Es würde doch sehr verwundern, ein Team der Gruppe D im Finale zu sehen. Frankreich und England sind nach wenig überzeugenden Leistungen weiter, Schweden bäumt sich noch einmal auf und bei der Ukraine bleibt ein schlechter Beigeschmack.
Vor Beginn der EM habe ich erwartet, dass sich Frankreich in der Gruppe D deutlich durchsetzen wird, England es schwer haben wird und Schweden gefährlich werden könnte, während die Ukraine vernachlässigbar bleibt. Von diesen Vorhersagen hat sich nur jene über England bewahrheitet und selbst die wird durch den ersten Platz, mit dem die Engländer ins Viertelfinale aufsteigen, ironischerweise noch relativiert. Ironisch ist dies deshalb, weil der erste Platz der Engländer eigentlich überhaupt nicht in Ordnung geht. Der stellt sie nämlich auf eine Stufe mit Deutschland und Spanien - und das zeigt schon, wie absurd es in dieser Gruppe D eigentlich zugegangen ist.
Die Ausgangslage vor den Spielen gestern war recht klar: Schweden war schon ausgeschieden und die Ukraine konnte sich nur mit einem Sieg noch in das Viertelfinale retten. Wie nah sie einem solchen kamen, wagte sich aber vorher keiner auszumalen! Dabei spreche ich gar nicht vom Tor, das sie zwar geschossen, aber nicht zuerkannt bekommen haben, sondern von der schwachen Leistung der Engländer, die im Spiel gegen den Gruppenaußenseiter ihr wahres Gesicht gezeigt haben. Da waren über lange Strecken weder Wille noch Weg erkennbar, da wurde gar nichts gemacht. Das englische Tor fiel freilich aus einer Standardsituation und blieb eine der wenigen beachtenswerten Aktionen des neu hinzugekommenen Wayne Rooney. Die Engländer schienen von Anfang an auf ein 0:0 zu spielen, was eigentlich bestraft hätte werden müssen.
"Hätte werden müssen" ist allerdings eine Figur, die der Fußball nicht kennt. Das zeigte sich am deutlichsten beim Tor der Ukrainer: John Terry klärte den Ball dabei hinter der Linie, was der Torrichter, dessen einziger Job im Grunde darin besteht, bei solchen Aktionen für Klarheit zu sorgen, nicht gesehen hat. Das ist problematisch, zumal es bisher schien als wäre die Einführung der Torrichter eine gute und richtige Idee gewesen. Jetzt fangen eben die Diskussionen wieder an; und das, obwohl die Aktion schon zuvor abgepfiffen hätte werden müssen, da sie aus einer Abseitsstellung entstanden war. Irgendwie lustig, denn da wurde eine Fehlentscheidung durch eine andere wieder aufgehoben. Die Engländer kümmerte das alles wenig, sie fühlten sich für das nicht gegebene Tor von Bloemfontein bei der WM gegen Deutschland vor zwei Jahre gerächt. So einfach ist Fußball manchmal - mit oder ohne "hätte werden müssen".
Die Franzosen und die Schweden haben auch ihre wahren Gesichter gezeigt. Frankreich hat sein letztes Gruppenspiel verloren und damit bewiesen, dass es auch gegen mittelklassige Gegner nicht restlos überzeugen kann. Vielleicht klappt das gegen hochklassige Gegner besser. Das zu beweisen steht jetzt gegen Spanien an - als Strafe für den zweiten Platz in dieser Gruppe der Enttäuschenden. Schweden war vor dem letzten Spiel schon raus und zeigte dann erst, was möglich gewesen wäre. Das ist schön, wenn eine Mannschaft toll spielen kann, wenn es um nichts mehr geht – aber helfen tut das niemandem. Am allerwenigstens Zlatan Ibrahimovic, dem Berufsunsympathler, der sich wohl mit dem Tor des Turniers von ebenjenem und aus der schwedischen Nationalmannschaft verabschiedet hat. Wer jetzt Europameister wird, sei ihm „scheißegal“, so ließ er erst kürzlich verlautbaren. Recht hat er, der Ibra – uns war ja auch immer scheißegal, was er sonst so macht, wenn er grad nicht auf dem Platz steht.
Ein wenig ratlos müssen wir jetzt den Viertelfinalspielen mit den Überlebenden dieser Gruppe D entgegen sehen. Hat Spanien wirklich leichtes Spiel mit diesen Franzosen, oder sind sie noch für eine Überraschung gut bzw. kann Spanien wieder an die Form vom Irland-Spiel anschließen? Normalerweise müsste ein Fixeinzug ins Halbfinale sowohl für Spanien als auch für Italien drin sein. Aber Euros haben schon manche seltsame Geschichte geschrieben und daher wissen wir, dass wir mit einem „normalerweise“ genauso weit kommen wie mit einem „hätte werden müssen“. Attraktive Viertelfinalpaarungen sind das allemal; so rein vom Klang her erinnert uns das an verregnete Nachmittage unserer Kindheit vorm Computer. Da ließ man auch gerne Italien gegen England oder Frankreich gegen Spanien spielen – niemals aber Deutschland gegen Griechenland oder Portugal gegen Tschechien!
Heute geht es mit der KO-Runde los und mit einem Spiel, auf das man sich eigentlich freuen kann. Denn erstmal steht ein Team aus der Gruppe A einem ernsthaften Gegner gegenüber, noch dazu einem, der für mich zu einem der überzeugendsten der Vorrunde gehört. Portugal sollte dieses Spiel gewinnen, um sich die Chance zu sichern, im Halbfinale gegen Spanien irgendwie unglücklich ausscheiden zu können (dieses Skript habe ich in meinem Kopf für die Portugiesen reserviert). Die Tschechen sollten dabei kein Hindernis darstellen. Doch hier haben wir schon wieder so ein Wort im Konjunktiv: mit „sollte(n)“ kommt man auch nicht weit. Irgendwie ist diese vorsichtige Vorhersagerei aber langweilig, also sag ich's frei heraus: Portugal gewinnt 3:1 und Tschechien holt sich mindestens drei gelbe Karten, wenn nicht sogar eine gelb/rote. Ronaldo trifft übrigens auch heute wieder, allerdings nicht aus einer Freistoßsituation.
Achja: Bisher gab es kein 0:0 und ab jetzt gibt es kein Unentschieden mehr; ist doch irgendwie erfreulich. Bin gespannt, ob die Engländer wieder im Elfmeterschießen ausscheiden. Gegen Italien besteht zumindest immer die Möglichkeit, dass es so weit kommt...
Mann des Tages: Zlatan Ibrahimovic – der Anti-Ronaldo, zumindest was die Verteilung unter denen angeht, die Unsympathler lässig finden. Ich kenne niemanden, der sowohl C. Ronaldo als auch Ibra gut findet. Ich mag sie beide nicht, würde aber beide gerne im selben Team spielen sehen, nur um zu beobachten, wie Ibrahimovic mit Ronaldo umgeht!
Buhmann des Tages: Oleg Blokhin, der wie ein Rumpelstilzchen an der Seitenlinie herumhüpfte, nachdem das Tor für sein Team nicht gegeben wurde. Hätte er sich mehr auf seine taktischen Möglichkeiten besonnen, wäre da vielleicht noch was drin gewesen. So aber kam das allzu „ukrainisch“ herüber – und zwar ukrainisch im schlechtesten vorurteilsbehafteten Sinne.
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Donnerstag, 21. Juni 2012
Samstag, 16. Juni 2012
Vintage-Fußball
Es ist Halbzeit bei der Euro 2012, die letzte Runde der Gruppenphase beginnt und so heißt es ab heute auch Verzicht üben, denn die letzten Spiele finden jeweils zeitgleich statt. Freilich ist das irgendwie blöd, aber erstens will man so etwas wie den Nichtangriffspakt von Gijón verhindern und zweitens wissen wir von dieser Euro bisher, dass nicht alle Spiele 90 Minuten lang gut sind. Ich wäre ja sowieso dafür, Fußballspiele auf 60 oder meinetwegen 70 Minuten zu verkürzen. Auch müsste man die Halbzeit nicht genau nach der Hälfte machen. Was wäre zum Beispiel mit einer 50-minütigen Spielzeit plus 20-minütiger Nachspielzeit mit Golden Goal bei Unentschieden? Das wäre alles viel kompakter und man könnte sich für die EM die Qualifikation sparen und überhaupt gleich alle UEFA-Mitglieder teilnehmen lassen. Aber dann würde einer der beiden Grundpfeiler des Fußballspiels umgeworfen, nämlich, dass das Spiel 90 Minuten dauert; und das geht nicht, auch wenn man den Ball rund belassen würde.
Apropos Grundpfeiler des Fußballspiels: England gegen Schweden war gestern ein bisschen Fußball im Vintage-Stil. Zwei recht unflexible 4-4-2-Formationen standen sich da gegenüber und bolzten um die Wette. Oberhand behielten schließlich die Engländer, weil sie doch mehr als einen guten Spieler haben und das auch wissen. Die Schweden besannen sich wieder ein wenig zu viel auf den immer unsympathischer werdenden Ibrahimovic, der eigentlich vor Arroganz gar nicht mehr laufen können dürfte – tut er eh ziemlich wenig. Dem englischen Tormann nach dem Tor ins Gesicht brüllen, das ist auch eine sehr fragwürdige Geschichte. Also kann man irgendwie froh sein, dass der Herr heim fährt und vielleicht wird Schweden nach der EM sich endlich seiner entledigen. Witzig, dass er aber doch ganz gut zum AC Milan passt...
Die Engländer spielten mit einem ebenso ideenlosen System wesentlich besser, aber halt nur, weil ihre Spieler in der Gesamtheit ungleich besser als die schwedischen sind. Andy Carroll, Stürmer von Liverpool, den Trainer Roy Hodgson neu brachte, ist die englische Variante von Zlatan Ibrahimovic, nur ein bisschen sympathischer: ein unangenehm zu verteidigender, sehr zweikampfstarker Stürmer gegen den sich Wayne Rooney wie ein Balletttänzer ausnimmt. Das war gestern auch eine großartige Partie von den Herren Young und Welbeck, ohne die dieses englische Team zu erlahmen gedroht hätte (Anzeichen davon sah man ja bereits in der Partie gegen Frankreich). Auch der eingewechselte Theo Walcott brachte ordentlich Schwung in die englischen Schlachtreihen, was letztlich zum bisherigen Tor des Turniers führte – dem herrlichen Ferserl von Danny Welbeck nach super Pass von Walcott. Die Frage, ob der das so wollte oder nicht, ist wie meistens eine dumme. Natürlich will man so etwas, nur gelingt es einem halt nur manchmal. Gestern hat's gepasst und es hat den Engländern sogar den verdienten Sieg gebracht und somit das Verbleiben im Turnier gesichert.
Die Schweden fahren als zweites Team der EM fix nach Hause und darüber kann niemand so wirklich traurig sein. Überhaupt hat die Gruppe D ein wenig enttäuscht. Auch Frankreich hat es nämlich wieder nicht geschafft, in seinem zweiten Spiel den Mitfavoriten-Status zu unterstreichen. Freilich war da ein Klassenunterschied zu sehen, aber das französische Angriffsspiel muss noch viel effektiver werden, sollte es gegen Spanien oder Italien zum Einsatz kommen. Für das Halbfinale reicht das nicht. Das gilt allerdings auch für England. Sollte es England mit einer so konservativen und altbackenen Herangehensweise ins Finale schaffen, wäre das eine echte Überraschung; keine, die mir unrecht wäre, wohlgemerkt! Geld würde ich allerdings keines drauf setzen.
Jetzt heißt es noch einmal durchatmen und bis Dienstag durchhalten, dann gibt es einen Tag spielfrei. Wir starten wieder mit der Gruppe A, dem Kondensat des nicht mehr ganz so Bösen: Hier können noch alle Mannschaften die KO-Phase erreichen. Russland gelingt dies mit einem Sieg oder Unentschieden gegen Griechenland. Tschechien kann mit einem Sieg gegen Polen das Ticket lösen, es reicht aber auch ein Unentschieden, wenn die Russen nicht patzen. Polen müsste gegen Tschechien schon gewinnen – das halte ich für möglich und auch für wünschenswert. Auch die Griechen können sich mit einem Sieg gegen Russland weiterschießen. Der Aufstieg Russlands ist mehr oder weniger fix, Tschechien und Polen werden sich das zweite Viertelfinal-Ticket ausspielen.
Es beginnt also das große Abschied-Nehmen, das wohl erst morgen tragisch wird, denn da müssen wir uns von mindestens einem wirklich guten Team verabschieden (und damit meine ich jetzt nicht Holland). Einerseits ist es bitter, wenn bestimmte Teams heimfahren müssen, wohingegen bestimmte andere Teams ins Viertelfinale kommen (Gruppe A), andererseits muss man den Heimfahrern auch sagen, dass sie drei Gruppenspiele hatten und also genügend Zeit, sich für diese Euro etwas einfallen zu lassen. Wer es dann nicht packt, der packt, so einfach ist das! Und ab dem Viertelfinale gibt es sowieso Rambazamba, denn da wird der mentale Faktor immer wichtiger. Der Ball ist rund. Das Spiel dauert 90 Minuten. Günter Netzer hat tolles Haar.
Austragungsort der Vorrunde: Donezk, das mit seinen Wettereskapaden schon jetzt unvergessen ist. Im ersten Spiel erlahmten Franzosen und Engländer in den Temperaturen über 30 Grad, gestern musste das Spiel Frankreich-Ukraine für eine Stunde unterbrochen werden, weil es in Strömen regnete (schüttete) und Blitzgefahr bestand. Eine WM auf Sumatra stelle ich mir ähnlich vor. Den Fans war es großteils egal, die spielten während der Unterbrechung im Regen.
Mann des Tages: Danny Welbeck für das schönste Tor der EM.
Buhmann des Tages: Zlatan Ibrahimovic – den kann doch wirklich niemand mehr sehen.
Apropos Grundpfeiler des Fußballspiels: England gegen Schweden war gestern ein bisschen Fußball im Vintage-Stil. Zwei recht unflexible 4-4-2-Formationen standen sich da gegenüber und bolzten um die Wette. Oberhand behielten schließlich die Engländer, weil sie doch mehr als einen guten Spieler haben und das auch wissen. Die Schweden besannen sich wieder ein wenig zu viel auf den immer unsympathischer werdenden Ibrahimovic, der eigentlich vor Arroganz gar nicht mehr laufen können dürfte – tut er eh ziemlich wenig. Dem englischen Tormann nach dem Tor ins Gesicht brüllen, das ist auch eine sehr fragwürdige Geschichte. Also kann man irgendwie froh sein, dass der Herr heim fährt und vielleicht wird Schweden nach der EM sich endlich seiner entledigen. Witzig, dass er aber doch ganz gut zum AC Milan passt...
Die Engländer spielten mit einem ebenso ideenlosen System wesentlich besser, aber halt nur, weil ihre Spieler in der Gesamtheit ungleich besser als die schwedischen sind. Andy Carroll, Stürmer von Liverpool, den Trainer Roy Hodgson neu brachte, ist die englische Variante von Zlatan Ibrahimovic, nur ein bisschen sympathischer: ein unangenehm zu verteidigender, sehr zweikampfstarker Stürmer gegen den sich Wayne Rooney wie ein Balletttänzer ausnimmt. Das war gestern auch eine großartige Partie von den Herren Young und Welbeck, ohne die dieses englische Team zu erlahmen gedroht hätte (Anzeichen davon sah man ja bereits in der Partie gegen Frankreich). Auch der eingewechselte Theo Walcott brachte ordentlich Schwung in die englischen Schlachtreihen, was letztlich zum bisherigen Tor des Turniers führte – dem herrlichen Ferserl von Danny Welbeck nach super Pass von Walcott. Die Frage, ob der das so wollte oder nicht, ist wie meistens eine dumme. Natürlich will man so etwas, nur gelingt es einem halt nur manchmal. Gestern hat's gepasst und es hat den Engländern sogar den verdienten Sieg gebracht und somit das Verbleiben im Turnier gesichert.
Die Schweden fahren als zweites Team der EM fix nach Hause und darüber kann niemand so wirklich traurig sein. Überhaupt hat die Gruppe D ein wenig enttäuscht. Auch Frankreich hat es nämlich wieder nicht geschafft, in seinem zweiten Spiel den Mitfavoriten-Status zu unterstreichen. Freilich war da ein Klassenunterschied zu sehen, aber das französische Angriffsspiel muss noch viel effektiver werden, sollte es gegen Spanien oder Italien zum Einsatz kommen. Für das Halbfinale reicht das nicht. Das gilt allerdings auch für England. Sollte es England mit einer so konservativen und altbackenen Herangehensweise ins Finale schaffen, wäre das eine echte Überraschung; keine, die mir unrecht wäre, wohlgemerkt! Geld würde ich allerdings keines drauf setzen.
Jetzt heißt es noch einmal durchatmen und bis Dienstag durchhalten, dann gibt es einen Tag spielfrei. Wir starten wieder mit der Gruppe A, dem Kondensat des nicht mehr ganz so Bösen: Hier können noch alle Mannschaften die KO-Phase erreichen. Russland gelingt dies mit einem Sieg oder Unentschieden gegen Griechenland. Tschechien kann mit einem Sieg gegen Polen das Ticket lösen, es reicht aber auch ein Unentschieden, wenn die Russen nicht patzen. Polen müsste gegen Tschechien schon gewinnen – das halte ich für möglich und auch für wünschenswert. Auch die Griechen können sich mit einem Sieg gegen Russland weiterschießen. Der Aufstieg Russlands ist mehr oder weniger fix, Tschechien und Polen werden sich das zweite Viertelfinal-Ticket ausspielen.
Es beginnt also das große Abschied-Nehmen, das wohl erst morgen tragisch wird, denn da müssen wir uns von mindestens einem wirklich guten Team verabschieden (und damit meine ich jetzt nicht Holland). Einerseits ist es bitter, wenn bestimmte Teams heimfahren müssen, wohingegen bestimmte andere Teams ins Viertelfinale kommen (Gruppe A), andererseits muss man den Heimfahrern auch sagen, dass sie drei Gruppenspiele hatten und also genügend Zeit, sich für diese Euro etwas einfallen zu lassen. Wer es dann nicht packt, der packt, so einfach ist das! Und ab dem Viertelfinale gibt es sowieso Rambazamba, denn da wird der mentale Faktor immer wichtiger. Der Ball ist rund. Das Spiel dauert 90 Minuten. Günter Netzer hat tolles Haar.
Austragungsort der Vorrunde: Donezk, das mit seinen Wettereskapaden schon jetzt unvergessen ist. Im ersten Spiel erlahmten Franzosen und Engländer in den Temperaturen über 30 Grad, gestern musste das Spiel Frankreich-Ukraine für eine Stunde unterbrochen werden, weil es in Strömen regnete (schüttete) und Blitzgefahr bestand. Eine WM auf Sumatra stelle ich mir ähnlich vor. Den Fans war es großteils egal, die spielten während der Unterbrechung im Regen.
Mann des Tages: Danny Welbeck für das schönste Tor der EM.
Buhmann des Tages: Zlatan Ibrahimovic – den kann doch wirklich niemand mehr sehen.
Freitag, 15. Juni 2012
Irischer Abgang mit Stil
Public Viewings sind toll, wenn man Bierbänke und brüllende Fangruppen mag. Ich mag Bierbänke und bei den Fangruppen kommt es immer darauf an, ob es sich um SchwedInnen, singende Iren, lustige Holländer oder halt im Kroaten handelt, die ein Gebrüll anstimmen, als wollten sie in den Krieg ziehen anstatt der EU beitreten. Public Viewings sind nicht toll, wenn man sich ein Spiel genau anschauen will, d.h. sie sind vollkommen wertlos, wenn es ein sehr von Taktik geprägtes Match zu sehen gibt mit wenig Torszenen, die mit gutturalen „Uh!“s oder „Oah!“s kommentiert werden könnten. Das Match zwischen Kroatien und Italien eignete sich zwar gut für ein Public Viewing, im Nachhinein hätte ich es aber auch gern in Ruhe gesehen, denn ich bin mir nach Lektüre der gewohnten Berichterstattung sicher, dass es da mehr zu beobachten gab als gute Torchancen auf beiden Seiten. Aber auch beim Fußball-Schauen gilt dasselbe wie sonst auch: nämlich, dass man eben nicht alles haben kann. (Das wieder mal als der Weisheit letzter Schluss zu verkaufen... na servas!)
Sieht man Italien zu, hat man, trotz der nach vorne spielfreudigeren Ausrichtung dieser 2012er Mannschaft, das Gefühl, dass ein Sieg immer ein 1:0, eine Niederlage immer ein 0:1 und ein Unentschieden immer ein 1:1 sein muss. Vielleicht ist das der Grund, warum sich der italienische Fußball so gut für Wettbetrug eignet; derlei Ergebnisse sind leicht … sagen wir 'herzustellen'. Dabei war es gestern gar nicht so, als hätten die Italiener nicht das Zeug dazu gehabt, aus dem Spiel heraus ein zweites Tor zu erzielen. Vor allem am Ende der ersten Halbzeit war Italien spielerisch überlegen und konnte einige gute Chancen generieren. In der zweiten Halbzeit wurde Modrić direkt auf Pirlo angesetzt, was den Aufbau von Angriffen auf italienischer Seite viel besser unterband. Cassano und Balotelli, das stumpfeste Stürmerduo der Welt, waren nicht unauffällig, jedoch leider zu uneffektiv. Diesmal konnte auch Ersatzmann di Natale nicht die Wende herbeiführen.
Es war aber nicht nur die italienische Chancenauswertung, die dieses Spiel bei einem Unentschieden beließ; vor allem waren es die unbändigen Kroaten, die ihre Leistung vom Spiel gegen Irland noch steigern und die Italiener auch über weite Strecken unter Druck setzen konnten. Das funktioniert nur dann, wenn die Topstars (Srna, Modrić, Mandžukić) Topleistung bringen, die anderen keine Scheu vor großen Gegnern zeigen und das Team taktisch perfekt eingestellt ist (wofür Coach Slaven Bilić gesorgt hat). Dann, wenn so ein Spiel funktioniert, generiert sich erst jenes Selbstvertrauen, das man braucht, um mutig und frech gegen Teams wie Italien zu Werke zu gehen – und das hat Team Kroatien hervorragend gemacht. Sie hätten sich damit auch den Sieg verdient. Aber gegen Italien zwei Tore zu machen, das fällt selbst Europameister Spanien schwer.
Die Spanier haben das gemacht, was man von ihnen erwartet hatte. Ich habe es gestern schon gesagt, dass sie die Iren abschießen werden (was keine besonders mutige Vorhersage war) und dass es den Iren egal sein wird (was sich auf eine doch etwas überraschende Weise bewahrheitet hat). Spanien steht jetzt gut da: Sie haben im ersten Match gegen den schwersten Gruppengegner eine taktische Ausnahmevariante probiert, die gut funktioniert hat. Im zweiten Match, gegen den Gruppenschwächsten, haben sie sich mit der Standardeinstellung Selbstvertrauen geholt und allen anderen Teams dieser Euro gezeigt, dass es mit dem spanischen Zauber noch lange nicht vorbei ist. Tiki-Taka in Zahlen: 788 angekommene Pässe von insgesamt 860 (nur zum Vergleich: Team Eire passte insgesamt 254 mal, wovon 178 auch wirklich ankamen). Der Vergleich der Pass-Statistik ist freilich nicht nur ein Vergleich zweier Spielklassen, sondern eben auch der unterschiedlichen Spielweise; aber wer 600 erfolgreiche Pässe mehr spielt als der Gegner, hat auch gute Aussichten auf eine erfolgreichere Chancengenerierung und -auswertung.
Über das Match muss eigentlich nichts gesagt werden, außer, dass es ein Zeichen dafür war, dass Spanien als Favorit absolut in der Lage ist, zu überzeugen. Deutschland hat hier noch etwas nachzuholen, aber immerhin bleibt denen das letzte Gruppenspiel gegen den falschen Gruppenaußenseiter ('falsch' deshalb, weil Dänemark nur auf dem Papier das schwächste Team ist, in Wahrheit aber das einzige, das in dieser Gruppe irgendwelche Erwartungen übertroffen hat). Irland ist nun das erste Team dieser Euro, das schon fix ausgeschieden ist. Die Iren trugen das aber wie erwartet mit Fassung: Während der letzten Minuten des Spiels intonierten die irischen Fans Gesänge, wie man sie selten in Fußballstadien während einer Euro gehört hat. Man muss es selbst hören und sehen, wie Spanier und Iren in dieser Kulisse ihr Spiel fertig spielen – es klingt wie in einer Kirche. Gespenstisch irgendwie, aber für einen irischen Fußballspieler muss das wohl das absolute Gänsehaut-Feeling sein. Noch nie habe ich Fans eine Niederlage so würdig akzeptieren gesehen bzw. gehört. Fantechnisch ist das sicherlich das Highlight dieser EM und wird unmöglich zu toppen sein. Ganz große Gratulation und ein herzliches Dankeschön an die irischen Fans – würdevoller kann man nicht ausscheiden!
In der Gruppe D stehen heute die letzten Spiele der zweiten Runde an. Dabei werden England und Frankreich zeigen müssen, dass sie sich – von einander ungestört – frei spielen können. Frankreich hat es mit Andrij Schewtschenko zu tun, England spielt gegen Ibrahimovic. Eigentlich sollten sich hier die in ihrem ersten Aufeinandertreffen noch schaumgebremsten Favoriten durchsetzen, wobei man mit der Ukraine die leichtere Aufgabe für Frankreich vermutet. Aber Vorsicht, wir wissen aus dem ersten Spiel, dass beide Teams zu sehr schlechtem Fußball fähig sind! Wenn Andrij Schewtschenko nach dem furiosen ersten Spiel noch Kraft für ein zweites haben sollte, darf auch mit ihm, dem Jetzt-schon-Volkshelden, wieder gerechnet werden. Frankreich muss gewinnen, nicht nur, um die Gruppenführung zu übernehmen, sondern auch um den Geheimfavoriten-Status zu rechtfertigen.
Auch England darf an Schweden nicht scheitern; ein Unentschieden wäre nicht nur moralisch zu wenig. Schweden hingegen hat die Chance, gegen England zu beweisen, dass mit ihnen doch noch zu rechnen ist. Jedoch würde mich auch hier alles andere als eine schwedische Niederlage überraschen und auch ein bisschen enttäuschen, haben sich doch die Engländer (zumindest eine Halbzeit lang) viel besser verkauft als ihnen zugetraut wurde. Alle vier Teams sollten noch etwas in petto haben, schließlich haben sie in der letzten Runde jeweils nur eine Halbzeit lang wirklich gespielt!
Mann des Tages: Andrea Pirlo, der den ersten schönen direkten Freistoß dieser EM verwandelt hat und mit seinem etwas fortgeschrittenen Alter und seiner Spielintelligenz der italienischen Mannschaft noch einen Rest von Würde verleiht.
Buhmann des Tages: Gibt's keinen, das haben sich die beiden Spiele wirklich nicht verdient. Vielleicht der kroatische Fan, der unbedingt Feuerwerkskörper auf das Spielfeld werfen musste. Gerade an einem Tag, an dem im Anschluss die Iren so positiv aufgefallen sind, wirkt sowas im Nachhinein betrachtet noch bescheuerter, stumpfer und unsinniger als es vorher schon war.
Sieht man Italien zu, hat man, trotz der nach vorne spielfreudigeren Ausrichtung dieser 2012er Mannschaft, das Gefühl, dass ein Sieg immer ein 1:0, eine Niederlage immer ein 0:1 und ein Unentschieden immer ein 1:1 sein muss. Vielleicht ist das der Grund, warum sich der italienische Fußball so gut für Wettbetrug eignet; derlei Ergebnisse sind leicht … sagen wir 'herzustellen'. Dabei war es gestern gar nicht so, als hätten die Italiener nicht das Zeug dazu gehabt, aus dem Spiel heraus ein zweites Tor zu erzielen. Vor allem am Ende der ersten Halbzeit war Italien spielerisch überlegen und konnte einige gute Chancen generieren. In der zweiten Halbzeit wurde Modrić direkt auf Pirlo angesetzt, was den Aufbau von Angriffen auf italienischer Seite viel besser unterband. Cassano und Balotelli, das stumpfeste Stürmerduo der Welt, waren nicht unauffällig, jedoch leider zu uneffektiv. Diesmal konnte auch Ersatzmann di Natale nicht die Wende herbeiführen.
Es war aber nicht nur die italienische Chancenauswertung, die dieses Spiel bei einem Unentschieden beließ; vor allem waren es die unbändigen Kroaten, die ihre Leistung vom Spiel gegen Irland noch steigern und die Italiener auch über weite Strecken unter Druck setzen konnten. Das funktioniert nur dann, wenn die Topstars (Srna, Modrić, Mandžukić) Topleistung bringen, die anderen keine Scheu vor großen Gegnern zeigen und das Team taktisch perfekt eingestellt ist (wofür Coach Slaven Bilić gesorgt hat). Dann, wenn so ein Spiel funktioniert, generiert sich erst jenes Selbstvertrauen, das man braucht, um mutig und frech gegen Teams wie Italien zu Werke zu gehen – und das hat Team Kroatien hervorragend gemacht. Sie hätten sich damit auch den Sieg verdient. Aber gegen Italien zwei Tore zu machen, das fällt selbst Europameister Spanien schwer.
Die Spanier haben das gemacht, was man von ihnen erwartet hatte. Ich habe es gestern schon gesagt, dass sie die Iren abschießen werden (was keine besonders mutige Vorhersage war) und dass es den Iren egal sein wird (was sich auf eine doch etwas überraschende Weise bewahrheitet hat). Spanien steht jetzt gut da: Sie haben im ersten Match gegen den schwersten Gruppengegner eine taktische Ausnahmevariante probiert, die gut funktioniert hat. Im zweiten Match, gegen den Gruppenschwächsten, haben sie sich mit der Standardeinstellung Selbstvertrauen geholt und allen anderen Teams dieser Euro gezeigt, dass es mit dem spanischen Zauber noch lange nicht vorbei ist. Tiki-Taka in Zahlen: 788 angekommene Pässe von insgesamt 860 (nur zum Vergleich: Team Eire passte insgesamt 254 mal, wovon 178 auch wirklich ankamen). Der Vergleich der Pass-Statistik ist freilich nicht nur ein Vergleich zweier Spielklassen, sondern eben auch der unterschiedlichen Spielweise; aber wer 600 erfolgreiche Pässe mehr spielt als der Gegner, hat auch gute Aussichten auf eine erfolgreichere Chancengenerierung und -auswertung.
Über das Match muss eigentlich nichts gesagt werden, außer, dass es ein Zeichen dafür war, dass Spanien als Favorit absolut in der Lage ist, zu überzeugen. Deutschland hat hier noch etwas nachzuholen, aber immerhin bleibt denen das letzte Gruppenspiel gegen den falschen Gruppenaußenseiter ('falsch' deshalb, weil Dänemark nur auf dem Papier das schwächste Team ist, in Wahrheit aber das einzige, das in dieser Gruppe irgendwelche Erwartungen übertroffen hat). Irland ist nun das erste Team dieser Euro, das schon fix ausgeschieden ist. Die Iren trugen das aber wie erwartet mit Fassung: Während der letzten Minuten des Spiels intonierten die irischen Fans Gesänge, wie man sie selten in Fußballstadien während einer Euro gehört hat. Man muss es selbst hören und sehen, wie Spanier und Iren in dieser Kulisse ihr Spiel fertig spielen – es klingt wie in einer Kirche. Gespenstisch irgendwie, aber für einen irischen Fußballspieler muss das wohl das absolute Gänsehaut-Feeling sein. Noch nie habe ich Fans eine Niederlage so würdig akzeptieren gesehen bzw. gehört. Fantechnisch ist das sicherlich das Highlight dieser EM und wird unmöglich zu toppen sein. Ganz große Gratulation und ein herzliches Dankeschön an die irischen Fans – würdevoller kann man nicht ausscheiden!
In der Gruppe D stehen heute die letzten Spiele der zweiten Runde an. Dabei werden England und Frankreich zeigen müssen, dass sie sich – von einander ungestört – frei spielen können. Frankreich hat es mit Andrij Schewtschenko zu tun, England spielt gegen Ibrahimovic. Eigentlich sollten sich hier die in ihrem ersten Aufeinandertreffen noch schaumgebremsten Favoriten durchsetzen, wobei man mit der Ukraine die leichtere Aufgabe für Frankreich vermutet. Aber Vorsicht, wir wissen aus dem ersten Spiel, dass beide Teams zu sehr schlechtem Fußball fähig sind! Wenn Andrij Schewtschenko nach dem furiosen ersten Spiel noch Kraft für ein zweites haben sollte, darf auch mit ihm, dem Jetzt-schon-Volkshelden, wieder gerechnet werden. Frankreich muss gewinnen, nicht nur, um die Gruppenführung zu übernehmen, sondern auch um den Geheimfavoriten-Status zu rechtfertigen.
Auch England darf an Schweden nicht scheitern; ein Unentschieden wäre nicht nur moralisch zu wenig. Schweden hingegen hat die Chance, gegen England zu beweisen, dass mit ihnen doch noch zu rechnen ist. Jedoch würde mich auch hier alles andere als eine schwedische Niederlage überraschen und auch ein bisschen enttäuschen, haben sich doch die Engländer (zumindest eine Halbzeit lang) viel besser verkauft als ihnen zugetraut wurde. Alle vier Teams sollten noch etwas in petto haben, schließlich haben sie in der letzten Runde jeweils nur eine Halbzeit lang wirklich gespielt!
Mann des Tages: Andrea Pirlo, der den ersten schönen direkten Freistoß dieser EM verwandelt hat und mit seinem etwas fortgeschrittenen Alter und seiner Spielintelligenz der italienischen Mannschaft noch einen Rest von Würde verleiht.
Buhmann des Tages: Gibt's keinen, das haben sich die beiden Spiele wirklich nicht verdient. Vielleicht der kroatische Fan, der unbedingt Feuerwerkskörper auf das Spielfeld werfen musste. Gerade an einem Tag, an dem im Anschluss die Iren so positiv aufgefallen sind, wirkt sowas im Nachhinein betrachtet noch bescheuerter, stumpfer und unsinniger als es vorher schon war.
Dienstag, 12. Juni 2012
Das Märchen vom alten Sack
Nachdem uns vorgestern die Gruppe C regelrecht verwöhnt hat, mussten wir gestern mit der Gruppe D wieder ins harte Brot der Wirklichkeit beißen: Fußball kann eben auch langweilig sein, und das nicht nur, wenn scheinbare Außenseiterteams spielen. Zu sagen, dass Frankreich und England über alle Maßen enttäuscht hätten, wäre vielleicht übertrieben. Immerhin war die erste Hälfte bisweilen recht ansehnlich und man konnte ungefähr erkennen, was beide Teams in diesem Turnier spielerisch noch vorhaben. Dazu muss man auch bedenken, dass die zwei Favoriten natürlich gut beraten waren, das Turnier vorsichtig anzugehen; und mit einem Unentschieden gegen den größten Konkurrenten in der eigenen Gruppe muss man eben zufrieden sein. Außerdem hatte es in Donezk gestern an die 35 Grad, das ist für Franzosen kein gütliches Fußballwetter und für Engländer schon gar nicht. Die beiden „Geheimfavoriten“ sind also entschuldigt. Gegen die Ukraine und Schweden wollen wir aber was Anständiges sehen, sonst gibt’s einen Nachzipf!
Wäre die unsägliche zweite Halbzeit nicht gewesen! Die zweiten 45 Minuten waren an Inferiorität kaum zu überbieten. Lust-, kraft- und ideenloses Getrete war das. Die französische Offensivabteilung verrannte sich in der englischen Abwehr, von der viel beschworenen Kreativität und Fluidität war da wenig zu erkennen. England war zunächst sehr spielfreudig unterwegs und viel besser als es im Vorhinein sämtliche schwachsinnigen Spatzen von den Dächern gepfiffen hatten. Dennoch erspielten sie viel zu wenige Chancen, da ist noch viel Luft nach oben. Vielleicht überlebt man Schweden noch und darf dann gegen die Ukraine wieder mit Rooney ran, der, mit neuem Haar auf der Tribüne sitzend, jetzt irgendwie aussieht wie ein irischer Gebrauchtwarenhändler auf Kontinentalurlaub. Eine gute Partie spielte der junge aber hässliche Joleon Lescott, und überhaupt scheint es, als müsse man sich um die englische Defensive weniger Sorgen machen als um das biedere Mittelfeld, das die Patenschaft für den Ausdruck „Verhaltenheit“ übernommen zu haben scheint: Oxlade-Chamberlain war engagiert, Milner auch stets bemüht, aber zusammengelaufen ist da trotzdem wenig.
Naja, die Partie kann man getrost vergessen, immerhin ist die Punkteteilung ein Resultat, das in Ordnung geht, und wir bekamen immer noch kein 0:0 zu sehen. Bemerkens- oder zumindest erwähnenswert ist es aber schon, dass die einzigen beiden Tore, die bis jetzt aus Freistoßsituationen erzielt wurden, den Engländern und Iren gehören. War im Inselfußball der Freistoß nicht immer schon eine Tugend, oder gehört das in den Fußballmärchenschrank zu Cordoba, Wembley und Rehakles? Überhaupt Inselfußball: Ist das nicht die Art Fußball, die wir uns jetzt wieder wünschen? Schneller, unkomplizierter Fußball, das Kick&Rush statt des ewigen Pass-Geschwurbles mit dem doofen Namen „Tikitaka“? Und wo sind die Weitschüsse, die altbackenen Lauf- und Steilpässe? Die finden wir noch bei Teams wie Schweden und der Ukraine. Nur, dass das auch nicht das Allheilmittel ist, zeigte die erste Hälfte dieser Begegnung.
Ukraine gegen Schweden, das war gestern der Abschluss der ersten Runde. Das zweite Gastgeberland spielte daheim in Kiew vor überwiegend eigenem Publikum. War aber auch egal, denn das Stadion war ob der schwedischen Nationalfarben sowieso ganz in blau und gelb. Die Erwartungen waren natürlich hoch – zumindest bei den Ukrainern selbst. Die Fußballexperten hätten wohl keine müde Mark auf diese Mannschaft gesetzt und im schlimmsten Fall, möglichst wenig auf die Schweden vertrauend, auf ein Unentschieden getippt.
So sah es in der ersten Hälfte auch aus, und zwar wirklich nach dem ersten drohenden 0:0. Beide Mannschaften spielten als setzten sie darauf, dass der Kollege Zufall ihnen zu Hilfe eilen würde. Der hatte aber offenbar keine Zeit oder schlicht kein Interesse an dem blau-gelben Geplänkel, das nun ohne seine Beteiligung aus wechselseitigen Fehlpässen und Foulchen bestand. Selten hatte ein Spieler länger als 5 Sekunden tatsächliche Kontrolle über den Ball. Es war grausam... bis zur Halbzeit.
Dann kam der unsympathische Ibrahimovic und traf für die Schweden zum 1:0 – man war ihm dankbar dafür und dachte, nun würde alles seinen Lauf nehmen, d.h. das Spiel würde vollends einschlafen und Schweden vielleicht noch ein Tor erzielen und sich somit das logische Endergebnis einstellen. Die Ukrainer wirkten bis zum Gegentreffer schlichtweg überfordert, vor allem, wenn es darum ging, ein eigenes Spiel aufzuziehen; gefährlich waren sie höchstens in Kontersituationen. Zu wenig Klasse im Kader, nur ein, zwei wirklich große Namen und halt der alte Sack Schewtschenko, der irgendwann mal gut war – aber wann das war, daran konnte man sich auch nicht wirlich erinnern. Ein Maskottchen halt für die Mannschaft bei der EM im eigenen Land. So wie bei uns Ivica Vastic, wollte auch Schewtschenko anfangs nur als Joker helfen, irgendwann in der zweiten Hälfte eingewechselt werden, damit er dann seinen alten Körper noch ein paar Minuten über den Rasen schleppen könnte und vielleicht, ganz vielleicht nur würde er zu ein oder zwei Möglichkeiten kommen. Geglaubt hat vermutlich nicht einmal mehr er selber daran.
Gestern aber spielte er von Beginn an. Vielleicht stellte ihn Trainer Oleg Blokhin nur deswegen rein, um den ukrainischen Fans zu geben, wonach sie sich sehnten: Noch einmal den großen Star der vergangenen Jahre auflaufen sehen, ihn noch einmal die Hymne singen zu hören (zumindest die Lippenbewegungen zu beobachten). Ein letztes Mal noch, Andrij! Ja, und dann schleppte er sich über den Platz, ein Schatten seiner selbst, aber auch nicht viel schlechter als seine Teamkollegen. Bis er dann sein Tor schoss, kurz nach dem Führungstreffer der Schweden. Und bis er dann sein zweites Tor schoss, nur sechs Minuten später.
Und dann wurde er ausgewechselt, um sich seinen Applaus abholen zu können. Das Stadion tobte, die Ukrainer hatten Tränen in den Augen. Ihr Andrij, der alte Andrij, schenkte ihnen zwei Tore und damit vielleicht den Sieg im Auftaktspiel der Heim-EM, vielleicht den ersten Sieg bei einer EM überhaupt. Und so blieb er an der Seitenlinie stehen und beobachtete das Geschehen gespannt. Musste mitansehen, wie die Schweden zum Schluss hin nochmal aufdrehten, wie zuerst Elmander und dann Mellberg die besten Chancen bis dato vergaben, wie die Nachspielzeit nicht enden wollte. Er und der von oben bis unten tätowierte Woronin, die wie aufgeregte Kinder vor der Trainerbank standen, sich gegenseitig hielten, bangten, hofften, immer wieder auf die Uhr blickten. Dann der Schlusspfiff, unendlicher Jubel, ein Volk so glücklich wie schon lange nicht mehr und der alte Sack umarmt von seinen Teamkollegen, der alte Sack, der seinem Team und seiner Nation zwei Tore zum Sieg geschenkt hat. Vielleicht war es sein letztes Geschenk, aber was macht das schon?
Das Spiel Ukraine gegen Schweden war vielleicht fußballerisch uninteressant (über weite Strecken). Wahrscheinlich war es auch nicht entscheidend für den Ausgang dieser EM – vielleicht nicht einmal für den Ausgang der Gruppe D. Aber es war womöglich das wichtigste Spiel der Gruppenphase bisher, weil es dem Fußballzwerg Ukraine (und eigentlich dem ganzen Turnier) einen Helden geschenkt hat und die Hoffnung gelassen hat, dass man doch mitspielen könnte, dass doch vielleicht was geht, dass man nicht gänzlich ohne Chance diese EM bestreiten muss. So hässlich das Spiel in der ersten Hälfte anzusehen war, so schön war es, Schewtschenko bei seiner ganz persönlichen Ehrenrunde zuzusehen. Wie er, der alte Sack, mit glänzenden Augen sich bei seinen Fans bedankte und wie sie ihn hochleben ließen. Eine Szene, die Andrij nie vergessen wird können, ein Abend, der in die ukrainische Fußballgeschichte eingehen wird, weil ein alter Sack zwei Tore in einem Vorrundenspiel geschossen hat. So etwas gibt es eben nur bei Weltmeisterschaften oder Europameisterschaften. Und jedem, der an solchen Veranstaltungen zweifelt (oder auch an der Begeisterung, die solche vermeintlich schwachen Partien auslösen können), dem solle das Märchen von Andrij Schewtschenko erzählt werden.
Mann des Tages: Natürlich der alte Sack, der Ivica Vastic der Ukraine, Andrij Schewtschenko. Vielleicht wird er jetzt der nächste ukrainische Präsident. Obwohl man ihm so ein Karriereende dann auch wieder nicht wünschen sollte.
Buhmann des Tages: Michel Platini, der beim zweiten Tor der Ukraine sichtlich verärgert agiert. Neben ihm der Präsident des ukrainischen Fußballbundes, der ein Freudentänzchen aufführt, und er, Platini, der richtig angepisst wirkt. Peinlich.
Wort des Tages: „Schmähbruder“, das Rhetorik-Kapazunder Frenkie Schinkels etwa 20 mal für jenen Ukrainer verwendet hat, der vor dem Tor der Schweden am Feld liegen geblieben ist und damit eine Spielunterbrechung erreichen wollte. „Na, des is eine Schmähbruada, die do liegen blaibt und do is goa nichts, so eine Schmähbruada, die Schmähbruada, also bai mia hätt die Schmähbruada keine Schongs mit so eine Schmähbruada...“ etc. Der größte Schmähbruder ist und bleibt sowieso Herbert Prohaska; aber Schinkels ist ihm dicht auf den Fersen!
Wäre die unsägliche zweite Halbzeit nicht gewesen! Die zweiten 45 Minuten waren an Inferiorität kaum zu überbieten. Lust-, kraft- und ideenloses Getrete war das. Die französische Offensivabteilung verrannte sich in der englischen Abwehr, von der viel beschworenen Kreativität und Fluidität war da wenig zu erkennen. England war zunächst sehr spielfreudig unterwegs und viel besser als es im Vorhinein sämtliche schwachsinnigen Spatzen von den Dächern gepfiffen hatten. Dennoch erspielten sie viel zu wenige Chancen, da ist noch viel Luft nach oben. Vielleicht überlebt man Schweden noch und darf dann gegen die Ukraine wieder mit Rooney ran, der, mit neuem Haar auf der Tribüne sitzend, jetzt irgendwie aussieht wie ein irischer Gebrauchtwarenhändler auf Kontinentalurlaub. Eine gute Partie spielte der junge aber hässliche Joleon Lescott, und überhaupt scheint es, als müsse man sich um die englische Defensive weniger Sorgen machen als um das biedere Mittelfeld, das die Patenschaft für den Ausdruck „Verhaltenheit“ übernommen zu haben scheint: Oxlade-Chamberlain war engagiert, Milner auch stets bemüht, aber zusammengelaufen ist da trotzdem wenig.
Naja, die Partie kann man getrost vergessen, immerhin ist die Punkteteilung ein Resultat, das in Ordnung geht, und wir bekamen immer noch kein 0:0 zu sehen. Bemerkens- oder zumindest erwähnenswert ist es aber schon, dass die einzigen beiden Tore, die bis jetzt aus Freistoßsituationen erzielt wurden, den Engländern und Iren gehören. War im Inselfußball der Freistoß nicht immer schon eine Tugend, oder gehört das in den Fußballmärchenschrank zu Cordoba, Wembley und Rehakles? Überhaupt Inselfußball: Ist das nicht die Art Fußball, die wir uns jetzt wieder wünschen? Schneller, unkomplizierter Fußball, das Kick&Rush statt des ewigen Pass-Geschwurbles mit dem doofen Namen „Tikitaka“? Und wo sind die Weitschüsse, die altbackenen Lauf- und Steilpässe? Die finden wir noch bei Teams wie Schweden und der Ukraine. Nur, dass das auch nicht das Allheilmittel ist, zeigte die erste Hälfte dieser Begegnung.
Ukraine gegen Schweden, das war gestern der Abschluss der ersten Runde. Das zweite Gastgeberland spielte daheim in Kiew vor überwiegend eigenem Publikum. War aber auch egal, denn das Stadion war ob der schwedischen Nationalfarben sowieso ganz in blau und gelb. Die Erwartungen waren natürlich hoch – zumindest bei den Ukrainern selbst. Die Fußballexperten hätten wohl keine müde Mark auf diese Mannschaft gesetzt und im schlimmsten Fall, möglichst wenig auf die Schweden vertrauend, auf ein Unentschieden getippt.
So sah es in der ersten Hälfte auch aus, und zwar wirklich nach dem ersten drohenden 0:0. Beide Mannschaften spielten als setzten sie darauf, dass der Kollege Zufall ihnen zu Hilfe eilen würde. Der hatte aber offenbar keine Zeit oder schlicht kein Interesse an dem blau-gelben Geplänkel, das nun ohne seine Beteiligung aus wechselseitigen Fehlpässen und Foulchen bestand. Selten hatte ein Spieler länger als 5 Sekunden tatsächliche Kontrolle über den Ball. Es war grausam... bis zur Halbzeit.
Dann kam der unsympathische Ibrahimovic und traf für die Schweden zum 1:0 – man war ihm dankbar dafür und dachte, nun würde alles seinen Lauf nehmen, d.h. das Spiel würde vollends einschlafen und Schweden vielleicht noch ein Tor erzielen und sich somit das logische Endergebnis einstellen. Die Ukrainer wirkten bis zum Gegentreffer schlichtweg überfordert, vor allem, wenn es darum ging, ein eigenes Spiel aufzuziehen; gefährlich waren sie höchstens in Kontersituationen. Zu wenig Klasse im Kader, nur ein, zwei wirklich große Namen und halt der alte Sack Schewtschenko, der irgendwann mal gut war – aber wann das war, daran konnte man sich auch nicht wirlich erinnern. Ein Maskottchen halt für die Mannschaft bei der EM im eigenen Land. So wie bei uns Ivica Vastic, wollte auch Schewtschenko anfangs nur als Joker helfen, irgendwann in der zweiten Hälfte eingewechselt werden, damit er dann seinen alten Körper noch ein paar Minuten über den Rasen schleppen könnte und vielleicht, ganz vielleicht nur würde er zu ein oder zwei Möglichkeiten kommen. Geglaubt hat vermutlich nicht einmal mehr er selber daran.
Gestern aber spielte er von Beginn an. Vielleicht stellte ihn Trainer Oleg Blokhin nur deswegen rein, um den ukrainischen Fans zu geben, wonach sie sich sehnten: Noch einmal den großen Star der vergangenen Jahre auflaufen sehen, ihn noch einmal die Hymne singen zu hören (zumindest die Lippenbewegungen zu beobachten). Ein letztes Mal noch, Andrij! Ja, und dann schleppte er sich über den Platz, ein Schatten seiner selbst, aber auch nicht viel schlechter als seine Teamkollegen. Bis er dann sein Tor schoss, kurz nach dem Führungstreffer der Schweden. Und bis er dann sein zweites Tor schoss, nur sechs Minuten später.
Und dann wurde er ausgewechselt, um sich seinen Applaus abholen zu können. Das Stadion tobte, die Ukrainer hatten Tränen in den Augen. Ihr Andrij, der alte Andrij, schenkte ihnen zwei Tore und damit vielleicht den Sieg im Auftaktspiel der Heim-EM, vielleicht den ersten Sieg bei einer EM überhaupt. Und so blieb er an der Seitenlinie stehen und beobachtete das Geschehen gespannt. Musste mitansehen, wie die Schweden zum Schluss hin nochmal aufdrehten, wie zuerst Elmander und dann Mellberg die besten Chancen bis dato vergaben, wie die Nachspielzeit nicht enden wollte. Er und der von oben bis unten tätowierte Woronin, die wie aufgeregte Kinder vor der Trainerbank standen, sich gegenseitig hielten, bangten, hofften, immer wieder auf die Uhr blickten. Dann der Schlusspfiff, unendlicher Jubel, ein Volk so glücklich wie schon lange nicht mehr und der alte Sack umarmt von seinen Teamkollegen, der alte Sack, der seinem Team und seiner Nation zwei Tore zum Sieg geschenkt hat. Vielleicht war es sein letztes Geschenk, aber was macht das schon?
Das Spiel Ukraine gegen Schweden war vielleicht fußballerisch uninteressant (über weite Strecken). Wahrscheinlich war es auch nicht entscheidend für den Ausgang dieser EM – vielleicht nicht einmal für den Ausgang der Gruppe D. Aber es war womöglich das wichtigste Spiel der Gruppenphase bisher, weil es dem Fußballzwerg Ukraine (und eigentlich dem ganzen Turnier) einen Helden geschenkt hat und die Hoffnung gelassen hat, dass man doch mitspielen könnte, dass doch vielleicht was geht, dass man nicht gänzlich ohne Chance diese EM bestreiten muss. So hässlich das Spiel in der ersten Hälfte anzusehen war, so schön war es, Schewtschenko bei seiner ganz persönlichen Ehrenrunde zuzusehen. Wie er, der alte Sack, mit glänzenden Augen sich bei seinen Fans bedankte und wie sie ihn hochleben ließen. Eine Szene, die Andrij nie vergessen wird können, ein Abend, der in die ukrainische Fußballgeschichte eingehen wird, weil ein alter Sack zwei Tore in einem Vorrundenspiel geschossen hat. So etwas gibt es eben nur bei Weltmeisterschaften oder Europameisterschaften. Und jedem, der an solchen Veranstaltungen zweifelt (oder auch an der Begeisterung, die solche vermeintlich schwachen Partien auslösen können), dem solle das Märchen von Andrij Schewtschenko erzählt werden.
Mann des Tages: Natürlich der alte Sack, der Ivica Vastic der Ukraine, Andrij Schewtschenko. Vielleicht wird er jetzt der nächste ukrainische Präsident. Obwohl man ihm so ein Karriereende dann auch wieder nicht wünschen sollte.
Buhmann des Tages: Michel Platini, der beim zweiten Tor der Ukraine sichtlich verärgert agiert. Neben ihm der Präsident des ukrainischen Fußballbundes, der ein Freudentänzchen aufführt, und er, Platini, der richtig angepisst wirkt. Peinlich.
Wort des Tages: „Schmähbruder“, das Rhetorik-Kapazunder Frenkie Schinkels etwa 20 mal für jenen Ukrainer verwendet hat, der vor dem Tor der Schweden am Feld liegen geblieben ist und damit eine Spielunterbrechung erreichen wollte. „Na, des is eine Schmähbruada, die do liegen blaibt und do is goa nichts, so eine Schmähbruada, die Schmähbruada, also bai mia hätt die Schmähbruada keine Schongs mit so eine Schmähbruada...“ etc. Der größte Schmähbruder ist und bleibt sowieso Herbert Prohaska; aber Schinkels ist ihm dicht auf den Fersen!
Freitag, 8. Juni 2012
Mitfavoriten und Sorgenkinder
Heute geht’s endlich los! Die voraussichtliche Wappler-Gruppe A lässt uns aber noch ein wenig Zeit, uns mit der äußerst interessanten Gruppe D zu beschäftigen, denn die EM geht ja irgendwie doch erst morgen los.
Interessant ist die Gruppe D vor allem wegen Frankreich und England. Schweden, das vor ca. 20 Jahren das letzte Mal richtig gut war (immer wieder erschrecke ich darüber, dass ich mich daran noch so gut erinnern kann – an die Lagerbäck-Zeiten mit Thomas Brolin, Martin Dahlin, Henrik Larsson und Thomas Ravelli), bleibt jedoch weiterhin eine hoch sympathische Mannschaft, die unangenehm zu spielen ist. 31 Tore hat dieses schwedische Team in der Qualifikation geschossen, womit ihm in der Gruppe der zweite Platz hinter Holland (37 Tore) sicher war. (Übrigens hat nur Deutschland als drittes Team mehr als 30 mal getroffen.) Wir dürfen also vermuten, dass Schwedens Offensive durchaus in Ordnung ist. Diese dreht sich um Zlatan Ibrahimovic, den eitlen Geck, ohne den Schweden normalerweise besser spielt, was aber keiner wahrhaben möchte, weil er der letzte große Star in Schweden ist. Freilich gibt es da noch den uralten Mellberg in der Verteidigung, der aber ist schon so lange dabei, dass ihn gar keiner mehr wahrnimmt.
Schweden ist stark, wenn sie in Ballbesitz sind und nach vorne spielen können, aber hinten sieht es eher traurig aus. Teams wie Frankreich und England werden das auszunützen wissen, bei der Ukraine bin ich mir nicht so sicher. Das zweite Gastgeberland umweht immer ein trauriges Lüftchen Ostblockelend. Anders als Partner Polen kann man auf keinen nennenswerten Kader (oder schlagbare Gruppengegner) vertrauen. Auch abseits des Fußballs steht man nicht gerade solide da, und obwohl das eigentlich kein Thema sein sollte (auch bei den Griechen z.B. nicht), wird dies aufgrund der Tatsache, dass es sich um eines der Austragungsländer handelt, natürlich nicht wegzudenken sein. Natürlich zehrt man aber als Gastgeber immer auch ein bisschen vom Wohlwollen der Fans – keine Heimmannschaft hat sich ein vollkommenes Debakel verdient, auch wenn der Fußball noch so schlecht sein sollte. Die Stimmung könnte natürlich ein wenig kippen, wenn abseits des Rasens noch ein paar unangenehme Dinge passieren sollten – wovon jeder auszugehen scheint. Die Ukraine wird sich wohl mit Irland um den letzten Platz streiten müssen.
Hinter dem englischen Team steht wieder mal ein großes Fragezeichen. Das Mutterland des Fußballs kämpft erneut darum, dass der Fußball sich nicht seiner Mutter schämen muss. Das Wort „Personalprobleme“ fasst Englands Situation knapp zusammen: Trainer Roy Hodgson wurde nur einen Monat vor Turnierbeginn eingestellt und es fehlen wichtige Spieler wie Lampard verletzungsbedingt, während andere (Rio Ferdinand) aus „persönlichen Gründen“ nicht dabei sind. Katastrophal ist zudem die Sperre Wayne Rooneys – er ist bei den schwierigen Partien gegen Frankreich und Schweden nicht dabei. Sein Fehlen würde Ashley Young die Chance geben, aufzuzeigen, und auch der junge Danny Welbeck könnte sich aus dem Schatten seines gesperrten Teamkollegens bei Manchester United spielen. Ohne Rooney, so mag man meinen, stimmt oft die Moral nicht. Rooney ist nämlich das, was Stefan Maierhofer für Österreich gerne sein würde – ein Moralmotor und eine Energiezelle. Sollte England aber seinen Ausfall kompensieren können, werden sie nach seiner Rückkehr zu einem ernstzunehmenden Mitfavoriten.
So einer sind die Franzosen schon von Anfang an. Nach der Katastrophen-WM vor zwei Jahren und der Suspendierung des dummen Domenech kann aber alles nur noch besser werden. Und es sieht ganz danach aus, dass genau das auch passieren wird: Die Offensivabteilung mit Ribery, Malouda, Nasri und Benzema ist nicht nur hochklassig besetzt, sondern kann auch hochklassig agieren. Im Extremfall wird bei Frankreich das Positionsspiel aufgegeben und dann wirbelt es da vorne ordentlich herum – Teamchef Laurent Blanc hat diese Offensiv-Fluidität in der Vorbereitung erfolgreich getestet. Es handelt sich dabei um eine Kräfte zehrende und hochriskante Variante, die wohl nur phasenweise ausgespielt werden wird. Mit besagtem Personal aber ergeben sich überraschende Kombinationsmöglichkeiten, die jedem Gegner gefährlich werden können, und so steht zu erwarten, dass Schweden und England damit ihre Probleme haben werden. Aber auch Frankreich muss sich bei dieser EM erstmal bewähren und zeigen, dass es wieder Fußball spielen kann und will. Wenn alles gut geht, sind sie ein Final-Tipp, wenn nicht, dann ist im Viertelfinale Schluss. Die Gruppenphase sollten sie aber locker überstehen.
Worauf wir uns freuen können:
Das erste Spiel Frankreich gegen England wird spannend. Erstens handelt es sich dabei quasi um einen Klassiker des europäischen Fußballs und zweitens wissen wir wirklich erst nach diesem Spiel, was von den beiden Mannschaften zu erwarten ist. Damit sind Frankreich, England und Italien die drei Allzeit-Mitfavoriten, von denen wir diesmal noch fast gar nichts wissen.
Wir sollten uns auch die Schweden genau ansehen. Sie sind die interessanteste „dritte Mannschaft“ des Turniers und haben mit Frankreich und England die vielleicht unsichersten „logischen Favoriten“ an der Gruppenspitze.
Bemerkenswerte Namen:
Joleon Lescott (ENG): Abwehrspieler von Manchester City; sein Name ist eine Mischung aus Lässigkeit und Tradition. Wäre Basketball in England von Belang, würde er sich dafür schon allein seines Namens wegen empfehlen.
Alex Oxlade-Chamberlain (ENG): Adeliger als der Mann von Arsenal heißt im englischen Team niemand. Das Chamberlain steht der doppelten l-x-x-l-Kombination fast schon versöhnend entgegen. Sprechen Sie nach: „Alex Oxlade-Chamberlain, Alex Oxlade-Chamberlain...“
Anthony Réveillère (FRA): Ein seltsamer Name, den der Lyon-Verteidiger da hat. Der Nachname mit seinem beliebigen Akzenten und dem etwas rätselhaften „ei“ könnte auch einem Widersacher oder Mitstreiter Robespierres gehört haben. Der Vorname allerdings schlägt diese Assoziation gänzlich in den Wind. Antoine wäre da besser gewesen.
Mathieu Debuchy (FRA): Wer denkt beim Defensivspieler aus Lille nicht an einen Komponisten, wenn er den Namen hört? Wie grausam wäre es, entpuppte sich der Komponist als kruder, holzbeiniger Rumpler!
Behrang Safari (SWE): Die Zeiten, in denen 80% der Namen im swedischen Team auf „-son“ geendet haben, sind längst vorbei. Behrang Safari von Anderlecht ist das beste und exotischste Beispiel dafür. Dafür gibt’s auch gleich zwei Olssons, einen Wilhelmsson, Svensson, Larsson, Antonsson und Hansson.
Wjatscheslaw Schewtschuk (UKR): Verteidiger von Schachtar Donezk. Wer Wjatscheslaw heißt, bräuchte eigentlich nicht mehr Schewtschuk heißen, aber so ist dieser Mann doppelt gefährlich!
Interessant ist die Gruppe D vor allem wegen Frankreich und England. Schweden, das vor ca. 20 Jahren das letzte Mal richtig gut war (immer wieder erschrecke ich darüber, dass ich mich daran noch so gut erinnern kann – an die Lagerbäck-Zeiten mit Thomas Brolin, Martin Dahlin, Henrik Larsson und Thomas Ravelli), bleibt jedoch weiterhin eine hoch sympathische Mannschaft, die unangenehm zu spielen ist. 31 Tore hat dieses schwedische Team in der Qualifikation geschossen, womit ihm in der Gruppe der zweite Platz hinter Holland (37 Tore) sicher war. (Übrigens hat nur Deutschland als drittes Team mehr als 30 mal getroffen.) Wir dürfen also vermuten, dass Schwedens Offensive durchaus in Ordnung ist. Diese dreht sich um Zlatan Ibrahimovic, den eitlen Geck, ohne den Schweden normalerweise besser spielt, was aber keiner wahrhaben möchte, weil er der letzte große Star in Schweden ist. Freilich gibt es da noch den uralten Mellberg in der Verteidigung, der aber ist schon so lange dabei, dass ihn gar keiner mehr wahrnimmt.
Schweden ist stark, wenn sie in Ballbesitz sind und nach vorne spielen können, aber hinten sieht es eher traurig aus. Teams wie Frankreich und England werden das auszunützen wissen, bei der Ukraine bin ich mir nicht so sicher. Das zweite Gastgeberland umweht immer ein trauriges Lüftchen Ostblockelend. Anders als Partner Polen kann man auf keinen nennenswerten Kader (oder schlagbare Gruppengegner) vertrauen. Auch abseits des Fußballs steht man nicht gerade solide da, und obwohl das eigentlich kein Thema sein sollte (auch bei den Griechen z.B. nicht), wird dies aufgrund der Tatsache, dass es sich um eines der Austragungsländer handelt, natürlich nicht wegzudenken sein. Natürlich zehrt man aber als Gastgeber immer auch ein bisschen vom Wohlwollen der Fans – keine Heimmannschaft hat sich ein vollkommenes Debakel verdient, auch wenn der Fußball noch so schlecht sein sollte. Die Stimmung könnte natürlich ein wenig kippen, wenn abseits des Rasens noch ein paar unangenehme Dinge passieren sollten – wovon jeder auszugehen scheint. Die Ukraine wird sich wohl mit Irland um den letzten Platz streiten müssen.
Hinter dem englischen Team steht wieder mal ein großes Fragezeichen. Das Mutterland des Fußballs kämpft erneut darum, dass der Fußball sich nicht seiner Mutter schämen muss. Das Wort „Personalprobleme“ fasst Englands Situation knapp zusammen: Trainer Roy Hodgson wurde nur einen Monat vor Turnierbeginn eingestellt und es fehlen wichtige Spieler wie Lampard verletzungsbedingt, während andere (Rio Ferdinand) aus „persönlichen Gründen“ nicht dabei sind. Katastrophal ist zudem die Sperre Wayne Rooneys – er ist bei den schwierigen Partien gegen Frankreich und Schweden nicht dabei. Sein Fehlen würde Ashley Young die Chance geben, aufzuzeigen, und auch der junge Danny Welbeck könnte sich aus dem Schatten seines gesperrten Teamkollegens bei Manchester United spielen. Ohne Rooney, so mag man meinen, stimmt oft die Moral nicht. Rooney ist nämlich das, was Stefan Maierhofer für Österreich gerne sein würde – ein Moralmotor und eine Energiezelle. Sollte England aber seinen Ausfall kompensieren können, werden sie nach seiner Rückkehr zu einem ernstzunehmenden Mitfavoriten.
So einer sind die Franzosen schon von Anfang an. Nach der Katastrophen-WM vor zwei Jahren und der Suspendierung des dummen Domenech kann aber alles nur noch besser werden. Und es sieht ganz danach aus, dass genau das auch passieren wird: Die Offensivabteilung mit Ribery, Malouda, Nasri und Benzema ist nicht nur hochklassig besetzt, sondern kann auch hochklassig agieren. Im Extremfall wird bei Frankreich das Positionsspiel aufgegeben und dann wirbelt es da vorne ordentlich herum – Teamchef Laurent Blanc hat diese Offensiv-Fluidität in der Vorbereitung erfolgreich getestet. Es handelt sich dabei um eine Kräfte zehrende und hochriskante Variante, die wohl nur phasenweise ausgespielt werden wird. Mit besagtem Personal aber ergeben sich überraschende Kombinationsmöglichkeiten, die jedem Gegner gefährlich werden können, und so steht zu erwarten, dass Schweden und England damit ihre Probleme haben werden. Aber auch Frankreich muss sich bei dieser EM erstmal bewähren und zeigen, dass es wieder Fußball spielen kann und will. Wenn alles gut geht, sind sie ein Final-Tipp, wenn nicht, dann ist im Viertelfinale Schluss. Die Gruppenphase sollten sie aber locker überstehen.
Worauf wir uns freuen können:
Das erste Spiel Frankreich gegen England wird spannend. Erstens handelt es sich dabei quasi um einen Klassiker des europäischen Fußballs und zweitens wissen wir wirklich erst nach diesem Spiel, was von den beiden Mannschaften zu erwarten ist. Damit sind Frankreich, England und Italien die drei Allzeit-Mitfavoriten, von denen wir diesmal noch fast gar nichts wissen.
Wir sollten uns auch die Schweden genau ansehen. Sie sind die interessanteste „dritte Mannschaft“ des Turniers und haben mit Frankreich und England die vielleicht unsichersten „logischen Favoriten“ an der Gruppenspitze.
Bemerkenswerte Namen:
Joleon Lescott (ENG): Abwehrspieler von Manchester City; sein Name ist eine Mischung aus Lässigkeit und Tradition. Wäre Basketball in England von Belang, würde er sich dafür schon allein seines Namens wegen empfehlen.
Alex Oxlade-Chamberlain (ENG): Adeliger als der Mann von Arsenal heißt im englischen Team niemand. Das Chamberlain steht der doppelten l-x-x-l-Kombination fast schon versöhnend entgegen. Sprechen Sie nach: „Alex Oxlade-Chamberlain, Alex Oxlade-Chamberlain...“
Anthony Réveillère (FRA): Ein seltsamer Name, den der Lyon-Verteidiger da hat. Der Nachname mit seinem beliebigen Akzenten und dem etwas rätselhaften „ei“ könnte auch einem Widersacher oder Mitstreiter Robespierres gehört haben. Der Vorname allerdings schlägt diese Assoziation gänzlich in den Wind. Antoine wäre da besser gewesen.
Mathieu Debuchy (FRA): Wer denkt beim Defensivspieler aus Lille nicht an einen Komponisten, wenn er den Namen hört? Wie grausam wäre es, entpuppte sich der Komponist als kruder, holzbeiniger Rumpler!
Behrang Safari (SWE): Die Zeiten, in denen 80% der Namen im swedischen Team auf „-son“ geendet haben, sind längst vorbei. Behrang Safari von Anderlecht ist das beste und exotischste Beispiel dafür. Dafür gibt’s auch gleich zwei Olssons, einen Wilhelmsson, Svensson, Larsson, Antonsson und Hansson.
Wjatscheslaw Schewtschuk (UKR): Verteidiger von Schachtar Donezk. Wer Wjatscheslaw heißt, bräuchte eigentlich nicht mehr Schewtschuk heißen, aber so ist dieser Mann doppelt gefährlich!
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