem überheizten Haus auf die grüne Wiese starren und ab und zu jemanden anrufen und sich mit ihm darüber streiten, was denn nun das einzig wahre Weihnachtsessen sei. Wir Pinzgauer, die mit Bachlkoch und Würstelsuppe antreten, werden da meist belächelt. Aber das Geringe als das eigentlich Überlegene ansehen: Das war schon immer unsere Stärke!

Frohe Weihnachten

Mittwoch, 3. Juni 2015

An der Hausmauer sitzend

Der Plamberger Loisl sitzt gerne vor seinem Haus, genauer auf der Terrasse vor seinem Haus, an die Hausmauer gelehnt, die sich an warmen Sonnentagen dermaßen aufheizt, dass es den Loisl daran erinnert, wie er sich früher immer an den abkühlenden Backofen der Mutter gelehnt hat, weil es ihm zwar an menschlicher, nie aber an elektrischer Wärme gefehlt hat. Eine schöne Kindheit war das. An der Mauer also sitzend und die wohlige Wärme genießend, schaut er auf die rumpelige Straße, auf der sich, weil sie so steil ist, im Winter die Holländer und im Sommer die Araber abmühen. Die Holländer im Winter, weil es so glatt ist, und sie aber zum Apartmenthaus am Ende der Straße müssen; Die Araber im Sommer, weil das Navigationsgerät sie auf so unwegsames Gelände geführt hat und sie jetzt nur noch Allah oder der Prophet höchstpersönlich im Gewande eines österreichischen Feuerwehrautos aus ihrer misslichen Lage befreien kann.

Der Loisl, der im Winter nur selten vor der Türe sitzt, sondern lieber drinnen am Fenster, von wo aus er die gleiche Aussicht auf die rumpelige Bergstraße hat wie an der Hausmauer auf der Terrasse, nimmt das Theater, welches sich auf besagter Straße sommers wie winters abspielt, gelassen hin. Man vermag es gar nicht zu beurteilen, ob er es überhaupt wahrnimmt, denn meist sagt der Loisl nicht viel, sondern schaut nur verzwickt (das hat er von seinem Großvater gelernt, der, man glaube es den übrigen Zellern, der Weltmeister im Verzwickt-Schauen war). Wenn er etwas sagt, dann sagt er nur "mhm" oder "hmm", je nach Laune mehr aus der Nase heraus (gut gelaunt) bzw. mehr aus dem unteren Kehlbereich heraus (schlecht gelaunt). Dazu schüttelt er oft den Kopf - nicken hat man den Plamberger Loisl nur selten gesehen. Denn wenn er eine Frage wortlos bejaht, kippt sein Kopf nur zustimmend auf seine Brust, hebt sich aber nicht mehr. In diesem Falle von einem vollwertigen Nicken zu sprechen, wäre der Beobachtung nicht gerecht.

Früher hat er das Kopfschütteln geübt, als er mit dem Rücken gegen den Backofen gelehnt saß und dabei versuchte, seine Ohren abwechselnd zu wärmen. Kopf nach links - linkes Ohr warm; Kopf nach rechts - rechtes Ohr warm, linkes aber schon wieder kühl; schnell wechseln...
Seine Mutter hat ihr an den Backofen gelehnt sitzendes und den Kopf wild hin und her werfendes Kind nur verständnislos angesehen, dabei selbst den Kopf geschüttelt und ihm gesagt, wenn es so weiter tue, bliebe ihm das Kopfschütteln irgendwann. Einmal haben sie in der Stadt ein altes Männlein gesehen, das den Kopf beim Gehen ständig geschüttelt hat, damit, einer pessimistischen Taube gleich, aber aufhörte, als es still stand. Des Loisls Mutter zeigte mit dem Finger auf das Männlein und verkündete ihrem Sohn: "Schau, Loisl, so wirst du auch einmal!" Da schauderte es dem Knaben.

Der Loisl ist letztlich doch nicht so geworden, weil das Kopfschütteln bei ihm keine motorische, neurologische oder eine andere körperliche Störung ist. Es ist bloßer Ausdruck eines innergebirglerischen Weltekels, den zu lindern nur die warme, sommerliche Hausmauer im Stande ist. Daher schüttelt der Lois im Winter häufiger den Kopf und im Sommer dann besonders oft, wenn er - was selten genug vorkommt - sein Haus verlässt oder es "Araberwetter" hat: So nennt man kühles und regnerisches Sommerwetter in Zell am See gerne.

Dem Loisl sind die Araber wurscht, genauso wie die Holländer. Er schüttelt bei beiden den Kopf, und zwar genauso verächtlich, wie wenn der Apartment-Besitzer in dem übermotorisierten Sportwagen vorbeifährt, mit dem er im Winter nie den Berg rauf kommt, weil das Auto Heckantrieb hat und die computergesteuerten Fahrassistenz-Programme den Kasatschok tanzen, wenn der Fahrer den Wagen über die eisige Rumpelstraße lenkt. Keine Laborbedingungen für deutsche Sportwagen sind das! Wenn das der deutsche Ingenieur sehen könnte, er würde den Kopf genauso schütteln wie der Lois, der dazu noch "mhmm" macht. Ein "mhmm", das ganz tief unten in der Kehle gurgelt. Für den Apartment-Besitzer, der eh bloß zwei Mal im Jahr für ein paar Tage nach Zell kommt, ist das nur ein weiterer Grund, sich vielleicht doch so einen schicken englischen Geländewagen anzuschaffen. Der wird dem Loisl nur ein amüsiertes "hm!" wert sein.

Eigentlich ist dem Loisl alles wurscht. Man nennt das Resignation - der Loisl sagt aber Zufriedenheit dazu. "I bin z'friedn", sagt er, wenn er danach gefragt wird, wie es ihm ginge. Ob das jetzt Understatement oder eine krasse Fehleinschätzung ist, weiß niemand so genau. Tatsächlich aber kann man, wenn man am Haus vom Loisl vorbei die rumpelige Bergstraße hinauf fährt, fast ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht erkennen. An einem warmen Sommertag, versteht sich; wenn der Loisl an der Hausmauer lehnt, den Kopf nach hinten gekippt, und ein bisschen schläft. Wenn er vom Backofen der Mutter träumt und wie fein alles war und eigentlich noch immer ist. Meist wacht er kurz auf, wenn die Reifen auf dem Schotter durchdrehen oder die Stoßdämpfer ob der gemeinen Schlaglöcher stöhnen. Dann blinzelt er, macht "hmm" und schüttelt den Kopf.

Samstag, 9. August 2014

Die Lederhose

Leider taugt die Lederhose nicht mehr als Signum des stolzen Alpenbürgertums. Auch hat sie ihre Bedeutung als traditionalistisches Element im innergebirglerischen Selbstverständnis verloren. Denn entweder dient sie als folkloristisches Requisit (zum Beispiel an den Beinen eines Wirts) oder aber als Verkleidung für diverse "Brauchstumsveranstaltungen". Das sind - ins heutige Deutsch übersetzt - Retro-Events, bei denen eine alte Zeit so inszeniert wird, dass die einen sie beweinen können, und die anderen sich gerne vorstellen, dass es genau so einmal war; obwohl alle Beteiligten (Darstellende wie auch das Publikum) genau wissen, dass es genau so niemals war. So ist die Lederhose ein Utensil zur Täuschung geworden: Man täuscht als Träger anderen etwas vor und wird als jemand, der sie wahrnimmt, von ihr getäuscht, bisweilen sogar enttäuscht.

Dafür kann natürlich weder die Lederhose etwas, noch der Kulturraum, in dem sie zu dem geworden ist, was sie einmal war. Dass heute Lederhosen in sämtlichen geschmacklosen Variationen von der Münchner und Wiener Möchtegern-Schickeria zur Instant-Wiesn ausgetragen werden, beweist nur, wie wertlos die Lederhose an sich, die richtige, echte, ursprüngliche, traditionelle geworden ist. Denn es wird immer wichtiger, als Lederhosenträger darauf hinzuweisen, dass man selbst über eine "echte" Lederhose verfügt, in der am besten noch der Großpapa auf Bierbänken gesessen hat. Beflissen nennt der moderne Lederhosen-Traditionalist die jeweils regionalen Erkennungsmerkmale seiner "echten Lederhose" und versucht so, darüber hinwegzutäuschen, dass er selbst sie auch nur deshalb trägt, weil er irgendetwas darstellen will oder muss. Ein gesundes Verhältnis zur Lederhose gibt es nicht mehr. Für die einen hat das Kleidungsstück einen volkstümlich reaktionär-dümmlichen Nazi-Mief, für die anderen ist es eine zum Kitsch verkommene Schale ohne Kern (was natürlich beides Mumpitz ist). Sie steht damit aber sinnbildlich für die ganze alpenländische Kultur, die sich in den letzten Jahren schwer damit getan hat, ihren Platz in einer globalisierten Moderne zu finden. Sie pendelt in ihrer Bedeutung stets zwischen den beiden Polen, deren erster sie als eine Art Refugium als Paradiesersatz inszeniert, und deren zweiter sie als eine zu touristischen Marketingszwecken entseelte Kulisse einer scheinbar ursprünglichen Welt errichtet, in der quickfidele Menschen in bunten Kostümen musizieren und schuhplatteln.

Sepp Forcher und Harry Prünster haben schon längst ausgedient. Andreas Gabalier benutzt die Chiffre nur noch zur Ausleuchtung seiner sinnentleerten Darbietung bescheidenster Kunst, die höchstens dort Zuspruch findet, wo auch Apres-Ski-Halligalli mit österreichischer Gemütlichkeit verwechselt wird. Indessen hat sich just ein Konzern der Bewahrung und der modernen Aufbereitung des alpenländischen Volkskultur verschrieben, der damit eigentlich gar nichts am Hut hätte: Red Bull nämlich. In diversen Fernseh-Formaten auf dem hauseigenen Servus-TV-Sender und im zeitgemäßen und sehr beliebten Servus-Magazin wird die alpenländische Ursprünglichkeit im neuen Gewand präsentiert. Und dabei macht das Red Bull Media House einiges richtig, weil es am richtigen Ende ansetzt - nämlich bei der Natur und nicht bei der Kultur: Nicht die Lederhose ist schick, sondern die Blumenwiese; nicht die Ziehharmonika, sondern der Gebirgsbach, der sich trällernd und pritschelnd durch die Wälder ins Tal hinab schlängelt. Da spielt die Musik!



Wo also Andreas Gabalier das "schöne Rehlein" besingt und eigentlich eine junge Frau meint, die dumm genug ist, auf seine primitive Balz hereinzufallen, zeigt Servus-TV uns nur das Rehlein im Wald. Da bedarf es keiner Erinnerung im Stile von "uh lalala so a schena Toug!", damit der Rezipient erkennt, dass es da etwas zu beobachten gibt, das schön ist. Sowieso arbeitet Servus, sowohl im Magazin als auch in den TV-Sendungen mehr mit showing als mit telling. Im Heft wird das an den vielen stimmungsvollen Fotos erkennbar, im TV an den unkommentierten und ohne Hintergrundmusik auskommenden stillen Naturszenen. Freilich bleibt es nicht dabei. Denn erst wenn der Rezipient sich auf die Stimmung eingelassen hat, wird langsam verdeutlicht, was der Mensch eigentlich in dieser Umgebung verloren hat; wie er sich in ihr zurecht findet und wie er sich selbst in ihr sieht. Das ist dann der Schritt von der Natur in Richtung Kultur, und der findet bei Servus eben behutsam und überlegt statt - ganz im Sinne der Thematik.

Die Lederhose wird in diesem Kontext nur verstehbar, wer sich mit dem Handwerk und der Kleidungsgeschichte auseinandersetzen mag. In diesem Moment aber kommt es gar nicht mehr darauf an, wie eine Lederhose aussieht und wer sie anhat, sondern es geht darum, was ihre ursprüngliche Funktion war - und in weiterer Folge darum, wie es dazu kommen konnte, dass sie nun leider zum Requisit einer Festivalgesellschaft geworden ist.
Insofern stellt sich dem modernen Alpenländler, der nicht die Lederne vom Großvater im Kasten hängen hat, die Frage, wofür er sich überhaupt eine Lederhose zulegen soll, wenn er denn noch keine hat. Das alte Zugehörigkeits-Thema ist ja gut und schön. Was aber, wenn man nicht unbedingt dazugehören will? Und was, wenn man nicht genau weiß, wo genau man da dazugehört, wenn man sich eine Lederhose anzieht?

Dann lieber doch die bequemere Position einnehmen und sich die Lederhose einfach als Verkleidung vorstellen, die man zu diversen Festivitäten anziehen kann, aber nicht muss.So, wie man sich am St. Patrick's Day einen Guiness-Hut aufsetzen kann; oder zu Fasching unsanktioniert als Pirat durch die Straßen rennen darf. Das entspannt die Sache ungemein, denn so lässt sich ein Verhältnis zu Lederhose begründen, das selbige als das sieht, was ihr Name bezeichnet: Eine Hose aus Leder. Obwohl sie genau das natürlich nie sein wird...

Dienstag, 13. Mai 2014

Der Knopf

"Wo immer ein Knopf, da eine Lösung", denkt der moderne Mensch. Darum drückt er auf alle möglichen Knöpfe, wenn er sich verlassen fühlt. In Zeiten des Smartphones, die beinahe schon ohne materielle Knöpfe auskommen, mag die Feststellung schon fast antiquiert klingen. Dennoch: Hilft alles nichts mehr, muss der Home-Button her bzw. im Extremfall der Ein/Aus-Knopf.

Wo rührt es her, das blinde Vertrauen, das die Menschen jeglichen Knöpfen entgegen bringen? Hinter jedem Knopf steckt eine Automatik, die etwas passieren lässt. Denn jeder Knopf muss auch für etwas gut sein, warum sonst gäbe es ihn? So ist der Knopf ein Garant für einen geregelten Ablauf, der etwas in die Welt setzt, eine Funktion, ein Produkt eines oft geheimen, undurchschaubaren Prozesses. Dieser Prozess kann durchaus etwas Gefährliches sein. Man denke an all die roten Knöpfe in Filmen, die böse Dinge geschehen lassen. Da explodieren Bomben, da werden Maschinen in Gang gesetzt, die Tod und Verderben über ganze Städte bringen. Und doch: Der Knopf bleibt auch in diesen Situationen (zumindest für den Bösewicht) die letzte Versicherung einer funktionierenden Welt.

Wie groß dann die Empörung, wenn so ein gedrückter Knopf nichts bewirkt! Nichts Sinnloseres in diesem Universum gibt es als einen Knopf, der nichts geschehen lässt! Der Wahnsinn, den so ein wirkungsloser Knopf auslösen kann, lässt sich täglich an Fußgängerampeln erleben, immer dann, wenn Menschen empört mehrmals hintereinander auf den Ampelknopf drücken. Dieser macht auch immer brav "Piep", in machen Fällen geht ihm sogar ein Licht auf, aber oft lässt die erwünschte Wirkung sehr lange auf sich warten. Wütend wird er eindringlicher gedrückt, gerne auch von verschiedenen Menschen, die jeweils die Fertigkeiten im Knopf-Drücken ihres Vorgängers in Zweifel ziehen. Manche Leute scheinen nicht zu wissen, dass diese Fußgängerampelknöpfe nur nachts tatsächlich Wirkung zeigen, und sie der automatischen Ampelschaltung im alltäglichen Verkehr nichts entgegenzusetzen haben.

Und doch, die Faszination für den Knopf ist ungebrochen. Knöpfe strahlen ein fast heilendes Vertrauen aus. Sie beruhigen uns, denn sie geben uns Kontrolle - auch wenn diese in den meisten Fällen nur eine scheinbare ist.
Ich stelle mir einen Apparat vor, der nur aus einem Knopf besteht, der auf einer Art Sockel montiert ist. Drückt man den Knopf, gibt der Apparat ein akustisches, optisches oder meinetwegen auch haptisches Feedback. Sonst passiert nichts. Und doch würde ein solcher Apparat Seelenheil verbreiten. Wenn es einem schlecht geht, wenn man sich hilflos fühlt, so drückt man einfach auf einen Knopf. Und schon geht es ein wenig besser. Vielleicht erfüllen Smartphones einen solchen Zweck und wir bilden uns nur ein, dass wir die vordergründigen Funktionen, die diese Geräte haben, tatsächlich brauchen. Womöglich finden wir es einfach nur schön, das Telefon zu drücken und zu streicheln...

Donnerstag, 13. März 2014

Des Liftlers 13 Worte

Als Liftbediensteter hat man es, entgegen landläufiger Meinung, nicht leicht. Freilich mag diese Beschäftigung an sonnigen Märztagen einen sehr entspannten Eindruck machen: Ein bisschen bei lauen Temperaturen in der Sonne sitzen, dem Schnee beim Schmelzen zusehen und dann und wann auf einen Knopf drücken, wenn es irgendjemand nicht geschafft hat, sich beim Sessellift rechtzeitig niederzusetzen. Auch die Bediensteten an den altgedienten Schleppliften scheinen ein unbeschwertes Dasein zu fristen, welches gelegentlich Gefahr läuft, ins Eintönige abzugleiten. Wer das denkt, der vergisst, was wir skifahrende Geselligkeitsterroristen ihnen dabei abverlangen!

Seit jeher gehört es nämlich zum guten Ton, mit dem Liftler beim Einsteigen ein paar Worte zu wechseln. Und welche Worte das sind! Was beim ersten Zusteigen dem Liftler noch leicht von der Hand geht und sich als abgekürzter Smalltalk verbuchen lässt, wird beim dritten, vierten oder spätestens fünften Mal zu einem echten Mühsal. Die Zeit, die einem Liftler zur Verfügung steht, um mit dem Fahrgast launige Konversation zu führen, lässt in den allermeisten Fällen nicht mehr als 13 Worte zu. Weil die Welt in 13 Worten nicht erklärt werden kann, und man in selbiger Zeitspanne auch keinen Witz oder eine Anekdote erzählen kann, beschränkt sich das Gespräch am Lift auf simple Fragen und Antworten. Hinzu kommt, dass der phatische Anteil der Konversation (jene sozial akzeptierten Floskeln, die allein dazu dienen, den Gesprächskanal offen zu halten) Überhand nimmt, und so mehr Blabla- als Aha-Momente entstehen.

So begnügt sich kein Liftler mit einem einfachen "Guten Morgen", sondern behilft sich mit einer in die Länge gezogenen Begrüßungsformel, welche die Zeit vom Öffnen der Zugangstürchen zur Einstiegsstelle bis zum unvermeidlichen Abtransport des Skifahrers durch den Schlepplift zu überbrücken sucht. Er sagt dann etwas wie "Mooooorgen, seeeeervaaas, Griiiaaas diiii!", und hofft dabei inständig, der Lift möge jetzt nicht stehen bleiben. Denn sein Gruß ist wohl getaktet: "Mooooooorgen!" - die Tür zur Einstiegesstelle geht auf, der Skifahrer rutscht unbeholfen nach vor - "Seeeervaaaas" - der verwirrte Skifahrer sieht den Bügel schon um die Kurve fahren - "Griiaaaaas diiii!" - der Bügel klemmt dem Skifahrer schon unterm Hintern und bevor er noch "Hallo" erwidern kann, winkt ihm der Liftler schon grinsend zum Abschied.

Mancher versucht, dem Liftler zuvor zu kommen und brüllt diesem schon ein "Servas!" auf dem Weg zum Einstieg, vielleicht sogar noch kurz vor dem Drehkreuz, zu. Denn der Liftler lässt sich generell bitten und grüßt nie als erstes! Auf einen solchen Präventivschlag reagiert er meistens, indem er so tut als hätte er einen nicht gehört, auch wenn sonst niemand in der Nähe ist, der seine Aufmerksamkeit verlangte. Steht man dann vor ihm, tut er erschreckt und sagt "Oh, servas, hallo, Morgen, Griasdi. Hab ich dich ja gar nicht kommen sehen!" ... 13 Worte, und da ist der Skifahrer schon weg.

Schwierig wird die Konversation beim zweiten oder dritten Mal. Mit landläufigen Themen wie dem Wetter oder den Pistenverhältnissen lässt sich kein Liftler der Welt aus der Reserve locken. Denn wie oft hören diese Leute am Tag den Satz "Schön ist es heute wieder, gell?" oder "Gut geht es heute wieder, nicht?" oder "viele Leute sind heute aber wieder unterwegs, oder?". Nur selten überrascht ein Liftler mit einer Antwort auf solche Fragen. "Jo, mia homm heit scho 14 Grad do herunten. Und des im Schottn!", zählt da schon zu den ausführlicheren Entgegnungen, die man sich in 13 Worten erwarten kann. Man fragt sich, wie vielen Menschen der Liftler das erzählen muss. Und doch, als Gast am Lift fühlt man sich freundlich behandelt, angehört, ja fast erhört. Mit einer Antwort erteilt einem der Liftler Absolution - aber lieber sagt er nichts. Daher beschränken sich viele der Antworten auf eine zustimmende Wiederholung des Gefragten. "Gut geht es heute wieder!" - "Jo, guat is. Woa gestern eh a scho guat. Und morgen wahrscheinlich aa!" - "Heute ist es aber wieder voll!" - "Jo, wonns nid oi a so saubled foan dadatn, meakat mas eh nid!" - eine Systemkritik in 13 Worten, beeindruckend.

Leute wiederum, die den Liftlern gerne ihre Ruhe lassen möchten, werden an manchen Tagen, wenn der Liftler besonders gut aufgelegt ist und ihm schweigen nicht lieber ist, am falschen Fuß erwischt. Denn da sagt der einem plötzlich was, und noch bevor man sich überhaupt eine Antwort zurecht legen kann, wird man schon von einem der Liftbügel abtransportiert. "Joo", kann man da nur noch stammeln, wenn der Liftler sagt "Mei hiatz host owa long braucht, san deine Schi nid gscheit gwaxlt, ha?" Wenn man Glück hat, fällt einem noch eine pfiffige Antwort ein, die man ihm dann noch im Wegfahren zubrüllen kann, aber da tut er schon wieder, als wäre man nicht mehr in dieser Welt zugegen. Denn der Liftler hat eine Wahrnehmung, die kann man sich gar nicht vorstellen: Dauernd tauchen vor seinem Auge Menschen auf, die nur gekommen sind, um wieder zu verschwinden. Da kann man ihm auch nicht böse sein, wenn er einen nicht wiedererkennt. Den bösen Spaß, einen Liftler bei jeder Fahrt aufs Neue zu begrüßen als sähe man ihn zum ersten Mal, sollte man sich dennoch nicht erlauben, denn: Ein verärgerter Liftler kann ein unangenehmer Zeitgenosse sein.

Ich selbst hatte heute an einem Lift Mühe, rechtzeitig vor dem Schließen der Türchen den Einstiegsbereich zu erreichen. Kurz nach dem Drehkreuz hatte sich am Boden eine Schneewanne gebildet, nach der es ein wenig nach oben ging, was zusätzlichen Stockeinsatz verlangte. Belustigt schaute mir der Liftler zu und ich versuchte mich selbstironisch zu retten, indem ich sagte: "Jetzt wäre ich fast nicht heraufgekommen zu dir!" Er entgegnete: "Jo woat nua, wos glabbst, am Noumittog sauffns ma in dera Wonn oo!"
Überrascht, düpiert und schließlich doch zufrieden wurde ich schon vom Schlepplift von dannen gezogen, bevor mir dazu noch etwas einfiel.


Dienstag, 31. Dezember 2013

Guten Rutsch!

Der vorletzte Tag des Jahres ist der 30. Dezember. An diesem feiern manche Leute in Österreich das sogenannte "Bauernsilvester", ohne zu wissen, was damit eigentlich gemeint ist. Das soll hier auch nicht aufgeklärt werden. Bauernsilvester dient sowieso nur als Ausrede, es auch am Abend vor dem Jahreswechsel schonmal ordentlich krachen zu lassen. Ich spreche hier nicht von Knallern.

So schob sich gestern Abend ein Paar britischer Provenienz ins Lokal und wünschte schon an der Türschwelle ein "Happy New Year". Gewiss war diesen Gästen der österreichische (?) Brauch (?!) des Bauernsilvester völlig unbekannt. Deswegen wurden sie aber nicht daran gehindert, sich anständig vollaufen zu lassen. Die Dame bestellte ein großes Glas Wodka mit einem "Spritzer" Orangensaft, der Herr begnügte sich mit einem Flaschenbier. "Happy New Year" frohlockten die beiden unaufhörlich und gerne hätte man ihnen gesagt, dass es ja noch gar nicht so weit ist. Gut, wir sprechen von britischen Touristen auf Winterurlaub, da sollte man es mit solchen Dingen nicht so genau nehmen. Aber tatsächlich lagen beide dieses Jahr voll im Trend.

Für mich war Bauernsilvester eine schöne Gelegenheit, das Jahr gemütlich mit geschätzten Menschen ausklingen zu lassen. Silvester eignet sich dafür ja nur bedingt, da diese Nacht an Irrsinn und Widerlichkeiten dem Fasching um nichts nachsteht. Heuer verzichtete ich auf Bauernsilvester und musste bemerken, dass alle anderen Menschen sich dieses "geheimen Feiertages" angenommen haben und ihn besinnungslos zelebrierten. Noch vor wenigen Jahren war der 30. Dezember der stillste Abend des Jahres - gleich nach dem 1. Januar versteht sich. Gestern aber musste ich mich wundern, ob ich mich denn nicht im Datum geirrt hatte und nicht doch schon Silvester war. Bauern! Überall fröhliche Bauern, die ihr Silvester feiern wollten. Freilich war der Großteil dieser "Bauern" in Wahrheit Dänen, Engländer und Holländer, die sich in ihrem Skiurlaub nicht an die allgemein akzeptierten Gepflogenheiten des Trinkkalenders halten wollten. Aber immerhin: Es war was geboten.

Noch mehr wundern musste ich mich allerdings heute, da sich schon am Vormittag die Menschen in den Straßen gegenseitig ein "Gutes Neues!" zubrüllten, als wäre schon der erste Jänner. Irre ich mich, oder hielt man sich mit diesem Wunsch noch bis vor kurzem zurück und wartete, bis das Neue Jahr auch tatsächlich angefangen hat. Freilich, man vernahm vor allem in den Geschäften den Wunsch, dass man gut "hinüber rutschen" sollte, und ja, ab und an wünschte man auch ein "gutes neues Jahr", aber die Mehrzahl dieser Wünsche ereignete sich doch erst nach dem Jahreswechsel. Wir haben es eilig mit der Wünscherei, und wenn mich jetzt mein Gedächtnis nicht trügt, waren die Leute heuer mit den Weihnachtswünschen auch schrecklich früh dran. Das erste "Frohe Weihnachten" vermeine ich am zweiten Advent vernommen zu haben. Oder hänge ich einfach nur hinten nach?

Aber wehe, wenn man jemandem im Vorhinein zum Geburtstag gratulieren will! Das geht gar nicht, weil das Unglück bringt und sowieso. Außerdem sehe man sich ja, wenn nicht am Geburtstag, so doch bald wieder mal und könne die Glückwünsche nachreichen. Der Eine oder Andere würde sogar dann auf vorträgliche Wünsche verzichten, wenn die nachträglichen erst in Monaten möglich wären. Quasi dem Motto folgend: "Ein nachträglicher Wunsch per SMS ist mir lieber als ein persönlicher im Vorhinein." Absurd ist daran vor allem, mit welcher Pedanterie hier Wünsche abgewehrt werden und welche Kasperliaden die Wünschenden aufführen, wenn sie sich dabei ertappen, dass sie dem Jubilar gerne im Vorhinein alles Gute wünschen würden, es aber aufgrund des Verbots nicht möglich ist. "Ich darf ja noch nicht, aber...", "man soll ja nicht im Vorhinein, also..." Greuliches Gestammle begleitet von entschuldigenden Mienen - ein Affenzirkus, der im Grunde vollkommen unnötig ist.

Zu Silvester kennen wir da nichts, obwohl das Jahr Geburtstag hat. Rücksichtslos wünschen wir einander schon Tage vorher ein "Gutes Neues", um so im alten Jahr unsere Schuldigkeit getan zu haben und das neue nicht mit ewigen Glückwünschen beginnen zu müssen. Die ganz Eifrigen (zu denen ich mich in manchen Jahren zählen mag) wünschen am 31. einen "guten Rutsch" und am Ersten dann "ein Frohes Neues" bzw. brüllen sie zur nullten Stunde ein heftiges "Prosit Neujahr!", das man durchaus mit einem Niesen vergleichen kann, verschafft es einem doch ungemeine Erleichterung.

Zwar weiß ich, dass der "gute Rutsch" eigentlich mit dem Rutschen gar nichts zu tun hat, weil das Wort aus dem Hebräischen "Rosch" abgeleitet wurde und "Anfang/Beginn" bedeutet (man möge mir verzeihen, dass ich das jetzt nicht wikipediatisch verbürgen kann), aber das Bild des Hinüberrutschens hat doch etwas sehr Vergnügliches und Frohsinniges. Mögen wir uns wünschen, dass wir alle wie Kinder auf einer Rutsche ins Neue Jahr rutschen und dabei vergnügt "Prosit" quieken, und lassen wir uns dann in aller Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit "ein gutes Neues Jahr!" wünschen. In diesem Sinne: Guten Rutsch!

Montag, 21. Oktober 2013

Der Geruch des Lebens

"So wie einer am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!", verkündete der Student und kicherte zufrieden in seinen Cappuccinoschaum hinein. Die Spitzenkandidatin ermahnte ihn sofort: "Oder wie EINE!" Sie häkelte an etwas, das wie eine tibetische Gebetsfahne aussah. Genau genommen konnte es aber alles mögliche sein. Dazu trank sie fair gehandelten Jojobaöltee aus Surinam, wie sie zuvor stolz verkündet hatte.
"Wie, was? Eine? Häh?" Der Student schien verwirrt zu sein.
"Naja, das Leben riecht doch auch wie EINE morgens aus dem Mund, oder?", fragte die Spitzenkandidatin streng, während sie im Häkeln kurz innehielt und über den Rand ihrer Brille lugte. Es sah aus, als wäre ihr die Brille zufällig auf die Nasenspitze gerutscht, doch in Wahrheit trug sie ihre Brille immer so.
"Tja, also, das weiß ich jetzt nicht. Vermutlich schon. Ja, da hast du wahrscheinlich Recht… hm…" macht der Student und sah tatsächlich so aus als würde er grübeln. Schließlich sagte er nur: "Aber das sagt man halt so. Man sagt halt 'So wie einer aus dem Mund' und meint dann halt alle. Also die Menschen, beziehungsweise den Menschen an sich!"
"Das ist ja genau das Problem!" Die Spitzenkandidatin ließ jetzt ihre Häkelarbeit in den Schoß sinken und der Student wusste, dass das kein gutes Zeichen war. Eigentlich war er nur hier hergekommen, um den Wohnungskollegen der Spitzenkandidatin zum Fußball abzuholen. Der war aber gerade am Klo und so hatte der Student gedacht, es wäre eine gute Idee, mit der Spitzenkandidatin ein Gespräch zu führen. Er war der Meinung, dass sie eine Vorliebe für "schräge Sätze" hatte, und so hatte er sich schon vor Wochen diesen Satz zurechtgelegt und hatte nur auf die Gelegenheit gewartet, ihn "anbringen" zu können, wie er es ihrem Wohnungskollegen immer angekündigt hatte. "Irgendwann bring ich den an!", hatte er sich immer gefreut und gesagt: "Der ist gut, der Satz! Sehr gut sogar! Das haut die um, ganz sicher!"


Die Spitzenkandidatin elaborierte: "Dieses Mit-Meinen, das funktioniert nicht. Das ist immer die billige Ausrede. 'Frauen sind immer mitgemeint', wie oft habe ich den Schwachsinn schon gehört! Es ist doch so: Wenn wer mit-meint, dann kann er auch mit-sagen. Woher weiß man denn, dass frau wirklich mitgemeint ist? Ich kann ja nicht einfach davon ausgehen, dass sich wer mitgemeint fühlt, wenn ich den oder die dann nicht anspreche." Sie sagte wirklich "frau" statt "man", und das imponierte dem Studenten in gewisser Weise schon. Das war offenbar eine konsequente Frau, die redete nicht nur, die tat auch was! Eine Spitzenkandidatin, völlig zurecht!
"Naja", sagte der Student verlegen und nach kurzem Innehalten, "ich habe mir halt auch gedacht, dass das nicht sehr galant ist, wenn man sagt: 'So wie eine am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!'. Da hättest du dann wahrscheinlich auch protestiert und gesagt, was mir überhaupt einfallen würde, ob denn nur Frauen am Morgen aus dem Mund riechen würden und so weiter. Also hab ich mich für die männliche Variante entschieden." Das war natürlich gelogen, aber um Spontanausreden war der Student noch nie verlegen gewesen.
"Aso! Aha!", rief die Spitzenkandidatin aufgebracht, als hätte sie darauf nur gewartet. "Das ist ja da nächste chauvinistische Vorurteil, das Mann dauernd anbringt!" (Hier freute sich der Student kurz, dass sie auch das Wort "anbringen" verwendete.) "Wieder so quasi die Frauen, die sind ja von Natur aus rein und sauber und stinken nicht, die Männer aber schon, weil die das dürfen. Das ist ja wieder derselbe Quatsch, das geht ja alles in die gleiche Richtung." Obwohl sie gerade noch den Eindruck erweckt hatte, als wäre sie ehrlich erbost - sie hatte sich in ihrem Sessel aufgerichtet und den Studenten scharf über die Brille hinweg angesehen -, sackte ihre Aufgeregtheit nun schon etwas ab. Sie nahm einen Schluck vom Jojobaöltee und sank irgendwie zufrieden in ihren Sessel zurück, um sich wieder ihrer Gebetsfahne, oder was das auch immer war, zu widmen. "Eine müde, alte Dame, die so ein Gespräch schon hunderttausende Male geführt hat und eigentlich keine Lust mehr darauf hat, weil am Ende das Unverständnis steht", dachte der Student und die Erkenntnis machte ihn irgendwie traurig. Trotzdem bemühte er sich um eine Fortführung des Gesprächs.
"Ja, hm. Also irgendwie hast du da natürlich Recht. Aber der Satz verliert ja auch an Knackigkeit, wenn man sagt: 'So wie einer oder eine am Morgen aus dem Mund- so riecht das Leben!" Es war eine Verzagtheit in seinen Worten, die zu groß geraten war; so verzagt wollte er gar nicht klingen, nur ein bisschen unsicher, um sie wieder in Fahrt zu bekommen. Daher war er froh, als in diesem Moment der Mitbewohner der Spitzenkandidatin vom Klo zurück kam.


"Was? Wie riecht das Leben? Sag nochmal!", wurde der Student sofort aufgefordert, seine Weisheit zu wiederholen. Die Spitzenkandidatin blickte ihn prüfend an, was den Studenten natürlich nervös machte, obwohl er sich auch freute, dass sie jetzt wieder da war.
"So wie einer oder eine am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!" wiederholte er brav.
Der Mitbewohner blickte ihn ratlos an. "Was? Wie einer oder eine? Was meinst du da?"
"Na eben einer… oder halt eine! Mann oder Frau. Kann ja beides sein. Die Frau ist ja nicht automatisch mitgemeint, und Frauen können am Morgen auch aus dem Mund riechen. Also einer - oder eine!", erläuterte der Student umständlich. Die Spitzenkandidatin musste kurz grinsen, gab sich aber alle Mühe, dies zu verbergen. Also griff sie schnell zur Teetasse.
"Aha. Und so riecht das Leben? Wie einer aus dem Mund? Oder eine? Versteh ich nicht." Der Mitbewohner kannte sich noch immer nicht ganz aus.
"Nein. Also ja. Nein, der Satz geht nur so. Also wenn man ihn so sagt: 'Wie einer am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!'. Den kann man nicht umstellen. Sonst leidet die Knackigkeit darunter!"
"Ja, aber ich dachte einer oder eine?", stellte sich der Mitbewohner nun extra blöd, obwohl er den Satz ja schon lange kannte. Schließlich wusste er, dass der Student nur darauf gewartet hatte, ihn endlich "anbringen" zu können.
"Ja eh. Na, also der ursprüngliche Satz, so wie ich ihn gedacht hatte, war: 'So wie einer am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!' Aber dann hat sie gesagt, das geht nicht, weil die Frauen da nicht mitgemeint sein dürfen, sondern extra erwähnt werden müssen." Der Mitbewohner musste ein bisschen grinsen ob des Theaters, das der Student da jetzt aufführte, indem dieser vorgab, dem Mitbewohner noch nie zuvor von dem Satz erzählt zu haben.
"Das ist aber uncharmant!" rief der Mitbewohner deshalb vergnügt und sah die Spitzenkandidatin erwartungsvoll an.
"Ja, aber charmant darf man nicht mehr sein, weil das ist chauvinistisch. Oder so", wehrte sich der Student während die Spitzenkandidatin zufrieden lächelte.
"Aha. Weiß ich aber trotzdem nicht, was ich davon halten soll. 'Eine oder einer' hin oder her."
"Von was?", fragte der Student.
"Wovon!", rief die Spitzenkandidatin, "nicht von was. Wovon!"
"Ja, von wo äh wovon. Wie jetzt?" Das war dem Studenten jetzt zu viel.
"Na von dem Satz. Da weiß ich nicht, was ich von dem halten soll."
"Davon!", korrigierte die Spitzenkandidatin.
"Nein nein, von dem! Von dem Satz. Ich mein den Satz, den konkreten Satz. Da verwende ich 'dem', damit klar ist, dass ich den Satz gemeint habe und nicht irgendwas Allgemeines", wusste sich der Mitbewohner zu helfen. Er war ein ähnlicher Klugscheißer wie die Spitzenkandidatin eine Klugscheißerin war.
"Hm, ja. Hast Recht" sagte die Spitzenkandidatin nur schulterzuckend und widmete sich wieder der Häkelei. Der Student war verblüfft.
"Wie du weißt nicht, was du von dem halten sollst?" konzentrierte er sich wieder auf seinen Satz und den Mitbewohner.
"Ja, weiß nicht. Erstmal nichts. Ich halte lieber erstmal nichts davon."
"Von dem! Warum jetzt 'davon' und vorher hast du auf 'von dem' bestanden? Das ist doch inkonsequent!" erregte sich die Spitzenkandidatin wieder.
"Ja, von dem. Erstmal halt ich nichts von dem Satz. Erstmal nichts davon halten hat sich bewährt", meinte der Mitbewohner ruhig. "Übrigens auch ein guter Satz", schob er nach, "Erstmal nichts davon halten hat sich bewährt. Gut, oder?"
Der Student schien ein wenig beleidigt und wollte nicht auf den Satz des Mitbewohners eingehen: "Wieso hältst du nichts davon? Der ist doch gut! Also in seiner ursprünglichen Form, ohne die Gender-Problematik."
"Ts, Problematik!", sagte die Spitzenkandidatin leise und verdrehte dabei übertrieben die Augen.
"Sag doch 'jemand'! Dann sparst du dir das mit 'einer oder eine'", schlug der Mitbewohner vor.
"Ha!", machte die Spitzenkandidatin, "Jemand! Je-Mann-d! Da steckt überall der Mann drinnen!"


"Das ist jetzt nicht dein Ernst?" Der Student war ehrlich entsetzt. Die Spitzenkandidatin hingegen kicherte eigentümlich versöhnlich. Nahm sie ihn auf den Arm? Neckte sie ihn gar?
"Das klingt ja wie Kafka. Jemand…" Der Mitbewohner schien sich wirklich Gedanken zu machen. "'So wie jemand am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!'. Nein, das klingt zu mystery-mäßig, zu anonym. Das ist ja wer konkreter, der da aus dem Mund riecht."
"Jemand konkretes!" korrigierte die Spitzenkandidatin sofort.
"Nein, jemand konkreter!" behauptete der Mitbewohner fest.
"Da wären wir ja schon wieder beim er!" Und da hatte die Spitzenkandidatin Recht. Der Mitbewohner grübelte noch, da sagte der Student: "Aber ja, das stimmt schon, das geht nicht mit dem 'jemand'. Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte…" deklinierte er und der Mitbewohner ergänzte: "… roch er eines Morgens aus dem Mund!", und beide kicherten.
Die Studentin hingegen sagte nun, wie um der ganzen Diskussion ein Ende bereiten zu wollen: "Das ist überhaupt ein schwachsinniger Satz. Jetzt mal ehrlich! Was soll das bitte heißen? 'Das Leben riecht wie jemand aus dem Mund'. Totaler Unsinn ist das!"
"Am Morgen!" warf der Student ein.
"Am Morgen, am Abend… Ist doch egal. Das Leben riecht doch nicht wie jemand aus dem Mund riecht! Das Leben riecht überhaupt nicht. Und wenn, dann schon gar nicht wie jemand morgens aus dem Mund."
"Aber das ist doch auch das Leben, irgendwie", wusste der Mitbewohner anzuführen. "So schlecht ist der doch nicht, der Satz! Irgendwie poetisch. Wie jemand am Morgen aus dem Mund… klingt doch gut!"
"Sag ich ja! Aber ohne jemand!" freute sich der Student, dass wenigstens der Mitbewohner nun die Magie des Satzes erkannt zu haben schien.
"Schwachsinn ist das. Das ist doch keine Poesie, das ist Unfug." Die Spitzenkandidatin blieb hart.
"Ach was, Fug ist das! Da fügt sich was zusammen!", rief der Student erregt. Er wusste nicht, ob er ihre Wehrhaftigkeit gut finden sollte oder bloß stur. "Außerdem klingt das gut! Es klingt zusammen… symphonisch also - im wahrsten Sinne des Wortes!"
"Aber grausig ist das auch", gab der Mitbewohner zu bedenken, "muss man zugeben. Bei aller Liebe, schön ist das nicht, wie einer am Morgen aus dem Mund riecht!" - "Oder eine!" ergänzte die Spitzenkandidatin nun fast schon lethargisch.
"Das Leben ist doch auch grausig, manchmal. Das ist ja der Reiz der Aussage!", verteidigte der Student seinen Satz weiter.
"Dann darfst du das aber nicht generalisieren und sagen 'so riecht das Leben'. So und nicht anders. Das ist plump. Da fällt ja einiges unter den Tisch, was das Leben sonst noch sein kann." Die Spitzenkandidatin hatte anscheinend wieder zu ihrer markanten Sachlichkeit zurückgefunden.
Der Student konterte: "Freilich. Aber das ist halt der knackigen Aussage geschuldet. Da muss was unter den Tisch fallen, sonst gibt's keine Pointe und darunter würde die Knackigkeit leiden!"
"Knackigkeit… das ist auch so ein fragwürdiges Wort", gab der Mitbewohner zu bedenken; und die Mitbewohnerin darauf: "Direkt beknackt ist das!" Niemand kicherte.


"Also gut", versuchte sich der Student an einer Korrektur seines Satzes, 'Wie ein Mensch unbestimmten Geschlechts am Morgen aus dem Mund - so könnte ein Aspekt des Daseins riechen'. Das klingt doch scheiße!" Die Spitzenkandidatin lachte kurz auf, der Mitbewohner grinste und sagte ermutigend:
"Dasein ist gut! Besser als Leben! Und Mensch auch! Da sparst du dir 'jemand' und dieses umständliche 'einer oder eine'."
"Pff. Solche Sprücheklopfer… Das ist ja nicht auszuhalten. Diese pseudogescheiten Weisheiten. Das geht gar nicht!" Die Spitzenkandidatin das Interesse an der Konversation zu verlieren.
"'Geht gar nicht' sagen geht auch gar nicht!" ätzte der Student zurück.
"Lass Sie, die findet ja sogar Panoramafernsehen reaktionär!", versuchte der Mitbewohner unbeholfen die Wogen zu glätten.
"Ist es ja auch", sagte die Spitzenkandidatin beleidigt und schlürfte wieder am Jojobaöltee.
"Ist aber auch das Leben!", verkündete der Student stolz. "Wie Panoramafernsehen mit Hüttenmusik unterlegt - auch das ist ein Aspekt unseres Daseins!" Und der Mitbewohner lachte.
"Davon halte ich erstmal nichts", entgegnete die Spitzenkandidatin und schob ihre Brille hinauf, die sofort wieder zurück auf die Nasenspitze glitt.
"Das bewährt sich meistens!" Der Mitbewohner grinste und wandte sich an den Studenten: "Siehst du, so gehen gute Sätze. Die müssen sich bewähren. So wie mein Satz 'Ich halte erstmal nichts davon', der hat sich bewährt."
"Das hat sich bewährt!", rief der Student und hob den Zeigefinger wie der reinste Lehrer Lempel.
"Was?"
"Na du hast vorher gesagt: 'Ich halte erstmal nichts davon. Das hat sich bewährt' oder 'erstmal nichts davon halten hat sich bewährt'. Das war dein Satz - oder deine Sätze."
"Was? Ja, nein. Ich meinte doch den Satz jetzt. Also den ersten Teil. Der hat sich bewährt… im Gespräch, weil sie ihn verwendet hat."
"Also Bewährung zweiter Ebene meinst du?" feixte der Student und der Mitbewohner schien verzagt: "Ach, egal." Die Spitzenkandidatin grinste nur und fragte noch mal: "Und wie riecht es jetzt, das Leben?"
"Egal", sagte der Student und meinte es auch so.

Montag, 1. Juli 2013

Grazer Reminiszenzen 2: Essen und Trinken

Bereist man fremde Länder, tut man das oft auch wegen oder trotz des dortigen Essens. Es soll ja Leute geben, die nur des Essens wegen nach Italien oder Frankreich fahren. Freilich gibt es dort auch einiges an Kultur und Natur zu bestaunen, aber das Kulinarische lockt in manchen Regionen mehr als alles andere. Für die Steiermark gilt das nur bedingt, und wann immer ich Menschen von meiner Wahlheimat Graz erzählt habe, fiel ihnen zum Thema Essen und Trinken immer nur das eine ein: Kernöl und Schilcher.

Dabei ginge ja auch Sterz und Puntigamer, Backhendl und Gösser oder Käferbohnen und Weichserl. Womit wir, das sage ich mit aller Arroganz, auch schon das steirische Kulinarium abgesteckt hätten, das beim Buschenschank anfängt und dort auch gleich wieder aufhört. Man komme mir jetzt nicht mit Weinstraße und Johann Lafer! Das ist alles schön und gut, aber eben nichts Alltägliches. Und ums Alltägliche soll es ja schließlich gehen. Vor allem beim Essen.

Was erwartet den Innergebirgler Absonderliches, wenn er nach Graz kommt? Am Anfang steht das Kernöl, das ich vor Graz nie mochte, von dem ich vorübergehend fast Fan wurde und das mir jetzt wurscht ist. Gleichgültigkeit einem Lebensmittel gegenüber ist ja in einer Zeit der allgegenwärtigen Nahrungsmittelunverträglichkeiten die höchste Stufe der Anerkennung. Ihr könnt mir Kernöl in die Schnitzelparnier tun, über's Vanilleeis gießen, pur zu trinken geben oder sogar in den Kaffee schütten - ich dulde es und seine unvermeidlichen Flecken wie ich die Milben in meiner Couch dulde, weil sie immer da sein werden und ich sie nie bemerke. Ob mir das Kernöl abgehen wird, jetzt, da es nicht mehr Standardnahrungsmittel ist? Das muss sich erst zeigen...

Gut in Erinnerung habe ich jedenfalls ein anderes Kürbiskernprodukt, nämlich die Suppen. Eine saisonale Köstlichkeit, die man in der Steiermark fast nirgends schlecht gemacht bekommt. Alles andere mit oder aus Kürbis oder den entsprechenden Kernen ist mir ebenfalls wurscht. In der Schokolade brauch ich das Zeug aber nicht, auch wenn die Firma Zotter (nicht nur diesbezüglich) anderer Meinung ist.

Was mir allerdings vollkommen unverständlich ist, ist der Fetisch, den Steirer mit ihren Backhendln pflegen. Mir kommt das weder sehr regional vor, noch haben mir steirische Backhendln je besser als irgendwelche anderen geschmeckt (auch nicht die in der Kürbiskernpanier). Vielleicht kann mir noch irgendwann mal wer erklären, was das explizit "Steirische" daran sein soll, an dem Backhendl, das in der Lieblingssommerspeise der Grazerinnen auf Salat im Kernöl ersoffen wird.

Eigentlich sind die Steirer aber Herbstleute. Nicht unbedingt des steirischen herbstes wegen, sondern vor allem wegen des Weins. Mit dem Aufsteirern beginnt es. Das ist eine von mir ungeliebte Lederhosen-Veranstaltung, bei der es nebst der Tracht vor allem um's Fressen und Saufen geht - wie bei jedem anderen Volksfest halt auch. Dann kommen Kastanien und Sturm und es beginnt die ewige Suche nach dem besten Maroni-Standl, bis man drauf kommt, dass man einfach Glück haben muss und es jenseits des Kernöls in der Steiermark eben keine absoluten Sicherheiten gibt.

Wer sich mit Sturm und Junker noch nicht besinnungslos getrunken hat, den erwartet im Advent das Glühweingelage in der Grazer Innenstadt. Absichtlich sagt man nicht Christkindlmarkt dazu, weil es wirklich nur um Glühwein geht bzw. Punsch und Feuerzangenbowle usw.; die Aufzählung stockt, weil mir da schlecht wird, allein, wenn ich allein an den Geruch denke, den der Hauptplatz zu dieser Zeit verströmt. Wer aber noch nie einen Schilcherglühwein probiert hat, der hat trotzdem was verpasst. Auch hier lohnt es aber, sich von Kennern informieren zu lassen, wo es brauchbaren und vor allem verträglichen zu finden gibt!

Abseits des saisonalen Angebots, sind mir zwei Dinge aus dem Grazer Bäckereisortiment besonders suspekt: Einerseits die Salzbrezen, die ich als Pinzgauer überhaupt nicht kannte, und die mich schockten, weil bei uns eine Breze immer auch automatisch eine Laugenbreze war. Naja, immerhin was gelernt! Andererseist suchte ich lange Zeit nach Mohnweckerln, die nicht süß waren, bis mir irgendwann jemand erklärt hat, dass das halt so sei. Ein Weltbild brach zusammen! Schließlich sahen die Mohnweckerln genau gleich aus wie jene daheim, nur, dass sie eben süßlich schmeckten. Das konnte ich nicht akzeptieren und nannte die Grazer allesamt verrückt. Süße Mohnweckerl! Ich schüttle immer noch den Kopf.


Was mir obendrein noch aufgefallen ist: Dass die Grazer keine Fastfoodkultur haben. Ja, da könnte man eventuell stolz drauf sein. Aber oh Schreck, wenn ich an die unsäglichen "Hot Dogs" denke, die da verkauft werden (Bosna ist praktisch unbekannt) und an die Käsekrainer, die im besten Falle mäßig waren! Man verlangt ja nicht viel von einem Würstelstand, aber die Mindesanforderungen hat da kaum einer erfüllt. Gott sei Dank gibt es in Graz viele Türken und also lässt sich das eine oder andere ordentliche bis sehr ordentliche Kebab-Etablissement finden. Aber das kann ja schließlich auch keine Lösung sein!

Von dem abgesehen hat mir Graz ein fast fünfjähriges Vegetarier-Dasein beschert (ja, das war freiwillig!), und ich bin nicht verhungert! Das war jedenfalls eine interessante Erfahrung und hat mich ohnehin in den meisten Fällen vor den Würstelständen bewahrt. In einer Studentenstadt lebt es sich als Vegetarier auf alle Fälle einfacher als am Land. Probleme bekommt man auch nur bei der Buschenschank. Denn dort gibt es dann die obligatorischen Käferbohnen - mit viel Kernöl! Vor etwas anderem hat mich nicht der Vegetarismus bewahrt, sondern der gesunde Menschenverstand: Blutsterz. Das war das erste kulinarische Fremdvokabel, das ich in Graz vernommen habe. Da wusste ich schon: Köstlichkeiten brauch ich mir keine erwarten.

Alles in allem habe ich aber überlebt, ja sogar zugenommen. Ich kam ja nach dem Bundesheer als halbertes Biafra-Kind (ein Ausdruck der 80er-Jahre, wie ich glaube) nach Graz und verließ die Stadt zwar nicht als Puntigamer-Pummerl, aber doch gut genährt. Ob es dem Bier geschuldet ist oder doch dem ewigen Kernöl, sei dahingestellt.


Montag, 24. Juni 2013

Grazer Reminiszenzen 1: Kulturangebot und -nachfrage

Graz ist vorbei. Aus, vorüber. Für mich zumindest. Nach vielen Jahren des aktiven und passiven Siechtums in der steirischen Landeshauptstadt, der Stadt der Menschenrechte und der Volkserhebung, der City of Design und vor allem der Kulturhauptstadt (so steht es auf der Autobahn!) verlasse ich nun endgültig ihre Gefilde. Obwohl die Zeiten gute waren, bin ich weder mir noch der Stadt böse, dass es nun vorbei ist. Alles hat immer zwei Enden - auch wenn die Wurst in Graz nur eines zu haben scheint (das zweite steckt unsichtbar in einem von einer Metallstange ausgehölten Hotdog-Brötchen). Also muss ich mich doppelt verabschieden. Schließlich bin ich auch doppelt angekommen. Aber dazu an anderer Stelle mehr...
Teil 1 eines kleinen Rückblicks auf die Grazer Jahre:

Als europäische Kulturhauptstadt habe ich Graz im Jahr 2003 kennengelernt. Toll, dachte ich mir, aus dem provinzlerischen und kulturell nicht kolonialisierten Innergebirg kommend. Bei uns war eine Theateraufführung an einer Schule schon ein Happening von Warhol'schem Format. Einzig das Saalfeldener Jazzfestival ließ die Pinzgauer mit geduldiger Regelmäßigkeit ein wenig Weltgeist schnuppern. Graz nun also mit seinem Kunsthaus, der futuristischen Murinsel (wie lächerlich sich das jetzt in der Retrospektive anhört!), dem steirischen herbst, der Diagonale usf. Was es da alles zu entdecken gab! Ich war zunächst nur beruhigt in einer Stadt zu leben, in der es sogar ein eigenes Literaturhaus gibt.

Wenn man dann nach gut zehn Jahren mehr oder weniger intensiven Aufenthalts Bilanz ziehen muss, fragt man sich, ob man von dem vielen Tollen, das man an Graz immer geschätzt hat, eigentlich immer nur das kulturelle Potenzial genutzt hat, oder ob man auch tatsächlich regelmäßig im Theater, im Museum oder in der Oper war. Nach kurzem überschlagsartigem Nachzählen kommt man drauf: Es hätte mehr sein können. Das geht aber fast jedem so, habe ich gehört. Ist aber auch egal, denn wichtig ist nur, dass man die prinzipielle Möglichkeit gehabt hätte, theoretisch, im Falle des Falles also, jeden Abend in eine andere Veranstaltung zu gehen. Wie oft man diese Gelegenheiten tatsächlich genutzt hat, ist ja einerlei.

Tatsächlich fand ich mich auf der einen oder anderen merkwürdigen Veranstaltung wieder, war nachher froh, dort gewesen zu sein, hatte aber größtenteils das Gefühl, eine lästige Pflicht abgeleistet zu haben. Wenn diverse kulturelle Veranstaltungen auch oft ein netter Zeitvertreib waren, die essentiellen Erkenntnisse stellten sich da selten ein. Das ist übrigens auch so etwas, was man glaubt, wenn man den Schritt an die Hochschule tut bzw. was einem im Gymnasium irgendwie versucht wurde einzureden: Dass sich der Mensch durch den alleinigen Besuch kultureller Veranstaltungen zum Besseren ändere. Ich hab sie ja alle gesehen, die Studenten in Cord-Sakkos und Karohemden, die vor Bildern stehen und mit Daumen und Zeigefinger ratlos Verständnis vorschützend ihre Kinn- und Mundpartie umspielen! Ich war ja selber schon so weit, wenngleich auch nicht in Cordsakko und Karohemd!

Dann aber die harte Erkenntnis: Dass sich im Kopfe nichts tut, wenn das Hirn sich nicht rühre. Und dazu bedarf es erstmal keiner Ausstellungen oder Vorführungen, sondern des Verständnisses für das Einfache und Klare. Die Einsicht, dass die einfachen Sätze erstmal kapiert werden müssen und nicht bloß rezitiert. "Ich weiß, dass ich nichts weiß" zum Beispiel. Der Satz kann als Ausrede für eine mangelhafte Prüfungsvorbereitung genauso herhalten wie für die letzte Conclusio am Sterbebett. Man muss sich diese Sätze aber aneignen, für sich und seinen Verstand geltend machen. Und das lernt man nicht im Museum oder im Theater. - und schon gar nicht im Seminarraum (obwohl einen der in manchen Fällen dabei ein wenig helfen kann). Das lernt man am Tresen!

Im Grunde besteht das Spannende an einem ausgeprägten "kulturellen Umfeld" nur darin, dass die Chance, Leute zu treffen, die sich irgendeine Art von Gedanken machen, etwas höher ist als in einem kulturfeindlichen oder -resistenten Milieu. Leider liegt da auch der Hund begraben, denn ein sogenanntes "kulturelles Umfeld" zieht auch eine Menge Scharlatane und Spinner an. Das liegt zum einen an der Kunst selbst, weil sie eben zutiefst menschlich ist (manche sagen nicht zu Unrecht, sie sei das Menschliche überhaupt); zum anderen liegt es an dem, was ich unter einem absichtlich so schwammig gewählten Begriff wie dem eines "kulturellen Umfelds" verstehe: Es gibt da einen geographischen Raum, in dem überdurchschnittlich viele Menschen Kultur betreiben, vertreiben, konsumieren und sich obendrein auch noch dazu verhalten, es sich also auf die Fahnen schreiben und sich darauf etwas einbilden. Klingt widerlich, ist es auch irgendwie. Aber es geht halt anscheinend nicht anders. Yin und Yang, woast scho? Der Kuhfladen ist den Fliegen ein Haus, aber mir ein Graus, etc.

Wie ist das also jetzt? Hat mich Graz verändert, was das sogenannte "Kulturelle" betrifft? Ich denke, ich bin im selben Maße, wie ich der Kultur gegenüber aufgeschlossen gemacht wurde, ihr gegenüber unsensibler oder zynischer geworden. Das hat vielleicht mit Graz per se nichts zu tun, aber ein kulturelles Überangebot verlangt vom potenziellen Konsumenten ein gewissen Grad an Ignoranz. Ganz schnell kommt es zur Ausbildung eines "Geschmacks", dessen Fundament weniger ästhetische Reflexion als das ermüdende Trübsal einer unkreativen Freizeitgestaltung ist: "Wos isn heit? ... Najo, schauma uns des hoit on. Is wahrscheinlich eh wieda a Schas...", sprachs und schlurfte zur Kulturveranstaltung. Echtes Interesse kann ein Überangebot also nicht ersetzen, aber es besteht zumindest die Chance, neue Interessen zu entdecken oder zu vertiefen. Auch hier würde ich aber sagen, dass nichts ohne den persönlichen Austausch geht (ob an der Theke oder nicht), womit wir wieder bei den Menschen wären, die Kultur machen, vertreiben und konsumieren. So waren es also nicht die Veranstaltungen und Veranstaltungsorte, sondern die Grazer Menschen,die mich da beeinflusst und teilweise sogar inspiriert haben. Klingt kitschig, ist aber durchaus wahr. Reminiszenzen, zumal solche zu Graz, kommen eben ohne Kitsch nie aus.

Graz ist keine Kulturhauptstadt, das Schild auf der Autobahn lügt. Aber es ist eine Stadt mit vielen ambitionierten (teilweise überambitionierten) Leuten, die sich etwas antun und sich ein paar Gedanken machen. Man muss deswegen nicht zu allen deren Veranstaltungen rennen. Aber es beruhigt irgendwie, dass sie da sind. So wie auch ein Kuhfladen ohne Fliegen eine zutiefst traurige Angelegenheit ist.

Montag, 13. Mai 2013

Die Eisheiligen

In meiner Kemenate ist es saukalt. Ich sitze im unbeheizten Teil des Hauses, unter mir die kalte Garage, ober mir ein weiteres kaltes Zimmer, zwei Außenwände mit großzügigen Fenstern lassen mich auf das gräuliche Grün des Waldes blicken, bibbernd reite ich auf dem alten Bürostuhl; dabei habe ich mir schon meinen Winterpullover angezogen. Wir schreiben den 13. Mai, Sankt Servatius hält uns fest im Griff. Auf den Bergen liegt (wieder) Schnee, der Niederschlag dauert den ganzen Tag an und wechselt zwischen Niesel- und Platzregen. Wie zum Hohn zeigt sich hie und da ein blaues Fleckchen am Himmel, aber das ist nur Andeutung, ein meteorologischer Mummenschanz, eine - so würde es der Bundesdeutsche nennen - Verhohnepiepung des frühlingsgereiften Innergebirglers, der gerade noch die Hoffnung hegte, bald die Sommerlatschen hervorholen zu können, ja vielleicht sogar schon Teile der "Übergangsgarderobe" einsommern zu können. Nichts da - zu den drei Eisheiligen wird gefroren!

Es heißt: "Servaz muss vorüber sein, will man vor Nachtfrost sicher sein!" (Oder vor Frost überhaupt!) Besser passt da schon, wenn auch rhythmisch nicht ganz so elegant: "Pankraz und Servaz sind zwei böse Brüder. Was der Frühling gebracht, zerstören sie wieder." Dabei kommt morgen erst der Bonifaz und übermorgen der Bavaria Blu bzw. die kalte Sophie. "Die kalte Sophie macht alles hie", heißts recht apokalyptisch im bayerischen Raum. Das mag vielleicht übertrieben sein, aber immerhin übertreiben es die Eisheiligen auch gehörig. Welcher Bauer mag in seinen Regeln da schon Nachsicht walten lassen? Immerhin hat man genug damit zu tun, sich in diesen Tagen auf Ofenbänke zu legen und mit Katzen zuzudecken während man durchs Fenster den Pflanzen dabei zusieht, wie sie ob der Kälte erstaunt eingehen. Traurig, diese paar Tage im Mai, denen zum düstersten November nur die abgefallenen Blätter und die Allerheiligenromantik fehlen. Man fragt sich schon, wo da das Heilige wirkt und werkt, wenn es an diesen Tagen immer so bitterkalt ist. Man muss sich Petrus als einen humorlosen Menschen vorstellen. Mamertius, Pankratius, Bonifatius, Servatius und die Sophie übrigens auch.

Montag, 25. März 2013

Sprechen Sie Deutsch ?/!

Touristen und Einwanderer haben es nicht leicht im Gebirge. Nicht nur ist es die ihnen oft unvertraute Landschaft, welche die Beschwerlichkeit des Berganschreitens genauso in sich birgt wie die oft schwer vorherzusehenden Wetterwechsel, die im Gebirge nicht nur unterhaltsam, sondern eben auch gefährlich sein können; viel öfter scheitert der Wille zum Wohlfühlen an der seltsamen Sprache der Innergebirgler. Denn der Bergmensch kann und will es nicht verstehen, dass er außerbergs nicht verstanden wird. Vielmehr: Es ist ihm egal. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass trotz mittlerweile flächendeckenden Englisch-Unterrichts, der Gebirgler auf dieser Sprache nur phrasenhaft kommunizieren mag. Sein Gebrauch des Englischen beschränkt sich zudem meist auf Wegbeschreibungen, die sich wiederum in den vielsagenden Anweisungen "down" und "up" erschöpfen. "Go up, donn hintre ... hinter... behind hoit. Nochand links... left!" Ahja.

Freilich, der Gebrauch der Englischen Sprache ist nicht jedermanns everyday business. Aber im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends kann mir kein Bewohner einer schon seit fast einem Jahrhundert touristischen Region erzählen, dass er einem Ortsunkundigen nicht auf Englisch den Weg zum nächsten Wirtshaus (als ob er den nicht kennen würde!) oder zum Skiverleih erklären könne. Der Grund, warum diese Situationen in echt immer wieder scheitern, liegt ganz einfach im Unwillen des sogenannten Einheimischen, etwas anderes als seine, die einheimische, Sprache zu sprechen. Diese Verweigerung macht nicht bei einer Weltsprache wie dem Englischen halt. Es erstreckt sich erschreckenderweise sogar auf die standardisierte, überregional verständliche Variante unserer Muttersprache.

Es sind nicht nur "arrogante Deutsche", die vorgeben, rein gar nichts von dem zu verstehen, was der Gebirgler ihm in breitestem Pinzgauer Dialekt zu verstehen gibt. Freilich, es schon auch solche, die sich absichtlich blöd stellen (oder einfach noch keinen Sprachkontakt mit uns hatten oder wollten), und die gleichzeitig davon ausgehen, dass wir ihrem Thüringischen oder Rheinfränkischen Dialekt so ohne weiteres folgen können. Ignorant sein, das kann man auch - und vor allem - in der Sprache.

Viel schlimmer ist die Weigerung des Bergmenschen, seinen Dialekt kurzzeitig zugunsten einer allgemein verständlicheren Variante des Deutschen aufzugeben, wenn er mit Menschen kommuniziert, die dem Deutschen durchaus mächtig sind bzw. sich zumindest alle Mühe geben, es sein zu wollen. Die Rede ist von Zuwanderern, denen ja immer gesagt wird, sie sollen gefälligst zuerst Deutsch lernen, bevor sie es sich bei uns gemütlich machen. Diese Menschen sind nicht abgeneigt zu tun, was von ihnen verlangt wird, ja manche sind mit Eifer und Freude bei der Sache - bis sie merken, wie wenig ihnen im sprachlichen Alltag ihr Wissen nützlich ist. Dort nämlich treffen sie auf den Bergmenschen, der, sobald er die ersten deutschsprachigen Bemühungen des Lernenden bemerkt, anfängt, mit diesem konsequent Pinzgauerisch zu reden. "Ko jo eh Deitsch. Des vastehta scho!", heißt es dann.

So fürsorglich und kameradschaftlich das vielleicht gemeint ist, so frustrierend ist es für den, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Sprache zu lernen, die angeblich in Österreich gesprochen wird. Sprachlernende, die ohnehin schon Mühe haben, das Deutsche in der freien Wildbahn des Alltags (im Gegensatz zur gepflegten Konstruiertheit des im Klassenraum Erlernten) sinnerfassend zu verstehen, sind verwundert: Was ist das für eine Sprache, die die Menschen hier sprechen?

Über die Unterschiede zwischen dem standardisiertem Deutsch und unserem Dialekt sind wir vielleicht zu wenig im Bilde. Wir können uns nicht vorstellen, wie unsere Umgangssprache für jemanden klingt, der sich gerade Mühe gibt, das Lautinventar, die oft komplexe Satzgrammatik und die Intonation des Deutschen zu durchschauen bzw. zu erhören. Für die Sprachlernenden aber ist es eine frustrierende Erfahrung: All die Mühe, die man vor allem am Anfang in ein Sprachstudium des Deutschen steckt, scheint umsonst gewesen zu sein. Das im Klassenzimmer mühsam Angeeignete hat in der Praxis wenig bis gar keinen Wert.

Umgekehrt geht der Einheimische her und hat mit den fortlaufenden Verständnisschwierigkeiten des Zuwanderers nur wenig Nachsehen: "Der lernt's nia!", heißt es dann lapidar. Und wenn er es lernt, der Herr Gastarbeiter, dann kommt dabei ein Kauderwelsch heraus, der jenseits der Grenzen des Bezirks wenig kommunikativen Alltagsbestand haben wird. Ein schlecht gelerntes Deutsch, das sich aus Dialektversatzstücken, der Grammatik der Muttersprache und ein bisschen Hochdeutsch konglomeriert, marginalisiert mehr als es integriert. Von keinem Einwanderer, der Deutsch ohne Vorkenntnisse erlernt, kann man erwarten, dass er es eines Tages akzentfrei sprechen wird, und das soll und kann auch gar nicht Ziel der sprachlichen Integration sein. Aber man kann als Muttersprachler den Lernwilligen eine kleine Hilfestellung leisten, indem man mit ihnen so kommuniziert, dass sie nicht nur verstehen, sondern im selben Zug auch noch wiedererkennen und dazulernen. Was kostet uns das mehr als eine kleine sprachliche Mühe, die eigentlich jeder Volksschüler im Unterricht aufzubringen imstande ist?

Woran also liegt es, dass die Gebirgler mit ihren so geschätzten Saisonkräften nicht ordentlich Deutsch sprechen können oder wollen? Einerseits wird da das Berufsumfeld des Gastgewerbes ins Spiel gebracht, das es angeblich unmöglich macht, Anweisungen in verständlichem Deutsch zu geben, weil alles "ruck-zuck" gehen muss und eigentlich sowieso alles ohne Worte ablaufen sollte. Nur: Wer seinen Angestellten Anweisungen auf Pinzgauerisch zubellt, läuft eben Gefahr, nicht richtig verstanden zu werden. Das hat entweder Nachfragen zur Folge (was auch wieder Zeit kostet) oder ein Missverständnis, das dazu führt, dass die erteilte Aufgabe nicht richtig erledigt wird - was noch mehr Zeit kostet.

Viel öfter aber scheint es so, als wolle der Innergebirgler gar kein ordentliches Deutsch sprechen. Er sieht den Dialekt als eine Art Geheimsprache, deren Verwendung Zugehörigkeit signalisiert. So manifestiert sich das allseits bekannte "Mia san mia" vor allem in der Sprache. Dem Lernenden wird damit signalisiert, dass er, so sehr er sich auch bemühen mag, es eben nie lernen wird. Er wird nie dazugehören. So gut sein Deutsch auch sein mag, der Gebirgler wird ihm mit seinem Dialekt immer voraus sein. "Haha, des vasteht a nid, ge?", ergötzt sich der Bergmensch am Unverständnis des Migranten. Diese "anti-integratorische" Komponente des Dialekts wird nie wirklich übersehen. Im Gegenteil: Der Dialekt ist dem Einheimischen sein Rückzugsort, wenn es ihm in der touristischen Interaktion zu viel wird, und er sich darauf besinnen möchte, dass er etwas Besonderes ist. Schließlich kann man sich eine Lederhose und einen Hut mit Gamsbart kaufen - eine kernige Aussprache jedoch nicht. An der hat sich noch immer gezeigt, ob einer ein "Dosiger" oder ein "Zuag'roaster" ist. Und die Zuag'roasten kann man ja jederzeit wieder "ausgrausigen", wie es heißt.

Vom Märzenkalb

Jetzt ist es schon soweit: Auf derstandard.at wurde ein "Frostfrustforum" eingerichtet, wo sich die User den Frust über das kalte Wetter im März von der Seele schreiben sollen. Freilich, es ist kalt in diesen Tagen. Allerorts hört man die Leute höhnisch fragen: "Und dann heißt es Klimaerwärmung, bahaha!" Dann ziehen sie bibbernd von dannen, während sie nicht einmal bemerken, dass sie schon ihre Frühlingsgarderobe ausführen.

Es ist kalt, und darf man den Meteorologen glauben, war es um diese Zeit noch nie so kalt. "Seit Beginn der Aufzeichnungen", lautet der gewohnte Zusatz. Das hört man in letzter Zeit öfter. Wärmster Jänner ever, kältester März überhaupt, die allerverregnetsten Weihnachten seit Menschengedenken - das Wetter ergötzt sich an Superlativen und liefert uns damit Gesprächsstoff und vor allem Lamentiermaterial ohne Ende.

März, das ist einer der "Monate mit r", in denen man damit rechnen muss, eine Schicht mehr anzuziehen. Das Märzenkalb schläft nicht! "Pass auf, dass di as Mäaznkeiwi nit beißt!", heißt ein gut gemeinter Rat in Bayern. Damit ist gemeint, dass man sich ob der teils verlockend warmen Temperaturen nicht dazu hinreißen lassen soll, sich nachlässig anzuziehen. Denn überall weht der bekannte "saukalte Wind", und wehe, die Sonne versteckt sich kurz mal hinter einer Wolke, denn: "im Schatten ist es saukalt!". Aber das war ja im März immer schon so.

Ruhig Blut also! Der Frust über den Frost ist übertrieben, und wenn ich mich richtig erinnere, war es letztes Jahr zu Ostern auch saukalt. Und da war Ostern später. Die paar kalten Tage werden wir auch noch aushalten. Vielleicht sind wir nur verwöhnt von den letzten Wochen. Man hörte von Temperaturen von 18 oder gar 20 Grad (wärmster Märzbeginn ever?). Und jetzt fühlen wir uns vom Wetter ungerecht behandelt? Das Märzenkalb soll euch beißen!

Donnerstag, 7. März 2013

Eine Preisgabe


Der Mann vor mir an der Kassa hat eine zu große Jeanshose an. Seine Daunenjacke erscheint angesichts der frühlingshaften Temperaturen übertrieben. Dafür wirken seine Glatze und sein ernster Blick umso überzeugender. Das ist einer, der Ernst macht. Einer, der in der Freizeit öfters mal auf den Tisch haut oder regelmäßig jemandem die Meinung geigt. Hart sieht er aus, aber fast wirkt es ein wenig gespielt: Schließlich steht er an einer Supermarktkassa und nicht etwa vor einem Nachtklub in Hamburg. Da stimmt etwas nicht. "Was kauft so einer?", denke ich mir. Der Blick auf das Förderband an der Kasse verrät es mir: eine Familienpackung Klopapier.

Der Mann versucht also, dem Kauf von Klopapier etwas Würdevolles oder gar Lässiges zu verleihen, indem er möglichst grimmig dreinschaut. Betont cool steht er recht weit vom Förderband entfernt und schaut, während der Kunde vor ihm noch bezahlt, bedeutungsvoll in die vermeintliche Ferne des Supermarkts. In seinen Blick drängen sich ein Friseursalon und ein Stand mit Leberkässemmeln. Leberkässemmeln um einen Euro, ein Fassonschnitt für 13 Euro: Beides weckt sein Interesse nicht. Letzteres wohl wegen der Glatze nicht, ersteres, weil er jetzt keinen Gedanken an Essen verschwenden kann und mag. Denn schließlich steht er hier an einer Supermarktkasse und kauft eine Familienpackung Klopapier - und sonst nichts. Es muss also dringend sein.

Der Kunde vor ihm hat bezahlt und geht zu dem Stand mit den Leberkässemmeln. Er kauft zwei. Die Lässigkeit des Glatzkopfes erleidet einen kleinen Dämpfer, als das Förderband vergeblich versucht, das Klopapier in Richtung Scanner zu befördern. Der hintere Teil der großen Packung hängt über das Förderband hinaus und zwingt den Mann dazu, dem Klopapier einen kleinen Schubs zu geben, damit es weiterfahren kann. Eine Geste, die fast zärtlich scheint und das Getue des Mannes letztlich doch der Lächerlichkeit preisgibt. Entspannt schmunzle ich und bin zufrieden mit der Einrichtung der Welt.

Freitag, 1. Februar 2013

Probleme mit dem Klopfer


Die Dame kommt aus Fuschl am See, sagt sie. Also muss sie wohl für Red Bull arbeiten, denn was täte man sonst in Fuschl am See mit einem mitteldeutschen Akzent? Darüberhinaus hat sie das perfekte Alter für Red Bull-Mitarbeiter: nicht mehr ganz jung, aber auch nicht alt; nicht verbraucht - eher angebraucht wirkt sie. Ein bereits geöffnetes Red Bull, das ein bisschen in der Sonne gestanden, aber noch nicht ausgeraucht ist. Sie fährt sicher nicht mehr in einem Mini Cooper mit einer Dose auf dem Dach umher. Vermutlich ist sie Sekretärin oder eine Vertriebsmitarbeiterin - irgendwas Unspektakuläres jedenfalls. Sie muss zu jenen Mitarbeitern gehören, die der Konzern versteckt, weil sie eigentlich nicht ganz in das nach außen getragene Image passen. Sie ist keine Extremsportlerin und eben auch nicht so ein junges Blondchen, das im RB-Mini durch Großstadtevents flitzt und dabei Kombucha trinkt. Wahrscheinlich aber macht sie ihre Arbeit gut. Trotzdem wirkt sie, als hätte sie einen Didi. Einen Titi vielmehr, also im Sinne von Klopfer, Huscher, Hieb oder Klescher. Einen Didi hat sie nur als obersten Chef, den Titi allerdings im Oberstübchen.

Abgesehen von der Dame, die einen Huscher hat, obwohl sie eigentlich kompetent sein müsste oder zumindest in der Lage sein, so zu tun: Wie schreibt man "Didi/Titi"? Didi kann es nicht heißen, weil es sich dann wirklich wie der Name anhört und darüberhinaus das "D" zu weich ist für den Klopfer, den jemand hat, wenn er nicht ganz auf der Höhe ist. "Titi" allerdings schaut wieder verfänglich aus, und spricht man es aus, wie es dasteht, klingt das gar nicht nach dem Huscher, sondern ganz blöd nach "Titty" und dann müssen schlichtere Geister schon mal kichern.

Was muss man anstellen, um diesem Wort in der schriftlichen Darstellung gerecht zu werden, ohne dabei die Aussprache zu verfälschen? Ich plädiere für "Didti". Mit dem "dt" wird das zweite "d" bzw. "t" nicht zu weich und es entsteht die nötige kleine Spannung vor der zweiten Silbe, die bei "Didi" einfach nicht eintritt. Das "D" am Wortanfang ist leider nicht wegzudenken, weil Österreicher ohnehin fast nie stimmhafte Ds sprechen, und meinen, sie müssten jedes "T" aspirieren, also ein besonders deutsches T produzieren, ein hartes, mit einem Nachhauch, bei bei "Theke" (was übrigens ein besonders hässliches Wort ist). Schreib also "Didti" und die meisten werden die Aussprache erwischen, die nötig ist, um den Klopfer zu beschreiben und nicht den Herrn Mateschitz.

So wie die Dame nicht ganz in die Red-Bull-Schiene passt, passt das Wort "Didti" nicht in unser Schreibvokabular: Didti schreiben wir nicht, wir sagen es nur. Erstens, weil wir nicht genau wissen, wie wir es schreiben sollen (das Problem wäre hiermit gelöst, auch wenn es blöd ausschaut), und zweitens, weil es eben so viele Synonyme dafür gibt. Da ist der Reichtum der Sprache wieder am richtigen Platz zu finden!

Mittwoch, 9. Januar 2013

Pfeifenberger hält Maß

Eine von Pfeifenbergers ausgesuchten Vorlieben ist jene für Miniaturen. Pfeifenberger ist nämlich ein Mann, der sich seine Vorlieben, Hobbys und Passionen sehr genau aussucht. Er hegt und pflegt sie so wie andere Pflanzen oder Tiere hegen und pflegen. Dabei ist er ein Mann des Mittelmaßes, weswegen der Begriff „Passion“ schon beinahe zu viel ist und eigentlich zu keiner von Pfeifenbergers Vorlieben wirklich passt. Er behält gern die Übersicht und daher hält er sich nur wenige Interessen, und diejenigen, die er verfolgt, hält er sozusagen an der kurzen Leine. Nie hätte ihn eine seiner Vorlieben dazu getrieben, etwas Unüberlegtes oder gar Dummes zu machen. Auch Unvernünftigem sieht er sich nie ausgesetzt, so wie etwa ein passionierter Sammler für ein ihm besonders begehrenswert erscheinendes Objekt eine horrende Summe Geld zahlen würde. Nein, Pfeifenberger kennt seine Grenzen, denn er hat sie ja selbst gesetzt!

Die Vorliebe für Miniaturen allerdings, so unauffällig sie zunächst scheinen mag, ist eine tief gehende. Sie umfasst viele – wenn nicht sogar alle – Lebensbereiche; doch wenn man nicht um sie weiß, sie würde einem gar nicht auffallen. Manche, die davon wissen, haben sich schon an allerlei psychologischen Erklärungen versucht. „Der Pfeifenberger ist halt selbst ein kleines Mandl, der mag kleine Dinge, weil ihm die großen Angst machen!“, hört man etwa die Leute sagen. So naheliegend derlei Interpretationen auch sein mögen, so ungenügend ist doch auch ihre Erklärungsleistung. Wir wollen uns auch hier nicht lange mit den Gründen für Pfeifenbergers Vorliebe aufhalten; ich aber glaube, es hat etwas damit zu tun, dass Pfeifenberger eben gerne den Überblick hat. Als gebürtiger Innergebirgler ist er es gewohnt, von Anhöhen und Bergesgipfeln aus sich den Blick über die große Welt zu behalten. So hält er es auch mit der Lebenswelt. Dies zeigt sich nicht nur bei der sorgfältigen Auswahl seiner Vorlieben, sondern auch an seiner kargen Einrichtung, seiner Sparsamkeit beim Einkaufen und dem generellen Maßhalten bei Essen und Trinken.

Vor allem was das Trinken betrifft, ist Pfeifenberger nach Ansicht der ihm bekannten Leute ein recht kauziger Genosse. Obwohl es eigentlich die Art der Innergebirgler ist, große Mengen an Alkohol in sich hinein zu schütten, wird man Pfeifenberger nie auch nur mit einem großen Bier erwischen. Abgesehen davon, dass er sowieso wenig trinkt, trinkt er auch nur in kleinen Portionen. Ein Seitel Bier ist ihm da oft schon zu viel – lieber hat er einen Pfiff. Dem Wein kann er höchstens zum Essen etwas abgewinnen, und auch da trinkt er ihn nur, wenn er ihn bereits als Zutat verwendet hat. Schnaps trinkt Pfeifenberger nur in Ausnahmefällen bzw. aus „medizinischer Notwendigkeit“, wie er es nennt. Wenn ihn der Magen drückt, greift er gern zum Nussschnaps, den er immer bei einem Lungauer Bauern kauft. Im Lokal lässt er sich nur ungern einladen, aber wenn, dann weiß ein jeder, dass der Pfeifenberger nur Kalmus trinkt. Denn auch der wirkt beruhigend auf Geist und Körper. „Nur keine Aufregung!“, das ist die Pfeifenberger'sche Devise und also trinkt er niemals Vodka oder Rum. Nicht pur und schon gar nicht mit irgendwelchen Mixgetränken.

Manche Leute meinen, der Pfeifenberger würde den Kalmus und den Nussschnaps sowieso nur deswegen trinken, weil ihm das kleine Schnapsglas so gefiele. Da mag etwas dran sein, denn auch am Pfiffglas gefällt ihm nicht nur die kleinere Portion Bier, sondern eben auch die „Haptik und Optik“, so er, des kleineren Glases. Vulgär würde es aussehen, müsste der Pfeifenberger ein Halbeglas (oder gar ein Mass!) jedes Mal zum Mund stemmen, wollte er daraus trinken. Es würde aussehen, als hätte ihm jemand etwas zu Fleiß getan, und Pfeifenberger wäre darüber auch gewiss nicht glücklich! „Eine Halbe, das ist ja pervers“, soll er einmal gesagt haben als ihm jemand eine solche spendieren wollte. Niemals wird man Pfeifenberger am Oktoberfest Masskrüge heben sehen, und dieses Faktum allein beweist schon die grundrichtige Geordnetheit unserer Welt.

Nicht nur, was die Größe des Glases anbelangt, ist Pfeifenberger eher ein Mann des Maßhaltens statt des Masshaltens (ein derartig dümmlicher Wortwitz sei dem Berichtenden hier ausnahmsweise erlaubt): Auch was die Wahl der Getränke anbelangt, lobt Pfeifenberger sich die Miniatur. So ist sein eigentliches Lieblingsgetränk der Radlerpfiff. Man merkt schon: Der Pfeifenberger ist kein ungeselliger Mensch, aber übertreiben will er es deswegen auch nicht! An manchen Abenden verzichtet Pfeifenberger gänzlich auf Alkohol. Stattdessen trinkt er Limonade oder Apfelsaft. Sollte er dabei auf eine besonders gesellige Runde stoßen, die sein analkoholisches In-der-Bar-Stehen als Dreistheit empfinden, gibt er dem Wirt seines Vertrauens ein Zeichen, worauf ihm dieser quasi im Geheimen ein Schlossgold einschenkt. Je geselliger und fordernder die Runde, desto unwahrscheinlicher ist es, dass einem dieser Kniff (auf den Pfeifenberger besonders stolz ist, wie er einmal verraten hat) auffällt. Das aber ist freilich bloß eine Notlösung, denn das alkoholfreie Bier wird in der betreffenden Kneipe nur in Halbliterflaschen ausgeschenkt. Der Wirt füllt dem Pfeifenberger das Schlossgold zwar in ein Seitelglas, aber es bleibt doch immer noch ein Pfiff in der Flasche zurück, der nach einiger Zeit zum sogenannten „Hansl“ wird – einem letzten, abgestandenen und schier ungenießbaren Bierrest, den nur Alkoholiker oder ganz Verzweifelte zu trinken vermögen. Davon nimmt Pfeifenberger freilich Abstand.

Manchmal, wenn Pfeifenberger die ihm unzuträgliche Einrichtung der Welt beklagt, meint er: „Das ideale Getränk für mich, das wäre ein Schlossgold-Soda-Radler-Pfiff.“ Dabei ignoriert er das überraschte Gesicht seines Gegenübers und fügt seufzend hinzu: „Aber wer schenkt das schon aus?“ Und wenn er das sagt, dann schaut er, als ob es kein Morgen gäbe, und für einen kurzen Moment erwischt man sich selbst dabei, über eine solche Tatsache ein wenig Traurigkeit zu verlieren. „Komm, trink noch einen Apfelsaft, ich lade dich ein!“, sagt man dann und hofft, dass es ihn aufmuntert. „Nein danke. Mir ist eh schon schlecht“, wird er dann antworten und an schlechten Tagen heimgehen. An guten Tagen aber lässt er sich zu einem Kalmus überreden. Und wenn dann das kleine Schnapsglas vor ihm steht, sieht man seine Augen wieder ein wenig funkeln.

Montag, 31. Dezember 2012

Pfeifenberger ist nicht eitel

Es war Pfeifenbergers größte Furcht, mit dem jungen Peter Handke verwechselt zu werden. Gegen Verwechslungen mit dem alten Peter Handke hatte Pfeifenberger wenig einzuwenden und konnte sich derer auch nicht erwehren, glich sein Haarschnitt und sein misstrauischer Blick doch sehr dem gealterten Literaten. "Der junge Handke, der war entsetzlich!", soll Pfeifenberger einmal gesagt haben. Und das meinte er nicht nur im literarischen, sondern vor allem auch im optischen Sinne. "Handke ist eigentlich überhaupt entsetzlich. Ganz entsetzlich!", sagte Pfeifenberger ein anderes Mal und bezog das vor allem auf das literarische Schaffen des Kärntner Schriftstellers. Trotzdem fühlte er sich von den Vergleichen mit dem alten Handke immer ein wenig geschmeichelt. "Frisur hat er ja eine gute! Aber seine Prosa, die ist entsetzlich. Zumindest sehr mau!" Ein Lieblingswort Pfeifenbergers war nämlich das Wort "entsetzlich". Ein anderes war "mau". Selten verwendete er beide in Verbindung: entsetzlich mau. Das geht eigentlich nicht, und das wusste auch Pfeifenberger.

Von September bis Anfang Dezember jeden Jahres schnitt sich Pfeifenberger nie die Haare. Er meinte immer, er müsse seinen "Winterpelz" gedeihen lassen. Tatsächlich sprach Pfeifenberger von "gedeihen", denn seine Haarpracht war für ihn so etwas wie eine Naturgewalt, über deren Wachstum er keine Kontrolle hatte. Freilich aber freute er sich über seine Mähne, die er gern stundenlang vor dem Spiegel begutachtete, bewunderte und pflegte. Manchmal probierte Pfeifenberger verschiedene Frisuren aus, blieb aber dann doch meistens bei einer Scheitelvariante, die einen Mittelscheitel vorgaukelte, sich aber bei genauerem Hinsehen als leichter Rechtsscheitel entpuppte. Ein Mann voller Subtilitäten - das war Pfeifenberger!

Die Idee mit dem Winterpelz hatte Pfeifenberger von seinen Vorfahren abgeschaut, die allesamt aus dem Lungau, der kältesten Region des Innergebirgs, stammten. In Tamsweg, der Bezirkshaupt- und einzigen Stadt der Region, erzählt man sich, die Pfeifenbergers hätten einst den Lungau gegründet. Dabei handelt es sich natürlich nur um einen Gründungsmythos, der aber bezeugt, welch hohes Ansehen die Familie Pfeifenberger im Lungau schon immer genossen hat. "Als Pfeifenberger trägst du einiges mit dir herum!", soll der Pfeifenberger einmal gesagt haben und damit hat er nicht seine Haare gemeint. Obwohl der Satz natürlich besonders für die winterliche Haarvariante des Pfeifenbergers gegolten hätte, denn was sich da jedes Jahr bis Anfang Dezember auf dem Pfeifenbergerkopf angesammelt hat, musste mehrere Kilo schwer gewesen sein. Die richtige Länge hatten Pfeifenbergers Haare dann, wenn er sie hinten zu einem kleinen Zopf zusammenbinden konnte. Das Volumen, das mit dieser Haarlänge einherging, füllte dann auch die Winterhaube vom Pfeifenberger vollständig aus. Das bedeutet aber: Hätte sich der Pfeifenberger die Haar schon ab August wachsen lassen, dann wären sie im Dezember so voluminös geworden, dass sie nicht mehr unter die Haube gepasst hätten. Und weil der Pfeifenberger ein recht verfrorenes Männlein war (trotz seiner Lungauer Herkunft), konnte er das nicht riskieren.

Der Friseurbesuch im Dezember fand dann meistens in Salzburg statt. Denn Pfeifenberger ging niemals zu einem anderen Friseur als zum Sturmayr in Salzburg. Dort nämlich hatte er seine Friseurin, die einzige, die seine Mähne entsprechend zu schneiden wusste. Die Ingrid - so hieß sie - hätte der Pfeifenberger auch geheiratet, hat er einmal gemeint. Denn Friseurinnen - nicht alle! - seien ordentliche Frauen, so Pfeifenberger. Man darf jetzt nicht glauben, dass der Pfeifenberger ein Mann von großer Einfalt war - im Gegenteil! Pfeifenberger war ein studierter Mann, ein belesener zumal, was ja heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist. Aber er hatte ein gutes Gespür für die einfachen Dinge im Leben. Wäre er Politiker gewesen, hätte man gesagt, der Pfeifenberger sei ein "Mann für die kleinen Leut'" und hätte damit nicht die geringe Körpergröße gemeint, die den Pfeifenberger zu einer höchst sympathischen Erscheinung machte.
Die Ingrid hat der Pfeifenberger jedenfalls nicht geheiratet. Wohl auch deshalb nicht, weil er einmal gesagt haben soll, dass Haare und Liebe nicht zusammengehen. Das eine sei eine Sache der Vernunft, das andere eine Sache des Herzens. Mit solchen Sätzen frappierte Pfeifenberger regelmäßig die Menschen.

Wer jetzt glaubt, der Pfeifenberger hätte sich den ganzen Winterpelz im Herbst wachsen lassen, um ihn dann zu Winterbeginn wieder abzuschneiden, der denkt nicht mit und hat den Pfeifenberger mit Sicherheit nicht verstanden - oder ihn gar unterschätzt (was der Kardinalfehler in Bezug auf diesen Mann ist). Mit der langen Wachstumsperiode stellte Pfeifenberger nur sicher, dass sich genügend Haare für den kalten Winter auf seinem Kopf befanden - dem Wildwuchs aber gab er seine Haare deswegen nicht hin. So wurden sie jeden Dezember in Salzburg von der Ingrid formschön geschnitten, also in Fasson gebracht, ohne dabei zu viel Material verloren gehen zu lassen. Wenn dann der Pfeifenberger aus der Sturmayr-Filiale trat und der Salzburger Innenstadtwind zum ersten Mal seine frisch geschnittenen Haare streichelte, fühlte sich Pfeifenberger erhaben. Und er sah dann auch erhaben aus! Wie der alte Peter Handke eben. Nur, dass Pfeifenberger ein viel humorvollerer und wahrscheinlich auch angenehmerer Mensch war als Handke; das gilt sowohl für den alten wie auch für den jungen.