Posts mit dem Label sprache werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label sprache werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 13. September 2014

Der David

"Was der David immer mit der Prostata zu tun hat, musst du mir jetzt mal erklären", sagt der Langmayr Hansl und schüttelt den über sein iPad gebeugten Kopf.
"Wie meinst?", frage ich ihn geistesabwesend, weil ich selber gerade etwas überaus Interessantes im Internet entdeckt habe: Hunde, die aussehen wie ihre Besitzer - oder umgekehrt. Ich habe solche Fotos schon geschätzte 400 Mal gesehen, aber es fasziniert mich immer wieder. Vor allem der Umstand, dass immer und immer wieder solche Fotos auftauchen; und ich wage zu behaupten, dass es nie dieselben sind. Oder sind sie es doch? Ist die unermessliche Fülle an Information im Internet nur scheinbar? Kommt uns das Internet nur deswegen unendlich vor, weil wir ständig alles vergessen, was wir darin sehen, lesen und hören? Die Information ist ja zu 90 oder mehr Prozent vollkommen irrelevant. Und alles, was wir an Relevantem im Web finden, geht sowieso irgendwann verloren. Weil wir vergessen, ein Lesezeichen zu setzen; weil die Seite irgendwann offline geht und wir natürlich keine Offline-Kopie erstellt haben, und falls wir das doch gemacht haben, dann nicht auf diesem Gerät oder eben vor der letzten Formatierung...

Aber diese Hunde und ihre Besitzer... das ist schon faszinierend, dass zwei verschiedene Spezies sich so gleichen können. Aber woher weiß ich eigentlich, dass es sich bei diesen Menschen tatsächlich um die Besitzer der Hunde handelt? Vielleicht gehen da Leute mit Hunden spazieren und fragen wildfremde Passanten, ob sie sich nicht kurz mit dem Hund ablichten lassen würden; schließlich würden sie dem Köter ja so ähnlich schauen. Macht man das? In Amerika vielleicht. Oder nein, in England - da machen die das! "Excuse me, you look just like this dog. Do you mind if I take a picture of you with the dog? It's for a funny web page!". Nein, das macht doch keiner!
Oder ist es so, dass sich die Menschen gezielt Hunde zulegen, die ihnen ähnlich sehen? Also ganz absichtlich, meine ich. Nicht, dass sie durch das Tierheim marschieren und vor einem Zwinger stehen bleiben, wo sie dann ganz eitel mit einem Blick auf den Hund sagen: "Der sieht aber hübsch aus!", und eigentlich sich selber meinen.
Nein, ich meine, die Menschen gehen von Hund zu Hund und sagen irgendwo einfach: "Ja, der passt zu mir". So kommt ein dicker Mensch eher zu einem dicken Hund, weil er vielleicht Angst davor hat, sich auf einen Zwergpinscher draufzusetzen. Der Dicke denkt sich vielleicht auch: "Ich neben so einem kleinen Hund - das sieht doch lächerlich aus!" Also nimmt er einen Hund, der ihm in der Erscheinung ähnlich ist. Nach einigen Jahren des Zusammenlebens haben sich schließlich auch die Gesichtszüge einander angepasst. Der Hund ist ja ein gutmütiges Wesen und passt sich gern seinem Herrchen an. Wenn dieses ihn mit teigigem Gesicht und traurigen Augen tagein, tagaus anschaut, wird der Hund irgendwann auch ein trauriges, teigiges Gesicht bekommen. Nicht, weil er emotional verwahrlost, sondern weil der Hund das aus reiner Sympathie macht. Irgendwann sehen sich Herrchen und Hund so ähnlich, dass nicht der krasse Unterschied, den es bei der Beschaffung des Tieres noch strikt zu meiden galt, das Lächerliche ist, sondern die auffallende Ähnlichkeit zwischen Tier und Mensch.

"Was hat also jetzt der David mit der Prostata zu tun?", fragt der Hansl noch einmal, und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. - "Was? Wie meinst?", sage ich noch einmal. Der Hansl seufzt und tippt auf seinem iPad herum, während ich die Seite mit den Fotos von Hunden und ihren Besitzern schließe.
"Jedes Mal, wenn ich irgendwo über einen Artikel über die Prostata stolpere, ist da ein Bild vom David. Was hat der also damit zu tun?", fragt der Hansl. Er klingt jetzt dringlicher als zuvor. Es beschäftigt ihn also wirklich.
"Welcher David?", frage ich, lege das iPad weg und versuche mich nach meinem geistigen Ausflug in die physiogonomischen Ähnlichkeiten zwischen Tier und Mensch, jetzt ganz Hansls Problem zu widmen.
"Na die Statue. Die Davidstatue. Der Nackerte!", sagt der Hansl und hält mir das iPad hin. Es zeigt Michelangelos David neben der Überschrift "Prostatakrebs: Lang ignoriertes Leiden".
"Aso, der David", zeige ich mich verständig, habe aber schon vergessen, was der Hansl jetzt eigentlich wissen wollte. Also schaue ich ihn fragend an.
"Mir kommt vor, dass die jedes Mal den David zeigen, wenn es um die Prostata geht. Wieso machen die das?" Der Hansl scheint wirklich ein bisschen aufgebracht zu sein, aber seine Frage ist eine durchaus berechtigte.
"Die machen das wegen des Visual Contents" ist mein erster, zugegeben etwas halbherziger Versuch. "Die brauchen ja für jeden Online-Artikel ein Bild. Bei solchen Themen gehen ihnen halt oft die Bilder aus. Was sollen sie auch zeigen? Eine sezierte Prostata? Das ist ja grauslich."
"Jaja", macht der Hansl, "das ist schon klar, dass die Visual Content brauchen. Aber wieso immer der David?"
"Wegen dem Zumpferl!", sage ich. "Da weiß dann jeder 'Oha, jetzt geht es um was Intimes'. Und dann zeigt man eben das Zumpferl vom David. Also in erster Linie den David, der als nackter Mann anzeigt, dass das jetzt ein Männerthema ist. Und sein Zipfel zeigt an, dass es um was Intimes geht."
"Ja, aber das ist doch behämmert!", protestiert der Hansl sogleich. "Was hat denn der David mit der Prostata zu tun?"
"Ja eh nix... direkt halt. Eher indirekt. Also der David hatte ja auch eine Prostata. Also quasi eine Prostata."
"Der David ist eine Statue, der hat überhaupt keine Prostata!", wirft der Hansl ganz richtig ein.
"Ja, aber der David steht ja für etwas. Also die Statue, die steht für den Menschen, aber eben auch für den männlichen Körper, und also auch indirekt für die Prostata." Ich merke, dass ich mich auf dünnem Eis bewege.
"Dann steht der David aber auch für den Zehennagel des Mannes. Und für den Herzinfarkt und die Fettleber!" Der Hansl versucht jetzt also, meine eh schon schwache Argumentation mit Sarkasmus zu zerfleddern.

Ich beschließe, auch ein bisschen albern zu werden und sage: "Schau her, der David steht für den Mann. Aber eigentlich steht der David nur da, damit jeder sein Zipfel sehen kann. Darum ist es ja dem Michelangelo in erster Linie gegangen: Er macht den perfekten Körper, lässt ihn lässig dastehen mit Stand- und Spielbein und allem. Aber eigentlich will er nur das Zipfel zeigen. Und die meisten hat auch immer nur das Zipfel interessiert. Und deswegen kann eine Zeitung hergehen und das Bild vom David in einen Artikel über Prostatakrebs setzen. So funktioniert das einfach. Für 90% der Menschen ist der David einfach ein Nackerter - nicht mehr und nicht weniger."
"Hmm", macht der Hansl und lächelt ein bisschen. "Trotzdem kapier ich nicht, was das mit der Prostata jetzt genau zu tun hat."
"Eh nix,", sag ich, "aber was sollen's denn wirklich stattdessen hernehmen? Du kannst ja schlecht das Foto von einer Prostatauntersuchung zeigen. Oder gar einen behandschuhten Arztfinger! Das ist ja alles zu alarmierend. Der David ist schön und tut keinem was. Und jeder weiß, dass es jetzt um was männliches Intimes geht."
"... Kürbiskerne!", wirft der Hansl ein, "sie könnten doch auch Kürbiskerne nehmen. Da weiß auch jeder, dass die gut für die Prostata sind. Sie könnten ein Foto von Kürbiskernen nehmen, und jeder weiß: Aha, da geht es jetzt wieder um die Prostata."
"Ich weiß nicht. Das funktioniert wahrscheinlich nur bei Menschen, die viele Artikel über die Prostata lesen. Jetzt ist Herbst, und wenn du da ein Foto von Kürbiskernen hineingibst, dann denkt jeder in erster Linie an - Kürbiskerne! Da schlägt keiner die Brücke zur Prostata. Außer du vielleicht."
"Hmm", macht der Hansl erneut und schaut wieder auf das iPad.

Es gibt im Internet überhaupt viele Seiten, deren Idee darin besteht, dass sie Tiere zeigen, die irgendwie menschlich wirken. Das taugt den Menschen bzw. den Usern anscheinend am meisten: Wenn das Tier möglichst menschlich daherkommt. Der Hund trägt einen Hut, der Kater scheint zu schimpfen, das Eichhörnchen macht ein böses Gesicht: Das ist alles ganz köstlich, weil die Tiere dabei wie Personen wirken. Anthropomorphismus sagt man da auf gescheit. Das macht den Menschen lachen, weil er am liebsten eh über sich selbst lacht - auch wenn er das nicht gern zugibt. Das Tier kann ja gar nichts dafür, weil es nicht verstehen kann, worüber wir lachen. Manchmal habe ich Gefühle des Mitleids, wenn ich Menschen über Tiere lachen sehe. Im gleichen Moment erkenne ich, dass solche Gefühle ja eigentlich lächerlich sind. Das Tier trägt ja keinen emotionalen Schaden davon, wenn es verlacht wird. Im Gegenteil kann ich mir sogar vorstellen, dass ein Hund, der von seinem Herrchen ausgelacht wird, eine große Freude daran hat, dass er sein Herrchen zum Lachen bringt.
Das ist freilich irgendwie ein Missverhältnis, wenn auch kein besonders dramatisches. Es zeigt nur wieder die absonderliche Einrichtung der Welt, zumindest einen Aspekt davon: Wir sehen uns Videos an, in denen Tiere sich wie Menschen verhalten, und wir lachen darüber - und wissen eigentlich nicht warum. Das einzig Beruhigende daran ist wirklich, dass niemand Schaden daran nimmt. Dann wiederum gibt es Videos von Menschen, die sich wie Tiere aufführen, was wiederum viele Leute geil finden. Muss - ja, kann man das überhaupt verstehen?

"Was ist eigentlich die Mehrzahl von Prostata?", fragt mich der Hansl plötzlich.
"Prostatae wahrscheinlich", rate ich, während mir einfällt, dass dies bisher der einzige Nutzen des Lateinunterrichts gewesen ist: dass ich mit hoher Trefferquote den richtigen Plural von Fremdwörtern bilden kann; und, dass ich mir deren Herkunft ein bisschen erklären kann. Dafür machte man ein mehrjähriges Martyrium mit, in dem man Sätze von Autoren übersetzte, deren Leistung darin bestand, alles, was die Griechen schon erdacht hatten, noch einmal zu denken und auf Latein aufzuschreiben. Meistens übersetzte man falsch - und das Beunruhigende war, dass es einem nicht einmal auffiel, weil die falsche Übersetzung in vielen Fällen sinnreicher war als die richtige Version.

"Braucht man eh nicht", sagt der Hansl.
"Was?", frage ich, meinen Gedanken über das Lateinische entrissen.
"Die Mehrzahl von Prostata braucht man im Normalfall nicht. Man hat ja eh nur eine!"
"Stimmt. Außer du arbeitest beruflich mit Prostatae. Als Prostatologe. Die wären wahrscheinlich auch die einzigen, die dir einen falschen Plural übel nehmen würden."
"Wie meinst du?"
"Naja, einem Normalsterblichen ist es wohl egal, ob du von 'Prostatas' oder 'Prostatae' sprichst. Der Prostatologe würde wohl protestieren!"
"Prostatieren!", sagt der Hansl und lacht.
"Protestierende Prostatologen - das fehlt uns noch", sage ich und überlege, ob das Wort "Protest" irgendwas mit dem Testikel zu tun haben könnte.
"Pro testis", sagt in dem Moment der Hansl, der offenbar einen ähnlichen Gedanken hat, "für die Eier! Haha!"
"Für die Eier protestieren?"
"Genau! Die Prostatologen protastieren für die Prostata, während die Testologen für die Eier protestieren.", gluckst der Hansl.
"Oder muss es pro testes heißen? Pro verlangt ja den Ablativ? Oder pro testem? Was ist denn testis für eine Deklination?"
"Weiß ich doch nicht!", sagt der Hansl vorwurfsvoll. Und eigentlich möchte ich es selbst auch gar nicht wissen, weil ich mit der Information nur vor die weitere Frage gestellt wäre, wie denn jetzt korrekt zu deklinieren wäre. testis, testis, testi, testem, teste? Ich nehme das iPad wieder zur Hand und überlege, was denn nun der Plural von Testis ist.
"Was ist denn die Mehrzahl von Testis?", frage ich den Hansl, der reflexartig mit den Schultern zuckt.
"Ist das nicht schon Mehrzahl? Es sind ja zwei! Im Gegensatz zur Prostata", sagt er und lacht wieder.
"Na, es ist ja 'der Hoden'". werfe ich ein.
"Testis klingt aber eh schon nach Plural", bemerkt der Hansl und fährt seine volks-grammatischen Betrachtungen so fort: "Da hast du ein i und ein s. Das riecht zehn Meter gegen den Wind nach Mehrzahl!"
Tatsächlich google ich das Wort und sage nur: "Testes!"
"Testes?"
"Ja, das ist die Mehrzahl von Testis: Testes!"
"Das ergibt ja überhaupt keinen Sinn!", sagt der Hansl und ich gebe ihm Recht.
In einem Tab ist noch die Tierseite geöffnet und also schaue ich mir lieber das Video von einer Ratte an, die mit einer Spielzeugeisenbahn fährt und dazu pfeift.

"Da zeigen's übrigens auch immer den David", sagt der Hansl wieder.
"Wo?"
"Bei den Hoden-Artikeln im Gesundheitsteil in der Zeitung! Da sieht man auch oft den David!"
"Na also", sage ich und lache über die Ratte als Lokführer.


Montag, 21. Oktober 2013

Der Geruch des Lebens

"So wie einer am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!", verkündete der Student und kicherte zufrieden in seinen Cappuccinoschaum hinein. Die Spitzenkandidatin ermahnte ihn sofort: "Oder wie EINE!" Sie häkelte an etwas, das wie eine tibetische Gebetsfahne aussah. Genau genommen konnte es aber alles mögliche sein. Dazu trank sie fair gehandelten Jojobaöltee aus Surinam, wie sie zuvor stolz verkündet hatte.
"Wie, was? Eine? Häh?" Der Student schien verwirrt zu sein.
"Naja, das Leben riecht doch auch wie EINE morgens aus dem Mund, oder?", fragte die Spitzenkandidatin streng, während sie im Häkeln kurz innehielt und über den Rand ihrer Brille lugte. Es sah aus, als wäre ihr die Brille zufällig auf die Nasenspitze gerutscht, doch in Wahrheit trug sie ihre Brille immer so.
"Tja, also, das weiß ich jetzt nicht. Vermutlich schon. Ja, da hast du wahrscheinlich Recht… hm…" macht der Student und sah tatsächlich so aus als würde er grübeln. Schließlich sagte er nur: "Aber das sagt man halt so. Man sagt halt 'So wie einer aus dem Mund' und meint dann halt alle. Also die Menschen, beziehungsweise den Menschen an sich!"
"Das ist ja genau das Problem!" Die Spitzenkandidatin ließ jetzt ihre Häkelarbeit in den Schoß sinken und der Student wusste, dass das kein gutes Zeichen war. Eigentlich war er nur hier hergekommen, um den Wohnungskollegen der Spitzenkandidatin zum Fußball abzuholen. Der war aber gerade am Klo und so hatte der Student gedacht, es wäre eine gute Idee, mit der Spitzenkandidatin ein Gespräch zu führen. Er war der Meinung, dass sie eine Vorliebe für "schräge Sätze" hatte, und so hatte er sich schon vor Wochen diesen Satz zurechtgelegt und hatte nur auf die Gelegenheit gewartet, ihn "anbringen" zu können, wie er es ihrem Wohnungskollegen immer angekündigt hatte. "Irgendwann bring ich den an!", hatte er sich immer gefreut und gesagt: "Der ist gut, der Satz! Sehr gut sogar! Das haut die um, ganz sicher!"


Die Spitzenkandidatin elaborierte: "Dieses Mit-Meinen, das funktioniert nicht. Das ist immer die billige Ausrede. 'Frauen sind immer mitgemeint', wie oft habe ich den Schwachsinn schon gehört! Es ist doch so: Wenn wer mit-meint, dann kann er auch mit-sagen. Woher weiß man denn, dass frau wirklich mitgemeint ist? Ich kann ja nicht einfach davon ausgehen, dass sich wer mitgemeint fühlt, wenn ich den oder die dann nicht anspreche." Sie sagte wirklich "frau" statt "man", und das imponierte dem Studenten in gewisser Weise schon. Das war offenbar eine konsequente Frau, die redete nicht nur, die tat auch was! Eine Spitzenkandidatin, völlig zurecht!
"Naja", sagte der Student verlegen und nach kurzem Innehalten, "ich habe mir halt auch gedacht, dass das nicht sehr galant ist, wenn man sagt: 'So wie eine am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!'. Da hättest du dann wahrscheinlich auch protestiert und gesagt, was mir überhaupt einfallen würde, ob denn nur Frauen am Morgen aus dem Mund riechen würden und so weiter. Also hab ich mich für die männliche Variante entschieden." Das war natürlich gelogen, aber um Spontanausreden war der Student noch nie verlegen gewesen.
"Aso! Aha!", rief die Spitzenkandidatin aufgebracht, als hätte sie darauf nur gewartet. "Das ist ja da nächste chauvinistische Vorurteil, das Mann dauernd anbringt!" (Hier freute sich der Student kurz, dass sie auch das Wort "anbringen" verwendete.) "Wieder so quasi die Frauen, die sind ja von Natur aus rein und sauber und stinken nicht, die Männer aber schon, weil die das dürfen. Das ist ja wieder derselbe Quatsch, das geht ja alles in die gleiche Richtung." Obwohl sie gerade noch den Eindruck erweckt hatte, als wäre sie ehrlich erbost - sie hatte sich in ihrem Sessel aufgerichtet und den Studenten scharf über die Brille hinweg angesehen -, sackte ihre Aufgeregtheit nun schon etwas ab. Sie nahm einen Schluck vom Jojobaöltee und sank irgendwie zufrieden in ihren Sessel zurück, um sich wieder ihrer Gebetsfahne, oder was das auch immer war, zu widmen. "Eine müde, alte Dame, die so ein Gespräch schon hunderttausende Male geführt hat und eigentlich keine Lust mehr darauf hat, weil am Ende das Unverständnis steht", dachte der Student und die Erkenntnis machte ihn irgendwie traurig. Trotzdem bemühte er sich um eine Fortführung des Gesprächs.
"Ja, hm. Also irgendwie hast du da natürlich Recht. Aber der Satz verliert ja auch an Knackigkeit, wenn man sagt: 'So wie einer oder eine am Morgen aus dem Mund- so riecht das Leben!" Es war eine Verzagtheit in seinen Worten, die zu groß geraten war; so verzagt wollte er gar nicht klingen, nur ein bisschen unsicher, um sie wieder in Fahrt zu bekommen. Daher war er froh, als in diesem Moment der Mitbewohner der Spitzenkandidatin vom Klo zurück kam.


"Was? Wie riecht das Leben? Sag nochmal!", wurde der Student sofort aufgefordert, seine Weisheit zu wiederholen. Die Spitzenkandidatin blickte ihn prüfend an, was den Studenten natürlich nervös machte, obwohl er sich auch freute, dass sie jetzt wieder da war.
"So wie einer oder eine am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!" wiederholte er brav.
Der Mitbewohner blickte ihn ratlos an. "Was? Wie einer oder eine? Was meinst du da?"
"Na eben einer… oder halt eine! Mann oder Frau. Kann ja beides sein. Die Frau ist ja nicht automatisch mitgemeint, und Frauen können am Morgen auch aus dem Mund riechen. Also einer - oder eine!", erläuterte der Student umständlich. Die Spitzenkandidatin musste kurz grinsen, gab sich aber alle Mühe, dies zu verbergen. Also griff sie schnell zur Teetasse.
"Aha. Und so riecht das Leben? Wie einer aus dem Mund? Oder eine? Versteh ich nicht." Der Mitbewohner kannte sich noch immer nicht ganz aus.
"Nein. Also ja. Nein, der Satz geht nur so. Also wenn man ihn so sagt: 'Wie einer am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!'. Den kann man nicht umstellen. Sonst leidet die Knackigkeit darunter!"
"Ja, aber ich dachte einer oder eine?", stellte sich der Mitbewohner nun extra blöd, obwohl er den Satz ja schon lange kannte. Schließlich wusste er, dass der Student nur darauf gewartet hatte, ihn endlich "anbringen" zu können.
"Ja eh. Na, also der ursprüngliche Satz, so wie ich ihn gedacht hatte, war: 'So wie einer am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!' Aber dann hat sie gesagt, das geht nicht, weil die Frauen da nicht mitgemeint sein dürfen, sondern extra erwähnt werden müssen." Der Mitbewohner musste ein bisschen grinsen ob des Theaters, das der Student da jetzt aufführte, indem dieser vorgab, dem Mitbewohner noch nie zuvor von dem Satz erzählt zu haben.
"Das ist aber uncharmant!" rief der Mitbewohner deshalb vergnügt und sah die Spitzenkandidatin erwartungsvoll an.
"Ja, aber charmant darf man nicht mehr sein, weil das ist chauvinistisch. Oder so", wehrte sich der Student während die Spitzenkandidatin zufrieden lächelte.
"Aha. Weiß ich aber trotzdem nicht, was ich davon halten soll. 'Eine oder einer' hin oder her."
"Von was?", fragte der Student.
"Wovon!", rief die Spitzenkandidatin, "nicht von was. Wovon!"
"Ja, von wo äh wovon. Wie jetzt?" Das war dem Studenten jetzt zu viel.
"Na von dem Satz. Da weiß ich nicht, was ich von dem halten soll."
"Davon!", korrigierte die Spitzenkandidatin.
"Nein nein, von dem! Von dem Satz. Ich mein den Satz, den konkreten Satz. Da verwende ich 'dem', damit klar ist, dass ich den Satz gemeint habe und nicht irgendwas Allgemeines", wusste sich der Mitbewohner zu helfen. Er war ein ähnlicher Klugscheißer wie die Spitzenkandidatin eine Klugscheißerin war.
"Hm, ja. Hast Recht" sagte die Spitzenkandidatin nur schulterzuckend und widmete sich wieder der Häkelei. Der Student war verblüfft.
"Wie du weißt nicht, was du von dem halten sollst?" konzentrierte er sich wieder auf seinen Satz und den Mitbewohner.
"Ja, weiß nicht. Erstmal nichts. Ich halte lieber erstmal nichts davon."
"Von dem! Warum jetzt 'davon' und vorher hast du auf 'von dem' bestanden? Das ist doch inkonsequent!" erregte sich die Spitzenkandidatin wieder.
"Ja, von dem. Erstmal halt ich nichts von dem Satz. Erstmal nichts davon halten hat sich bewährt", meinte der Mitbewohner ruhig. "Übrigens auch ein guter Satz", schob er nach, "Erstmal nichts davon halten hat sich bewährt. Gut, oder?"
Der Student schien ein wenig beleidigt und wollte nicht auf den Satz des Mitbewohners eingehen: "Wieso hältst du nichts davon? Der ist doch gut! Also in seiner ursprünglichen Form, ohne die Gender-Problematik."
"Ts, Problematik!", sagte die Spitzenkandidatin leise und verdrehte dabei übertrieben die Augen.
"Sag doch 'jemand'! Dann sparst du dir das mit 'einer oder eine'", schlug der Mitbewohner vor.
"Ha!", machte die Spitzenkandidatin, "Jemand! Je-Mann-d! Da steckt überall der Mann drinnen!"


"Das ist jetzt nicht dein Ernst?" Der Student war ehrlich entsetzt. Die Spitzenkandidatin hingegen kicherte eigentümlich versöhnlich. Nahm sie ihn auf den Arm? Neckte sie ihn gar?
"Das klingt ja wie Kafka. Jemand…" Der Mitbewohner schien sich wirklich Gedanken zu machen. "'So wie jemand am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!'. Nein, das klingt zu mystery-mäßig, zu anonym. Das ist ja wer konkreter, der da aus dem Mund riecht."
"Jemand konkretes!" korrigierte die Spitzenkandidatin sofort.
"Nein, jemand konkreter!" behauptete der Mitbewohner fest.
"Da wären wir ja schon wieder beim er!" Und da hatte die Spitzenkandidatin Recht. Der Mitbewohner grübelte noch, da sagte der Student: "Aber ja, das stimmt schon, das geht nicht mit dem 'jemand'. Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte…" deklinierte er und der Mitbewohner ergänzte: "… roch er eines Morgens aus dem Mund!", und beide kicherten.
Die Studentin hingegen sagte nun, wie um der ganzen Diskussion ein Ende bereiten zu wollen: "Das ist überhaupt ein schwachsinniger Satz. Jetzt mal ehrlich! Was soll das bitte heißen? 'Das Leben riecht wie jemand aus dem Mund'. Totaler Unsinn ist das!"
"Am Morgen!" warf der Student ein.
"Am Morgen, am Abend… Ist doch egal. Das Leben riecht doch nicht wie jemand aus dem Mund riecht! Das Leben riecht überhaupt nicht. Und wenn, dann schon gar nicht wie jemand morgens aus dem Mund."
"Aber das ist doch auch das Leben, irgendwie", wusste der Mitbewohner anzuführen. "So schlecht ist der doch nicht, der Satz! Irgendwie poetisch. Wie jemand am Morgen aus dem Mund… klingt doch gut!"
"Sag ich ja! Aber ohne jemand!" freute sich der Student, dass wenigstens der Mitbewohner nun die Magie des Satzes erkannt zu haben schien.
"Schwachsinn ist das. Das ist doch keine Poesie, das ist Unfug." Die Spitzenkandidatin blieb hart.
"Ach was, Fug ist das! Da fügt sich was zusammen!", rief der Student erregt. Er wusste nicht, ob er ihre Wehrhaftigkeit gut finden sollte oder bloß stur. "Außerdem klingt das gut! Es klingt zusammen… symphonisch also - im wahrsten Sinne des Wortes!"
"Aber grausig ist das auch", gab der Mitbewohner zu bedenken, "muss man zugeben. Bei aller Liebe, schön ist das nicht, wie einer am Morgen aus dem Mund riecht!" - "Oder eine!" ergänzte die Spitzenkandidatin nun fast schon lethargisch.
"Das Leben ist doch auch grausig, manchmal. Das ist ja der Reiz der Aussage!", verteidigte der Student seinen Satz weiter.
"Dann darfst du das aber nicht generalisieren und sagen 'so riecht das Leben'. So und nicht anders. Das ist plump. Da fällt ja einiges unter den Tisch, was das Leben sonst noch sein kann." Die Spitzenkandidatin hatte anscheinend wieder zu ihrer markanten Sachlichkeit zurückgefunden.
Der Student konterte: "Freilich. Aber das ist halt der knackigen Aussage geschuldet. Da muss was unter den Tisch fallen, sonst gibt's keine Pointe und darunter würde die Knackigkeit leiden!"
"Knackigkeit… das ist auch so ein fragwürdiges Wort", gab der Mitbewohner zu bedenken; und die Mitbewohnerin darauf: "Direkt beknackt ist das!" Niemand kicherte.


"Also gut", versuchte sich der Student an einer Korrektur seines Satzes, 'Wie ein Mensch unbestimmten Geschlechts am Morgen aus dem Mund - so könnte ein Aspekt des Daseins riechen'. Das klingt doch scheiße!" Die Spitzenkandidatin lachte kurz auf, der Mitbewohner grinste und sagte ermutigend:
"Dasein ist gut! Besser als Leben! Und Mensch auch! Da sparst du dir 'jemand' und dieses umständliche 'einer oder eine'."
"Pff. Solche Sprücheklopfer… Das ist ja nicht auszuhalten. Diese pseudogescheiten Weisheiten. Das geht gar nicht!" Die Spitzenkandidatin das Interesse an der Konversation zu verlieren.
"'Geht gar nicht' sagen geht auch gar nicht!" ätzte der Student zurück.
"Lass Sie, die findet ja sogar Panoramafernsehen reaktionär!", versuchte der Mitbewohner unbeholfen die Wogen zu glätten.
"Ist es ja auch", sagte die Spitzenkandidatin beleidigt und schlürfte wieder am Jojobaöltee.
"Ist aber auch das Leben!", verkündete der Student stolz. "Wie Panoramafernsehen mit Hüttenmusik unterlegt - auch das ist ein Aspekt unseres Daseins!" Und der Mitbewohner lachte.
"Davon halte ich erstmal nichts", entgegnete die Spitzenkandidatin und schob ihre Brille hinauf, die sofort wieder zurück auf die Nasenspitze glitt.
"Das bewährt sich meistens!" Der Mitbewohner grinste und wandte sich an den Studenten: "Siehst du, so gehen gute Sätze. Die müssen sich bewähren. So wie mein Satz 'Ich halte erstmal nichts davon', der hat sich bewährt."
"Das hat sich bewährt!", rief der Student und hob den Zeigefinger wie der reinste Lehrer Lempel.
"Was?"
"Na du hast vorher gesagt: 'Ich halte erstmal nichts davon. Das hat sich bewährt' oder 'erstmal nichts davon halten hat sich bewährt'. Das war dein Satz - oder deine Sätze."
"Was? Ja, nein. Ich meinte doch den Satz jetzt. Also den ersten Teil. Der hat sich bewährt… im Gespräch, weil sie ihn verwendet hat."
"Also Bewährung zweiter Ebene meinst du?" feixte der Student und der Mitbewohner schien verzagt: "Ach, egal." Die Spitzenkandidatin grinste nur und fragte noch mal: "Und wie riecht es jetzt, das Leben?"
"Egal", sagte der Student und meinte es auch so.

Sonntag, 7. Juli 2013

Grazer Reminiszenzen 3: Die Sprache

"Kernöil ... Kernöuhl ... Kernaöl ... Kernauöil ...", probierte ich oft allein in meinem Studentenzimmer. Alles fängt mit dem Kernöl an. Nicht nur beim Essen, sondern auch in der Sprache. Der im bairischen Sprachraum vielgepriesene "Oachkatzlschwoaf" ist quasi die Eintrittskarte für Zugewanderte. An ihm demonstriert der Bayer oder Österreicher, dass du nie dazugehören wirst, egal wie gut dein "Oachkatzlschwoaf" auch ist - irgendwo zwischen "Oach" und "oaf" wird man immer erkennen, dass du eigentlich von woanders bist. Das Kernöl aber, das ist, von kundigen Sprechern gesagt, ein Wort von solcher phonetischer Subtilität, dass jeder Nicht-Steirer an seine natürlichen Sprachgrenzen stoßen muss. Weil man nämlich tausendmal glaubt, dass man es jetzt hat; und der Steirer dir gegenüber schüttelt unentwegt den Kopf. Das nicht-steirische Ohr hört das richtige "Öl" nicht, sondern immer etwas anderes. "Öil, Öuhl, Aöuil, ..." Manchmal glaubt man sogar das "l" verschwinden zu hören. Kontaktassimilation nennt der Phonetiker das. Aber auch der Phonetiker ist hilflos gegenüber dem Kernöl, weil es für die phonetische Transkription keine geeigneten Zeichen im phonetischen Inventar gibt. Es lässt sich nicht erhören oder erfassen.

Man hört das Wort nämlich weniger als man es spürt. Damit ist es der Urvater aller steirischen Wörter. Das Steirische erschöpft sich nämlich überhaupt nicht im allgemein angenommenen "Bellen". Freilich, der Student der Sprachwissenschaften schmunzelt, wenn er im ersten Semester erfährt, dass die neuhochdeutsche Diphthongierung, also jener Lautwandelprozess, der aus einem einfachen Vokal einen Doppelvokal werden lässt, im 12. Jahrhundert vom südostbairischen Sprachraum ausging: dem heutigen Kärnten und der Steiermark. Auch lässt sich der steirische Dialekt recht leicht (zureichend aber nicht hinreichend) parodieren, wenn man einfach aus jedem Vokal einen Zwielaut macht. Wer aber jemals Kontakt mit Süd- oder Oststeirern hat, merkt schnell, dass es damit nicht getan ist. Der steirische Dialekt prügelt einem das Trommelfell und verleitet zum Mitnicken beim Zuhören. Manchmal klingt es, wie wenn ein Volksschüler ein Gedicht im jambischen Versmaß übertrieben zu rezitieren versucht, um sich selbst vor dem Leiern zu bewahren. Das Steirische ist zuweilen anstrengend, aber es ist eine agile, nie langweilige und manchmal lustig hopsende Sprache. Und es ist (siehe Kernöl) komplexer als man denkt.

Im lexikalischen Bereich findet man als in die Kulturstadt gezogener Innergebirgler wenig Auffälliges. Im Lokal muss man sich halt daran gewöhnen, dass für den Steirer offenbar der Inbegriff eines Glases einen nullkommadreilitrigen Inhalt hat. Das "Glasl Bier" ist demnach das unsrige "Seitl" bzw. "Seitei". Zu Schwierigkeiten kommt es dabei aber nicht, weil auch die Variante "Seidl" bekannt ist. Am "Seitei" erfreuten sich die Grazer unverständlicherweise aber besonders, und so konnte ich stets mit meiner bescheidenen Bestellung Amusement erzeugen. "Seite! Seite!", riefen die Grazer vergnügt, und so war auch ich vergnügt darüber, dass ihnen das "ei" am Schluss ähnlich entgangen war wie mir manches Mal das "l" beim Kernöl.

Dass der Spritzwein bei den Grazern lapidar "Mischung" genannt wird, finde ich immer noch höchst kurios und es lässt mich den Steirern eine generelle Vorliebe für Oberbegriffe andichten. Glasl, Mischung, ... dauernd möchte man dem Steirer entgegenschreien "Wos? A Glasl wos? A Mischung wos? Wos wüst du mischen?! Wos wüst du in dei Glasl hom?!", aber eigentlich findet man das ganze eh recht drollig und lässt den Steirer gewähren. Die Vagheit der Begriffe "Glasl" und "Mischung" im Auge wundert es einen dann aber doch, dass ein Radler ein Radler bleibt, auch wenn der vorzugsweise mit Lederhosenlimonade gemacht wird. So gibt es konsequenterweise auch die "Almdudlermischung" - ein Wort von faszinierender Eleganz, vor allem, wenn es von einem Bewohner der südlichen Steiermark ausgesprochen wird.

Wenn der Steirer einige Glasln Bier und Mischungen verschiedenster Art getrunken hat, geht er meistens liegen. "Liegen gehen" heißt ganz eigentlich, dass man sich zum Schlafen niederlegt. Auch hier bleibt der Steirer sprachlich wieder sehr allgemein und sagt nicht genau, was er macht. Anfangs stellte ich mir Studenten vor, die wach auf ihrem Bette ruhen und sich Gedanken über die Unbestimmtheit der steirischen Sprache machen, wenn jemand sagte, er ginge jetzt liegen. Für die höchst passive Tätigkeit des einfachen Daliegens oder gar Schlafens hat die Wendung "liegen gehen" einen unangebracht aktiven Charakter. Es klingt fast wie Arbeit, schließlich muss man sich ja erst zu einer geeigneten Liegestätte begeben: "Ich gehe jetzt liegen" klingt nach Auftragserfüllung, wohingegen "Ich leg mich ein bisschen nieder" schon in der Ankündigung vor Faulheit stinkt. Zusätzlich meidet der Steirer mit dieser Phrase das Alarmwort "schlafen". Der Steirer schläft nie! Er liegt immer nur bzw. befindet sich Zeit seines Lebens immer nur auf dem Weg zu einer Ruhestätte. Wir können das einen Euphemismus nennen, sind aber im gleichen Moment nicht sicher, ob hier tatsächlich etwas Unangenehmes durch etwas Unverdächtiges ausgedrückt wird. Uns beschleicht vielmehr die Vermutung, dass der Steirer uns einfach täuschen will - auf gut deutsch: Er will uns verarschen. Oder aber er schämt sich. So wie man sagt "ich muss mal wohin" und niemals "ich habe Durchfall".

Wir erkennen also im Steirischen den Hang zur Verschleierung. Laute werden verschleiert, indem sie durch Hinzufügen von Zwischenlauten verwaschen werden. Möglichst allgemeine Begriffe ersetzen eindeutige Ansagen. Der Steirer täuscht und tarnt, wo er nur kann, er lässt uns im Unklaren über die wahre Natur der Dinge. Vielleicht lebt er aber auch nur konsequent die philosophische Grundannahme, dass die Dinge an sich eh nicht verfügbar sind - warum sich also die Mühe machen, sie möglichst genau zu beschreiben versuchen? Wir können den Steirer Sprachpragmaten nennen, der aber wegen eines untrüglichen Sinns für melodische Eleganz sich dankenswerter Weise einem jaulenden Singsang verpflichtet hat, der uns bei Laune hält und uns manchmal schmunzeln lässt; vielleicht neidisch schmunzeln lässt, weil wir uns zu Hause vor dem Spiegel wiederfinden, das Lautinventar des Kernöls betend: "Kernäöl, Kernauöil, Kernöuil, ..."

Montag, 25. März 2013

Sprechen Sie Deutsch ?/!

Touristen und Einwanderer haben es nicht leicht im Gebirge. Nicht nur ist es die ihnen oft unvertraute Landschaft, welche die Beschwerlichkeit des Berganschreitens genauso in sich birgt wie die oft schwer vorherzusehenden Wetterwechsel, die im Gebirge nicht nur unterhaltsam, sondern eben auch gefährlich sein können; viel öfter scheitert der Wille zum Wohlfühlen an der seltsamen Sprache der Innergebirgler. Denn der Bergmensch kann und will es nicht verstehen, dass er außerbergs nicht verstanden wird. Vielmehr: Es ist ihm egal. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass trotz mittlerweile flächendeckenden Englisch-Unterrichts, der Gebirgler auf dieser Sprache nur phrasenhaft kommunizieren mag. Sein Gebrauch des Englischen beschränkt sich zudem meist auf Wegbeschreibungen, die sich wiederum in den vielsagenden Anweisungen "down" und "up" erschöpfen. "Go up, donn hintre ... hinter... behind hoit. Nochand links... left!" Ahja.

Freilich, der Gebrauch der Englischen Sprache ist nicht jedermanns everyday business. Aber im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends kann mir kein Bewohner einer schon seit fast einem Jahrhundert touristischen Region erzählen, dass er einem Ortsunkundigen nicht auf Englisch den Weg zum nächsten Wirtshaus (als ob er den nicht kennen würde!) oder zum Skiverleih erklären könne. Der Grund, warum diese Situationen in echt immer wieder scheitern, liegt ganz einfach im Unwillen des sogenannten Einheimischen, etwas anderes als seine, die einheimische, Sprache zu sprechen. Diese Verweigerung macht nicht bei einer Weltsprache wie dem Englischen halt. Es erstreckt sich erschreckenderweise sogar auf die standardisierte, überregional verständliche Variante unserer Muttersprache.

Es sind nicht nur "arrogante Deutsche", die vorgeben, rein gar nichts von dem zu verstehen, was der Gebirgler ihm in breitestem Pinzgauer Dialekt zu verstehen gibt. Freilich, es schon auch solche, die sich absichtlich blöd stellen (oder einfach noch keinen Sprachkontakt mit uns hatten oder wollten), und die gleichzeitig davon ausgehen, dass wir ihrem Thüringischen oder Rheinfränkischen Dialekt so ohne weiteres folgen können. Ignorant sein, das kann man auch - und vor allem - in der Sprache.

Viel schlimmer ist die Weigerung des Bergmenschen, seinen Dialekt kurzzeitig zugunsten einer allgemein verständlicheren Variante des Deutschen aufzugeben, wenn er mit Menschen kommuniziert, die dem Deutschen durchaus mächtig sind bzw. sich zumindest alle Mühe geben, es sein zu wollen. Die Rede ist von Zuwanderern, denen ja immer gesagt wird, sie sollen gefälligst zuerst Deutsch lernen, bevor sie es sich bei uns gemütlich machen. Diese Menschen sind nicht abgeneigt zu tun, was von ihnen verlangt wird, ja manche sind mit Eifer und Freude bei der Sache - bis sie merken, wie wenig ihnen im sprachlichen Alltag ihr Wissen nützlich ist. Dort nämlich treffen sie auf den Bergmenschen, der, sobald er die ersten deutschsprachigen Bemühungen des Lernenden bemerkt, anfängt, mit diesem konsequent Pinzgauerisch zu reden. "Ko jo eh Deitsch. Des vastehta scho!", heißt es dann.

So fürsorglich und kameradschaftlich das vielleicht gemeint ist, so frustrierend ist es für den, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Sprache zu lernen, die angeblich in Österreich gesprochen wird. Sprachlernende, die ohnehin schon Mühe haben, das Deutsche in der freien Wildbahn des Alltags (im Gegensatz zur gepflegten Konstruiertheit des im Klassenraum Erlernten) sinnerfassend zu verstehen, sind verwundert: Was ist das für eine Sprache, die die Menschen hier sprechen?

Über die Unterschiede zwischen dem standardisiertem Deutsch und unserem Dialekt sind wir vielleicht zu wenig im Bilde. Wir können uns nicht vorstellen, wie unsere Umgangssprache für jemanden klingt, der sich gerade Mühe gibt, das Lautinventar, die oft komplexe Satzgrammatik und die Intonation des Deutschen zu durchschauen bzw. zu erhören. Für die Sprachlernenden aber ist es eine frustrierende Erfahrung: All die Mühe, die man vor allem am Anfang in ein Sprachstudium des Deutschen steckt, scheint umsonst gewesen zu sein. Das im Klassenzimmer mühsam Angeeignete hat in der Praxis wenig bis gar keinen Wert.

Umgekehrt geht der Einheimische her und hat mit den fortlaufenden Verständnisschwierigkeiten des Zuwanderers nur wenig Nachsehen: "Der lernt's nia!", heißt es dann lapidar. Und wenn er es lernt, der Herr Gastarbeiter, dann kommt dabei ein Kauderwelsch heraus, der jenseits der Grenzen des Bezirks wenig kommunikativen Alltagsbestand haben wird. Ein schlecht gelerntes Deutsch, das sich aus Dialektversatzstücken, der Grammatik der Muttersprache und ein bisschen Hochdeutsch konglomeriert, marginalisiert mehr als es integriert. Von keinem Einwanderer, der Deutsch ohne Vorkenntnisse erlernt, kann man erwarten, dass er es eines Tages akzentfrei sprechen wird, und das soll und kann auch gar nicht Ziel der sprachlichen Integration sein. Aber man kann als Muttersprachler den Lernwilligen eine kleine Hilfestellung leisten, indem man mit ihnen so kommuniziert, dass sie nicht nur verstehen, sondern im selben Zug auch noch wiedererkennen und dazulernen. Was kostet uns das mehr als eine kleine sprachliche Mühe, die eigentlich jeder Volksschüler im Unterricht aufzubringen imstande ist?

Woran also liegt es, dass die Gebirgler mit ihren so geschätzten Saisonkräften nicht ordentlich Deutsch sprechen können oder wollen? Einerseits wird da das Berufsumfeld des Gastgewerbes ins Spiel gebracht, das es angeblich unmöglich macht, Anweisungen in verständlichem Deutsch zu geben, weil alles "ruck-zuck" gehen muss und eigentlich sowieso alles ohne Worte ablaufen sollte. Nur: Wer seinen Angestellten Anweisungen auf Pinzgauerisch zubellt, läuft eben Gefahr, nicht richtig verstanden zu werden. Das hat entweder Nachfragen zur Folge (was auch wieder Zeit kostet) oder ein Missverständnis, das dazu führt, dass die erteilte Aufgabe nicht richtig erledigt wird - was noch mehr Zeit kostet.

Viel öfter aber scheint es so, als wolle der Innergebirgler gar kein ordentliches Deutsch sprechen. Er sieht den Dialekt als eine Art Geheimsprache, deren Verwendung Zugehörigkeit signalisiert. So manifestiert sich das allseits bekannte "Mia san mia" vor allem in der Sprache. Dem Lernenden wird damit signalisiert, dass er, so sehr er sich auch bemühen mag, es eben nie lernen wird. Er wird nie dazugehören. So gut sein Deutsch auch sein mag, der Gebirgler wird ihm mit seinem Dialekt immer voraus sein. "Haha, des vasteht a nid, ge?", ergötzt sich der Bergmensch am Unverständnis des Migranten. Diese "anti-integratorische" Komponente des Dialekts wird nie wirklich übersehen. Im Gegenteil: Der Dialekt ist dem Einheimischen sein Rückzugsort, wenn es ihm in der touristischen Interaktion zu viel wird, und er sich darauf besinnen möchte, dass er etwas Besonderes ist. Schließlich kann man sich eine Lederhose und einen Hut mit Gamsbart kaufen - eine kernige Aussprache jedoch nicht. An der hat sich noch immer gezeigt, ob einer ein "Dosiger" oder ein "Zuag'roaster" ist. Und die Zuag'roasten kann man ja jederzeit wieder "ausgrausigen", wie es heißt.

Freitag, 1. Februar 2013

Probleme mit dem Klopfer


Die Dame kommt aus Fuschl am See, sagt sie. Also muss sie wohl für Red Bull arbeiten, denn was täte man sonst in Fuschl am See mit einem mitteldeutschen Akzent? Darüberhinaus hat sie das perfekte Alter für Red Bull-Mitarbeiter: nicht mehr ganz jung, aber auch nicht alt; nicht verbraucht - eher angebraucht wirkt sie. Ein bereits geöffnetes Red Bull, das ein bisschen in der Sonne gestanden, aber noch nicht ausgeraucht ist. Sie fährt sicher nicht mehr in einem Mini Cooper mit einer Dose auf dem Dach umher. Vermutlich ist sie Sekretärin oder eine Vertriebsmitarbeiterin - irgendwas Unspektakuläres jedenfalls. Sie muss zu jenen Mitarbeitern gehören, die der Konzern versteckt, weil sie eigentlich nicht ganz in das nach außen getragene Image passen. Sie ist keine Extremsportlerin und eben auch nicht so ein junges Blondchen, das im RB-Mini durch Großstadtevents flitzt und dabei Kombucha trinkt. Wahrscheinlich aber macht sie ihre Arbeit gut. Trotzdem wirkt sie, als hätte sie einen Didi. Einen Titi vielmehr, also im Sinne von Klopfer, Huscher, Hieb oder Klescher. Einen Didi hat sie nur als obersten Chef, den Titi allerdings im Oberstübchen.

Abgesehen von der Dame, die einen Huscher hat, obwohl sie eigentlich kompetent sein müsste oder zumindest in der Lage sein, so zu tun: Wie schreibt man "Didi/Titi"? Didi kann es nicht heißen, weil es sich dann wirklich wie der Name anhört und darüberhinaus das "D" zu weich ist für den Klopfer, den jemand hat, wenn er nicht ganz auf der Höhe ist. "Titi" allerdings schaut wieder verfänglich aus, und spricht man es aus, wie es dasteht, klingt das gar nicht nach dem Huscher, sondern ganz blöd nach "Titty" und dann müssen schlichtere Geister schon mal kichern.

Was muss man anstellen, um diesem Wort in der schriftlichen Darstellung gerecht zu werden, ohne dabei die Aussprache zu verfälschen? Ich plädiere für "Didti". Mit dem "dt" wird das zweite "d" bzw. "t" nicht zu weich und es entsteht die nötige kleine Spannung vor der zweiten Silbe, die bei "Didi" einfach nicht eintritt. Das "D" am Wortanfang ist leider nicht wegzudenken, weil Österreicher ohnehin fast nie stimmhafte Ds sprechen, und meinen, sie müssten jedes "T" aspirieren, also ein besonders deutsches T produzieren, ein hartes, mit einem Nachhauch, bei bei "Theke" (was übrigens ein besonders hässliches Wort ist). Schreib also "Didti" und die meisten werden die Aussprache erwischen, die nötig ist, um den Klopfer zu beschreiben und nicht den Herrn Mateschitz.

So wie die Dame nicht ganz in die Red-Bull-Schiene passt, passt das Wort "Didti" nicht in unser Schreibvokabular: Didti schreiben wir nicht, wir sagen es nur. Erstens, weil wir nicht genau wissen, wie wir es schreiben sollen (das Problem wäre hiermit gelöst, auch wenn es blöd ausschaut), und zweitens, weil es eben so viele Synonyme dafür gibt. Da ist der Reichtum der Sprache wieder am richtigen Platz zu finden!

Donnerstag, 24. Januar 2013

Jausengegner

Einmal wurde ich von einem Sportunkundigen gefragt, was denn ein Jausengegner sei. Ich habe meine Freude an solchen Fragen, weil es einem einerseits vor Augen führt, welche Absurditäten man für selbstverständlich hält, andererseits sieht man sich gezwungen, über solche seltsamen Wörter einmal genauer nachzudenken.

Jausengegner also... In der Tat, so ein Wort gibt Rätsel auf! Vor allem, wenn man es ohne Zusammenhang vernimmt, könnte man ja durchaus meinen, es handle sich um jemanden, der sich strikt gegen das Einnehmen von kleinen Zwischenmahlzeiten ausspricht. Man stelle sich die empörten Gesichter von solchen Jausengegnern vor, wenn diese während eines Waldspaziergangs auf rastende Wanderer treffen, die, auf einer Bank sitzend und Wurstbrote sowie Landjäger kauend ihrer Brotzeit frönen. Auch in die Diskussion über die gesunde Schuljause würden sich solche Jausengegner natürlich einmischen. "Jause - wozu?" wäre etwa der Titel eines entsprechenden Leserbriefs in einem Lokalblatt zu diesem Thema, oder auch "Weg mit der Schuljause!".

Solche Jausengegner könnten einer Diätbewegung enstpringen, die striktes Fasten zwischen den Hauptmahlzeiten propagiert. Dazu müssten aber zu den diätologischen Aspekten auch noch moralische oder zumindest weltanschauliche treten. Jausengegner könnten zum Beispiel sagen, dass das sorglose Verzehren von kleinen Häppchen (noch dazu in der Öffentlichkeit!) ein Ausdruck der Verachtung gegenüber dem hungerleidenden Teil der Weltbevölkerung wäre. Ja, es müsste der herablassende Charakter des Jausnens hervorgekehrt werden. Jausnen, so müsste der Jausengegner betonen, sei keine naturnotwendige Tätigkeit, sondern entspringe vielmehr der Gier nach Luxus, der kapitalistischen Nahrungsmittelüberproduktion etc. und sei somit kategorisch abzulehnen. "Jausnen, pfui!", müsste allerorts plakatiert werden. Darüberhinaus sollte ein Jausenverbot gefordert werden, die Verbannung abgepackter Weckerl und überhaupt der Verkauf diverser Semmerln an der Wursttheke usf.

Nun, über die tatsächliche Bedeutung des Wortes Jausengegner habe ich den Unkundigen aufklären können, jedoch nicht ohne zu bemerken, dass die Verwendung des Wortes "Jause" in ebendiesem Kompositum gleichzeitig etwas Geringschätziges gegenüber der Brotzeit ausdrückt. Man könnte demnach fast glauben, das Wort "Jausengegner" wäre von den Jausengegnern selbst erfunden worden. Aber da beißt sich die Katze wieder in den Schwanz, und weil das weh tut, muss man solche Überlegungen rechtzeitig abbrechen.

Samstag, 8. Dezember 2012

Advent

Advent ist eine komische Zeit. Advent ist auch ein komisches Wort. Jeder neunmalkluge Mittelschüler kann einem erklären, dass es so viel wie "Ankunft" bedeutet. Alles klar, aber warum gibt es dann den ersten, zweiten, dritten und vierten Advent? Vier Ankünfte für eine Person, das ist schon ein bisschen übertrieben. Da merkt man bereits, was der Advent im Schilde führt: Er blendet uns nämlich. Mit Kränzen und Lichtern und Türchen auf Adventkalendern etc.

Advent ist die Zeit, in der man sich nichts erwartet und dann doch enttäuscht ist, wenn nichts passiert. Die meisten tun so, als wäre ihnen der Advent wurscht. Andere wiederum machen ein riesen Brimborium aus dem Advent und zelebrieren das Keksebacken, das Dekorieren, das Singen und Glühwein trinken usf. Dabei ist der Advent eigentlich nur ein Countdown. Der Adventkranz und der entsprechende Kalender sind Taktapparate. Tag um Tag rücken wir der Weihnacht näher - vier Wochen, 24 Tage und dann ist endlich alles vorbei und wir können uns wieder der lähmendsten Woche im Jahr widmen, nämlich jener zwischen Weihnachten und Neujahr, in der so gut wie gar nichts passiert.

Der Advent ist also das Warten auf das große Nichtstun, auf die Entspannung zwischen den Jahren. Hier wird gefressen und getrunken, und wer es gar nicht aushält, der sucht sich exotische Reiseziele, wo es heller und wärmer ist als in unseren Gefilden. Aber noch ist es nicht so weit, noch müssen wir uns mit Kerzerln und Lichterln über Wasser halten! Als Nervennahrung gibt es die unvermeidlichen Kekse sowie Punsch zur Beruhigung. Außerdem dürfen wir einkaufen gehen - auch das beruhigt die meisten und es steht sinnbildlich und ganz unironisch für das Warten auf das Nichts.

"Advent, Advent" - schon die Wiederholung des Wortes drückt die Ungeduld der Wartenden aus. Und nachher will es wieder keiner gewesen sein! Der nachweihnachtliche Kater ist das Eingeständnis einer Schuld, das Bekenntnis, dass man tatsächlich auf nichts gewartet hat. Obwohl man immer irgendwie gehofft hat, dass doch was passiert. Das ist, was vom Advent übrig bleibt: Hoffnung. Das wäre auch die verständlichere (wenn auch nicht die richtige) Übersetzung. Als Kind hofft man ganz profan auf das richtige Weihnachtsgeschenk. Als geübter Erwachsener darauf, dass diesmal alles anders wird und doch noch Weihnachtsstimmung aufkommt. Als älterer Mensch hofft man vielleicht schon spirituell auf das, was danach kommt. Eigentlich eine schlimme Zeit, dieser Advent...

Dienstag, 4. Dezember 2012

Die potemkinsche Hündin

Im Konzert-Café Schmid Hansl (das allein schon ein vielversprechender Name!) steht eine blaue ukrainische Grableuchte auf einem Tischlein. Daneben sind Cello und Gitarre platziert, am Boden drängt sich ein Sammelsurium von Effektgeräten und Kabeln. Cordula Simon soll hier aus ihrem Debutroman lesen, der "Der potemkinsche Hund" heißt. Deswegen auch die Grableuchten, derer mehr in verschiedenen Farben am unauffälligen Piano des Cafés stehen: "In Odessa sind die Friedhöfe bunt", erklärt sie mir mit ihrer kindlich gebliebenen Begeisterung. Trotzdem solle man da nachts lieber nicht hingehen. Habe ich auch nicht vor, mir reicht vorerst eine Lesung mit Grablaternchen und "Friedhofsmusik", wie die junge Autorin die stimmungsvollen Klangkaskaden von Sainmus nennt - das sind zwei studierte Jazzmusiker, die hier für Gulasch, Bier und Hutgeld mit ihrer bemerkenswerten Musik Simons Lesung untermalen.

Das Café Schmid Hansl ist eines jener Wiener Cafés, bei denen es selbst einen bekennenden, aber nicht immer ganz konsequenten Nichtraucher wie mich reut, dass hier nicht mehr gepafft wird. Dicke Rauchschwaden würden dem Raum gut stehen. Geraucht wird hier aber nur im Hinterzimmer. Deshalb hält sich dort auch Cordula Simon viel lieber auf als vorne am Lesetisch, umrahmt von Friedhofslaternchen und Friedhofsmusik. Trotzdem steht ihr das, als sie dann Platz nimmt, verblüffend gut.

Im hinteren Teil des Cafés hat sich eine Schulklasse eingefunden - oder auch einfinden müssen. 15 heiße Schokoladen wurden hier schon lange nicht mehr verkauft. Sie alle lauschen dem exaltierten Sprachduktus der in Odessa lebenden, aber in der Steiermark so seltsam gewordenen Autorin. Wieder einmal überlistet sie uns alle, als sie vom scheinbaren Erzählen direkt in das erste Kapitel ihres Romans gleitet. Sie tut immer so, als müsste sie uns zuerst erklären, was es mit ihrer Hauptfigur, dem Anatol Grigorjevic Ivanov, auf sich hat, und auf einmal bemerkt man, dass sie jetzt in das Buch schaut und also liest. Funktioniert immer. Das ist ihr ganz persönlicher Häschen-aus-dem-Hut-Schmäh. Irgendwie charmant, auch wenn man ihr das nicht zutrauen würde.

Sainmus bieten zwischen den Kapiteln ganz famose, verjazzte Stimmungsmusik. Zwar will sich keine Friedhofsstimmung einstellen (Gott sei Dank!), aber das  dramatische Dröhnen des Cellos und die aufgeregte, zuweilen quietschvergnügte Gitarre lassen sogar die Schulkinder in den hinteren Reihen die Justin-Bieber-Scheitel wippen. Die zwei Musiker schauen sich nach dem musikalischen Intermezzo gegenseitig verwundert an. Ja, das war tatsächlich großartig!

Simon wehrt sich gegen den Applaus mit dem Kapitel, das aus der Sicht des Hundes geschrieben ist. Sie erklärt, dass man ihr anfangs davon abgeraten habe. Doch Cordula Simon lässt sich von gar nichts abraten. Immerhin hat sie ja jetzt auch einen Vermögensverwalter. Das Kapitel ist aber sehr gelungen und eigentlich auch nur konsequent. Sätze wie der folgende lassen uns glauben, dass Simon selbst die allergrößte Hündin ist: "Wenn die wüssten, wie Wurst gemacht wird, man konnte es ja riechen (!), dann würden sie sie selbst bestimmt nicht anrühren."

Ja, die potemkinsche Hündin liest aus ihrem seltsamen Roman und bittet uns nach der Lesung noch in das Hinterzimmer, wo ukrainischer Vodka gereicht wird. Ich erlaube mir zu sagen, dass der letzte, den sie von dort mitgebracht hatte, besser war, was sie gewohnt abgeklärt mit dem Satz quittiert: "Das dürfte daran gelegen sein, dass du ihn aus der Flasche trankst." So, oder so ähnlich hat sie es gesagt. Jedenfalls erinnere ich es so. Mit ihrer tiefen Damenstimme, die sie sich über die Jahre antrainiert hat, und die man so mag; zumindest als Alternative zu ihrer Furienstimme oder ihrer Quietschstimme. Ein "Stimmchen" hatte sie noch nie, die Hündin. Aber eine Sprache, die hat sie schon immer gehabt...

Sollten Sie einmal in die Verlegenheit kommen, ein Buch von Simon kaufen und signieren lassen zu können: tun sie es! Sie schreibt da gerne ganz fiese Sachen rein, die aber nur halb so schlimm sind, weil man diese odessitische Sauklaue ohnehin kaum lesen kann! Wir sind froh, dass Cordula Simon nicht Ärztin geworden ist.

Donnerstag, 15. November 2012

Gibs auf

Der Dohlinger Franz erzählt:

"Gonz in da Fria is gwenn, auf da Stroßn koa Söi, und i bin zan Bonnhof gonga. Wiari mei Uh mit da Uh vom Kiachtiamei vaglichn ho, ho i gseng, dass dou scho a weng spada woa ois wia i ma docht hou; offt ho i recht an Gnett ghobb und vor lauta Hudln hou i offt neama gwisst wo i hi muas, wei in dem Deafei do ho i mi a no nid so guad auskennt. Wos moast wia froh i gwenn bi, dass i glei an Schantinga dawuschn hou! I zu eam zuachidoggit und gfrogg wo i hi muas. Owa der Nox houd nua deppat grinst und gmoat: 'Vo mia wüst du wissn, wo'st hi muast?' 'Jo', ho i gsogg, 'i siech mi söm neama aus!' 'Gibs auf, gibs auf', houda noand gsogg und si a so kommisch wegdraht, wia oana, der mit seim Lochn aloa sei wü."

Montag, 12. November 2012

Appell an die Brüllenden

Freundlichkeit ist ein dehnbarer Begriff und ein sehr strapazierfähiges Konzept. Man merkt dies zum Beispiel im Innergebirg, vor allem in den touristischen Regionen: dort, wo also die Freundlichkeit zu Hause ist, wie gerne behauptet wird. In Wahrheit ist das Innergebirg der Freundlichkeit ein so fremdes Umfeld wie die Sahara einem Pinguin. Trotzdem gibt es sie hier – irgendwie halt. Schließlich könnte man ja einen Pinguin auch in der Wüste aussetzen. Die Frage ist halt nur, wie er sich dort verhält und wie lange er überlebt!

Es gibt im Innergebirg zwei Arten der Freundlichkeit. Die erste ist jene den Gästen gegenüber. Es ist dies eine servile Freundlichkeit, die der Österreicher im allgemeinen besonders gut beherrscht. Mit Ehrlichkeit hat sie nichts zu tun. Manchmal erahnt man an ihr einen Hauch von Höflichkeit; das ist aber auch schon alles. Sie ist keineswegs von einem empathischen Miteinander gespeist und hat nichts mit Interesse an anderen Menschen zu tun. Eher mit allgemein akzeptierten Umgangsformen – mit eingeübten kulturellen Praktiken also, die man nicht verstehen muss, um sie zu beherrschen.

Die andere Art der Freundlichkeit ist von noch seltsamerer Natur. Sie hat ähnlich wenig mit tatsächlicher Anteilnahme zu tun wie die servile Freundlichkeit, aber sie hat existenzielleren Charakter. Sie ist quasi eine Überlebensübung und gerät als solche immer ein bisschen bemüht, ja wirkt mitunter verzweifelt. Deswegen äußert sie sich vor allem auch in überlautem Rufen bzw. 'Begrüßungsgebrüll'. Wenn also zum Beispiel ein Pinzgauer freundlich sein will, schreit er richtig laut „Servas!“ oder „Hawidere!“ und begleitet diesen Ruf mit übertriebenem Winken oder Deuten – als wolle er einen auf einem entfernten Gipfel stehenden Wanderer grüßen, auch wenn sich die gemeinte Person nur wenige Meter von ihm entfernt befindet. Die einfache soziale Gleichung, die hinter solch seltsamen Verhalten steckt, ist die folgende: „Je lauter ich mich verhalte, desto auffälliger widme ich mich der anderen Person, desto freundlicher muss ich also wirken.“ Dass dieses Gebaren nicht regelmäßig auf offene Ablehnung stößt, ist bloß dem Gewöhnungseffekt geschuldet, der sich einstellt, wenn man lange genug in der betreffenden Region freundlich gegrüßt wird – und auch selber grüßt.

Unter Freunden äußert sich besonders freundliches Verhalten gerne in übertriebenem Schulterklopfen oder gemütlichem In-den-Schwitzkasten-Nehmen. Was gleich bleibt ist aber der laute und mitunter raue Tonfall der Begrüßung, welcher oft ein noch lauteres „OH!“ voran- und ein tiefkehliges Lachen hintangestellt ist. „OH! Servas Kaiser! Hohohoho!“ oder „OH! Grias eich, Schweinsbeich! Huahaha!“ Auch die Verwendung von multiplen Grußformeln ist im Innergebirg nicht unbekannt: „Hallo, servas, grias di!“ oder „Grüß Gott, guten Morgen, hallo!“ hört man nur allzu oft. Besonders freundlich gemeint, werden multiple Grußformeln dann so gebrüllt, dass der Grüßende bereits vor dem Beginn eines möglichen Gesprächs heiser ist.

Zugegeben werden eben genannte Tugenden zumeist von Männern gepflegt, doch haben sie auch ihre weiblichen Entsprechungen. Ein falsetto-artiges „Grüß Gott!“, bei dem sich beim „Gott!“ die Stimme schon mal überschlagen kann, und dazu ein lippenstiftrotes, fratzenhaftes Lächeln – das sind die deutlichsten Anzeichen der existenziellen Freundlichkeit der Pinzgauerinnen. „Ja wie GEHT's dir denn?“ (hier hüpft der Kehlkopf beim „geht's“ fast aus dem faltigen Hals heraus). Auch die an die Begrüßung anschließenden Sätze werden übertrieben intoniert und von entsetzlichen Grimassen und Kopf-Schieflegen begleitet, das nach Meinung der Gesprächsteilnehmerin Empathie anzeigen soll, bei einem Außenstehenden allerdings nur Verstörung auslösen kann. Ein Tourist etwa, welcher der österreichischen Sprache und unserer Umgangsformen nicht kundig ist, kann solche Szenen nur als spontane Inszenierungen eines absurden Theaters wahrnehmen – niemals aber als jene völlig normalen Alltagssituationen, die sie in Wahrheit sind.

Aber auch als Bewohner besagter Region muss man diesen Emanationen Pinzgauer Geistes gegenüber kritisch sein. Daher sei hier in aller Deutlichkeit (aber in angemessener Lautstärke) gesagt: Lauter ist nicht gleich freundlicher – lauter ist grob! Lauter ist in den allermeisten Fällen unhöflich. Vor allem aber ist überlautes Begrüßen vollkommen unnotwendig, weil sich keine weiten Täler und keine tiefen Gräben mehr zwischen uns befinden. Wir sind zusammengewachsen im Innergebirg. Die Welt ist ein Dorf und das Dorf ist genauso kleiner geworden wie die Welt. Kein Grund zum Schreien! Der Fortschritt hat es uns sogar möglich gemacht, mit Menschen, die sich tausende Kilometer von uns entfernt befinden, in normaler Gesprächslautstärke zu kommunizieren, ja man könnte ihnen sogar ins Ohr flüstern! Warum also einen Bekannten auf der Straße derartig anbrüllen als habe er etwas angestellt? Mäßigt euch in der Lautstärke, liebe Innergebirgler! Die Freundlichkeit kauft man uns ja so oder so nicht ab...

Donnerstag, 20. September 2012

Krawuzikapuzi

In der deutschen Sprache pfeift und zischt es allerorts. Wie eine alte Maschine muss so ein deutscher Satz für jemanden klingen, der nicht versteht, welche Bedeutung diese Zischlaute haben. Und wo gerade nicht Luft durch Zähne und Zunge braust, rattern Konsonanten oder es sprotzen und sprutzeln Affrikaten, dass man meint, es flögen Funken von einer Metallsäge davon. Schön muss das nicht immer sein, aber es ist doch ein interessantes Mittelding zwischen Hawaiianisch (wikiwiki, malumalu, huaka mahika) und Tschechisch (Vlk zmrzl, zhltl hrst zrn).

Manchmal, vor allem in den Mundarten des Deutschen, kommt es zu interessanten und recht ansehnlichen Gebilden der Sprache. Ein solches kam mir letztens wieder einmal unter: Der Fluch "Haschofft noamoi", dessen Anfang pure fauchende Aggressivität ist, während der letzte Teil etwas japanisch Versöhnliches bietet. Eine bedeutungsgleiche Variante fällt da wesentlich silberpapieriger aus: "Herrschaftszeiten!" - Das raschelt, und wenn man draufbeißt, tut es weh. Die Zeiten welcher Herrschaft hier heraufbeschworen werden, ist eigentlich nebensächlich. In natura begegnet uns letztere Variante nämlich sowieso meist als "Herrschaftseiten", weil wir das "ts-z" nicht mögen und beim Fluchen schon überhaupt nicht gerne von solchen Lautgebilden aufgehalten werden wollen. (So wie uns auch der Unterschied zwischen "Waldzwerg" und "Walzwerk" lautlich gesehen ganz egal ist.)

Das etwas verspieltere "Krawuzikapuzi" geizt auch nicht mit bösen Lauten, dafür wird der bedrohliche Anlaut "Kr" durch ein lustig-alternierendes a-u-a-u entschärft. Nicht nur der Petzi-Bär hatte damit seine helle Freude, das Wort ging auch in die Alltagssprache ein, wo es zu einer liebevollen Schimpffloskel wurde. Wer sich über etwas ärgert, und dabei mit dem Wort "Krawuzikapuzi" seinem Unmut Ausdruck verleiht, der signalisiert gleichzeitig, dass es eigentlich wichtigeres im Leben gibt. Nicht umsonst sind es auch solche Leute, die schulterzuckend Perfiditäten zur Kenntnis nehmen, dies damit erklärend, dass es sich sowieso um ein "einziges großes Kasperltheater" handle. Krawuzikapuzi ist also nicht nur lautlich ein schönes Wort, es erinnert uns auch an die Kunst des harmlosen Schimpfens.

Montag, 17. September 2012

:-P ...

Aus einer Fülle der seltsamsten Emoticons werde ich gezwungen jenes zu wählen, das meinen momentanen Gemütszustand am ehesten zu beschreiben vermag. Dazu muss ich mir erst einmal darüber klar werden, wie ich mich eigentlich gerade fühle. Ein Smiley, der die Zunge rausstreckt - was für ein Gefühl vermittelt er? Ich finde ihn nicht schlecht, aber momentan befinde ich mich in keiner Laune, in der man für gewöhnlich die Zunge rausstreckt. Überhaupt kann so eine herausgetreckte Zunge die verschiedensten Zustände beschreiben. Ich kann die Zunge frech herausstrecken, ja neckisch, obwohl sich so etwas für einen Mann ab einem gewissen Alter gar nicht mehr gehört.
Ich kann hechelnd wie ein Hund die Zunge zum Lüften aus dem Mund hängen lassen; das wäre ein angestrengtes Zunge-Zeigen, das bei Hunden oft lässig, bei Menschen aber immer ein bisschen debil aussieht. Ich kann wie Einstein auf dem Foto, das er, lebte er noch, wahrscheinlich am meisten hassen würde, die Zunge mit weit aufgerissenen Augen ganz "crazy" rausstrecken, so wie man es noch ab und an auf verschiedenen Fotos sieht, die auf Partys aufgenommen wurden, auf denen Menschen, in Ermangelung kontrollierter Mimik, zu extremen Grimassen neigen und also, wenn es an geeigneter Kreativität fehlt, einfach die Zunge so weit wie möglich Richtung Kinn strecken.
Doch so verschiedenartig diese Zunge-Zeig-Varianten auch sind, ein einheitlicher, diesen allen zugrunde liegender Gemütszustand lässt sich ihnen genausowenig zuordnen wie es völlig unklar ist, was diese Gesichter in jedem einzelnen Fall genau zu bedeuten haben. Deswegen gibt es auch einen Smiley mit herausgestreckter Zunge und Augen, die aussehen wie ein X. Dabei handelt es sich, denke ich mir, vielleicht um einen Gewichtheber-Smiley, denn so eine angestrengte Visage, eine Mischung aus Konzentration und gewaltiger Anstrengung, sieht man eigentlich nur bei Gewichthebern und vielleicht auch noch bei Diskurs- und/oder Hammerwerfern. Letztere aber drehen sich so schnell, dass ein prüfender Blick in das Athletengesicht meist nicht möglich ist. Ich selbst mache so anstrengende Sachen für gewöhnlich nicht, und sollte ich mich doch einmal so plagen müssen, dass meine Augen sich zu einem X verzwicken, würde ich mich davor hüten, meine Zunge zwischen die Zähne zu schieben, müsste ich doch die Befürchtung haben, mir bei einer derartigen Anstrengungen versehentlich die Zunge abzubeißen.

Enttäuscht lasse ich von den Smileys ab. Die Vorstellung, für jede menschliche Emotion auch ein passendes Emoticon zur Verfügung zu haben, kommt mir immer irrwitziger vor. Am ehesten sind es drei Punkte, welche die meisten meiner Emotionen recht treffsicher beschreiben, und die sich dabei noch schön schlicht und bescheiden ausnehmen. Nichtssagend, ja; ... aber nichtssagend sind doch auch solche Gewichtheber-Smileys ob ihres übersemantisierten Vorbeischrammens an humanmimischen Tatsächlichkeiten.
"Hier gibt es nichts zu sehen", sagen drei Punkte und bedeuten somit ungleich mehr als die fragwürdigen Emoticons, die in ihrer Absicht, das menschliche Gefühlsspektrum auf drei Zeichen zu verkürzen, stetsfort auf die bedenklichste Weise versagen. Genug gesagt...


Nachtrag:

Vor 30 Jahren wurde das Smiley-Emoticon von Scott Fahlmann erfunden. Der Erfinder selbst steht der Entwicklung, die seine Idee genommen hat, skeptisch gegenüber:
"Ich hatte doch keine Ahnung, dass ich etwas auslöste, das bald alle Kommunikationskanäle der Welt verschmutzen würde." Und dem Independent sagte er kürzlich, er finde die grafischen Smileys hässlich. Sie ruinierten "die Herausforderung, auf schlaue Art und Weise Gefühle mit einigen Tastatursymbolen auszudrücken."
Viele Schreiber setzen ihre Emoticons ohnehin nicht als Stimmungssignal ein, sondern als eine Art Verlegenheitsgeste, ein Anzeiger für sprachliche Unsicherheit. Das :-) soll anzeigen, dass ein Satz irgendwie vielleicht nicht ganz wörtlich gemeint ist und um Gottes willen nicht missverstanden werden soll – ersetzt also das Bemühen, so präzise zu formulieren, dass die Worte das wirklich Gemeinte übermitteln.

Hier zum Artikel in der 'Zeit'.

Donnerstag, 19. Juli 2012

Sepp Rasser

„Sepp Rasser? I don't know a Sepp Rasser! I am Moslechner!“ Der Mann, der das sagt, fuchtelt abwehrend mit den Händen als wolle er mit dieser ganzen Sache am liebsten gar nichts zu tun haben. Der arabische Kunde beugt sich etwas über den Ladentisch, als habe er das Fuchteln als Einladung zum Näherkommen verstanden: „But man next door tell me you are Sepp Rasser!“

Der vermeintliche Sepp Rasser steht jetzt ganz an der Wand seines kleinen Trachtengeschäfts. Dort, an der Wand hinter der Kassa, hängen einige Kinderlederhosen und -dirndln. Würde man ihn fotografieren, mit seinem lichten Schnauzbart und den kleinen schwarzen Augen, sähe der Mann jetzt aus wie ein belgischer Pädophiler auf Alpenurlaub. Dem Araber fällt so etwas natürlich nicht auf. „You have dress for girrl?“ fragt er, noch eindringlicher als er vorher nach Sepp Rasser gefragt hat. Nun dringt aus dem hinteren des Raums ein hektisches Abrakadabra. Eine der fünf Frauen hält ein Dirndl hoch und es sieht aus, als würde sie damit anzeigen, dass sie es war, die geredet hat. Für den Sepp Rasser hinter dem Ladentisch wäre das nämlich nicht zu erkennen gewesen, tragen doch alle Frauen einen Schleier vor dem Gesicht.

Wütend dreht sich der Araber um und schreit irgendetwas in Richtung seiner Frau. Er scheint beleidigt zu sein, dass die Frau zuerst gefunden hat, wonach sie gesucht haben. „You show!“ sagt er zum Sepp Rasser, der eigentlich Moslechner Alois heißt, und zeigt dabei auf ihn. Ängstlich kommt der Alois aus seiner Ecke hervor und wuselt hinter dem Araber her. Drei Kleinkinder haben begonnen, die kleinen Stoffmurmeltiere, die pfeifen, wenn man sie drückt, zu betätigen. Indessen sind die arabischen Frauen in aufgeregtes Geplapper verfallen. Nacheinander werden alle Dirndln herausgezogen, die der Alois in seinem nicht allzu großen Geschäft hängen hat. Das Pfeifen der Plüschmanggerl sticht dem Alois schon in den Ohren als einer der drei Buben – oder ein vierter? - auch noch die Kuhglocken findet, die der Moslechner Alois schon seit den frühen 80ern im Geschäft hängen hat, und die sich damals noch gut verkauft haben; bis der Markt eben irgendwann gesättigt war, oder die Leute begriffen haben, dass sie mit einer Kuhglocke daheim im Grunde gar nichts anfangen können und dass auch das ästhetische Wohlempfinden beim Anblick einer solchen nur eine kurze Halbwertszeit hat.

Das Gebimmle, Gepfeife und Geplapper muss der Alois jetzt dulden, denn er ist schon längst nicht mehr Herr über seinen Laden. „What price for this?“ fragt der Araber streng, und der Alois greift schnell nach dem Preisschild. Es hat ihm vor ein paar Tagen jemand gesagt, dass Araber gut Ziffern lesen können, weil wir die von ihnen gelernt haben. Seitdem zeigt der Loisl den arabischen Gästen immer nur Preisschilder, um Missverständnissen vorzubeugen. Ein anderer Araber, der an einer kleineren Kuhglocke interessiert gewesen war, hat ihn zum Beispiel einmal nach dem Preis gefragt. Da hat der Loisl die Kuhglocken noch nicht beschriftet gehabt und dem Araber gesagt „Thirty two!“, worauf der Araber entgegnete: „Aha! But I only want one! So one fifteen?“ Der Rest des Gesprächs verlief nur weniger umständlich und nötigte den Alois dann ohnehin dazu, den Preis auf einen Zettel zu schreiben.

Der Araber inspiziert das Preisschild des Dirndls; auch die Frauen schauen neugierig darauf, während im Hintergrund weiter die Murmeltiere pfeifen und die Kuhglocken bimmeln. Als das Bimmeln aufhört, wird der Loisl misstrauisch und schaut kurz über seine Schulter. Eines der Kinder hat sich einen Filzhut aufgesetzt und rennt damit bei der Tür hinaus. Auch der arabische Vater merkt, was passiert ist und lässt einen lauten Fluch los. Sofort erscheint der Bub wieder in der Türe. „What price for hat?“ Der Loisl stürmt zum Hutregal, kommt mit einem Filzhut zurück und hält ihn dem Araber vor die Nase. „I buy“, sagt der Araber kurz und deutet dabei auf seinen Sohn. Auch die anderen beiden haben nun von den Murmeltieren gelassen und drehen jetzt an den Postkartenständern. Wieder sagt eine der Frauen etwas, wieder kann der Loisl nicht ausmachen, welche es gewesen ist.

Der Araber deutet auf das Dirndl, zieht die Augenbrauen hoch und sagt: „Discount!“ - Es ist keine Frage. Der Moslechner Alois antwortet: „No discount“, und klingt dabei fragend. „But I buy hat!“ sagt der Araber aufgebracht. - „Yes, but no, but...“ Wieder flucht der Araber etwas und die Frauen brechen in erneutes Gegacker aus. „You don't give discount?“, die Stimme klingt jetzt sanfter. „I don't have discount!“ entgegnet der Moslechner entschuldigend. „But you can give discount, no?“ - diese Frage verwirrt den Alois jetzt.

„No discount!“, sagt er mit Nachdruck. Der Araber brummt. „I take this and hat“, sagt er und hält ihm eines von den Dirndln hin. Der Moslechner Alois nimmt das Dirndl, wundert sich darüber, wie jemand ein Dirndl kaufen kann, ohne es vorher anzuprobieren, entschließt sich aber dazu, lieber keine weiteren Fragen zu stellen.

Wieder pfeift ein Murmeltier. Einer der Buben hat das Interesse an dem Postkartenständer verloren und ist zurück zu den Plagegeistern. „What's this?“ fragt der Araber und deutet Richtung Murmeltiere. „Äh... a Manggei!“ sagt der Loisl in Ermangelung der passenden englischen Vokabel. „Is animal, ha? Live here?“ - Der Araber scheint auf dem richtigen Weg zu sein, deswegen nickt der Loisl heftig. „I take!“ sagt der Kunde und schreit etwas Grimmiges, worauf der kleine arabische Junge mit dem Murmeltier zur Kassa gelaufen kommt. „So I take this, this and hat. No discount, ha?“, auf dem Gesicht des Arabers zeigt sich ein fast ironisches Lächeln. Da muss der Loisl blöd grinsen und lacht: „No discount!“, worauf sich das Gesicht des Arabers gleich wieder verfinstert. Der Postkartenständer quietscht und taumelt unter den immer wilder werdenden Drehungen, die er, angetrieben von den Händen des kleinen Arabers, zu vollführen hat.

Als der Loisl das Geld des Arabers nimmt, klatscht ein Päckchen Ansichtskarten auf den Boden. Der Vater stürmt zum Postkartenständer, hält diesen abrupt an, worauf sich weitere zwei Päckchen auf dem Boden verteilen. Laut fluchend scheucht er das Kind aus dem Laden. „I am sorry!“, sagt der Araber, „no, passt scho!“ der Loisl.

Nach Erledigung des Zahlungsgeschäftes fragt der Kunde noch ein letztes Mal „You are not Sepp Rasser, no?“ und lacht ein bisschen. Gut aufgelegt, weil er ein gutes Geschäft gemacht hat und die scheinbare Bedrohung dabei ist, sich zu verziehen, sagt der Loisl erleichtert: „No, I am not Sepp Rasser.“ - „But man next door say you Sepp Rasser!“ Der Araber wirkt verwirrt und auch der Loisl schaut sein Gegenüber verblüfft an. „I was talking to man next door. I ask who sell Austrian dress for women. He tell me: Sepp Rasser!“ (Tatsächlich ist es nämlich so, dass der Bruder vom Moslechner Alois, der Moslechner Rupert, gleich nebenan ein Spezialitätengeschäft führt.)

Der Araber fährt in seiner umständlichen Erklärung fort: „I tell him I want to go to Moslecker! He say that he is Moslecker, but for dress I have to go to Sepp Rasser! And he show me to go in here!“ Nun ging dem Moslechner Alois ein Licht auf. Der Araber wurde wohl wegen eines Dirndls zum „Moslechner“ geschickt und landete – durchaus folgerichtig – im Geschäft seines Bruders. Da es in einem Spezialitätengeschäft aber keine Dirndln gab, sondern nur Schweinsbäuche und ähnliches, für Araber ganz und gar unbrauchbares, musste der Bruder den Araber wohl zu ihm herein geschickt haben!

In diesem Moment erscheint der Moslechner Rupert grinsend in der Tür. Der Araber deutet auf ihn und scheint vergnügt: „Look, this man send me here!“, sagt er aufgeregt. Der Rupert kommt in den Laden herein, deutet auf den Loisl und sagt: „Ah, ei sie ju faund mei Brasser!“

Der Araber fragt: „This is Sepp Rasser?“ - „Yes!“, sagt der Rupert und legt stolz den Arm um seinen Bruder: „dis is mei Brasser!“
„See!“, ruft der Araber stolz und schaut den Alois in der überzeugendsten Weise an: „You are Sepp Rasser! But why you call yourself Moslecker?“

Auch der Rest dieses Gesprächs verlief wieder einmal nicht unkompliziert...

Samstag, 7. Juli 2012

Hinter einer alten Dame

Ich schleiche hinter einer alten Dame her.
Nicht, dass Sie jetzt glauben, alten Damen nachzuschleichen wäre eine geheime Passion von mir – vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt. Neuer Versuch: Ich trotte einer alten Dame nach. Schon besser.

Aber trotten? Trotten tun nur die, die den Kopf dazu hängen lassen, die sich selbst und die gesunde, gerade Körperhaltung bereits aufgegeben haben. Auf Trottenden lastet der Weltschmerz und es hängt ihnen nicht nur deshalb immer auch ein wenig Rotz aus der Nase. Nein, ich trotte ihr nicht hinterher, dazu bin ich zu gut aufgelegt und auch zu stolz.
Ich schreite im Grunde. Aber alten Damen kann man nicht nachschreiten, das ist unmöglich. Schreiten verlangt große, elegante Schritte; schwungvoll biegt sich da das Knie, möglichst spitz weist der nach vorne gestreckte Fuß die Richtung, im preußischen Rechtwinkel stehen Zehen und Spann des Standbeins zueinander. Der Oberkörper gleitet dahin, nur leicht unter den zügigen Schritten wippend; die Arme schwingen wie von einem unsichtbaren Federspiel angetrieben. Ach, das Schreiten: die geschwindeste und weltläufigste Art, sich fortzubewegen. Nein, geschritten bin ich auch nicht... obwohl ich es gern gewollt hätte!

Also tappte ich wohl einer alten Dame hinterher. Das Tappen erfasst das Zaghafte und Unsichere meiner Bewegungen gut und steht damit im krassen Kontrast zum Schreiten. Es nimmt dem sich Fortbewegenden aber auch etwas von seiner Würde. Tappende sind leicht auszulachen, nicht umsonst freut sich diebisch der Räuber, wenn Polizisten im Dunkeln tappen. Auch klingt es ein wenig nach kleinem Hundsvieh auf rutschigen Parkettböden, oder nach Jungkatzen auf Autodächern, sofern die da schon rauf kommen. Tappsig nennt man Welpen gern und meint das niedlich Unbeholfene ihrer Gehversuche. Nein, ein Welpe bin ich nicht, der da einer alten Dame nachhechelt, was denken Sie?

Es muss etwas sein zwischen tappen und schreiten – quasi der Gang als Oxymoron, die Fortbewegung, die Gegensätze in sich vereint und trotzdem vollkommen unauffällig daherkommt. Mein Gehen hat etwas Ungeduldiges – das hat seine Ursache in dem, was dem Schreitenden bei erzwungener Langsamkeit weg genommen wird. Mein Gang hat aber auch etwas Vorsichtiges, Unsicheres, mit dem ich mich so gar nicht anfreunden will. Der Grund nämlich, warum ich hinter einer alten Dame hergehe, ist dieser: Ich befinde mich im Getümmel und an ein Fortkommen war bis vor kurzem noch nicht zu denken. Bis sich diese Dame vor mich schob, die aus irgendeiner Menschentraube heraustrat und sich nun ihren Weg Richtung Oberstadt bahnt.

Zunächst nahm ich die Alte mit Argwohn zur Kenntnis, denn Schreitende trotten nicht gerne alten Leuten hinterher (aus oben genannten Gründen). Gleich aber begriff ich, dass die Omi wundersame Kräfte zu besitzen scheint. Sie bahnt sich unbekümmert und wie selbstverständlich ihren Weg durch die ansonsten undurchdringbar scheinenden Menschenmassen. Es ist, als wichen die Leute unbewusst vor ihr zurück und ich erkenne, dass es nun zwar langsam vorangeht, aber immerhin: es geht voran! So hefte ich mich an ihre Fersen, wie man sagt, und trotte, tappe, schreite und schleiche ihr nach.

Meine Heilsbringerin scheint nichts von ihrer Gabe zu wissen. Ich hingegen blicke stolz umher, wie um in den Gesichtern der Umstehenden und Ausweichenden verwunderte Anerkennung entdecken zu wollen. Aber niemand nimmt wirklich wahr, was sich hier ereignet – sie sind wohl alle in ihrem Bann. Im Bann der Omma. Omma mit zwei M, denn sie ist deutsch. Das sieht man sofort an ihrem Ommakleid, ihren Ommaschuhen, dem Ommahalstuch und ihrer Ommafrisur. Wer glaubt, alte Leute sähen sowieso überall gleich aus, der irrt! So deutsch wie diese Omma ist keine österreichische Omama. Österreichische Omamas tragen Perlketten und riechen nach Emserpastillen und Entschlackungstee, manche mit einer zarten Lavendel- und Baldriannote. Deutsche Ommas haben silberne Brillenketten, trinken Blümchenkaffee und erzählen von Kaffeefahrten nach Polen. Sie riechen nach gar nichts oder nach Schurwolle.

In der Oberstadt angekommen lichtet sich das Treiben ein wenig und jetzt, da Platz genug wäre, bleibt die alte Dame plötzlich stehen. Für mich gibt es nun keinen Grund mehr, ihr zu folgen, ich kann endlich wieder schreiten. Als ich an ihr vorbeischreiten will, macht sie plötzlich einen Haken und stellt sich mir in den Weg. Fast wäre ich in sie hinein gerannt. Ich muss abrupt stehen bleiben und hebe abwehrend meine Hände, wie ein Fußballer, der seine Unschuld am Umfallen des Gegenspielers beteuern möchte. Die Omma sieht mich ängstlich an, ich will nach rechts ausweichen, sie geht gleichzeitig rückwärts und steht mir so wieder im Weg. Himmel, denke ich, jetzt verliere ich die ganze gut gemachte Zeit wieder, weil die Omma plötzlich wieder ganz nach Art der älteren Leute im Weg herum steht! Angestrengt lächle ich sie an, bemüht, sie durch mein Lächeln milde stimmen und sie die richtige Entscheidung fällen lassen zu können.

Da gibt sie auf, bleibt einfach stehen; mit einem langen Schritt bin ich an ihr vorbei, schreite hinfort, weg vom Getümmel, durch das mich heute die wundersame Kraft einer alten Dame getragen hat. Ein kleines, unbemerktes Wunder am Zeller Sommernachtsfest – und ich Heilsempfänger! Das kann nur ein guter Sommer werden...

Mittwoch, 13. Juni 2012

Der Unaussprechliche und der Teufelskerl

Manchmal glaubt man, aus einer ungerechtfertigten Arroganz heraus, irgendein Spiel nicht anschauen zu müssen. Man meint etwa, bei den Begegnungen zwischen Tschechien und Griechenland oder Russland gegen Polen nicht viel zu versäumen. Freilich vermutet man, dass man sich da auch täuschen könnte, denn die Gruppe A hat sich doch weniger als das Kondensat des Bösen gezeigt, denn als wirklich interessante Ansammlung scheinbar kleinerer Fußballnationen, die bei jedem Spiel um ihr Leben spielen zu scheinen. Das ist durchaus vergleichbar mit den Nordkoreanern bei der WM vor zwei Jahren, nur mit zwei Unterschieden: 1. Die Nordkoreaner konnten überhaupt nicht kicken und 2. ging es bei denen wirklich um's nackte Überleben.

Gestern also nahm ich das mit dem Fußball-Schauen nicht gar so ernst, schaltete erst 20 Minuten nach Spielbeginn zu und wurde prompt dafür bestraft, denn da stand es schon 2:0 für Tschechien. Jetzt ist es natürlich nicht so, dass Fußballspiele nur aus Toren bestehen, und sie allein des Netzens wegen anschaubar sind, aber der Moment des Tores ist halt schon ein Höhepunkt in einem Spiel, an den man sich erinnern kann und letztlich der einzige Höhepunkt, der am Ende zählt. Nun hatte ich also schon zwei Tore versäumt und dachte, dass es schon eine gewisse Komik hätte, würde die restlichen 70 Minuten nichts mehr passieren.

Als ich dann aber die hochmotivierten Griechen sah, wie sie voller Mut, ohne falsche Bescheidenheit und vor allem ohne Unterlass auf das tschechische Tor stürmten, merkte ich, dass ich belohnt werden würde. Seit acht Jahren ist mir der griechische Fußball ein Dorn in Auge, doch das gestrige Spiel hat, wenn nicht alles, so doch einiges meiner Reserviertheit aufgeweicht. Natürlich spielt es sich mit dem Rücken zur Wand ganz anders, aber ich glaube mich auch an Spiele erinnern zu können, in denen die Griechen offenbar versuchten, einen Rückstand zu verteidigen (1. Spiel bei der WM vor zwei Jahren gegen Südkorea). Der Fortschritt ist spürbar, auch wenn es erst ein 0:2 braucht, um den Willen zu mobilisieren.

Letztlich wurden die Griechen dann auch mit einem Tor belohnt, das heißt, der gütige Petr Cech hat ihnen eines geschenkt: In der Manier eines englischen Torhüters lässt er in der 53. Minute den Ball durch seine Finger gleiten, der springt Gekas vor die Füße und es steht 1:2. Kein schönes Tor, aber eben ein gütiges, das wieder an sowas wie einen Fußballgott glauben lässt. Letztlich reicht es aber dann doch nicht, Tschechien hat sich „zurück ins Turnier geschossen“ (eine Phrase, die ganz exklusiv für die zweite Runde der Gruppenphase reserviert ist) und Griechenland müsste jetzt schon mindestens gegen Russland gewinnen, um sich „ins Viertelfinale zu schießen“ (diese Phrase wird in der nächsten Runde aktuell).

Die Russen und die Polen lieferten sich im und vor dem Warschauer Stadion einen erbitterten Kampf. Was vor dem Stadion passiert ist, hat aber wenig mit Fußball zu tun, denn da ging es mehr „um die Weltgeschichte“, wie ein kundiger Besucher des EM-Beisls in der Grazer Franziskanergasse bemerkte. Dort habe ich mir nämlich dann das zweite Spiel angeschaut – in gewohnt traurig angestaubter Atmosphäre, die, so kam mir vor, ganz gut zur Ostblock-Begegnung passte. Was aber auf dem Platz passierte, war ganz und gar nicht angestaubt, sondern viel eher wie Hälfte zwei von Schweden gegen Ukraine: emotional und aufregend.

Für Russland traf wieder der kleine Dsagojew, der jetzt schon drei Turniertreffer verzeichnen kann. Ein Teufelskerl, so hätte man ihn früher genannt. „Dieser Teufelskerl Dsagojev“, hätte man gesagt, oder auch „das Schlitzohr“, obwohl er vielleicht gar nichts Schlitzohriges getan hat. Heute sagt man ja solche Sachen nicht mehr. Dass ausgerechnet der kleinste Russe ein Kopfballtor macht, ist vielleicht ein bisschen schlitzohrig, dann aber wieder nur der polnischen Verteidigung anzulasten, die ihn „sträflich alleingelassen“ hat. Also trifft der Teufelskerl, nachdem Kerschakow wieder durch Wirkungslosigkeit im Abschluss glänzte. Vielleicht bekommt Dsagojev am Ende einen goldenen Schuh für die meisten Tore. Dann aber hätte sich Kerschakow einen hölzernen Schuh als wirkungsloseste Spitze verdient. Kein Teufelskerl, der Kerschakow. Kerschakow... das klingt wie ein Gewehr; wie eine Damenvariante der Kalaschnikow. Ein Sturmgewehr für die Handtasche: ja, so spielt er auch, der Kerschakow.

Nachdem ich an diesem Tag schon zwei Tore versäumt hatte, muss ich den ambitionierten Polen für deren Ausgleichstreffer danken. Gestern habe ich nämlich noch bemängelt, dass es ein bisschen an den schönen Toren fehlt. Und dann kommt der unaussprechliche (Moment, hier google ich jetzt …) Blaszczykowski (copy&paste!) und macht ein ganz wunderbares Tor. Über die rechte Seite aus dem Lauf heraus nimmt er den Ball an, nur eine kurze Berührung, weiterlaufen, Schuss ins lange Eck, passt genau. So elegant, so einfach war das, so lässig: Ein Tor wie im Vorbeigehen. En passant nennt sich das im Schach, wenn ein Bauer einen anderen Bauern quasi im Vorüberschreiten schlägt. Oder auch so, wie wenn man im Supermarkt auf dem Weg in die Gewürzabteilung bei den Süßwaren vorbeikommt und eine Tafel Nussschokolade lässig in den Einkaufswagen gleiten lässt, und das dann auch noch gut aussieht. Kann nicht jeder – der Unaussprechliche aber kann es.

Unaussprechlich ist er ja gar nicht, der Blaszczykowski; so annähernd bekommt es der österreichische Mund schon hin. Aber schreiben Sie den mal richtig! Zehn Mal hintereinander ohne Fehler, da kommt man sich vor wie in der Volksschule... Ich bin ja gestern schon an Schewtschenko gescheitert, er wurde bei mir zunächst zum Schwetschenko. Aber klar, wann hat man sonst schon mal ein Wort mit „Schew“, viel mehr Wörter gibt es bei uns mit „schwe“. Schwierig ist das, vor allem, wenn Schewtschenko gegen Schweden spielt. Das ist die digitale Analogie zum Zungenbrecher: die fractura digitalis, ein Fingerbrecher also. Da schmeißt es den geübtesten Tipper! Und wir Österreicher kapitulieren ja eh schon, wenn ein Name komplizierter ist als Sedlacek oder Jukic. Also üben: Blaszczykowski, Blaszczykowski, Blaszczykowski, Blaszczykowski....

So, das war alles gestern. Die Gruppe A ist rehabilitiert, man kann jetzt schon sagen, dass sich die Mannschaften hier ganz gut verkauft haben. Erwartet stark natürlich die Sbornaja (mein Lieblingswort, noch vor Squadra Azzurra), ein bisschen schwach aber abgebrüht die Tschechen, bemüht und begeisternd die Polen, die Griechen zumindest auf dem richtigen Weg zurück in den Fußball. Wunschaufsteiger sind nach dem gestrigen Spiel aber eindeutig Russland und Polen – mit denen kann man im restlichen Turnier durchaus noch was anfangen. Das Kondensat des Bösen ist zur diabolischen Reha-Klinik geworden, und das ist besser als es klingt.

Heute geht es allerdings schon um die sprichwörtliche Wurst, denn für die Niederlande heißt es „verlieren verboten“ (auch ein Zweitrunden-Jargon) und die Deutschen werden einen Teufel tun und es ihnen leicht machen. Von beiden Mannschaften erwartet man sich eine Steigerung und wenn das beide hinbekommen, dürfte das ein richtig gutes Spiel werden. Zwar wird van Marwijk gerade gegen Deutschland auf die zwei 6er van Bommel und de Jong nicht verzichten können, aber vielleicht lässt er sich sonst etwas Schlaues einfallen, um 16 Millionen arme Menschen vor einer Depression zu bewahren. Ich würde es ihm danken, indem ich nicht mehr über Robben schimpfe. Arjen Robben meine ich, Robben beschimpft man weder, noch knüppelt man sie. Robben besprüht man mit bunten Farben, damit die Grönländer sie nicht knüppeln (sind Grönländer nicht eigentlich Dänen?). Aber den Arjen Robben, der darf man nur knüppeln, wenn er wieder so spielt wie beim letzten Mal. Knüppeln und besprühen. Alle zusammen auf Niederländisch: „Knuppelen en besproeien!“ Süß klingt das... Wie süßer Wahnsinn. Wahnsinn heißt auf Niederländisch „gekte“. Und van Gogh soll gesagt haben: „Oranje is de kleur van gekte“ (Orange ist die Farbe des Wahnsinns). Na also!




Mann des Tages: Jakub Blaszczykowski für ein anständiges Tor und die Tippübungen.


Buhmann des Tages: Petr Cech. Als einer der (nominell) drei besten Torhüter dieses Turniers darf einem einfach kein Engländer passieren. Auch, wenn es nichts am Spielausgang geändert hat: das war richtig schwach.


Kuriosum des Tages: Konstantinos Chalkias, der griechische Torhüter, der sich in der 23. Minute selbst austauschte. Natürlich war es nicht, wie der ORF-Kommentator vermutete, sein verpatzter Ausschuss und die beiden frühen Gegentreffer, die uns „einen Einblick in die Seele eines griechischen Fußballspielers“ boten, sondern einfach eine Oberschenkelverletzung. Seltsam war es trotzdem.

Donnerstag, 12. April 2012

Zeller Weisheit

"Z'Ostan moggst Easchtkasei brockn geh, wonnst a recht a waxa Hund bist und da nix scheißt! Owa loss di jo nid dawischn!"

Freitag, 30. März 2012

10 stille und weniger stille Gerüche


Der Frühling startet durch hier in Graz. Und er beschert uns 10 Gerüche, die wir den Winter über vermisst haben.

Der Geruch vom Murufer: Jeder Grazer kennt den Geruch, der einem in die Nase steigt, wenn man im Innenstadtbereich die Mur entlang geht, oder auch nur einem Murufer zu nahe kommt. Faulig riecht es da, aber eben auch irgendwie lebendig. Böse Zungen behaupten, der Geruch stamme von den Leuten, die da im Sommer gerne herumgammeln. Das kann aber nicht sein, denn die tragen höchstens dazu bei, dass der faulige Murgeruch hin und wieder von Marihuanaschwaden durchdrängt wird und sich dergestalt versüßt, dass man glaubt, man stünde vor einem brennenden Schweinestall, in dem ganz viele kleine Karamel-Schweinderl hausen. Ansonsten riecht es dort leider einfach nur schlecht.

Der Geruch von Kanal: Nur bei seltsamen Wetterlagen drängt er im Winter aus dem Grazer Untergrund nach oben: Im Sommer hingegen ist der Kanalgeruch fast ein Klassiker und in seinem Wesen dem Geruch vom Murufer gar nicht so unähnlich. Gemein am Kanalgeruch ist nur, dass er hotspotartig auftritt, und einen also meistens überraschend in die Nase fährt, wohingegen man ja genau weiß, worauf man sich einlässt, wenn man dem Murufer zu nahe kommt.

Der Geruch von vergossenem Alkohol: Ja, auch im Winter riecht es in der ganzen Grazer Innenstadt nach Glühwein- und Punschresten. Im Sommer jedoch eröffnen sich den verschütteten Getränken vielfältige Möglichkeiten, auch noch Stunden nach dem Austreten zu belästigen. Versickert etwa Bier im warmen Boden des Stadtparks – im Laufe des Sommers werden es mehrere Hektoliter sein – ergibt das alsbald den so typischen Festivalgeruch, also den Geruch von falsch verstandener Freiheit. Überhaupt fördert die Wärme im Frühling und Sommer ja in jeder Weise die Geruchsentwicklung. Ideale Bedingungen also, denn so viele Spritzwägen hat die Stadt Graz gar nicht, dass sie dem Alkgeruch Herr werden könnte.

Der Geruch von Feinstaub: Zugegeben, richtig gerochen habe ich den Feinstaub noch nie. Aber dass er da ist, merkt man in jedem Fall. Es sind nicht nur die Abgase direkt an der Straße, die einem in das Gesicht stinken, es ist die „dicke Luft“ überhaupt, der man in Graz gar nicht entrinnen kann. Das muss sich nicht unbedingt in einem bestimmten Geruch niederschlagen, aber es erlaubt einem auch nicht, in der Früh das Fenster aufzureißen, einen tiefen Zug zu nehmen und entspannt „Aaah!“ zu sagen. Manchmal aber, wenn man sich wieder mal sehr sauerstoffunterversorgt vorkommt in Graz, dann meint man, den Feinstaub sogar riechen zu können. Er riecht wie eine alte, elektrostatisch aufgeladene Wolldecke und so gefährlich harmlos giftig.

Der Geruch von Grill: Ob im Schrebergarten oder auf Balkonen von Wohnhäusern: Man hat das Gefühl, dass die Grazer das ganze Jahr hindurch grillen. Im Jänner mag es einmal eine kurze Pause gegeben haben, aber ansonsten glimmt in dieser Stadt der Grill andauernd. Trotzdem lässt sich zum Sommerbeginn natürlich ein signifikanter Anstieg an Rauchschwaden verzeichnen, die sich in den feinstaubverhangenen Grazer Himmel schlängeln. Dann riecht es wieder überall nach verbranntem Fleisch, mit dem sich Studenten wie Pensionisten gleichermaßen die von der ersten Sonne geröteten Bäuche vollschlagen. Gustiös ist der Grillgeruch irgendwann nicht mehr, denn er hat den Zauber des Besonderen, der ihm noch in mancher Kindheit anhaftete, verloren. Nicht nur am Mittwoch oder am Sonntag wird hier gegrillt, sondern an jedem Werk- und Feiertag und zwar überall, am besten drei Mal täglich.

Der Geruch von billigem Parfum: Frühlingszeit ist Paarungszeit und deshalb greifen Männlein wie Weiblein zu jedem erdenklichen Mittel, um sich dem jeweils anderen (oder dem eigenen) Geschlecht schmackhaft zu machen. Nicht selten sind hierbei zweifelhafte Düfte Mittel zum Zweck. Dass Männer bei der Parfumwahl selten Geschmack beweisen, ist bekannt. Deshalb gibt es jedes Jahr einen neuen Duft von Axe, der sich auch verkauft. Leider greifen auch immer mehr Mädchen zu jener Massenware, welche über Drogerieketten unter dem Schlagwort „Frühlingsduft“ werbewirksam in Umlauf gebracht wird. Parfums dieses Genres sind meistens süß, riechen also irgendwie lieb und nach Blumen oder Zuckerl und das passt nach Meinung hormongeschwängerter Mädchenköpfe gut zum Frühling und den kurzen Rockerln. Dann stinken die wandelnden Zuckerlgeschäfte über den Campus und in der Sporgasse herum, solange bis das Flascherl leer ist oder der Kopf endlich sagt, dass ihm das eigentlich zu süß sei. Dabei wissen doch alle, dass der allerbeste Frühlings- wie auch Sommerduft der Geruch von Sonnencreme auf gepflegter Frauenhaut ist!

Der Geruch vom Schlossberg: Ich weiß gar nicht, ob der Schlossberg im Winter nicht gleich reicht wie im Sommer – wahrscheinlich schon. Aber die schlagende Kühle, die im Sommer aus dem Berg in die aufgeheizten Grazer Gassen strömt, verleiht dem strengen Höhlengeruch eine fast erfrischende Note. Was eigentlich nach Grab riechen sollte, riecht so nach Steinbruch in einer Vollmondnacht, also nur nach Grabesnähe. Gerne lasse ich mich an einem heißen Hochsommertag von dem klammen Wind anwehen und sauge die Luft aus dem Innern des Schlossberges ein, während ich mir vorstelle, wie tief drin im Stollen von Fledermäusen verkackte Tropfsteinhöhlen atmen. Herrlich!

Der Geruch von Eisdielen: Eisdielen riechen im Idealfall nach gar nichts. Eigentlich sind Eisdielen die einzigen Geschäfte, in die man hineingeht und die nach nichts riechen – zumindest wenn dort nur Eis verkauft wird. Das Eis selbst ist zu kalt, um nach seiner Geschmacksrichtung zu duften und sonst gibt es dort nichts, was riechen könnte. Höchstens nach ausgeronnenem Kühlwasser könnte es dort stinken. Aber in solche Eisdielen – wenn es sie in Graz, der Eishauptstadt Österreichs, überhaupt geben sollte – geht man sowieso nicht hinein. Das Innere von Eisdielen riecht steril, und zwar steriler als eine Arztpraxis oder ein Krankenhaus je riechen können: nämlich eben nach gar nichts. Achten Sie mal drauf!

Der Geruch von Tennisplätzen: Zugegeben, jemandem, der nicht Tennis spielt, wird das nicht viel sagen. Aber schließlich kann ich auch nicht auf jene Leute Rücksicht nehmen, die partout in keine Eisdiele zu bekommen sind. Dabei hat der Geruch von Sandplätzen die bemerkenswerte Eigenschaft, sich an die Umgebung anzupassen. So reagiert der gebrannte Kalk nicht nur auf die Temperatur im Laufe des Tages, sondern auch auf die Menschen, die auf ihm gelbe Filzbälle umher dreschen. Gibt er sich morgens noch kühl und nüchtern wie Kies, schwingt er sich in den heißen Mittagsstunden zu einem Geruch auf, der, heiß und giftig, jenem von Sommer-Baustellen nahe kommt, um dann am späteren Nachmittag, bereits die unzähligen Schweißtropfen der Spieler aufgesogen habend, einen gutmütig müden wie auch beruhigenden torfähnlichen Geruch anzunehmen. So lästig der Sand sich in sämtlichen Ritzen der Kleidung festzusetzen weiß, so reizvoll ist sein Geruch, dessen Kondensat einem noch einmal in die Nase steigt, wenn man sich unter der Dusche den rötlichen Rest von den Beinen wäscht und dieser sich wirbelnd in den Abfluss drängt.

Der Geruch von Straßenbahnen: Die öffentlichen Verkehrsmittel im Sommer zu benutzen, ist ein sehr zweifelhaftes Vergnügen. Der Schweißgeruch der Passagiere verübelt einem den schönsten Sonnentag, zumal an Tagen, an denen am Nachmittag ein an sich vernüglicher Sommerregen niedergeht, es in den Bims feuchtwarm und stickig wird. Sollte man aber in den seltenen Genuss eines leeren Straßenbahnwaggons kommen, erlaubt das warme Klima es der Maschine, ihre sämtlichen olfaktorischen Reize auszuspielen. Man glaubt dann, jede einzelne Schraube, jede Dichtung, jeden Gummi riechen zu können. Dazu kommt der wohlige Geruch von Maschinenöl, Bremsen, Elektrizität und wenn Eisen sich an Eisen reibt, quietscht das nicht nur schön schaurig und irgendwie urig, sondern man glaubt es auch duften zu hören – eine synästhetische Sinfonie von besonderer Anmut, die man den klapprigen Viechern gar nicht zutraut.

Dienstag, 27. März 2012

Gänsefüßchen mit "Sinn"

Letztens in einem Tennisclub gesehen und geschmunzelt:


Schilder wie dieses begegnen uns im Alltag häufig. Nicht selten erheitert uns die ironische Brechung zwischen der durchaus ernst gemeinten Forderung (oder gar Drohung), die diesen Mitteilungen innewohnt, und der schlechten Orthographie oder Grammatik, mit der sie sprachlich realisiert wurde. Das abgebildete Exemplar aber ist ein besonderes. Nicht nur gewährt es uns tiefste Einsichten in die Grammatik von Präpositionen und die Deklination von Substantiven, auch auf semantischer Ebene ist hier nicht alles ganz klar.
Stellen wir uns einmal vor, der Verfasser dieser Botschaft hätte tatsächlich den Dativ Plural des Wortes "Schuh" verwendet. Dann stünde da:

NASSBEREICH NICHT MIT "SCHUHEN" BETRETEN  !!

Nun eröffnet sich uns ein weiteres spannendes Feld der deutschen Sprache: nämlich jenes des korrekten Gebrauchs von Anführungszeichen.
Einschub: Orthographisch am öftesten vergewaltigt werden wohl Komma und Apostroph. Ersteres, weil die Regeln, dieses korrekt zu setzen, mittlerweile nicht mal mehr der Dudenredaktion ganz klar sind. So ist die häufigste Änderung, die diesbezüglich Einzug in die letzten Rechtschreibreformen gehalten hat, jene, dass man das Komma in bestimmten Fällen setzen kann, aber nicht muss. Dass Menschen mit Freiheiten solcher Art nicht umgehen können, sollte doch bekannt sein. Die Geschichte des Apostrophs ist wiederum eine der konsequenten Falschverwendung. Über die Sache mit dem Genitiv und den Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Sprache will ich aber jetzt kein Wort verlieren.

Das Anführungszeichen dient uns meistens dazu, eine Rede wiederzugeben. Man kennt das einerseits aus der Schule, wo man hoffentlich bis zur Vergasung das wörtliche Wiedergeben von Äußerungen anderer geübt hat. Außerdem kennt man es aus Seminar- und Masterarbeiten, in denen solche Anführungszeichen eine nicht unwesentliche Rolle spielen, wenn man Teile seiner Arbeit als von jemand anderen übernommen markieren möchte (muss!). Außerdem verwenden wir das Anführungszeichen gerne, wenn wir uns auf den Titel eines Buches, eines Artikels, eines Theaterstücks o.ä. beziehen, auch wenn dies bisweilen immer öfter mit Kursivdruck gemacht wird. Und dann können wir die Gänsefüßchen noch verwenden, wenn wir etwas im Satz hinstellen und darüber eine Aussage machen wollen. Ein Beispiel hierzu: Das Wörtchen "mit" ist eine Präposition, die den Dativ verlangt.

Wofür wir Anführungszeichen aber nicht benutzen, ist die Hervorhebung von Wörtern oder Satzteilen. Wollen wir in einem Satz etwas betonen, so stehen uns in der Schrift die Mittel des Kursiv-, oder Fettdrucks sowie - weniger elegant - jenes der Unterstreichung zur Verfügung. Auch gesperrt gesetzte Buchstaben erweisen hier nützliche Dienste. Nicht aber die Gänsefüßchen.
Diese haben nämlich noch eine interessante semantische Funktion: Wir benützen sie, um Uneigentlichkeit auszudrücken, d.h. etwa bei der Markierung von Ironie. In dieser Funktion haben sie sogar Einzug in die Face-to-face-Kommunikation gehalten. Kein anderes Satzzeichen wird mit den Händen der sprechenden Personen in die Luft gezeichnet.

Leider aber findet man die Gänsefüßchen immer öfter in falscher Verwendung vor. Die unfreiwillige Komik, die solche sprachlichen Missgeschicke fürderhin erzeugen, ergibt sich aus der Diskrepanz zwischen Gemeintem und Verstandenem. So gibt es Wirte, die auf den Tafeln vor ihrem Gasthaus ihren "frischen" Salat bewerben. Niemals würde ein Wirt zum Tisch kommen und bei dem Wort "frisch" Gänsefüßchen in die Luft zeichnen, böte er seinen Gästen den Salat an. Weitere Beispiele:
"Gutes" vom Rind: Was das wohl sein mag?
"Neu": Also nicht ganz neu?
Suchen "verlässlichen" Mitarbeiter: Da will wohl jemand seine Firma absichtlich zugrunde richten?

***

Was nun wohl in obigem Beispiel mit den "Schuhen" gemeint ist? Es handelt sich offenbar um keine richtigen Schuhe, sondern eben um "Schuhe". Da fallen mir spontan FlipFlops ein, bei denen es sich nur bedingt um tatsächliche Schuhe handelt. Jemand will hier wohl sein Missfallen über das Schuhwerk jener ausdrücken, die das Schild lesen, und ihnen mitteilen, dass man den Nassbereich gefälligst mit richtigen Schuhen zu betreten hat und nicht mit Fußbedeckungen, die der Bezeichnung "Schuhe" nicht würdig sind!

Ein selbstbewusster Blick auf meine Fußbekleidung indes hat mir versichert, dass es sich dabei um ordentliches Schuhwerk handelt und ich bin extra in den Nassbereich gegangen, obwohl ich dort gar nichts zu suchen hatte.