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Samstag, 13. September 2014

Der David

"Was der David immer mit der Prostata zu tun hat, musst du mir jetzt mal erklären", sagt der Langmayr Hansl und schüttelt den über sein iPad gebeugten Kopf.
"Wie meinst?", frage ich ihn geistesabwesend, weil ich selber gerade etwas überaus Interessantes im Internet entdeckt habe: Hunde, die aussehen wie ihre Besitzer - oder umgekehrt. Ich habe solche Fotos schon geschätzte 400 Mal gesehen, aber es fasziniert mich immer wieder. Vor allem der Umstand, dass immer und immer wieder solche Fotos auftauchen; und ich wage zu behaupten, dass es nie dieselben sind. Oder sind sie es doch? Ist die unermessliche Fülle an Information im Internet nur scheinbar? Kommt uns das Internet nur deswegen unendlich vor, weil wir ständig alles vergessen, was wir darin sehen, lesen und hören? Die Information ist ja zu 90 oder mehr Prozent vollkommen irrelevant. Und alles, was wir an Relevantem im Web finden, geht sowieso irgendwann verloren. Weil wir vergessen, ein Lesezeichen zu setzen; weil die Seite irgendwann offline geht und wir natürlich keine Offline-Kopie erstellt haben, und falls wir das doch gemacht haben, dann nicht auf diesem Gerät oder eben vor der letzten Formatierung...

Aber diese Hunde und ihre Besitzer... das ist schon faszinierend, dass zwei verschiedene Spezies sich so gleichen können. Aber woher weiß ich eigentlich, dass es sich bei diesen Menschen tatsächlich um die Besitzer der Hunde handelt? Vielleicht gehen da Leute mit Hunden spazieren und fragen wildfremde Passanten, ob sie sich nicht kurz mit dem Hund ablichten lassen würden; schließlich würden sie dem Köter ja so ähnlich schauen. Macht man das? In Amerika vielleicht. Oder nein, in England - da machen die das! "Excuse me, you look just like this dog. Do you mind if I take a picture of you with the dog? It's for a funny web page!". Nein, das macht doch keiner!
Oder ist es so, dass sich die Menschen gezielt Hunde zulegen, die ihnen ähnlich sehen? Also ganz absichtlich, meine ich. Nicht, dass sie durch das Tierheim marschieren und vor einem Zwinger stehen bleiben, wo sie dann ganz eitel mit einem Blick auf den Hund sagen: "Der sieht aber hübsch aus!", und eigentlich sich selber meinen.
Nein, ich meine, die Menschen gehen von Hund zu Hund und sagen irgendwo einfach: "Ja, der passt zu mir". So kommt ein dicker Mensch eher zu einem dicken Hund, weil er vielleicht Angst davor hat, sich auf einen Zwergpinscher draufzusetzen. Der Dicke denkt sich vielleicht auch: "Ich neben so einem kleinen Hund - das sieht doch lächerlich aus!" Also nimmt er einen Hund, der ihm in der Erscheinung ähnlich ist. Nach einigen Jahren des Zusammenlebens haben sich schließlich auch die Gesichtszüge einander angepasst. Der Hund ist ja ein gutmütiges Wesen und passt sich gern seinem Herrchen an. Wenn dieses ihn mit teigigem Gesicht und traurigen Augen tagein, tagaus anschaut, wird der Hund irgendwann auch ein trauriges, teigiges Gesicht bekommen. Nicht, weil er emotional verwahrlost, sondern weil der Hund das aus reiner Sympathie macht. Irgendwann sehen sich Herrchen und Hund so ähnlich, dass nicht der krasse Unterschied, den es bei der Beschaffung des Tieres noch strikt zu meiden galt, das Lächerliche ist, sondern die auffallende Ähnlichkeit zwischen Tier und Mensch.

"Was hat also jetzt der David mit der Prostata zu tun?", fragt der Hansl noch einmal, und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. - "Was? Wie meinst?", sage ich noch einmal. Der Hansl seufzt und tippt auf seinem iPad herum, während ich die Seite mit den Fotos von Hunden und ihren Besitzern schließe.
"Jedes Mal, wenn ich irgendwo über einen Artikel über die Prostata stolpere, ist da ein Bild vom David. Was hat der also damit zu tun?", fragt der Hansl. Er klingt jetzt dringlicher als zuvor. Es beschäftigt ihn also wirklich.
"Welcher David?", frage ich, lege das iPad weg und versuche mich nach meinem geistigen Ausflug in die physiogonomischen Ähnlichkeiten zwischen Tier und Mensch, jetzt ganz Hansls Problem zu widmen.
"Na die Statue. Die Davidstatue. Der Nackerte!", sagt der Hansl und hält mir das iPad hin. Es zeigt Michelangelos David neben der Überschrift "Prostatakrebs: Lang ignoriertes Leiden".
"Aso, der David", zeige ich mich verständig, habe aber schon vergessen, was der Hansl jetzt eigentlich wissen wollte. Also schaue ich ihn fragend an.
"Mir kommt vor, dass die jedes Mal den David zeigen, wenn es um die Prostata geht. Wieso machen die das?" Der Hansl scheint wirklich ein bisschen aufgebracht zu sein, aber seine Frage ist eine durchaus berechtigte.
"Die machen das wegen des Visual Contents" ist mein erster, zugegeben etwas halbherziger Versuch. "Die brauchen ja für jeden Online-Artikel ein Bild. Bei solchen Themen gehen ihnen halt oft die Bilder aus. Was sollen sie auch zeigen? Eine sezierte Prostata? Das ist ja grauslich."
"Jaja", macht der Hansl, "das ist schon klar, dass die Visual Content brauchen. Aber wieso immer der David?"
"Wegen dem Zumpferl!", sage ich. "Da weiß dann jeder 'Oha, jetzt geht es um was Intimes'. Und dann zeigt man eben das Zumpferl vom David. Also in erster Linie den David, der als nackter Mann anzeigt, dass das jetzt ein Männerthema ist. Und sein Zipfel zeigt an, dass es um was Intimes geht."
"Ja, aber das ist doch behämmert!", protestiert der Hansl sogleich. "Was hat denn der David mit der Prostata zu tun?"
"Ja eh nix... direkt halt. Eher indirekt. Also der David hatte ja auch eine Prostata. Also quasi eine Prostata."
"Der David ist eine Statue, der hat überhaupt keine Prostata!", wirft der Hansl ganz richtig ein.
"Ja, aber der David steht ja für etwas. Also die Statue, die steht für den Menschen, aber eben auch für den männlichen Körper, und also auch indirekt für die Prostata." Ich merke, dass ich mich auf dünnem Eis bewege.
"Dann steht der David aber auch für den Zehennagel des Mannes. Und für den Herzinfarkt und die Fettleber!" Der Hansl versucht jetzt also, meine eh schon schwache Argumentation mit Sarkasmus zu zerfleddern.

Ich beschließe, auch ein bisschen albern zu werden und sage: "Schau her, der David steht für den Mann. Aber eigentlich steht der David nur da, damit jeder sein Zipfel sehen kann. Darum ist es ja dem Michelangelo in erster Linie gegangen: Er macht den perfekten Körper, lässt ihn lässig dastehen mit Stand- und Spielbein und allem. Aber eigentlich will er nur das Zipfel zeigen. Und die meisten hat auch immer nur das Zipfel interessiert. Und deswegen kann eine Zeitung hergehen und das Bild vom David in einen Artikel über Prostatakrebs setzen. So funktioniert das einfach. Für 90% der Menschen ist der David einfach ein Nackerter - nicht mehr und nicht weniger."
"Hmm", macht der Hansl und lächelt ein bisschen. "Trotzdem kapier ich nicht, was das mit der Prostata jetzt genau zu tun hat."
"Eh nix,", sag ich, "aber was sollen's denn wirklich stattdessen hernehmen? Du kannst ja schlecht das Foto von einer Prostatauntersuchung zeigen. Oder gar einen behandschuhten Arztfinger! Das ist ja alles zu alarmierend. Der David ist schön und tut keinem was. Und jeder weiß, dass es jetzt um was männliches Intimes geht."
"... Kürbiskerne!", wirft der Hansl ein, "sie könnten doch auch Kürbiskerne nehmen. Da weiß auch jeder, dass die gut für die Prostata sind. Sie könnten ein Foto von Kürbiskernen nehmen, und jeder weiß: Aha, da geht es jetzt wieder um die Prostata."
"Ich weiß nicht. Das funktioniert wahrscheinlich nur bei Menschen, die viele Artikel über die Prostata lesen. Jetzt ist Herbst, und wenn du da ein Foto von Kürbiskernen hineingibst, dann denkt jeder in erster Linie an - Kürbiskerne! Da schlägt keiner die Brücke zur Prostata. Außer du vielleicht."
"Hmm", macht der Hansl erneut und schaut wieder auf das iPad.

Es gibt im Internet überhaupt viele Seiten, deren Idee darin besteht, dass sie Tiere zeigen, die irgendwie menschlich wirken. Das taugt den Menschen bzw. den Usern anscheinend am meisten: Wenn das Tier möglichst menschlich daherkommt. Der Hund trägt einen Hut, der Kater scheint zu schimpfen, das Eichhörnchen macht ein böses Gesicht: Das ist alles ganz köstlich, weil die Tiere dabei wie Personen wirken. Anthropomorphismus sagt man da auf gescheit. Das macht den Menschen lachen, weil er am liebsten eh über sich selbst lacht - auch wenn er das nicht gern zugibt. Das Tier kann ja gar nichts dafür, weil es nicht verstehen kann, worüber wir lachen. Manchmal habe ich Gefühle des Mitleids, wenn ich Menschen über Tiere lachen sehe. Im gleichen Moment erkenne ich, dass solche Gefühle ja eigentlich lächerlich sind. Das Tier trägt ja keinen emotionalen Schaden davon, wenn es verlacht wird. Im Gegenteil kann ich mir sogar vorstellen, dass ein Hund, der von seinem Herrchen ausgelacht wird, eine große Freude daran hat, dass er sein Herrchen zum Lachen bringt.
Das ist freilich irgendwie ein Missverhältnis, wenn auch kein besonders dramatisches. Es zeigt nur wieder die absonderliche Einrichtung der Welt, zumindest einen Aspekt davon: Wir sehen uns Videos an, in denen Tiere sich wie Menschen verhalten, und wir lachen darüber - und wissen eigentlich nicht warum. Das einzig Beruhigende daran ist wirklich, dass niemand Schaden daran nimmt. Dann wiederum gibt es Videos von Menschen, die sich wie Tiere aufführen, was wiederum viele Leute geil finden. Muss - ja, kann man das überhaupt verstehen?

"Was ist eigentlich die Mehrzahl von Prostata?", fragt mich der Hansl plötzlich.
"Prostatae wahrscheinlich", rate ich, während mir einfällt, dass dies bisher der einzige Nutzen des Lateinunterrichts gewesen ist: dass ich mit hoher Trefferquote den richtigen Plural von Fremdwörtern bilden kann; und, dass ich mir deren Herkunft ein bisschen erklären kann. Dafür machte man ein mehrjähriges Martyrium mit, in dem man Sätze von Autoren übersetzte, deren Leistung darin bestand, alles, was die Griechen schon erdacht hatten, noch einmal zu denken und auf Latein aufzuschreiben. Meistens übersetzte man falsch - und das Beunruhigende war, dass es einem nicht einmal auffiel, weil die falsche Übersetzung in vielen Fällen sinnreicher war als die richtige Version.

"Braucht man eh nicht", sagt der Hansl.
"Was?", frage ich, meinen Gedanken über das Lateinische entrissen.
"Die Mehrzahl von Prostata braucht man im Normalfall nicht. Man hat ja eh nur eine!"
"Stimmt. Außer du arbeitest beruflich mit Prostatae. Als Prostatologe. Die wären wahrscheinlich auch die einzigen, die dir einen falschen Plural übel nehmen würden."
"Wie meinst du?"
"Naja, einem Normalsterblichen ist es wohl egal, ob du von 'Prostatas' oder 'Prostatae' sprichst. Der Prostatologe würde wohl protestieren!"
"Prostatieren!", sagt der Hansl und lacht.
"Protestierende Prostatologen - das fehlt uns noch", sage ich und überlege, ob das Wort "Protest" irgendwas mit dem Testikel zu tun haben könnte.
"Pro testis", sagt in dem Moment der Hansl, der offenbar einen ähnlichen Gedanken hat, "für die Eier! Haha!"
"Für die Eier protestieren?"
"Genau! Die Prostatologen protastieren für die Prostata, während die Testologen für die Eier protestieren.", gluckst der Hansl.
"Oder muss es pro testes heißen? Pro verlangt ja den Ablativ? Oder pro testem? Was ist denn testis für eine Deklination?"
"Weiß ich doch nicht!", sagt der Hansl vorwurfsvoll. Und eigentlich möchte ich es selbst auch gar nicht wissen, weil ich mit der Information nur vor die weitere Frage gestellt wäre, wie denn jetzt korrekt zu deklinieren wäre. testis, testis, testi, testem, teste? Ich nehme das iPad wieder zur Hand und überlege, was denn nun der Plural von Testis ist.
"Was ist denn die Mehrzahl von Testis?", frage ich den Hansl, der reflexartig mit den Schultern zuckt.
"Ist das nicht schon Mehrzahl? Es sind ja zwei! Im Gegensatz zur Prostata", sagt er und lacht wieder.
"Na, es ist ja 'der Hoden'". werfe ich ein.
"Testis klingt aber eh schon nach Plural", bemerkt der Hansl und fährt seine volks-grammatischen Betrachtungen so fort: "Da hast du ein i und ein s. Das riecht zehn Meter gegen den Wind nach Mehrzahl!"
Tatsächlich google ich das Wort und sage nur: "Testes!"
"Testes?"
"Ja, das ist die Mehrzahl von Testis: Testes!"
"Das ergibt ja überhaupt keinen Sinn!", sagt der Hansl und ich gebe ihm Recht.
In einem Tab ist noch die Tierseite geöffnet und also schaue ich mir lieber das Video von einer Ratte an, die mit einer Spielzeugeisenbahn fährt und dazu pfeift.

"Da zeigen's übrigens auch immer den David", sagt der Hansl wieder.
"Wo?"
"Bei den Hoden-Artikeln im Gesundheitsteil in der Zeitung! Da sieht man auch oft den David!"
"Na also", sage ich und lache über die Ratte als Lokführer.


Montag, 17. September 2012

:-P ...

Aus einer Fülle der seltsamsten Emoticons werde ich gezwungen jenes zu wählen, das meinen momentanen Gemütszustand am ehesten zu beschreiben vermag. Dazu muss ich mir erst einmal darüber klar werden, wie ich mich eigentlich gerade fühle. Ein Smiley, der die Zunge rausstreckt - was für ein Gefühl vermittelt er? Ich finde ihn nicht schlecht, aber momentan befinde ich mich in keiner Laune, in der man für gewöhnlich die Zunge rausstreckt. Überhaupt kann so eine herausgetreckte Zunge die verschiedensten Zustände beschreiben. Ich kann die Zunge frech herausstrecken, ja neckisch, obwohl sich so etwas für einen Mann ab einem gewissen Alter gar nicht mehr gehört.
Ich kann hechelnd wie ein Hund die Zunge zum Lüften aus dem Mund hängen lassen; das wäre ein angestrengtes Zunge-Zeigen, das bei Hunden oft lässig, bei Menschen aber immer ein bisschen debil aussieht. Ich kann wie Einstein auf dem Foto, das er, lebte er noch, wahrscheinlich am meisten hassen würde, die Zunge mit weit aufgerissenen Augen ganz "crazy" rausstrecken, so wie man es noch ab und an auf verschiedenen Fotos sieht, die auf Partys aufgenommen wurden, auf denen Menschen, in Ermangelung kontrollierter Mimik, zu extremen Grimassen neigen und also, wenn es an geeigneter Kreativität fehlt, einfach die Zunge so weit wie möglich Richtung Kinn strecken.
Doch so verschiedenartig diese Zunge-Zeig-Varianten auch sind, ein einheitlicher, diesen allen zugrunde liegender Gemütszustand lässt sich ihnen genausowenig zuordnen wie es völlig unklar ist, was diese Gesichter in jedem einzelnen Fall genau zu bedeuten haben. Deswegen gibt es auch einen Smiley mit herausgestreckter Zunge und Augen, die aussehen wie ein X. Dabei handelt es sich, denke ich mir, vielleicht um einen Gewichtheber-Smiley, denn so eine angestrengte Visage, eine Mischung aus Konzentration und gewaltiger Anstrengung, sieht man eigentlich nur bei Gewichthebern und vielleicht auch noch bei Diskurs- und/oder Hammerwerfern. Letztere aber drehen sich so schnell, dass ein prüfender Blick in das Athletengesicht meist nicht möglich ist. Ich selbst mache so anstrengende Sachen für gewöhnlich nicht, und sollte ich mich doch einmal so plagen müssen, dass meine Augen sich zu einem X verzwicken, würde ich mich davor hüten, meine Zunge zwischen die Zähne zu schieben, müsste ich doch die Befürchtung haben, mir bei einer derartigen Anstrengungen versehentlich die Zunge abzubeißen.

Enttäuscht lasse ich von den Smileys ab. Die Vorstellung, für jede menschliche Emotion auch ein passendes Emoticon zur Verfügung zu haben, kommt mir immer irrwitziger vor. Am ehesten sind es drei Punkte, welche die meisten meiner Emotionen recht treffsicher beschreiben, und die sich dabei noch schön schlicht und bescheiden ausnehmen. Nichtssagend, ja; ... aber nichtssagend sind doch auch solche Gewichtheber-Smileys ob ihres übersemantisierten Vorbeischrammens an humanmimischen Tatsächlichkeiten.
"Hier gibt es nichts zu sehen", sagen drei Punkte und bedeuten somit ungleich mehr als die fragwürdigen Emoticons, die in ihrer Absicht, das menschliche Gefühlsspektrum auf drei Zeichen zu verkürzen, stetsfort auf die bedenklichste Weise versagen. Genug gesagt...


Nachtrag:

Vor 30 Jahren wurde das Smiley-Emoticon von Scott Fahlmann erfunden. Der Erfinder selbst steht der Entwicklung, die seine Idee genommen hat, skeptisch gegenüber:
"Ich hatte doch keine Ahnung, dass ich etwas auslöste, das bald alle Kommunikationskanäle der Welt verschmutzen würde." Und dem Independent sagte er kürzlich, er finde die grafischen Smileys hässlich. Sie ruinierten "die Herausforderung, auf schlaue Art und Weise Gefühle mit einigen Tastatursymbolen auszudrücken."
Viele Schreiber setzen ihre Emoticons ohnehin nicht als Stimmungssignal ein, sondern als eine Art Verlegenheitsgeste, ein Anzeiger für sprachliche Unsicherheit. Das :-) soll anzeigen, dass ein Satz irgendwie vielleicht nicht ganz wörtlich gemeint ist und um Gottes willen nicht missverstanden werden soll – ersetzt also das Bemühen, so präzise zu formulieren, dass die Worte das wirklich Gemeinte übermitteln.

Hier zum Artikel in der 'Zeit'.

Donnerstag, 26. Juli 2012

Kitzbüheler Tennis-Rundschau

Impressionen vom Kitzbüheler Bet-at-home-Cup (ATP 250) am Montag und Dienstag


Der Klescher und der Bauer

Es klescht, wenn Dominic Thiem aufschlägt, und zwar gleich drei mal: Zuerst, wenn sein Schläger den Ball trifft; dann, wenn der Ball im Aufschlagfeld aufspringt (da staubt es auch gleich ordentlich) und das dritte Mal, wenn der Gegner versucht, den Ball zu retournieren. Beeindruckend, der junge Österreicher, der in Kitzbühel gegen den Slowaken Martin Klizan ein sehr ordentliches Match abliefert! Leider muss er sich im dritten Satz 5:7 geschlagen geben: Nach einem unglaublichen Ballwechsel, den er noch gewinnen kann, wird Thiem von Krämpfen geplagt und plötzlich klescht der Aufschlag nicht mehr. Mit Mühe wurstelt Thiem noch drei Aufschläge ins Feld, diese aber gleichen eher den Tomatenbällen des Italieners Filippo Volandri, der aufschlägt wie ein Schuljunge. Ein gefundenes Fressen für den auf Nummer 5 gesetzten Klizan, dem es schon unbequem geworden war in diesem Match. Klizan gewinnt das Spiel, den Satz und das Match. Wie er das gemacht hat, weiß keiner so recht. Nur Günter Bresnik, der obergescheite Trainer von Thiem, weiß es ganz genau!

Dieser erklärt nach dem Match beim Interview, dass er so etwas von seinem Schützling nicht erwartet hätte. Anscheinend habe Thiem konditionelle Probleme, so Bresnik. Er sei enttäuscht von der Leistung Thiems und ihm sei gänzlich unklar, wie man so eine Partie noch aus der Hand geben könne. Ein Trainer also, der über das Leistungspotenzial seines Schützlings entweder zu wenig informiert ist, oder dieses maßlos überschätzt hat? Oder einfach nur ein Wichtigtuer, der in bäuerlichster Manier seinem Protegé vor Publikum die Leviten liest? Professionalität sieht jedenfalls anders aus. Das Publikum quittiert Günter Bresniks emotionalen Stammtisch-Kauderwelsch mit Buh-Rufen, bevor Bresnik seinerseits sarkastisch den erhobenen Daumen zeigt. „Suppa sats!“, wird er sich gedacht haben. „Ein Bauer bist!“, hat sich wohl das Publikum gedacht.


Die Gulbis-Show

Ernests Gulbis geht die Grundlinie auf und ab, immer wieder in das Publikum stierend. Seit dem ersten Spiel scheint er sich nicht wohl zu fühlen. Kein Wunder, muss er doch gegen Lokalmatador Andreas Haider-Maurer ran, der von den eher spärlich besetzten Rängen in bester Stammtisch-Manier angefeuert wird. „Geht scho, Andi!“ - „Gemma, Andi!“ - „Supa, Andi, supa!“ und mein persönliches Highlight der Grenzdebilität: „Vamos, Ändy!“ (Wirklich? Ändy? Vamos? Come on...)

Haider-Maurer schlägt immens stark auf. Aber Gulbis, der bisher einzige tatsächliche Vertreter eines ATP-Niveaus, kann sich auf den Aufschlag einstellen. Er retourniert Haider-Maurers erste Aufschläge souverän und attackiert die zweiten geradezu unwirsch. Den ersten Satz verliert er noch, den zweiten kann er knapp für sich entscheiden, im dritten geht Haider-Maurer 1:6 unter.

Was dazwischen passiert, sorgt bei den meisten im Stadion für Unverständnis. Gulbis legt sich mit dem Publikum an, Gulbis macht Mätzchen, Gulbis schimpft mit sich selbst, Gulbis raunzt Ballkinder an. „Buh!“, sagt das Kitzbüheler Publikum. Mir gefällt es insgeheim, weil es hier endlich Theater zu sehen gibt. Und gutes Tennis obendrein! Im Fernsehen sieht man es oft nicht so genau, aber der Niveauunterschied zwischen einem potenziellen Top-20-Mann und einem, der ewig zwischen Platz 80 und 120 der Weltrangliste rauf- und runter paternostert, ist, gelinde gesagt, schlagend! Gulbis ist ein Vertreter ersterer Spezies, und davon der erste, den ich beim Turnier in Kitzbühel verfolgen kann; insofern stört es mich überhaupt nicht, dass er sich hier keine Freunde macht. Noch dazu scheint er nicht hundertprozentig fit zu sein – er lässt ich am Ende des zweiten Satzes immer wieder an der Schulter behandeln.

Nach dem Match bemüht sich Gulbis um Schadensbegrenzung. Wie ein Schuljunge (ein anderer Typ Schuljunge als Volandri!) steht er beim On-Court-Interview und entschuldigt sich, dass er den „local guy“ nach Hause schicken musste. Er hoffe aber, dass die Unterhaltung gut war. Kein Wunder: Dieser Mann kommt aus einer Schauspielerfamilie!


Der Kornspitzbub

Eines muss man Alexander Antonitsch zu gute halten: Seine latente Unbekümmertheit (die oft pathologisch wirkt) trägt manchmal auch unerwartete Früchte. Seine Idee des „Spiel deines Lebens“ ist zum Beispiel so eine Frucht. Über 4.000 Leute bewarben sich um einen Platz an der Seite von Philipp Kohlschreiber im Kitzbüheler Doppelbewerb. Acht davon wurden zu einem Tie-Break-Shootout geladen, in welchem sich der junge Oberösterreicher Stephan Tumphart durchsetzte. Dieser Hobby-Spieler, der zuletzt im „Kornspitz-Cup“ erfolgreich war, durfte nun zusammen mit der Nummer 21 der Welt am Platz stehen. In der ersten Runde ging es gegen Nadal-Bezwinger Lukas Rosol aus Tschechien und den Argentinier Horacio Zeballos.

Philipp Kohlschreiber tat sich unter diesen Bedingungen schon vor dem Match als guter Sportsmann hervor. Freilich, ihm war der Doppelbewerb wahrscheinlich nicht wirklich wichtig, aber immerhin ließ er sich zu diesem „Crowd-grooming“ überreden und so war das ganze eine witzige und eigentlich auch überaus interessante Aktion. Wie würde ein Amateur auf ATP-Level mithalten können?

Um dies zu beobachten, musste man sich auf dem Grandstand einfinden, wo zu Beginn dieses Matches schon ungewöhnlich viele Leute Platz genommen hatten. Würde der 20-jährige Tumphart überhaupt ein Aufschlagspiel durchbringen können? Wie würde er die Aufschläge der Profis retournieren? - alles Fragen, die Tumphart schon nach drei Games beinahe mit Gleichmut beantwortet hatte. Zwar hörte man noch beim einen oder anderen Service-Return ein überraschtes „Boah!“ aus dem Mund des TU-Studenten, sein erstes Aufschlagspiel aber brachte er souverän durch. (Den ersten Doppelfehler im Match machte übrigens Kohlschreiber.) Kohli unterstützte seinen Partner mit Tipps und kleinen Aufmunterungen, wenn Tumphart bei einem Ballwechsel das Nachsehen hatte – was weniger oft der Fall war, als man geglaubt hätte. Der erste Satz ging für die beiden knapp mit 5:7 verloren. Das war's dann wohl – dachte man und verließ den Grandstand.

Wenig später, zurück auf dem Centercourt, hörte man die Durchsage, dass das Unglaubliche wahr geworden war und Kohlschreiber/Tumphart tatsächlich den Sieg davon getragen haben. Im Champions-Tiebreak besiegten sie Rosol/Zeballos 10:5 und zogen damit in die zweite Runde ein! Die ATP zeigte sich ratlos, denn niemand kannte den Mann, der da an der Seite von Philipp Kohlschreiber spielte. Ebenso ratlos muss Tumphart selbst gewesen sein – denn er selbst hätte wohl am wenigsten geglaubt, dass er eine Chance auf den Sieg hat.

Alex Antonitsch muss eine Freude haben, denn seine Aktion war ein voller Erfolg. Fraglich ist nur, ob diese Freude auch Philipp Kohlschreiber teilt. Denn dieser muss am Donnerstag unter Umständen drei Mal auf den Platz: Einmal, um sein am Mittwoch angefangenes Spiel fertig zu spielen, danach stünde schon die nächste Runde an. Und nun muss er ja – entgegen aller Erwartungen – Doppel auch noch spielen! Kohli wird’s mit Fassung und dem gewohnten Sportsgeist tragen. Und der Kornspitzbub Stephan Tumphart hat noch ein weiteres Spiel seines Lebens – denn nun geht es gegen die als Nummer eins gesetzte Paarung Knowle/Cermak.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Der Unaussprechliche und der Teufelskerl

Manchmal glaubt man, aus einer ungerechtfertigten Arroganz heraus, irgendein Spiel nicht anschauen zu müssen. Man meint etwa, bei den Begegnungen zwischen Tschechien und Griechenland oder Russland gegen Polen nicht viel zu versäumen. Freilich vermutet man, dass man sich da auch täuschen könnte, denn die Gruppe A hat sich doch weniger als das Kondensat des Bösen gezeigt, denn als wirklich interessante Ansammlung scheinbar kleinerer Fußballnationen, die bei jedem Spiel um ihr Leben spielen zu scheinen. Das ist durchaus vergleichbar mit den Nordkoreanern bei der WM vor zwei Jahren, nur mit zwei Unterschieden: 1. Die Nordkoreaner konnten überhaupt nicht kicken und 2. ging es bei denen wirklich um's nackte Überleben.

Gestern also nahm ich das mit dem Fußball-Schauen nicht gar so ernst, schaltete erst 20 Minuten nach Spielbeginn zu und wurde prompt dafür bestraft, denn da stand es schon 2:0 für Tschechien. Jetzt ist es natürlich nicht so, dass Fußballspiele nur aus Toren bestehen, und sie allein des Netzens wegen anschaubar sind, aber der Moment des Tores ist halt schon ein Höhepunkt in einem Spiel, an den man sich erinnern kann und letztlich der einzige Höhepunkt, der am Ende zählt. Nun hatte ich also schon zwei Tore versäumt und dachte, dass es schon eine gewisse Komik hätte, würde die restlichen 70 Minuten nichts mehr passieren.

Als ich dann aber die hochmotivierten Griechen sah, wie sie voller Mut, ohne falsche Bescheidenheit und vor allem ohne Unterlass auf das tschechische Tor stürmten, merkte ich, dass ich belohnt werden würde. Seit acht Jahren ist mir der griechische Fußball ein Dorn in Auge, doch das gestrige Spiel hat, wenn nicht alles, so doch einiges meiner Reserviertheit aufgeweicht. Natürlich spielt es sich mit dem Rücken zur Wand ganz anders, aber ich glaube mich auch an Spiele erinnern zu können, in denen die Griechen offenbar versuchten, einen Rückstand zu verteidigen (1. Spiel bei der WM vor zwei Jahren gegen Südkorea). Der Fortschritt ist spürbar, auch wenn es erst ein 0:2 braucht, um den Willen zu mobilisieren.

Letztlich wurden die Griechen dann auch mit einem Tor belohnt, das heißt, der gütige Petr Cech hat ihnen eines geschenkt: In der Manier eines englischen Torhüters lässt er in der 53. Minute den Ball durch seine Finger gleiten, der springt Gekas vor die Füße und es steht 1:2. Kein schönes Tor, aber eben ein gütiges, das wieder an sowas wie einen Fußballgott glauben lässt. Letztlich reicht es aber dann doch nicht, Tschechien hat sich „zurück ins Turnier geschossen“ (eine Phrase, die ganz exklusiv für die zweite Runde der Gruppenphase reserviert ist) und Griechenland müsste jetzt schon mindestens gegen Russland gewinnen, um sich „ins Viertelfinale zu schießen“ (diese Phrase wird in der nächsten Runde aktuell).

Die Russen und die Polen lieferten sich im und vor dem Warschauer Stadion einen erbitterten Kampf. Was vor dem Stadion passiert ist, hat aber wenig mit Fußball zu tun, denn da ging es mehr „um die Weltgeschichte“, wie ein kundiger Besucher des EM-Beisls in der Grazer Franziskanergasse bemerkte. Dort habe ich mir nämlich dann das zweite Spiel angeschaut – in gewohnt traurig angestaubter Atmosphäre, die, so kam mir vor, ganz gut zur Ostblock-Begegnung passte. Was aber auf dem Platz passierte, war ganz und gar nicht angestaubt, sondern viel eher wie Hälfte zwei von Schweden gegen Ukraine: emotional und aufregend.

Für Russland traf wieder der kleine Dsagojew, der jetzt schon drei Turniertreffer verzeichnen kann. Ein Teufelskerl, so hätte man ihn früher genannt. „Dieser Teufelskerl Dsagojev“, hätte man gesagt, oder auch „das Schlitzohr“, obwohl er vielleicht gar nichts Schlitzohriges getan hat. Heute sagt man ja solche Sachen nicht mehr. Dass ausgerechnet der kleinste Russe ein Kopfballtor macht, ist vielleicht ein bisschen schlitzohrig, dann aber wieder nur der polnischen Verteidigung anzulasten, die ihn „sträflich alleingelassen“ hat. Also trifft der Teufelskerl, nachdem Kerschakow wieder durch Wirkungslosigkeit im Abschluss glänzte. Vielleicht bekommt Dsagojev am Ende einen goldenen Schuh für die meisten Tore. Dann aber hätte sich Kerschakow einen hölzernen Schuh als wirkungsloseste Spitze verdient. Kein Teufelskerl, der Kerschakow. Kerschakow... das klingt wie ein Gewehr; wie eine Damenvariante der Kalaschnikow. Ein Sturmgewehr für die Handtasche: ja, so spielt er auch, der Kerschakow.

Nachdem ich an diesem Tag schon zwei Tore versäumt hatte, muss ich den ambitionierten Polen für deren Ausgleichstreffer danken. Gestern habe ich nämlich noch bemängelt, dass es ein bisschen an den schönen Toren fehlt. Und dann kommt der unaussprechliche (Moment, hier google ich jetzt …) Blaszczykowski (copy&paste!) und macht ein ganz wunderbares Tor. Über die rechte Seite aus dem Lauf heraus nimmt er den Ball an, nur eine kurze Berührung, weiterlaufen, Schuss ins lange Eck, passt genau. So elegant, so einfach war das, so lässig: Ein Tor wie im Vorbeigehen. En passant nennt sich das im Schach, wenn ein Bauer einen anderen Bauern quasi im Vorüberschreiten schlägt. Oder auch so, wie wenn man im Supermarkt auf dem Weg in die Gewürzabteilung bei den Süßwaren vorbeikommt und eine Tafel Nussschokolade lässig in den Einkaufswagen gleiten lässt, und das dann auch noch gut aussieht. Kann nicht jeder – der Unaussprechliche aber kann es.

Unaussprechlich ist er ja gar nicht, der Blaszczykowski; so annähernd bekommt es der österreichische Mund schon hin. Aber schreiben Sie den mal richtig! Zehn Mal hintereinander ohne Fehler, da kommt man sich vor wie in der Volksschule... Ich bin ja gestern schon an Schewtschenko gescheitert, er wurde bei mir zunächst zum Schwetschenko. Aber klar, wann hat man sonst schon mal ein Wort mit „Schew“, viel mehr Wörter gibt es bei uns mit „schwe“. Schwierig ist das, vor allem, wenn Schewtschenko gegen Schweden spielt. Das ist die digitale Analogie zum Zungenbrecher: die fractura digitalis, ein Fingerbrecher also. Da schmeißt es den geübtesten Tipper! Und wir Österreicher kapitulieren ja eh schon, wenn ein Name komplizierter ist als Sedlacek oder Jukic. Also üben: Blaszczykowski, Blaszczykowski, Blaszczykowski, Blaszczykowski....

So, das war alles gestern. Die Gruppe A ist rehabilitiert, man kann jetzt schon sagen, dass sich die Mannschaften hier ganz gut verkauft haben. Erwartet stark natürlich die Sbornaja (mein Lieblingswort, noch vor Squadra Azzurra), ein bisschen schwach aber abgebrüht die Tschechen, bemüht und begeisternd die Polen, die Griechen zumindest auf dem richtigen Weg zurück in den Fußball. Wunschaufsteiger sind nach dem gestrigen Spiel aber eindeutig Russland und Polen – mit denen kann man im restlichen Turnier durchaus noch was anfangen. Das Kondensat des Bösen ist zur diabolischen Reha-Klinik geworden, und das ist besser als es klingt.

Heute geht es allerdings schon um die sprichwörtliche Wurst, denn für die Niederlande heißt es „verlieren verboten“ (auch ein Zweitrunden-Jargon) und die Deutschen werden einen Teufel tun und es ihnen leicht machen. Von beiden Mannschaften erwartet man sich eine Steigerung und wenn das beide hinbekommen, dürfte das ein richtig gutes Spiel werden. Zwar wird van Marwijk gerade gegen Deutschland auf die zwei 6er van Bommel und de Jong nicht verzichten können, aber vielleicht lässt er sich sonst etwas Schlaues einfallen, um 16 Millionen arme Menschen vor einer Depression zu bewahren. Ich würde es ihm danken, indem ich nicht mehr über Robben schimpfe. Arjen Robben meine ich, Robben beschimpft man weder, noch knüppelt man sie. Robben besprüht man mit bunten Farben, damit die Grönländer sie nicht knüppeln (sind Grönländer nicht eigentlich Dänen?). Aber den Arjen Robben, der darf man nur knüppeln, wenn er wieder so spielt wie beim letzten Mal. Knüppeln und besprühen. Alle zusammen auf Niederländisch: „Knuppelen en besproeien!“ Süß klingt das... Wie süßer Wahnsinn. Wahnsinn heißt auf Niederländisch „gekte“. Und van Gogh soll gesagt haben: „Oranje is de kleur van gekte“ (Orange ist die Farbe des Wahnsinns). Na also!




Mann des Tages: Jakub Blaszczykowski für ein anständiges Tor und die Tippübungen.


Buhmann des Tages: Petr Cech. Als einer der (nominell) drei besten Torhüter dieses Turniers darf einem einfach kein Engländer passieren. Auch, wenn es nichts am Spielausgang geändert hat: das war richtig schwach.


Kuriosum des Tages: Konstantinos Chalkias, der griechische Torhüter, der sich in der 23. Minute selbst austauschte. Natürlich war es nicht, wie der ORF-Kommentator vermutete, sein verpatzter Ausschuss und die beiden frühen Gegentreffer, die uns „einen Einblick in die Seele eines griechischen Fußballspielers“ boten, sondern einfach eine Oberschenkelverletzung. Seltsam war es trotzdem.

Montag, 11. Juni 2012

Eine Anstrengung gedanklicher Natur

So eine EM hat es in sich. Vor allem die Gruppenphase beanstrengt den geneigten Fußball-Seher ungemein: Zunächst, wenn das Turnier also endlich begonnen hat und die Vorfreude zur Freude wird, hat man es jeden Tag mit vier Teams zu tun, die man sich ansehen, die man beurteilen muss. Am Ende des Tages stehen zwei Ergebnisse da, die man zu interpretieren hat, die Hoffen und Bangen für die nächsten Spiele erzeugen und die Erwartungen erfüllen oder enttäuschen. Aber lange kann man sich damit nicht aufhalten, denn schon am nächsten Tag sieht man vier neue Mannschaften und das Rad beginnt sich wieder von neuem zu drehen.

Nebenbei zappt man sich durch das televisionäre Fußball-Angebot, vergleicht ORF mit den deutschen Sendern, sieht von Hickersberger über Schinkels, Mählich, Kahn, Scholl und schließlich den unvermeidbaren Herbert Prohaska so viele mehr oder weniger ahnungsvolle Fußball-Gesichter, die einem entweder alle das gleiche, oder gar immer etwas anderes erzählen, dass man am liebsten ganz darauf verzichtet und sich Meinungen und Analysen viel lieber später im Internet holt. Da gibt es schließlich auch für jeden was: von der fundierten, hoch komplexen Taktik-Analyse bis zum Boulevard-Interpretatorium á la Bild mit Fotostrecken zum Durchklicken und dumpfen Schulnoten-Bewertungssystemen. Das heißt: Für den wirklichen EM-Afficionado beginnt der Fußball nicht um sechs und hört um elf auf, sondern bemächtigt sich auch mittendrin der Freizeit und des gedanklichen Fokus des Fans.

Es ist also anstrengend (sofern man die Zeit aufbringen kann und will) und deswegen sind dann immer alle froh, wenn die Gruppenphase in ihre letzte Runde geht – leider in der Form von Parallelspielen, die das ganze dann noch einmal so verdichten, dass man schlussendlich gezwungen wird, auf ein Spiel zu verzichten, weil man es nicht bloß aus zeitlichen Gründen nicht schafft, sondern weil es schlichtweg unmöglich ist; weil man eben im Leben oft erkannt hat, dass man zur selben Zeit sich nicht an unterschiedlichen Orten aufhalten kann. Die postmoderne Zeit hat dieses Dilemma zumindest ansatzweise durch multiple Endgeräte in Public-Viewing-Spelunken und die Technik der Übertragungsaufzeichnung in den Griff bekommen. Trotzdem: Als übermedialisierte Unterhaltungslemminge wissen wir, dass nur live zählt, und dass es praktisch unmöglich ist, uns eine Information wie das Endergebnis eines EM-Spiels vorzuenthalten, um das Spiel später daheim anzusehen und so zu tun, als wäre nicht längst alles vorbei und entschieden.

Erschöpft und ausgezehrt bekommen wir dann nach den letzten Gruppenspielen einen Tag Pause, bevor die Playoff-Phase beginnt. Ein Tag ist eigentlich lächerlich wenig verglichen mit dem Fußball-Overkill, den wir die vielen Tage zuvor zu 'erleiden' hatten. Aber man nehme einem Süchtigen auch nur einen Tag sein Suchtmittel und sehe, was passiert: Wir werden uns am Abend des (spielfreien) 20. Juni zu irgendeinem Zeitpunkt fragen, ob und wieso denn heute kein Fußball zu sehen ist. Traurig müssen wir dann feststellen, dass das Turnier schon bald vorbei ist, und wir trösten uns mit der Spannung, die der Modus des KO-System für uns bereit hält. Nur kurz haben wir Zeit, einen ausgeschiedenen persönlichen Favoriten zu betrauern und in Gedanken ein Kerzerl für jene anzuzünden, die während der Gruppenphase in Schönheit oder Eleganz untergegangen sind. Nur kurz dürfen wir uns an die schönen, hässlichen und kuriosen Situationen erinnern, mit denen unsere nie weichende Aufmerksamkeit von dieser Europameisterschaft belohnt wurde. Dann geht es schon wieder weiter, Schlag auf Schlag, KO auf KO.

Aber noch sind wir ja mitten drin, in der Gruppenphase, noch ist nichts – überhaupt nichts! - entschieden; es ist erst angerichtet. Ja, angerichtet ist es: Das Besteck wurde ausgelegt, die Speisekarten verteilt und nun wartet in der Küche schon der erste Gang. So eine EM fängt nämlich immer mehrmals an. Streng genommen ja in der Vorbereitung zur Qualifikation, aber auch die Endrunde selbst hat mehrere Anfänge: Die Eröffnungszeremonie, das erste Spiel, der erste Kracher, dann die ersten Vor-Entscheidungen, dann der Beginn der KO-Phase. Und alles läuft zum Endspiel hin, von dem ausgehend dieses ganze Brimborium erst erdacht wurde. Faszinierend, was sich alles aus der Idee ergibt, dass irgendwer irgendwann wissen wollte, wer eigentlich den besten Fußball in Europa spielt, und dass aus diesem simplen Gedanken dann jene gedankliche Anstrengung wurde, der wir jetzt tagtäglich ausgesetzt werden – und für die wir auch noch dankbar sind.

Dienstag, 17. April 2012

Nicht nur zur Frühstückszeit

Im Frühstücksfernsehen wird eine App beworben, die das TV-Serien-Schauen noch besser machen soll. Wenn am Bildschirm ein Schauspieler auftaucht, werden automatisch alle verfügbaren Informationen über selbigen eingeholt und angezeigt. Aha, das ist ja wunderbar, denke ich mir. Jetzt soll ich auch noch parallel zum Fernsehen über das Fernsehen lesen, damit ich erfahren kann, in welchen unbekannten und völlig bedeutungslosen Filmen der mir ebenfalls unbekannte Serienschauspieler schon mitgespielt hat. Auch, dass mir so eine App im Frühstücksfernsehen vorgestellt wird, ist eigentlich erschreckend. Während ich also schon beim Frühstück gleichzeitig Zeitung lese und fernsehe, wird mir dort erklärt, wie ich am besten gleichzeitig fernsehen und lesen kann. Ich bin verwirrt.

Dann taucht der neue Weltbank-Chef am Bildschirm auf. Ein amerikanischer Mediziner mit einem Namen, der an nordkoreanische Diktatoren erinnert, und der zudem Youtube-Star ist, wird also Chef der Weltbank. „Und das in Zeiten wie diesen!“, könnte ein Wutbürger wüten. Mir ist es egal, der Herr wirkt seriös und sympathisch (eine seltene Kombination, bei Asiaten aber möglich), und außerdem vertraue ich sowieso immer darauf, dass Leute in solchen Positionen nicht wirklich was anstellen können, weil ihnen dauernd von anderen Wichtigtuern auf die Finger geschaut und gehauen wird. Vielleicht irre ich mich aber und der Herr wird eines Tages seinem diktatorischen Namen gerecht. Noch aber hat die Weltbank keine Armee, obwohl sie sich vielleicht eine leisten könnte. Interessiert mich aber auch kein bisschen, die Weltbank. Mich interessiert schon meine eigene Bank sehr wenig.

Dann der Attentäter von Oslo, der selbstgefällig im Gerichtssaal sitzt und so seriös wirken will, wie es eigentlich nur ein Weltbank-Chef sein kann. Der mit kühler, norwegischer Stimme erklärt, dass er alles gesteht und gleichzeitig auf Freispruch plädiert. Dann die weinenden Angehörigen, bei denen ich nicht verstehe, wieso sie sich das überhaupt antun, wenn sie doch vorher schon wissen, was das für ein Theater werden wird. Gestern habe ich gesehen, dass der Attentäter auch weinen kann. Geweint hat er nämlich, als sie im Gerichtssaal sein Propaganda-Video gezeigt haben. Hat er da aus Rührung geweint oder aus Verzweiflung? Interessiert mich eigentlich auch nicht.

Dann die ewig gleichen Vorberichte über große Fußballspiele. Heute wegen des Halbfinalspiels der Championsleague. Man sieht immer bemützte Fußballer beim Traben über das Feld, daneben der Trainer im Mantel. Dann ein paar Highlights aus den vorhergegangenen Spielen, zwischendrin Ausschnitte aus der Pressekonferenz, wo die Fußballer erklären, dass sie natürlich Respekt vor dem Gegner hätten, aber zu viel Respekt solle man auch nicht haben, denn schließlich sei ja im Fußball alles möglich und man werde alles versuchen und konzentriert ans Werk gehen, denn man wolle ja die Fans nicht... etc. Cristiano Ronaldo am Weg vom Mannschaftsbus zum Hotel. Witzigerweise sieht man in der Vorberichterstattung für Championsleaguespiele fast nie Fußballer auf Flughäfen. Das sieht man nur bei Länderspielen, denn da muss unterstrichen werden, dass da in ein anderes Land gefahren wird. Obwohl die Madrilenen auch mit dem Flugzeug nach München gekommen sind – vermute ich zumindest. Keine Fußballer auf Flughäfen. Dafür Fußballer auf dem Weg ins Hotel, vorbei an Fans und Fotografen. Sie werden alle ihr Bestes geben und alles versuchen. Bayern will versuchen, kein Tor zu bekommen. Madrid wird versuchen, ein Tor zu schießen, ein Auswärtstor wäre wichtig. Die Null muss stehen, so Bayern. Wir haben gute Chancen. Training, Pressekonferenz, ein Witz vom Trainer, ein Lachen des Verteidigers... Der Beitrag dauert nun schon fast 5 Minuten, obwohl ja noch gar nicht gespielt wurde. Heute Abend heißt es einschalten!

Jetzt das Wetter. Wetter kommt im Frühstücksfernsehen ungefähr alle 10 Minuten, damit die Leute wissen, was sie sich heute anziehen sollen, und welche Pläne sie schon jetzt fürs Wochenende machen können. Im Norden schön, im Süden regnet es, der Wind kommt von Ost und zeitweise sonnig ist es auch im Westen, gegen Nachmittag einzelne Schauer, die mir den Rücken runterlaufen, wenn ich das Sakko des Wettermanns genau ansehe.

Frühstücksfernsehen macht auch viel mit Social Media. Jedes Frühstücksprogramm hat einen Twitter-Account, dem man folgen kann. Den ganzen Tag, nicht nur zur Frühstückszeit. Oder man kann denen schreiben. Also während des Fernsehens kann man nicht nur lesen, sondern auch schreiben. Verrückte Welt: alles gleichzeitig, aber nichts richtig. 140 Zeichen über das Sakko des Wettermanns schreibe ich denen jetzt.

Freitag, 13. April 2012

30 seconds closer to Bedeutungslosigkeit

Auch auf die Gefahr hin, mich jetzt unheimlich unbeliebt zu machen, halte ich es dennoch für notwenig, ein paar Worte über 30 Seconds to Mars zu verlieren. Gestern saß ich im Auto und da wünschte sich ein Kärntner Forstarbeiter "Closer to the Edge" von besagter Band. Ich wollte schon den Sender wechseln, da dachte ich mir, nein, diesmal hörst du dir das von vorne bis hinten an und passt auf, was da passiert. Vielleicht, so dachte ich mir, erschließt sich dir die Faszination, die diese Band für so viele Leute jungen oder mittleren Alters hat.

Bekannt war mir "Closer to the Edge" von geschätzten 500 facebook-Posts und mindestens ebensovielen likes und Kommentaren mit vielen Herzen drin. Dabei fiel mir auf, dass sich die Herzen nicht immer nur auf den Song bezogen, sondern in den meisten Fällen auf Jared Leto, dem Schauspieler und Sänger dieser Band, deren Mitglieder sich allesamt gerne äußerst "badassig" inszenieren. Sei es mit langen Rockerhaaren und Bart, sei es mit Italotürken-Haarschnitt und Sonnenbrille oder mit einer Irokesenfrisur. Wie auch immer sie sich anziehen und rüberkommen wollen: Es ist alles ein bisschen neo-retro, gerade so 10 bis 15 Jahre zu spät, eine Mischung aus Shaggy, Nek und Lenny Kravitz oder so. Irgendwie peinlich - genau wie ihre Musik.

Die Live-Bilder im Video zu "Closer to the Edge" zeigen eine Band, die vorgeblich schon Jahrzehnte auf Welttournee ist und eine gigantische Liveshow zu bieten hat. Sie siedeln sich also irgendwo zwischen U2 und den Rolling Stones an, und dass es sich dabei um eine Lüge handelt, musste ich von einem Fan erfahren, der enttäuscht von einem ihrer Konzerte zurück kam. Gut, wenn die Erwartungen so hoch geschraubt werden, kann man eigentlich nur enttäuschen.

Dann das Lied: vollkommen überladen. Da findet sich allerhand Rock-Schnick-Schnack aus den letzten 3 Jahrzehnten, der höchstens noch nostalgisch wirken kann, aber im Prinzip nur noch peinlich ist. Der omnipräsente Synthesizer glimmert und fiept unaufhörlich, bei den vollkommen uninspirierten Gitarren  wird fleißig auf das Distortion-Pedal gedrückt und spätestens, wenn Jared Letos Stimme verzerrt daher kommt, wird einem richtig schlecht. Darunter legt sich das übertriebene Schlagzeug-Gehämmere von Jareds Bruder, einem hyperaktiven Nervösling, bei dem man das Gefühl hat, er müsse in nur einem Song alles unterbringen, was er je an den Drums gelernt hat.

Auch im Video findet sich viel Hyperaktives: Da werden wilde Kamerafahrten schnell hintereinander geschnitten und eigentlich sieht man nur, wie Jared Leto mit übertriebenen Gesten seinen bedeutungslosen Gesang "untermalt". Außerdem wird viel gelaufen. Leto läuft über die Bühne, Menschen laufen in Arenen, man hopst und schüttelt sich, alles ist schnell und wirkt dahingeschludert. So wundert es auch nicht, dass zwischen den Refrains wenig Platz für irgendwelche Strophen bleibt. Es stellt sich immer nur die Frage, wann der nächste Refrain denn endlich wieder kommt, wann man wieder schreiend einen Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger in den Himmel recken kann, als würde man Gott anklagen wollen, dass er nicht sieht und verstehen mag, wie geil es hier unten ist.
Überhaupt besteht das Lied im Grunde nur aus dem Refrain, und der ist, wie ein Rock-Refrain zu sein hat: Laut. Man könnte sagen, dass da nur geplärrt wird, und läge damit wohl sehr richtig. Und was hat uns das Lied zu sagen?

No I'm not saying I'm sorry
One day, maybe we'll meet again
No I'm not saying I'm sorry
One day, maybe we'll meet again
No, no, no, no

Da ist sich einer ganz sicher, dass er sich nicht entschuldigt, und dass man sich irgendwann vielleicht (!) mal wieder treffen wird. Das wird schließlich durch ein vierfaches Nein wieder revidiert, oder die Kraft reicht nicht mehr, noch einmal zu negieren, dass man Entschuldigung sagt. Der Rest des Textes sind sinnlose Aneinanderreihungen existenzkritischer Bekundungen a la "This never ending story, Paid for in pride and fate / We all fall short of glory, lost in our faith". Ist ja auch wurscht, denn bald kommt wieder der zigmal wiederholte Refrain und dann kann man wieder in das Mikrophon brüllen und hopsen.

Was an dem Song geil ist, bleibt mir zwar immer noch verborgen, aber ich vermute, dass er einfach Ventilfunktion hat. Denn bei "Closer to the Edge" handelt es sich um ein Sammelsurium von bedeutungslosen Versatzstücken der Rockmusik der letzten 20 Jahre. Alles, was für den modernen Rock sinnlos geworden ist und er hinter sich gelassen hat, findet bei 30 Seconds to Mars eine Wiederauferstehung in einem schwülstigen Konglomerat zum Zwecke der Aggressions- oder Triebabfuhr. Das Übertriebene ist dabei Primat und somit erinnern 30STM wirkungsästhetisch irgendwie an Bands wie Rage against the Machine, H-Blockxx, Dog Eat Dog, NOFX etc. nur ohne deren Talent bzw. deren Identifikationsangebot und Gruppenbindungskraft. Laut aufdrehen, zappeln und cool sein - für mehr ist da leider kein Platz.

So saß ich im Auto und ließ das Lied über mich ergehen, kam mir aber unheimlich absurd vor, denn das ist kein Lied, das zum Navigieren im Ortsverkehr einer ländlichen Kleinstadt gemacht wurde. Ob es dem Kärntner Forstarbeiter bei der Arbeit geholfen hat, oder ob er sich vor lauter Aufregung ein Bein abgehackt hat, weiß ich natürlich nicht. Bleibt nur die Vermutung, dass für Kärntner selbst die Holzarbeit noch nicht Katharsis genug ist!

Dienstag, 13. Dezember 2011

Kopernikanische Wende

Auf der anderen Straßenseite wartet ein Mann mittleren Alters und zweifelhafter Natur an der Ampel. Er sieht aus wie jemand, der älter aussieht, als er ist. Vielleicht aber täusche ich mich und es handelt sich um einen Mann höheren Alters. Jedenfalls macht er auf mich einen etwas verwirrten Eindruck. Sein ungekämmtes, nach allen Richtungen hin abstehendes Haar trägt nicht wirklich dazu bei, ihm irgendeine Art von Vertrauen entgegen zu bringen; noch weniger tut dies sein etwas entrückter Blick. Darüber hinaus brabbelt er vor sich hin, spricht, als ob er jemanden rügen würde. Ich beruhige mich, indem ich mir einrede, der Mann spräche mit jemandem am Telefon und hat, wie so viele Zeitgenossen es haben, irgendwo ein Headset, ein Mikrofon an einem Kopfhörerkabel oder sonst irgendeine andere technische Vorrichtung, die ihm das Telefonieren erlaubt, ohne dass er dazu seine Hand benutzen müsste.

Vor ein paar Jahren schossen nämlich diese Freisprechvorrichtungen wie die Schwammerln aus dem Boden. Plötzlich sah man überall Menschen herumspazieren, die scheinbar mit sich selbst die angeregtesten Unterhaltungen führten. Es dauerte eine Weile, bis man sich an die irr vor sich hin sprechenden Leute gewöhnt hatte, doch irgendwann hielt man das für ganz normal. Radfahrer fuhren schimpfend an einem vorbei, in Supermärkten diskutierten einkaufende Damen die letzten Entwicklungen in ihren Freundeskreisen, während sie im Kühlregal die Ablaufdaten der angebotenen Produkte prüften und an Verkehrsampeln saßen einsame Autofahrer in ihren Fahrzeugen und diskutierten, teilweise wild gestikulierend, geräuschlos mit einem unsichtbaren Gegenüber.

Dabei kamen sie sich alle wahnsinnig pragmatisch vor und hatten plötzlich Hände frei, mit denen sie nichts anzufangen wussten. Wenn, dann drückten und wischten sie ohnehin auf ihren Mobiltelefonen herum - die Freisprecheinrichtung hatte also nur den Sinn, dass man während des Telefonierens das Handy für andere Zwecke verwenden konnte. Manche trugen auch das Handy wie eine milde Gabe vor sich her, als wären sie einer der heiligen drei Könige und wollten dem Jesuskindlein zur Geburt ein iPhone schenken, um es von der Langeweile im Stall zu Bethlehem zu erlösen. Andere hielten sich das am Kopfhörerkabel befestigte Mikrofon derart umständlich vor den Mund, dass man sich darüber wunderte, ob nicht das einfache Ans-Ohr-Halten die elegantere und praktischere Lösung gewesen wäre. Die ganz wichtigen hatten ein Bluetooth-Headset und also nur einen kleinen Bügel am Ohr befestigt und wirkten damit sehr wallstreetig. Da man sich damit aber lächerlich macht, wenn man einem Bekannten ein Keksrezept ansagt, anstatt wichtige geschäftliche Dinge zu besprechen, ist das Bluetooth-Headset bald wieder aus dem Alltag verschwunden.

Überhaupt scheint mir, dass nun wieder mehr Leute sich trauen, das Handy ans Ohr zu halten. Man wusste ja lange nicht, wie sich das mit der sogenannten "Handystrahlung" genau verhielt. Eigentlich weiß man das auch jetzt noch nicht. Aber man ist draufgekommen, dass man es vielleicht doch aushält, während eines Gesprächs mit einem Freund oder einer Freundin nicht mit dem Smartphone spielen zu können. Außerdem war das ganze Kabelzeugs dann halt doch nicht so der Bringer: Jahrzehntelang arbeitete man daran, antennenlose Schnurlostelefone zu entwickeln, um sich dann erst recht wieder Schnüre in die Telefone zu stecken. Und: Mit einem Handy am Ohr kann man glaubwürdiger so tun, als telefoniere man mit jemandem, wenn man in Wirklichkeit nur dem Gespräch mit einer unangenehmen Person in der Nähe entgehen will. Man stelle sich einmal vor, jemand stünde einfach so da und spräche in das Nichts hinein, um von einer anderen anwesenden Person nicht behelligt zu werden. Das wäre schon sehr sonderbar.

Der Mann am anderen Ende der Straße jedenfalls spricht immer noch vor sich hin. Ich habe mich dafür entschieden, dass er zu alt für ein Headset ist und also gerade nicht telefoniert. Es handelt sich um einen guten, alten Irren, einen vor sich hin brabbelnden Verrückten, einen Gestörten! Eh arm, aber ich freue mich gerade so, dass es noch tatsächlich Menschen gibt, die mit sich selbst sprechen und auch tatsächlich einen an der Waffel haben und nicht bloß irrtümlich für solche gehalten werden und man dann draufkommt, dass es sich eigentlich um Telefonierende handelt. Als die Ampel grün wird und wir beide die Straße überqueren, hat der verrückte seine zweifelhafte Natur gänzlich verloren. Ich würde ihn am liebsten in die Arme schließen und ihm danken, dass es noch solche wie ihn gibt.

In Zukunft aber werde ich wieder vor das Problem gestellt werden, mich für eine Interpretation entscheiden zu müssen, wenn ich vor sich hin sprechende Menschen sehe. Irre oder nicht? Telefonierer oder Wahnsinniger? Und ich werde mich wieder zu täuschen beginnen und Gesunde für Kranke halten oder umgekehrt. Denn schließlich, so sagte mal ein Königsberger Philosoph, richten sich die Objekte nach der Erkenntnis, und nicht die Erkenntnis nach den Objekten. Diese kopernikanische Wende habe ich nun auch für den Alltag geltend machen können. Darüber freue ich mich, denn von nun an wird meine Welt wieder von mehr Irren bevölkert werden. Und die sind so erfrischend anders!

Freitag, 9. Dezember 2011

Der Wichtigtuer - ein Niedergang


Laut Egon Friedell gibt es für jede Zeit einen „Repräsentativmenschen“, einen Menschen also, der für seine Zeit typisch ist, der ihre Ideen und Konzepte verkörpert. Dabei handelt es sich nie um individuelle Menschen, sondern um einen idealen, prototypischen Charakter, der alle Absonderlichkeiten seiner Zeitgenossen in sich vereint. Zwischen 1815 und 1848 etwa gab es den Beidermeier, in den 1980ern den Yuppie und hier zeigt sich schon, dass solche Charaktere nicht nur Kinder ihrer Zeit, sondern vor allem ihrer jeweiligen Sozietät sind. So fragwürdig das Postulat eines Repräsentativmenschen auch sein mag, ist es doch unbestreitbar, dass uns genau so einer vorschwebt, wenn wir über Zeiten, Völker oder Regionen sprechen.

Jede Zeit hat ihre Geister, und so müssen wir uns fragen, welche Geister „unsere“ Zeit hervorgebracht hat. Was ist der Repräsentativmensch unserer Gegenwart und wie zeigt er sich uns? Meiner Meinung nach ist es der Wichtigtuer. Ein Mensch, der sich selbst wichtiger nimmt als nötig und im gleichen Schritt allen anderen unterstellt, sie würden selbst nicht wichtig genug sein und ihn, den Wichtigtuer, nicht wichtig genug nehmen. Zudem zeichnet sich der Wichtigtuer dadurch aus, dass er einen unbedingten Drang zum Erfolg hat. Erfolg stellt sich bei ihm nicht ein, Erfolg ist der Zweck allen Handelns und um den Erfolg zu erlangen, ist ihm jedes Mittel recht. Den Erfolg, ist er ihm einmal beschieden, braucht er nicht unbedingt, um sich darin zu sonnen (dafür besucht der Wichtigtuer Solarien oder wählt wichtige, sonnige Urlaubsdestinationen), sondern vor allem, um ihn anderen unter die Nase zu reiben. Und: Einmal erreicht, dient ihm der Erfolg zur Rechtfertigung aller seiner Schandtaten (iustificatio a posteriori).

Dass dem Wichtigtuer der Schein heilig ist und sich das Sein erst über den Schein einstellt, erkennt man an dem Heiligenschein, den er stolz durch die Welt trägt. Schuld ist er an nichts, denn um schuldig zu sein, ist er viel zu wichtig – und außerdem: Sein Erfolg gibt ihm immer Recht. Es ist ein wasserdichtes Lügenkonstrukt, das er gesellschaftliches Leben nennt, gebaut auf dem Fundament maßloser Selbstüberschätzung und Standesdünkel (Stichwort „Klassenkampf von oben“). Sein Überleben garantiert die andauernde Auseinandersetzung mit ihm durch andere. Man muss sich für ihn interessieren, sonst verliert er seinen Zweck und seine Selbsterfindungsmaschine läuft leer. Um interessant zu bleiben, tut er so ziemlich alles. Sollte dabei etwas schief gehen, nennt er sein Unternehmen „vorerst gescheitert“.

Damit ist auch schon ein Exemplar dieses Typus benannt: Karl-Theodor zu (!) Guttenberg, und das am besten noch mit „Freiherr“ vorne dran, wenn ihm schon der Doktor abhanden gekommen ist. Seine mediale Selbstinszenierung bis zum Dissertations-Eklat war geprägt von ganz offen zur Schau getragenen Narzissmus und trotzdem gelang es ihm, die Mehrheit der Deutschen davon zu überzeugen, dass er anders wäre als die anderen Politiker. Jung und erfolgreich: Dieses Begriffspaar dient am besten zur Beschreibung der sozialen Wahrnehmung eines Wichtigtuers. Dass ein Teil dieses Erfolgs Guttenberg mit dem adeligen Erbe in die Wiege gelegt wurde, dafür kann er nichts. Dafür aber, dass ein anderer Teil seines Erfolgs (der Doktortitel) ihm zu unrecht zukam, kann er sehrwohl etwas. Doch das will er nicht einsehen. Der Rest seines Erfolgs bleibt ein scheinbarer, denn über seine Errungenschaften während seiner politischen Hochzeit, ist man sich nach wie vor im Unklaren.

Da hat es sein österreichisches Pendant schon etwas leichter. Denn er wird immer noch von vielen als der „beste Finanzminister der Zweiten Republik“ bezeichnet. Das muss Karl-Heinz Grasser jedoch damit büßen, dass er ein bisschen tiefer im Schlamassel steckt als Guttenberg. Seine ekelhafte Fönfrisur blieb bisher nur deshalb von dem Dreck, in dem er steckt, unbehelligt, weil er es nach wie vor ganz gut versteht, sich selbst am Schopfe wieder rauszuziehen. Ansonsten nimmt auch er sich wichtiger als er eigentlich ist. Peinliches Zeugnis war sein TV-Auftritt, in dem er, der Obernarziß, schamlos aus einem Fanbrief zitierte, wo doch tatsächlich sinngemäß drinnen stand, dass er zu schön, zu gut und zu erfolgreich für die österreichische Neidgesellschaft sei. Dass sich solche Gedanken in den Köpfen mancher Bürger finden lassen, überrascht nicht. Dass aber Grasser selbstverliebt genug ist, einen solchen Brief der Öffentlichkeit vorzulesen, macht fassungslos. Auch er eine Existenz ohne Essenz, ein Typus mehr als ein Charakter, eigentlich eine traurige Schaubudenfigur in einem Stück, das hoffentlich bald niemanden mehr interessiert...

Doch Wichtigtuer lassen sich nicht nur in der Politik finden (andere Beispiele sind natürlich Gadaffi, Berlusconi, Putin, Chavez, Castro, Ahmadinedschad). Auch gibt es volksnähere Wichtigtuer für die sogenannte Unterschicht, die im Populärkulturbetrieb. Dazu zählen nicht nur gefühlt alle deutschen Rapper, sondern vor allem auch Dieter Bohlen. Dem gibt der Erfolg nämlich auch überhaupt nicht recht. Er mag vielleicht etwas von Popmusik verstehen (tut er das wirklich?), aber rechtfertigt das sein Benehmen, seine Dauerpräsenz, seine Sendungen und das, was er darin macht? Überdies verkörpert Dieter Bohlen eine Seite des deutschen massentauglichen Wichtigtuertums, die sich mit den Requisiten La-Martina-Hemd, Dummchen mit Hündchen als Freundin, Lieblingsdomizil Mallorca und Jet-Set-Koketterie als redundant, fast schon gestrig wirkend ausnimmt. Womöglich handelt es sich bei Bohlen um einen der letzten seiner Art, um die Krone der Schöpfung im Reich der Bobo-Popstars.

Überhaupt scheint mir die Ära des Wichtigtuers bald zu Ende zu gehen. Mit dem Erwachen der Krisengesellschaft und dem allgemeinen und wiedererstarkten Misstrauen in die fachlichen Fähigkeiten von Politikern wird auch der Wichtigtuer zunehmend kritischer beäugt. Man nimmt ihm seinen Schmäh nicht mehr ab bzw. vermutet man hinter seiner lästigen Selbstdarstellung immer öfter einen psychischen Defekt (Kompensationsverhalten) und hält Leute wie ihn für die eigentliche Wurzel allen gesellschaftlichen Übels. Die verzweifelte Reaktion des Wichtigtuers ob dieser fortschreitenden gesellschaftlichen Marginalisierung, die sein Typus erfährt, ist das Burn-Out. Hier hängt er wie Jesus am Kreuz und schluchzt Mitleid heischend in die Welt hinaus, wie schlecht es ihm doch ginge, dass auch er Opfer des Systems sei und nun, unverdientermaßen krank geworden, sein Joch nicht mehr zu tragen fähig ist. Man möge ihn durch Beachtung erlösen oder ihm zumindest eine entsprechende Abfindung zahlen, damit er sich aus dem Staub machen und endlich in der Versenkung verschwinden kann, um dann ein paar Jahre später wieder in einer Fernsehsendung nach dem Motto „Was wurde eigentlich aus...“ wieder aufzutauchen und entschuldigend in die Kamera grinsen zu können – im Privatfernsehen versteht sich, denn das ist sein angestammtes Soziotop. Das Dschungelcamp gibt es ja leider nicht mehr, aber bis dahin wird sich schon etwas anderes (er)finden lassen.

Ein Licht am Ende des Tunnels möchte ich den gerade erst begonnenen Niedergang des Wichtigtuers nicht nennen. Aber dennoch bietet sich eine Chance für einen Neubeginn im Sinne einer Reinterpretation dieser Figur. Wichtigtuer hat es nämlich auch vorher schon gegeben. Da war zum Beispiel jene Generation, die den Krieg überlebt und aus seinen Folgen gelernt hat. Eine Generation, die sich in Demut geübt und, davon ausgehend, das Sich-wichtig-Machen als „rhetorischen Lebensentwurf“ dazu nützte, um tatsächlich auch wichtig zu sein. Der Unterschied zu der heutigen Generation von Wichtigtuern ist neben der erwähnten Gründung in Demut das intellektuelle Kapital, das diese Wichtigtuer hatten. Sie nahmen sich wichtig und die Leute waren dankbar dafür. Sie nahmen sich wichtig und durften es auch, weil sie das nötige Rüstzeug dafür mitbrachten: Intelligenz, Denkbereitschaft, Umsicht und Geschichtsbewusstsein. Außerdem waren sie nicht bildungsfern, ganz im Gegenteil möchte man sie fast gelehrt nennen (auch in dieser Hinsicht ist Guttenbergs Doktorarbeits-Skandal mehr als nur ein akademisches Sandkastengeplänkel). Wenn Hemlut Schmidt einmal das Zeitliche segnet, wird vielleicht der letzte dieser Generation gegangen sein.

Dass der Wichtigtuer Repräsentativmensch unserer Zeit ist, mag unserer Gesellschaft kein gutes Zeugnis ausstellen. Aber es lässt zumindest Raum für Ärger und Unmut über Inkompetenz an falschen Orten. (Damit meine ich jetzt nicht die occupy-Bewegung, deren Feindbild ein Konglomerat aus höchst diffusen und allgemeinen Konzepten ist.) Es lässt Zeit, wieder Demut zu lernen und dabei bleibt zu hoffen, dass es diesmal keinen Krieg dazu braucht - obwohl die Verliebtheit der westlichen Gesellschaft in apokalyptische Szenarien dies nahe leg:. Was früher die Angst vor einem Krieg war, ist heute die Angst vor Umweltkatastrophen und/oder Seuchen a la EHEC, Vogel-, Schweine- und sonstigen Grippen, HIV etc. oder die Angst vor dem „Umsturz der Verhältnisse“ (Kleist) in Form von irgendwelchen Systemkrisen. Vielleicht entdeckt die nächste Generation, dass Kompetenz nicht immer nur „Inkompetenzkompensationskompetenz“ (Odo Marquard) sein kann. Und vielleicht tun wir uns dann auch wieder leichter damit, Anerkennung denjenigen zukommen zu lassen, denen Anerkennung gebührt (was uns momentan ja noch durch die Mechanismen der sogenannten „Neidgesellschaft“ großteils verwehrt bleiben muss) und vor allem im Gegenzug jenen Anerkennung zu verwehren, denen sie nicht gebührt.

Das Beklatschen und Verhätscheln von nicht Beklatschens- und Verhätschelnswerten ist im übrigen nicht unwesentlich der political correctness geschuldet, von der sich zu verabschieden das Programm einer „neuen“ Aufklärung sein muss. Die denkbehindernde und denkverhindernde Wirkung der political correctness ist mit den repressiven Gedankenkonstrukten eines religiösen Fundamentalismus vergleichbar. Die Wichtigtuer haben die Spielregeln der PC gekonnt genutzt und ausgenutzt, und zwar solange, bis sie selbst zu politisch korrekten Heiligenfiguren wurden und sich damit jeglicher Kritik entzogen haben. Der langsame aber stetige Niedergang dieser Heiligenverehrung ist die Götzendämmerung unserer Zeit. Die Aufhebung von Denkverboten bedeutet jene Freiheit, die wir einmal gemeint haben, da wir das Wort „Freiheit“ zum ersten Mal in den Mund nahmen. Doch sie fiel dem Misstrauen gegenüber bzw. der Angst vor der selbstregulativen Funktion des Denkens, dass alles denkbar sein muss und sich das am besten Denkbare durchsetzen wird (= Rational-Darwinismus), zum Opfer.

Dem Wichtigtuer weinen wir keine Träne nach, denn wir erkennen, dass wir uns geirrt haben. Und Irren ist nicht nur menschlich, weil es der Mensch tut, sondern vor allem weil es die conditio humana selbst ist (Goethe). Erst aber das Erkennen des Irrtums ist das wahre Denken und erst das Eingestehen des Irrtums ist wahre Demut. Deswegen kann Karl-Theodor zu Guttenberg nicht eingestehen: weil ihm als Wichtigtuer die Demut fehlt.

Montag, 5. Dezember 2011

Vonn won

Wie halte ich das als Gebührenzahler aus? Nicht, dass ich jetzt der gefühlte millionste Kritiker des ORF-Sportprogramms sein muss oder gar will. Aber wenn man schon nicht darauf verzichten kann, nun auch Damenskispringen zusätzlich zum ohnehin unnötigen Herrenskispringen zu zeigen, und man auf ORF1 etwas anderes als Ski alpin, Formel 1 und langweiligen Bundesligafußballpartien eh nichts mehr zu sehen bekommt (dass sogar Wetten dass...? auf ORF2 verlegt wurde, ist ein Fanal!), dann müssen nicht auch noch die Kommentatoren durch Exklusivblödheit auffallen. Ich tu jetzt mal so, als würde ich viel und gerne fernsehen und mich das ernsthaft stören würde:

Ich verlange gar nicht, dass die alle Englisch können sollen. Fremdsprachenkenntnisse a la Pariasek sind ja ohnehin mehr drollig als peinlich. Aber wenn dann dauernd Lindsey Vonn, das US-Schatzerl unserer Nation (weil sie drüben leider keinen interessiert und weil sie unseren Damen meist davonfährt), zur "Lindsey Won" gemacht wird, frag ich mich schon, was da dahinter steckt. Will man so tun, als könnte man Englisch? Oder will man aus der Vonn eine amerikanische Asiatin machen? Wahrscheinlich soll wohl nur das Endresultat vorweg genommen werden und mit dem (paradoxen) Kommentar über das Auftauchen Vonns im Starthaus "Aber jetzt Lindsey Won" darauf aufmerksam machen, dass Lindsey schon gewonnen haben wird, sobald sie die Ziellinie überfährt.

Dabei machen es sich die Kommentatoren unnötig schwer. Das englische "w", das (hihi!) "Dabbel-Juh", gibt es im deutschen Lautbestand eh nicht. Gut also, dass das Englische "v" immer (immer!) genau so ausgesprochen wird wie unser deutsches "w". Also mit Zähnen auf den Unterlippen. Das bilabiale englische Dabbel-Juh hingegen schaut zuerst so aus, als wolle man jemandem ein Bussi geben, wonach sich die Lippen zu einem Ausdruck des Erstaunens öffnen; am besten zu beobachten in der amerikanischen Variante des "Wow!". Womöglich ist es das, was unsere Kommentatoren dazu verleitet, Laute zu produzieren, die sie gar nicht kennen sollten: Das Verlangen, der Lindsey ein Bussi mit auf den Weg zu geben, gepaart mit einem staunenden offenen Mund ob ihrer Bestzeit.

Ich will mich nicht über Leute aufregen, die irgendwas nicht richtig aussprechen können. Das ist kleinlich und gemein. Außerdem hat es schon auch Charme, wenn einer das nicht richtig kann; und was im Englischen noch relativ einfach ginge, wird bei slawischen oder gar arabischen Lautbeständen zu einer für den Laien schier unlösbaren Aufgabe. Was mich aber schon ein bisschen aufregt: Wenn man so tut, als spräche man etwas richtiger als andere aus und man es im selben Moment komplett falsch macht. In der Linguistik kann man so etwas Hyperkorrektur nennen. Das bedeutet im Grunde genommen, dass man sich so sehr bemüht, etwas richtig auszusprechen, dass es dann in vielen Fällen falsch wird: wie etwa, bei der Aussprache des Namens "Vonn" amerikanisch klingen zu wollen. Das erreicht man eher, indem man die Aussprache des "o" in Richtung "a" verschiebt. Mit dem "V" als Dabbel-Juh ist man jedoch auf dem ganz falschen Dampfer.

Vom debilen Gekichere manch anderer ORF-Kommentatoren und Co-Kommentatoren muss ich jetzt schweigen, denn darüber kann man nicht reden, sondern nur verständnislos den Kopf schütteln. Mir fiele auch noch ein gewisser Tennis-Kommentator ein, der ganz ohne Humor darauf hinweist, dass es "jetzt interessant ist, dass der Federer schon zum dritten Mal den Schläger gewechselt hat". Bald fällt einem Fußball-Kommentator vielleicht die besondere Trageweise der Stutzen eines Spielers auf, oder dass der Tormann sich öfter mal in die Hände spuckt. Mir hingegen fällt das ungeheure Talent der meisten ORF-Sportkommentatoren auf, am Geschehen, also am Sport, komplett vorbeizukommentieren. Angesichts der Begrenztheit des Gezeigten (damit meine ich das in Fernsehbilder übertragene Sportgeschehen, und zwar das und nur das!) ist das selbst schon eine fast sportliche Leistung.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Wenn das die Alten wüssten!

"Goethe! Schiller!", schreit der Bollwerk-Bub unermüdlich. Er habe sie gelesen, sagt er. Zum Beweis zitiert er den Anfang von Faust "Habe nun ach! Philosophie...", dabei reißt er seine Augen samt erweiterten Pupillen weit auf. So hat sich das der Goethe nicht vorgestellt, denke ich mir. Dass da einer mit blondierten Haaren, Ohrringen, tätowiert und mit New-Yorker-Klamotten in einem Lokal steht und ihn zitiert. Oder vielleicht schon - vielleicht würd ihn ein moderner (noch lebender) Goethe als eine zeitgenössische Werther-Figur akzeptieren. Ich habe da aber so meine Zweifel.

"Faust - der Tragödie erster Teil!", verkündet der Bub. Ich frage ihn, ob er auch noch was anderes könne, weil sowohl "Faust - der Tragödie erster Teil" als auch der Beginn von Fausts erstem Monolog, das sei beides vorne und hinten auf dem Reclam-Hefterl zu finden. Um das zitieren zu können, sage ich ihm, reiche es, wenn man das Bücherl nur lange genug unaufgeschlagen vor sich liegen hat und einfach nur draufstarrt - am Klo zum Beispiel. Natürlich bin ich ihm nicht böse und tatsächlich sage ich "Hefterl" und "Bücherl", benutze also ganz bewusst Diminutive, die man Kindern zumuten kann. Das klingt lieb und verständnisvoll, verfehlt aber seine Wirkung, denn der Bub ist irgendwie ganz erbost über meine Anschuldigungen.

"Auerbachs Keller!", sagt er und weiter nichts. Ich fasse zusammen: Bis jetzt hat der Bub die Namen von Goethe und Schiller zitiert, behauptet, er habe beide gelesen (meint er - in metonymischer Wendung - beider Gesamtwerk?), dann hat er die Vorder- und Rückseite des Reclam-Hefterls zitiert. Auerbachs Keller kennt er auch. Man hat es also anscheinend mit einem Experten zu tun! Leider stellt sich bei genauerer Nachfrage heraus, dass sich das Expertentum des Buben auf das Sozialgefüge im Bollwerk beschränkt. Goethe und Schiller habe er in der Schule (sic!) gelesen. Es habe ihm aber gefallen.

Jemand sagt ihm, dass ich Germanist sei, also bittet er mich, ihm weitere Lektüreempfehlungen zu geben. Ich zähle ihm widerwillig alles auf, den ganzen Kanon, rate ihm davon ab, irgendwas zu lesen, was früher als im 18. Jahrhundert geschrieben wurde, sage ihm, dass die Traditionslinien des Realismus im 20. Jahrhundert interessanter sind als der bürgerliche Realismus, dass er sich selbigen also sparen könne, außer er erhebe Anspruch auf Vollständigkeit. Besonders empfohlen habe ich ihm natürlich Büchner, Kleist, Kafka und Musil - sie alle kennt er nur vom Hörensagen, seine Augen leuchten. Lyrik wolle er auch lesen, ich warne ihn also vor Hölderlin, spreche von einem "Wagnis", gleichzeitig auch von einer "lohnenden Herausforderung" - ich komme mir ganz deppert vor.

Abschließend sage ich ihm, dass es aber auch Leute gebe, die behaupten, dass, wenn man nur Goethe und Schiller gelesen habe, es eigentlich reichen würde. "Goethe! Schiller!", könne er dann den Rest seines Lebens brüllen und mit der entsprechenden Lektüreerfahrung würde er sich damit auch nicht gänzlich lächerlich machen. "Man kann ja nicht alles wissen wollen", sage ich ihm noch aufmunternd. Der Bub scheint mir das nicht ganz glauben zu wollen und das, obwohl er den Faust gelesen hat...
Ich bin froh, das leidige Gespräch zu einem versöhnlichen Abschluss gebracht zu haben und der Bub erzählt mir, wie er am Jakominiplatz von drei Bollwerk-Typen verprügelt worden ist. Dass er weggerannt sei, nachdem er zwei davon KO geschlagen hat, dass er aber selber eine gefangen habe und ich damit rechnen müsse, dass jeden Moment ein Dübel aus seiner Stirn wachse.

Zwei Stunden später, bevor der Bub das Lokal verlässt, überprüfe ich seine Stirn - kein Dübel weit und breit, nicht einmal rot ist es irgendwo. Ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Gleichzeitig aber empfinde ich aufgrund des Gedankens, dass da draußen ein Goethe lesender vorgeblicher Bollwerk-Prügler seine Kreise zieht, dankbare Behaglichkeit.

Daheim muss ich auf facebook lesen, wie sich jemand über den Satz "Das Nichts nichtet" amüsiert (*lol* ;-) *gg*). Den Satz habe man damals einmal bei "Echt fett" gehört.
Wenn Goethe schon nicht wegen des Bollwerk-Werthers im Grabe rotiert, so würde zumindest der Heidegger ein griesgrämiges Gesicht ziehen, wenn er erführe, dass die Jugend seine Sätze aus einem situationskomödiantischen Fernsehprogramm mit dem Namen "Echt fett" kennt und sie mit Emoticons und äußerste Heiterkeit anzeigenden Internet-Akronymen versieht. Wenn die das alles wüssten...

Freitag, 7. Oktober 2011

Keine Zeit für Lyrik?

Da stellt man sich hin und wieder die Frage, was eigentlich mit der Lyrik los ist, ob das noch jemanden interessiert, ob es da noch Leute gibt, die sinnvolle Lyrik produzieren und überhaupt... Und dann bekommt ein unbekannter schwedischer Lyriker, dessen Werk aus 11 schmalen Gedichtbänden besteht, den Literaturnobelpreis zugesprochen. Ich finde das toll und irgendwie auch schade. Toll, weil es zeigt, dass Lyrik also doch noch da ist und es anscheinend noch beachtenswerte Lyrik gibt. Schade, weil das Lesen gerade von Lyrik-Übersetzungen ein zweifelhaftes Vergnügen mit fragwürdigem Wert ist.

Das Schöne an Lyrik ist ja, dass sie uns mit relativ wenigen Worten viel sagen kann. In einer Welt, in der uns andauernd mit möglichst vielen Worten im Grunde überhaupt nichts gesagt wird, ist das Gedichte-Schreiben zu einer Tugend verkommen, der höchstens noch idealistische Jungschriftsteller die Stange halten. Oder aber ältere Schriftsteller, die es sich leisten können bzw. die ihr Werk sowieso nicht allzu ernst nehmen. Freilich ist dieser Umstand auch der grundsätzlichen Frage nach den Konsumenten von Lyrik geschuldet: Wer liest denn noch Gedichte?

Vielfach wurde Poplyrik als die moderne Form des Gedichts ausgemacht. Vor allem mit dem Hinweis auf die liedhaften Ursprünge der Lyrik schien es, als wären die Texte zeitgenössischer Popsongs die verdienten Nachfolger der letzten großen lyrischen Bemühungen, die sich irgendwann in die 70er, vielleicht auch noch in die 80er Jahre datieren lassen. Nicht-Germanisten sind aus dieser Zeit höchstens noch Erich Fried oder Hans Magnus Enzensberger ein Begriff. Beides Dichter, die zu diesem Zeitpunkt den Zenit ihres lyrischen Schaffens schon mehr oder weniger überschritten hatten.

Was leisten aber Popsongs nun wirklich auf lyrischem Gebiet? Freilich gibt es da oder dort die eine oder andere knackige Zeile, einen Vers, der einen Gedanken ziemlich auf den Punkt bringt. Das taugt dann für ein Facebook-Statusupdate oder als Sinnspruch, den sich Studenten gegenseitig auf Mappen oder Taschen kritzeln. Auch wenn es die bekannten Ausnahmen gibt (ich erinnere an den jedes Jahr aufs neue als Favorit auf den Nobelpreis geltende Bob Dylan), das gros der Liedertexter versteht sich in erster Linie als Musiker. Und jenen Musikern, die ihr lyrisches Handwerk tatsächlich zu verstehen scheinen, die also eigentlich in erster Linie Dichter sind, ist nur bescheidener kommerzieller Erfolg vergönnt. So viel zum Thema Breitenwirksamkeit von moderner Poplyrik.

Ich möchte so weit gehen und dem großen Pumuckl widersprechen, der gemeint hat, dass alles, was sich reime, gut sei. So bewies eine Wochenendausgabe des Standard vor ein paar Jahren, wie platt (wie unlyrisch) die Songtexte der damaligen Sommerhits eigentlich sind: Ein paar angesehene Germanisten (allen voran der mittlerweile verstorbene Obergermanist Wendelin Schmidt-Dengler) analysierten – freilich mehr oder weniger ironisch – für den Standard besagte Texte. Das Ergebnis war weder für die Lyriker (Christina Stürmer et.al.) noch für die österreichische Germanistik besonders schmeichelhaft. Für geschätzte 90% der zeitgenössischen Songtexte gilt leider – auch wenn sich alles schön reimt und das Versmaß stimmig ist –: Es ist zu wenig da. Liedertexter sind keine Dichter, weil sie selten etwas verdichten. Meistens ziehen sie einen einzelnen Gedanken unnötig in die Länge und bedienen sich dabei des einfachsten und unaufregendsten sprachlichen Materials.

Dabei ist Lyrik das genaue Gegenteil: Sie ist das Vermitteln von Etwas über Sprache, ohne dabei besonders kommunikativ sein zu müssen. Das ist oft mühsam, weil schwer bis gar nicht verständlich (Hölderlin!). In den meisten Fällen aber lohnt sich der Aufwand für den Leser. Lesen wir Lyrik, so lernen wir am meisten über Sprache und wie sie funktionieren kann (oder auch nicht funktioniert). Das bewusst gesetzte Wort, die bis zur Unkenntlichkeit verschobene Metapher, die einen einzelnen Gedanken zu packen und nie mehr loszulassen vermag, ein Rhythmus, der den Leser stolpern lässt, um ihn gleichzeitig unaufhaltsam weiterzuschleifen; und all das auf kleinstem Raum mühevoll und sorgfältig hingeschrieben: das ist Lyrik – kleine Sprachkunstwerke, die wir immer und immer wieder lesen können, ohne dass uns dabei langweilig würde.

Das Lesen von Büchern ist noch lange keine ausgestorbene kulturelle Praxis. Im Gegenteil scheint es mir oft, als würden die Leute immer mehr und immer dickere Bücher lesen. Kindle und Co. verbinden das Mühsal mit dem Vergnüglichen und bringen Menschen dazu, wieder Texte zu lesen, die länger sind als ein Scrollen mit der Maus nach unten. Aber doch schwappt es von allen Seiten auf Leser wie Nichtleser ein. Textlawinen überrollen uns täglich – so genau wollen wir das, was uns da aufgetischt wird, gar nicht wissen. Wir picken das heraus, was unseren bescheidenen Hunger nach Information still. Platz für eine achtsame Auseinandersetzung mit Sprache bleibt da nicht. Lyrik ist irgendwie unmodern, obwohl sie knapp und kurz – also tweetig – ist.

Freilich gibt es zeitgenössische Lyriker, die zeitgenössische (oft sogar relevante) Gedichte schreiben. Aber gibt es auch den zeitgenössischen Leser, der sich Zeit für Lyrik (es muss ja gar nicht die moderne sein) nimmt? Sich mit einem Text auseinanderzusetzen, über die Erfassung, der vom Text angebotenen basalen Information, hinaus, ist unpopulär, schwierig, langweilig. Mag sein, dass das Lesen von Gedichten unzeitgemäß ist. Aber die bewusste Auseinandersetzung mit Sprache, ihren Mitteln und Wirkweisen schult nicht nur das Denken, sondern auch den eigenen Sprachgebrauch und die Sprachkritik. Das kann uns nicht nur helfen, im gegenwärtigen Informationsdschungel den Überblick zu bewahren, sondern auch das Wahre, Schöne, Gute vom restlichen Datenmüll zu unterscheiden.

Das Schreiben und Lesen von Gedichten ist eine intellektuelle wie auch eine ästhetische Schule. Daher kommt auch die damit verbundene Mühseligkeit. Aber es handelt sich um eine Mühseligkeit, die sich bezahlt macht. Dass ein Lyriker den Nobelpreis erhalten hat (ob gerechtfertigt oder nicht, spielt keine Rolle), soll uns daran erinnern, dass Literatur auch (oder vor allem) im Stillen, Kleinen und Sorgfältigen stattfindet, und nicht nur im ewig gleichförmigen Plätschern der Wörter und Floskeln.

facebook

 Manchmal blättert
– eigentlich scrollt - man
durch die Liste von
Freundschaftsvorschlägen.

Sei es, weil man sich,
gepiesakt von echten Menschen,
einsam und ungeliebt fühlt.
Oder sei es, weil man sich einfach gerne
durch fremde Gesichter und Namen wühlt.

„Ach, wie nett“,
denkt man sich dann,
und klickt die bekannteren
Köpfe an.

Doch meistens
erspäht man die miesen Visagen
von Quälgeistern, Deppen
und völlig nutzlosen
Loiseln und Seppen:

Den einen gemieden,
vom ander'n geschieden,
die eine vermisst,
die and're geküsst...

So viele andere, fremdere Leben,
die mit dem eig'nen facebook-Profil
nichts mehr zu tun haben mögen!

Die Freundschaftsvorschläge also bleiben
- bei aller künstlicher Netz-Hawarie -
eine äußerst traurige Galerie!

Dienstag, 30. August 2011

Panik

Eineinhalb Monate bin ich nun schon hier, und wäre ich nicht so ein besonnener Bergmensch, den so schnell nichts aus der Ruhe zu bringen vermag, ich hätte schon ein paar Kübel voll Angstschweiß geschwitzt und müsste eines dieser Herzmedikamente nehmen, vor denen in der Fernsehwerbung gewarnt wird. Ja, tatsächlich werden Medikamente hier nicht nur beworben, es wird auch vor ihnen gewarnt, weil prinzipiell gilt, dass alles was existiert, auch gefährlich sein kann, ja vermutlich sogar mit ziemlicher Sicherheit gefährlich ist.

Die Pilgerväter sahen sich schon zu Beginn der US-amerikanischen Geschichte mit allerlei Gefahren konfrontiert. Das begann auf der Überfahrt von Europa nach Amerika und setzte sich im neuen Land fort. Denn dort sah man sich allerlei Widrigkeiten ausgesetzt, und hätte man nicht die netten Indianer gehabt, die den lustigen Briten und anderen Gesellen mit Rat und Tat zur Seite standen, wer weiß, ob das spätere Land der unbegrenzten Möglichkeiten sich nicht schon bald nach seiner Entdeckung als das Land der sehr beschränkten Möglichkeiten entpuppt hätte.



Auch heute noch lauert die Gefahr überall. Sei es in Form von Terroristen, bösen Bakterien, Haien oder Erdbeben: das Leben ist höchst ungewiss! Gerade erst beunruhigte Hurrikan Irene die Gemüter der Ostküste. Ich befand mich zufällig auf einem Trip nach North Carolina, wo Irene – aller Voraussicht nach – die Outer Banks verwüsten sollte. Von Raleigh aus, also in sicherem Abstand zum Ozean, beobachteten mein Onkel, dessen Freund und ich das Geschehen im Fernsehen. Unser Plan, das Wochenende am Strand zu verbringen, schien durchkreuzt und also begnügten wir uns mit einer kleinen Besichtigung der Gegend und der Aussicht auf schönes Wetter weiter südlich.

Einstweilen machte sich auf den Straßen Raleighs Panik breit. Die Tankstellen waren dauerbesetzt und in den Supermärkten waren die Milch- und Brotregale nahezu leer. Also kauften wir Bier, Chips, Eiscreme sowie Cracker und Käse, denn davon gab es nach wie vor genug. Tatsächlich wurde es dann auch recht stürmisch und regnerisch. Die Fernsehberichte von der Küste gaben sich zunehmend dramatischer, aber irgendwie wollte kein genügend großes Unbehagen aufkommen. Es schien, als suchten die Fernsehstationen verzweifelt nach ersten Opfern des Hurrikans. Stattdessen zeigten sich bloß ein paar Surfer, die sich über die hohen Wellen, die ihnen Irene bescherte, freuten.


Dann erfrechte sich Irene auch noch, sich zu einem Hurrikan der Kategorie 1 zu verharmlosen! Die Panik vor dem Sturm wich langsam der Panik davor, dass der Sturm nicht stark genug sein werde. „Wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich mich nicht darum sorgen, ob es sich um einen Hurrikan der Kategorie 1, 2 oder 3 handelt. Ich kann Ihnen nur versichern: Sie wollen da nicht mittendrin sein!“, verkündete eine Sprecherin der Gouverneurin mit beschwörender Stimme. Das nächste Bild zeigte eine Strandbar, in der ein paar Leute eine „Hurrikanparty“ veranstalteten.

Auch New York, so hieß es, sei noch in Gefahr. Endlich schien sich eines der vielen Horrorszenarien aus den so beliebten Katastrophenfilmen zu erfüllen: eine Millionenstadt von der Natur bedroht! Unglücklicherweise musste man schon am nächsten Tag feststellen, dass Irene nun kein Hurrikan mehr war, sondern nur mehr ein Tropensturm. „Still pretty bad, still very dangerous!“, versuchte ein Nachrichtensprecher in lehrerhafter Manier die Panik verzweifelt aufrecht zu erhalten. Doch spätestens jetzt lachten nicht nur mehr die Einwohner Louisianas, sondern auch der Großteil der nördlichen Ostküste.

Es ist nicht so, dass Irene keinen Schaden angerichtet hätte, und leider mussten auch einige Menschen im Sturm ihr Leben lassen. Aber irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass die Medien den Menschen den Hurrikan schlimmer verkaufen wollten, als er tatsächlich war. Die Frustration darüber, dass Irene da nicht mitspielte, spiegelte sich in dem Fakt wieder, dass die Berichterstattung über den Hurrikan, sobald sich dieser zum Tropensturm wandelte, schlagartig weniger wurde – ja im Vergleich zu vorher geradezu aufhörte. Das tut nicht nur dem Sturm Unrecht, sondern auch den tatsächlichen Opfern Irenes.

Freilich ist man seit dem Katrina-Desaster vorsichtig geworden was Hurrikans betrifft. Leider scheint es aber auch eine gewisse Sensations-Erwartungshaltung zu geben, die Schäden und Tragödien fordert, während sie das Glimpfliche verachtet. Panik ist eine Grundbefindlichkeit des Amerikaners und sie will genährt werden. Wenn man dafür nicht ins Kino zu gehen braucht, ist es umso besser. Umso unbefriedigender ist es dann aber auch, wenn die Panik sich als scheinbar unbegründet herausstellt. Dann fühlt sich der Amerikaner von der Natur, der sowieso nicht zu trauen ist (wie schon die Pilgerväter erfahren mussten), zum Besten gehalten. Und die Medien sorgen sich um die Einschaltquoten. Das ist dann die wahre Katastrophe.