Portugal eliminiert Tschechien in der ersten Viertelfinalbegegnung mit 1:0: Ein Sieg, der klarer war, als das Ergebnis vermuten lässt. Heute spielt Griechenland gegen Deutschland um den Einzug ins Halbfinale - und um so viel mehr!
Warum aus dem von mir gestern getippten 3:1 dann nur ein 1:0 geworden ist, ist schnell erklärt: Ich hatte mit einem frühen Zufallstor der Tschechen gerechnet, das in der Phase fallen sollte, da sich Portugal noch warm laufen musste. Das war gestern die erste Viertelstunde, in der für Portugal wenig, für die Tschechen aber so gar nichts lief. Das Zufallstor aber fiel nicht und wollte auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht fallen. Insofern haben mich die Tschechen nur in diesem Belange enttäuscht, ansonsten spielten sie in etwa wie erwartet.
Portugal hat nur ein Tor geschossen, aber auch das war bloßer Zufall, wenn man bedenkt, dass allein C. Ronaldo schon drei Stangenschüsse hatte. Also eigentlich wäre es ein 5:1 geworden, aber daran hatte auch Petr Cech einen gewissen Anteil, der gestern wenig zugelassen und so die Chance, ein Zufallstor zu erzielen (andere Tore schießt Tschechien eh nie), bis zum Schluss aufrecht erhielt. Nur: Nach dem 1:0 für Portugal kam von den Tschechen gar nichts mehr; man war müde, kraft- und willenlos – ein würdiger Vertreter der Gruppe A also.
Der unwürdigere Gruppenkollege, Griechenland nämlich, kann zumindest das mit dem Willen besser. Und wenn der stimmt, kommt die Kraft ganz von alleine. Besonders, wenn es gegen die Deutschen geht, denn da will man sich und dem Rest Europa beweisen, dass Griechenland sich nicht an die Wand spielen lässt – auf dem Fußballplatz nicht, und auch sonst nicht. Ob das gelingt, ist eine andere Frage. Deutschland ist eine Turniermannschaft, sagt man immer. Was das genau heißt, weiß zwar niemand so genau, aber es soll wohl heißen, dass die deutsche Mannschaft das Potenzial zur Steigerung während des Fortschreiten des Turniers meistens ausschöpft – zumindest bis es gegen Italien geht.
Kein leichtes Spiel also für die Griechen; wer aber glaubt, dass Deutschland sich nicht ein kleines bisschen in die Hosen macht, der liegt falsch. Freilich ist ab der KO-Phase die Angst, zu verlieren, immer gegenwärtig. Das bedeutet auch, dass der psychologische Aspekt immer wichtiger wird. Und da sehe ich die Griechen im Vorteil, denn die haben nichts zu verlieren. Und doch sind natürlich immer die, von denen man sagt, dass sie nichts zu verlieren hätten, die krassen Außenseiter. Team Deutschland sollte die Klasse und Erfahrung haben, mit einer solchen Situation umzugehen und so sehe ich am Ende dieses Abends ein solides 2:0 für Deutschland stehen.
Wenn aber... ja dann! Dann hätten wir ein EM-Spiel gesehen, über das man in beiden Ländern noch sehr, sehr lange reden wird! Vor dem Spiel können wir jedoch höchsten von der Möglichkeit eines Untergangs sprechen.
Mann des Tages: Cristiano Ronaldo zum wiederholten Male. Wenn er so weiter macht, wird er zum Spieler der EM und da müsste man nicht einmal das Finale erreichen.
Vize-Mann des Tages: Petr Cech, der eine schwierige EM zu spielen hatte. Trotz seines Patzers gegen Griechenland natürlich bester Tscheche auf dem Feld – für den Torhüter des Turniers wird es aufgrund des frühen Ausscheidens seiner Mannschaft aber nicht reichen.
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Freitag, 22. Juni 2012
Montag, 18. Juni 2012
Versöhnliches Ende
Die Niederlande verabschieden wir leise, den Dänen trauern wir ein wenig nach. Deutschland und Portugal haben es geschafft und sind mit jeweils einem 2:1 Sieg der Mördergruppe entkommen.
Na, war das ein Fußballabend? Die Gruppe B hat nie zu viel versprochen und gestern kam es dann zum endgültigen Showdown. Man fragt sich, wofür man drei Gruppenspiele spielen muss, wenn sich dann letztlich eh alles im dritten entscheidet. Was hätte nicht alles passieren können! Deutschland hätte nach Hause fahren können, Holland noch aufsteigen, letzten Endes ist aber alles so passiert, wie es vor dem Spiel am wahrscheinlichsten schien: Deutschland und Portugal steigen auf, die Dänen und Niederländer fahren nach Hause. Dabei hätte ich, ich habe es schon vor ein paar Tagen bekundet, überhaupt nichts dagegen gehabt, wären Dänemark und Portugal aufgestiegen... Egal, jedenfalls hat mich der gestrige Abend absolut mit dem Parallelspiel-Modus versöhnt. Und das kam so:
Die Niederländer mussten weg. Dabei sah zunächst alles so anders aus als in den Partien zuvor. Endlich löste van Marwijk seine defensiven Doppel-6er van Bommel/de Jong auf und ließ van der Vaart statt des Kapitäns und Schwiegersohns van Bommel starten. Zusätzlich nahm Marwijk auch Huntelaar mit in die Startelf und so begann Holland mit so etwas wie einem 4-1-3-2 mit einem offensiv aufspielenden Kapitän van der Vaart, was sich auch bald bezahlt machte, denn in der elften Minute erzielte jener das 1:0 für die Niederlande. Acht Minuten später schoss Podolski in Lemberg die Deutschen in Führung und so waren wir nur noch ein Tor vom gemeinsamen Aufstieg Hollands und Deutschlands entfernt. (Die Niederländer mussten ja ihr Spiel mit zwei Toren Unterschied gewinnen.)
Dann aber bekam Team Holland das polnische Syndrom und das aufregende Offensivspiel der ersten Minuten sackte zusammen (van der Vaart zog sich ebenfalls wieder etwas zurück, und so war es dann doch wieder das gute alte 4-2-3-1, nur halt mit einem Holzfuß statt zweien auf der 6er-Position) – Portugal begann mitzuspielen und rannte gegen die wie immer schwache niederländische Defensive an (diesmal mit Vlaar statt Heitinga). Wer die kennt und Portugals Angriffsspiel schon mal gesehen hat, der wusste, dass das nicht lange gut gehen würde. Holland hätte ein zweites Tor gebraucht, nicht nur des Ergebnisses wegen, sondern um den Portugiesen das Momentum zu nehmen und sich selbst Sicherheit zu geben. Doch es kam, wie es kommen musste: Der Drei-Wetter-Taft-Cowboy hatte seinen ersten großen Auftritt und netzte zum 1:1. Cristiano Ronaldo eierte zwei Spiele lang herum, vergab zig Hundertprozentige und es sah bald so aus, als wäre ein mögliches portugiesisches Debakel allein ihm zuzuschreiben. Und dann, im entscheidenden Spiel, tritt er auf und macht das erste wichtige Tor. Das hat schon Klasse, keine Frage!
Nun hatte aber 4 Minuten zuvor Krohn-Deli die Dänen wieder rehabilitiert und so stand es jetzt in beiden Partien 1:1. Den Deutschen hätte das gereicht – den Niederländern freilich nicht. Aber C. Ronaldo hatte ihnen das letzte kleine Flämmchen ausgeblasen, das sie vor dem Spiel noch entfachen hatten können. Als dann selbiger Ronaldo in der 74. Minute zum 2:1 traf, stellte das die Niederländer vor die unmögliche Aufgabe, noch drei Tore schießen zu müssen. In Charkiw war damit alles gelaufen – in Lemberg aber noch lange nicht. Denn nun waren wir nur noch ein Tor davon entfernt, auch Deutschland verabschieden zu müssen. Hätten die Dänen in dieser Phase noch das 2:1 gemacht – und an Chancen dazu mangelte es ihnen überhaupt nicht – wären Portugal und Dänemark weiter gewesen.
Dann kam Lars Bender, der Boateng in der Abwehrkette ersetzte und damit sein erstes Spiel dieser EM von Beginn an spielte, und erlöste die Deutschen von ihrem Bangen und die Dänen von ihrem Hoffen, indem er den Ball zum 2:1 in das Tor schob. Es war vielleicht das unkomplizierteste Tor dieses Turniers, aber für Fußballdeutschland das wichtigste, denn nun konnte man sagen: 9 Punkte aus drei Spielen und damit jetzt schon als die beste Vorrundenmannschaft im Viertelfinale: Das sollte Auftrieb geben. Außerdem erkannte man hier erneut, welche Luxusprobleme die Deutschen bejammern, wenn sie von Besetzungsschwierigkeiten auf manchen Positionen sprechen... Zuerst macht der fragwürdige Boateng zwei sehr gute Spiele, dann kommt sein Ersatzmann Bender und sichert mit einem Tor das Weiterkommen der Nationalelf: Deutschland, Deutschland, deine Sorgen! ...
Schade ist es um die Dänen schon. Kein Team spielt so cool wie die; kein Team ließ sich von Gegentreffern so wenig beeindrucken wie die Dänen. Man hatte das Gefühl, dass sie vollkommen auf das vertrauten, was ihnen zur Verfügung stand: ein mittelmäßiges Spielermaterial mit zwei, drei wirklichen Klasseleuten, ein ausgeklügeltes taktisches Konzept mit einem Coach, dem man blind vertrauen kann und unbedingter Kampfeswille – egal bei welcher Ausgangssituation, egal in welcher Phase des Matches. Vor allem letztere ist eine Qualität, die andere Mannschaften vermissen ließen (Polen, Russland, Holland), obwohl sie vielleicht sonst nominell besser dastanden als die Dänen. Ich würde die Dänen gerne gegen ein Team aus Gruppe A tauschen, am liebsten gegen die Tschechen, denn das Duell Griechenland-Deutschland wollen wir uns sicher nicht entgehen lassen.
Was wohl los wäre, verlöre Deutschland gegen die Griechen? Gerne würde ich die Bild-Schlagzeilen dazu lesen, gerne würde ich die Genugtuung in den Gesichtern der Griechen sehen, wenn sie den Fußball-Riesen zu Fall gebracht hätten. Europäischer könnte diese Euro gar nicht werden! Zwar habe ich mich darauf festgelegt, nur die fußballerische Seite der teilnehmenden Länder betrachten zu wollen, bei Griechenland gegen Deutschland aber wird freilich mehr im Spiel sein: Das wird eine ganz emotionale Partie, vor allem für die Griechen. Natürlich bleibt Deutschland haushoher Favorit – aber gegen Favoriten zu spielen sind die Griechen gewohnt. Das wird für die Teutonen kein Strandspaziergang auf Kos in Adiletten!
Portugal ist auch zurecht weiter. Sie spielen ansehnlichen, sehr engagierten Fußball, ohne eine besonders sympathische Mannschaft zu sein. Sie sind, obwohl ewiger Geheimfavorit, ein bisschen Überraschungsaufsteiger in dieser Gruppe. Zuvor hieß es: Wenn die Portugiesen diese Mördergruppe überstehen, dann können sie auch ins Finale kommen. Dazu müssten wir aber erstmal wissen, wer im Halbfinale auf sie warten könnte. Derzeit deutet nämlich alles auf Spanien hin. Aber bis dahin ist es bekanntlich noch eine Weile hin und ein langer Weg... Zuerst geht es für die Portugiesen nämlich gegen Tschechien. Alles andere als ein Sieg wäre nach dieser sehr soliden Vorrunde eine Enttäuschung.
Heute ermittelt die Gruppe C ihre beiden Viertelfinalisten. Spanien und Kroatien dürfen sich dabei nicht 2:2 trennen, sonst machen sie sich des Betrugs verdächtig. Italien hätte dann nämlich keine Chance mehr auf den Aufstieg, egal wie hoch sie gegen Irland gewinnen. Für Kroatien wird es gegen Spanien natürlich schwer werden; die Spanier gelten seit dem Irland-Spiel wieder als hohe Favoriten auf den Titel. Mit der „mittleren Mannschaft“ Kroatien als Gegner könnte man sich für das Viertelfinale warm machen, um dann gut vorbereitet gegen England oder Frankreich (oder die Ukraine?) „ins Feld zu ziehen“. Man muss davon ausgehen, dass die Italiener gewinnen und die Iren wieder schön singen werden. Was am Ende mehr wert ist, wird im Parallelspiel entschieden. Die Italiener täten dem Turnier in der KO-Phase besser als die Kroaten, die vielleicht Stolperstein sein könnten, aber letztlich irgendeinem der beiden großen Teams (Spanien, Deutschland) zum Fraß vorgeworfen werden. Italien hingegen hat immer (!) absolutes Finalpotenzial und ist Deutschlands Angstgegner.
Wir dürfen uns, so glaube ich, wieder auf einen hochklassigen und spannenden Fußballabend freuen. Mal sehen, ob uns heute jemand überrascht...
Mann des Tages: C. Ronaldo, da kommt man nicht drum herum. Er ist erwacht, unsympathischerweise. Es ist nur gut, dass er weniger Freistöße als früher trifft. Jedes Mal, wenn er sich so saublöd breitbeinig aufstellt und dann nicht trifft, wird dieser Firlefanz ein bisschen lächerlicher. Das ist gut so.
Buhmann des Tages: Der ORF, der, so wurde mir berichtet, das eigentlich uninteressantere Spiel (Deutschland vs. Dänemark) übertragen hat. Aber das ist die Hörigkeit der ORF-Leute gegenüber dem deutschen Fußball. Ist ja bei der Championsleague auch immer das gleiche: Wenn da z.B. Arsenal gegen Real Madrid spielt und gleichzeitig Bayern gegen Dynamo Kiew, kann man sich sicher sein, dass der ORF das Bayern-Spiel überträgt, auch wenn es da um nichts mehr geht und beim anderen um alles. Das wird dann immer damit gerechtfertigt, dass es bei uns halt doch viele Bayern-Fans gibt usf. An die Fußball-Fans denkt dabei aber nie wer. Stumpfes Denken ist das, ganz stumpfes Denken!
Na, war das ein Fußballabend? Die Gruppe B hat nie zu viel versprochen und gestern kam es dann zum endgültigen Showdown. Man fragt sich, wofür man drei Gruppenspiele spielen muss, wenn sich dann letztlich eh alles im dritten entscheidet. Was hätte nicht alles passieren können! Deutschland hätte nach Hause fahren können, Holland noch aufsteigen, letzten Endes ist aber alles so passiert, wie es vor dem Spiel am wahrscheinlichsten schien: Deutschland und Portugal steigen auf, die Dänen und Niederländer fahren nach Hause. Dabei hätte ich, ich habe es schon vor ein paar Tagen bekundet, überhaupt nichts dagegen gehabt, wären Dänemark und Portugal aufgestiegen... Egal, jedenfalls hat mich der gestrige Abend absolut mit dem Parallelspiel-Modus versöhnt. Und das kam so:
Die Niederländer mussten weg. Dabei sah zunächst alles so anders aus als in den Partien zuvor. Endlich löste van Marwijk seine defensiven Doppel-6er van Bommel/de Jong auf und ließ van der Vaart statt des Kapitäns und Schwiegersohns van Bommel starten. Zusätzlich nahm Marwijk auch Huntelaar mit in die Startelf und so begann Holland mit so etwas wie einem 4-1-3-2 mit einem offensiv aufspielenden Kapitän van der Vaart, was sich auch bald bezahlt machte, denn in der elften Minute erzielte jener das 1:0 für die Niederlande. Acht Minuten später schoss Podolski in Lemberg die Deutschen in Führung und so waren wir nur noch ein Tor vom gemeinsamen Aufstieg Hollands und Deutschlands entfernt. (Die Niederländer mussten ja ihr Spiel mit zwei Toren Unterschied gewinnen.)
Dann aber bekam Team Holland das polnische Syndrom und das aufregende Offensivspiel der ersten Minuten sackte zusammen (van der Vaart zog sich ebenfalls wieder etwas zurück, und so war es dann doch wieder das gute alte 4-2-3-1, nur halt mit einem Holzfuß statt zweien auf der 6er-Position) – Portugal begann mitzuspielen und rannte gegen die wie immer schwache niederländische Defensive an (diesmal mit Vlaar statt Heitinga). Wer die kennt und Portugals Angriffsspiel schon mal gesehen hat, der wusste, dass das nicht lange gut gehen würde. Holland hätte ein zweites Tor gebraucht, nicht nur des Ergebnisses wegen, sondern um den Portugiesen das Momentum zu nehmen und sich selbst Sicherheit zu geben. Doch es kam, wie es kommen musste: Der Drei-Wetter-Taft-Cowboy hatte seinen ersten großen Auftritt und netzte zum 1:1. Cristiano Ronaldo eierte zwei Spiele lang herum, vergab zig Hundertprozentige und es sah bald so aus, als wäre ein mögliches portugiesisches Debakel allein ihm zuzuschreiben. Und dann, im entscheidenden Spiel, tritt er auf und macht das erste wichtige Tor. Das hat schon Klasse, keine Frage!
Nun hatte aber 4 Minuten zuvor Krohn-Deli die Dänen wieder rehabilitiert und so stand es jetzt in beiden Partien 1:1. Den Deutschen hätte das gereicht – den Niederländern freilich nicht. Aber C. Ronaldo hatte ihnen das letzte kleine Flämmchen ausgeblasen, das sie vor dem Spiel noch entfachen hatten können. Als dann selbiger Ronaldo in der 74. Minute zum 2:1 traf, stellte das die Niederländer vor die unmögliche Aufgabe, noch drei Tore schießen zu müssen. In Charkiw war damit alles gelaufen – in Lemberg aber noch lange nicht. Denn nun waren wir nur noch ein Tor davon entfernt, auch Deutschland verabschieden zu müssen. Hätten die Dänen in dieser Phase noch das 2:1 gemacht – und an Chancen dazu mangelte es ihnen überhaupt nicht – wären Portugal und Dänemark weiter gewesen.
Dann kam Lars Bender, der Boateng in der Abwehrkette ersetzte und damit sein erstes Spiel dieser EM von Beginn an spielte, und erlöste die Deutschen von ihrem Bangen und die Dänen von ihrem Hoffen, indem er den Ball zum 2:1 in das Tor schob. Es war vielleicht das unkomplizierteste Tor dieses Turniers, aber für Fußballdeutschland das wichtigste, denn nun konnte man sagen: 9 Punkte aus drei Spielen und damit jetzt schon als die beste Vorrundenmannschaft im Viertelfinale: Das sollte Auftrieb geben. Außerdem erkannte man hier erneut, welche Luxusprobleme die Deutschen bejammern, wenn sie von Besetzungsschwierigkeiten auf manchen Positionen sprechen... Zuerst macht der fragwürdige Boateng zwei sehr gute Spiele, dann kommt sein Ersatzmann Bender und sichert mit einem Tor das Weiterkommen der Nationalelf: Deutschland, Deutschland, deine Sorgen! ...
Schade ist es um die Dänen schon. Kein Team spielt so cool wie die; kein Team ließ sich von Gegentreffern so wenig beeindrucken wie die Dänen. Man hatte das Gefühl, dass sie vollkommen auf das vertrauten, was ihnen zur Verfügung stand: ein mittelmäßiges Spielermaterial mit zwei, drei wirklichen Klasseleuten, ein ausgeklügeltes taktisches Konzept mit einem Coach, dem man blind vertrauen kann und unbedingter Kampfeswille – egal bei welcher Ausgangssituation, egal in welcher Phase des Matches. Vor allem letztere ist eine Qualität, die andere Mannschaften vermissen ließen (Polen, Russland, Holland), obwohl sie vielleicht sonst nominell besser dastanden als die Dänen. Ich würde die Dänen gerne gegen ein Team aus Gruppe A tauschen, am liebsten gegen die Tschechen, denn das Duell Griechenland-Deutschland wollen wir uns sicher nicht entgehen lassen.
Was wohl los wäre, verlöre Deutschland gegen die Griechen? Gerne würde ich die Bild-Schlagzeilen dazu lesen, gerne würde ich die Genugtuung in den Gesichtern der Griechen sehen, wenn sie den Fußball-Riesen zu Fall gebracht hätten. Europäischer könnte diese Euro gar nicht werden! Zwar habe ich mich darauf festgelegt, nur die fußballerische Seite der teilnehmenden Länder betrachten zu wollen, bei Griechenland gegen Deutschland aber wird freilich mehr im Spiel sein: Das wird eine ganz emotionale Partie, vor allem für die Griechen. Natürlich bleibt Deutschland haushoher Favorit – aber gegen Favoriten zu spielen sind die Griechen gewohnt. Das wird für die Teutonen kein Strandspaziergang auf Kos in Adiletten!
Portugal ist auch zurecht weiter. Sie spielen ansehnlichen, sehr engagierten Fußball, ohne eine besonders sympathische Mannschaft zu sein. Sie sind, obwohl ewiger Geheimfavorit, ein bisschen Überraschungsaufsteiger in dieser Gruppe. Zuvor hieß es: Wenn die Portugiesen diese Mördergruppe überstehen, dann können sie auch ins Finale kommen. Dazu müssten wir aber erstmal wissen, wer im Halbfinale auf sie warten könnte. Derzeit deutet nämlich alles auf Spanien hin. Aber bis dahin ist es bekanntlich noch eine Weile hin und ein langer Weg... Zuerst geht es für die Portugiesen nämlich gegen Tschechien. Alles andere als ein Sieg wäre nach dieser sehr soliden Vorrunde eine Enttäuschung.
Heute ermittelt die Gruppe C ihre beiden Viertelfinalisten. Spanien und Kroatien dürfen sich dabei nicht 2:2 trennen, sonst machen sie sich des Betrugs verdächtig. Italien hätte dann nämlich keine Chance mehr auf den Aufstieg, egal wie hoch sie gegen Irland gewinnen. Für Kroatien wird es gegen Spanien natürlich schwer werden; die Spanier gelten seit dem Irland-Spiel wieder als hohe Favoriten auf den Titel. Mit der „mittleren Mannschaft“ Kroatien als Gegner könnte man sich für das Viertelfinale warm machen, um dann gut vorbereitet gegen England oder Frankreich (oder die Ukraine?) „ins Feld zu ziehen“. Man muss davon ausgehen, dass die Italiener gewinnen und die Iren wieder schön singen werden. Was am Ende mehr wert ist, wird im Parallelspiel entschieden. Die Italiener täten dem Turnier in der KO-Phase besser als die Kroaten, die vielleicht Stolperstein sein könnten, aber letztlich irgendeinem der beiden großen Teams (Spanien, Deutschland) zum Fraß vorgeworfen werden. Italien hingegen hat immer (!) absolutes Finalpotenzial und ist Deutschlands Angstgegner.
Wir dürfen uns, so glaube ich, wieder auf einen hochklassigen und spannenden Fußballabend freuen. Mal sehen, ob uns heute jemand überrascht...
Mann des Tages: C. Ronaldo, da kommt man nicht drum herum. Er ist erwacht, unsympathischerweise. Es ist nur gut, dass er weniger Freistöße als früher trifft. Jedes Mal, wenn er sich so saublöd breitbeinig aufstellt und dann nicht trifft, wird dieser Firlefanz ein bisschen lächerlicher. Das ist gut so.
Buhmann des Tages: Der ORF, der, so wurde mir berichtet, das eigentlich uninteressantere Spiel (Deutschland vs. Dänemark) übertragen hat. Aber das ist die Hörigkeit der ORF-Leute gegenüber dem deutschen Fußball. Ist ja bei der Championsleague auch immer das gleiche: Wenn da z.B. Arsenal gegen Real Madrid spielt und gleichzeitig Bayern gegen Dynamo Kiew, kann man sich sicher sein, dass der ORF das Bayern-Spiel überträgt, auch wenn es da um nichts mehr geht und beim anderen um alles. Das wird dann immer damit gerechtfertigt, dass es bei uns halt doch viele Bayern-Fans gibt usf. An die Fußball-Fans denkt dabei aber nie wer. Stumpfes Denken ist das, ganz stumpfes Denken!
Sonntag, 17. Juni 2012
Nachzipf
Kurze Rekapitulation des Finales in der Gruppe A. Griechenland schlägt Russland unerwartet 1:0, Gastgeber Polen unterliegt Tschechien 0:1. Unerwartet war auch, dass es immer noch kein 0:0 bei dieser Euro gibt.
Müsste man das Ergebnis der Gruppe A in Lehrerjargon ausdrücken, wäre wohl die Rede von auf- bzw. absteigender Tendenz. Wieso die Griechen mit einem Nicht genügend aufsteigen und die Russen mit einem Befriedigend nach Hause fahren erklärt sich letztlich aus der hohen Dramatik, die eine solche letzte Runde haben kann. Sowohl Russland gegen Griechenland als auch Tschechien gegen Polen standen dauernd auf der Kippe. Die knappen Ergebnisse machten aber letztlich alles klar: Griechenland hat das geschafft, was eigentlich keiner für möglich gehalten hat, und Polen verfiel der alten Krankheit des stark Anfangens und schnell Nachlassens. In beiden Fällen reichte ein 1:0 um die Ausgangsverhältnisse der Gruppe A auf den Kopf zu stellen.
Vielleicht hat Griechenland in diesem Turnier mal wieder nicht den tollsten Fußball gespielt; aber ich habe schon in der letzten Begegnung festgestellt, dass sich da willensmäßig was tut, was sympathisch ist und funktioniert. Dieser Trend hat sich gegen Russland fortgesetzt, das sich seinerseits ein wenig auf den Lorbeeren der ersten eineinhalb Spiele ausruhte. Die Griechen wollten weiterkommen, haben alles dafür getan und letztlich war es Karagounis, der sein Land erlöste und ins Viertenfinale schoss. Dabei gelang Russland, das in allen Statistiken außer den erlittenen Fouls und eben den erzielten Toren vorne lag, wenig. Es war, als wehrte sich der viel zitierte Fußballgott gegen den russischen Aufstieg, weil er die Griechen für ihr Engagement belohnen wollte.
Dass Tschechien weiter ist, hat auch einen zartbitteren Beigeschmack – aber auch sie haben im letzten Spiel bewiesen, dass sie dabei sein wollen. Polen hat erneut aus einigen guten Chancen nichts gemacht und hat damit gegen das Leistungsprinzip der Gruppe A verstoßen, das besagt, dass, wenn man aus nichts ein bisschen was macht, es für gewisse Gegner reichen kann. Die Polen haben das umgedreht und aus wenig nichts gemacht – eine glatte Themenverfehlung. Leider, nun ist der erste Gastgeber ausgeschieden und es kann nur noch die Ukraine auf eine Überraschung in der Gruppe D hoffen. So unerwartet das Ergebnis in der Gruppe A ist, so gerecht ist es letztlich auch. Böse Zungen mögen behaupten, dass es eh immer schon wurscht war, wer in der Gruppe aufsteigt, weil im Viertelfinale für beide Mannschaften Schluss sein sollte.
Das mag zwar richtig sein, hängt aber natürlich auch davon ab, wer heute in der Gruppe B weiterkommt – und das kann theoretisch noch jeder sein. Mit einem guten letzten Spiel könnten sich sogar noch die inferioren Niederländer in die KO-Phase retten, sie sind dabei aber auf die Mithilfe Deutschlands angewiesen – keine angenehme Ausgangslage. Wer sich den Aufstieg letztlich verdient hat, kann man (das haben wir gestern gelernt) ohnehin erst nach dem letzten Spiel sagen, es gibt aber einen Trend, der am positiven Ende Deutschland und am negativen die Niederlande stehen hat. In jedem Fall steht uns ein hoch spannender Fußballabend bevor und ich darf zum letzten mal das orange Trikot anziehen. Orange ist nämlich sicher auch die Farbe der Verzweiflung.
Müsste man das Ergebnis der Gruppe A in Lehrerjargon ausdrücken, wäre wohl die Rede von auf- bzw. absteigender Tendenz. Wieso die Griechen mit einem Nicht genügend aufsteigen und die Russen mit einem Befriedigend nach Hause fahren erklärt sich letztlich aus der hohen Dramatik, die eine solche letzte Runde haben kann. Sowohl Russland gegen Griechenland als auch Tschechien gegen Polen standen dauernd auf der Kippe. Die knappen Ergebnisse machten aber letztlich alles klar: Griechenland hat das geschafft, was eigentlich keiner für möglich gehalten hat, und Polen verfiel der alten Krankheit des stark Anfangens und schnell Nachlassens. In beiden Fällen reichte ein 1:0 um die Ausgangsverhältnisse der Gruppe A auf den Kopf zu stellen.
Vielleicht hat Griechenland in diesem Turnier mal wieder nicht den tollsten Fußball gespielt; aber ich habe schon in der letzten Begegnung festgestellt, dass sich da willensmäßig was tut, was sympathisch ist und funktioniert. Dieser Trend hat sich gegen Russland fortgesetzt, das sich seinerseits ein wenig auf den Lorbeeren der ersten eineinhalb Spiele ausruhte. Die Griechen wollten weiterkommen, haben alles dafür getan und letztlich war es Karagounis, der sein Land erlöste und ins Viertenfinale schoss. Dabei gelang Russland, das in allen Statistiken außer den erlittenen Fouls und eben den erzielten Toren vorne lag, wenig. Es war, als wehrte sich der viel zitierte Fußballgott gegen den russischen Aufstieg, weil er die Griechen für ihr Engagement belohnen wollte.
Dass Tschechien weiter ist, hat auch einen zartbitteren Beigeschmack – aber auch sie haben im letzten Spiel bewiesen, dass sie dabei sein wollen. Polen hat erneut aus einigen guten Chancen nichts gemacht und hat damit gegen das Leistungsprinzip der Gruppe A verstoßen, das besagt, dass, wenn man aus nichts ein bisschen was macht, es für gewisse Gegner reichen kann. Die Polen haben das umgedreht und aus wenig nichts gemacht – eine glatte Themenverfehlung. Leider, nun ist der erste Gastgeber ausgeschieden und es kann nur noch die Ukraine auf eine Überraschung in der Gruppe D hoffen. So unerwartet das Ergebnis in der Gruppe A ist, so gerecht ist es letztlich auch. Böse Zungen mögen behaupten, dass es eh immer schon wurscht war, wer in der Gruppe aufsteigt, weil im Viertelfinale für beide Mannschaften Schluss sein sollte.
Das mag zwar richtig sein, hängt aber natürlich auch davon ab, wer heute in der Gruppe B weiterkommt – und das kann theoretisch noch jeder sein. Mit einem guten letzten Spiel könnten sich sogar noch die inferioren Niederländer in die KO-Phase retten, sie sind dabei aber auf die Mithilfe Deutschlands angewiesen – keine angenehme Ausgangslage. Wer sich den Aufstieg letztlich verdient hat, kann man (das haben wir gestern gelernt) ohnehin erst nach dem letzten Spiel sagen, es gibt aber einen Trend, der am positiven Ende Deutschland und am negativen die Niederlande stehen hat. In jedem Fall steht uns ein hoch spannender Fußballabend bevor und ich darf zum letzten mal das orange Trikot anziehen. Orange ist nämlich sicher auch die Farbe der Verzweiflung.
Samstag, 16. Juni 2012
Vintage-Fußball
Es ist Halbzeit bei der Euro 2012, die letzte Runde der Gruppenphase beginnt und so heißt es ab heute auch Verzicht üben, denn die letzten Spiele finden jeweils zeitgleich statt. Freilich ist das irgendwie blöd, aber erstens will man so etwas wie den Nichtangriffspakt von Gijón verhindern und zweitens wissen wir von dieser Euro bisher, dass nicht alle Spiele 90 Minuten lang gut sind. Ich wäre ja sowieso dafür, Fußballspiele auf 60 oder meinetwegen 70 Minuten zu verkürzen. Auch müsste man die Halbzeit nicht genau nach der Hälfte machen. Was wäre zum Beispiel mit einer 50-minütigen Spielzeit plus 20-minütiger Nachspielzeit mit Golden Goal bei Unentschieden? Das wäre alles viel kompakter und man könnte sich für die EM die Qualifikation sparen und überhaupt gleich alle UEFA-Mitglieder teilnehmen lassen. Aber dann würde einer der beiden Grundpfeiler des Fußballspiels umgeworfen, nämlich, dass das Spiel 90 Minuten dauert; und das geht nicht, auch wenn man den Ball rund belassen würde.
Apropos Grundpfeiler des Fußballspiels: England gegen Schweden war gestern ein bisschen Fußball im Vintage-Stil. Zwei recht unflexible 4-4-2-Formationen standen sich da gegenüber und bolzten um die Wette. Oberhand behielten schließlich die Engländer, weil sie doch mehr als einen guten Spieler haben und das auch wissen. Die Schweden besannen sich wieder ein wenig zu viel auf den immer unsympathischer werdenden Ibrahimovic, der eigentlich vor Arroganz gar nicht mehr laufen können dürfte – tut er eh ziemlich wenig. Dem englischen Tormann nach dem Tor ins Gesicht brüllen, das ist auch eine sehr fragwürdige Geschichte. Also kann man irgendwie froh sein, dass der Herr heim fährt und vielleicht wird Schweden nach der EM sich endlich seiner entledigen. Witzig, dass er aber doch ganz gut zum AC Milan passt...
Die Engländer spielten mit einem ebenso ideenlosen System wesentlich besser, aber halt nur, weil ihre Spieler in der Gesamtheit ungleich besser als die schwedischen sind. Andy Carroll, Stürmer von Liverpool, den Trainer Roy Hodgson neu brachte, ist die englische Variante von Zlatan Ibrahimovic, nur ein bisschen sympathischer: ein unangenehm zu verteidigender, sehr zweikampfstarker Stürmer gegen den sich Wayne Rooney wie ein Balletttänzer ausnimmt. Das war gestern auch eine großartige Partie von den Herren Young und Welbeck, ohne die dieses englische Team zu erlahmen gedroht hätte (Anzeichen davon sah man ja bereits in der Partie gegen Frankreich). Auch der eingewechselte Theo Walcott brachte ordentlich Schwung in die englischen Schlachtreihen, was letztlich zum bisherigen Tor des Turniers führte – dem herrlichen Ferserl von Danny Welbeck nach super Pass von Walcott. Die Frage, ob der das so wollte oder nicht, ist wie meistens eine dumme. Natürlich will man so etwas, nur gelingt es einem halt nur manchmal. Gestern hat's gepasst und es hat den Engländern sogar den verdienten Sieg gebracht und somit das Verbleiben im Turnier gesichert.
Die Schweden fahren als zweites Team der EM fix nach Hause und darüber kann niemand so wirklich traurig sein. Überhaupt hat die Gruppe D ein wenig enttäuscht. Auch Frankreich hat es nämlich wieder nicht geschafft, in seinem zweiten Spiel den Mitfavoriten-Status zu unterstreichen. Freilich war da ein Klassenunterschied zu sehen, aber das französische Angriffsspiel muss noch viel effektiver werden, sollte es gegen Spanien oder Italien zum Einsatz kommen. Für das Halbfinale reicht das nicht. Das gilt allerdings auch für England. Sollte es England mit einer so konservativen und altbackenen Herangehensweise ins Finale schaffen, wäre das eine echte Überraschung; keine, die mir unrecht wäre, wohlgemerkt! Geld würde ich allerdings keines drauf setzen.
Jetzt heißt es noch einmal durchatmen und bis Dienstag durchhalten, dann gibt es einen Tag spielfrei. Wir starten wieder mit der Gruppe A, dem Kondensat des nicht mehr ganz so Bösen: Hier können noch alle Mannschaften die KO-Phase erreichen. Russland gelingt dies mit einem Sieg oder Unentschieden gegen Griechenland. Tschechien kann mit einem Sieg gegen Polen das Ticket lösen, es reicht aber auch ein Unentschieden, wenn die Russen nicht patzen. Polen müsste gegen Tschechien schon gewinnen – das halte ich für möglich und auch für wünschenswert. Auch die Griechen können sich mit einem Sieg gegen Russland weiterschießen. Der Aufstieg Russlands ist mehr oder weniger fix, Tschechien und Polen werden sich das zweite Viertelfinal-Ticket ausspielen.
Es beginnt also das große Abschied-Nehmen, das wohl erst morgen tragisch wird, denn da müssen wir uns von mindestens einem wirklich guten Team verabschieden (und damit meine ich jetzt nicht Holland). Einerseits ist es bitter, wenn bestimmte Teams heimfahren müssen, wohingegen bestimmte andere Teams ins Viertelfinale kommen (Gruppe A), andererseits muss man den Heimfahrern auch sagen, dass sie drei Gruppenspiele hatten und also genügend Zeit, sich für diese Euro etwas einfallen zu lassen. Wer es dann nicht packt, der packt, so einfach ist das! Und ab dem Viertelfinale gibt es sowieso Rambazamba, denn da wird der mentale Faktor immer wichtiger. Der Ball ist rund. Das Spiel dauert 90 Minuten. Günter Netzer hat tolles Haar.
Austragungsort der Vorrunde: Donezk, das mit seinen Wettereskapaden schon jetzt unvergessen ist. Im ersten Spiel erlahmten Franzosen und Engländer in den Temperaturen über 30 Grad, gestern musste das Spiel Frankreich-Ukraine für eine Stunde unterbrochen werden, weil es in Strömen regnete (schüttete) und Blitzgefahr bestand. Eine WM auf Sumatra stelle ich mir ähnlich vor. Den Fans war es großteils egal, die spielten während der Unterbrechung im Regen.
Mann des Tages: Danny Welbeck für das schönste Tor der EM.
Buhmann des Tages: Zlatan Ibrahimovic – den kann doch wirklich niemand mehr sehen.
Apropos Grundpfeiler des Fußballspiels: England gegen Schweden war gestern ein bisschen Fußball im Vintage-Stil. Zwei recht unflexible 4-4-2-Formationen standen sich da gegenüber und bolzten um die Wette. Oberhand behielten schließlich die Engländer, weil sie doch mehr als einen guten Spieler haben und das auch wissen. Die Schweden besannen sich wieder ein wenig zu viel auf den immer unsympathischer werdenden Ibrahimovic, der eigentlich vor Arroganz gar nicht mehr laufen können dürfte – tut er eh ziemlich wenig. Dem englischen Tormann nach dem Tor ins Gesicht brüllen, das ist auch eine sehr fragwürdige Geschichte. Also kann man irgendwie froh sein, dass der Herr heim fährt und vielleicht wird Schweden nach der EM sich endlich seiner entledigen. Witzig, dass er aber doch ganz gut zum AC Milan passt...
Die Engländer spielten mit einem ebenso ideenlosen System wesentlich besser, aber halt nur, weil ihre Spieler in der Gesamtheit ungleich besser als die schwedischen sind. Andy Carroll, Stürmer von Liverpool, den Trainer Roy Hodgson neu brachte, ist die englische Variante von Zlatan Ibrahimovic, nur ein bisschen sympathischer: ein unangenehm zu verteidigender, sehr zweikampfstarker Stürmer gegen den sich Wayne Rooney wie ein Balletttänzer ausnimmt. Das war gestern auch eine großartige Partie von den Herren Young und Welbeck, ohne die dieses englische Team zu erlahmen gedroht hätte (Anzeichen davon sah man ja bereits in der Partie gegen Frankreich). Auch der eingewechselte Theo Walcott brachte ordentlich Schwung in die englischen Schlachtreihen, was letztlich zum bisherigen Tor des Turniers führte – dem herrlichen Ferserl von Danny Welbeck nach super Pass von Walcott. Die Frage, ob der das so wollte oder nicht, ist wie meistens eine dumme. Natürlich will man so etwas, nur gelingt es einem halt nur manchmal. Gestern hat's gepasst und es hat den Engländern sogar den verdienten Sieg gebracht und somit das Verbleiben im Turnier gesichert.
Die Schweden fahren als zweites Team der EM fix nach Hause und darüber kann niemand so wirklich traurig sein. Überhaupt hat die Gruppe D ein wenig enttäuscht. Auch Frankreich hat es nämlich wieder nicht geschafft, in seinem zweiten Spiel den Mitfavoriten-Status zu unterstreichen. Freilich war da ein Klassenunterschied zu sehen, aber das französische Angriffsspiel muss noch viel effektiver werden, sollte es gegen Spanien oder Italien zum Einsatz kommen. Für das Halbfinale reicht das nicht. Das gilt allerdings auch für England. Sollte es England mit einer so konservativen und altbackenen Herangehensweise ins Finale schaffen, wäre das eine echte Überraschung; keine, die mir unrecht wäre, wohlgemerkt! Geld würde ich allerdings keines drauf setzen.
Jetzt heißt es noch einmal durchatmen und bis Dienstag durchhalten, dann gibt es einen Tag spielfrei. Wir starten wieder mit der Gruppe A, dem Kondensat des nicht mehr ganz so Bösen: Hier können noch alle Mannschaften die KO-Phase erreichen. Russland gelingt dies mit einem Sieg oder Unentschieden gegen Griechenland. Tschechien kann mit einem Sieg gegen Polen das Ticket lösen, es reicht aber auch ein Unentschieden, wenn die Russen nicht patzen. Polen müsste gegen Tschechien schon gewinnen – das halte ich für möglich und auch für wünschenswert. Auch die Griechen können sich mit einem Sieg gegen Russland weiterschießen. Der Aufstieg Russlands ist mehr oder weniger fix, Tschechien und Polen werden sich das zweite Viertelfinal-Ticket ausspielen.
Es beginnt also das große Abschied-Nehmen, das wohl erst morgen tragisch wird, denn da müssen wir uns von mindestens einem wirklich guten Team verabschieden (und damit meine ich jetzt nicht Holland). Einerseits ist es bitter, wenn bestimmte Teams heimfahren müssen, wohingegen bestimmte andere Teams ins Viertelfinale kommen (Gruppe A), andererseits muss man den Heimfahrern auch sagen, dass sie drei Gruppenspiele hatten und also genügend Zeit, sich für diese Euro etwas einfallen zu lassen. Wer es dann nicht packt, der packt, so einfach ist das! Und ab dem Viertelfinale gibt es sowieso Rambazamba, denn da wird der mentale Faktor immer wichtiger. Der Ball ist rund. Das Spiel dauert 90 Minuten. Günter Netzer hat tolles Haar.
Austragungsort der Vorrunde: Donezk, das mit seinen Wettereskapaden schon jetzt unvergessen ist. Im ersten Spiel erlahmten Franzosen und Engländer in den Temperaturen über 30 Grad, gestern musste das Spiel Frankreich-Ukraine für eine Stunde unterbrochen werden, weil es in Strömen regnete (schüttete) und Blitzgefahr bestand. Eine WM auf Sumatra stelle ich mir ähnlich vor. Den Fans war es großteils egal, die spielten während der Unterbrechung im Regen.
Mann des Tages: Danny Welbeck für das schönste Tor der EM.
Buhmann des Tages: Zlatan Ibrahimovic – den kann doch wirklich niemand mehr sehen.
Freitag, 15. Juni 2012
Irischer Abgang mit Stil
Public Viewings sind toll, wenn man Bierbänke und brüllende Fangruppen mag. Ich mag Bierbänke und bei den Fangruppen kommt es immer darauf an, ob es sich um SchwedInnen, singende Iren, lustige Holländer oder halt im Kroaten handelt, die ein Gebrüll anstimmen, als wollten sie in den Krieg ziehen anstatt der EU beitreten. Public Viewings sind nicht toll, wenn man sich ein Spiel genau anschauen will, d.h. sie sind vollkommen wertlos, wenn es ein sehr von Taktik geprägtes Match zu sehen gibt mit wenig Torszenen, die mit gutturalen „Uh!“s oder „Oah!“s kommentiert werden könnten. Das Match zwischen Kroatien und Italien eignete sich zwar gut für ein Public Viewing, im Nachhinein hätte ich es aber auch gern in Ruhe gesehen, denn ich bin mir nach Lektüre der gewohnten Berichterstattung sicher, dass es da mehr zu beobachten gab als gute Torchancen auf beiden Seiten. Aber auch beim Fußball-Schauen gilt dasselbe wie sonst auch: nämlich, dass man eben nicht alles haben kann. (Das wieder mal als der Weisheit letzter Schluss zu verkaufen... na servas!)
Sieht man Italien zu, hat man, trotz der nach vorne spielfreudigeren Ausrichtung dieser 2012er Mannschaft, das Gefühl, dass ein Sieg immer ein 1:0, eine Niederlage immer ein 0:1 und ein Unentschieden immer ein 1:1 sein muss. Vielleicht ist das der Grund, warum sich der italienische Fußball so gut für Wettbetrug eignet; derlei Ergebnisse sind leicht … sagen wir 'herzustellen'. Dabei war es gestern gar nicht so, als hätten die Italiener nicht das Zeug dazu gehabt, aus dem Spiel heraus ein zweites Tor zu erzielen. Vor allem am Ende der ersten Halbzeit war Italien spielerisch überlegen und konnte einige gute Chancen generieren. In der zweiten Halbzeit wurde Modrić direkt auf Pirlo angesetzt, was den Aufbau von Angriffen auf italienischer Seite viel besser unterband. Cassano und Balotelli, das stumpfeste Stürmerduo der Welt, waren nicht unauffällig, jedoch leider zu uneffektiv. Diesmal konnte auch Ersatzmann di Natale nicht die Wende herbeiführen.
Es war aber nicht nur die italienische Chancenauswertung, die dieses Spiel bei einem Unentschieden beließ; vor allem waren es die unbändigen Kroaten, die ihre Leistung vom Spiel gegen Irland noch steigern und die Italiener auch über weite Strecken unter Druck setzen konnten. Das funktioniert nur dann, wenn die Topstars (Srna, Modrić, Mandžukić) Topleistung bringen, die anderen keine Scheu vor großen Gegnern zeigen und das Team taktisch perfekt eingestellt ist (wofür Coach Slaven Bilić gesorgt hat). Dann, wenn so ein Spiel funktioniert, generiert sich erst jenes Selbstvertrauen, das man braucht, um mutig und frech gegen Teams wie Italien zu Werke zu gehen – und das hat Team Kroatien hervorragend gemacht. Sie hätten sich damit auch den Sieg verdient. Aber gegen Italien zwei Tore zu machen, das fällt selbst Europameister Spanien schwer.
Die Spanier haben das gemacht, was man von ihnen erwartet hatte. Ich habe es gestern schon gesagt, dass sie die Iren abschießen werden (was keine besonders mutige Vorhersage war) und dass es den Iren egal sein wird (was sich auf eine doch etwas überraschende Weise bewahrheitet hat). Spanien steht jetzt gut da: Sie haben im ersten Match gegen den schwersten Gruppengegner eine taktische Ausnahmevariante probiert, die gut funktioniert hat. Im zweiten Match, gegen den Gruppenschwächsten, haben sie sich mit der Standardeinstellung Selbstvertrauen geholt und allen anderen Teams dieser Euro gezeigt, dass es mit dem spanischen Zauber noch lange nicht vorbei ist. Tiki-Taka in Zahlen: 788 angekommene Pässe von insgesamt 860 (nur zum Vergleich: Team Eire passte insgesamt 254 mal, wovon 178 auch wirklich ankamen). Der Vergleich der Pass-Statistik ist freilich nicht nur ein Vergleich zweier Spielklassen, sondern eben auch der unterschiedlichen Spielweise; aber wer 600 erfolgreiche Pässe mehr spielt als der Gegner, hat auch gute Aussichten auf eine erfolgreichere Chancengenerierung und -auswertung.
Über das Match muss eigentlich nichts gesagt werden, außer, dass es ein Zeichen dafür war, dass Spanien als Favorit absolut in der Lage ist, zu überzeugen. Deutschland hat hier noch etwas nachzuholen, aber immerhin bleibt denen das letzte Gruppenspiel gegen den falschen Gruppenaußenseiter ('falsch' deshalb, weil Dänemark nur auf dem Papier das schwächste Team ist, in Wahrheit aber das einzige, das in dieser Gruppe irgendwelche Erwartungen übertroffen hat). Irland ist nun das erste Team dieser Euro, das schon fix ausgeschieden ist. Die Iren trugen das aber wie erwartet mit Fassung: Während der letzten Minuten des Spiels intonierten die irischen Fans Gesänge, wie man sie selten in Fußballstadien während einer Euro gehört hat. Man muss es selbst hören und sehen, wie Spanier und Iren in dieser Kulisse ihr Spiel fertig spielen – es klingt wie in einer Kirche. Gespenstisch irgendwie, aber für einen irischen Fußballspieler muss das wohl das absolute Gänsehaut-Feeling sein. Noch nie habe ich Fans eine Niederlage so würdig akzeptieren gesehen bzw. gehört. Fantechnisch ist das sicherlich das Highlight dieser EM und wird unmöglich zu toppen sein. Ganz große Gratulation und ein herzliches Dankeschön an die irischen Fans – würdevoller kann man nicht ausscheiden!
In der Gruppe D stehen heute die letzten Spiele der zweiten Runde an. Dabei werden England und Frankreich zeigen müssen, dass sie sich – von einander ungestört – frei spielen können. Frankreich hat es mit Andrij Schewtschenko zu tun, England spielt gegen Ibrahimovic. Eigentlich sollten sich hier die in ihrem ersten Aufeinandertreffen noch schaumgebremsten Favoriten durchsetzen, wobei man mit der Ukraine die leichtere Aufgabe für Frankreich vermutet. Aber Vorsicht, wir wissen aus dem ersten Spiel, dass beide Teams zu sehr schlechtem Fußball fähig sind! Wenn Andrij Schewtschenko nach dem furiosen ersten Spiel noch Kraft für ein zweites haben sollte, darf auch mit ihm, dem Jetzt-schon-Volkshelden, wieder gerechnet werden. Frankreich muss gewinnen, nicht nur, um die Gruppenführung zu übernehmen, sondern auch um den Geheimfavoriten-Status zu rechtfertigen.
Auch England darf an Schweden nicht scheitern; ein Unentschieden wäre nicht nur moralisch zu wenig. Schweden hingegen hat die Chance, gegen England zu beweisen, dass mit ihnen doch noch zu rechnen ist. Jedoch würde mich auch hier alles andere als eine schwedische Niederlage überraschen und auch ein bisschen enttäuschen, haben sich doch die Engländer (zumindest eine Halbzeit lang) viel besser verkauft als ihnen zugetraut wurde. Alle vier Teams sollten noch etwas in petto haben, schließlich haben sie in der letzten Runde jeweils nur eine Halbzeit lang wirklich gespielt!
Mann des Tages: Andrea Pirlo, der den ersten schönen direkten Freistoß dieser EM verwandelt hat und mit seinem etwas fortgeschrittenen Alter und seiner Spielintelligenz der italienischen Mannschaft noch einen Rest von Würde verleiht.
Buhmann des Tages: Gibt's keinen, das haben sich die beiden Spiele wirklich nicht verdient. Vielleicht der kroatische Fan, der unbedingt Feuerwerkskörper auf das Spielfeld werfen musste. Gerade an einem Tag, an dem im Anschluss die Iren so positiv aufgefallen sind, wirkt sowas im Nachhinein betrachtet noch bescheuerter, stumpfer und unsinniger als es vorher schon war.
Sieht man Italien zu, hat man, trotz der nach vorne spielfreudigeren Ausrichtung dieser 2012er Mannschaft, das Gefühl, dass ein Sieg immer ein 1:0, eine Niederlage immer ein 0:1 und ein Unentschieden immer ein 1:1 sein muss. Vielleicht ist das der Grund, warum sich der italienische Fußball so gut für Wettbetrug eignet; derlei Ergebnisse sind leicht … sagen wir 'herzustellen'. Dabei war es gestern gar nicht so, als hätten die Italiener nicht das Zeug dazu gehabt, aus dem Spiel heraus ein zweites Tor zu erzielen. Vor allem am Ende der ersten Halbzeit war Italien spielerisch überlegen und konnte einige gute Chancen generieren. In der zweiten Halbzeit wurde Modrić direkt auf Pirlo angesetzt, was den Aufbau von Angriffen auf italienischer Seite viel besser unterband. Cassano und Balotelli, das stumpfeste Stürmerduo der Welt, waren nicht unauffällig, jedoch leider zu uneffektiv. Diesmal konnte auch Ersatzmann di Natale nicht die Wende herbeiführen.
Es war aber nicht nur die italienische Chancenauswertung, die dieses Spiel bei einem Unentschieden beließ; vor allem waren es die unbändigen Kroaten, die ihre Leistung vom Spiel gegen Irland noch steigern und die Italiener auch über weite Strecken unter Druck setzen konnten. Das funktioniert nur dann, wenn die Topstars (Srna, Modrić, Mandžukić) Topleistung bringen, die anderen keine Scheu vor großen Gegnern zeigen und das Team taktisch perfekt eingestellt ist (wofür Coach Slaven Bilić gesorgt hat). Dann, wenn so ein Spiel funktioniert, generiert sich erst jenes Selbstvertrauen, das man braucht, um mutig und frech gegen Teams wie Italien zu Werke zu gehen – und das hat Team Kroatien hervorragend gemacht. Sie hätten sich damit auch den Sieg verdient. Aber gegen Italien zwei Tore zu machen, das fällt selbst Europameister Spanien schwer.
Die Spanier haben das gemacht, was man von ihnen erwartet hatte. Ich habe es gestern schon gesagt, dass sie die Iren abschießen werden (was keine besonders mutige Vorhersage war) und dass es den Iren egal sein wird (was sich auf eine doch etwas überraschende Weise bewahrheitet hat). Spanien steht jetzt gut da: Sie haben im ersten Match gegen den schwersten Gruppengegner eine taktische Ausnahmevariante probiert, die gut funktioniert hat. Im zweiten Match, gegen den Gruppenschwächsten, haben sie sich mit der Standardeinstellung Selbstvertrauen geholt und allen anderen Teams dieser Euro gezeigt, dass es mit dem spanischen Zauber noch lange nicht vorbei ist. Tiki-Taka in Zahlen: 788 angekommene Pässe von insgesamt 860 (nur zum Vergleich: Team Eire passte insgesamt 254 mal, wovon 178 auch wirklich ankamen). Der Vergleich der Pass-Statistik ist freilich nicht nur ein Vergleich zweier Spielklassen, sondern eben auch der unterschiedlichen Spielweise; aber wer 600 erfolgreiche Pässe mehr spielt als der Gegner, hat auch gute Aussichten auf eine erfolgreichere Chancengenerierung und -auswertung.
Über das Match muss eigentlich nichts gesagt werden, außer, dass es ein Zeichen dafür war, dass Spanien als Favorit absolut in der Lage ist, zu überzeugen. Deutschland hat hier noch etwas nachzuholen, aber immerhin bleibt denen das letzte Gruppenspiel gegen den falschen Gruppenaußenseiter ('falsch' deshalb, weil Dänemark nur auf dem Papier das schwächste Team ist, in Wahrheit aber das einzige, das in dieser Gruppe irgendwelche Erwartungen übertroffen hat). Irland ist nun das erste Team dieser Euro, das schon fix ausgeschieden ist. Die Iren trugen das aber wie erwartet mit Fassung: Während der letzten Minuten des Spiels intonierten die irischen Fans Gesänge, wie man sie selten in Fußballstadien während einer Euro gehört hat. Man muss es selbst hören und sehen, wie Spanier und Iren in dieser Kulisse ihr Spiel fertig spielen – es klingt wie in einer Kirche. Gespenstisch irgendwie, aber für einen irischen Fußballspieler muss das wohl das absolute Gänsehaut-Feeling sein. Noch nie habe ich Fans eine Niederlage so würdig akzeptieren gesehen bzw. gehört. Fantechnisch ist das sicherlich das Highlight dieser EM und wird unmöglich zu toppen sein. Ganz große Gratulation und ein herzliches Dankeschön an die irischen Fans – würdevoller kann man nicht ausscheiden!
In der Gruppe D stehen heute die letzten Spiele der zweiten Runde an. Dabei werden England und Frankreich zeigen müssen, dass sie sich – von einander ungestört – frei spielen können. Frankreich hat es mit Andrij Schewtschenko zu tun, England spielt gegen Ibrahimovic. Eigentlich sollten sich hier die in ihrem ersten Aufeinandertreffen noch schaumgebremsten Favoriten durchsetzen, wobei man mit der Ukraine die leichtere Aufgabe für Frankreich vermutet. Aber Vorsicht, wir wissen aus dem ersten Spiel, dass beide Teams zu sehr schlechtem Fußball fähig sind! Wenn Andrij Schewtschenko nach dem furiosen ersten Spiel noch Kraft für ein zweites haben sollte, darf auch mit ihm, dem Jetzt-schon-Volkshelden, wieder gerechnet werden. Frankreich muss gewinnen, nicht nur, um die Gruppenführung zu übernehmen, sondern auch um den Geheimfavoriten-Status zu rechtfertigen.
Auch England darf an Schweden nicht scheitern; ein Unentschieden wäre nicht nur moralisch zu wenig. Schweden hingegen hat die Chance, gegen England zu beweisen, dass mit ihnen doch noch zu rechnen ist. Jedoch würde mich auch hier alles andere als eine schwedische Niederlage überraschen und auch ein bisschen enttäuschen, haben sich doch die Engländer (zumindest eine Halbzeit lang) viel besser verkauft als ihnen zugetraut wurde. Alle vier Teams sollten noch etwas in petto haben, schließlich haben sie in der letzten Runde jeweils nur eine Halbzeit lang wirklich gespielt!
Mann des Tages: Andrea Pirlo, der den ersten schönen direkten Freistoß dieser EM verwandelt hat und mit seinem etwas fortgeschrittenen Alter und seiner Spielintelligenz der italienischen Mannschaft noch einen Rest von Würde verleiht.
Buhmann des Tages: Gibt's keinen, das haben sich die beiden Spiele wirklich nicht verdient. Vielleicht der kroatische Fan, der unbedingt Feuerwerkskörper auf das Spielfeld werfen musste. Gerade an einem Tag, an dem im Anschluss die Iren so positiv aufgefallen sind, wirkt sowas im Nachhinein betrachtet noch bescheuerter, stumpfer und unsinniger als es vorher schon war.
Donnerstag, 14. Juni 2012
Zwischen Ernüchterung und Begeisterung
Die Gruppe B lässt uns ein wenig ratlos zurück und wir dürfen uns über einen spannenden letzten Spieltag freuen. Das ist vor allem den Teams aus Portugal und Dänemark zu verdanken. Team Holland enttäuscht seine Fans und auch sich selbst.
Über die gestrige Begegnung zwischen Deutschland und den Niederlanden gibt es eigentlich nicht wirklich viel zu erzählen: Zu eindeutig war die Sprache des Fußballs auf dem Feld und drum herum gab's wenig Erwähnenswertes. Holland wie zuletzt gegen Dänemark mit der defensiveren Mittelfeldvariante van Bommel/de Jong, hinten wieder mit Joris Mathijsen, was aber letztlich egal war, denn die Verteidigung war wie schon gegen Dänemark in den entscheidenden Momenten leider zu verwirrt, zu langsam oder auch einfach nur zu dumm für die Deutschen. Letztlich hat Holland jedoch das Spiel im Mittelfeld verloren; gegen Schweinsteiger, Khedira und Özil fanden sie kein Mittel und ihr eigener Offensivgestalter, Wesley Snijder, blieb isoliert und konnte wenig Akzente setzen. Auch nach der Halbzeit, als van der Vaart und Huntelaar kamen, änderte sich am holländischen Spiel nur wenig, zum Schluss hin wirkten sie, als hätten sie sich schon vor langer Zeit aufgegeben, und das, obwohl ihnen sogar noch der Anschlusstreffer gelang. Pfui war das.
Deutschland agierte abgeklärt, aber wieder nicht so, wie man es sich vor dem Turnier erwartet hatte. Zwei Dinge aber sollte man hierbei bedenken: Erstens ging es gegen den nominell stärksten Gruppengegner und zweitens steigern sich die Deutschen bekanntlich im Laufe eines Turniers immer noch. Gegen Dänemark sollte man sich vielleicht auch noch nicht zu viel erwarten, denn die Deutschen sind schon so gut wie durch und die Dänen werden alles daran setzen, das Viertelfinale doch noch zu erreichen. Möglicherweise rennen sie dann ins offene Messer, gehen kläglich unter und Deutschland holt sich im letzten Gruppenspiel noch einmal ordentlich Selbstvertrauen für die KO-Runde und steigt dann als einzige Mannschaft mit 9 Punkten auf. Alles möglich, aber letztlich unwichtig.
Holland ist noch nicht raus, der Gedanke aber, dass man mit nur einem Sieg das Viertelfinale erreichen könnte, behagt mir nicht. Vor allem nicht in Bezug auf Holland, denn sie haben es sich nicht verdient. Spielerisch, taktisch und vor allem mental waren das zwei ganz bittere Spiele; es scheint, als wäre das Team, das vor vier Jahren alle überraschte, mit seinem Latein mehr oder weniger am Ende. Es wird Zeit für etwas Neues. Vor allem im Vergleich zu Portugal und Dänemark – zwei Mannschaften, denen zuzusehen eine einzige Freude ist – sind die Holländer klar die schwächste Mannschaft dieser Gruppe und würden vollkommen zurecht ausscheiden. Trotzdem: Die letzte Runde wird spannend!
Nach der gestrigen Begegnung zwischen Portugal und Dänemark würde man am liebsten beiden Mannschaften ein Gratis-Ticket ins Viertelfinale ausstellen – wären da nicht die Deutschen mit ihren 6 Punkten. Beeindruckend ist die Energie, die das portugiesische Team auf den Platz bringt, vor allem über das Aufziehmännchen Coentrao auf der linken Seite und Nani auf der rechten. Im Mittelfeld ordnet und waltet Moutinho mit beneidenswerter Übersicht und Ruhe. C. Ronaldo kämmt sich immer richtig und sorgt für viele gefährliche Aktionen – man kann von ihm halten, was man will, aber er ist anscheinend noch einer der wenigen Fußballer, die ordentlich schießen können. Vor allem wirkt er weniger übermotiviert als erwartet und versteht es, sich in wichtigen Situationen dem Team-Willen unterzuordnen anstatt seine Solo-Show zu bringen. Sollte das dem direkten Wirken des Trainers Paulo Bento zuzuschreiben sein: Respekt!
Aber diese Dänen! Was können so viele Mannschaften von diesen Dänen alles lernen! Wo größere Fußballnationen nach einem Gegentor moralisch einknicken, werden die Dänen erst richtig gefährlich. Das 2:2 wäre das gerechtere Resultat gewesen, letztlich hat sich aber dann doch das Team mit den individuell besseren Spielern durchgesetzt. Aber selbst nach dem 3:2 von Portugal hatte man noch keineswegs das Gefühl, das die Partie jetzt gelaufen wäre. Zum Schluss fand sich sogar Abwehrchef Daniel Agger regelmäßig im Sturm ein. Der Einsatz hätte belohnt werden dürfen, doch schließlich heißt das Spiel Fußball und nicht „Wünsch dir was“. Wir wurden jedenfalls verwöhnt, denn über weite Strecken war das ein sehr ansehnliches, ausgeglichenes, taktisch wie spielerisch beeindruckendes Fußballspiel mit fünf Toren, von denen besonders das 2:0 durch Helger Postiga hervorzuheben ist: Da war alles dabei, von der Aufbauarbeit durch Coentrao bis zum genialen Nani-Pass mit optimalen Abschluss. Ja, das ging ein bisschen leicht, weil die dänische Verteidigung kurz überfordert war, aber es gibt halt Mannschaften, die solche Situationen auszunutzen wissen, und andere, die das nicht können.
Besondere Erwähnung muss auch der Schütze des Siegestores, Varela Silvestre, finden. Der ist bereits im Deutschland-Spiel aufgefallen und hatte zuweilen schon dort den Ausgleich am Schuh. Auch sein Tor war bemerkenswert: Flanke von links, er fährt daneben, macht aber nichts, denn er schießt einfach nochmal und drückt den Ball für den Tormann unhaltbar ins kurze Eck. Lässige Unbekümmertheit war das: Ein Bruder im Geiste von Kuba Blasczyczokskiw... (schau!) Blaszczykowski! Bin gespannt, ob sich in diese Riege noch einer einzuordnen vermag. Mario Gomez ist noch nicht ganz da; zwar waren seine beiden Tore gegen die Niederlande auch gut gemacht, aber die Lässigkeit muss man einem Deutschen erstmal beibringen, sofern das überhaupt geht.
Heute gehen die Italiener in ihr zweites Spiel. Das ist aus mehreren Gründen interessant. Erstens, weil man jetzt erst sehen wird, wie sie „normal“ spielen (die Variante gegen Spanien war eine Ausnahme), und ob sie aus dem Offensivgeist, den sie im ersten Spiel gern gezeigt haben, gegen einen schwächeren Gegner ein attraktives Spiel nach vorne mit Toren produzieren können. Wenn ihnen das gelänge, wäre ich fast geneigt, für dieses Turnier Italien-Fan zu werden – das denke ich mir nun schon zum zweiten Mal. Dann aber lese ich wieder von Cassanos homophoben Äußerungen und schon wieder erinnern mich die Italiener daran, dass ihr Team zu einem großen Teil aus Unsympathlern besteht. Und das, obwohl sie mit dem Abgang von Gennaro Gattuso die Chance gehabt hätten, dieses Image ein bisschen abzulegen. Hach, mit diesen Italienern werde ich mir immer schwer tun! Dann lieber vorerst die Kroaten mit dem unglaublich lässigen Slaven Bilic...
Am Abend dürfen dann die Spanier die Iren abschießen – die armen, lieben Iren. Den Iren wird das vermutlich egal sein, sie werden einfach spielen, so gut sie können, Trapattoni wird wieder schreien, so laut er kann und am Ende werden sie mit null Punkten dastehen, sich trotzdem ermunternd auf die Schultern klopfen und sich auf das Bier nach dem Spiel freuen. Vielleicht geht ja wieder ein Freistoß-Tor und ein bisschen Kick and R(a)ush. Ich werde ihnen die Daumen halten, aber auch nicht sonderlich enttäuscht sein, wenn sie verlieren. Eben so wie das mit Holland gestern war.
Mann des Tages: Mario Gomez, der zwar nicht bester Deutscher auf dem Platz war, der jetzt aber endgültig seine Nominierung bestätigt hat. Deutschland hat jetzt also auch einen fixen gefährlichen Stürmer, dessen Frisur es mit der von C. Ronaldo aufnehmen kann.
Buhmann des Tages: Hier muss mindestens einmal Boris Kastner-Jirka stehen. Warum? Weil ich seine Stimme nicht mag. Es liegt etwas sich Ereiferndes darin, als ob er dauernd etwas total Wichtiges zu verlautbaren hätte. Manchmal kommt mir vor, er hat eine Lehre als Zeitungsjunge gemacht. Ruhig Blut, Boris, die meisten Spiele sind auch ohne dein Zutun spannend genug! Dieses Hektische verbindet ihn übrigens mit Roman Mählich, der sich auch immer durch seine Sätze hetzt, als ob es gelte, möglichst viele Wörter in möglichst kurzer Zeit hervorzusprudeln. Wie ein Schuljunge, der ein Gedicht aufsagt und meint, er würde eine bessere Note bekommen, wenn er dies möglichst schnell erledigte.
Nehmt euch ein Beispiel an (und ich bin wirklich überrascht, dies einmal sagen zu können): Oliver Kahn. Der hat offenbar eine ordentliche Sprech- und Rhetorikausbildung über sich ergehen lassen und spricht jetzt ruhig, klar und verständlich über das, was auf dem Platz passiert. Vielleicht verfügt der aber auch einfach nur über die entsprechende Coolness, die Kastner-Jirka und Konsorten von Geburt an fehlt.
Über die gestrige Begegnung zwischen Deutschland und den Niederlanden gibt es eigentlich nicht wirklich viel zu erzählen: Zu eindeutig war die Sprache des Fußballs auf dem Feld und drum herum gab's wenig Erwähnenswertes. Holland wie zuletzt gegen Dänemark mit der defensiveren Mittelfeldvariante van Bommel/de Jong, hinten wieder mit Joris Mathijsen, was aber letztlich egal war, denn die Verteidigung war wie schon gegen Dänemark in den entscheidenden Momenten leider zu verwirrt, zu langsam oder auch einfach nur zu dumm für die Deutschen. Letztlich hat Holland jedoch das Spiel im Mittelfeld verloren; gegen Schweinsteiger, Khedira und Özil fanden sie kein Mittel und ihr eigener Offensivgestalter, Wesley Snijder, blieb isoliert und konnte wenig Akzente setzen. Auch nach der Halbzeit, als van der Vaart und Huntelaar kamen, änderte sich am holländischen Spiel nur wenig, zum Schluss hin wirkten sie, als hätten sie sich schon vor langer Zeit aufgegeben, und das, obwohl ihnen sogar noch der Anschlusstreffer gelang. Pfui war das.
Deutschland agierte abgeklärt, aber wieder nicht so, wie man es sich vor dem Turnier erwartet hatte. Zwei Dinge aber sollte man hierbei bedenken: Erstens ging es gegen den nominell stärksten Gruppengegner und zweitens steigern sich die Deutschen bekanntlich im Laufe eines Turniers immer noch. Gegen Dänemark sollte man sich vielleicht auch noch nicht zu viel erwarten, denn die Deutschen sind schon so gut wie durch und die Dänen werden alles daran setzen, das Viertelfinale doch noch zu erreichen. Möglicherweise rennen sie dann ins offene Messer, gehen kläglich unter und Deutschland holt sich im letzten Gruppenspiel noch einmal ordentlich Selbstvertrauen für die KO-Runde und steigt dann als einzige Mannschaft mit 9 Punkten auf. Alles möglich, aber letztlich unwichtig.
Holland ist noch nicht raus, der Gedanke aber, dass man mit nur einem Sieg das Viertelfinale erreichen könnte, behagt mir nicht. Vor allem nicht in Bezug auf Holland, denn sie haben es sich nicht verdient. Spielerisch, taktisch und vor allem mental waren das zwei ganz bittere Spiele; es scheint, als wäre das Team, das vor vier Jahren alle überraschte, mit seinem Latein mehr oder weniger am Ende. Es wird Zeit für etwas Neues. Vor allem im Vergleich zu Portugal und Dänemark – zwei Mannschaften, denen zuzusehen eine einzige Freude ist – sind die Holländer klar die schwächste Mannschaft dieser Gruppe und würden vollkommen zurecht ausscheiden. Trotzdem: Die letzte Runde wird spannend!
Nach der gestrigen Begegnung zwischen Portugal und Dänemark würde man am liebsten beiden Mannschaften ein Gratis-Ticket ins Viertelfinale ausstellen – wären da nicht die Deutschen mit ihren 6 Punkten. Beeindruckend ist die Energie, die das portugiesische Team auf den Platz bringt, vor allem über das Aufziehmännchen Coentrao auf der linken Seite und Nani auf der rechten. Im Mittelfeld ordnet und waltet Moutinho mit beneidenswerter Übersicht und Ruhe. C. Ronaldo kämmt sich immer richtig und sorgt für viele gefährliche Aktionen – man kann von ihm halten, was man will, aber er ist anscheinend noch einer der wenigen Fußballer, die ordentlich schießen können. Vor allem wirkt er weniger übermotiviert als erwartet und versteht es, sich in wichtigen Situationen dem Team-Willen unterzuordnen anstatt seine Solo-Show zu bringen. Sollte das dem direkten Wirken des Trainers Paulo Bento zuzuschreiben sein: Respekt!
Aber diese Dänen! Was können so viele Mannschaften von diesen Dänen alles lernen! Wo größere Fußballnationen nach einem Gegentor moralisch einknicken, werden die Dänen erst richtig gefährlich. Das 2:2 wäre das gerechtere Resultat gewesen, letztlich hat sich aber dann doch das Team mit den individuell besseren Spielern durchgesetzt. Aber selbst nach dem 3:2 von Portugal hatte man noch keineswegs das Gefühl, das die Partie jetzt gelaufen wäre. Zum Schluss fand sich sogar Abwehrchef Daniel Agger regelmäßig im Sturm ein. Der Einsatz hätte belohnt werden dürfen, doch schließlich heißt das Spiel Fußball und nicht „Wünsch dir was“. Wir wurden jedenfalls verwöhnt, denn über weite Strecken war das ein sehr ansehnliches, ausgeglichenes, taktisch wie spielerisch beeindruckendes Fußballspiel mit fünf Toren, von denen besonders das 2:0 durch Helger Postiga hervorzuheben ist: Da war alles dabei, von der Aufbauarbeit durch Coentrao bis zum genialen Nani-Pass mit optimalen Abschluss. Ja, das ging ein bisschen leicht, weil die dänische Verteidigung kurz überfordert war, aber es gibt halt Mannschaften, die solche Situationen auszunutzen wissen, und andere, die das nicht können.
Besondere Erwähnung muss auch der Schütze des Siegestores, Varela Silvestre, finden. Der ist bereits im Deutschland-Spiel aufgefallen und hatte zuweilen schon dort den Ausgleich am Schuh. Auch sein Tor war bemerkenswert: Flanke von links, er fährt daneben, macht aber nichts, denn er schießt einfach nochmal und drückt den Ball für den Tormann unhaltbar ins kurze Eck. Lässige Unbekümmertheit war das: Ein Bruder im Geiste von Kuba Blasczyczokskiw... (schau!) Blaszczykowski! Bin gespannt, ob sich in diese Riege noch einer einzuordnen vermag. Mario Gomez ist noch nicht ganz da; zwar waren seine beiden Tore gegen die Niederlande auch gut gemacht, aber die Lässigkeit muss man einem Deutschen erstmal beibringen, sofern das überhaupt geht.
Heute gehen die Italiener in ihr zweites Spiel. Das ist aus mehreren Gründen interessant. Erstens, weil man jetzt erst sehen wird, wie sie „normal“ spielen (die Variante gegen Spanien war eine Ausnahme), und ob sie aus dem Offensivgeist, den sie im ersten Spiel gern gezeigt haben, gegen einen schwächeren Gegner ein attraktives Spiel nach vorne mit Toren produzieren können. Wenn ihnen das gelänge, wäre ich fast geneigt, für dieses Turnier Italien-Fan zu werden – das denke ich mir nun schon zum zweiten Mal. Dann aber lese ich wieder von Cassanos homophoben Äußerungen und schon wieder erinnern mich die Italiener daran, dass ihr Team zu einem großen Teil aus Unsympathlern besteht. Und das, obwohl sie mit dem Abgang von Gennaro Gattuso die Chance gehabt hätten, dieses Image ein bisschen abzulegen. Hach, mit diesen Italienern werde ich mir immer schwer tun! Dann lieber vorerst die Kroaten mit dem unglaublich lässigen Slaven Bilic...
Am Abend dürfen dann die Spanier die Iren abschießen – die armen, lieben Iren. Den Iren wird das vermutlich egal sein, sie werden einfach spielen, so gut sie können, Trapattoni wird wieder schreien, so laut er kann und am Ende werden sie mit null Punkten dastehen, sich trotzdem ermunternd auf die Schultern klopfen und sich auf das Bier nach dem Spiel freuen. Vielleicht geht ja wieder ein Freistoß-Tor und ein bisschen Kick and R(a)ush. Ich werde ihnen die Daumen halten, aber auch nicht sonderlich enttäuscht sein, wenn sie verlieren. Eben so wie das mit Holland gestern war.
Mann des Tages: Mario Gomez, der zwar nicht bester Deutscher auf dem Platz war, der jetzt aber endgültig seine Nominierung bestätigt hat. Deutschland hat jetzt also auch einen fixen gefährlichen Stürmer, dessen Frisur es mit der von C. Ronaldo aufnehmen kann.
Buhmann des Tages: Hier muss mindestens einmal Boris Kastner-Jirka stehen. Warum? Weil ich seine Stimme nicht mag. Es liegt etwas sich Ereiferndes darin, als ob er dauernd etwas total Wichtiges zu verlautbaren hätte. Manchmal kommt mir vor, er hat eine Lehre als Zeitungsjunge gemacht. Ruhig Blut, Boris, die meisten Spiele sind auch ohne dein Zutun spannend genug! Dieses Hektische verbindet ihn übrigens mit Roman Mählich, der sich auch immer durch seine Sätze hetzt, als ob es gelte, möglichst viele Wörter in möglichst kurzer Zeit hervorzusprudeln. Wie ein Schuljunge, der ein Gedicht aufsagt und meint, er würde eine bessere Note bekommen, wenn er dies möglichst schnell erledigte.
Nehmt euch ein Beispiel an (und ich bin wirklich überrascht, dies einmal sagen zu können): Oliver Kahn. Der hat offenbar eine ordentliche Sprech- und Rhetorikausbildung über sich ergehen lassen und spricht jetzt ruhig, klar und verständlich über das, was auf dem Platz passiert. Vielleicht verfügt der aber auch einfach nur über die entsprechende Coolness, die Kastner-Jirka und Konsorten von Geburt an fehlt.
Sonntag, 10. Juni 2012
Resultate vs. Realitäten
Ja, tatsächlich, endlich hat die EM angefangen. Die Gruppe B hält, was sie versprochen hat, aber es kam doch alles ganz anders, als viele sich das erwartet hatten. Dass Deutschland gegen Portugal gewinnt, hätten viele vorhergesagt, aber die meisten tippten auf mindestens zwei Tore Unterschied. Dass Dänemark gegen Holland gewinnt, hat keiner wissen können. Am Ende des ersten Durchgangs muss man aber doch feststellen, dass Portugal stärker und Deutschland schwächer ist als angenommen. Niederlande hat ungefähr so gespielt, wie man es erwarten konnte – natürlich noch mit viel Luft nach oben. Dänemark hat nicht wirklich überrascht, außer durch die wirklich starke Defensivleistung zum Ende des Spiels hin. Ironischerweise spiegelt sich das alles in den Resultaten gar nicht wieder.
Das ist der Kernwitz des Fußballs bzw. des Sports überhaupt: Nämlich, dass Resultate oft weniger über das Spiel bzw. die Leistung der Teilnehmer verraten, aber letztlich doch alles sind, was zählt. Daraus entspringt dann das dumme Ungerechtigkeitsgefühl des Fußball-Fans. Freilich ist keiner davor gefeit, seine Mannschaft als die unglücklich oder (wenn auch nur vom Schicksal) ungerecht behandelte zu sehen. Aber das ist dumm, weil Gerechtigkeit eben kein Begriff des Fußballs ist bzw. das Spiel selber ihn nicht kennt, sondern nur die Fans. Trotzdem gibt es natürlich so etwas wie Überraschungen und es ist dem ganzen Turnier zuträglich, dass gerade die Gruppe B gestern irgendwie doppelt überrascht hat.
Holland spielte eigentlich eh ganz gut, zeitweise sogar wieder brillant. Aber wenn man an die 30 Torchancen braucht, um null Tore zu erzielen, hilft einem das eben wenig weiter. Die bekannte Abwehrschwäche der Kaasköppe zeigte sich auch gestern wieder deutlich. Aber Holland konnte bisher immer mehr Tore schießen als es bekam. Es gibt aber doch einiges zu bemängeln. Erstens, warum Bert van Marwijk gegen Dänemark die defensive Mittelfeldvariante (mit van Bommel und de Jong als 6er) statt der offensiven bevorzugt.
Von den Dänen war offensiv wenig bis gar nichts zu sehen (Bendtner, hallo?), da braucht man keine zwei Holzfüße im defensiven Mittelfeld, die nach vorne gar nicht (de Jong) bzw. zu langsam (van Bommel) wirken. Und die ohnehin schwache Verteidigung wird man durch zwei solche Prügelknaben auch nicht entlasten können – dann lieber früher attackieren. Wie schlecht das ausgesehen hat, als Holland sich in der eigenen Hälfte vor Dänemark versteckt hat, war kaum auszuhalten!
Freilich fehlen an den Außenpositionen Leute wie Giovanni van Bronckhorst (wehmütig habe ich mich gestern an dessen starkes Turnier vor vier Jahren erinnert), die schnell und effektiv nach vorne spielen können. Aber wenn man solche schon nicht hat, warum dann im zentralen Mittelfeld auch noch holzen? Gegen Dänemark!
Vorne rechts hat man den ewig gleichen Robben, der brav läuft und wirbelt, dem aber immer wieder nur die alten Tricks einfallen, von denen sich nur jene noch hineinlegen lassen, die in den letzten Jahren kein einziges Spiel der Bayern oder der holländischen Elftal gesehen haben. Das wird echt langsam bitter, Arjen! Trotzdem ist man personell in der Offensive einfach überlegen; und das wurde viel zu wenig ausgespielt. Da war viel Statik und über weite Strecken zu wenig vom spanischen Oranje-Fußball zu sehen – stattdessen handelte man sich die spanische Krankheit ein: zu viele Chancen zu benötigen.
Sneijder hingegen hat mich überrascht, der ist nach wie vor der beste und aktivste Mann auf dem Platz (sein langer Pass auf Huntelaar war die Aktion des Tages – perfektes Timing, großartige Übersicht und technisch einwandfrei). Huntelaar für van Persie hätte man schon nach der Halbzeit bringen können, stattdessen gab es viel zu spät eine Doppelspitze – nicht schlecht, aber eben zu spät. Auch van der Vaart hätte schon zur Halbzeit für de Jong kommen müssen. Warum so lange am Bestehenden festhalten, wenn man eh schon hinten ist? Weil man sich vor den Offensivaktionen der Dänen gefürchtet hat? Alles too little, too late – man muss aber auch vor Dänemark den Hut ziehen, dass sie keine Nerven gezeigt haben und die schmale Führung trotz ständiger Unterlegenheit bis zum Schluss halten konnten.
Das scheint überhaupt die Devise für die sogenannten „Kleinen“ zu sein: Aus nichts ein bisschen was machen – und dann schauen, was passiert bzw. intelligent verwalten. Das kommt aus der Chelsea-Inter-Italien-Schule, aus dem verzweifelten Sich-gegen-das-Tiki-Taka-Wehren, ist taktisch hoch interessant, aber halt nicht immer so toll anzusehen. Wer Popcorn-Fußball will, der schaue sich Spiele des GAK an – in der Regionalliga.
Achja, und da war dann noch Portugal, die irgendwann in der zweiten Hälfte gemerkt haben, dass sie doch guten und gefährlichen Fußball spielen können, nachdem ein paar Deutsche gemerkt hatten, dass Portugal nicht nur aus C. Ronaldo besteht. Letzterem machte der böse Boateng, der sich nach seinem Late-Night-Eklat natürlich beweisen wollte, unschädlich. Aber nicht nur Boateng, sondern vor allem auch der Hummels überzeugte defensiv über alle Maßen.
Der Rest blieb fraglich, vor allem die eigentlichen Hauptakteure Schweinsteiger und Özil wirkten irgendwie schaumgebremst – bei Schweinsteiger ist es wohl die Form, bei Özil macht das alles nichts, weil er auch so immer noch gefährlich genug ist und es ja auch noch Khedira gibt. Aber auch wenn man diesmal mit alten deutschen Tugenden gewonnen hat: die drei Punkte sind im Sack („The cat is in the sack“, würde Trapattoni sagen) und wenn es gegen die Niederlande geht, sind es die Holländer, die unter Zugzwang stehen. Eigentlich eine recht komfortable Ausgangsposition, v.a. mit Dänemark als letztem Gegner in der Gruppe. Was aber, wenn die Dänen... ach was!
Trotzdem: Ich bitte die Deutschen, den neuen Weg, den sie die letzten vier Jahre so erfolgreich eingeschlagen haben, nicht zu verlassen. Die Fans, die Schlander, die sind leider unverbesserlich – das ist einfach eine Mentalitätsfrage, da werden die Rüben nicht mehr mit der Spitze voran aus der Erde wachsen. Was war denn das mit den Papierkugelchen schon wieder für ein Mumpitz? War jetzt nicht das große Drama, aber auffallen um jeden Preis ist denen schon wichtig...
Mann des Tages: Morten Olsen – der Look allein ist einfach überzeugend und hat was Fuchsiges. Wie man eben aus nichts ein bisschen was macht.
Buhmann des Tages: Bert van Marwijk – der hat heute die Partie irgendwie wie ein rauschiger Konsolenspieler verdaddelt.
Geste des Tages: Wie sich Mario Gomez alle zwei Minuten durch die Haare fährt... wie um C. Ronaldo zu zeigen, dass er geilere hat als der Drei-Wetter-Taft-Cowboy.
Das ist der Kernwitz des Fußballs bzw. des Sports überhaupt: Nämlich, dass Resultate oft weniger über das Spiel bzw. die Leistung der Teilnehmer verraten, aber letztlich doch alles sind, was zählt. Daraus entspringt dann das dumme Ungerechtigkeitsgefühl des Fußball-Fans. Freilich ist keiner davor gefeit, seine Mannschaft als die unglücklich oder (wenn auch nur vom Schicksal) ungerecht behandelte zu sehen. Aber das ist dumm, weil Gerechtigkeit eben kein Begriff des Fußballs ist bzw. das Spiel selber ihn nicht kennt, sondern nur die Fans. Trotzdem gibt es natürlich so etwas wie Überraschungen und es ist dem ganzen Turnier zuträglich, dass gerade die Gruppe B gestern irgendwie doppelt überrascht hat.
Holland spielte eigentlich eh ganz gut, zeitweise sogar wieder brillant. Aber wenn man an die 30 Torchancen braucht, um null Tore zu erzielen, hilft einem das eben wenig weiter. Die bekannte Abwehrschwäche der Kaasköppe zeigte sich auch gestern wieder deutlich. Aber Holland konnte bisher immer mehr Tore schießen als es bekam. Es gibt aber doch einiges zu bemängeln. Erstens, warum Bert van Marwijk gegen Dänemark die defensive Mittelfeldvariante (mit van Bommel und de Jong als 6er) statt der offensiven bevorzugt.
Von den Dänen war offensiv wenig bis gar nichts zu sehen (Bendtner, hallo?), da braucht man keine zwei Holzfüße im defensiven Mittelfeld, die nach vorne gar nicht (de Jong) bzw. zu langsam (van Bommel) wirken. Und die ohnehin schwache Verteidigung wird man durch zwei solche Prügelknaben auch nicht entlasten können – dann lieber früher attackieren. Wie schlecht das ausgesehen hat, als Holland sich in der eigenen Hälfte vor Dänemark versteckt hat, war kaum auszuhalten!
Freilich fehlen an den Außenpositionen Leute wie Giovanni van Bronckhorst (wehmütig habe ich mich gestern an dessen starkes Turnier vor vier Jahren erinnert), die schnell und effektiv nach vorne spielen können. Aber wenn man solche schon nicht hat, warum dann im zentralen Mittelfeld auch noch holzen? Gegen Dänemark!
Vorne rechts hat man den ewig gleichen Robben, der brav läuft und wirbelt, dem aber immer wieder nur die alten Tricks einfallen, von denen sich nur jene noch hineinlegen lassen, die in den letzten Jahren kein einziges Spiel der Bayern oder der holländischen Elftal gesehen haben. Das wird echt langsam bitter, Arjen! Trotzdem ist man personell in der Offensive einfach überlegen; und das wurde viel zu wenig ausgespielt. Da war viel Statik und über weite Strecken zu wenig vom spanischen Oranje-Fußball zu sehen – stattdessen handelte man sich die spanische Krankheit ein: zu viele Chancen zu benötigen.
Sneijder hingegen hat mich überrascht, der ist nach wie vor der beste und aktivste Mann auf dem Platz (sein langer Pass auf Huntelaar war die Aktion des Tages – perfektes Timing, großartige Übersicht und technisch einwandfrei). Huntelaar für van Persie hätte man schon nach der Halbzeit bringen können, stattdessen gab es viel zu spät eine Doppelspitze – nicht schlecht, aber eben zu spät. Auch van der Vaart hätte schon zur Halbzeit für de Jong kommen müssen. Warum so lange am Bestehenden festhalten, wenn man eh schon hinten ist? Weil man sich vor den Offensivaktionen der Dänen gefürchtet hat? Alles too little, too late – man muss aber auch vor Dänemark den Hut ziehen, dass sie keine Nerven gezeigt haben und die schmale Führung trotz ständiger Unterlegenheit bis zum Schluss halten konnten.
Das scheint überhaupt die Devise für die sogenannten „Kleinen“ zu sein: Aus nichts ein bisschen was machen – und dann schauen, was passiert bzw. intelligent verwalten. Das kommt aus der Chelsea-Inter-Italien-Schule, aus dem verzweifelten Sich-gegen-das-Tiki-Taka-Wehren, ist taktisch hoch interessant, aber halt nicht immer so toll anzusehen. Wer Popcorn-Fußball will, der schaue sich Spiele des GAK an – in der Regionalliga.
Achja, und da war dann noch Portugal, die irgendwann in der zweiten Hälfte gemerkt haben, dass sie doch guten und gefährlichen Fußball spielen können, nachdem ein paar Deutsche gemerkt hatten, dass Portugal nicht nur aus C. Ronaldo besteht. Letzterem machte der böse Boateng, der sich nach seinem Late-Night-Eklat natürlich beweisen wollte, unschädlich. Aber nicht nur Boateng, sondern vor allem auch der Hummels überzeugte defensiv über alle Maßen.
Der Rest blieb fraglich, vor allem die eigentlichen Hauptakteure Schweinsteiger und Özil wirkten irgendwie schaumgebremst – bei Schweinsteiger ist es wohl die Form, bei Özil macht das alles nichts, weil er auch so immer noch gefährlich genug ist und es ja auch noch Khedira gibt. Aber auch wenn man diesmal mit alten deutschen Tugenden gewonnen hat: die drei Punkte sind im Sack („The cat is in the sack“, würde Trapattoni sagen) und wenn es gegen die Niederlande geht, sind es die Holländer, die unter Zugzwang stehen. Eigentlich eine recht komfortable Ausgangsposition, v.a. mit Dänemark als letztem Gegner in der Gruppe. Was aber, wenn die Dänen... ach was!
Trotzdem: Ich bitte die Deutschen, den neuen Weg, den sie die letzten vier Jahre so erfolgreich eingeschlagen haben, nicht zu verlassen. Die Fans, die Schlander, die sind leider unverbesserlich – das ist einfach eine Mentalitätsfrage, da werden die Rüben nicht mehr mit der Spitze voran aus der Erde wachsen. Was war denn das mit den Papierkugelchen schon wieder für ein Mumpitz? War jetzt nicht das große Drama, aber auffallen um jeden Preis ist denen schon wichtig...
Mann des Tages: Morten Olsen – der Look allein ist einfach überzeugend und hat was Fuchsiges. Wie man eben aus nichts ein bisschen was macht.
Buhmann des Tages: Bert van Marwijk – der hat heute die Partie irgendwie wie ein rauschiger Konsolenspieler verdaddelt.
Geste des Tages: Wie sich Mario Gomez alle zwei Minuten durch die Haare fährt... wie um C. Ronaldo zu zeigen, dass er geilere hat als der Drei-Wetter-Taft-Cowboy.
Montag, 4. Juni 2012
Mörder unter sich
Die Welt meint es nicht gut mit C. Ronaldo, dem Drei-Wetter-Taft-Cowboy von der Blumeninsel Madeira. Ich schreibe C. Ronaldo, weil Cristiano so ganz ohne „h“ erstens immer unangenehm falsch aussieht für unsere Augen, und zweitens der allzu kundige Fußballfan dazu verleitet würde, das s wie „sch“ auszusprechen. Das ist zwar dem Portugiesischen durchaus gerecht, macht aber ein bisschen unsympathisch. Und wenn es um C. Ronaldo geht, wabert immer schon so viel Unsympathisches am Lößboden des Diskurses, dass man sich nicht extra mühen braucht, es noch unsympathischer zu gestalten. Warum jetzt Lößboden, fragt der Geologie-affine Fußballfan, und ich kann es ihm nicht beantworten, sondern nur vermuten, dass, immer wenn es um C. Ronaldo geht, ich mich nur allzu gerne von scheinbar Unwichtigerem und Uninteressanterem ablenken lasse...
Zurück zum Haargel-Bomber aus Funchal. (Funchal ist übrigens die Hauptstadt von Madeira und der Name bedeutet so viel wie Fenchel. Fenchel ist meistens grauslich, denn sein bitter-süß-seifiger Geschmack macht sich höchsten im Tee gut. C. Ronaldo selbst ist auch ein bisschen fenchelig, wenn ich das mal so behaupten darf, ob man ihn allerdings deswegen in den Tee tun sollte, ist fraglich. Schon wieder schweife ich ab...)
C. Ronaldo – das C. müssen Sie mir lassen, sonst verwechselt man ihn mit dem brasilianischen Riesenbaby – hat ja bekanntlich im Halbfinale der Championsleague beim Elfern verschossen. Damit ist er jetzt ungefähr auf einer tragischen Ebene mit Roberto Baggio und Arjen Robben. Obwohl: Nein, denn diese Herren haben ja jeweils in Finalspielen verschossen, bei einem der beiden handelt es sich zudem um einen Foul-Elfmeter-Schützen. Aber egal, denn der wesentliche Unterschied zwischen C. Ronaldo und allen anderen tragischen Elferschützen dieser Erde ist der, dass dem Portugiesen so etwas komplett egal zu sein scheint. C. Ronaldo grämt sich nicht über einen verschossenen Elfer, viel eher ist er wütend auf den Ball, der so hoch geflogen ist, oder das Tor, das zu niedrig war. C. Ronaldo scheint ein Teflon-Mann zu sein, an dem nichts haften bleibt – außer das Haargel eben.
Diese Eigenschaft mag für einen Sportler ein großer Vorteil sein, helfen wird sie C. Ronaldo wenig. Und das ist ein bisschen schade, denn die Portugiesen haben ihre Glanzzeit schon hinter sich und bedürfen eines Weltfußballers mehr denn je. Leider kann er momentan in kein funktionierendes taktisches Gewebe eingebunden werden, was für einen wie ihn spielerisch eigentlich lebenswichtig ist. Findet man für ein Talent keinen taktischen Rahmen, in dem es seine Möglichkeiten voll ausschöpfen kann, wird das Talent früher oder später meinen, das Spiel an sich reißen zu müssen. Das endet selten gut – nicht für das Talent und nicht für die Mannschaft. Diese Krankheit könnte man als Arnautovicismus bezeichnen, und Portugal läuft Gefahr, dass sein wichtigster Spieler daran erkranken könnte.
Außer...
… die beiden Gruppenfavoriten Niederlande und Deutschland provozieren bei den Portugiesen einen … so und jetzt hätte ich gerne ein schönes, bildhaftes Wort für den Effekt, den ich hier benennen will. Es geht darum, dass ein Team, wenn es das Gefühl bekommt, ohnehin nichts verlieren zu können, plötzlich zu seiner ureigensten Stärke findet – einem unbekümmerten, unverkopften Spiel, das nicht von jeglicher Taktik gelöst sein muss, in dem sich aber eine „natürliche Taktik“ den Spielern förmlich aufdrängt („von innen her“, um es esoterisch zu formulieren), und das vollkommen von den individuellen Stärken der einzelnen Akteure getragen wird; und individuelle Stärke, das haben die Portugiesen immer. Es braucht halt Köpfe wie Felipe Scolari oder vielleicht Jose Mourinho, damit diese individuellen Stärken in die richtigen Bahnen geleitet werden. Oder eben diesen Effekt, für den ich mir noch einen klingenden Namen ausdenken muss. Vorschläge sind natürlich erbeten.
Damit sind wir auch schon beim Problem der Gruppe B: Wir haben es wieder einmal mit einer „Mördergruppe“ zu tun, einer Gruppe von Mördern also, von denen jeder einzelne danach trachtet, die jeweils anderen zu morden und zu meucheln. Ganz unten wird dann erwartungsgemäß Dänemark liegen, was wieder sehr schade wäre, weil die Dänen immer beherzten und intelligenten Fußball spielen. Dänemark ist das Anti-Griechenland, was nicht heißen soll, dass die Griechen dummen Fußball spielen, aber er wirkt immer uninspiriert und ein bisschen tölpelhaft, auch fehlt ihnen das rassig-kämpferische Element, das zum Beispiel die Türkei immer gefährlich macht. Die Dänen können – und das ist das Bittere an dieser Gruppe – jeden ihrer Gegner schlagen, wenn alles gut läuft. Ich traue ihnen auch zu, dass sie Portugal schlagen und einem der anderen beiden Teams einen Punkt abringen, und ich wünsche mir so sehr, dass dies auch passieren möge, denn dann wird es erst richtig interessant in der Mördergruppe.
Was die beiden Favoriten angeht, bleibt eigentlich nur zu sagen, dass wir uns endlich wieder einmal auf ein Deutschland-Holland-Match freuen dürfen, was uns in den letzten beiden Großveranstaltungen leider verwehrt geblieben ist. Freilich handelt es sich bei beiden Mannschaften um Favoriten auf den Turniersieg – aber das sind sie immer irgendwie und meistens wird es dann doch nichts. Großartig ist aber, dass beide Länder in den letzten Jahren fußballerische Entwicklungen gemacht haben, die man so bei (fast) keinem anderen Nationalteam feststellen kann: nämlich konstante und folgerichtige, immer zielgerichtete Entwicklungen (man könnte sagen, dass im Falle Deutschlands der Titelgewinn dafür schon fast zu lange ausständig ist. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es eine Mannschaft gibt, die ihre ganz eigene Entwicklung genommen und alle anderen Entwicklungen vorweg genommen hat. Und diese Mannschaft, Spanien, stand den Deutschen allzu oft im Weg). Das Ergebnis sind taktisch komplex agierende Teams mit überdurchschnittlichem Spielermaterial, die obendrein Fußball spielen können, der zu begeistern vermag: den viel geforderten attraktiven Fußball nämlich. Wenn sie bei ihrem Aufeinandertreffen nicht zu vorsichtig agieren, könnte es natürlich das Spiel der EM, ein vorweg genommenes Finale (der Herzen!) werden. Auf jeden Fall wird es emotional. Ich tippe auf Deutschland, würde mich aber natürlich mehr über einen Sieg der Holländer freuen.
Worauf wir uns freuen können:
Weil es sich bei der Gruppe B um die Anti-Gruppe-A handelt, dürfen wir uns folgerichtig auf alle Begegnungen freuen. Deutschland-Holland hat natürlich das größte Potenzial.
Mit Aufmerksamkeit wird man die Dänemark-Spiele verfolgen müssen, vor allem jenes gegen Portugal.
Bemerkenswerte Namen:
Kasper Schmeichel (DAN): Der Sohn des großen Peter, mit dem die Dänen 1992 den Titel holten. Wird wahrscheinlich nicht zum Einsatz kommen, aber vielleicht hat das Schmeichel'sche Blut ja magische Wirkung.
Mario Götze (DEU): Der aktuelle Kader der Deutschen beinhaltet wieder einige sehr deutsch klingende Namen. Der Name des Borussia-Talents steht dafür Pate. Vielleicht wird man in Zukunft einmal ins Schwärmen geraten, wenn man die Namen des Europameisters 2012 herunterbeten wird: Götze, Höwedes, Schweinsteiger, Müller, Schürrle, Badstuber...
Mark van Bommel (NED): Nachdem mein namenstechnischer Allzeit-Favorit Jan Vennegoor of Hesselink schon lange nicht mehr im Kader ist, bleibt van Bommel der drolligste niederländische Name im Team.
Custódio (POR): Team Portugal ist voller schöner Namen und dieser hier gehört zum Mittelfeldspieler vom SC Braga. Klingt zunächst wie die Bezeichnung für jemanden, der in einem Kustodiat tätig ist, aber selbst nicht Kustos genannt werden will. Dann aber appliziere man das portugiesische „sch“ und schon klingt es nicht nur besserwisserisch, sondern auch herrlich exotisch.
Zurück zum Haargel-Bomber aus Funchal. (Funchal ist übrigens die Hauptstadt von Madeira und der Name bedeutet so viel wie Fenchel. Fenchel ist meistens grauslich, denn sein bitter-süß-seifiger Geschmack macht sich höchsten im Tee gut. C. Ronaldo selbst ist auch ein bisschen fenchelig, wenn ich das mal so behaupten darf, ob man ihn allerdings deswegen in den Tee tun sollte, ist fraglich. Schon wieder schweife ich ab...)
C. Ronaldo – das C. müssen Sie mir lassen, sonst verwechselt man ihn mit dem brasilianischen Riesenbaby – hat ja bekanntlich im Halbfinale der Championsleague beim Elfern verschossen. Damit ist er jetzt ungefähr auf einer tragischen Ebene mit Roberto Baggio und Arjen Robben. Obwohl: Nein, denn diese Herren haben ja jeweils in Finalspielen verschossen, bei einem der beiden handelt es sich zudem um einen Foul-Elfmeter-Schützen. Aber egal, denn der wesentliche Unterschied zwischen C. Ronaldo und allen anderen tragischen Elferschützen dieser Erde ist der, dass dem Portugiesen so etwas komplett egal zu sein scheint. C. Ronaldo grämt sich nicht über einen verschossenen Elfer, viel eher ist er wütend auf den Ball, der so hoch geflogen ist, oder das Tor, das zu niedrig war. C. Ronaldo scheint ein Teflon-Mann zu sein, an dem nichts haften bleibt – außer das Haargel eben.
Diese Eigenschaft mag für einen Sportler ein großer Vorteil sein, helfen wird sie C. Ronaldo wenig. Und das ist ein bisschen schade, denn die Portugiesen haben ihre Glanzzeit schon hinter sich und bedürfen eines Weltfußballers mehr denn je. Leider kann er momentan in kein funktionierendes taktisches Gewebe eingebunden werden, was für einen wie ihn spielerisch eigentlich lebenswichtig ist. Findet man für ein Talent keinen taktischen Rahmen, in dem es seine Möglichkeiten voll ausschöpfen kann, wird das Talent früher oder später meinen, das Spiel an sich reißen zu müssen. Das endet selten gut – nicht für das Talent und nicht für die Mannschaft. Diese Krankheit könnte man als Arnautovicismus bezeichnen, und Portugal läuft Gefahr, dass sein wichtigster Spieler daran erkranken könnte.
Außer...
… die beiden Gruppenfavoriten Niederlande und Deutschland provozieren bei den Portugiesen einen … so und jetzt hätte ich gerne ein schönes, bildhaftes Wort für den Effekt, den ich hier benennen will. Es geht darum, dass ein Team, wenn es das Gefühl bekommt, ohnehin nichts verlieren zu können, plötzlich zu seiner ureigensten Stärke findet – einem unbekümmerten, unverkopften Spiel, das nicht von jeglicher Taktik gelöst sein muss, in dem sich aber eine „natürliche Taktik“ den Spielern förmlich aufdrängt („von innen her“, um es esoterisch zu formulieren), und das vollkommen von den individuellen Stärken der einzelnen Akteure getragen wird; und individuelle Stärke, das haben die Portugiesen immer. Es braucht halt Köpfe wie Felipe Scolari oder vielleicht Jose Mourinho, damit diese individuellen Stärken in die richtigen Bahnen geleitet werden. Oder eben diesen Effekt, für den ich mir noch einen klingenden Namen ausdenken muss. Vorschläge sind natürlich erbeten.
Damit sind wir auch schon beim Problem der Gruppe B: Wir haben es wieder einmal mit einer „Mördergruppe“ zu tun, einer Gruppe von Mördern also, von denen jeder einzelne danach trachtet, die jeweils anderen zu morden und zu meucheln. Ganz unten wird dann erwartungsgemäß Dänemark liegen, was wieder sehr schade wäre, weil die Dänen immer beherzten und intelligenten Fußball spielen. Dänemark ist das Anti-Griechenland, was nicht heißen soll, dass die Griechen dummen Fußball spielen, aber er wirkt immer uninspiriert und ein bisschen tölpelhaft, auch fehlt ihnen das rassig-kämpferische Element, das zum Beispiel die Türkei immer gefährlich macht. Die Dänen können – und das ist das Bittere an dieser Gruppe – jeden ihrer Gegner schlagen, wenn alles gut läuft. Ich traue ihnen auch zu, dass sie Portugal schlagen und einem der anderen beiden Teams einen Punkt abringen, und ich wünsche mir so sehr, dass dies auch passieren möge, denn dann wird es erst richtig interessant in der Mördergruppe.
Was die beiden Favoriten angeht, bleibt eigentlich nur zu sagen, dass wir uns endlich wieder einmal auf ein Deutschland-Holland-Match freuen dürfen, was uns in den letzten beiden Großveranstaltungen leider verwehrt geblieben ist. Freilich handelt es sich bei beiden Mannschaften um Favoriten auf den Turniersieg – aber das sind sie immer irgendwie und meistens wird es dann doch nichts. Großartig ist aber, dass beide Länder in den letzten Jahren fußballerische Entwicklungen gemacht haben, die man so bei (fast) keinem anderen Nationalteam feststellen kann: nämlich konstante und folgerichtige, immer zielgerichtete Entwicklungen (man könnte sagen, dass im Falle Deutschlands der Titelgewinn dafür schon fast zu lange ausständig ist. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es eine Mannschaft gibt, die ihre ganz eigene Entwicklung genommen und alle anderen Entwicklungen vorweg genommen hat. Und diese Mannschaft, Spanien, stand den Deutschen allzu oft im Weg). Das Ergebnis sind taktisch komplex agierende Teams mit überdurchschnittlichem Spielermaterial, die obendrein Fußball spielen können, der zu begeistern vermag: den viel geforderten attraktiven Fußball nämlich. Wenn sie bei ihrem Aufeinandertreffen nicht zu vorsichtig agieren, könnte es natürlich das Spiel der EM, ein vorweg genommenes Finale (der Herzen!) werden. Auf jeden Fall wird es emotional. Ich tippe auf Deutschland, würde mich aber natürlich mehr über einen Sieg der Holländer freuen.
Worauf wir uns freuen können:
Weil es sich bei der Gruppe B um die Anti-Gruppe-A handelt, dürfen wir uns folgerichtig auf alle Begegnungen freuen. Deutschland-Holland hat natürlich das größte Potenzial.
Mit Aufmerksamkeit wird man die Dänemark-Spiele verfolgen müssen, vor allem jenes gegen Portugal.
Bemerkenswerte Namen:
Kasper Schmeichel (DAN): Der Sohn des großen Peter, mit dem die Dänen 1992 den Titel holten. Wird wahrscheinlich nicht zum Einsatz kommen, aber vielleicht hat das Schmeichel'sche Blut ja magische Wirkung.
Mario Götze (DEU): Der aktuelle Kader der Deutschen beinhaltet wieder einige sehr deutsch klingende Namen. Der Name des Borussia-Talents steht dafür Pate. Vielleicht wird man in Zukunft einmal ins Schwärmen geraten, wenn man die Namen des Europameisters 2012 herunterbeten wird: Götze, Höwedes, Schweinsteiger, Müller, Schürrle, Badstuber...
Mark van Bommel (NED): Nachdem mein namenstechnischer Allzeit-Favorit Jan Vennegoor of Hesselink schon lange nicht mehr im Kader ist, bleibt van Bommel der drolligste niederländische Name im Team.
Custódio (POR): Team Portugal ist voller schöner Namen und dieser hier gehört zum Mittelfeldspieler vom SC Braga. Klingt zunächst wie die Bezeichnung für jemanden, der in einem Kustodiat tätig ist, aber selbst nicht Kustos genannt werden will. Dann aber appliziere man das portugiesische „sch“ und schon klingt es nicht nur besserwisserisch, sondern auch herrlich exotisch.
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