"Kernöil ... Kernöuhl ... Kernaöl ... Kernauöil ...", probierte ich oft allein in meinem Studentenzimmer. Alles fängt mit dem Kernöl an. Nicht nur beim Essen, sondern auch in der Sprache. Der im bairischen Sprachraum vielgepriesene "Oachkatzlschwoaf" ist quasi die Eintrittskarte für Zugewanderte. An ihm demonstriert der Bayer oder Österreicher, dass du nie dazugehören wirst, egal wie gut dein "Oachkatzlschwoaf" auch ist - irgendwo zwischen "Oach" und "oaf" wird man immer erkennen, dass du eigentlich von woanders bist. Das Kernöl aber, das ist, von kundigen Sprechern gesagt, ein Wort von solcher phonetischer Subtilität, dass jeder Nicht-Steirer an seine natürlichen Sprachgrenzen stoßen muss. Weil man nämlich tausendmal glaubt, dass man es jetzt hat; und der Steirer dir gegenüber schüttelt unentwegt den Kopf. Das nicht-steirische Ohr hört das richtige "Öl" nicht, sondern immer etwas anderes. "Öil, Öuhl, Aöuil, ..." Manchmal glaubt man sogar das "l" verschwinden zu hören. Kontaktassimilation nennt der Phonetiker das. Aber auch der Phonetiker ist hilflos gegenüber dem Kernöl, weil es für die phonetische Transkription keine geeigneten Zeichen im phonetischen Inventar gibt. Es lässt sich nicht erhören oder erfassen.
Man hört das Wort nämlich weniger als man es spürt. Damit ist es der Urvater aller steirischen Wörter. Das Steirische erschöpft sich nämlich überhaupt nicht im allgemein angenommenen "Bellen". Freilich, der Student der Sprachwissenschaften schmunzelt, wenn er im ersten Semester erfährt, dass die neuhochdeutsche Diphthongierung, also jener Lautwandelprozess, der aus einem einfachen Vokal einen Doppelvokal werden lässt, im 12. Jahrhundert vom südostbairischen Sprachraum ausging: dem heutigen Kärnten und der Steiermark. Auch lässt sich der steirische Dialekt recht leicht (zureichend aber nicht hinreichend) parodieren, wenn man einfach aus jedem Vokal einen Zwielaut macht. Wer aber jemals Kontakt mit Süd- oder Oststeirern hat, merkt schnell, dass es damit nicht getan ist. Der steirische Dialekt prügelt einem das Trommelfell und verleitet zum Mitnicken beim Zuhören. Manchmal klingt es, wie wenn ein Volksschüler ein Gedicht im jambischen Versmaß übertrieben zu rezitieren versucht, um sich selbst vor dem Leiern zu bewahren. Das Steirische ist zuweilen anstrengend, aber es ist eine agile, nie langweilige und manchmal lustig hopsende Sprache. Und es ist (siehe Kernöl) komplexer als man denkt.
Im lexikalischen Bereich findet man als in die Kulturstadt gezogener Innergebirgler wenig Auffälliges. Im Lokal muss man sich halt daran gewöhnen, dass für den Steirer offenbar der Inbegriff eines Glases einen nullkommadreilitrigen Inhalt hat. Das "Glasl Bier" ist demnach das unsrige "Seitl" bzw. "Seitei". Zu Schwierigkeiten kommt es dabei aber nicht, weil auch die Variante "Seidl" bekannt ist. Am "Seitei" erfreuten sich die Grazer unverständlicherweise aber besonders, und so konnte ich stets mit meiner bescheidenen Bestellung Amusement erzeugen. "Seite! Seite!", riefen die Grazer vergnügt, und so war auch ich vergnügt darüber, dass ihnen das "ei" am Schluss ähnlich entgangen war wie mir manches Mal das "l" beim Kernöl.
Dass der Spritzwein bei den Grazern lapidar "Mischung" genannt wird, finde ich immer noch höchst kurios und es lässt mich den Steirern eine generelle Vorliebe für Oberbegriffe andichten. Glasl, Mischung, ... dauernd möchte man dem Steirer entgegenschreien "Wos? A Glasl wos? A Mischung wos? Wos wüst du mischen?! Wos wüst du in dei Glasl hom?!", aber eigentlich findet man das ganze eh recht drollig und lässt den Steirer gewähren. Die Vagheit der Begriffe "Glasl" und "Mischung" im Auge wundert es einen dann aber doch, dass ein Radler ein Radler bleibt, auch wenn der vorzugsweise mit Lederhosenlimonade gemacht wird. So gibt es konsequenterweise auch die "Almdudlermischung" - ein Wort von faszinierender Eleganz, vor allem, wenn es von einem Bewohner der südlichen Steiermark ausgesprochen wird.
Wenn der Steirer einige Glasln Bier und Mischungen verschiedenster Art getrunken hat, geht er meistens liegen. "Liegen gehen" heißt ganz eigentlich, dass man sich zum Schlafen niederlegt. Auch hier bleibt der Steirer sprachlich wieder sehr allgemein und sagt nicht genau, was er macht. Anfangs stellte ich mir Studenten vor, die wach auf ihrem Bette ruhen und sich Gedanken über die Unbestimmtheit der steirischen Sprache machen, wenn jemand sagte, er ginge jetzt liegen. Für die höchst passive Tätigkeit des einfachen Daliegens oder gar Schlafens hat die Wendung "liegen gehen" einen unangebracht aktiven Charakter. Es klingt fast wie Arbeit, schließlich muss man sich ja erst zu einer geeigneten Liegestätte begeben: "Ich gehe jetzt liegen" klingt nach Auftragserfüllung, wohingegen "Ich leg mich ein bisschen nieder" schon in der Ankündigung vor Faulheit stinkt. Zusätzlich meidet der Steirer mit dieser Phrase das Alarmwort "schlafen". Der Steirer schläft nie! Er liegt immer nur bzw. befindet sich Zeit seines Lebens immer nur auf dem Weg zu einer Ruhestätte. Wir können das einen Euphemismus nennen, sind aber im gleichen Moment nicht sicher, ob hier tatsächlich etwas Unangenehmes durch etwas Unverdächtiges ausgedrückt wird. Uns beschleicht vielmehr die Vermutung, dass der Steirer uns einfach täuschen will - auf gut deutsch: Er will uns verarschen. Oder aber er schämt sich. So wie man sagt "ich muss mal wohin" und niemals "ich habe Durchfall".
Wir erkennen also im Steirischen den Hang zur Verschleierung. Laute werden verschleiert, indem sie durch Hinzufügen von Zwischenlauten verwaschen werden. Möglichst allgemeine Begriffe ersetzen eindeutige Ansagen. Der Steirer täuscht und tarnt, wo er nur kann, er lässt uns im Unklaren über die wahre Natur der Dinge. Vielleicht lebt er aber auch nur konsequent die philosophische Grundannahme, dass die Dinge an sich eh nicht verfügbar sind - warum sich also die Mühe machen, sie möglichst genau zu beschreiben versuchen? Wir können den Steirer Sprachpragmaten nennen, der aber wegen eines untrüglichen Sinns für melodische Eleganz sich dankenswerter Weise einem jaulenden Singsang verpflichtet hat, der uns bei Laune hält und uns manchmal schmunzeln lässt; vielleicht neidisch schmunzeln lässt, weil wir uns zu Hause vor dem Spiegel wiederfinden, das Lautinventar des Kernöls betend: "Kernäöl, Kernauöil, Kernöuil, ..."
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Sonntag, 7. Juli 2013
Dienstag, 14. August 2012
Bergauf Bremsen
Ich wohne, so glaube ich, auf einer Anhöhe. Manche behaupten auch, ich würde „am Berg“ wohnen. Beides ist eigentlich nicht richtig. Denn im Grunde wohne ich in einem Tal, am Fuße eines Berges. Aber Tal klingt nach „niedrig“ und Berg klingt nach „hoch oben“. Die Wahrheit liegt, wie immer, irgendwo dazwischen – das gilt besonders im Gebirge.
Irgendwer hat einmal gesagt, die Straße, die zu meinem Haus führt, habe eine 34-prozentige Steigung. Das heißt, dass auf einer Strecke von 100 Metern 34 Höhenmeter zurück gelegt werden. Ich bin kein Zahlen-Mensch, mir sagt das überhaupt nichts. Obwohl 34%ige Steigungen schon recht anständige Steigungen sind, klingt die Zahl 34 alleine nach nicht viel. Sagen wir: Es geht anständig bergauf. Oder sagen wir so: Wenn Sie einmal betrunken meine Straße hinauf gegangen sind, machen Sie es freiwillig kein zweites Mal – außer aus perverser Selbstüberschätzung.
Ich würde meine Straße nicht als Bergstraße bezeichnen, obwohl sie zu einem solchen hinführt und die eben genannte Steigung besitzt. Große Teile dieser Straße sind in ihrer Neigung ohnehin unspektakulär; dort aber, wo mein Haus liegt, wird es happig! Da fangen die Mountainbiker erst richtig zu schwitzen an, da gehen die deutschen Wanderer immer schon rückwärts den Berg runter und wenn ein Belgier oder Holländer mit dem Auto vorbei fährt, riecht es entweder nach Bremsen oder Kupplung – je nachdem, ob er gerade von unten oder oben kommt. Womit wir auch schon beim Thema wären: Dem Autofahren auf Straßen mit großer Neigung bzw. Steigung.
Holländer und Belgier müssen hier nicht ganz umsonst als Beispiele der niedrigsten Form des Gebirgfahrers herhalten, stammen doch beide Völker aus Gegenden, die uns nicht ob ihrer spektakulären Gebirgszüge bekannt sind. „Halt, halt!“, will da der Opapa sprechen, “In Belgien gibt es doch die Ardennen!“ (Das war da, wo man im Dezember 1944 die Alliierten im Zuge der Ardennenoffensive noch mal so richtig erschreckte.) Ich halte dagegen: Was die Belgier aus der Ardennen-Region den Holländern in punkto Bergfahren eventuell voraus haben mögen, büßen sie aufgrund ihres (völlig gerechtfertigten) Rufes als schlechteste Autofahrer Europas wieder ein. Also: Holländer und Belgier können auf Bergstraßen ziemlich gleich schlecht Autofahren. Damit aber die Benelux-Brüder auf diesem Gebiet nicht so ganz alleine die Buhmänner abgeben müssen, schließe man vorsichtshalber ganz Deutschland auch noch mit ein (und nehme, wie man es in Österreich immer macht, die Bayern davon aus). Selbstverständlich lassen sich auch manche Slowaken, Polen oder Wiener dazu zählen – ein eindeutiges Bild lässt sich hier sowieso nicht zeichnen, aber mit Holländern, Belgiern und Deutschen als Beispielen fährt man schon recht gut...
Man kennt die Tragödie des Bergabfahrens vor allem, wenn man das Pech hat, einem solchen Talent hinterher fahren zu müssen. Das erste, was man als Hintermann am vorderen Fahrzeug bemerkt, sind die nie erlöschenden Bremslichter: Der naive Glaube an die Allmacht der Bremse beseelt den Fahrzeuglenker aus dem flachen Land und verlässt ihn nicht mehr, bis er wieder geraden Boden unter den Rädern hat. Das dauerrrote Bremslicht steht auch für das blanke Entsetzen, das den ungeübten Bergfahrer ergreift, sobald sich sein Fahrzeug in Bewegung setzt, ohne dass er dazu das Gaspedal drücken muss. Er sieht sich der fremden Zaubermacht der Schwerkraft ausgeliefert, die sein Auto erbarmungslos den Hang hinunterzieht – und gegen die nur das besagte Kraut der Fußbremse gewachsen zu sein scheint. Dabei macht der Fahrzeuglenker eine seltsam paradoxe Entdeckung: Zum ersten Mal bewegt sich sein Vehikel schneller, wenn er den rechten Fuß vom Pedal wegnimmt, anstatt es fester zu drücken. Er muss feststellen, dass er mit dem Bremspedal das Fahrzeug beschleunigen kann – nämlich, indem er es loslässt (Perdauz!).
Die Angst vor der Schwerkraft und die Verwirrung, die durch das Bremspedal-Paradoxon entsteht, hinterlassen ihre Spuren in den Gesichtern der Fahrer. Wenn man das Vergnügen hat, einem herunterkommenden Flachland-Bergfahrer in das Gesicht sehen zu können, erblickt man meistens weit aufgerissene Augen, und dort, wo sonst der Mund sitzt, klafft ein schwarzes Loch des Schreckens. Hinter einem dergestalt Paralysierten fahren zu müssen, ist jedoch ein Geduldspiel der grausamsten Art. Man hat auch viel Zeit zu überlegen, und so stellt man sich vor, wie der Vordermann in seinem Fahrersitz sitzt, beide Hände fest an das Lenkrad geklammert. Hat er vielleicht den ersten Gang eingelegt und die Kupplung durchgedrückt? Oder hat er vielleicht den dritten Gang drinnen und fährt schön untertourig, indem er den Motor mit der Bremse nah an den Kollaps bringt? Hat er vielleicht überhaupt keinen Gang drinnen und lässt das Auto fröhlich im Leerlauf den Berg hinunter rollen, sich vor dem sicheren Unfall nur mit der Bremse bewahrend? Ich weiß es nicht, ja eigentlich will ich es gar nicht wissen, denn ich warte nur auf die nächste Kurve, nach der ich ihn dann endlich überholen kann!
Dass dieses meist ein Wunschtraum bleibt, ist ebenfalls der übertriebenen, von purer Angst gefütterten Vorsicht geschuldet, die den Fahrer vor mir fest im Griff hat: Zur Angst, ungebremst den Berg hinunterfahren zu müssen, gesellt sich offenbar die noch diffusere Furcht vor dem Randstein oder der Leitplanke. Als würde es ehernes Gesetz sein, dass einem in der Mitte der Straße am wenigsten passieren kann, orientiert sich der verängstigte Urlauber am (imaginären) Mittelstreifen der Fahrbahn. Als würde ihn ausreichender, übergroßzügiger Seitenabstand zum Gehsteig noch zusätzliche Sicherheit garantieren, schleicht er nun mitten auf der Straße – scheinbar immer langsamer werdend – den Abhang hinunter, während ich im Auto hinter ihm laut schreie, ihn Körperteile schimpfe und (vielleicht völlig ungerechtfertigt) der Imbezilität bezichtige. Solcher Rage Herr zu werden ist unmöglich und daher schuf Gott die Autohupe...
Doch nicht nur das Bergabfahren von Benelux-Bürgern ist Grund für die zahlreichen Sorgenfalten, die meine Stirn schon zeichnen – auch der umgekehrte Fall bringt Schwierigkeiten mit sich. Nicht wissend, wohin sie fahren müssen, bleiben besagte Gäste beim Bergauffahren auch sehr vorsichtig und schleichen entsprechend die Bergstraße empor. Hinter diesen Kandidaten befinde ich mich dauernd auf der Suche nach dem richtigen Gang, der zu der Geschwindigkeit des vor mir Fahrenden passen will. Denn mein zweiter Gang ist zu hoch-, der dritte aber zu niedertourig, was mich zu der Frage führt, welchen Gang denn der Volltrottel vor mir eingelegt haben könnte. Ich lasse in solchen Fällen gern das Fenster runter, um zu lauschen, ob der Motor vor mir eher heult (2. oder gar 1. Gang) oder vor sich hin gurgelt (3. Gang). Die Erkenntnis ist in beiden Fällen erschreckend und dient eigentlich nur dazu, meine Neugier zu befriedigen. Ich gebe zu, ich bin an Dummheiten allgemein interessiert und klassifiziere diese gerne nach Schwachsinnigkeiten, Unsinnigkeiten, Stumpfsinnigkeiten, allgemeinen und speziellen Blödheiten sowie Unerhörtheiten. Der Katalog ist beliebig ausbaubar, aber nicht zu streng ausgelegt, weil es sich bei den allermeisten Arten von Dummheit um grenzüberschreitende Phänomene handelt – denn wie wir wissen, kennt die Dummheit ja keine Grenzen!
Bergauf fahrende Urlauber sollte man vor allem in der Nähe von Parkplatz-Einfahrten im Auge behalten. Abruptes Abbremsen droht hierbei nicht nur direkt vor einer Einfahrt, sondern vor allem auch kurz danach und – der Teufel schläft nie – dort, wo weit und breit keine Einfahrt zu finden ist. Beliebte Haltegelegenheiten sind zudem unübersichtliche und steile Kurven; vor allem im Winter wird hier gerne angehalten, um zum Beispiel Schneeketten auf den Sommerreifen zu montieren, oder vielleicht nur, um zu sehen, ob der Mercedes mit Heckantrieb auch bei Glatteis im Steilen aus dem Stand so galant anfährt wie sonst. (Tut er übrigens meistens nicht!)
Dies und vieles andere lässt sich beim täglichen Aus- und Einfahren in meiner Straße beobachten und beschimpfen. Was mir allerdings bis vor kurzem auch neu war: Das Bremsen beim Bergauf-Fahren. Um es genauer zu sagen: Das Bremsen während des Bergauf-Fahrens. Ich spreche nicht davon, wie ein übermütiger Führerschein-Neuling vor der 90-Grad-Kurve von 80 auf 30 km/h herunterbremst, weil ihm die Steigung des Berges in diesem Fall zu wenig Hindernis ist. Ich meine ein Auto, das sich, zwar langsam, aber stetig, den Berg hinauf quält, dessen Bremslicht aber immerzu leuchtet! So gesehen jüngst bei einem Holländer, der mir bewies, dass praktische Dialektik auch mit Dummheiten zu praktizieren ist. (Und nein, das Bremslicht war nicht defekt!)
Bergauf Bremsen möchte ich eine oxymorische Kunst nennen: Es ist ein Sinngebungsprozess, der in sich widersprüchlich ist, gleichzeitig natürlich über sich selbst hinaus-, letztlich aber auf nichts Bedeutendes hinweist, sondern einfach den Gipfel der Dummheiten als Synthese aller Lächerlichkeiten darstellt. Ich habe Demut vor diesem Unterfangen, denn ich wüsste nicht, wie ich es praktisch anstellen sollte. Diesen Holländer aber, der mich mit seiner Leistung so verblüffte, dass ich wohl das ungläubig-panische Gesicht eines touristischen Bergab-Fahrers angenommen haben muss, nenne ich den größten praktischen Philosophen und Zyniker seit Diogenes im Fass, und, um auch seinem Land die Treue zu halten, den größten Ethiker seit dem Niederländer Spinoza. Denn wenn Sparsamkeit eine Tugend ist, dann ist bergauf Bremsen die tugendhafteste Handlung überhaupt. Vorausgesetzt – und hier liegt die Krux dieses dialektischen Unterfangens – hinter dem Bergauf-Bremser befindet sich kein Einheimischer. Aber natürlich, mein leidendes Hinterherfahren als Zeuge dieses Weltgeistes an Dummheit ist von größter epistemologischer Relevanz, habe ich doch schließlich dieses Wunder mit meinen eigenen Augen wahrgenommen. Anders könnte ich auch nicht davon berichten, es sei denn, ich lüge – aber wer würde mir das schon glauben?
Bergauf Bremsen (ich kann meine Gedanken nicht davon lassen): das ist die hohe Kunst der Selbstzurücknahme, beinahe die Grenze zur Selbstaufgabe und -auslöschung überschreitend. Es ist autofahrerische Demut im Gewand der motoristischen Unmöglichkeit. Vor allem ist es ein ewiges Geheimnis für den ortskundigen Bergfahrer – ein widernatürliches Wunder, Zeuge einer modernen Magie der Berge und Pate für eine Psychologie der Unmöglichkeit. Es ent-setzt einen, weil es das Gegenteil einer Setzung ist, die ultimative Aufhebung ebenjenes Dogmas, dass man bergauf nicht bremsen muss oder soll. Bergauf Bremsen ist ein Lebensgefühl, das ich nie kennenlernen werde. Bergauf Bremsen ist außerdem ein praktisches Konzept unbeschwerter Dummheit. Davor kann man nur tiefsten Respekt haben – und daher muss die Hupe schweigen!
Irgendwer hat einmal gesagt, die Straße, die zu meinem Haus führt, habe eine 34-prozentige Steigung. Das heißt, dass auf einer Strecke von 100 Metern 34 Höhenmeter zurück gelegt werden. Ich bin kein Zahlen-Mensch, mir sagt das überhaupt nichts. Obwohl 34%ige Steigungen schon recht anständige Steigungen sind, klingt die Zahl 34 alleine nach nicht viel. Sagen wir: Es geht anständig bergauf. Oder sagen wir so: Wenn Sie einmal betrunken meine Straße hinauf gegangen sind, machen Sie es freiwillig kein zweites Mal – außer aus perverser Selbstüberschätzung.
Ich würde meine Straße nicht als Bergstraße bezeichnen, obwohl sie zu einem solchen hinführt und die eben genannte Steigung besitzt. Große Teile dieser Straße sind in ihrer Neigung ohnehin unspektakulär; dort aber, wo mein Haus liegt, wird es happig! Da fangen die Mountainbiker erst richtig zu schwitzen an, da gehen die deutschen Wanderer immer schon rückwärts den Berg runter und wenn ein Belgier oder Holländer mit dem Auto vorbei fährt, riecht es entweder nach Bremsen oder Kupplung – je nachdem, ob er gerade von unten oder oben kommt. Womit wir auch schon beim Thema wären: Dem Autofahren auf Straßen mit großer Neigung bzw. Steigung.
Holländer und Belgier müssen hier nicht ganz umsonst als Beispiele der niedrigsten Form des Gebirgfahrers herhalten, stammen doch beide Völker aus Gegenden, die uns nicht ob ihrer spektakulären Gebirgszüge bekannt sind. „Halt, halt!“, will da der Opapa sprechen, “In Belgien gibt es doch die Ardennen!“ (Das war da, wo man im Dezember 1944 die Alliierten im Zuge der Ardennenoffensive noch mal so richtig erschreckte.) Ich halte dagegen: Was die Belgier aus der Ardennen-Region den Holländern in punkto Bergfahren eventuell voraus haben mögen, büßen sie aufgrund ihres (völlig gerechtfertigten) Rufes als schlechteste Autofahrer Europas wieder ein. Also: Holländer und Belgier können auf Bergstraßen ziemlich gleich schlecht Autofahren. Damit aber die Benelux-Brüder auf diesem Gebiet nicht so ganz alleine die Buhmänner abgeben müssen, schließe man vorsichtshalber ganz Deutschland auch noch mit ein (und nehme, wie man es in Österreich immer macht, die Bayern davon aus). Selbstverständlich lassen sich auch manche Slowaken, Polen oder Wiener dazu zählen – ein eindeutiges Bild lässt sich hier sowieso nicht zeichnen, aber mit Holländern, Belgiern und Deutschen als Beispielen fährt man schon recht gut...
Man kennt die Tragödie des Bergabfahrens vor allem, wenn man das Pech hat, einem solchen Talent hinterher fahren zu müssen. Das erste, was man als Hintermann am vorderen Fahrzeug bemerkt, sind die nie erlöschenden Bremslichter: Der naive Glaube an die Allmacht der Bremse beseelt den Fahrzeuglenker aus dem flachen Land und verlässt ihn nicht mehr, bis er wieder geraden Boden unter den Rädern hat. Das dauerrrote Bremslicht steht auch für das blanke Entsetzen, das den ungeübten Bergfahrer ergreift, sobald sich sein Fahrzeug in Bewegung setzt, ohne dass er dazu das Gaspedal drücken muss. Er sieht sich der fremden Zaubermacht der Schwerkraft ausgeliefert, die sein Auto erbarmungslos den Hang hinunterzieht – und gegen die nur das besagte Kraut der Fußbremse gewachsen zu sein scheint. Dabei macht der Fahrzeuglenker eine seltsam paradoxe Entdeckung: Zum ersten Mal bewegt sich sein Vehikel schneller, wenn er den rechten Fuß vom Pedal wegnimmt, anstatt es fester zu drücken. Er muss feststellen, dass er mit dem Bremspedal das Fahrzeug beschleunigen kann – nämlich, indem er es loslässt (Perdauz!).
Die Angst vor der Schwerkraft und die Verwirrung, die durch das Bremspedal-Paradoxon entsteht, hinterlassen ihre Spuren in den Gesichtern der Fahrer. Wenn man das Vergnügen hat, einem herunterkommenden Flachland-Bergfahrer in das Gesicht sehen zu können, erblickt man meistens weit aufgerissene Augen, und dort, wo sonst der Mund sitzt, klafft ein schwarzes Loch des Schreckens. Hinter einem dergestalt Paralysierten fahren zu müssen, ist jedoch ein Geduldspiel der grausamsten Art. Man hat auch viel Zeit zu überlegen, und so stellt man sich vor, wie der Vordermann in seinem Fahrersitz sitzt, beide Hände fest an das Lenkrad geklammert. Hat er vielleicht den ersten Gang eingelegt und die Kupplung durchgedrückt? Oder hat er vielleicht den dritten Gang drinnen und fährt schön untertourig, indem er den Motor mit der Bremse nah an den Kollaps bringt? Hat er vielleicht überhaupt keinen Gang drinnen und lässt das Auto fröhlich im Leerlauf den Berg hinunter rollen, sich vor dem sicheren Unfall nur mit der Bremse bewahrend? Ich weiß es nicht, ja eigentlich will ich es gar nicht wissen, denn ich warte nur auf die nächste Kurve, nach der ich ihn dann endlich überholen kann!
Dass dieses meist ein Wunschtraum bleibt, ist ebenfalls der übertriebenen, von purer Angst gefütterten Vorsicht geschuldet, die den Fahrer vor mir fest im Griff hat: Zur Angst, ungebremst den Berg hinunterfahren zu müssen, gesellt sich offenbar die noch diffusere Furcht vor dem Randstein oder der Leitplanke. Als würde es ehernes Gesetz sein, dass einem in der Mitte der Straße am wenigsten passieren kann, orientiert sich der verängstigte Urlauber am (imaginären) Mittelstreifen der Fahrbahn. Als würde ihn ausreichender, übergroßzügiger Seitenabstand zum Gehsteig noch zusätzliche Sicherheit garantieren, schleicht er nun mitten auf der Straße – scheinbar immer langsamer werdend – den Abhang hinunter, während ich im Auto hinter ihm laut schreie, ihn Körperteile schimpfe und (vielleicht völlig ungerechtfertigt) der Imbezilität bezichtige. Solcher Rage Herr zu werden ist unmöglich und daher schuf Gott die Autohupe...
Doch nicht nur das Bergabfahren von Benelux-Bürgern ist Grund für die zahlreichen Sorgenfalten, die meine Stirn schon zeichnen – auch der umgekehrte Fall bringt Schwierigkeiten mit sich. Nicht wissend, wohin sie fahren müssen, bleiben besagte Gäste beim Bergauffahren auch sehr vorsichtig und schleichen entsprechend die Bergstraße empor. Hinter diesen Kandidaten befinde ich mich dauernd auf der Suche nach dem richtigen Gang, der zu der Geschwindigkeit des vor mir Fahrenden passen will. Denn mein zweiter Gang ist zu hoch-, der dritte aber zu niedertourig, was mich zu der Frage führt, welchen Gang denn der Volltrottel vor mir eingelegt haben könnte. Ich lasse in solchen Fällen gern das Fenster runter, um zu lauschen, ob der Motor vor mir eher heult (2. oder gar 1. Gang) oder vor sich hin gurgelt (3. Gang). Die Erkenntnis ist in beiden Fällen erschreckend und dient eigentlich nur dazu, meine Neugier zu befriedigen. Ich gebe zu, ich bin an Dummheiten allgemein interessiert und klassifiziere diese gerne nach Schwachsinnigkeiten, Unsinnigkeiten, Stumpfsinnigkeiten, allgemeinen und speziellen Blödheiten sowie Unerhörtheiten. Der Katalog ist beliebig ausbaubar, aber nicht zu streng ausgelegt, weil es sich bei den allermeisten Arten von Dummheit um grenzüberschreitende Phänomene handelt – denn wie wir wissen, kennt die Dummheit ja keine Grenzen!
Bergauf fahrende Urlauber sollte man vor allem in der Nähe von Parkplatz-Einfahrten im Auge behalten. Abruptes Abbremsen droht hierbei nicht nur direkt vor einer Einfahrt, sondern vor allem auch kurz danach und – der Teufel schläft nie – dort, wo weit und breit keine Einfahrt zu finden ist. Beliebte Haltegelegenheiten sind zudem unübersichtliche und steile Kurven; vor allem im Winter wird hier gerne angehalten, um zum Beispiel Schneeketten auf den Sommerreifen zu montieren, oder vielleicht nur, um zu sehen, ob der Mercedes mit Heckantrieb auch bei Glatteis im Steilen aus dem Stand so galant anfährt wie sonst. (Tut er übrigens meistens nicht!)
Dies und vieles andere lässt sich beim täglichen Aus- und Einfahren in meiner Straße beobachten und beschimpfen. Was mir allerdings bis vor kurzem auch neu war: Das Bremsen beim Bergauf-Fahren. Um es genauer zu sagen: Das Bremsen während des Bergauf-Fahrens. Ich spreche nicht davon, wie ein übermütiger Führerschein-Neuling vor der 90-Grad-Kurve von 80 auf 30 km/h herunterbremst, weil ihm die Steigung des Berges in diesem Fall zu wenig Hindernis ist. Ich meine ein Auto, das sich, zwar langsam, aber stetig, den Berg hinauf quält, dessen Bremslicht aber immerzu leuchtet! So gesehen jüngst bei einem Holländer, der mir bewies, dass praktische Dialektik auch mit Dummheiten zu praktizieren ist. (Und nein, das Bremslicht war nicht defekt!)
Bergauf Bremsen möchte ich eine oxymorische Kunst nennen: Es ist ein Sinngebungsprozess, der in sich widersprüchlich ist, gleichzeitig natürlich über sich selbst hinaus-, letztlich aber auf nichts Bedeutendes hinweist, sondern einfach den Gipfel der Dummheiten als Synthese aller Lächerlichkeiten darstellt. Ich habe Demut vor diesem Unterfangen, denn ich wüsste nicht, wie ich es praktisch anstellen sollte. Diesen Holländer aber, der mich mit seiner Leistung so verblüffte, dass ich wohl das ungläubig-panische Gesicht eines touristischen Bergab-Fahrers angenommen haben muss, nenne ich den größten praktischen Philosophen und Zyniker seit Diogenes im Fass, und, um auch seinem Land die Treue zu halten, den größten Ethiker seit dem Niederländer Spinoza. Denn wenn Sparsamkeit eine Tugend ist, dann ist bergauf Bremsen die tugendhafteste Handlung überhaupt. Vorausgesetzt – und hier liegt die Krux dieses dialektischen Unterfangens – hinter dem Bergauf-Bremser befindet sich kein Einheimischer. Aber natürlich, mein leidendes Hinterherfahren als Zeuge dieses Weltgeistes an Dummheit ist von größter epistemologischer Relevanz, habe ich doch schließlich dieses Wunder mit meinen eigenen Augen wahrgenommen. Anders könnte ich auch nicht davon berichten, es sei denn, ich lüge – aber wer würde mir das schon glauben?
Bergauf Bremsen (ich kann meine Gedanken nicht davon lassen): das ist die hohe Kunst der Selbstzurücknahme, beinahe die Grenze zur Selbstaufgabe und -auslöschung überschreitend. Es ist autofahrerische Demut im Gewand der motoristischen Unmöglichkeit. Vor allem ist es ein ewiges Geheimnis für den ortskundigen Bergfahrer – ein widernatürliches Wunder, Zeuge einer modernen Magie der Berge und Pate für eine Psychologie der Unmöglichkeit. Es ent-setzt einen, weil es das Gegenteil einer Setzung ist, die ultimative Aufhebung ebenjenes Dogmas, dass man bergauf nicht bremsen muss oder soll. Bergauf Bremsen ist ein Lebensgefühl, das ich nie kennenlernen werde. Bergauf Bremsen ist außerdem ein praktisches Konzept unbeschwerter Dummheit. Davor kann man nur tiefsten Respekt haben – und daher muss die Hupe schweigen!
Montag, 25. Juni 2012
Ein Kinderspiel
Die Grandezza des Elfmeterschießens besteht darin, den spielerischen Vorteil, den man vielleicht über 120 Minuten lang gehabt hat, mit in diese Zitterpartie zu nehmen und mit Mut und Anstand den Fußballgott milde zu stimmen. Italien hat das gestern in einem packenden Viertelfinale gegen England geschafft. So eine italienische Mannschaft habe ich überhaupt noch nie gesehen, denn sie war über weite Strecken offensivbegeistert, spielerisch einfallsreich und es gab kein ständiges Fallenlassen und Diskutieren. Irgendetwas stimmt da nicht – das sind nicht die Italiener, die ich in den letzten Jahren so verschmähen gelernt habe, jene Italiener, die dem unattraktiven Defensivfußball mit dem Weltmeistertitel 2006 die Krone aufgesetzt haben, und die letztlich dafür verantwortlich waren, dass Spaniens bzw. Barcelonas Offensivspiel von Fußballfans als Erlösung von allem Bösen gefeiert wurde. Griechenland 2004 und Italien 2006: Das waren ganz düstere Gespenster der jüngeren internationalen Fußballvergangenheit. Was machten wir Augen, als wir die Teams von Spanien, Holland und Russland 2008 bewundern durften, und wie sich das deutsche Team konsequent von einer Klotztruppe zu einer technisch wie taktisch höchst attraktiv aufspielenden Mannschaft entwickelt hat!
Und jetzt, sechs Jahre nach Italiens WM-Titel, sind wir des Tikitakas müde geworden, wurden von Holländern enttäuscht und warten noch immer auf den großen Titel für Deutschland; und plötzlich kommen da gänzlich erneute Italiener daher, die zwar immer noch über den einen oder anderen Unsympathler verfügen, die aber insgesamt gemäßigter, erträglicher, man möchte fast sagen: ein bisschen professioneller geworden sind. Italien bewegt sich zwischen der Ruhe eines Pirlos und dem Ungehorsam eines Balotelli – so waren auch beide gestern in der Partie gegen England vielleicht die besten Männer auf dem Platz. Der eine verteilte Zuckerpässe, der andere vergab spektakuläre Chancen – insgesamt wahrscheinlich alleine mehr als das ganze englische Team. Das war nicht nur spannend, sondern eben auch über weite Strecken schön anzusehen (trotz des ersten 0:0). Man möchte meinen, dass es sich dabei um eine selten gewordene Kombination handelt. Dass Italien daran den Hauptanteil hatte, das kann ich 24 Stunden danach noch immer nicht wirklich glauben!
Englands Team hat sich nach ca. einer halben Stunde aus dem Spiel zurückgezogen und spielte fortan so, wie Italien es immer getan hatte: extrem passiv, klug aber langweilig, destruktiv und eigentlich unsympathisch. Ironischerweise hatte man spätestens gegen Ende der zweiten Halbzeit das Gefühl, dass diese Engländer auf ein Elfmeterschießen aus waren – als hätte es all die Elfmeterschießen der jüngeren und älteren Vergangenheit nicht gegeben! Vielleicht war die englische Fußballseele von dem Vertrauen besetzt, dass man es diesmal schaffen, dass man irgendwann den Bann brechen würde und dass das ausgerechnet an diesem Tag passieren müsste. Darin haben sich die Engländer aber gründlich getäuscht.
Vielleicht täuschen sich auch die Deutschen, denn die argumentieren und rationalisieren momentan ganz ähnlich. Natürlich stehe man dem Angstgegner Italien gegenüber, aber diesmal werde man die Italiener besiegen, denn jede Negativserie müsse ein Ende haben und wann, wenn nicht jetzt, wenn nicht mit dieser Mannschaft, mit welcher dann? So klingt es aus bundesdeutschen Radiostationen voller Zuversicht. Und man freut sich auf dieses Spiel – ganz ehrlich! Ich glaube es den Deutschen auch. Es hätte im Halbfinale kein unangenehmerer, aber auch kein attraktiverer Gegner als Italien warten können. Dass aber Italien so unangenehm und so attraktiv gleichzeitig sein kann, das hat sich erst im gestrigen Spiel offenbart – auch, wenn man es vorher schon vermuten konnte. Das Spiel am Donnerstag hat bestes Potenzial, das spannendste und emotionalste internationale Bewerbsspiel seit langem zu werden. Oder aber es wird hässlich und eines von beiden Teams (im schlimmsten Fall alle beide) zeigt seine grausigste Fratze – dann wissen wir wenigstens, zu wem wir im Finale halten sollen!
Das schönste Gesicht hat aber momentan Italien und der Geist des italienischen Fußballs kulminiert in Andrea Pirlos Elfmeter: Der im Stil von Antonin Panenka in die Mitte geschupfte Ball steht für Wagemut, Lässigkeit, Intelligenz und das nötige Maß an Arroganz, das ein guter Fußballer einfach braucht. In gewisser Weise hat so ein Schuss natürlich auch viel mit Humor zu tun (weil hier einer, auf gut österreichisch gesagt, mit jemandem Schmäh führt) und ein Treffer wie dieser ist der beste Beweis dafür, dass Elfmeter immer nur im Kopf geschossen werden. Da passte es gut, dass Pirlos Lässigkeit auf Joe Harts gespielte Vergnügtheit traf. Dieser hatte noch vor dem Spiel verlautbart, dass er sich auf ein Elfmeterschießen freue. Dementsprechend blöd grinsend stand er dann auch im Tor, streckte den Schützen die Zunge entgegen. Montolivo ließ sich davon veräppeln, die anderen ignorierten es. Aber nur Pirlo antwortete ihm.
Den allerhaltbarsten Elfmeter so zu versenken, dass er praktisch unhaltbar ist: Da kann man sich sämtliche Statistiken und Berechnungen in die Haare schmieren – hier scheint der Geist des Fußballspiels voll durch; denn letztlich handelt es sich um ein Spiel, das Kinder irgendwann einmal spielen und lieben gelernt haben. Und genau so ein Spiel bleibt es im Kern seines Wesens auch dann, wenn es um Ruhm, Geld und Ehre geht. Die Italiener haben das schon während des Spiels immer wieder gezeigt (so wie Spanien und Holland vor vier Jahren), aber Andrea Pirlo gab uns mit seinem Elfmeter die kondensierte Variante: Es muss wie ein Kinderspiel aussehen und trotzdem für Normalsterbliche unmöglich scheinen.
Und jetzt, sechs Jahre nach Italiens WM-Titel, sind wir des Tikitakas müde geworden, wurden von Holländern enttäuscht und warten noch immer auf den großen Titel für Deutschland; und plötzlich kommen da gänzlich erneute Italiener daher, die zwar immer noch über den einen oder anderen Unsympathler verfügen, die aber insgesamt gemäßigter, erträglicher, man möchte fast sagen: ein bisschen professioneller geworden sind. Italien bewegt sich zwischen der Ruhe eines Pirlos und dem Ungehorsam eines Balotelli – so waren auch beide gestern in der Partie gegen England vielleicht die besten Männer auf dem Platz. Der eine verteilte Zuckerpässe, der andere vergab spektakuläre Chancen – insgesamt wahrscheinlich alleine mehr als das ganze englische Team. Das war nicht nur spannend, sondern eben auch über weite Strecken schön anzusehen (trotz des ersten 0:0). Man möchte meinen, dass es sich dabei um eine selten gewordene Kombination handelt. Dass Italien daran den Hauptanteil hatte, das kann ich 24 Stunden danach noch immer nicht wirklich glauben!
Englands Team hat sich nach ca. einer halben Stunde aus dem Spiel zurückgezogen und spielte fortan so, wie Italien es immer getan hatte: extrem passiv, klug aber langweilig, destruktiv und eigentlich unsympathisch. Ironischerweise hatte man spätestens gegen Ende der zweiten Halbzeit das Gefühl, dass diese Engländer auf ein Elfmeterschießen aus waren – als hätte es all die Elfmeterschießen der jüngeren und älteren Vergangenheit nicht gegeben! Vielleicht war die englische Fußballseele von dem Vertrauen besetzt, dass man es diesmal schaffen, dass man irgendwann den Bann brechen würde und dass das ausgerechnet an diesem Tag passieren müsste. Darin haben sich die Engländer aber gründlich getäuscht.
Vielleicht täuschen sich auch die Deutschen, denn die argumentieren und rationalisieren momentan ganz ähnlich. Natürlich stehe man dem Angstgegner Italien gegenüber, aber diesmal werde man die Italiener besiegen, denn jede Negativserie müsse ein Ende haben und wann, wenn nicht jetzt, wenn nicht mit dieser Mannschaft, mit welcher dann? So klingt es aus bundesdeutschen Radiostationen voller Zuversicht. Und man freut sich auf dieses Spiel – ganz ehrlich! Ich glaube es den Deutschen auch. Es hätte im Halbfinale kein unangenehmerer, aber auch kein attraktiverer Gegner als Italien warten können. Dass aber Italien so unangenehm und so attraktiv gleichzeitig sein kann, das hat sich erst im gestrigen Spiel offenbart – auch, wenn man es vorher schon vermuten konnte. Das Spiel am Donnerstag hat bestes Potenzial, das spannendste und emotionalste internationale Bewerbsspiel seit langem zu werden. Oder aber es wird hässlich und eines von beiden Teams (im schlimmsten Fall alle beide) zeigt seine grausigste Fratze – dann wissen wir wenigstens, zu wem wir im Finale halten sollen!
Das schönste Gesicht hat aber momentan Italien und der Geist des italienischen Fußballs kulminiert in Andrea Pirlos Elfmeter: Der im Stil von Antonin Panenka in die Mitte geschupfte Ball steht für Wagemut, Lässigkeit, Intelligenz und das nötige Maß an Arroganz, das ein guter Fußballer einfach braucht. In gewisser Weise hat so ein Schuss natürlich auch viel mit Humor zu tun (weil hier einer, auf gut österreichisch gesagt, mit jemandem Schmäh führt) und ein Treffer wie dieser ist der beste Beweis dafür, dass Elfmeter immer nur im Kopf geschossen werden. Da passte es gut, dass Pirlos Lässigkeit auf Joe Harts gespielte Vergnügtheit traf. Dieser hatte noch vor dem Spiel verlautbart, dass er sich auf ein Elfmeterschießen freue. Dementsprechend blöd grinsend stand er dann auch im Tor, streckte den Schützen die Zunge entgegen. Montolivo ließ sich davon veräppeln, die anderen ignorierten es. Aber nur Pirlo antwortete ihm.
Den allerhaltbarsten Elfmeter so zu versenken, dass er praktisch unhaltbar ist: Da kann man sich sämtliche Statistiken und Berechnungen in die Haare schmieren – hier scheint der Geist des Fußballspiels voll durch; denn letztlich handelt es sich um ein Spiel, das Kinder irgendwann einmal spielen und lieben gelernt haben. Und genau so ein Spiel bleibt es im Kern seines Wesens auch dann, wenn es um Ruhm, Geld und Ehre geht. Die Italiener haben das schon während des Spiels immer wieder gezeigt (so wie Spanien und Holland vor vier Jahren), aber Andrea Pirlo gab uns mit seinem Elfmeter die kondensierte Variante: Es muss wie ein Kinderspiel aussehen und trotzdem für Normalsterbliche unmöglich scheinen.
Montag, 21. Mai 2012
Dahoam is dahoam
Es geht nicht immer so, wie man sich das gern vorstellt, und es
ist leider auch nicht immer ganz so gerecht, wie es sein sollte.
Deswegen ist es Sport.
Ein Satz, der dem bayrischen Lamentieren das Wasser abgräbt: überraschend richtig, ein bisschen bauernschlau und die Situation in ihrer Vollkommenheit beschreibend. Ein Satz, wie ihn nur ein Profi-Sportler erdenken kann. Er stammt von Michael Schumacher.
Sport ist alles das, was der Mensch in ihn hinein denkt. Sport an sich ist lächerlich, langweilig, mitunter gefährlich. Aber garniert mit allzumenschlichen Hoffnungen, Erwartungen an das Unvorhersehbare und der Vorstellung, dass Begriffe wie "Gerechtigkeit" auch nur annähernd eine Bedeutung haben könnten, wird Sport zu etwas Persönlichem. Das geht so weit, dass man sich von einer Mannschaft oder einem einzelnen Spieler hintergangen bzw. ungerecht behandelt fühlt. In extremen Situationen, wie etwa der Niederlage des FC Bayern München gegen Chelsea, muss sogar der Fußballgott herhalten: Spiele wie diese würden beweisen, dass es einen solchen nicht gebe oder zumindest, dass er tot sei und also Nietzsche doch Recht behielte. Den armen Fritz wird's nicht mehr jucken...
Das schöne lateinische "audiatur et altera pars", jenes flotte Wort, das uns anhält, auch die andere Seite anzuhören, tut in solchen Fällen not. Die andere Seite aber beschränkt sich auf die lapidare Feststellung, dass man einfach die glücklichere Mannschaft gewesen sei. Das ist ebenso richtig wie zynisch - zumindest für die Ohren eines Bayern. Auch könnte man sagen, Chelsea sei die weniger unglückliche Mannschaft gewesen. Aber das sind Wortklaubereien. Als ob sich der Sieger des Sieges wegen rechtfertigen müsse! Muss er nicht, weil eben nicht immer alles so geht, wie man sich das vorstellt.
Nun könnte man auch behaupten, dass Chelsea sich schon lange einen CL-Titel verdient hätte, und dass es manchmal grausam zugehen muss, damit sich die Erwartungen, welche die Fußballgeschichte an eine Mannschaft stellt, einlösen. Zudem scheinen wir uns mittlerweile an verdiente Turniersieger gewöhnt zu haben. Chelsea siedelt sich hier irgendwo zwischen Griechenlands Europameistertitel und Spaniens WM- und EM-Double an. Man sollte sich überlegen, ob ein verdienter Turniersieg nicht doch eher Luxus ist. Freilich ist es schön und gerecht, und vielleicht eröffnet es sogar den Anhängern des Verlierers die Möglichkeit, Anerkennung zu zeigen. Aber egal wie überzeugend, wie gut oder elegant eine Mannschaft spielt, egal wie viele Herzen sie an sich bindet und wie viele Menschen sie begeistert – am Ende steht immer die banale Erkenntnis: Man weiß am Anfang nie, wer am Ende gewinnt. Deswegen ist es Sport. Und deswegen begeistert uns Sport.
Ein Satz, der dem bayrischen Lamentieren das Wasser abgräbt: überraschend richtig, ein bisschen bauernschlau und die Situation in ihrer Vollkommenheit beschreibend. Ein Satz, wie ihn nur ein Profi-Sportler erdenken kann. Er stammt von Michael Schumacher.
Sport ist alles das, was der Mensch in ihn hinein denkt. Sport an sich ist lächerlich, langweilig, mitunter gefährlich. Aber garniert mit allzumenschlichen Hoffnungen, Erwartungen an das Unvorhersehbare und der Vorstellung, dass Begriffe wie "Gerechtigkeit" auch nur annähernd eine Bedeutung haben könnten, wird Sport zu etwas Persönlichem. Das geht so weit, dass man sich von einer Mannschaft oder einem einzelnen Spieler hintergangen bzw. ungerecht behandelt fühlt. In extremen Situationen, wie etwa der Niederlage des FC Bayern München gegen Chelsea, muss sogar der Fußballgott herhalten: Spiele wie diese würden beweisen, dass es einen solchen nicht gebe oder zumindest, dass er tot sei und also Nietzsche doch Recht behielte. Den armen Fritz wird's nicht mehr jucken...
Das schöne lateinische "audiatur et altera pars", jenes flotte Wort, das uns anhält, auch die andere Seite anzuhören, tut in solchen Fällen not. Die andere Seite aber beschränkt sich auf die lapidare Feststellung, dass man einfach die glücklichere Mannschaft gewesen sei. Das ist ebenso richtig wie zynisch - zumindest für die Ohren eines Bayern. Auch könnte man sagen, Chelsea sei die weniger unglückliche Mannschaft gewesen. Aber das sind Wortklaubereien. Als ob sich der Sieger des Sieges wegen rechtfertigen müsse! Muss er nicht, weil eben nicht immer alles so geht, wie man sich das vorstellt.
Nun könnte man auch behaupten, dass Chelsea sich schon lange einen CL-Titel verdient hätte, und dass es manchmal grausam zugehen muss, damit sich die Erwartungen, welche die Fußballgeschichte an eine Mannschaft stellt, einlösen. Zudem scheinen wir uns mittlerweile an verdiente Turniersieger gewöhnt zu haben. Chelsea siedelt sich hier irgendwo zwischen Griechenlands Europameistertitel und Spaniens WM- und EM-Double an. Man sollte sich überlegen, ob ein verdienter Turniersieg nicht doch eher Luxus ist. Freilich ist es schön und gerecht, und vielleicht eröffnet es sogar den Anhängern des Verlierers die Möglichkeit, Anerkennung zu zeigen. Aber egal wie überzeugend, wie gut oder elegant eine Mannschaft spielt, egal wie viele Herzen sie an sich bindet und wie viele Menschen sie begeistert – am Ende steht immer die banale Erkenntnis: Man weiß am Anfang nie, wer am Ende gewinnt. Deswegen ist es Sport. Und deswegen begeistert uns Sport.
Freitag, 23. März 2012
Eroberung der Heimat
Sich aber nostalgisch zu seiner (einer) Heimat zu verhalten, wirkt mindestens unmodern, kann einem aber – je nachdem, wie intensiv der Heimatnostalgie nachgegangen wird und je nachdem, wie empfindlich das sogenannte soziale Umfeld darauf reagiert – im schlimmsten Fall als reaktionär, heimattümelnd, konservativ, biedermeierlich, allzu bürgerlich, engstirnig, stumpf, stupide oder schlichtweg dümmlich ausgelegt werden. Die Liste dieses diesen traurigen Umstand zu beschreiben möglich machende, meist recht kraftlose und von Vorurteilen nicht ganz freie Vokabular ließe sich freilich beliebig fortsetzen. Die Sache kann beliebig gedreht und gewendet werden, aber der Mief des Altbackenen lässt sich vom nostalgischen Umgang mit der Heimat nur schwer wegdenken. Dies hat nicht nur historische Gründe, sondern ist auch dem sorglosen Umgang mit dem Heimatbegriff geschuldet, der, durch politische Vereinnahmung havariert, anscheinend immer nur dort auftaucht, wo sich Bärtchen und Joppen tragende Herren an Biertischen gegenseitig zu gedanklichen Missgeburten aufmunternd auf die oft breiten, aber immer rückgratlosen Schultern klopfen. Wer „Heimat“ sagt, so scheint es, der meint doch irgendwie auch „Heim ins Reich“, „Heimatfront“, „Heimat für die, die immer schon da waren“, „Heimattreue dem Vaterland“ etc. Gegen solche Dummheiten ist, wie so oft, kein Kraut gewachsen. Von der Heimat abhalten lassen sollte man sich jedoch davon nicht.
„Ich fühle mich als Europäer“, sagt, wer modern sein möchte, zeigen will, dass die ganze Welt seine eigentliche Heimat ist, und dass, wenn schon gezwungen, seine Herkunft anzugeben, ihm die größtmögliche Einteilung die gerade noch verkraftbarste ist – denn alles andere sind kindische Dorftümeleien. Der Zug zum Großen und Ganzen (lange Auslandsaufenthalte, berufsbedingte Reisen, das Konzept Weltreise als Lebenserfahrung) ist dem Heimatlichen feindlich gesinnt. Welt und Dorf, das verträgt sich nicht. Die frei erwählte Flucht ist der Imperativ des modernen Nomaden, sie hat als Trieb ins Ungewisse die Vertreibung aus dem Paradies ersetzt: Man vertreibt die Teufel der Heimat aus seiner Seele, indem man die Heimat so weit wie möglich hinter sich lässt. „Auf zu neuen Ufern“ heißt die Devise - „und bloß nie mehr zurückkehren!“ der Nachsatz. Der Ennui ist dem Jetlag gewichen, die Menschen sind jetzt reisemüde statt lebensmüde. Eine Verbesserung kann darin nur erkennen, wer auch die Kopfschmerzen den Magenschmerzen als angenehmeres Symptom einer mittelschweren Krankheit vorzieht.
Doch wie sich dagegen wehren, dass die Heimat vereinnahmt wurde von dubiosen politischen Diskursen und funktionalistisch-bürokratischen Hohlwörtern? Wurde uns die Heimat etwa verboten, hat man uns vergrault, hat man das Territorium unzugänglich gemacht? Betritt man den heimatlichen Boden (Boden – noch so ein gefährliches Wort!) auf eigene Gefahr? Ein neues, modernes Verhältnis zur Heimat erlangt nur, wer bereit ist, hinaus zu gehen nicht um des Weggehens willen und wer bereit ist, zurückzukommen um des Daheim-Seins willen. Erst wer die Heimat als den Ort erkennt, von dem aus alles seinen Anfang nimmt, ist wirklich heim gekommen und kann sich an seiner Region, seiner Gegend erfreuen, und nicht nur an der bloßen Behaglichkeit seines Hauptwohnsitzes.
Heimat ist nämlich mehr als Heim. In einer Gegend groß zu werden bedeutet, diese Gegend im schlimmsten Fall ein Leben lang mit sich herum zu tragen. Eine Erfahrung, deren Bitternis vor allem jene spüren, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und denen sich keine Möglichkeit zur Rückkehr mehr bot. Erst wenn die Heimat verloren ist – entrückt, unzugänglich, verschwunden – wird ihr Wert schmerzlich bewusst. Dabei sollte erwähnt werden, dass es für gewöhnlich viel braucht, um ganze Familien dazu zu bewegen, ihren Heimatort zu verlassen, und dass es schwieriger ist, eine neue Heimat zu finden, als einen neuen Hauptwohnsitz – ein Umstand, der bei aller Integrations-Politisierung gerne unter den Tisch fällt. Erst wenn die Heimat zur Hölle wird, überwindet die Bereitschaft, sie zu verlassen, jene magnetische Kraft, die alles und jeden festhält, der sich einmal – freiwillig oder unfreiwillig – ihr hingegeben hat.
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| Foto: Ricarda S. Kreindl |
Immanuel Kant, so heißt es in Thomas Bernhards gleichnamigen Stück augenzwinkernd, sei nie aus Königsberg hinausgekommen. Auch wenn diese Behauptung faktisch unwahr ist, bezeichnet sie doch eine tiefe Verwurzelung mit einem Ort, der einmal für Preußen das war, was man ein geistiges Zentrum nennt. Was Königsberg für Kant war, war Prag wohl für Franz Kafka. Zwar ist Kafka öfter aus Prag hinausgekommen als Kant aus Königsberg, dennoch ist das literarische Bild, das Kafka von seiner Heimatstadt einst zeichnete (ein Mütterchen mit Krallen) das allertreffendste, wenn es darum geht, die Beziehung des Autors zu seiner Stadt zu beschreiben. Ob Kant Königsberg, ob Kafka Prag geliebt hat, ist einerlei. Fest steht, dass in beiden Fällen die Beziehung des Denkers zur Heimat nicht fruchtlos geblieben ist: War Königsberg für Kant so etwas wie ein Denkgefängnis, war Prag für Kafka Stimmungs-Vorlage für sein literarisches Werk. Die Auseinandersetzung mit der Heimat, der Herkunft, der Geschichte ist wohl immer schon Wurzel der künstlerischen Inspiration gewesen. So erlernen wir das Sehen und Denken zuallererst an unserer heimatlichen Umgebung, und erst, wenn wir uns an diese gewöhnt haben, ist das Fundament dafür gelegt, staunen zu können, wenn wir andere Gegenden bereisen – metaphorisch wie auch ganz wörtlich verstanden. Die Differenz, das Anders-Sein, errechnet sich, ob man will oder nicht, erst aus dem, was man schon kennt. Wenn Thomas Bernhard seinen Kant und Franz Kafka seinen Karl Roßmann nach Amerika schicken, ist das einerseits ein geradezu sarkastischer Akt der Entwurzelung, gleichsam aber auch Voraussetzung für wirklich neue Erkenntnis (alle Implikationen eines Amerika-Bildes, das Fortschritt und Neuanfang bedeutet, miteingeschlossen). Man lese Kafkas Verschollenen als Fortsetzung von Bernhards Kant-Stück und stelle sich den großen Professor vor, wie er in der neuen Welt zum 17-Jährigen Greenhorn wird und bald darauf sein Königsberg vergisst und sich – nach allen Irrungen und Wirrungen – schließlich irgendwann in Princeton niederlässt, weil ihn das noch am ehesten an Königsberg erinnert.
Ist Heimat also einfach all das, was wir schon kennen, weniger als das, was wir vorgeben, immer schon gekannt zu haben? Die Demarkationslinie zwischen Gekanntem und scheinbar Immer-schon-Gekanntem verläuft zwischen dem Gefühl der heimatlichen Geborgenheit und dem Drang, diese aufzugeben und dorthin aufzubrechen, wo man – so glaubt man – eigentlich hin gehört: nämlich in die große, weite Welt. Hänschen klein all over again. Aber auch Hänschen muss lernen, dass die Welt als ganzes kein Zuhause ist, und kehrt als Hans wieder zurück. Erkannt wird er natürlich nur von seiner Mutter, die ihm schon bei seiner Abreise gesagt hat, er solle bald wieder kommen. Warum Hänschen nach sieben Jahren wieder beschließt zurückzukehren, verrät das Kinderlied nicht. Wir erfahren bloß, dass sich das Kind „besinnt“: Es scheint, als wäre der nunmehrige Hans vernünftig geworden. Warum aber kehrt er dann wieder nach Hause zurück? Die Ferne war ihm wohl nicht Erfüllung genug; zwar war seine Reise eine Notwendigkeit in seinem Ablösungsprozess von der Mutter (lies: Heimat), aber es scheint, als wäre er von vornherein nur zu dem Zweck „ausgewandert“, um letztlich wieder zurückzukehren. Das Hänschen-klein von heute macht Praktika in London, Shanghai und Tokio, lässt sich dort nieder, wo die am besten zahlende Firmenniederlassung steht, und zieht dann höchstens noch von der Stadt in die Vorstadt, weil man in Städten keine Kinder aufzieht – zu sehr hat man die eigene Kindheit auf dem Land geschätzt. In die Heimat zurückzukehren lohnt gar nicht mehr, denn dort findet man nicht das richtige berufliche Umfeld vor. Und aus nostalgischen Gründen kann man sich ja immer noch im Alter dort niederlassen – wenn es denn sein muss.
Heimat – so könnte man es am einfachsten sagen – ist dort, wo man sich wohl fühlt. Die größere Frage als die nach der Heimat ist also jene nach dem Wohlergehen, und diese Frage ist es auch, die am schwierigsten zu beantworten ist. Sie reguliert das Verhältnis zur Heimat, denn dieses kann auch durchaus ein problematisches, ja traumatisches sein. So reicht es nicht nur aus, sich wo auszukennen und zurecht finden zu können, sondern es muss auch ein psychohygienischer Bezug zu einem Ort gegeben sein. Das, was heutzutage „loslassen können“ genannt wird, gelingt am ehesten dort, wo man keine Zügel in der Hand halten muss und sich in ein Nest fallen lassen kann. Gerne darf man sich darunter eine Art Primitiv-Wellness vorstellen. Wir versuchen es einmal negativ: Heimat ist dort, wo das Nichtstun nicht suspekt ist und kein schlechtes Gewissen verursacht. Heimat ist dort, wo man nicht blöd angeschaut wird. Heimat ist dort, wo man nicht existenziell gefordert ist, sondern seine Ruhe hat bzw. finden kann.
So hat Heimat viel mit Vertrauen und Ruhe zu tun. Zu viel Vertrauen und Ruhe kann zu Langeweile führen, zum bereits erwähnten Ennui, zur Melancholie bzw. zu dem, was wir heute Depression nennen. Es ist ein Sichlangweilen, wie Heidegger es nennt, das nicht mehr nur von einem Ding herrührt, sondern beginnt, auf alles andere sich auszubreiten. So wird die Heimat dem Heimgekommenen als Ganzes langweilig. Der Mief, der dann von ihr ausgeht, ist jener, der den Geflohenen die Nase rümpfen lässt, wenn von der Heimat die Rede ist. Die Langeweile der Heimat ist es auch, die das heimatliche Leben in Rituale zerfallen lässt, ist also am Land zum Beispiel der Grund für das ausgeprägte Vereinswesen.
Wir müssen feststellen, dass es nicht die Nostalgie ist, die den Diskurs über die Heimat suspekt macht, sondern die Furcht vor der Langeweile, die der Heimat entwachsen kann. Es gibt das „gesunde“ Verhältnis zur Heimat nach wie vor – wenn man sich auf das Langweilige vorbereiten, es annehmen und mit ihm umgehen kann. Ennui und Heimat gehören zusammen, und je enger die Heimat, desto ausgeprägter der Ennui. Das zeigt sich schon bei Büchners Leonce, dem hervorragendsten Vertreter langweiliger Figuren in der deutschen Literatur überhaupt, dessen Königreich Popo das allerkleinste, dessen Langeweile aber grenzenlos ist. Einen schönen Sommertag erlebt er so: „Die Bienen sitzen so träg an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden.“ Herrliche Langeweile, die herrlichen Müßiggang erlaubt, der ja bekanntlich (so stellt Leonce fest) aller Laster Anfang ist! Auch Leonces Flucht führt ihn aber doch wieder dorthin zurück, wo er hergekommen ist: Heimat ist, wovor es kein Entrinnen gibt.
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| Foto: Ricarda S. Kreindl |
Gleichzeitig muss Heimat erobert werden. Von selbst stellt sie sich nicht dar, von selbst beherbergt sie nicht; sie muss bestellt werden wie ein Acker. Man muss Fragen an sie stellen, an ihre Leute, ihre Geschichte, ihre Hässlichkeiten und selbst an ihre schönen Seiten. Man muss die Heimat bezweifeln, argwöhnisch begutachten, mit Vorsicht genießen, wie einen Menschen, dem man nicht ganz trauen mag. Mit Respekt aber sollte man sie behandeln; sie selbst, die Gegend und wie sie sich in ihren Menschen, ihren Abkömmlingen, zeigt. Zu dem gehört Abstand, Flucht, Schimpf und Tadel – eine kathartische Phase der Adoleszenz, die, einmal überwunden, eine Basis für eine gesunde und lebenslange Heimatliebe bilden kann, die nicht dumpf und reaktionär sein muss, sondern das Gefühl eines lieblichen Gefangen-Seins bereit stellt. Daheim zu sein ist, der Unentrinnbaren ins Auge zu sehen und zu sagen: „Sperr mich ein, liebe Heimat, auch wenn ich dich verlassen muss, damit ich glücklich werde!“
Donnerstag, 2. Februar 2012
Irrlichter
Ist es nicht manchmal so, dass die Irrlichter, denen man so gerne und oft folgt, gerade jene sind, die man sich selbst so begeistert gesteckt hat?
Dienstag, 13. Dezember 2011
Kopernikanische Wende
Auf der anderen Straßenseite wartet ein Mann mittleren Alters und zweifelhafter Natur an der Ampel. Er sieht aus wie jemand, der älter aussieht, als er ist. Vielleicht aber täusche ich mich und es handelt sich um einen Mann höheren Alters. Jedenfalls macht er auf mich einen etwas verwirrten Eindruck. Sein ungekämmtes, nach allen Richtungen hin abstehendes Haar trägt nicht wirklich dazu bei, ihm irgendeine Art von Vertrauen entgegen zu bringen; noch weniger tut dies sein etwas entrückter Blick. Darüber hinaus brabbelt er vor sich hin, spricht, als ob er jemanden rügen würde. Ich beruhige mich, indem ich mir einrede, der Mann spräche mit jemandem am Telefon und hat, wie so viele Zeitgenossen es haben, irgendwo ein Headset, ein Mikrofon an einem Kopfhörerkabel oder sonst irgendeine andere technische Vorrichtung, die ihm das Telefonieren erlaubt, ohne dass er dazu seine Hand benutzen müsste.
Vor ein paar Jahren schossen nämlich diese Freisprechvorrichtungen wie die Schwammerln aus dem Boden. Plötzlich sah man überall Menschen herumspazieren, die scheinbar mit sich selbst die angeregtesten Unterhaltungen führten. Es dauerte eine Weile, bis man sich an die irr vor sich hin sprechenden Leute gewöhnt hatte, doch irgendwann hielt man das für ganz normal. Radfahrer fuhren schimpfend an einem vorbei, in Supermärkten diskutierten einkaufende Damen die letzten Entwicklungen in ihren Freundeskreisen, während sie im Kühlregal die Ablaufdaten der angebotenen Produkte prüften und an Verkehrsampeln saßen einsame Autofahrer in ihren Fahrzeugen und diskutierten, teilweise wild gestikulierend, geräuschlos mit einem unsichtbaren Gegenüber.
Dabei kamen sie sich alle wahnsinnig pragmatisch vor und hatten plötzlich Hände frei, mit denen sie nichts anzufangen wussten. Wenn, dann drückten und wischten sie ohnehin auf ihren Mobiltelefonen herum - die Freisprecheinrichtung hatte also nur den Sinn, dass man während des Telefonierens das Handy für andere Zwecke verwenden konnte. Manche trugen auch das Handy wie eine milde Gabe vor sich her, als wären sie einer der heiligen drei Könige und wollten dem Jesuskindlein zur Geburt ein iPhone schenken, um es von der Langeweile im Stall zu Bethlehem zu erlösen. Andere hielten sich das am Kopfhörerkabel befestigte Mikrofon derart umständlich vor den Mund, dass man sich darüber wunderte, ob nicht das einfache Ans-Ohr-Halten die elegantere und praktischere Lösung gewesen wäre. Die ganz wichtigen hatten ein Bluetooth-Headset und also nur einen kleinen Bügel am Ohr befestigt und wirkten damit sehr wallstreetig. Da man sich damit aber lächerlich macht, wenn man einem Bekannten ein Keksrezept ansagt, anstatt wichtige geschäftliche Dinge zu besprechen, ist das Bluetooth-Headset bald wieder aus dem Alltag verschwunden.
Überhaupt scheint mir, dass nun wieder mehr Leute sich trauen, das Handy ans Ohr zu halten. Man wusste ja lange nicht, wie sich das mit der sogenannten "Handystrahlung" genau verhielt. Eigentlich weiß man das auch jetzt noch nicht. Aber man ist draufgekommen, dass man es vielleicht doch aushält, während eines Gesprächs mit einem Freund oder einer Freundin nicht mit dem Smartphone spielen zu können. Außerdem war das ganze Kabelzeugs dann halt doch nicht so der Bringer: Jahrzehntelang arbeitete man daran, antennenlose Schnurlostelefone zu entwickeln, um sich dann erst recht wieder Schnüre in die Telefone zu stecken. Und: Mit einem Handy am Ohr kann man glaubwürdiger so tun, als telefoniere man mit jemandem, wenn man in Wirklichkeit nur dem Gespräch mit einer unangenehmen Person in der Nähe entgehen will. Man stelle sich einmal vor, jemand stünde einfach so da und spräche in das Nichts hinein, um von einer anderen anwesenden Person nicht behelligt zu werden. Das wäre schon sehr sonderbar.
Der Mann am anderen Ende der Straße jedenfalls spricht immer noch vor sich hin. Ich habe mich dafür entschieden, dass er zu alt für ein Headset ist und also gerade nicht telefoniert. Es handelt sich um einen guten, alten Irren, einen vor sich hin brabbelnden Verrückten, einen Gestörten! Eh arm, aber ich freue mich gerade so, dass es noch tatsächlich Menschen gibt, die mit sich selbst sprechen und auch tatsächlich einen an der Waffel haben und nicht bloß irrtümlich für solche gehalten werden und man dann draufkommt, dass es sich eigentlich um Telefonierende handelt. Als die Ampel grün wird und wir beide die Straße überqueren, hat der verrückte seine zweifelhafte Natur gänzlich verloren. Ich würde ihn am liebsten in die Arme schließen und ihm danken, dass es noch solche wie ihn gibt.
In Zukunft aber werde ich wieder vor das Problem gestellt werden, mich für eine Interpretation entscheiden zu müssen, wenn ich vor sich hin sprechende Menschen sehe. Irre oder nicht? Telefonierer oder Wahnsinniger? Und ich werde mich wieder zu täuschen beginnen und Gesunde für Kranke halten oder umgekehrt. Denn schließlich, so sagte mal ein Königsberger Philosoph, richten sich die Objekte nach der Erkenntnis, und nicht die Erkenntnis nach den Objekten. Diese kopernikanische Wende habe ich nun auch für den Alltag geltend machen können. Darüber freue ich mich, denn von nun an wird meine Welt wieder von mehr Irren bevölkert werden. Und die sind so erfrischend anders!
Vor ein paar Jahren schossen nämlich diese Freisprechvorrichtungen wie die Schwammerln aus dem Boden. Plötzlich sah man überall Menschen herumspazieren, die scheinbar mit sich selbst die angeregtesten Unterhaltungen führten. Es dauerte eine Weile, bis man sich an die irr vor sich hin sprechenden Leute gewöhnt hatte, doch irgendwann hielt man das für ganz normal. Radfahrer fuhren schimpfend an einem vorbei, in Supermärkten diskutierten einkaufende Damen die letzten Entwicklungen in ihren Freundeskreisen, während sie im Kühlregal die Ablaufdaten der angebotenen Produkte prüften und an Verkehrsampeln saßen einsame Autofahrer in ihren Fahrzeugen und diskutierten, teilweise wild gestikulierend, geräuschlos mit einem unsichtbaren Gegenüber.
Dabei kamen sie sich alle wahnsinnig pragmatisch vor und hatten plötzlich Hände frei, mit denen sie nichts anzufangen wussten. Wenn, dann drückten und wischten sie ohnehin auf ihren Mobiltelefonen herum - die Freisprecheinrichtung hatte also nur den Sinn, dass man während des Telefonierens das Handy für andere Zwecke verwenden konnte. Manche trugen auch das Handy wie eine milde Gabe vor sich her, als wären sie einer der heiligen drei Könige und wollten dem Jesuskindlein zur Geburt ein iPhone schenken, um es von der Langeweile im Stall zu Bethlehem zu erlösen. Andere hielten sich das am Kopfhörerkabel befestigte Mikrofon derart umständlich vor den Mund, dass man sich darüber wunderte, ob nicht das einfache Ans-Ohr-Halten die elegantere und praktischere Lösung gewesen wäre. Die ganz wichtigen hatten ein Bluetooth-Headset und also nur einen kleinen Bügel am Ohr befestigt und wirkten damit sehr wallstreetig. Da man sich damit aber lächerlich macht, wenn man einem Bekannten ein Keksrezept ansagt, anstatt wichtige geschäftliche Dinge zu besprechen, ist das Bluetooth-Headset bald wieder aus dem Alltag verschwunden.
Überhaupt scheint mir, dass nun wieder mehr Leute sich trauen, das Handy ans Ohr zu halten. Man wusste ja lange nicht, wie sich das mit der sogenannten "Handystrahlung" genau verhielt. Eigentlich weiß man das auch jetzt noch nicht. Aber man ist draufgekommen, dass man es vielleicht doch aushält, während eines Gesprächs mit einem Freund oder einer Freundin nicht mit dem Smartphone spielen zu können. Außerdem war das ganze Kabelzeugs dann halt doch nicht so der Bringer: Jahrzehntelang arbeitete man daran, antennenlose Schnurlostelefone zu entwickeln, um sich dann erst recht wieder Schnüre in die Telefone zu stecken. Und: Mit einem Handy am Ohr kann man glaubwürdiger so tun, als telefoniere man mit jemandem, wenn man in Wirklichkeit nur dem Gespräch mit einer unangenehmen Person in der Nähe entgehen will. Man stelle sich einmal vor, jemand stünde einfach so da und spräche in das Nichts hinein, um von einer anderen anwesenden Person nicht behelligt zu werden. Das wäre schon sehr sonderbar.
Der Mann am anderen Ende der Straße jedenfalls spricht immer noch vor sich hin. Ich habe mich dafür entschieden, dass er zu alt für ein Headset ist und also gerade nicht telefoniert. Es handelt sich um einen guten, alten Irren, einen vor sich hin brabbelnden Verrückten, einen Gestörten! Eh arm, aber ich freue mich gerade so, dass es noch tatsächlich Menschen gibt, die mit sich selbst sprechen und auch tatsächlich einen an der Waffel haben und nicht bloß irrtümlich für solche gehalten werden und man dann draufkommt, dass es sich eigentlich um Telefonierende handelt. Als die Ampel grün wird und wir beide die Straße überqueren, hat der verrückte seine zweifelhafte Natur gänzlich verloren. Ich würde ihn am liebsten in die Arme schließen und ihm danken, dass es noch solche wie ihn gibt.
In Zukunft aber werde ich wieder vor das Problem gestellt werden, mich für eine Interpretation entscheiden zu müssen, wenn ich vor sich hin sprechende Menschen sehe. Irre oder nicht? Telefonierer oder Wahnsinniger? Und ich werde mich wieder zu täuschen beginnen und Gesunde für Kranke halten oder umgekehrt. Denn schließlich, so sagte mal ein Königsberger Philosoph, richten sich die Objekte nach der Erkenntnis, und nicht die Erkenntnis nach den Objekten. Diese kopernikanische Wende habe ich nun auch für den Alltag geltend machen können. Darüber freue ich mich, denn von nun an wird meine Welt wieder von mehr Irren bevölkert werden. Und die sind so erfrischend anders!
Freitag, 9. Dezember 2011
Der Wichtigtuer - ein Niedergang
Laut Egon Friedell gibt es für jede Zeit einen „Repräsentativmenschen“, einen Menschen also, der für seine Zeit typisch ist, der ihre Ideen und Konzepte verkörpert. Dabei handelt es sich nie um individuelle Menschen, sondern um einen idealen, prototypischen Charakter, der alle Absonderlichkeiten seiner Zeitgenossen in sich vereint. Zwischen 1815 und 1848 etwa gab es den Beidermeier, in den 1980ern den Yuppie und hier zeigt sich schon, dass solche Charaktere nicht nur Kinder ihrer Zeit, sondern vor allem ihrer jeweiligen Sozietät sind. So fragwürdig das Postulat eines Repräsentativmenschen auch sein mag, ist es doch unbestreitbar, dass uns genau so einer vorschwebt, wenn wir über Zeiten, Völker oder Regionen sprechen.
Jede Zeit hat ihre Geister, und so müssen wir uns fragen, welche Geister „unsere“ Zeit hervorgebracht hat. Was ist der Repräsentativmensch unserer Gegenwart und wie zeigt er sich uns? Meiner Meinung nach ist es der Wichtigtuer. Ein Mensch, der sich selbst wichtiger nimmt als nötig und im gleichen Schritt allen anderen unterstellt, sie würden selbst nicht wichtig genug sein und ihn, den Wichtigtuer, nicht wichtig genug nehmen. Zudem zeichnet sich der Wichtigtuer dadurch aus, dass er einen unbedingten Drang zum Erfolg hat. Erfolg stellt sich bei ihm nicht ein, Erfolg ist der Zweck allen Handelns und um den Erfolg zu erlangen, ist ihm jedes Mittel recht. Den Erfolg, ist er ihm einmal beschieden, braucht er nicht unbedingt, um sich darin zu sonnen (dafür besucht der Wichtigtuer Solarien oder wählt wichtige, sonnige Urlaubsdestinationen), sondern vor allem, um ihn anderen unter die Nase zu reiben. Und: Einmal erreicht, dient ihm der Erfolg zur Rechtfertigung aller seiner Schandtaten (iustificatio a posteriori).
Dass dem Wichtigtuer der Schein heilig ist und sich das Sein erst über den Schein einstellt, erkennt man an dem Heiligenschein, den er stolz durch die Welt trägt. Schuld ist er an nichts, denn um schuldig zu sein, ist er viel zu wichtig – und außerdem: Sein Erfolg gibt ihm immer Recht. Es ist ein wasserdichtes Lügenkonstrukt, das er gesellschaftliches Leben nennt, gebaut auf dem Fundament maßloser Selbstüberschätzung und Standesdünkel (Stichwort „Klassenkampf von oben“). Sein Überleben garantiert die andauernde Auseinandersetzung mit ihm durch andere. Man muss sich für ihn interessieren, sonst verliert er seinen Zweck und seine Selbsterfindungsmaschine läuft leer. Um interessant zu bleiben, tut er so ziemlich alles. Sollte dabei etwas schief gehen, nennt er sein Unternehmen „vorerst gescheitert“.
Damit ist auch schon ein Exemplar dieses Typus benannt: Karl-Theodor zu (!) Guttenberg, und das am besten noch mit „Freiherr“ vorne dran, wenn ihm schon der Doktor abhanden gekommen ist. Seine mediale Selbstinszenierung bis zum Dissertations-Eklat war geprägt von ganz offen zur Schau getragenen Narzissmus und trotzdem gelang es ihm, die Mehrheit der Deutschen davon zu überzeugen, dass er anders wäre als die anderen Politiker. Jung und erfolgreich: Dieses Begriffspaar dient am besten zur Beschreibung der sozialen Wahrnehmung eines Wichtigtuers. Dass ein Teil dieses Erfolgs Guttenberg mit dem adeligen Erbe in die Wiege gelegt wurde, dafür kann er nichts. Dafür aber, dass ein anderer Teil seines Erfolgs (der Doktortitel) ihm zu unrecht zukam, kann er sehrwohl etwas. Doch das will er nicht einsehen. Der Rest seines Erfolgs bleibt ein scheinbarer, denn über seine Errungenschaften während seiner politischen Hochzeit, ist man sich nach wie vor im Unklaren.
Da hat es sein österreichisches Pendant schon etwas leichter. Denn er wird immer noch von vielen als der „beste Finanzminister der Zweiten Republik“ bezeichnet. Das muss Karl-Heinz Grasser jedoch damit büßen, dass er ein bisschen tiefer im Schlamassel steckt als Guttenberg. Seine ekelhafte Fönfrisur blieb bisher nur deshalb von dem Dreck, in dem er steckt, unbehelligt, weil er es nach wie vor ganz gut versteht, sich selbst am Schopfe wieder rauszuziehen. Ansonsten nimmt auch er sich wichtiger als er eigentlich ist. Peinliches Zeugnis war sein TV-Auftritt, in dem er, der Obernarziß, schamlos aus einem Fanbrief zitierte, wo doch tatsächlich sinngemäß drinnen stand, dass er zu schön, zu gut und zu erfolgreich für die österreichische Neidgesellschaft sei. Dass sich solche Gedanken in den Köpfen mancher Bürger finden lassen, überrascht nicht. Dass aber Grasser selbstverliebt genug ist, einen solchen Brief der Öffentlichkeit vorzulesen, macht fassungslos. Auch er eine Existenz ohne Essenz, ein Typus mehr als ein Charakter, eigentlich eine traurige Schaubudenfigur in einem Stück, das hoffentlich bald niemanden mehr interessiert...
Doch Wichtigtuer lassen sich nicht nur in der Politik finden (andere Beispiele sind natürlich Gadaffi, Berlusconi, Putin, Chavez, Castro, Ahmadinedschad). Auch gibt es volksnähere Wichtigtuer für die sogenannte Unterschicht, die im Populärkulturbetrieb. Dazu zählen nicht nur gefühlt alle deutschen Rapper, sondern vor allem auch Dieter Bohlen. Dem gibt der Erfolg nämlich auch überhaupt nicht recht. Er mag vielleicht etwas von Popmusik verstehen (tut er das wirklich?), aber rechtfertigt das sein Benehmen, seine Dauerpräsenz, seine Sendungen und das, was er darin macht? Überdies verkörpert Dieter Bohlen eine Seite des deutschen massentauglichen Wichtigtuertums, die sich mit den Requisiten La-Martina-Hemd, Dummchen mit Hündchen als Freundin, Lieblingsdomizil Mallorca und Jet-Set-Koketterie als redundant, fast schon gestrig wirkend ausnimmt. Womöglich handelt es sich bei Bohlen um einen der letzten seiner Art, um die Krone der Schöpfung im Reich der Bobo-Popstars.
Überhaupt scheint mir die Ära des Wichtigtuers bald zu Ende zu gehen. Mit dem Erwachen der Krisengesellschaft und dem allgemeinen und wiedererstarkten Misstrauen in die fachlichen Fähigkeiten von Politikern wird auch der Wichtigtuer zunehmend kritischer beäugt. Man nimmt ihm seinen Schmäh nicht mehr ab bzw. vermutet man hinter seiner lästigen Selbstdarstellung immer öfter einen psychischen Defekt (Kompensationsverhalten) und hält Leute wie ihn für die eigentliche Wurzel allen gesellschaftlichen Übels. Die verzweifelte Reaktion des Wichtigtuers ob dieser fortschreitenden gesellschaftlichen Marginalisierung, die sein Typus erfährt, ist das Burn-Out. Hier hängt er wie Jesus am Kreuz und schluchzt Mitleid heischend in die Welt hinaus, wie schlecht es ihm doch ginge, dass auch er Opfer des Systems sei und nun, unverdientermaßen krank geworden, sein Joch nicht mehr zu tragen fähig ist. Man möge ihn durch Beachtung erlösen oder ihm zumindest eine entsprechende Abfindung zahlen, damit er sich aus dem Staub machen und endlich in der Versenkung verschwinden kann, um dann ein paar Jahre später wieder in einer Fernsehsendung nach dem Motto „Was wurde eigentlich aus...“ wieder aufzutauchen und entschuldigend in die Kamera grinsen zu können – im Privatfernsehen versteht sich, denn das ist sein angestammtes Soziotop. Das Dschungelcamp gibt es ja leider nicht mehr, aber bis dahin wird sich schon etwas anderes (er)finden lassen.
Ein Licht am Ende des Tunnels möchte ich den gerade erst begonnenen Niedergang des Wichtigtuers nicht nennen. Aber dennoch bietet sich eine Chance für einen Neubeginn im Sinne einer Reinterpretation dieser Figur. Wichtigtuer hat es nämlich auch vorher schon gegeben. Da war zum Beispiel jene Generation, die den Krieg überlebt und aus seinen Folgen gelernt hat. Eine Generation, die sich in Demut geübt und, davon ausgehend, das Sich-wichtig-Machen als „rhetorischen Lebensentwurf“ dazu nützte, um tatsächlich auch wichtig zu sein. Der Unterschied zu der heutigen Generation von Wichtigtuern ist neben der erwähnten Gründung in Demut das intellektuelle Kapital, das diese Wichtigtuer hatten. Sie nahmen sich wichtig und die Leute waren dankbar dafür. Sie nahmen sich wichtig und durften es auch, weil sie das nötige Rüstzeug dafür mitbrachten: Intelligenz, Denkbereitschaft, Umsicht und Geschichtsbewusstsein. Außerdem waren sie nicht bildungsfern, ganz im Gegenteil möchte man sie fast gelehrt nennen (auch in dieser Hinsicht ist Guttenbergs Doktorarbeits-Skandal mehr als nur ein akademisches Sandkastengeplänkel). Wenn Hemlut Schmidt einmal das Zeitliche segnet, wird vielleicht der letzte dieser Generation gegangen sein.
Dass der Wichtigtuer Repräsentativmensch unserer Zeit ist, mag unserer Gesellschaft kein gutes Zeugnis ausstellen. Aber es lässt zumindest Raum für Ärger und Unmut über Inkompetenz an falschen Orten. (Damit meine ich jetzt nicht die occupy-Bewegung, deren Feindbild ein Konglomerat aus höchst diffusen und allgemeinen Konzepten ist.) Es lässt Zeit, wieder Demut zu lernen und dabei bleibt zu hoffen, dass es diesmal keinen Krieg dazu braucht - obwohl die Verliebtheit der westlichen Gesellschaft in apokalyptische Szenarien dies nahe leg:. Was früher die Angst vor einem Krieg war, ist heute die Angst vor Umweltkatastrophen und/oder Seuchen a la EHEC, Vogel-, Schweine- und sonstigen Grippen, HIV etc. oder die Angst vor dem „Umsturz der Verhältnisse“ (Kleist) in Form von irgendwelchen Systemkrisen. Vielleicht entdeckt die nächste Generation, dass Kompetenz nicht immer nur „Inkompetenzkompensationskompetenz“ (Odo Marquard) sein kann. Und vielleicht tun wir uns dann auch wieder leichter damit, Anerkennung denjenigen zukommen zu lassen, denen Anerkennung gebührt (was uns momentan ja noch durch die Mechanismen der sogenannten „Neidgesellschaft“ großteils verwehrt bleiben muss) und vor allem im Gegenzug jenen Anerkennung zu verwehren, denen sie nicht gebührt.
Das Beklatschen und Verhätscheln von nicht Beklatschens- und Verhätschelnswerten ist im übrigen nicht unwesentlich der political correctness geschuldet, von der sich zu verabschieden das Programm einer „neuen“ Aufklärung sein muss. Die denkbehindernde und denkverhindernde Wirkung der political correctness ist mit den repressiven Gedankenkonstrukten eines religiösen Fundamentalismus vergleichbar. Die Wichtigtuer haben die Spielregeln der PC gekonnt genutzt und ausgenutzt, und zwar solange, bis sie selbst zu politisch korrekten Heiligenfiguren wurden und sich damit jeglicher Kritik entzogen haben. Der langsame aber stetige Niedergang dieser Heiligenverehrung ist die Götzendämmerung unserer Zeit. Die Aufhebung von Denkverboten bedeutet jene Freiheit, die wir einmal gemeint haben, da wir das Wort „Freiheit“ zum ersten Mal in den Mund nahmen. Doch sie fiel dem Misstrauen gegenüber bzw. der Angst vor der selbstregulativen Funktion des Denkens, dass alles denkbar sein muss und sich das am besten Denkbare durchsetzen wird (= Rational-Darwinismus), zum Opfer.
Dem Wichtigtuer weinen wir keine Träne nach, denn wir erkennen, dass wir uns geirrt haben. Und Irren ist nicht nur menschlich, weil es der Mensch tut, sondern vor allem weil es die conditio humana selbst ist (Goethe). Erst aber das Erkennen des Irrtums ist das wahre Denken und erst das Eingestehen des Irrtums ist wahre Demut. Deswegen kann Karl-Theodor zu Guttenberg nicht eingestehen: weil ihm als Wichtigtuer die Demut fehlt.
Sonntag, 6. November 2011
Wenn es "wildelt"
Am Abend gab es Hirsch. Der Koch wurde gelobt, weil der Hirsch nicht "gewildelt" hat. Das habe nichts mit dem Kochen zu tun, so der bescheidene Koch abwehrend, sondern damit, wann der Hirsch geschossen wurde. Brünftige Hirschen "wildeln" mehr. "Aha, jaja", machen die Gäste. Von wem er den Hirsch habe, und ob der gewildert wäre, fragt man den Koch scherzhaft. Ich sage, dass es gewildert wohl besser schmecke als gejagt. Der Koch und die Gäste lachen. Das müsse ich als Schmittinger wohl am besten wissen, sagt mir mein Gegenüber augenzwinkernd.
Der Dessertwein ist gut. Ein Kracher, sagt man mir. Ich finde, das ist übertrieben. Dann eröffnet sich mir, dass damit das Weingut gemeint ist. Weingut Kracher, Illmitz, Burgenland. "Achso!", mache ich in mich selbst hinein und amüsiere mich über meine diesbezügliche Ahnungslosigkeit. Der Kracher sei schon gestorben, heißt es - leider. Aber der Wein schmeckt immer noch ausgezeichnet. Weltruhm habe er mit dem Süßwein erlangt.
Den Grappa lassen wir Jungen aus. Stattdessen trinken wir Vodka lemon. So jung, so dynamisch. Mit Red Bull könne ich es nicht mehr trinken, meine ich. Da schlafe ich schlecht. Mein Gegenüber überrascht mich mit der Aussage, dass er gern Red Bull trinke. Er sagt "ein Red Bull" und das, obwohl er damit nicht aufgewachsen ist, so wie ich. Ältere Leute sagen ja oft "einen Red Bull", weil der Bulle ja männlich ist. Dieser ältere Herr überrascht mich also doppelt. Ich sage, ich würde das "nicht mehr" erleiden und trinke es eigentlich nur noch beim Autofahren. Das lange Ennstal, jaja. Schrecklich alt komme ich mir jetzt vor, weil ich kein Red Bull mehr erleide, - mein Gegenüber aber sehrwohl und auch seine Frau trinke es gern, wie sie mir versichert.
Die Gastgeberin erzählt, wie sie den Koch kennengelernt hat. Also eigentlich ihren Mann, der für diesen Abend der Koch ist. Beide waren sie Schilehrer damals. Sie eine Anwärterin, er schon ein gestandener Schilehrer. Eingestaubt habe er sie alle und lässig dagestanden sei er. Seinen Kollegen, der die Ausbildung geleitet hat, habe er gefragt, was für Hasen dieser heute parat hätte. Unsympathisch sei das gewesen. Aber später habe er ihr einmal geholfen, als sie mit den Kindern beim Schlepplift war und alle Hände voll zu tun hatte. Das habe der Kollege nicht gemacht, der sei nur dagestanden und habe gegrinst. Es zahlt sich also doch aus, wenn man einmal nett auch ist und nicht nur lässig dasteht. Später haben sie sich dann auf einer Schihütte wieder getroffen. Beim gemeinsamen Runterfahren, sagt der Koch, habe er dann gewusst, dass er sie jetzt habe. "Die hab ich", hat er sich gedacht. Alle lachen, weil es eine schöne Geschichte ist und sie so schön erzählt wurde.
Beim Dessert habe ich dann Dessertwein, Kaffe und Vodka lemon vor mir stehen. Aber auch diese Kombination schmeckt gut. Man muss es ja im Mund nicht mischen. Und im Magen kommt ja bekanntlich eh alles zusammen. Die Jugend meint, dass früher alles besser gewesen sei. Wir (also die Vodka-lemon trinkende Jugend) klingen neidig, weil die Älteren so tolle Geschichten erzählen. Es klingt alles so heimelig und spannend zugleich. Ganze Gruppen von Schihaserln seien da immer gekommen, aus Schweden, Holland und Dänemark. Fesch! Heute kommen ja nur mehr die dicken Engländerinnen - was haben wir es schlecht! Nein nein, früher sei auch nicht alles so rosig gewesen, versichert man uns. Man erinnere sich halt nur an die schönen und lustigen Sachen. Dass aber früher alle rauschig Auto gefahren sind, das stimme schon. Und beim Schifahren habe keiner einen Helm getragen. Heutzutage geht das ja nicht mehr. Die Technologie! Alles schneller, viel mehr Leute. Und rücksichtslos sind die! Deswegen gehe ich immer nur in der Früh, sage ich. Ja, da sei es auch am schönsten, bestätigt man mich.
Diese Gegend ist voller unhingehbarer Wahrheiten, denke ich mir. Das ist gut, aber auch schlecht. Einerseits ist das irrsinnig konservativ. Wobei, wenn hier etwas konserviert wird, kann das ja so schlecht auch nicht sein. Andererseits nimmt auch keiner die Wahrheiten so wahnsinnig ernst. Der Witz stirbt zuletzt und wer zuletzt lacht, der muss ein Schnapserl mehr trinken.
Dumm ist auch, wenn man sagt, etwas sei gut, aber auch schlecht. Mein Vater erzählt mir öfter, dass ich als kleiner Bub beim Spazierengehen einmal einen Kuhfladen nachdenklich betrachtet habe. Anscheinend habe ich dann gesagt, dass es schon interessant sei, dass überall, wo etwas Schlechtes ist, auch etwas Gutes sei. Mein Vater hat sich über mich gewundert. Ich habe mich über die Fliegen gewundert, die die Kuhscheiße so interessant fanden. Gut, aber auch schlecht. Was denn nun? Ich weiß es bis heute nicht. Und will mich auch nicht entscheiden. Wie sagt man hier? Es hilft eh nix. Oder: wenn's nicht hilft, schadet es auch nix. So wie Topfenwickel oder Essigpatscherl.
Der Dessertwein ist gut. Ein Kracher, sagt man mir. Ich finde, das ist übertrieben. Dann eröffnet sich mir, dass damit das Weingut gemeint ist. Weingut Kracher, Illmitz, Burgenland. "Achso!", mache ich in mich selbst hinein und amüsiere mich über meine diesbezügliche Ahnungslosigkeit. Der Kracher sei schon gestorben, heißt es - leider. Aber der Wein schmeckt immer noch ausgezeichnet. Weltruhm habe er mit dem Süßwein erlangt.
Den Grappa lassen wir Jungen aus. Stattdessen trinken wir Vodka lemon. So jung, so dynamisch. Mit Red Bull könne ich es nicht mehr trinken, meine ich. Da schlafe ich schlecht. Mein Gegenüber überrascht mich mit der Aussage, dass er gern Red Bull trinke. Er sagt "ein Red Bull" und das, obwohl er damit nicht aufgewachsen ist, so wie ich. Ältere Leute sagen ja oft "einen Red Bull", weil der Bulle ja männlich ist. Dieser ältere Herr überrascht mich also doppelt. Ich sage, ich würde das "nicht mehr" erleiden und trinke es eigentlich nur noch beim Autofahren. Das lange Ennstal, jaja. Schrecklich alt komme ich mir jetzt vor, weil ich kein Red Bull mehr erleide, - mein Gegenüber aber sehrwohl und auch seine Frau trinke es gern, wie sie mir versichert.
Die Gastgeberin erzählt, wie sie den Koch kennengelernt hat. Also eigentlich ihren Mann, der für diesen Abend der Koch ist. Beide waren sie Schilehrer damals. Sie eine Anwärterin, er schon ein gestandener Schilehrer. Eingestaubt habe er sie alle und lässig dagestanden sei er. Seinen Kollegen, der die Ausbildung geleitet hat, habe er gefragt, was für Hasen dieser heute parat hätte. Unsympathisch sei das gewesen. Aber später habe er ihr einmal geholfen, als sie mit den Kindern beim Schlepplift war und alle Hände voll zu tun hatte. Das habe der Kollege nicht gemacht, der sei nur dagestanden und habe gegrinst. Es zahlt sich also doch aus, wenn man einmal nett auch ist und nicht nur lässig dasteht. Später haben sie sich dann auf einer Schihütte wieder getroffen. Beim gemeinsamen Runterfahren, sagt der Koch, habe er dann gewusst, dass er sie jetzt habe. "Die hab ich", hat er sich gedacht. Alle lachen, weil es eine schöne Geschichte ist und sie so schön erzählt wurde.
Beim Dessert habe ich dann Dessertwein, Kaffe und Vodka lemon vor mir stehen. Aber auch diese Kombination schmeckt gut. Man muss es ja im Mund nicht mischen. Und im Magen kommt ja bekanntlich eh alles zusammen. Die Jugend meint, dass früher alles besser gewesen sei. Wir (also die Vodka-lemon trinkende Jugend) klingen neidig, weil die Älteren so tolle Geschichten erzählen. Es klingt alles so heimelig und spannend zugleich. Ganze Gruppen von Schihaserln seien da immer gekommen, aus Schweden, Holland und Dänemark. Fesch! Heute kommen ja nur mehr die dicken Engländerinnen - was haben wir es schlecht! Nein nein, früher sei auch nicht alles so rosig gewesen, versichert man uns. Man erinnere sich halt nur an die schönen und lustigen Sachen. Dass aber früher alle rauschig Auto gefahren sind, das stimme schon. Und beim Schifahren habe keiner einen Helm getragen. Heutzutage geht das ja nicht mehr. Die Technologie! Alles schneller, viel mehr Leute. Und rücksichtslos sind die! Deswegen gehe ich immer nur in der Früh, sage ich. Ja, da sei es auch am schönsten, bestätigt man mich.
Diese Gegend ist voller unhingehbarer Wahrheiten, denke ich mir. Das ist gut, aber auch schlecht. Einerseits ist das irrsinnig konservativ. Wobei, wenn hier etwas konserviert wird, kann das ja so schlecht auch nicht sein. Andererseits nimmt auch keiner die Wahrheiten so wahnsinnig ernst. Der Witz stirbt zuletzt und wer zuletzt lacht, der muss ein Schnapserl mehr trinken.
Dumm ist auch, wenn man sagt, etwas sei gut, aber auch schlecht. Mein Vater erzählt mir öfter, dass ich als kleiner Bub beim Spazierengehen einmal einen Kuhfladen nachdenklich betrachtet habe. Anscheinend habe ich dann gesagt, dass es schon interessant sei, dass überall, wo etwas Schlechtes ist, auch etwas Gutes sei. Mein Vater hat sich über mich gewundert. Ich habe mich über die Fliegen gewundert, die die Kuhscheiße so interessant fanden. Gut, aber auch schlecht. Was denn nun? Ich weiß es bis heute nicht. Und will mich auch nicht entscheiden. Wie sagt man hier? Es hilft eh nix. Oder: wenn's nicht hilft, schadet es auch nix. So wie Topfenwickel oder Essigpatscherl.
Montag, 31. Oktober 2011
Der Berg als Stein des Anstoßes
Letztens wurde in einem Seminar diskutiert, warum Menschen auf Berge steigen. Mit allen möglichen Antworten kamen da die Seminaristen daher, die einen mehr, die anderen weniger überzeugend. Gewiss kann man hier viele Motive geltend machen, mir aber schien just Francesco Petrarcas (1304-1374) "Brief an Francesco Dionigi di Borgo San Sepolcro in Paris" den treffendsten Beweggrund zu nennen. Er sei, so schreibt Petrarca, den Mont Ventoux hinaufgestiegen, nicht nur um die "ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch Augenschein kennenzulernen", sondern vor allem weil der Berg ihm "fast immer vor Augen" steht. Seit seiner Kindheit sei er ihm im Weg gewesen...
An Österreich und der Schweiz merkt man, wie Bewohner eines gebirgigen Landes mit jenen Erhebungen umgehen, die sie von jeher eingrenzen: Sie steigen drüber hinweg oder graben durch sie hindurch. Das reine Hinaufsteigen des Schnapserls wegen, das man beim Gipfelkreuz trinkt, ist eine Nebenerscheinung, die freilich heutzutage als das populärere Motiv gelten mag. Aber im Grunde will man die "Scheißberg" aus dem Weg haben. Zumindest kurzfristig. Nach dem Be- und Übersteigen kann man ja ohnehin wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren und sich wohlig eingesperrt fühlen. Das Bewusstsein aber, dass man schon oben und drüber hinweg war, das bleibt und beruhigt ein wenig.
Etwas wenigstens einmal getan zu haben, damit das Gewissen eine Ruh' gibt: Das ist der Keim des menschlichen Fortschritts. 90% der Menschen machen 90% der Sachen, die sie einmal ausprobieren, sowieso nie wieder. Andere verlieren sich hoffnungslos in der Sucht nach der Tätigkeit, die sie für sich entdeckt haben und gehen vielleicht sogar daran zu Grunde. Nicht selten ist der Stein des Anstoßes eine simple Störung bzw. ein Gestört-Sein-von-etwas, das zu einer Ausgleichshandlung führt, die dem Handelnden nicht selten einige Mühe kostet. Irgendwo mischt sich da noch Ehrgeiz dazu, irgendwo ein sportlicher Gedanke (was ist das überhaupt?) und schon hat man ein Projekt, das es zu bearbeiten und abzuschließen gilt. Und bevor man das nicht gemacht hat - oder gründlich daran gescheitert ist - gibt es nichts Anderes oder Wichtigeres.
Petrarca hat mit Mühen den Gipfel erklommen und hat sich dann selbst daran erinnert, dass er lieber wieder heimgehen und den Augustinus lesen sollte, er sich nicht mit den rein äußerlichen Dingen beschäftigen, sondern das Auge lieber auf die geistigen Gebirge richten sollte. Dass ihm aber der Ausblick gefallen hat, muss er dennoch - fast schon beschämt - zugeben. So erinnert mich der italienische Literat irgendwie an meinen letzten Berggang, und dass ich, nachdem ich endlich oben war, es doch ein bisschen genießen konnte, obwohl ich zuerst nur hinaufsteigen wollte, um zu erkennen, dass sie nicht alle gänzlich unüberwindbar sind, die Berge.
Ich frage mich nur, wie oft die Bergmenschen auf die Berge hinaufrennen mussten, bis sie kapiert haben, dass das, was man da oben sieht, nicht nur betrachtenswert, sondern eben auch bestaunenswert ist. Denn die Anschauungsweise eines Georg Simmel war wohl nicht von Anfang an kulturelles Gemeingut (nicht nur, weil sie sich aus der Differenz zwischen alpinen und nicht-alpinen Raum-Erleben speist).
Jedenfalls sollte man beim nächsten Berggang auch einmal versuchen, das Gefühl einzufangen, das man abseits des Wohlgefallens an der Gegend und dem befriedigten Ehrgeiz verspürt: Jenes nämlich, dass man den "Scheißberg" endlich aus dem Weg hat.
An Österreich und der Schweiz merkt man, wie Bewohner eines gebirgigen Landes mit jenen Erhebungen umgehen, die sie von jeher eingrenzen: Sie steigen drüber hinweg oder graben durch sie hindurch. Das reine Hinaufsteigen des Schnapserls wegen, das man beim Gipfelkreuz trinkt, ist eine Nebenerscheinung, die freilich heutzutage als das populärere Motiv gelten mag. Aber im Grunde will man die "Scheißberg" aus dem Weg haben. Zumindest kurzfristig. Nach dem Be- und Übersteigen kann man ja ohnehin wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren und sich wohlig eingesperrt fühlen. Das Bewusstsein aber, dass man schon oben und drüber hinweg war, das bleibt und beruhigt ein wenig.
Etwas wenigstens einmal getan zu haben, damit das Gewissen eine Ruh' gibt: Das ist der Keim des menschlichen Fortschritts. 90% der Menschen machen 90% der Sachen, die sie einmal ausprobieren, sowieso nie wieder. Andere verlieren sich hoffnungslos in der Sucht nach der Tätigkeit, die sie für sich entdeckt haben und gehen vielleicht sogar daran zu Grunde. Nicht selten ist der Stein des Anstoßes eine simple Störung bzw. ein Gestört-Sein-von-etwas, das zu einer Ausgleichshandlung führt, die dem Handelnden nicht selten einige Mühe kostet. Irgendwo mischt sich da noch Ehrgeiz dazu, irgendwo ein sportlicher Gedanke (was ist das überhaupt?) und schon hat man ein Projekt, das es zu bearbeiten und abzuschließen gilt. Und bevor man das nicht gemacht hat - oder gründlich daran gescheitert ist - gibt es nichts Anderes oder Wichtigeres.
Petrarca hat mit Mühen den Gipfel erklommen und hat sich dann selbst daran erinnert, dass er lieber wieder heimgehen und den Augustinus lesen sollte, er sich nicht mit den rein äußerlichen Dingen beschäftigen, sondern das Auge lieber auf die geistigen Gebirge richten sollte. Dass ihm aber der Ausblick gefallen hat, muss er dennoch - fast schon beschämt - zugeben. So erinnert mich der italienische Literat irgendwie an meinen letzten Berggang, und dass ich, nachdem ich endlich oben war, es doch ein bisschen genießen konnte, obwohl ich zuerst nur hinaufsteigen wollte, um zu erkennen, dass sie nicht alle gänzlich unüberwindbar sind, die Berge.
Ich frage mich nur, wie oft die Bergmenschen auf die Berge hinaufrennen mussten, bis sie kapiert haben, dass das, was man da oben sieht, nicht nur betrachtenswert, sondern eben auch bestaunenswert ist. Denn die Anschauungsweise eines Georg Simmel war wohl nicht von Anfang an kulturelles Gemeingut (nicht nur, weil sie sich aus der Differenz zwischen alpinen und nicht-alpinen Raum-Erleben speist).
Jedenfalls sollte man beim nächsten Berggang auch einmal versuchen, das Gefühl einzufangen, das man abseits des Wohlgefallens an der Gegend und dem befriedigten Ehrgeiz verspürt: Jenes nämlich, dass man den "Scheißberg" endlich aus dem Weg hat.
Dienstag, 11. Oktober 2011
Über das Wetter
"Komisch warm" sei es heute gewesen, so die Leute. Ich kann da nur zustimmen, wenn mir auch im Bezug auf das Wetter der Humor immer ein wenig unterbeleuchtet vorkommt. Überhaupt kennen die Leute beim Wetter wenig Spaß. Wollte einer einmal das allgemeine Phänomen der Unzufriedenheit erklären, er müsste untersuchen, ob sein Ursprung nicht im Wetter - besser gesagt im Reden über das Wetter - zu finden ist.
Freud und Leid hängen ja immer sehr eng mit dem zusammen, was eintrifft, vor der Folie dessen, was man sich erwartet hat. Bei meteorologischen Phänomenen kommt hinzu, dass die bescheidene Prognostizierbarkeit uns das Gefühl gibt, das Wetter missverhalte sich, wenn es nicht so wird wie vorhergesagt. Das ist dann ein "blödes Wetter", eines nämlich, das man nicht einschätzen kann. Über ein solches regt man sich auf, denn es macht einem die Kleidungswahl oder die Entscheidung, ob man einen Schirm mitnehmen soll oder nicht, schwer - im extremen Fall unmöglich. (Dass es kein schlechtes Wetter gebe, sondern nur schlechte Kleidung, das ist eine allzu deutsche Weisheit, deren praktische Unbrauchbarkeit bei aller schlaumeierischer, nach außen getragener Breitbrüstigkeit wir in solchen Situationen gleich erkennen.)
Wir mögen es auch nicht sonderlich, wenn sich das Wetter nicht entscheiden kann. Wenn es uns früh morgens noch Sonnenschein verspricht, es sich dann zu Mittag anders überlegt und uns einen fröhlichen Platzregen beschert, nur um danach wieder Hoffnungen zu wecken, dass es "doch noch besser" werde. Dann aber keimt Wind auf und es bleibt bedeckt, vielleicht regnet es noch ein, zwei Mal. Hach, das regt einen auf!
Gerne machen wir uns die Vorstellung von einem saisonalen Wetterverlauf, demgemäß es im Winter kalt und im Sommer gefälligst warm zu sein hat. Die Übergangsperioden dazwischen nehmen wir einfach so hin, manchen Phänomenen geben wir eigene Namen. "Aprilwetter" zum Beispiel (aber wehe, wenn das schon im März eintritt oder gar erst im Mai!) oder "Altweibersommer". Gibt es dann Schnee im Juli oder fängt selbiger im Februar schon an zu schmelzen, dann "spielt das Wetter verrückt". Gott sei Dank gibt es jetzt den Klimawandel, der uns einander apokalyptisch zunickend sagen lässt "Jaja, die Zeiten ändern sich!"
Warum aber war es heute "komisch warm"? Es hatte doch vor etwas weniger als einer Woche noch ein äußerst warmes Herbstwetter, mit welchem verglichen es heute wahrscheinlich "etwas kühler" gewesen wäre. Nur war da der Kälteeinbruch, ein Temperatursturz von mehreren Graden Celsius, der uns hoffen machte, dass nun der Herbst richtig beginne. Dass die "kalte Jahreszeit" anbrechen würde - mit Wind, Regen und herumwirbelnden Blättern. Jetzt hat es sich das Wetter also doch wieder anders überlegt? Oder war das nur ein kurzer Jux, ein schlechter Schmäh, eine Finte, die uns auf die falsche meteorologische Fährte führen sollte?
Um diese Frage zu beantworten, muss man ironischerweise wieder einmal den Wetterbericht konsultieren. Jene allgemeine Dienstvorschrift für das Wetter also, der wir prinzipiell nicht trauen, von der aber immer alles abhängt: Entweder das Wetter verhält sich nicht entsprechend (es ist wärmer/schöner als gedacht), oder die Meteorologen sind Lügner (es ist kälter/schlechter als gedacht). Weil sich also hier die Katze wieder in den Schwanz und der Wetterfühlige in den Arsch beißt, möchte ich hier die Empfehlung abgeben, sich mit dem Wetter im Diskurs gar nicht mehr auseinanderzusetzen. Dabei üben wir nämlich bloß das Belegen von uns unerklärlichen Situationen mit unpassenden Adjektiven und grämen uns über Dinge, die keinen Gram - ein edles, allzu menschliches und deshalb schützenswertes Gefühl - wert sind. Kant hat nämlich, so viel ich weiß, nicht viel über das Wetter zu sagen. Das allein soll uns schon ein gewisser Hinweis sein...
---
Freuen würde ich mich, fände irgendwer ein Kant-Zitat zum Thema Wetter!
Freud und Leid hängen ja immer sehr eng mit dem zusammen, was eintrifft, vor der Folie dessen, was man sich erwartet hat. Bei meteorologischen Phänomenen kommt hinzu, dass die bescheidene Prognostizierbarkeit uns das Gefühl gibt, das Wetter missverhalte sich, wenn es nicht so wird wie vorhergesagt. Das ist dann ein "blödes Wetter", eines nämlich, das man nicht einschätzen kann. Über ein solches regt man sich auf, denn es macht einem die Kleidungswahl oder die Entscheidung, ob man einen Schirm mitnehmen soll oder nicht, schwer - im extremen Fall unmöglich. (Dass es kein schlechtes Wetter gebe, sondern nur schlechte Kleidung, das ist eine allzu deutsche Weisheit, deren praktische Unbrauchbarkeit bei aller schlaumeierischer, nach außen getragener Breitbrüstigkeit wir in solchen Situationen gleich erkennen.)
Wir mögen es auch nicht sonderlich, wenn sich das Wetter nicht entscheiden kann. Wenn es uns früh morgens noch Sonnenschein verspricht, es sich dann zu Mittag anders überlegt und uns einen fröhlichen Platzregen beschert, nur um danach wieder Hoffnungen zu wecken, dass es "doch noch besser" werde. Dann aber keimt Wind auf und es bleibt bedeckt, vielleicht regnet es noch ein, zwei Mal. Hach, das regt einen auf!
Gerne machen wir uns die Vorstellung von einem saisonalen Wetterverlauf, demgemäß es im Winter kalt und im Sommer gefälligst warm zu sein hat. Die Übergangsperioden dazwischen nehmen wir einfach so hin, manchen Phänomenen geben wir eigene Namen. "Aprilwetter" zum Beispiel (aber wehe, wenn das schon im März eintritt oder gar erst im Mai!) oder "Altweibersommer". Gibt es dann Schnee im Juli oder fängt selbiger im Februar schon an zu schmelzen, dann "spielt das Wetter verrückt". Gott sei Dank gibt es jetzt den Klimawandel, der uns einander apokalyptisch zunickend sagen lässt "Jaja, die Zeiten ändern sich!"
Warum aber war es heute "komisch warm"? Es hatte doch vor etwas weniger als einer Woche noch ein äußerst warmes Herbstwetter, mit welchem verglichen es heute wahrscheinlich "etwas kühler" gewesen wäre. Nur war da der Kälteeinbruch, ein Temperatursturz von mehreren Graden Celsius, der uns hoffen machte, dass nun der Herbst richtig beginne. Dass die "kalte Jahreszeit" anbrechen würde - mit Wind, Regen und herumwirbelnden Blättern. Jetzt hat es sich das Wetter also doch wieder anders überlegt? Oder war das nur ein kurzer Jux, ein schlechter Schmäh, eine Finte, die uns auf die falsche meteorologische Fährte führen sollte?
Um diese Frage zu beantworten, muss man ironischerweise wieder einmal den Wetterbericht konsultieren. Jene allgemeine Dienstvorschrift für das Wetter also, der wir prinzipiell nicht trauen, von der aber immer alles abhängt: Entweder das Wetter verhält sich nicht entsprechend (es ist wärmer/schöner als gedacht), oder die Meteorologen sind Lügner (es ist kälter/schlechter als gedacht). Weil sich also hier die Katze wieder in den Schwanz und der Wetterfühlige in den Arsch beißt, möchte ich hier die Empfehlung abgeben, sich mit dem Wetter im Diskurs gar nicht mehr auseinanderzusetzen. Dabei üben wir nämlich bloß das Belegen von uns unerklärlichen Situationen mit unpassenden Adjektiven und grämen uns über Dinge, die keinen Gram - ein edles, allzu menschliches und deshalb schützenswertes Gefühl - wert sind. Kant hat nämlich, so viel ich weiß, nicht viel über das Wetter zu sagen. Das allein soll uns schon ein gewisser Hinweis sein...
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Freuen würde ich mich, fände irgendwer ein Kant-Zitat zum Thema Wetter!
Dienstag, 4. Oktober 2011
Heimkehr: Ein Berggang
Den unendlichen Weiten des amerikanischen Landesinneren entrissen, sitze ich im schönen Schmittental nahe des Zeller Sees am Balkon und starre auf die Berge. Unüberwindbar kommen sie mir vor, unglaublich grün, fast schon pervers bewaldet und irgendwie hinterlistig. Der Volksmund sagt ja, Bergmenschen würden sich oft eingesperrt fühlen und deshalb besonders gerne auf die Berge hinaufwandern, um diesen Gefühl wenigstens kurzfristig zu entfliehen; oder sie würden sich des Einsperrt-Seins wegen „wegtun“. Letzteres soll heißen: Aufgrund der wenigen Sonnenstunden in manchen Innergebirgstälern und des psychologischen Gefühls der Bedrängnis würde in den Bergmenschen oft ein suizidaler Drang entstehen. Selbst wenn das so wäre: Heutzutage fahren solariumgebräunte Menschen aus sogenannten Selbstmördertälern in schnellen Sportwagen hinaus ins Salzburgische oder Münchnerische und zelebrieren dort das heitere Leben. Umbringen tun sie sich dabei höchstens beim Zu-schnell-um-die-Kurve-Fahren: zu viel Schampus, zu viel Koks. Aber herrje, das soll sogar höchstrangigen Politikern passieren, und das alles hat mit Trübsinn und hohen Bergen nur ganz wenig zu tun...
Je länger ich auf die Berge schaue und je länger ich über die Bergmenschen nachdenke, desto mehr möchte ich auf einen dieser Berge wenigstens ein bisschen hinaufwandern. Es ist einen ja doch ins Blut „geschrieben“, dass ein Berg zum Hinaufgehen da ist und zum Von-oben-Herunterschauen. Flink habe ich meine Turnschuhe angezogen, die mir schon bei meiner Wanderung im Metnitztal gute Dienste erwiesen haben, und wähle eine unpopuläre Route auf die Sonnenalm, einem Forstweg im entlegensten Graben folgend, wo es abwechselnd nach Schnittholz und Forstmaschinen riecht.
Ich quäle mich durch den Wald den Berg hinauf, bleibe stehen, schaue auf die Uhr, blicke Hilfe suchend rings umher, überlege gar auf halbem Wege umzukehren. Aber starrköpfig sind sie ja auch, die Bergmenschen, also schleppe ich mich weiter. Letztes Jahr, so erinnere ich mich zurück, bin ich diesen Weg noch hinaufgeschritten, im reinsten Jägerschritt. Heute torkle ich halb bewusstlos vor Erschöpfung von Kehre zu Kehre und richte mein Wort an den Herrn, er möge den Weg bald flacher werden lassen.
So schäme ich mich vor mir selbst, als ich plötzlich ein Knacksen höre und weiter oben zwei Wanderer erblicke, die mir flotten Schrittes entgegen kommen. Da ich mit einem Blick erkennen kann, dass es sich bei den beiden um Deutsche handelt, reiße ich mich zusammen, wische mir den Schweiß aus dem vermutlich hochroten Gesicht und eile den steilen Forstweg hinauf, so als ob ich immer schon so gegangen wäre und auch vorhätte, den Rest des Berges sehr eilig bezwingen zu wollen (zu können). Da Deutsche es immer sehr gern haben, wenn man sie mit einem herzig herzhaften „Grüß Gott“ begrüßt (sie meinen nämlich, man würde sie als ebenbürtig akzeptieren, wenn man das tut), mache ich selbiges, um von meiner offensichtlichen Erschöpfung abzulenken.
Es stellt sich heraus, dass es sich um Sachsen handelt. Das beruhigt mich insofern, als mir die Sachsen als ein kerniges und tüchtiges Volk bekannt sind, die das Wandern noch als eine Tugend begreifen und nicht als ein leidiges Mühsal. „Kommen wir hier zur Jaga-Alm?“, fragt mich der Sachse freundlich. Wie immer amüsiert mich die bundesdeutsche Aussprache des Wortes „Jaga“, diesmal um eine sächsische Intonation bereichert. In solchen Situationen ist der Bergmensch bemüht, allen Klischees gerecht zu werden, und also lache ich kurz auf, bevor ich antworte. Dieses Lachen ist eine Mischung aus verwunderter Erheiterung und milder Nachsicht und will geübt sein – ich beherrsche es (so unbescheiden darf ich sein) perfekt. Daraufhin erkläre ich ihm in grober, aber für das Deutsche Ohr gerade noch verständlicher Mundart, dass er sich „ganz auf der falschen Seite“ des Berges befinde. Er sei wohl von oben her kommend rechts abgebogen? Das bestätigt der Sachse mit einem überaus sächsischem „Jawoll!“. Die Jaga-Alm befinde sich aber auf linken Seite, erkläre ich ihm. „Aha!“, sagt der Sachse ein wenig enttäuscht. Ich tue so als ob ich ihn und seine Frau begutachten würde und sage ihnen aufmunternd, dass mir scheine, dass sie beide gut „beinander“ seien und, unten angekommen, den Weg zur Jaga-Alm vom Tal aus angehen könnten – es seien von unten ja nur 20 Minuten. Der Sachse verzieht etwas den Mund. „Für Sie 15!“, füge ich noch hinzu, um sein Misstrauen ein wenig zu zerstreuen. Da grinst er, bedankt sich und wünscht mir noch einen guten Tag.
Ich eile weiter, bleibe aber, sobald ich die Sachsen aus meinem Blickfeld verloren habe, sofort stehen um Luft zu holen. Dabei verfluche ich den amerikanischen Lebensstil, der mir jegliche Kondition verkümmern ließ, und den versuche, das Brennen in meinen Beinen als wohliges Gefühl zu interpretieren. Dann erinnere ich mich aber daran, dass ein Amerikaner nie aufgeben würde und ich jetzt hier nicht als Österreicher auf den amerikanischen Lebensstil schimpfen und gleichzeitig auf gut österreichisch aufgeben kann. Deshalb quäle ich mich weiter.
Oben dann die gewohnt schöne Aussicht. Ja, toll ist es hier und staunen muss man schon, dass es einen solchen Flecken Erde usw... Ein wenig versöhnt mich der Blick ins Tal wieder mit meiner Heimat. Noch einmal kommt mir der Sachse in den Sinn, der die Jaga-Alm nur deshalb verfehlt hat, weil er den unwahrscheinlicheren Abstieg gewählt hat. Weil er eine Route gewählt hat, die sonst niemand wählt, ja, die die wenigsten überhaupt finden. Und Sachsen, die in unseren Wäldern unwahrscheinliche Wege beschreiten, gehören zu der Heimat genauso dazu wie der schöne Blick ins Tal und die geheimnisvollen Gerüche des Waldes. Dass das Fremde zur Heimat gehört, das wissen nur die Bergmenschen in den Tourismusgebieten. Und mag auch der eine oder andere darüber schimpfen, bestreiten kann es keiner, denke ich mir und beginne meinen knieweichen Abstieg.
Wieder unten angekommen, sitze ich erneut am Balkon und starre auf die Berge. „Das Erhabene!“, denke ich mir und muss lachen, weil ich immer an Immanuel Kant denken muss, wenn ich an „das Erhabene“ denke (was bei Gott nicht oft der Fall ist!). Und dann fällt mir ein, wie dieser Kant einmal behauptet hat, dass es überhaupt nur zwei Dinge gebe, die sein Herz berühren oder was auch immer: „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“, so er. Ich lache über die pathetische Übertriebenheit seines Satzes, obwohl mir klar ist, dass ich gerade auf die Berge schaue wie der Kant damals auf die Sterne und irgendetwas fühle. Auch, wenn es nicht das „moralische Gesetz in mir“ ist, ist es irgendetwas Wichtiges, etwas Beruhigendes. „Der Kant, der alte Depp“, sage ich mir. „Wenn der je aus Königsberg hinaus gekommen wäre und die Berge gesehen hätte, dann wäre ihm das moralische Gesetz auch wurscht gewesen.“
Und weil ich mich selbst dabei ertappe, wie ich in Gedanken Berge und Heimat mit dem Kant vermische, habe ich das Gefühl, wieder zu Hause und irgendwie bei mir selbst angekommen zu sein. Und das erheitert mich genauso wie es mich be(un)ruhigt.
Je länger ich auf die Berge schaue und je länger ich über die Bergmenschen nachdenke, desto mehr möchte ich auf einen dieser Berge wenigstens ein bisschen hinaufwandern. Es ist einen ja doch ins Blut „geschrieben“, dass ein Berg zum Hinaufgehen da ist und zum Von-oben-Herunterschauen. Flink habe ich meine Turnschuhe angezogen, die mir schon bei meiner Wanderung im Metnitztal gute Dienste erwiesen haben, und wähle eine unpopuläre Route auf die Sonnenalm, einem Forstweg im entlegensten Graben folgend, wo es abwechselnd nach Schnittholz und Forstmaschinen riecht.
Ich quäle mich durch den Wald den Berg hinauf, bleibe stehen, schaue auf die Uhr, blicke Hilfe suchend rings umher, überlege gar auf halbem Wege umzukehren. Aber starrköpfig sind sie ja auch, die Bergmenschen, also schleppe ich mich weiter. Letztes Jahr, so erinnere ich mich zurück, bin ich diesen Weg noch hinaufgeschritten, im reinsten Jägerschritt. Heute torkle ich halb bewusstlos vor Erschöpfung von Kehre zu Kehre und richte mein Wort an den Herrn, er möge den Weg bald flacher werden lassen.
So schäme ich mich vor mir selbst, als ich plötzlich ein Knacksen höre und weiter oben zwei Wanderer erblicke, die mir flotten Schrittes entgegen kommen. Da ich mit einem Blick erkennen kann, dass es sich bei den beiden um Deutsche handelt, reiße ich mich zusammen, wische mir den Schweiß aus dem vermutlich hochroten Gesicht und eile den steilen Forstweg hinauf, so als ob ich immer schon so gegangen wäre und auch vorhätte, den Rest des Berges sehr eilig bezwingen zu wollen (zu können). Da Deutsche es immer sehr gern haben, wenn man sie mit einem herzig herzhaften „Grüß Gott“ begrüßt (sie meinen nämlich, man würde sie als ebenbürtig akzeptieren, wenn man das tut), mache ich selbiges, um von meiner offensichtlichen Erschöpfung abzulenken.
Es stellt sich heraus, dass es sich um Sachsen handelt. Das beruhigt mich insofern, als mir die Sachsen als ein kerniges und tüchtiges Volk bekannt sind, die das Wandern noch als eine Tugend begreifen und nicht als ein leidiges Mühsal. „Kommen wir hier zur Jaga-Alm?“, fragt mich der Sachse freundlich. Wie immer amüsiert mich die bundesdeutsche Aussprache des Wortes „Jaga“, diesmal um eine sächsische Intonation bereichert. In solchen Situationen ist der Bergmensch bemüht, allen Klischees gerecht zu werden, und also lache ich kurz auf, bevor ich antworte. Dieses Lachen ist eine Mischung aus verwunderter Erheiterung und milder Nachsicht und will geübt sein – ich beherrsche es (so unbescheiden darf ich sein) perfekt. Daraufhin erkläre ich ihm in grober, aber für das Deutsche Ohr gerade noch verständlicher Mundart, dass er sich „ganz auf der falschen Seite“ des Berges befinde. Er sei wohl von oben her kommend rechts abgebogen? Das bestätigt der Sachse mit einem überaus sächsischem „Jawoll!“. Die Jaga-Alm befinde sich aber auf linken Seite, erkläre ich ihm. „Aha!“, sagt der Sachse ein wenig enttäuscht. Ich tue so als ob ich ihn und seine Frau begutachten würde und sage ihnen aufmunternd, dass mir scheine, dass sie beide gut „beinander“ seien und, unten angekommen, den Weg zur Jaga-Alm vom Tal aus angehen könnten – es seien von unten ja nur 20 Minuten. Der Sachse verzieht etwas den Mund. „Für Sie 15!“, füge ich noch hinzu, um sein Misstrauen ein wenig zu zerstreuen. Da grinst er, bedankt sich und wünscht mir noch einen guten Tag.
Ich eile weiter, bleibe aber, sobald ich die Sachsen aus meinem Blickfeld verloren habe, sofort stehen um Luft zu holen. Dabei verfluche ich den amerikanischen Lebensstil, der mir jegliche Kondition verkümmern ließ, und den versuche, das Brennen in meinen Beinen als wohliges Gefühl zu interpretieren. Dann erinnere ich mich aber daran, dass ein Amerikaner nie aufgeben würde und ich jetzt hier nicht als Österreicher auf den amerikanischen Lebensstil schimpfen und gleichzeitig auf gut österreichisch aufgeben kann. Deshalb quäle ich mich weiter.
Oben dann die gewohnt schöne Aussicht. Ja, toll ist es hier und staunen muss man schon, dass es einen solchen Flecken Erde usw... Ein wenig versöhnt mich der Blick ins Tal wieder mit meiner Heimat. Noch einmal kommt mir der Sachse in den Sinn, der die Jaga-Alm nur deshalb verfehlt hat, weil er den unwahrscheinlicheren Abstieg gewählt hat. Weil er eine Route gewählt hat, die sonst niemand wählt, ja, die die wenigsten überhaupt finden. Und Sachsen, die in unseren Wäldern unwahrscheinliche Wege beschreiten, gehören zu der Heimat genauso dazu wie der schöne Blick ins Tal und die geheimnisvollen Gerüche des Waldes. Dass das Fremde zur Heimat gehört, das wissen nur die Bergmenschen in den Tourismusgebieten. Und mag auch der eine oder andere darüber schimpfen, bestreiten kann es keiner, denke ich mir und beginne meinen knieweichen Abstieg.
Wieder unten angekommen, sitze ich erneut am Balkon und starre auf die Berge. „Das Erhabene!“, denke ich mir und muss lachen, weil ich immer an Immanuel Kant denken muss, wenn ich an „das Erhabene“ denke (was bei Gott nicht oft der Fall ist!). Und dann fällt mir ein, wie dieser Kant einmal behauptet hat, dass es überhaupt nur zwei Dinge gebe, die sein Herz berühren oder was auch immer: „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“, so er. Ich lache über die pathetische Übertriebenheit seines Satzes, obwohl mir klar ist, dass ich gerade auf die Berge schaue wie der Kant damals auf die Sterne und irgendetwas fühle. Auch, wenn es nicht das „moralische Gesetz in mir“ ist, ist es irgendetwas Wichtiges, etwas Beruhigendes. „Der Kant, der alte Depp“, sage ich mir. „Wenn der je aus Königsberg hinaus gekommen wäre und die Berge gesehen hätte, dann wäre ihm das moralische Gesetz auch wurscht gewesen.“
Und weil ich mich selbst dabei ertappe, wie ich in Gedanken Berge und Heimat mit dem Kant vermische, habe ich das Gefühl, wieder zu Hause und irgendwie bei mir selbst angekommen zu sein. Und das erheitert mich genauso wie es mich be(un)ruhigt.
Dienstag, 9. August 2011
Gespräch über Schopenhauer
[...]
und der schopenhauer soll ja mit einem pudel durch frankfurt stolziert sein, seinerzeit also schon eine karikatur wider willen und wissen. da darf man auch ohne gewissenbisse reinzitieren!
ach wirklich?
das ist interessant, weil der grazer philosoph götschl eine schopenhauer-mattn hat.
und zufällig hat auch dieser götschl einen pudel.
das ist geradezu verdächtig
das ist extrem verdächtig!
da müsste man ihn darauf ansprechen.
ob er ein schopenhauer sein wolle, müsste man den fragen
"Herr Professor, wollen sie etwa ein Schopenhauer sein? Oder wollen sie diesen nur darstellen? Oder gar karikieren, Herr Professor?"
*g*
Sind sie die Mimesis eines Schopenhauers, Herr Professor?
oder SIND sie schopenhauer?
das könnte sein, dass der hund der schopenhauer ist.
also nicht der hund, der pudel.
der hund als professor.
*gg*
bzw der professor ist ein hund, gleichzeitig aber ist er der schopenhauer höchst selbst.
und er HAT einen hund
schade, dass es keine fotos von dem hund mit seinem pudel gibt *g*
ich hab ihn einmal beim baumarkt gesehen, den hund mit dem pudel. also den professor götschl mit dem hund
Der Philosoph, der gerne Schopenhauer wäre und eigentlich ein Hund ist, hatte einen Pudel.
absurderweise beim baumarkt. am parkplatz vorm baumarkt eigentlich.
den hund mit pudel, hab ich gesehen.
http://www.uni-graz.at/newswww_detail?reference=106414
der hund hat echt eine schopenhauer frisettn
einen schopenhauer mitsamt den pudel
vl wollte er sich eine hündehütte bauen ;-)
ich sag ja, der ist der schopenhauer höchst selbst.
hat sich der schopenhauer je eine hundehütte gebaut?
oder zumindest eine für den pudel
pudel wohnen aber nicht in hundehütten, wie mir scheint.
in hundehütten wohnen eigentlich nur gefährliche hunde. die sind an hundehütten festgekettet und dürfen nicht ins haus, weil sie dort die kinder beißen, sag ich dir.
nein ich glaub auch nicht
pudel sind harmlos, die schauen so flauschig aus und dürfen im haus sein.
sogar am kanapee dürfen die hunde, also die pudel, liegen
deswegen hatte der schopenhauer auch einen pudel, weil der im haus sein darf. weil der schopenhauer mochte ja keine menschen, sagt man.
es gibt ja eine geschichte, die besagt, dass der schopenhauer seinem ersten pudel - der sich Butz nannte - aus "Die Welt als Wille und Vorstellung" solange vorgelesen hat, bis dieser nichts mehr fressen wollte.
jetzt ist aber der schopenhauer ein hund, also die hütte, in der der schopenhauer haust, eine hundehütte. nun ist aber der pudel doch wieder in der hundshütte drinnen, wenn er im haus haust.
siehst, der schopenhauer mochte nicht einmal die pudel. und die menschen schon gar nicht.
und butz... das ist ja wie im pinzgau.
*g* schaut so aus. der größenwahnsinnige philosuff hat einen pudel, der butz heißt.
das ist ja eigentlich ein witz
nur dass im pinzgau keiner seinen hund butz nennen würde, weil sich dann die kinder automatisch davor fürchten würden.
ich glaub, der schopenhauer hat das absichtlich gemacht. der wollte immer nur witzig sein.
das hab ich mir auch schon gedacht
dass er das aus welt- und menschenverachtung gemacht hat
deswegen nannte er sein buch "die welt als wille und vorstellung" (was ja eigentlich schon der erste witz ist) und schreib dann geckhaftes zeug rein.
der wollte die leute ärgern
*g*
ist ihm ja auch gelungen!
der lehrer lempel würde sagen, das kommt, weil die leute dumm sind.
Daß mir der Hund das Liebste ist,
sagst Du oh Mensch sei Sünde,
doch der Hund bleibt mir im Sturme treu,
der Mensch nicht mal im Winde.
sein butz hat ihn sogar zum dichten veranlasst ;-)
und der schopenhauer soll ja mit einem pudel durch frankfurt stolziert sein, seinerzeit also schon eine karikatur wider willen und wissen. da darf man auch ohne gewissenbisse reinzitieren!
ach wirklich?
das ist interessant, weil der grazer philosoph götschl eine schopenhauer-mattn hat.
und zufällig hat auch dieser götschl einen pudel.
das ist geradezu verdächtig
das ist extrem verdächtig!
da müsste man ihn darauf ansprechen.
ob er ein schopenhauer sein wolle, müsste man den fragen
"Herr Professor, wollen sie etwa ein Schopenhauer sein? Oder wollen sie diesen nur darstellen? Oder gar karikieren, Herr Professor?"
*g*
Sind sie die Mimesis eines Schopenhauers, Herr Professor?
oder SIND sie schopenhauer?
das könnte sein, dass der hund der schopenhauer ist.
also nicht der hund, der pudel.
der hund als professor.
*gg*
bzw der professor ist ein hund, gleichzeitig aber ist er der schopenhauer höchst selbst.
und er HAT einen hund
schade, dass es keine fotos von dem hund mit seinem pudel gibt *g*
ich hab ihn einmal beim baumarkt gesehen, den hund mit dem pudel. also den professor götschl mit dem hund
Der Philosoph, der gerne Schopenhauer wäre und eigentlich ein Hund ist, hatte einen Pudel.
absurderweise beim baumarkt. am parkplatz vorm baumarkt eigentlich.
den hund mit pudel, hab ich gesehen.
http://www.uni-graz.at/newswww_detail?reference=106414
der hund hat echt eine schopenhauer frisettn
einen schopenhauer mitsamt den pudel
vl wollte er sich eine hündehütte bauen ;-)
ich sag ja, der ist der schopenhauer höchst selbst.
hat sich der schopenhauer je eine hundehütte gebaut?
oder zumindest eine für den pudel
pudel wohnen aber nicht in hundehütten, wie mir scheint.
in hundehütten wohnen eigentlich nur gefährliche hunde. die sind an hundehütten festgekettet und dürfen nicht ins haus, weil sie dort die kinder beißen, sag ich dir.
nein ich glaub auch nicht
pudel sind harmlos, die schauen so flauschig aus und dürfen im haus sein.
sogar am kanapee dürfen die hunde, also die pudel, liegen
deswegen hatte der schopenhauer auch einen pudel, weil der im haus sein darf. weil der schopenhauer mochte ja keine menschen, sagt man.
es gibt ja eine geschichte, die besagt, dass der schopenhauer seinem ersten pudel - der sich Butz nannte - aus "Die Welt als Wille und Vorstellung" solange vorgelesen hat, bis dieser nichts mehr fressen wollte.
jetzt ist aber der schopenhauer ein hund, also die hütte, in der der schopenhauer haust, eine hundehütte. nun ist aber der pudel doch wieder in der hundshütte drinnen, wenn er im haus haust.
siehst, der schopenhauer mochte nicht einmal die pudel. und die menschen schon gar nicht.
und butz... das ist ja wie im pinzgau.
*g* schaut so aus. der größenwahnsinnige philosuff hat einen pudel, der butz heißt.
das ist ja eigentlich ein witz
nur dass im pinzgau keiner seinen hund butz nennen würde, weil sich dann die kinder automatisch davor fürchten würden.
ich glaub, der schopenhauer hat das absichtlich gemacht. der wollte immer nur witzig sein.
das hab ich mir auch schon gedacht
dass er das aus welt- und menschenverachtung gemacht hat
deswegen nannte er sein buch "die welt als wille und vorstellung" (was ja eigentlich schon der erste witz ist) und schreib dann geckhaftes zeug rein.
der wollte die leute ärgern
*g*
ist ihm ja auch gelungen!
der lehrer lempel würde sagen, das kommt, weil die leute dumm sind.
Daß mir der Hund das Liebste ist,
sagst Du oh Mensch sei Sünde,
doch der Hund bleibt mir im Sturme treu,
der Mensch nicht mal im Winde.
sein butz hat ihn sogar zum dichten veranlasst ;-)
Montag, 8. August 2011
Peripatos
Denke einer einmal im Liegen nach! Das Auf-dem-Rücken-Liegen scheint mir die ungünstigste Position zu sein, die Gedanken in den freiesten, aber dennoch sicheren Bahnen schweifen zu lassen. Als sammle sich alles Blut im hinteren Teil des Hirns, welcher, soviel Verständnis sei auch dem Laien zugemutet, für vernunftgeleitetes Reflektierten ganz und gar nicht sich geeignet zeigt, macht sich in dem vorderen Kopfe eine Leere breit, die mit den besten Gedanken mühsam zu vertreiben niemand die Kraft aufbrächte, sei ihm daran gelegen, den Kopf mit erbaulichen Inhalten zu füllen. Es ließ sich der gegenteilige Effekt, dass also das Blut sich in der vorderen Stirne sammle, durchaus dadurch erzielen, dass man es sich auf dem Bauche liegend bequem machte; doch bedenke man für diesen Fall die Schwierigkeit des Atmens, welche sich durch allzu große Reibung zwischen dem Gesichte und der jeweiligen Unterlage ergäbe und welche Unannehmlichkeit ein solchermaßen bedrängtes Gesicht, wie es sich durch eine plattgedrückte Nase am ehesten verbildlichen ließe, bei dem Liegenden verursachen müsse! Auch das Drehen allein des Kopfes nach der Seite führt das Problem der ungünstigen Blutverteilung im Gehirne keiner zufriedenstellenden Lösung zu. Mutlos schwappt das Blut im Hirn umher, wohin man den Kopf auch dreht, nur dort, wo der geistig angestrengte Mensch es haben will, ja haben muss, dort will es nicht hin.
Nun soll es Zeitgenossen geben, die sitzender Weise nachzudenken pflegen. Doch ei, auch diese Haltung des Körpers führt nicht dazu, das vordere Hirn genügend mit jenem sauren Stoffe, der Oxygenium genannt wird, zu beliefern. Das Blut sackt in die geknickten Beine und verharrt dort, nur wenig vom Kreislauf in die Schwünge gebracht und nur zaghaft in den Kopf vordringend, der, man bedenke dies!, in sitzender Position den höchsten Punkt des Körpers markiert, und dadurch von der Schwerkraft auf die dringlichste Weise angezogen wird. So senkt sich langsam das Haupt vieler, in solch sitzender Position verweilender, Berufsdenker über einen längeren Zeitraum hinweg, der Kopf strebt also dem Studiertisch entgegen, die Muskeln im Nacken fallen einer sich über den ganzen Körper ausbreitenden Müdigkeit anheim. Dies zum mindesten hat die Wirkung, dass jenes wenige Blut, welches noch in den feinen Äderchen des Kopfes kreist, nach vorne, also gegen die Stirne gedrückt wird und es also zu jenem gewünschten Effekte kommt, welcher uns von vorneherein oberster Zweck gewesen war. Jedoch, dieses Blut ist selbst müde und verbraucht und seine Wirkung in der Stirne beschränkt sich alsdann auf eine kurzweilige Anhebung der Konzentration, welche zu dem Zeitpunkte, da der Studierende bereits halb vornüber gekippt war, in demselben ein Erlebnis auslöst, das am gelungensten mit dem Worte 'Wachschock' zu beschreiben wäre. So reißt jenes Absinken des Kopfes den Müden aus seinem Dämmern, dem Wunsch nach ausreichender Durchblutung der vorderen Hirnregionen zum Zwecke des Denkens ist aber nicht genüge getan.
Wie also Nachdenken, wenn nicht im Liegen und auch nicht im Sitzen? Es bleibt als einzige Möglichkeit noch der beherzte Gang, der flotte Schritt ohne bestimmtes geographisches Ziel, wohl aber mit der intentio, dass sich im Kopfe einiges rühre. Das Gehen nämlich treibt den Kreislauf, und obschon hier für die Position des Schädels das gleiche gelte wie beim Sitzen, nämlich dass er in der Höhe sich befinde und also der Kreislauf gegen die Schwerkraft anzukämpfen habe, ist es uns augenscheinlich, dass die ungleich größere Kraft des durch Bewegung erhitzten Blutkreislaufs diese Schwierigkeit allzu leicht zu umgehen weiß. Zudem befände man sich, ginge man nachdenkend spazieren, in der frischen Luft, welche besonders in Wald- und Wiesengegenden mit dem frischesten Sauerstoffe die Lungen zu versorgen sich im allerhöchsten Maße anschickt. So wandle man also, ganz nach Lehre des Peripatos, denkend durch die Welt, anstatt sich im Hause sitzend zu quälen oder gar liegend jene kostbare Zeit, die jeder Erdenmensch, der ja nur ein Wurm ist, zur Verfügung hat, vergehen zu lassen!
Nun soll es Zeitgenossen geben, die sitzender Weise nachzudenken pflegen. Doch ei, auch diese Haltung des Körpers führt nicht dazu, das vordere Hirn genügend mit jenem sauren Stoffe, der Oxygenium genannt wird, zu beliefern. Das Blut sackt in die geknickten Beine und verharrt dort, nur wenig vom Kreislauf in die Schwünge gebracht und nur zaghaft in den Kopf vordringend, der, man bedenke dies!, in sitzender Position den höchsten Punkt des Körpers markiert, und dadurch von der Schwerkraft auf die dringlichste Weise angezogen wird. So senkt sich langsam das Haupt vieler, in solch sitzender Position verweilender, Berufsdenker über einen längeren Zeitraum hinweg, der Kopf strebt also dem Studiertisch entgegen, die Muskeln im Nacken fallen einer sich über den ganzen Körper ausbreitenden Müdigkeit anheim. Dies zum mindesten hat die Wirkung, dass jenes wenige Blut, welches noch in den feinen Äderchen des Kopfes kreist, nach vorne, also gegen die Stirne gedrückt wird und es also zu jenem gewünschten Effekte kommt, welcher uns von vorneherein oberster Zweck gewesen war. Jedoch, dieses Blut ist selbst müde und verbraucht und seine Wirkung in der Stirne beschränkt sich alsdann auf eine kurzweilige Anhebung der Konzentration, welche zu dem Zeitpunkte, da der Studierende bereits halb vornüber gekippt war, in demselben ein Erlebnis auslöst, das am gelungensten mit dem Worte 'Wachschock' zu beschreiben wäre. So reißt jenes Absinken des Kopfes den Müden aus seinem Dämmern, dem Wunsch nach ausreichender Durchblutung der vorderen Hirnregionen zum Zwecke des Denkens ist aber nicht genüge getan.
Wie also Nachdenken, wenn nicht im Liegen und auch nicht im Sitzen? Es bleibt als einzige Möglichkeit noch der beherzte Gang, der flotte Schritt ohne bestimmtes geographisches Ziel, wohl aber mit der intentio, dass sich im Kopfe einiges rühre. Das Gehen nämlich treibt den Kreislauf, und obschon hier für die Position des Schädels das gleiche gelte wie beim Sitzen, nämlich dass er in der Höhe sich befinde und also der Kreislauf gegen die Schwerkraft anzukämpfen habe, ist es uns augenscheinlich, dass die ungleich größere Kraft des durch Bewegung erhitzten Blutkreislaufs diese Schwierigkeit allzu leicht zu umgehen weiß. Zudem befände man sich, ginge man nachdenkend spazieren, in der frischen Luft, welche besonders in Wald- und Wiesengegenden mit dem frischesten Sauerstoffe die Lungen zu versorgen sich im allerhöchsten Maße anschickt. So wandle man also, ganz nach Lehre des Peripatos, denkend durch die Welt, anstatt sich im Hause sitzend zu quälen oder gar liegend jene kostbare Zeit, die jeder Erdenmensch, der ja nur ein Wurm ist, zur Verfügung hat, vergehen zu lassen!
Donnerstag, 4. August 2011
Das Mehr und das Weniger - kleines Heimweh
Mehr ist besser: Das ist die einfache Formel für den amerikanischen Alltag. Es gibt kein „small is beautiful“, und sollte etwas ausnahmsweise wirklich einmal besser sein, wenn es weniger ist, werden einfach die Verhältnisse umgekehrt. Das ist ein Sprachspiel, das dem Amerikaner erlaubt, immer alles besser zu finden, was mehr ist. So lässt er sich aber auch von jedem, der dieses Sprachspiel beherrscht, vorgaukeln, dass etwas besser sei als etwas anderes, wenn dieser jemand es nur versteht, ihm die Verhältnisse so darzulegen, dass das, was der Amerikaner gut finden soll, immer mehr ist als das, was er schlecht finden soll. Klingt kompliziert, ist aber relativ simpel in der Praxis.
Erstmal sei ein Beispiel aus dem nicht manipulativem Sektor genannt. Es soll zeigen, dass die Gleichung mehr=besser dem Amerikaner natürlicher vorkommt als weniger=besser. Wir drücken die Sparsamkeit eines Autos so aus: Je weniger Treibstoff es auf 100 km verbraucht, desto besser ist es. Einem Amerikaner wäre das suspekt. Also geht das in den USA anders. Dort wird über die „gas mileage“ ausgedrückt, wie weit man mit einer Gallone Treibstoff kommt (miles per gallon). Je höher also die Zahl, desto besser die Effizienz des Fahrzeugs. Es handelt sich um eine einfache Umkehr der Verhältnisse. Wir könnten genauso gut angeben, wie viele Kilometer man mit einem Liter Kraftstoff zurücklegen kann. Dass für uns aber die kleinere Zahl die attraktivere ist, für die Amerikaner jedoch die größere, ist kein Zufall.
Im Lebensmittelsektor findet man ähnliches. Während bei uns Joghurtpackungen mit großen Nullen bepinselt werden, um jedem klarzumachen, dass im betreffenden Produkt kaum oder wenn möglich gar kein Fett enthalten ist, muss man in den USA schon genau schauen, ob es sich um ein „low fat“ Produkt handelt. Was auf diesen Produkten allerdings durchaus zu finden ist, sind große Schriftzüge, die das Erzeugnis als „healthier“ anpreisen. Ein Mehr an Gesundheit also – das versteht der Amerikaner. Weniger Fett – das versteht er nicht.
Einige Werbungen enthalten zwar das Wort „less“. Dieses hat aber meist nur subsidiäre Funktion und wird bald von einem viel größeren, dickeren und womöglich bunteren „more“ wiederholt überblendet und also aus dem Ultrakurzzeitgedächtnis geradezu herausgelöscht. less=small=bad, more=big=good: Diese Metaphernkonzepte sind dem amerikanischen Bewusstsein eingemeißelt und sind der Grund, warum sich ein Europäer mitunter überfordert fühlt. Überfordert von der Fülle der Angebote, von der Intensität der Darbietung, von der Lautstärke, den Lichteffekten, den marktschreierischen Anpreisungen der Werber – überfordert von der Art und Weise der Kommunikation überhaupt.
Ich nenne alles übertrieben und gewöhne mich doch langsam daran. Wie schal und langweilig wird mir Europa vorkommen müssen, wenn ich zurück komme! Wie unspektakulär werden die Leute, die Autos, die Supermärkte, die Werbungen, wie unspektakulär wird überhaupt alles sein. Und doch sehne ich mich manchmal nach dem Weniger, nach dem Bescheidenen, dem Unauffälligen, dem Subtilen, dem Leisen. Das kommt mir alles so europäisch vor, so edel und schlau – irgendwie gefinkelt und doch nicht hinterlistig: small but beautiful. Das klingt schön.
Montag, 18. Juli 2011
Der amerikanische Parmenidismus
Der Satz des Parmenides lautet sinngemäß: "Alles, was ist, ist. Alles, was nicht ist, ist nicht." Das klingt jetzt banal und eigentlich unnötig kompliziert, für einen Vorsokratiker war das aber eine nicht unwesentliche Einsicht. (Wie das Denken vor einem solchen Satz ausgesehen haben könnte, lesen Sie bitte bei Ernst Cassirer nach!) Warum ich jetzt mit so einem philosophischen Topfen daherkommen muss, erklärt sich mit dem Blick auf die Amerikaner, die dieses binäre Denken, mit einem Zug zum Pragmatischen versehen, auf nahezu alle Bereiche der Kommunikation übertragen.
Gestern ist es um Freiheit und Unabhängigkeit gegangen, und darum, dass diese (ideologischen) Fundamentalwerte der westlichen, besonders aber der amerikanischen Gesellschaft in den verschiedensten Ausprägungen zu finden sind. Meinungsfreiheit und öffentliche Diskussion wären etwa solche Formen der Freiheit, und gerade diese werden in den USA sehr hoch gehalten. Zu jedem politischen, wirtschaftlichen, sozialen Thema - aber auch zu allen sonstigen Themen - gibt es im amerikanischen Fernsehen Debattierrunden oder Talkshows. Das Bemerkenswerte an diesen Debatten ist jedoch immer der tiefe Graben zwischen den Meinungen, von denen es meist nur zwei gibt. Entweder etwas ist (so oder so), oder er es ist nicht (so oder anders): Von dieser Kontravalenz ist das Denken der jeweiligen Parteien geradezu infiziert. Da es ein Drittes sowieso nicht gibt, braucht man in den USA auch nicht mehr als zwei politische Lager.
In der Diskussion berufen sich beide Seiten zudem abwechselnd auf die harte, amerikanische Realität. Sie erklären, wie die Lage ist und was in dieser Lage zu tun sein sollte. Dabei widersprechen sie sich bereits in der Beschreibung des Ist-Zustands, merken es aber nicht. Sie tun so als ob sie über das Gleiche sprechen würden, was aber nicht der Fall ist. Dann geraten sie einander darüber in die Haare, wie das Problem zu lösen sei. Dabei findet im Grunde kein Austausch statt. Soll der Zuschauer die Synthese leisten? Die Antwort lautet: Nein, weil der Zuschauer sowieso entweder dem einen oder dem anderen Lager zustimmen wird, denn er gehört ja einem der beiden von vorneherein an. So setzt sich diese fruchtlose Form der Diskussion auch im Alltag fort. Obama-Befürworter und Obama-Gegner tauschen sich nicht aus. Sie erklären einander ihre Sicht der Welt, ohne überhaupt den Anspruch zu haben, dem anderen die eigene Sichtweise verständlich zu machen, geschweige denn irgendetwas vom Standpunkt des Gegenübers anzunehmen. Es herrscht am Ende ein implizites "Let's agree to disagree", das sich nach außen hin nur über mürrische Gesichter kommuniziert.
Wo ist jetzt der Unterschied zu Europa, möchte man fragen. Ich denke, dass die Europäer aufgehört haben, den Graben zwischen dem Einen und dem Anderen so streng zu ziehen. Eine ernsthafte Diskussion setzt a priori voraus, dass der andere Standpunkt einer von vielen möglichen ist, und dass selbiges auch für den eigenen Standpunkt gilt. Dieses implizite Wissen eröffnet jeder Diskussion eine potenziell unendlich weites Feld der Meinungen, Ansichten und Lösungen. Dieses Feld wird dann durch den Vergleich mit der Wirklichkeit (die man sich im günstigsten Fall als eine vorläufige vorstelle) begrenzt, also in bestimmter Weise gezähmt. Nicht, dass es bei uns kein Lagerdenken gäbe. Aber ich glaube doch, dass sich der Europäer der Vorläufigkeit der diskussionswürdigen Themen und Thesen (und vor allem seiner eigenen Rolle in diesem Diskurs, seiner Beziehung zu den 'diskursiven Entitäten') eher bewusst ist als der Amerikaner. Deswegen, so scheint es mir, gibt es bei uns weniger „Experten“, zumindest weniger Auskenner, die sich auch selbst als solche bezeichnen würden. Der bescheidene Experte ist bei uns der glaubwürdigste.
Was die amerikanischen Experten in den Augen der Amerikaner so (scheinbar) glaubwürdig macht, ist nicht ihr Fachwissen oder ihre besonders interessante Sichtweise der Dinge. Es ist - und ich bin mir bewusst, dass das ein alter Hut ist - ihr Präsentationstalent und ihre rhetorischen Fähigkeiten. Man fühlt sich oft dazu hingerissen zu glauben, dass der gerade sprechende Experte eine frische Sicht der Dinge präsentiere. Doch dann sieht man hinter dem überzeugenden und überzeugten Gesichtsausdruck plötzlich die Fratze des exklusiven Oders grinsen und erkennt, dass auch er nicht bereit oder fähig ist, irgendetwas Neues in die Debatte einzubringen. Ein zögernder, nachdenklicher Diskutant (wie etwa unser alter Alexander van der Bellen) würde es in Amerika nicht einmal am Empfangsschalter eines Fernsehstudios vorbei schaffen. Es gilt in jedem Fall, Entschlossenheit zu vermitteln. Das Gedankenkonstrukt, das diese Entschlossenheit motiviert, ist völlig nebensächlich. Welchem Lager der Sprecher angehört, hat man ohnehin nach zwei Sätzen herausgefunden.
Der pragmatische Parmenidismus mag in der politischen Realität funktionieren. Gepaart mit der Freiheitsidee und dem Gedanken des offenen Diskurses muss er aber eine Scheinverbindung mit dem "l'idée vient en parlant" eingehen, der Vorstellung also, dass in der Diskussion über ein Thema neue Ideen entstehen können - ja sogar zwangsweise entstehen müssen. Leider gerät dieser mehr oder weniger unterhaltsame Überbau schnell zur Farce und hält für den Europäer wenig Erkenntnisreiches bereit. Ich sehe eine solche Diskussionsrunde und weiß am Ende nicht mehr über die amerikanische Schuldenkrise, sondern nur mehr über die amerikanische Art der Diskussionsführung und -inszenierung.
So tut man sich auch schwer, den Amerikanern eine europäische Perspektive auf Obama zu bieten. Denn Obama ist entweder schlecht, oder er ist gut, hat aber momentan ein paar Probleme, an denen sowieso die Republikaner Schuld haben - tertium non datur. Und das Dritte, das bin ich - meine Meinung zur amerikanischen Politik, sollte ich überhaupt eine haben, gibt es hier nicht. Würde ich versuchen eine zu formulieren, sie würde wahrscheinlich mit Verweisen auf die harte amerikanische Wirklichkeit ad absurdum geführt werden und ich müsste zugeben, dass ich die Wahrheit nun wirklich nicht gepachtet habe. Und dann erginge es mir wohl wie einem Alex vdB oder einem Heinzi Fischer.
Gestern ist es um Freiheit und Unabhängigkeit gegangen, und darum, dass diese (ideologischen) Fundamentalwerte der westlichen, besonders aber der amerikanischen Gesellschaft in den verschiedensten Ausprägungen zu finden sind. Meinungsfreiheit und öffentliche Diskussion wären etwa solche Formen der Freiheit, und gerade diese werden in den USA sehr hoch gehalten. Zu jedem politischen, wirtschaftlichen, sozialen Thema - aber auch zu allen sonstigen Themen - gibt es im amerikanischen Fernsehen Debattierrunden oder Talkshows. Das Bemerkenswerte an diesen Debatten ist jedoch immer der tiefe Graben zwischen den Meinungen, von denen es meist nur zwei gibt. Entweder etwas ist (so oder so), oder er es ist nicht (so oder anders): Von dieser Kontravalenz ist das Denken der jeweiligen Parteien geradezu infiziert. Da es ein Drittes sowieso nicht gibt, braucht man in den USA auch nicht mehr als zwei politische Lager.
In der Diskussion berufen sich beide Seiten zudem abwechselnd auf die harte, amerikanische Realität. Sie erklären, wie die Lage ist und was in dieser Lage zu tun sein sollte. Dabei widersprechen sie sich bereits in der Beschreibung des Ist-Zustands, merken es aber nicht. Sie tun so als ob sie über das Gleiche sprechen würden, was aber nicht der Fall ist. Dann geraten sie einander darüber in die Haare, wie das Problem zu lösen sei. Dabei findet im Grunde kein Austausch statt. Soll der Zuschauer die Synthese leisten? Die Antwort lautet: Nein, weil der Zuschauer sowieso entweder dem einen oder dem anderen Lager zustimmen wird, denn er gehört ja einem der beiden von vorneherein an. So setzt sich diese fruchtlose Form der Diskussion auch im Alltag fort. Obama-Befürworter und Obama-Gegner tauschen sich nicht aus. Sie erklären einander ihre Sicht der Welt, ohne überhaupt den Anspruch zu haben, dem anderen die eigene Sichtweise verständlich zu machen, geschweige denn irgendetwas vom Standpunkt des Gegenübers anzunehmen. Es herrscht am Ende ein implizites "Let's agree to disagree", das sich nach außen hin nur über mürrische Gesichter kommuniziert.
Wo ist jetzt der Unterschied zu Europa, möchte man fragen. Ich denke, dass die Europäer aufgehört haben, den Graben zwischen dem Einen und dem Anderen so streng zu ziehen. Eine ernsthafte Diskussion setzt a priori voraus, dass der andere Standpunkt einer von vielen möglichen ist, und dass selbiges auch für den eigenen Standpunkt gilt. Dieses implizite Wissen eröffnet jeder Diskussion eine potenziell unendlich weites Feld der Meinungen, Ansichten und Lösungen. Dieses Feld wird dann durch den Vergleich mit der Wirklichkeit (die man sich im günstigsten Fall als eine vorläufige vorstelle) begrenzt, also in bestimmter Weise gezähmt. Nicht, dass es bei uns kein Lagerdenken gäbe. Aber ich glaube doch, dass sich der Europäer der Vorläufigkeit der diskussionswürdigen Themen und Thesen (und vor allem seiner eigenen Rolle in diesem Diskurs, seiner Beziehung zu den 'diskursiven Entitäten') eher bewusst ist als der Amerikaner. Deswegen, so scheint es mir, gibt es bei uns weniger „Experten“, zumindest weniger Auskenner, die sich auch selbst als solche bezeichnen würden. Der bescheidene Experte ist bei uns der glaubwürdigste.
Was die amerikanischen Experten in den Augen der Amerikaner so (scheinbar) glaubwürdig macht, ist nicht ihr Fachwissen oder ihre besonders interessante Sichtweise der Dinge. Es ist - und ich bin mir bewusst, dass das ein alter Hut ist - ihr Präsentationstalent und ihre rhetorischen Fähigkeiten. Man fühlt sich oft dazu hingerissen zu glauben, dass der gerade sprechende Experte eine frische Sicht der Dinge präsentiere. Doch dann sieht man hinter dem überzeugenden und überzeugten Gesichtsausdruck plötzlich die Fratze des exklusiven Oders grinsen und erkennt, dass auch er nicht bereit oder fähig ist, irgendetwas Neues in die Debatte einzubringen. Ein zögernder, nachdenklicher Diskutant (wie etwa unser alter Alexander van der Bellen) würde es in Amerika nicht einmal am Empfangsschalter eines Fernsehstudios vorbei schaffen. Es gilt in jedem Fall, Entschlossenheit zu vermitteln. Das Gedankenkonstrukt, das diese Entschlossenheit motiviert, ist völlig nebensächlich. Welchem Lager der Sprecher angehört, hat man ohnehin nach zwei Sätzen herausgefunden.
Der pragmatische Parmenidismus mag in der politischen Realität funktionieren. Gepaart mit der Freiheitsidee und dem Gedanken des offenen Diskurses muss er aber eine Scheinverbindung mit dem "l'idée vient en parlant" eingehen, der Vorstellung also, dass in der Diskussion über ein Thema neue Ideen entstehen können - ja sogar zwangsweise entstehen müssen. Leider gerät dieser mehr oder weniger unterhaltsame Überbau schnell zur Farce und hält für den Europäer wenig Erkenntnisreiches bereit. Ich sehe eine solche Diskussionsrunde und weiß am Ende nicht mehr über die amerikanische Schuldenkrise, sondern nur mehr über die amerikanische Art der Diskussionsführung und -inszenierung.
So tut man sich auch schwer, den Amerikanern eine europäische Perspektive auf Obama zu bieten. Denn Obama ist entweder schlecht, oder er ist gut, hat aber momentan ein paar Probleme, an denen sowieso die Republikaner Schuld haben - tertium non datur. Und das Dritte, das bin ich - meine Meinung zur amerikanischen Politik, sollte ich überhaupt eine haben, gibt es hier nicht. Würde ich versuchen eine zu formulieren, sie würde wahrscheinlich mit Verweisen auf die harte amerikanische Wirklichkeit ad absurdum geführt werden und ich müsste zugeben, dass ich die Wahrheit nun wirklich nicht gepachtet habe. Und dann erginge es mir wohl wie einem Alex vdB oder einem Heinzi Fischer.
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