"Was der David immer mit der Prostata zu tun hat, musst du mir jetzt mal erklären", sagt der Langmayr Hansl und schüttelt den über sein iPad gebeugten Kopf.
"Wie meinst?", frage ich ihn geistesabwesend, weil ich selber gerade etwas überaus Interessantes im Internet entdeckt habe: Hunde, die aussehen wie ihre Besitzer - oder umgekehrt. Ich habe solche Fotos schon geschätzte 400 Mal gesehen, aber es fasziniert mich immer wieder. Vor allem der Umstand, dass immer und immer wieder solche Fotos auftauchen; und ich wage zu behaupten, dass es nie dieselben sind. Oder sind sie es doch? Ist die unermessliche Fülle an Information im Internet nur scheinbar? Kommt uns das Internet nur deswegen unendlich vor, weil wir ständig alles vergessen, was wir darin sehen, lesen und hören? Die Information ist ja zu 90 oder mehr Prozent vollkommen irrelevant. Und alles, was wir an Relevantem im Web finden, geht sowieso irgendwann verloren. Weil wir vergessen, ein Lesezeichen zu setzen; weil die Seite irgendwann offline geht und wir natürlich keine Offline-Kopie erstellt haben, und falls wir das doch gemacht haben, dann nicht auf diesem Gerät oder eben vor der letzten Formatierung...
Aber diese Hunde und ihre Besitzer... das ist schon faszinierend, dass zwei verschiedene Spezies sich so gleichen können. Aber woher weiß ich eigentlich, dass es sich bei diesen Menschen tatsächlich um die Besitzer der Hunde handelt? Vielleicht gehen da Leute mit Hunden spazieren und fragen wildfremde Passanten, ob sie sich nicht kurz mit dem Hund ablichten lassen würden; schließlich würden sie dem Köter ja so ähnlich schauen. Macht man das? In Amerika vielleicht. Oder nein, in England - da machen die das! "Excuse me, you look just like this dog. Do you mind if I take a picture of you with the dog? It's for a funny web page!". Nein, das macht doch keiner!
Oder ist es so, dass sich die Menschen gezielt Hunde zulegen, die ihnen ähnlich sehen? Also ganz absichtlich, meine ich. Nicht, dass sie durch das Tierheim marschieren und vor einem Zwinger stehen bleiben, wo sie dann ganz eitel mit einem Blick auf den Hund sagen: "Der sieht aber hübsch aus!", und eigentlich sich selber meinen.
Nein, ich meine, die Menschen gehen von Hund zu Hund und sagen irgendwo einfach: "Ja, der passt zu mir". So kommt ein dicker Mensch eher zu einem dicken Hund, weil er vielleicht Angst davor hat, sich auf einen Zwergpinscher draufzusetzen. Der Dicke denkt sich vielleicht auch: "Ich neben so einem kleinen Hund - das sieht doch lächerlich aus!" Also nimmt er einen Hund, der ihm in der Erscheinung ähnlich ist. Nach einigen Jahren des Zusammenlebens haben sich schließlich auch die Gesichtszüge einander angepasst. Der Hund ist ja ein gutmütiges Wesen und passt sich gern seinem Herrchen an. Wenn dieses ihn mit teigigem Gesicht und traurigen Augen tagein, tagaus anschaut, wird der Hund irgendwann auch ein trauriges, teigiges Gesicht bekommen. Nicht, weil er emotional verwahrlost, sondern weil der Hund das aus reiner Sympathie macht. Irgendwann sehen sich Herrchen und Hund so ähnlich, dass nicht der krasse Unterschied, den es bei der Beschaffung des Tieres noch strikt zu meiden galt, das Lächerliche ist, sondern die auffallende Ähnlichkeit zwischen Tier und Mensch.
"Was hat also jetzt der David mit der Prostata zu tun?", fragt der Hansl noch einmal, und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. - "Was? Wie meinst?", sage ich noch einmal. Der Hansl seufzt und tippt auf seinem iPad herum, während ich die Seite mit den Fotos von Hunden und ihren Besitzern schließe.
"Jedes Mal, wenn ich irgendwo über einen Artikel über die Prostata stolpere, ist da ein Bild vom David. Was hat der also damit zu tun?", fragt der Hansl. Er klingt jetzt dringlicher als zuvor. Es beschäftigt ihn also wirklich.
"Welcher David?", frage ich, lege das iPad weg und versuche mich nach meinem geistigen Ausflug in die physiogonomischen Ähnlichkeiten zwischen Tier und Mensch, jetzt ganz Hansls Problem zu widmen.
"Na die Statue. Die Davidstatue. Der Nackerte!", sagt der Hansl und hält mir das iPad hin. Es zeigt Michelangelos David neben der Überschrift "Prostatakrebs: Lang ignoriertes Leiden".
"Aso, der David", zeige ich mich verständig, habe aber schon vergessen, was der Hansl jetzt eigentlich wissen wollte. Also schaue ich ihn fragend an.
"Mir kommt vor, dass die jedes Mal den David zeigen, wenn es um die Prostata geht. Wieso machen die das?" Der Hansl scheint wirklich ein bisschen aufgebracht zu sein, aber seine Frage ist eine durchaus berechtigte.
"Die machen das wegen des Visual Contents" ist mein erster, zugegeben etwas halbherziger Versuch. "Die brauchen ja für jeden Online-Artikel ein Bild. Bei solchen Themen gehen ihnen halt oft die Bilder aus. Was sollen sie auch zeigen? Eine sezierte Prostata? Das ist ja grauslich."
"Jaja", macht der Hansl, "das ist schon klar, dass die Visual Content brauchen. Aber wieso immer der David?"
"Wegen dem Zumpferl!", sage ich. "Da weiß dann jeder 'Oha, jetzt geht es um was Intimes'. Und dann zeigt man eben das Zumpferl vom David. Also in erster Linie den David, der als nackter Mann anzeigt, dass das jetzt ein Männerthema ist. Und sein Zipfel zeigt an, dass es um was Intimes geht."
"Ja, aber das ist doch behämmert!", protestiert der Hansl sogleich. "Was hat denn der David mit der Prostata zu tun?"
"Ja eh nix... direkt halt. Eher indirekt. Also der David hatte ja auch eine Prostata. Also quasi eine Prostata."
"Der David ist eine Statue, der hat überhaupt keine Prostata!", wirft der Hansl ganz richtig ein.
"Ja, aber der David steht ja für etwas. Also die Statue, die steht für den Menschen, aber eben auch für den männlichen Körper, und also auch indirekt für die Prostata." Ich merke, dass ich mich auf dünnem Eis bewege.
"Dann steht der David aber auch für den Zehennagel des Mannes. Und für den Herzinfarkt und die Fettleber!" Der Hansl versucht jetzt also, meine eh schon schwache Argumentation mit Sarkasmus zu zerfleddern.
Ich beschließe, auch ein bisschen albern zu werden und sage: "Schau her, der David steht für den Mann. Aber eigentlich steht der David nur da, damit jeder sein Zipfel sehen kann. Darum ist es ja dem Michelangelo in erster Linie gegangen: Er macht den perfekten Körper, lässt ihn lässig dastehen mit Stand- und Spielbein und allem. Aber eigentlich will er nur das Zipfel zeigen. Und die meisten hat auch immer nur das Zipfel interessiert. Und deswegen kann eine Zeitung hergehen und das Bild vom David in einen Artikel über Prostatakrebs setzen. So funktioniert das einfach. Für 90% der Menschen ist der David einfach ein Nackerter - nicht mehr und nicht weniger."
"Hmm", macht der Hansl und lächelt ein bisschen. "Trotzdem kapier ich nicht, was das mit der Prostata jetzt genau zu tun hat."
"Eh nix,", sag ich, "aber was sollen's denn wirklich stattdessen hernehmen? Du kannst ja schlecht das Foto von einer Prostatauntersuchung zeigen. Oder gar einen behandschuhten Arztfinger! Das ist ja alles zu alarmierend. Der David ist schön und tut keinem was. Und jeder weiß, dass es jetzt um was männliches Intimes geht."
"... Kürbiskerne!", wirft der Hansl ein, "sie könnten doch auch Kürbiskerne nehmen. Da weiß auch jeder, dass die gut für die Prostata sind. Sie könnten ein Foto von Kürbiskernen nehmen, und jeder weiß: Aha, da geht es jetzt wieder um die Prostata."
"Ich weiß nicht. Das funktioniert wahrscheinlich nur bei Menschen, die viele Artikel über die Prostata lesen. Jetzt ist Herbst, und wenn du da ein Foto von Kürbiskernen hineingibst, dann denkt jeder in erster Linie an - Kürbiskerne! Da schlägt keiner die Brücke zur Prostata. Außer du vielleicht."
"Hmm", macht der Hansl erneut und schaut wieder auf das iPad.
Es gibt im Internet überhaupt viele Seiten, deren Idee darin besteht, dass sie Tiere zeigen, die irgendwie menschlich wirken. Das taugt den Menschen bzw. den Usern anscheinend am meisten: Wenn das Tier möglichst menschlich daherkommt. Der Hund trägt einen Hut, der Kater scheint zu schimpfen, das Eichhörnchen macht ein böses Gesicht: Das ist alles ganz köstlich, weil die Tiere dabei wie Personen wirken. Anthropomorphismus sagt man da auf gescheit. Das macht den Menschen lachen, weil er am liebsten eh über sich selbst lacht - auch wenn er das nicht gern zugibt. Das Tier kann ja gar nichts dafür, weil es nicht verstehen kann, worüber wir lachen. Manchmal habe ich Gefühle des Mitleids, wenn ich Menschen über Tiere lachen sehe. Im gleichen Moment erkenne ich, dass solche Gefühle ja eigentlich lächerlich sind. Das Tier trägt ja keinen emotionalen Schaden davon, wenn es verlacht wird. Im Gegenteil kann ich mir sogar vorstellen, dass ein Hund, der von seinem Herrchen ausgelacht wird, eine große Freude daran hat, dass er sein Herrchen zum Lachen bringt.
Das ist freilich irgendwie ein Missverhältnis, wenn auch kein besonders dramatisches. Es zeigt nur wieder die absonderliche Einrichtung der Welt, zumindest einen Aspekt davon: Wir sehen uns Videos an, in denen Tiere sich wie Menschen verhalten, und wir lachen darüber - und wissen eigentlich nicht warum. Das einzig Beruhigende daran ist wirklich, dass niemand Schaden daran nimmt. Dann wiederum gibt es Videos von Menschen, die sich wie Tiere aufführen, was wiederum viele Leute geil finden. Muss - ja, kann man das überhaupt verstehen?
"Was ist eigentlich die Mehrzahl von Prostata?", fragt mich der Hansl plötzlich.
"Prostatae wahrscheinlich", rate ich, während mir einfällt, dass dies bisher der einzige Nutzen des Lateinunterrichts gewesen ist: dass ich mit hoher Trefferquote den richtigen Plural von Fremdwörtern bilden kann; und, dass ich mir deren Herkunft ein bisschen erklären kann. Dafür machte man ein mehrjähriges Martyrium mit, in dem man Sätze von Autoren übersetzte, deren Leistung darin bestand, alles, was die Griechen schon erdacht hatten, noch einmal zu denken und auf Latein aufzuschreiben. Meistens übersetzte man falsch - und das Beunruhigende war, dass es einem nicht einmal auffiel, weil die falsche Übersetzung in vielen Fällen sinnreicher war als die richtige Version.
"Braucht man eh nicht", sagt der Hansl.
"Was?", frage ich, meinen Gedanken über das Lateinische entrissen.
"Die Mehrzahl von Prostata braucht man im Normalfall nicht. Man hat ja eh nur eine!"
"Stimmt. Außer du arbeitest beruflich mit Prostatae. Als Prostatologe. Die wären wahrscheinlich auch die einzigen, die dir einen falschen Plural übel nehmen würden."
"Wie meinst du?"
"Naja, einem Normalsterblichen ist es wohl egal, ob du von 'Prostatas' oder 'Prostatae' sprichst. Der Prostatologe würde wohl protestieren!"
"Prostatieren!", sagt der Hansl und lacht.
"Protestierende Prostatologen - das fehlt uns noch", sage ich und überlege, ob das Wort "Protest" irgendwas mit dem Testikel zu tun haben könnte.
"Pro testis", sagt in dem Moment der Hansl, der offenbar einen ähnlichen Gedanken hat, "für die Eier! Haha!"
"Für die Eier protestieren?"
"Genau! Die Prostatologen protastieren für die Prostata, während die Testologen für die Eier protestieren.", gluckst der Hansl.
"Oder muss es pro testes heißen? Pro verlangt ja den Ablativ? Oder pro testem? Was ist denn testis für eine Deklination?"
"Weiß ich doch nicht!", sagt der Hansl vorwurfsvoll. Und eigentlich möchte ich es selbst auch gar nicht wissen, weil ich mit der Information nur vor die weitere Frage gestellt wäre, wie denn jetzt korrekt zu deklinieren wäre. testis, testis, testi, testem, teste? Ich nehme das iPad wieder zur Hand und überlege, was denn nun der Plural von Testis ist.
"Was ist denn die Mehrzahl von Testis?", frage ich den Hansl, der reflexartig mit den Schultern zuckt.
"Ist das nicht schon Mehrzahl? Es sind ja zwei! Im Gegensatz zur Prostata", sagt er und lacht wieder.
"Na, es ist ja 'der Hoden'". werfe ich ein.
"Testis klingt aber eh schon nach Plural", bemerkt der Hansl und fährt seine volks-grammatischen Betrachtungen so fort: "Da hast du ein i und ein s. Das riecht zehn Meter gegen den Wind nach Mehrzahl!"
Tatsächlich google ich das Wort und sage nur: "Testes!"
"Testes?"
"Ja, das ist die Mehrzahl von Testis: Testes!"
"Das ergibt ja überhaupt keinen Sinn!", sagt der Hansl und ich gebe ihm Recht.
In einem Tab ist noch die Tierseite geöffnet und also schaue ich mir lieber das Video von einer Ratte an, die mit einer Spielzeugeisenbahn fährt und dazu pfeift.
"Da zeigen's übrigens auch immer den David", sagt der Hansl wieder.
"Wo?"
"Bei den Hoden-Artikeln im Gesundheitsteil in der Zeitung! Da sieht man auch oft den David!"
"Na also", sage ich und lache über die Ratte als Lokführer.
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Samstag, 13. September 2014
Montag, 25. März 2013
Vom Märzenkalb
Jetzt ist es schon soweit: Auf derstandard.at wurde ein "Frostfrustforum" eingerichtet, wo sich die User den Frust über das kalte Wetter im März von der Seele schreiben sollen. Freilich, es ist kalt in diesen Tagen. Allerorts hört man die Leute höhnisch fragen: "Und dann heißt es Klimaerwärmung, bahaha!" Dann ziehen sie bibbernd von dannen, während sie nicht einmal bemerken, dass sie schon ihre Frühlingsgarderobe ausführen.
Es ist kalt, und darf man den Meteorologen glauben, war es um diese Zeit noch nie so kalt. "Seit Beginn der Aufzeichnungen", lautet der gewohnte Zusatz. Das hört man in letzter Zeit öfter. Wärmster Jänner ever, kältester März überhaupt, die allerverregnetsten Weihnachten seit Menschengedenken - das Wetter ergötzt sich an Superlativen und liefert uns damit Gesprächsstoff und vor allem Lamentiermaterial ohne Ende.
März, das ist einer der "Monate mit r", in denen man damit rechnen muss, eine Schicht mehr anzuziehen. Das Märzenkalb schläft nicht! "Pass auf, dass di as Mäaznkeiwi nit beißt!", heißt ein gut gemeinter Rat in Bayern. Damit ist gemeint, dass man sich ob der teils verlockend warmen Temperaturen nicht dazu hinreißen lassen soll, sich nachlässig anzuziehen. Denn überall weht der bekannte "saukalte Wind", und wehe, die Sonne versteckt sich kurz mal hinter einer Wolke, denn: "im Schatten ist es saukalt!". Aber das war ja im März immer schon so.
Ruhig Blut also! Der Frust über den Frost ist übertrieben, und wenn ich mich richtig erinnere, war es letztes Jahr zu Ostern auch saukalt. Und da war Ostern später. Die paar kalten Tage werden wir auch noch aushalten. Vielleicht sind wir nur verwöhnt von den letzten Wochen. Man hörte von Temperaturen von 18 oder gar 20 Grad (wärmster Märzbeginn ever?). Und jetzt fühlen wir uns vom Wetter ungerecht behandelt? Das Märzenkalb soll euch beißen!
Es ist kalt, und darf man den Meteorologen glauben, war es um diese Zeit noch nie so kalt. "Seit Beginn der Aufzeichnungen", lautet der gewohnte Zusatz. Das hört man in letzter Zeit öfter. Wärmster Jänner ever, kältester März überhaupt, die allerverregnetsten Weihnachten seit Menschengedenken - das Wetter ergötzt sich an Superlativen und liefert uns damit Gesprächsstoff und vor allem Lamentiermaterial ohne Ende.
März, das ist einer der "Monate mit r", in denen man damit rechnen muss, eine Schicht mehr anzuziehen. Das Märzenkalb schläft nicht! "Pass auf, dass di as Mäaznkeiwi nit beißt!", heißt ein gut gemeinter Rat in Bayern. Damit ist gemeint, dass man sich ob der teils verlockend warmen Temperaturen nicht dazu hinreißen lassen soll, sich nachlässig anzuziehen. Denn überall weht der bekannte "saukalte Wind", und wehe, die Sonne versteckt sich kurz mal hinter einer Wolke, denn: "im Schatten ist es saukalt!". Aber das war ja im März immer schon so.
Ruhig Blut also! Der Frust über den Frost ist übertrieben, und wenn ich mich richtig erinnere, war es letztes Jahr zu Ostern auch saukalt. Und da war Ostern später. Die paar kalten Tage werden wir auch noch aushalten. Vielleicht sind wir nur verwöhnt von den letzten Wochen. Man hörte von Temperaturen von 18 oder gar 20 Grad (wärmster Märzbeginn ever?). Und jetzt fühlen wir uns vom Wetter ungerecht behandelt? Das Märzenkalb soll euch beißen!
Freitag, 1. Februar 2013
Probleme mit dem Klopfer
Die Dame kommt aus Fuschl am See, sagt sie. Also muss sie wohl für Red Bull arbeiten, denn was täte man sonst in Fuschl am See mit einem mitteldeutschen Akzent? Darüberhinaus hat sie das perfekte Alter für Red Bull-Mitarbeiter: nicht mehr ganz jung, aber auch nicht alt; nicht verbraucht - eher angebraucht wirkt sie. Ein bereits geöffnetes Red Bull, das ein bisschen in der Sonne gestanden, aber noch nicht ausgeraucht ist. Sie fährt sicher nicht mehr in einem Mini Cooper mit einer Dose auf dem Dach umher. Vermutlich ist sie Sekretärin oder eine Vertriebsmitarbeiterin - irgendwas Unspektakuläres jedenfalls. Sie muss zu jenen Mitarbeitern gehören, die der Konzern versteckt, weil sie eigentlich nicht ganz in das nach außen getragene Image passen. Sie ist keine Extremsportlerin und eben auch nicht so ein junges Blondchen, das im RB-Mini durch Großstadtevents flitzt und dabei Kombucha trinkt. Wahrscheinlich aber macht sie ihre Arbeit gut. Trotzdem wirkt sie, als hätte sie einen Didi. Einen Titi vielmehr, also im Sinne von Klopfer, Huscher, Hieb oder Klescher. Einen Didi hat sie nur als obersten Chef, den Titi allerdings im Oberstübchen.
Abgesehen von der Dame, die einen Huscher hat, obwohl sie eigentlich kompetent sein müsste oder zumindest in der Lage sein, so zu tun: Wie schreibt man "Didi/Titi"? Didi kann es nicht heißen, weil es sich dann wirklich wie der Name anhört und darüberhinaus das "D" zu weich ist für den Klopfer, den jemand hat, wenn er nicht ganz auf der Höhe ist. "Titi" allerdings schaut wieder verfänglich aus, und spricht man es aus, wie es dasteht, klingt das gar nicht nach dem Huscher, sondern ganz blöd nach "Titty" und dann müssen schlichtere Geister schon mal kichern.
Was muss man anstellen, um diesem Wort in der schriftlichen Darstellung gerecht zu werden, ohne dabei die Aussprache zu verfälschen? Ich plädiere für "Didti". Mit dem "dt" wird das zweite "d" bzw. "t" nicht zu weich und es entsteht die nötige kleine Spannung vor der zweiten Silbe, die bei "Didi" einfach nicht eintritt. Das "D" am Wortanfang ist leider nicht wegzudenken, weil Österreicher ohnehin fast nie stimmhafte Ds sprechen, und meinen, sie müssten jedes "T" aspirieren, also ein besonders deutsches T produzieren, ein hartes, mit einem Nachhauch, bei bei "Theke" (was übrigens ein besonders hässliches Wort ist). Schreib also "Didti" und die meisten werden die Aussprache erwischen, die nötig ist, um den Klopfer zu beschreiben und nicht den Herrn Mateschitz.
So wie die Dame nicht ganz in die Red-Bull-Schiene passt, passt das Wort "Didti" nicht in unser Schreibvokabular: Didti schreiben wir nicht, wir sagen es nur. Erstens, weil wir nicht genau wissen, wie wir es schreiben sollen (das Problem wäre hiermit gelöst, auch wenn es blöd ausschaut), und zweitens, weil es eben so viele Synonyme dafür gibt. Da ist der Reichtum der Sprache wieder am richtigen Platz zu finden!
Freitag, 9. Dezember 2011
Der Wichtigtuer - ein Niedergang
Laut Egon Friedell gibt es für jede Zeit einen „Repräsentativmenschen“, einen Menschen also, der für seine Zeit typisch ist, der ihre Ideen und Konzepte verkörpert. Dabei handelt es sich nie um individuelle Menschen, sondern um einen idealen, prototypischen Charakter, der alle Absonderlichkeiten seiner Zeitgenossen in sich vereint. Zwischen 1815 und 1848 etwa gab es den Beidermeier, in den 1980ern den Yuppie und hier zeigt sich schon, dass solche Charaktere nicht nur Kinder ihrer Zeit, sondern vor allem ihrer jeweiligen Sozietät sind. So fragwürdig das Postulat eines Repräsentativmenschen auch sein mag, ist es doch unbestreitbar, dass uns genau so einer vorschwebt, wenn wir über Zeiten, Völker oder Regionen sprechen.
Jede Zeit hat ihre Geister, und so müssen wir uns fragen, welche Geister „unsere“ Zeit hervorgebracht hat. Was ist der Repräsentativmensch unserer Gegenwart und wie zeigt er sich uns? Meiner Meinung nach ist es der Wichtigtuer. Ein Mensch, der sich selbst wichtiger nimmt als nötig und im gleichen Schritt allen anderen unterstellt, sie würden selbst nicht wichtig genug sein und ihn, den Wichtigtuer, nicht wichtig genug nehmen. Zudem zeichnet sich der Wichtigtuer dadurch aus, dass er einen unbedingten Drang zum Erfolg hat. Erfolg stellt sich bei ihm nicht ein, Erfolg ist der Zweck allen Handelns und um den Erfolg zu erlangen, ist ihm jedes Mittel recht. Den Erfolg, ist er ihm einmal beschieden, braucht er nicht unbedingt, um sich darin zu sonnen (dafür besucht der Wichtigtuer Solarien oder wählt wichtige, sonnige Urlaubsdestinationen), sondern vor allem, um ihn anderen unter die Nase zu reiben. Und: Einmal erreicht, dient ihm der Erfolg zur Rechtfertigung aller seiner Schandtaten (iustificatio a posteriori).
Dass dem Wichtigtuer der Schein heilig ist und sich das Sein erst über den Schein einstellt, erkennt man an dem Heiligenschein, den er stolz durch die Welt trägt. Schuld ist er an nichts, denn um schuldig zu sein, ist er viel zu wichtig – und außerdem: Sein Erfolg gibt ihm immer Recht. Es ist ein wasserdichtes Lügenkonstrukt, das er gesellschaftliches Leben nennt, gebaut auf dem Fundament maßloser Selbstüberschätzung und Standesdünkel (Stichwort „Klassenkampf von oben“). Sein Überleben garantiert die andauernde Auseinandersetzung mit ihm durch andere. Man muss sich für ihn interessieren, sonst verliert er seinen Zweck und seine Selbsterfindungsmaschine läuft leer. Um interessant zu bleiben, tut er so ziemlich alles. Sollte dabei etwas schief gehen, nennt er sein Unternehmen „vorerst gescheitert“.
Damit ist auch schon ein Exemplar dieses Typus benannt: Karl-Theodor zu (!) Guttenberg, und das am besten noch mit „Freiherr“ vorne dran, wenn ihm schon der Doktor abhanden gekommen ist. Seine mediale Selbstinszenierung bis zum Dissertations-Eklat war geprägt von ganz offen zur Schau getragenen Narzissmus und trotzdem gelang es ihm, die Mehrheit der Deutschen davon zu überzeugen, dass er anders wäre als die anderen Politiker. Jung und erfolgreich: Dieses Begriffspaar dient am besten zur Beschreibung der sozialen Wahrnehmung eines Wichtigtuers. Dass ein Teil dieses Erfolgs Guttenberg mit dem adeligen Erbe in die Wiege gelegt wurde, dafür kann er nichts. Dafür aber, dass ein anderer Teil seines Erfolgs (der Doktortitel) ihm zu unrecht zukam, kann er sehrwohl etwas. Doch das will er nicht einsehen. Der Rest seines Erfolgs bleibt ein scheinbarer, denn über seine Errungenschaften während seiner politischen Hochzeit, ist man sich nach wie vor im Unklaren.
Da hat es sein österreichisches Pendant schon etwas leichter. Denn er wird immer noch von vielen als der „beste Finanzminister der Zweiten Republik“ bezeichnet. Das muss Karl-Heinz Grasser jedoch damit büßen, dass er ein bisschen tiefer im Schlamassel steckt als Guttenberg. Seine ekelhafte Fönfrisur blieb bisher nur deshalb von dem Dreck, in dem er steckt, unbehelligt, weil er es nach wie vor ganz gut versteht, sich selbst am Schopfe wieder rauszuziehen. Ansonsten nimmt auch er sich wichtiger als er eigentlich ist. Peinliches Zeugnis war sein TV-Auftritt, in dem er, der Obernarziß, schamlos aus einem Fanbrief zitierte, wo doch tatsächlich sinngemäß drinnen stand, dass er zu schön, zu gut und zu erfolgreich für die österreichische Neidgesellschaft sei. Dass sich solche Gedanken in den Köpfen mancher Bürger finden lassen, überrascht nicht. Dass aber Grasser selbstverliebt genug ist, einen solchen Brief der Öffentlichkeit vorzulesen, macht fassungslos. Auch er eine Existenz ohne Essenz, ein Typus mehr als ein Charakter, eigentlich eine traurige Schaubudenfigur in einem Stück, das hoffentlich bald niemanden mehr interessiert...
Doch Wichtigtuer lassen sich nicht nur in der Politik finden (andere Beispiele sind natürlich Gadaffi, Berlusconi, Putin, Chavez, Castro, Ahmadinedschad). Auch gibt es volksnähere Wichtigtuer für die sogenannte Unterschicht, die im Populärkulturbetrieb. Dazu zählen nicht nur gefühlt alle deutschen Rapper, sondern vor allem auch Dieter Bohlen. Dem gibt der Erfolg nämlich auch überhaupt nicht recht. Er mag vielleicht etwas von Popmusik verstehen (tut er das wirklich?), aber rechtfertigt das sein Benehmen, seine Dauerpräsenz, seine Sendungen und das, was er darin macht? Überdies verkörpert Dieter Bohlen eine Seite des deutschen massentauglichen Wichtigtuertums, die sich mit den Requisiten La-Martina-Hemd, Dummchen mit Hündchen als Freundin, Lieblingsdomizil Mallorca und Jet-Set-Koketterie als redundant, fast schon gestrig wirkend ausnimmt. Womöglich handelt es sich bei Bohlen um einen der letzten seiner Art, um die Krone der Schöpfung im Reich der Bobo-Popstars.
Überhaupt scheint mir die Ära des Wichtigtuers bald zu Ende zu gehen. Mit dem Erwachen der Krisengesellschaft und dem allgemeinen und wiedererstarkten Misstrauen in die fachlichen Fähigkeiten von Politikern wird auch der Wichtigtuer zunehmend kritischer beäugt. Man nimmt ihm seinen Schmäh nicht mehr ab bzw. vermutet man hinter seiner lästigen Selbstdarstellung immer öfter einen psychischen Defekt (Kompensationsverhalten) und hält Leute wie ihn für die eigentliche Wurzel allen gesellschaftlichen Übels. Die verzweifelte Reaktion des Wichtigtuers ob dieser fortschreitenden gesellschaftlichen Marginalisierung, die sein Typus erfährt, ist das Burn-Out. Hier hängt er wie Jesus am Kreuz und schluchzt Mitleid heischend in die Welt hinaus, wie schlecht es ihm doch ginge, dass auch er Opfer des Systems sei und nun, unverdientermaßen krank geworden, sein Joch nicht mehr zu tragen fähig ist. Man möge ihn durch Beachtung erlösen oder ihm zumindest eine entsprechende Abfindung zahlen, damit er sich aus dem Staub machen und endlich in der Versenkung verschwinden kann, um dann ein paar Jahre später wieder in einer Fernsehsendung nach dem Motto „Was wurde eigentlich aus...“ wieder aufzutauchen und entschuldigend in die Kamera grinsen zu können – im Privatfernsehen versteht sich, denn das ist sein angestammtes Soziotop. Das Dschungelcamp gibt es ja leider nicht mehr, aber bis dahin wird sich schon etwas anderes (er)finden lassen.
Ein Licht am Ende des Tunnels möchte ich den gerade erst begonnenen Niedergang des Wichtigtuers nicht nennen. Aber dennoch bietet sich eine Chance für einen Neubeginn im Sinne einer Reinterpretation dieser Figur. Wichtigtuer hat es nämlich auch vorher schon gegeben. Da war zum Beispiel jene Generation, die den Krieg überlebt und aus seinen Folgen gelernt hat. Eine Generation, die sich in Demut geübt und, davon ausgehend, das Sich-wichtig-Machen als „rhetorischen Lebensentwurf“ dazu nützte, um tatsächlich auch wichtig zu sein. Der Unterschied zu der heutigen Generation von Wichtigtuern ist neben der erwähnten Gründung in Demut das intellektuelle Kapital, das diese Wichtigtuer hatten. Sie nahmen sich wichtig und die Leute waren dankbar dafür. Sie nahmen sich wichtig und durften es auch, weil sie das nötige Rüstzeug dafür mitbrachten: Intelligenz, Denkbereitschaft, Umsicht und Geschichtsbewusstsein. Außerdem waren sie nicht bildungsfern, ganz im Gegenteil möchte man sie fast gelehrt nennen (auch in dieser Hinsicht ist Guttenbergs Doktorarbeits-Skandal mehr als nur ein akademisches Sandkastengeplänkel). Wenn Hemlut Schmidt einmal das Zeitliche segnet, wird vielleicht der letzte dieser Generation gegangen sein.
Dass der Wichtigtuer Repräsentativmensch unserer Zeit ist, mag unserer Gesellschaft kein gutes Zeugnis ausstellen. Aber es lässt zumindest Raum für Ärger und Unmut über Inkompetenz an falschen Orten. (Damit meine ich jetzt nicht die occupy-Bewegung, deren Feindbild ein Konglomerat aus höchst diffusen und allgemeinen Konzepten ist.) Es lässt Zeit, wieder Demut zu lernen und dabei bleibt zu hoffen, dass es diesmal keinen Krieg dazu braucht - obwohl die Verliebtheit der westlichen Gesellschaft in apokalyptische Szenarien dies nahe leg:. Was früher die Angst vor einem Krieg war, ist heute die Angst vor Umweltkatastrophen und/oder Seuchen a la EHEC, Vogel-, Schweine- und sonstigen Grippen, HIV etc. oder die Angst vor dem „Umsturz der Verhältnisse“ (Kleist) in Form von irgendwelchen Systemkrisen. Vielleicht entdeckt die nächste Generation, dass Kompetenz nicht immer nur „Inkompetenzkompensationskompetenz“ (Odo Marquard) sein kann. Und vielleicht tun wir uns dann auch wieder leichter damit, Anerkennung denjenigen zukommen zu lassen, denen Anerkennung gebührt (was uns momentan ja noch durch die Mechanismen der sogenannten „Neidgesellschaft“ großteils verwehrt bleiben muss) und vor allem im Gegenzug jenen Anerkennung zu verwehren, denen sie nicht gebührt.
Das Beklatschen und Verhätscheln von nicht Beklatschens- und Verhätschelnswerten ist im übrigen nicht unwesentlich der political correctness geschuldet, von der sich zu verabschieden das Programm einer „neuen“ Aufklärung sein muss. Die denkbehindernde und denkverhindernde Wirkung der political correctness ist mit den repressiven Gedankenkonstrukten eines religiösen Fundamentalismus vergleichbar. Die Wichtigtuer haben die Spielregeln der PC gekonnt genutzt und ausgenutzt, und zwar solange, bis sie selbst zu politisch korrekten Heiligenfiguren wurden und sich damit jeglicher Kritik entzogen haben. Der langsame aber stetige Niedergang dieser Heiligenverehrung ist die Götzendämmerung unserer Zeit. Die Aufhebung von Denkverboten bedeutet jene Freiheit, die wir einmal gemeint haben, da wir das Wort „Freiheit“ zum ersten Mal in den Mund nahmen. Doch sie fiel dem Misstrauen gegenüber bzw. der Angst vor der selbstregulativen Funktion des Denkens, dass alles denkbar sein muss und sich das am besten Denkbare durchsetzen wird (= Rational-Darwinismus), zum Opfer.
Dem Wichtigtuer weinen wir keine Träne nach, denn wir erkennen, dass wir uns geirrt haben. Und Irren ist nicht nur menschlich, weil es der Mensch tut, sondern vor allem weil es die conditio humana selbst ist (Goethe). Erst aber das Erkennen des Irrtums ist das wahre Denken und erst das Eingestehen des Irrtums ist wahre Demut. Deswegen kann Karl-Theodor zu Guttenberg nicht eingestehen: weil ihm als Wichtigtuer die Demut fehlt.
Donnerstag, 15. September 2011
Newer Leans?
Das englische Adjektiv „lean“ erscheint mir als eine nette, elegante Art, kümmerliche Dinge zu beschreiben. Wo immer ein bisschen zu wenig vorhanden ist, sage man „lean“ und schon klingt es wie eine edle Eigenschaft. Manche mögen behaupten, dass in New Orleans vieles „lean“, manches sogar zu „lean“ ist, dass die Beschreibung einiger Dinge stärkere Wörter wie „shabby“ oder gar „desolate“ verlangen würde. Das sind aber genau solche Leute, die einen ungläubig anstarren, wenn man ihnen erzählt, dass man vorhabe nach New Orleans zu fahren. Leute, die einen den blödsinnigen Tipp geben, ein Schlauchboot mitzunehmen. Blödsinnige Leute eben.
Gegen die gemeine Verunglimpfung durch euphemistische, substantivierte Adjektive, vor allem in Verbindung mit einem ironisch-antagonistischen „newer“, wehren sich die New Orleanians schon mit der Aussprache des Namens ihrer Stadt. So betonen sie stolz die erste Silbe von Orleans und nicht das New. Anstatt eines „Newer Leans“ erhält man so ein staunendes „New Oah!leans“. Damit sollen sich vor allem die Anfänger beschäftigen, denn gerade diese sollen gefälligst das Staunen lernen. Fortgeschrittene dürfen dann „N'awlins“ sagen - lässig, informiert und Kaugummi kauend.
Warum soll man also das Staunen lernen in New Orleans? Ein alter Grieche hat einmal behauptet, im Staunen liege der Beginn der Philosophie. In New Orleans braucht man aber keine Philosophie, sondern nur Augen und vor allem Ohren. Das Staunen in New Orleans gleicht vielmehr jenem Staunen, mit dem man zum ersten Mal einen Song seiner zukünftigen Lieblingsband hört. Ein aufgeregtes „Was ist das?“ schleicht einem langsam ins Bewusstsein, wird immer dringlicher und nimmt einen schließlich ganz ein. Man will um jeden Preis wissen, worum es sich bei dem, was man da gerade hört, handelt. Doch das ist zunächst ein rein informatives Verlangen. Denn bald will man wissen, warum das einen Staunen macht, was hier genau passiert und warum es einen nicht mehr loslassen will. So ist das auch mit New Orleans.
Wenn Savannah die hübsche Perle der Ostküste ist, dann ist New Orleans ihre wildere Cousine am ölverdreckten Golf von Mexiko, die sich die Haare färbt, sich tätowieren lässt und Drogen nimmt: gefährlicher, aber auch interessanter. New Orleans ist wild. Das sieht man nicht nur an den vielen Ambivalenzen, die sich einem sehr bald zeigen, sondern vor allem an der Vielfalt der kulturellen Entitäten dieser Stadt. Das Essen zum Beispiel, das hier einen noch höheren Stellenwert genießt als im restlichen Amerika (hier aber zu Recht!), ist ein fröhliches Potpourri aus karibischer, afrikanischer, amerikanischer, mediterraner und französischer Küche, welches mit den gängigen Begriffen (Cajun, kreolisch, Soul food) nur unzulänglich beschrieben werden kann. Aber auch hier ist man weniger philosophisch, begriffsanalytisch unterwegs, sondern verlässt sich auf die Sinne. Und deswegen gibt es in New Orleans kein schlechtes Essen.
Das allerwichtigste aber ist die Musik. Davon gibt es nämlich auch keine schlechte. Wandert man abends durch das French Quarter, tönen aus jeder noch so kleinen Bar Jazz, Blues, Funk und Soul in allen möglichen Varianten – und vor allem in einer von einem Mitteleuropäer noch selten gehörter Qualität. Hier hört man Künstler, die großteils im New Orleans Sound aufgewachsen sind, die von Kindesbeinen an mit ihrem Instrument beschäftigt waren. Künstler, die sich vor allem mit der Kultur ihrer Stadt, d.h. mit ihrer Musik identifizieren. Hat man in einer Bar zwei Acts an einem Abend gehört und will man nicht gleich in die nächste schleichen, obwohl es von dort so verlockend herausgroovt, setzt man sich in sein Auto und dreht das Radio an: schon wieder gute Musik! Musik ist hier allgegenwärtig, unausweichlich, ein Lebenselixier für die Menschen dieser Stadt und bald auch für jeden Besucher. Jeder hier lebt und atmet den Jazz. Und darum gibt es in New Orleans keine schlechte Musik.
Katrina – auch dieses Wort ist allgegenwärtig. Sechs Jahre nach dem verheerenden Hurrikan sind zwar noch Spuren davon sichtbar. Aber New Orleans ist nicht Haiti, und auch wenn damals in Sachen Katastrophenhilfe nicht alles besonders gut gelaufen ist, muss man sagen, dass sich die Stadt recht gut von Katrina (und Rita) erholt hat. Mit Unglücken dieser Art gehen Menschen nämlich erstaunlich produktiv um. Wenn eine Gemeinschaft ein Desaster dieser Art überlebt, wird sie stärker, selbstbewusster. Das sieht man an New Orleans nach Katrina genauso wie an New York nach 9/11. Waren die New Orleanians vorher schon etwas Besonderes, so muss ihnen das nach Katrina noch bewusster sein. Ich würde behaupten wollen, dass sich die Einwohner von New Orleans weniger amerikanisch fühlen als Amerikaner in anderen Teilen des Landes. Zum Beispiel übersteigt die Zahl der New Orleans Saints-Flaggen (hiesiges NFL-Team) und jene der fleurs-de-lis bei weitem die der Stars and Stripes. Man ist sich seines Sonderstatus gründlicher bewusst – und Katrina hat dazu wohl auch einiges beigetragen.
New Orleans muss man erlebt haben, und zwar nicht nur zur Mardi Gras Zeit. Kaum eine andere amerikanische Stadt bietet eine vergleichbare kulturelle Vielfalt, keine andere Stadt ist so schön und hässlich zugleich bzw. tritt in keiner anderen Stadt das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen so greifbar hervor. New Orleans fehlt vielleicht jene Schicht des Euphemistischen, die die Amerikaner überall sonst vor der unmittelbaren Brutalität der Wirklichkeit schützt. Authentizität wie in Savannah, möchte ich fast sagen – aber noch ein bisschen exklusiver, ein bisschen rauer und unmittelbarer. Die vielen Amerikaner, die New Orleans besuchen, verwechseln das mit Unterhaltung – obwohl für diese natürlich auch gesorgt ist. Sie glauben, New Orleans ist eines dieser vielen Märchenländer, die es in den USA zum reinen Vergnügen ihrer Besucher gibt. Das ist freilich eine krasse Fehleinschätzung, aber die New Orleanians wären schön blöd, wenn sie das nicht ausnutzen würden. Deswegen gibt es die Bourbon Street – jene Partymeile, die einem ernsthaft Interessierten schon von weitem suspekt sein muss und die gefälligst zu meiden ist. Um New Orleans muss man sich schon ein bisschen bemühen. Die Entschädigung für das Bemühen aber ist das Staunen-Dürfen über die vielleicht interessanteste Stadt der USA: N'awlins, NOLA, 504, The Big Easy..., keinesfalls aber „Newer Leans“!
Gegen die gemeine Verunglimpfung durch euphemistische, substantivierte Adjektive, vor allem in Verbindung mit einem ironisch-antagonistischen „newer“, wehren sich die New Orleanians schon mit der Aussprache des Namens ihrer Stadt. So betonen sie stolz die erste Silbe von Orleans und nicht das New. Anstatt eines „Newer Leans“ erhält man so ein staunendes „New Oah!leans“. Damit sollen sich vor allem die Anfänger beschäftigen, denn gerade diese sollen gefälligst das Staunen lernen. Fortgeschrittene dürfen dann „N'awlins“ sagen - lässig, informiert und Kaugummi kauend.
Warum soll man also das Staunen lernen in New Orleans? Ein alter Grieche hat einmal behauptet, im Staunen liege der Beginn der Philosophie. In New Orleans braucht man aber keine Philosophie, sondern nur Augen und vor allem Ohren. Das Staunen in New Orleans gleicht vielmehr jenem Staunen, mit dem man zum ersten Mal einen Song seiner zukünftigen Lieblingsband hört. Ein aufgeregtes „Was ist das?“ schleicht einem langsam ins Bewusstsein, wird immer dringlicher und nimmt einen schließlich ganz ein. Man will um jeden Preis wissen, worum es sich bei dem, was man da gerade hört, handelt. Doch das ist zunächst ein rein informatives Verlangen. Denn bald will man wissen, warum das einen Staunen macht, was hier genau passiert und warum es einen nicht mehr loslassen will. So ist das auch mit New Orleans.
Wenn Savannah die hübsche Perle der Ostküste ist, dann ist New Orleans ihre wildere Cousine am ölverdreckten Golf von Mexiko, die sich die Haare färbt, sich tätowieren lässt und Drogen nimmt: gefährlicher, aber auch interessanter. New Orleans ist wild. Das sieht man nicht nur an den vielen Ambivalenzen, die sich einem sehr bald zeigen, sondern vor allem an der Vielfalt der kulturellen Entitäten dieser Stadt. Das Essen zum Beispiel, das hier einen noch höheren Stellenwert genießt als im restlichen Amerika (hier aber zu Recht!), ist ein fröhliches Potpourri aus karibischer, afrikanischer, amerikanischer, mediterraner und französischer Küche, welches mit den gängigen Begriffen (Cajun, kreolisch, Soul food) nur unzulänglich beschrieben werden kann. Aber auch hier ist man weniger philosophisch, begriffsanalytisch unterwegs, sondern verlässt sich auf die Sinne. Und deswegen gibt es in New Orleans kein schlechtes Essen.
Das allerwichtigste aber ist die Musik. Davon gibt es nämlich auch keine schlechte. Wandert man abends durch das French Quarter, tönen aus jeder noch so kleinen Bar Jazz, Blues, Funk und Soul in allen möglichen Varianten – und vor allem in einer von einem Mitteleuropäer noch selten gehörter Qualität. Hier hört man Künstler, die großteils im New Orleans Sound aufgewachsen sind, die von Kindesbeinen an mit ihrem Instrument beschäftigt waren. Künstler, die sich vor allem mit der Kultur ihrer Stadt, d.h. mit ihrer Musik identifizieren. Hat man in einer Bar zwei Acts an einem Abend gehört und will man nicht gleich in die nächste schleichen, obwohl es von dort so verlockend herausgroovt, setzt man sich in sein Auto und dreht das Radio an: schon wieder gute Musik! Musik ist hier allgegenwärtig, unausweichlich, ein Lebenselixier für die Menschen dieser Stadt und bald auch für jeden Besucher. Jeder hier lebt und atmet den Jazz. Und darum gibt es in New Orleans keine schlechte Musik.
Katrina – auch dieses Wort ist allgegenwärtig. Sechs Jahre nach dem verheerenden Hurrikan sind zwar noch Spuren davon sichtbar. Aber New Orleans ist nicht Haiti, und auch wenn damals in Sachen Katastrophenhilfe nicht alles besonders gut gelaufen ist, muss man sagen, dass sich die Stadt recht gut von Katrina (und Rita) erholt hat. Mit Unglücken dieser Art gehen Menschen nämlich erstaunlich produktiv um. Wenn eine Gemeinschaft ein Desaster dieser Art überlebt, wird sie stärker, selbstbewusster. Das sieht man an New Orleans nach Katrina genauso wie an New York nach 9/11. Waren die New Orleanians vorher schon etwas Besonderes, so muss ihnen das nach Katrina noch bewusster sein. Ich würde behaupten wollen, dass sich die Einwohner von New Orleans weniger amerikanisch fühlen als Amerikaner in anderen Teilen des Landes. Zum Beispiel übersteigt die Zahl der New Orleans Saints-Flaggen (hiesiges NFL-Team) und jene der fleurs-de-lis bei weitem die der Stars and Stripes. Man ist sich seines Sonderstatus gründlicher bewusst – und Katrina hat dazu wohl auch einiges beigetragen.
New Orleans muss man erlebt haben, und zwar nicht nur zur Mardi Gras Zeit. Kaum eine andere amerikanische Stadt bietet eine vergleichbare kulturelle Vielfalt, keine andere Stadt ist so schön und hässlich zugleich bzw. tritt in keiner anderen Stadt das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen so greifbar hervor. New Orleans fehlt vielleicht jene Schicht des Euphemistischen, die die Amerikaner überall sonst vor der unmittelbaren Brutalität der Wirklichkeit schützt. Authentizität wie in Savannah, möchte ich fast sagen – aber noch ein bisschen exklusiver, ein bisschen rauer und unmittelbarer. Die vielen Amerikaner, die New Orleans besuchen, verwechseln das mit Unterhaltung – obwohl für diese natürlich auch gesorgt ist. Sie glauben, New Orleans ist eines dieser vielen Märchenländer, die es in den USA zum reinen Vergnügen ihrer Besucher gibt. Das ist freilich eine krasse Fehleinschätzung, aber die New Orleanians wären schön blöd, wenn sie das nicht ausnutzen würden. Deswegen gibt es die Bourbon Street – jene Partymeile, die einem ernsthaft Interessierten schon von weitem suspekt sein muss und die gefälligst zu meiden ist. Um New Orleans muss man sich schon ein bisschen bemühen. Die Entschädigung für das Bemühen aber ist das Staunen-Dürfen über die vielleicht interessanteste Stadt der USA: N'awlins, NOLA, 504, The Big Easy..., keinesfalls aber „Newer Leans“!
Sonntag, 15. Mai 2011
Kurze Begehung eines Wortfeldes
Neologismen sind eine spannende Sache. Ein Wort herzunehmen, in eine andere Wortart überzuführen und mit allerlei Präpositionen oder Affixen zu schmücken, kann nicht nur von ungemein nützlicher Kurzweil sein, sondern Bedeutungsverschiebungen erzeugen, die vielleicht sogar irgendwann mal nützlich sein könnten. Einer, der so etwas mit Vergnügen macht, ist der L. Der L. ist demgemäß ein regelrechter Neologist, und er hat letztens in einem seiner heiteren Blogeinträge ein Wort kreiert, das mir viel Freude bereitete und dessen Wortfeld ich nun ein wenig abwandern möchte.
Ausgehen möchte ich von L.s Satz: [...], dass der Erfolgsmensch dann, wenn er merkt, dass sein Erfolg ausbleibt, beginnt vor sich hin zu bittern.
Hier begegnet uns das ursprüngliche Adjektiv bitter in Form eines Verbs, genauer: in der Wendung vor sich hin bittern.
Aber auch die zweite Variante ist nicht weniger drastisch. Die Passivkonstruktion nimmt dem ursprünglichen Aus-sich-heraus-Bittern zwar das Aggressive, aber um den Preis, dass wir uns den Menschen, aus dem es herausbittert, nur mehr als leichenhaftes, von Bitterkeit durchtränktes Etwas vorzustellen vermögen. Ein trauriges, ein schockierendes Bild.
Doch bietet das Feld des Bitterns noch viele andere Möglichkeiten, mit Worten Bilder von grausigster Anschaulichkeit zu erzeugen. Nicht auszudenken, welch großartige Sätze man mit Konstruktionen wie zerbittern, erbittern, umbittern, einbittern, nachbittern oder ausbittern bilden könnte. Dies diene aber nur als Denkanstoß für die nächste Urlaubspostkarte oder den jährlichen Weihnachtsbrief an entfernte Verwandte.
Viel Spaß beim Bittern!
Ausgehen möchte ich von L.s Satz: [...], dass der Erfolgsmensch dann, wenn er merkt, dass sein Erfolg ausbleibt, beginnt vor sich hin zu bittern.
Hier begegnet uns das ursprüngliche Adjektiv bitter in Form eines Verbs, genauer: in der Wendung vor sich hin bittern.
- vor sich hin bittern: Wer vor sich hinbittert, der trägt eine traurige Bitterkeit vor sich her. Das in Verbform gebrachte Adjektiv "bitter" unterstreicht die Aktivität, die von dieser Bitterkeit ausgeht. Man bekommt den Eindruck, dass hier jemand aktiv an seiner Bitterkeit arbeitet und diese auch offen zur Schau trägt. Gleichzeitig entsteht aber auch ein Eindruck der Passivität. So wie ein Joghurt an der Sonne langsam sauer wird, wird der Vor-sich-hin-Bitterer langsam bitter. Seine Bitterkeit ist nichts ihm nur äußerlich Anhaftendes mehr, sondern hat längst schon von seinem Wesen Besitz ergriffen. Soweit, dass er nicht mehr nur verbittert, sondern selbst bittert: Das Bittere ist also ganz er selbst.
- in sich hinein bittern: Das In-sich-hinein-Bittern geht oft dem Vor-sich-hin-Bittern voraus. Wer in sich hinein bittert, arbeitet noch rein aktiv und ist bemüht, seine Existenz mit Bitterkeit zu füllen, ohne dass noch irgendjemand anderes Anteil daran hätte. Die Bitterkeit ist dem In-sich-hinein-Bitterer Nahrung. Im Gegensatz zum Vor-sich-hin-Bittern erkennen wir hier, dass das Bittere noch nicht ganz den Bitterer ausfüllt. Es klingt zudem noch etwas Bemühtes mit, als gäbe es ein Ziel zu erreichen, ähnlich dem Gefühl der Sattheit (zu der ich lieber Sätte sagen würde) beim Essen oder die Betrunkenheit beim Trinken.
- aus sich heraus bittern: Hier handelt es sich um die destruktivste Form des Bitterns. Der Aus-sich-heraus-Bitterer trägt schon so viel Bitterkeit in sich, dass er nicht mehr in sich hinein bittern kann, und ihm das Vor-sich-hin-Bittern nicht mehr genug ist. Er muss Bitterkeit loswerden und das am besten an anderen Menschen. Also bittert er alle Bitterkeit, die er inne hat, aus sich heraus. Optisch ist das neben dem Vor-sich-hin-Bittern die interessanteste Variante, da die Expressivität wie auch die Dramatik beim Aus-sich-heraus-Bittern auf das höchste gesteigert werden kann.
- Es bitterte in ihn hinein.
- Es bitterte aus ihm heraus.
Aber auch die zweite Variante ist nicht weniger drastisch. Die Passivkonstruktion nimmt dem ursprünglichen Aus-sich-heraus-Bittern zwar das Aggressive, aber um den Preis, dass wir uns den Menschen, aus dem es herausbittert, nur mehr als leichenhaftes, von Bitterkeit durchtränktes Etwas vorzustellen vermögen. Ein trauriges, ein schockierendes Bild.
Doch bietet das Feld des Bitterns noch viele andere Möglichkeiten, mit Worten Bilder von grausigster Anschaulichkeit zu erzeugen. Nicht auszudenken, welch großartige Sätze man mit Konstruktionen wie zerbittern, erbittern, umbittern, einbittern, nachbittern oder ausbittern bilden könnte. Dies diene aber nur als Denkanstoß für die nächste Urlaubspostkarte oder den jährlichen Weihnachtsbrief an entfernte Verwandte.
Viel Spaß beim Bittern!
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