"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
Montag, 31. Dezember 2012
Pfeifenberger ist nicht eitel
Von September bis Anfang Dezember jeden Jahres schnitt sich Pfeifenberger nie die Haare. Er meinte immer, er müsse seinen "Winterpelz" gedeihen lassen. Tatsächlich sprach Pfeifenberger von "gedeihen", denn seine Haarpracht war für ihn so etwas wie eine Naturgewalt, über deren Wachstum er keine Kontrolle hatte. Freilich aber freute er sich über seine Mähne, die er gern stundenlang vor dem Spiegel begutachtete, bewunderte und pflegte. Manchmal probierte Pfeifenberger verschiedene Frisuren aus, blieb aber dann doch meistens bei einer Scheitelvariante, die einen Mittelscheitel vorgaukelte, sich aber bei genauerem Hinsehen als leichter Rechtsscheitel entpuppte. Ein Mann voller Subtilitäten - das war Pfeifenberger!
Die Idee mit dem Winterpelz hatte Pfeifenberger von seinen Vorfahren abgeschaut, die allesamt aus dem Lungau, der kältesten Region des Innergebirgs, stammten. In Tamsweg, der Bezirkshaupt- und einzigen Stadt der Region, erzählt man sich, die Pfeifenbergers hätten einst den Lungau gegründet. Dabei handelt es sich natürlich nur um einen Gründungsmythos, der aber bezeugt, welch hohes Ansehen die Familie Pfeifenberger im Lungau schon immer genossen hat. "Als Pfeifenberger trägst du einiges mit dir herum!", soll der Pfeifenberger einmal gesagt haben und damit hat er nicht seine Haare gemeint. Obwohl der Satz natürlich besonders für die winterliche Haarvariante des Pfeifenbergers gegolten hätte, denn was sich da jedes Jahr bis Anfang Dezember auf dem Pfeifenbergerkopf angesammelt hat, musste mehrere Kilo schwer gewesen sein. Die richtige Länge hatten Pfeifenbergers Haare dann, wenn er sie hinten zu einem kleinen Zopf zusammenbinden konnte. Das Volumen, das mit dieser Haarlänge einherging, füllte dann auch die Winterhaube vom Pfeifenberger vollständig aus. Das bedeutet aber: Hätte sich der Pfeifenberger die Haar schon ab August wachsen lassen, dann wären sie im Dezember so voluminös geworden, dass sie nicht mehr unter die Haube gepasst hätten. Und weil der Pfeifenberger ein recht verfrorenes Männlein war (trotz seiner Lungauer Herkunft), konnte er das nicht riskieren.
Der Friseurbesuch im Dezember fand dann meistens in Salzburg statt. Denn Pfeifenberger ging niemals zu einem anderen Friseur als zum Sturmayr in Salzburg. Dort nämlich hatte er seine Friseurin, die einzige, die seine Mähne entsprechend zu schneiden wusste. Die Ingrid - so hieß sie - hätte der Pfeifenberger auch geheiratet, hat er einmal gemeint. Denn Friseurinnen - nicht alle! - seien ordentliche Frauen, so Pfeifenberger. Man darf jetzt nicht glauben, dass der Pfeifenberger ein Mann von großer Einfalt war - im Gegenteil! Pfeifenberger war ein studierter Mann, ein belesener zumal, was ja heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist. Aber er hatte ein gutes Gespür für die einfachen Dinge im Leben. Wäre er Politiker gewesen, hätte man gesagt, der Pfeifenberger sei ein "Mann für die kleinen Leut'" und hätte damit nicht die geringe Körpergröße gemeint, die den Pfeifenberger zu einer höchst sympathischen Erscheinung machte.
Die Ingrid hat der Pfeifenberger jedenfalls nicht geheiratet. Wohl auch deshalb nicht, weil er einmal gesagt haben soll, dass Haare und Liebe nicht zusammengehen. Das eine sei eine Sache der Vernunft, das andere eine Sache des Herzens. Mit solchen Sätzen frappierte Pfeifenberger regelmäßig die Menschen.
Wer jetzt glaubt, der Pfeifenberger hätte sich den ganzen Winterpelz im Herbst wachsen lassen, um ihn dann zu Winterbeginn wieder abzuschneiden, der denkt nicht mit und hat den Pfeifenberger mit Sicherheit nicht verstanden - oder ihn gar unterschätzt (was der Kardinalfehler in Bezug auf diesen Mann ist). Mit der langen Wachstumsperiode stellte Pfeifenberger nur sicher, dass sich genügend Haare für den kalten Winter auf seinem Kopf befanden - dem Wildwuchs aber gab er seine Haare deswegen nicht hin. So wurden sie jeden Dezember in Salzburg von der Ingrid formschön geschnitten, also in Fasson gebracht, ohne dabei zu viel Material verloren gehen zu lassen. Wenn dann der Pfeifenberger aus der Sturmayr-Filiale trat und der Salzburger Innenstadtwind zum ersten Mal seine frisch geschnittenen Haare streichelte, fühlte sich Pfeifenberger erhaben. Und er sah dann auch erhaben aus! Wie der alte Peter Handke eben. Nur, dass Pfeifenberger ein viel humorvollerer und wahrscheinlich auch angenehmerer Mensch war als Handke; das gilt sowohl für den alten wie auch für den jungen.
Dienstag, 4. Dezember 2012
Die potemkinsche Hündin
Im Konzert-Café Schmid Hansl (das allein schon ein vielversprechender Name!) steht eine blaue ukrainische Grableuchte auf einem Tischlein. Daneben sind Cello und Gitarre platziert, am Boden drängt sich ein Sammelsurium von Effektgeräten und Kabeln. Cordula Simon soll hier aus ihrem Debutroman lesen, der "Der potemkinsche Hund" heißt. Deswegen auch die Grableuchten, derer mehr in verschiedenen Farben am unauffälligen Piano des Cafés stehen: "In Odessa sind die Friedhöfe bunt", erklärt sie mir mit ihrer kindlich gebliebenen Begeisterung. Trotzdem solle man da nachts lieber nicht hingehen. Habe ich auch nicht vor, mir reicht vorerst eine Lesung mit Grablaternchen und "Friedhofsmusik", wie die junge Autorin die stimmungsvollen Klangkaskaden von Sainmus nennt - das sind zwei studierte Jazzmusiker, die hier für Gulasch, Bier und Hutgeld mit ihrer bemerkenswerten Musik Simons Lesung untermalen.
Das Café Schmid Hansl ist eines jener Wiener Cafés, bei denen es selbst einen bekennenden, aber nicht immer ganz konsequenten Nichtraucher wie mich reut, dass hier nicht mehr gepafft wird. Dicke Rauchschwaden würden dem Raum gut stehen. Geraucht wird hier aber nur im Hinterzimmer. Deshalb hält sich dort auch Cordula Simon viel lieber auf als vorne am Lesetisch, umrahmt von Friedhofslaternchen und Friedhofsmusik. Trotzdem steht ihr das, als sie dann Platz nimmt, verblüffend gut.
Im hinteren Teil des Cafés hat sich eine Schulklasse eingefunden - oder auch einfinden müssen. 15 heiße Schokoladen wurden hier schon lange nicht mehr verkauft. Sie alle lauschen dem exaltierten Sprachduktus der in Odessa lebenden, aber in der Steiermark so seltsam gewordenen Autorin. Wieder einmal überlistet sie uns alle, als sie vom scheinbaren Erzählen direkt in das erste Kapitel ihres Romans gleitet. Sie tut immer so, als müsste sie uns zuerst erklären, was es mit ihrer Hauptfigur, dem Anatol Grigorjevic Ivanov, auf sich hat, und auf einmal bemerkt man, dass sie jetzt in das Buch schaut und also liest. Funktioniert immer. Das ist ihr ganz persönlicher Häschen-aus-dem-Hut-Schmäh. Irgendwie charmant, auch wenn man ihr das nicht zutrauen würde.
Sainmus bieten zwischen den Kapiteln ganz famose, verjazzte Stimmungsmusik. Zwar will sich keine Friedhofsstimmung einstellen (Gott sei Dank!), aber das dramatische Dröhnen des Cellos und die aufgeregte, zuweilen quietschvergnügte Gitarre lassen sogar die Schulkinder in den hinteren Reihen die Justin-Bieber-Scheitel wippen. Die zwei Musiker schauen sich nach dem musikalischen Intermezzo gegenseitig verwundert an. Ja, das war tatsächlich großartig!
Simon wehrt sich gegen den Applaus mit dem Kapitel, das aus der Sicht des Hundes geschrieben ist. Sie erklärt, dass man ihr anfangs davon abgeraten habe. Doch Cordula Simon lässt sich von gar nichts abraten. Immerhin hat sie ja jetzt auch einen Vermögensverwalter. Das Kapitel ist aber sehr gelungen und eigentlich auch nur konsequent. Sätze wie der folgende lassen uns glauben, dass Simon selbst die allergrößte Hündin ist: "Wenn die wüssten, wie Wurst gemacht wird, man konnte es ja riechen (!), dann würden sie sie selbst bestimmt nicht anrühren."
Ja, die potemkinsche Hündin liest aus ihrem seltsamen Roman und bittet uns nach der Lesung noch in das Hinterzimmer, wo ukrainischer Vodka gereicht wird. Ich erlaube mir zu sagen, dass der letzte, den sie von dort mitgebracht hatte, besser war, was sie gewohnt abgeklärt mit dem Satz quittiert: "Das dürfte daran gelegen sein, dass du ihn aus der Flasche trankst." So, oder so ähnlich hat sie es gesagt. Jedenfalls erinnere ich es so. Mit ihrer tiefen Damenstimme, die sie sich über die Jahre antrainiert hat, und die man so mag; zumindest als Alternative zu ihrer Furienstimme oder ihrer Quietschstimme. Ein "Stimmchen" hatte sie noch nie, die Hündin. Aber eine Sprache, die hat sie schon immer gehabt...
Sollten Sie einmal in die Verlegenheit kommen, ein Buch von Simon kaufen und signieren lassen zu können: tun sie es! Sie schreibt da gerne ganz fiese Sachen rein, die aber nur halb so schlimm sind, weil man diese odessitische Sauklaue ohnehin kaum lesen kann! Wir sind froh, dass Cordula Simon nicht Ärztin geworden ist.
Donnerstag, 15. November 2012
Gibs auf
"Gonz in da Fria is gwenn, auf da Stroßn koa Söi, und i bin zan Bonnhof gonga. Wiari mei Uh mit da Uh vom Kiachtiamei vaglichn ho, ho i gseng, dass dou scho a weng spada woa ois wia i ma docht hou; offt ho i recht an Gnett ghobb und vor lauta Hudln hou i offt neama gwisst wo i hi muas, wei in dem Deafei do ho i mi a no nid so guad auskennt. Wos moast wia froh i gwenn bi, dass i glei an Schantinga dawuschn hou! I zu eam zuachidoggit und gfrogg wo i hi muas. Owa der Nox houd nua deppat grinst und gmoat: 'Vo mia wüst du wissn, wo'st hi muast?' 'Jo', ho i gsogg, 'i siech mi söm neama aus!' 'Gibs auf, gibs auf', houda noand gsogg und si a so kommisch wegdraht, wia oana, der mit seim Lochn aloa sei wü."
Freitag, 23. März 2012
Eroberung der Heimat
Sich aber nostalgisch zu seiner (einer) Heimat zu verhalten, wirkt mindestens unmodern, kann einem aber – je nachdem, wie intensiv der Heimatnostalgie nachgegangen wird und je nachdem, wie empfindlich das sogenannte soziale Umfeld darauf reagiert – im schlimmsten Fall als reaktionär, heimattümelnd, konservativ, biedermeierlich, allzu bürgerlich, engstirnig, stumpf, stupide oder schlichtweg dümmlich ausgelegt werden. Die Liste dieses diesen traurigen Umstand zu beschreiben möglich machende, meist recht kraftlose und von Vorurteilen nicht ganz freie Vokabular ließe sich freilich beliebig fortsetzen. Die Sache kann beliebig gedreht und gewendet werden, aber der Mief des Altbackenen lässt sich vom nostalgischen Umgang mit der Heimat nur schwer wegdenken. Dies hat nicht nur historische Gründe, sondern ist auch dem sorglosen Umgang mit dem Heimatbegriff geschuldet, der, durch politische Vereinnahmung havariert, anscheinend immer nur dort auftaucht, wo sich Bärtchen und Joppen tragende Herren an Biertischen gegenseitig zu gedanklichen Missgeburten aufmunternd auf die oft breiten, aber immer rückgratlosen Schultern klopfen. Wer „Heimat“ sagt, so scheint es, der meint doch irgendwie auch „Heim ins Reich“, „Heimatfront“, „Heimat für die, die immer schon da waren“, „Heimattreue dem Vaterland“ etc. Gegen solche Dummheiten ist, wie so oft, kein Kraut gewachsen. Von der Heimat abhalten lassen sollte man sich jedoch davon nicht.
„Ich fühle mich als Europäer“, sagt, wer modern sein möchte, zeigen will, dass die ganze Welt seine eigentliche Heimat ist, und dass, wenn schon gezwungen, seine Herkunft anzugeben, ihm die größtmögliche Einteilung die gerade noch verkraftbarste ist – denn alles andere sind kindische Dorftümeleien. Der Zug zum Großen und Ganzen (lange Auslandsaufenthalte, berufsbedingte Reisen, das Konzept Weltreise als Lebenserfahrung) ist dem Heimatlichen feindlich gesinnt. Welt und Dorf, das verträgt sich nicht. Die frei erwählte Flucht ist der Imperativ des modernen Nomaden, sie hat als Trieb ins Ungewisse die Vertreibung aus dem Paradies ersetzt: Man vertreibt die Teufel der Heimat aus seiner Seele, indem man die Heimat so weit wie möglich hinter sich lässt. „Auf zu neuen Ufern“ heißt die Devise - „und bloß nie mehr zurückkehren!“ der Nachsatz. Der Ennui ist dem Jetlag gewichen, die Menschen sind jetzt reisemüde statt lebensmüde. Eine Verbesserung kann darin nur erkennen, wer auch die Kopfschmerzen den Magenschmerzen als angenehmeres Symptom einer mittelschweren Krankheit vorzieht.
Doch wie sich dagegen wehren, dass die Heimat vereinnahmt wurde von dubiosen politischen Diskursen und funktionalistisch-bürokratischen Hohlwörtern? Wurde uns die Heimat etwa verboten, hat man uns vergrault, hat man das Territorium unzugänglich gemacht? Betritt man den heimatlichen Boden (Boden – noch so ein gefährliches Wort!) auf eigene Gefahr? Ein neues, modernes Verhältnis zur Heimat erlangt nur, wer bereit ist, hinaus zu gehen nicht um des Weggehens willen und wer bereit ist, zurückzukommen um des Daheim-Seins willen. Erst wer die Heimat als den Ort erkennt, von dem aus alles seinen Anfang nimmt, ist wirklich heim gekommen und kann sich an seiner Region, seiner Gegend erfreuen, und nicht nur an der bloßen Behaglichkeit seines Hauptwohnsitzes.
Heimat ist nämlich mehr als Heim. In einer Gegend groß zu werden bedeutet, diese Gegend im schlimmsten Fall ein Leben lang mit sich herum zu tragen. Eine Erfahrung, deren Bitternis vor allem jene spüren, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und denen sich keine Möglichkeit zur Rückkehr mehr bot. Erst wenn die Heimat verloren ist – entrückt, unzugänglich, verschwunden – wird ihr Wert schmerzlich bewusst. Dabei sollte erwähnt werden, dass es für gewöhnlich viel braucht, um ganze Familien dazu zu bewegen, ihren Heimatort zu verlassen, und dass es schwieriger ist, eine neue Heimat zu finden, als einen neuen Hauptwohnsitz – ein Umstand, der bei aller Integrations-Politisierung gerne unter den Tisch fällt. Erst wenn die Heimat zur Hölle wird, überwindet die Bereitschaft, sie zu verlassen, jene magnetische Kraft, die alles und jeden festhält, der sich einmal – freiwillig oder unfreiwillig – ihr hingegeben hat.
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| Foto: Ricarda S. Kreindl |
Immanuel Kant, so heißt es in Thomas Bernhards gleichnamigen Stück augenzwinkernd, sei nie aus Königsberg hinausgekommen. Auch wenn diese Behauptung faktisch unwahr ist, bezeichnet sie doch eine tiefe Verwurzelung mit einem Ort, der einmal für Preußen das war, was man ein geistiges Zentrum nennt. Was Königsberg für Kant war, war Prag wohl für Franz Kafka. Zwar ist Kafka öfter aus Prag hinausgekommen als Kant aus Königsberg, dennoch ist das literarische Bild, das Kafka von seiner Heimatstadt einst zeichnete (ein Mütterchen mit Krallen) das allertreffendste, wenn es darum geht, die Beziehung des Autors zu seiner Stadt zu beschreiben. Ob Kant Königsberg, ob Kafka Prag geliebt hat, ist einerlei. Fest steht, dass in beiden Fällen die Beziehung des Denkers zur Heimat nicht fruchtlos geblieben ist: War Königsberg für Kant so etwas wie ein Denkgefängnis, war Prag für Kafka Stimmungs-Vorlage für sein literarisches Werk. Die Auseinandersetzung mit der Heimat, der Herkunft, der Geschichte ist wohl immer schon Wurzel der künstlerischen Inspiration gewesen. So erlernen wir das Sehen und Denken zuallererst an unserer heimatlichen Umgebung, und erst, wenn wir uns an diese gewöhnt haben, ist das Fundament dafür gelegt, staunen zu können, wenn wir andere Gegenden bereisen – metaphorisch wie auch ganz wörtlich verstanden. Die Differenz, das Anders-Sein, errechnet sich, ob man will oder nicht, erst aus dem, was man schon kennt. Wenn Thomas Bernhard seinen Kant und Franz Kafka seinen Karl Roßmann nach Amerika schicken, ist das einerseits ein geradezu sarkastischer Akt der Entwurzelung, gleichsam aber auch Voraussetzung für wirklich neue Erkenntnis (alle Implikationen eines Amerika-Bildes, das Fortschritt und Neuanfang bedeutet, miteingeschlossen). Man lese Kafkas Verschollenen als Fortsetzung von Bernhards Kant-Stück und stelle sich den großen Professor vor, wie er in der neuen Welt zum 17-Jährigen Greenhorn wird und bald darauf sein Königsberg vergisst und sich – nach allen Irrungen und Wirrungen – schließlich irgendwann in Princeton niederlässt, weil ihn das noch am ehesten an Königsberg erinnert.
Ist Heimat also einfach all das, was wir schon kennen, weniger als das, was wir vorgeben, immer schon gekannt zu haben? Die Demarkationslinie zwischen Gekanntem und scheinbar Immer-schon-Gekanntem verläuft zwischen dem Gefühl der heimatlichen Geborgenheit und dem Drang, diese aufzugeben und dorthin aufzubrechen, wo man – so glaubt man – eigentlich hin gehört: nämlich in die große, weite Welt. Hänschen klein all over again. Aber auch Hänschen muss lernen, dass die Welt als ganzes kein Zuhause ist, und kehrt als Hans wieder zurück. Erkannt wird er natürlich nur von seiner Mutter, die ihm schon bei seiner Abreise gesagt hat, er solle bald wieder kommen. Warum Hänschen nach sieben Jahren wieder beschließt zurückzukehren, verrät das Kinderlied nicht. Wir erfahren bloß, dass sich das Kind „besinnt“: Es scheint, als wäre der nunmehrige Hans vernünftig geworden. Warum aber kehrt er dann wieder nach Hause zurück? Die Ferne war ihm wohl nicht Erfüllung genug; zwar war seine Reise eine Notwendigkeit in seinem Ablösungsprozess von der Mutter (lies: Heimat), aber es scheint, als wäre er von vornherein nur zu dem Zweck „ausgewandert“, um letztlich wieder zurückzukehren. Das Hänschen-klein von heute macht Praktika in London, Shanghai und Tokio, lässt sich dort nieder, wo die am besten zahlende Firmenniederlassung steht, und zieht dann höchstens noch von der Stadt in die Vorstadt, weil man in Städten keine Kinder aufzieht – zu sehr hat man die eigene Kindheit auf dem Land geschätzt. In die Heimat zurückzukehren lohnt gar nicht mehr, denn dort findet man nicht das richtige berufliche Umfeld vor. Und aus nostalgischen Gründen kann man sich ja immer noch im Alter dort niederlassen – wenn es denn sein muss.
Heimat – so könnte man es am einfachsten sagen – ist dort, wo man sich wohl fühlt. Die größere Frage als die nach der Heimat ist also jene nach dem Wohlergehen, und diese Frage ist es auch, die am schwierigsten zu beantworten ist. Sie reguliert das Verhältnis zur Heimat, denn dieses kann auch durchaus ein problematisches, ja traumatisches sein. So reicht es nicht nur aus, sich wo auszukennen und zurecht finden zu können, sondern es muss auch ein psychohygienischer Bezug zu einem Ort gegeben sein. Das, was heutzutage „loslassen können“ genannt wird, gelingt am ehesten dort, wo man keine Zügel in der Hand halten muss und sich in ein Nest fallen lassen kann. Gerne darf man sich darunter eine Art Primitiv-Wellness vorstellen. Wir versuchen es einmal negativ: Heimat ist dort, wo das Nichtstun nicht suspekt ist und kein schlechtes Gewissen verursacht. Heimat ist dort, wo man nicht blöd angeschaut wird. Heimat ist dort, wo man nicht existenziell gefordert ist, sondern seine Ruhe hat bzw. finden kann.
So hat Heimat viel mit Vertrauen und Ruhe zu tun. Zu viel Vertrauen und Ruhe kann zu Langeweile führen, zum bereits erwähnten Ennui, zur Melancholie bzw. zu dem, was wir heute Depression nennen. Es ist ein Sichlangweilen, wie Heidegger es nennt, das nicht mehr nur von einem Ding herrührt, sondern beginnt, auf alles andere sich auszubreiten. So wird die Heimat dem Heimgekommenen als Ganzes langweilig. Der Mief, der dann von ihr ausgeht, ist jener, der den Geflohenen die Nase rümpfen lässt, wenn von der Heimat die Rede ist. Die Langeweile der Heimat ist es auch, die das heimatliche Leben in Rituale zerfallen lässt, ist also am Land zum Beispiel der Grund für das ausgeprägte Vereinswesen.
Wir müssen feststellen, dass es nicht die Nostalgie ist, die den Diskurs über die Heimat suspekt macht, sondern die Furcht vor der Langeweile, die der Heimat entwachsen kann. Es gibt das „gesunde“ Verhältnis zur Heimat nach wie vor – wenn man sich auf das Langweilige vorbereiten, es annehmen und mit ihm umgehen kann. Ennui und Heimat gehören zusammen, und je enger die Heimat, desto ausgeprägter der Ennui. Das zeigt sich schon bei Büchners Leonce, dem hervorragendsten Vertreter langweiliger Figuren in der deutschen Literatur überhaupt, dessen Königreich Popo das allerkleinste, dessen Langeweile aber grenzenlos ist. Einen schönen Sommertag erlebt er so: „Die Bienen sitzen so träg an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden.“ Herrliche Langeweile, die herrlichen Müßiggang erlaubt, der ja bekanntlich (so stellt Leonce fest) aller Laster Anfang ist! Auch Leonces Flucht führt ihn aber doch wieder dorthin zurück, wo er hergekommen ist: Heimat ist, wovor es kein Entrinnen gibt.
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| Foto: Ricarda S. Kreindl |
Gleichzeitig muss Heimat erobert werden. Von selbst stellt sie sich nicht dar, von selbst beherbergt sie nicht; sie muss bestellt werden wie ein Acker. Man muss Fragen an sie stellen, an ihre Leute, ihre Geschichte, ihre Hässlichkeiten und selbst an ihre schönen Seiten. Man muss die Heimat bezweifeln, argwöhnisch begutachten, mit Vorsicht genießen, wie einen Menschen, dem man nicht ganz trauen mag. Mit Respekt aber sollte man sie behandeln; sie selbst, die Gegend und wie sie sich in ihren Menschen, ihren Abkömmlingen, zeigt. Zu dem gehört Abstand, Flucht, Schimpf und Tadel – eine kathartische Phase der Adoleszenz, die, einmal überwunden, eine Basis für eine gesunde und lebenslange Heimatliebe bilden kann, die nicht dumpf und reaktionär sein muss, sondern das Gefühl eines lieblichen Gefangen-Seins bereit stellt. Daheim zu sein ist, der Unentrinnbaren ins Auge zu sehen und zu sagen: „Sperr mich ein, liebe Heimat, auch wenn ich dich verlassen muss, damit ich glücklich werde!“
Dienstag, 7. Februar 2012
Traditionelle Diät
Some tagliatelle verdi came, and the wine, and then a delicious escalope. 'Oh it is so good', she said. 'Since I came out of Russia I am all stomach.' Her eyes widened. 'You won't let me get too fat, James. You won't let me get so fat that I am no use for making love? You will have to be careful, or I shall just eat all day long and sleep. You will beat me if I eat too much?'
'Certainly I will beat you.'
Montag, 28. November 2011
"Bist du das?" (Verwechslungskomödie im Dritten Rang)
Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, dass nicht mehr typisches Theaterpublikum anwesend ist. Aber immerhin wird ja heute Thomas Glavinic gespielt und kein Thomas Bernhard oder – publikumstechnisch noch schlimmer – Schiller oder Shakespeare. Es wird ein – im Vergleich zum typischen Theaterpublikum - „junger“ Autor gespielt, der nicht unter den Verdacht der übermäßigen Intellektualität fällt, was vermutlich nicht nur ihm, sondern auch mir als Theaterbesucher ganz recht ist. Auch versucht er sich nicht als ein solcher zu inszenieren, was er vielen seiner Zeitgenossen voraus hat. Nach Lektüre seines Romans „Das bin doch ich“ erwartet man sich von der Bühnenversion etwas Frisches, Kabarettartiges, ein wenig Klamauk, vor allem aber Humor, damit den Schülern und auch uns, die wir allesamt schon lange nicht mehr im Schauspielhaus gewesen sind, das Theatergehen nicht ganz so schwer fällt.
Wer schon einmal im „3. Rang“ des Grazer Schauspielhauses gesessen ist, weiß, dass man dort oben erstens keine Höhenangst haben darf, zweitens gute Augen braucht und drittens auf Sitzkomfort keinerlei wert legen sollte. Aber zum Studentenpreis von 7 Euro wird man sich auch nicht beschweren dürfen. Wir sitzen in der ersten Reihe und wenn wir uns ein bisschen über die Brüstung schieben, sehen wir fast die ganze Bühne. Einzig jener Teil der Lichtanlage, der hier vom dritten Rang die Bühne erleuchtet, blockiert mir die Sicht auf den halbrechten Bühnenrand. Solchen Einschränkungen begegnet man am besten mit Arroganz („Brauch ich eh nicht“) oder altösterreichischem Alltagsfatalismus („Man kann eben nicht immer alles haben“). Ich tröste mich außerdem damit, dass ich auf meinem Sitzplatz die Arme auf die Brüstung legen und so in der Art eines Thomas Bernhard betont gelangweilt dem Geschehen auf der Bühne beiwohnen kann. Bernhard lümmelte bekanntlich gerne bei den Proben seiner Stücke im Burgtheater in der Loge. Dort ließ er sich zu bösen Texten über das Burgtheater im Allgemeinen, und die Burgtheaterschauspieler im Besonderen inspirieren. Die waren nämlich seiner Meinung nach alle schlecht. Außer die, die gut waren, und nur diese durften seine Stücke spielen.
Im Theater ostentativ lümmeln: Das wäre meine persönliche Rache am gespreizten Theaterpublikum. Dass davon heute zu wenig da sind, wurmt mich jetzt wieder ein bisschen. Dafür deutet der Mittdreißiger, den ich mit seiner Freundin zuvor im Foyer gesehen habe, auf mich. Leider kann ich seinem Gesichtsausdruck nicht entnehmen, ob er seine Begleitung etwas entrüstet darauf aufmerksam macht, dass hier jemand lümmelt, oder ob er mir neidig ist, dass ich meinen Kopf auf ein sanftes Ruhekissen aus Ärmeln betten kann, welches, von der Brüstung gestützt, den komfortabelsten Theatergenuss verspricht, den der dritte Rang zu bieten hat. Gut, dass er nicht sieht, wie ich meine Beine zwischen Sitz und Brüstung quer legen muss, um meinen Oberkörper nahe genug an den Balkon zu bekommen. Mit Komfort hat das nämlich wenig zu tun. Aber man gewöhnt sich daran, so wie man sich im Flugzeug an die zu engen Sitze gewöhnt, schon allein deswegen, weil man keine andere Wahl hat.
Warum sind wir eigentlich hier? Weil Thomas Glavinic uns in seinen Roman hineingeschrieben hat und wir deswegen neugierig sind, wie die Szene auf der Bühne verarbeitet wird. Aitzerl, der Kellner aus jenem Grazer Lokal, das der Szene im Buch als Vorbild dient, hat gesagt, dass, wenn er sich selbst als Figur auf der Bühne entdeckt, er im Theatersaal aufspringen und „Das bin doch ich!“ schreien wolle. Was zunächst nach einer ganz witzigen Idee geklungen hat, wirft jetzt, da wir tatsächlich im Theater sitzen, doch einige praktische Fragen auf. Was, wenn ihn gar keiner hört, weil dieser Satz vom dritten Rang gerufen vermutlich akustisch gar nie seinen Weg ins Parterre findet? Und falls doch: Wie soll der Rest des Publikums den aufgesprungenen Aitzerl erkennen? Von unten sieht man doch über den Balkon des dritten Rangs gar nicht drüber. Vielleicht ließe sich noch ein empört erhobener Finger erkennen. Aitzerl müsste sich, um erkannt zu werden, den Oberkörper auf die Brüstung legen und nach unten schauen, dem Foyerpublikum geradewegs in die erstaunten Gesichter. Und dazu müsste er einen Finger fuchtig nach vorne strecken. Dann allerdings würden die Theaterbesucher im Parterre womöglich glauben, er versuche sich an einer Nachstellung dieser Türkenfigur, die sich aus einem Sims des Palais Saurau in der Sporgasse lehnt. Und wenn sie ihn dann sehen, was dann? Hören die Schauspieler zu spielen auf? Erwartet Aitzerl sich Zurufe wie „Was, echt?“, „Oag!“ oder „Geil!“? Über solche Dinge sollte man sich aber gar keine Gedanken machen. Das große „Was dann?“ hat ja schon zu viele gute Ideen im Keim erstickt.
Das Stück fängt an wie eine Lesung. Nach etwa zwei Minuten vergesse ich, dass es sich um ein Theaterstück handelt und folge gespannt dem Text, den der Schauspieler, der Thomas Glavinic darstellt, vorliest. Ein wenig enttäuscht bin ich dann, als das Stück dann tatsächlich los geht, als die Figur Thomas Glavinic die Lesung unterbrechen muss, weil ein Teil der Bühne auf einmal von selbst nach oben fährt. Schade, jetzt ist die Lesung vorbei... Und das mit der Bühne, naja. Aber irgendwie muss es doch „anfangen“. Recht schnell verwandelt sich das Stück in eine irre Achterbahnfahrt durch den Alltag eines allzu menschlichen Autors, der sich von Dusche zu Dusche und von einem alkoholischen Getränk zum nächsten hantelt, während er dazwischen von allerlei lästigen Mitmenschen belagert und genervt wird. Das ganze ist auf der Bühne höchst unterhaltsam umgesetzt: Das Leben als permanentes Kasperltheater der sozialen Unannehmlichkeiten. Die Verdichtung von Raum und Zeit und die Zusammenführung von realem Geschehen und Innenleben der Hauptfigur auf der Bühne lässt den Theaterbesucher die allgegenwärtige beklemmende Lästigkeit der Welt sehr gut nachempfinden. Wir werden gut unterhalten und freuen uns schon auf die Szene, die in dem Grazer Lokal spielen soll.
Dann ist es soweit. Thomas Glavinic (also die Figur) befindet sich in Graz und geht zu einer Ausstellung seines Freundes Erwin Michenthaler in dieses Grazer Lokal: Wir, die Theaterbesucher, die sich sonst aus eben jenem Lokal kennen, in welchem Thomas Glavinic vor Jahren gewesen sein soll, was wir damals nicht gewusst haben, was uns aber eben jener Erwin Michenthaler bestätigt hat, sitzen im dritten Rang des Grazer Schauspielhauses. Tumult auf der Bühne, Glavinic (die Figur!) ist im Lokal, er wird angetanzt und betatscht und eine Frau kreischt „Child in Time“ von Deep Purple. Die Frau, die hier dargestellt wird, kennen wir natürlich und sie hat jahrelang nicht gewusst, dass sie in einem Roman vorkommt. Heute ist sie im Theater nicht dabei (also als Figur schon, aber nicht als Zuseherin). Ich glaube, sie ist beleidigt. An dem Abend, an dem sie erfahren hat, dass sie eine Roman- und Theaterfigur geworden ist, war sie erstens böse auf Aitzerl, weil er ihr das nie gesagt hat. Der Roman ist immerhin bereits 2007 erschienen. Zweitens war sie böse auf Thomas Glavinic („Was glaubt denn der eigentlich? Darf denn der das? Dem werd ich was erzählen!“). Wir haben ihr gesagt, sie soll mit uns ins Theater gehen und dann bei der Lokal-Szene selbst aufstehen und zu schreien beginnen, damit die Leute wissen, wer das wirklich ist. Hat sie aber nicht gemacht. Deswegen haben wir heute nur einen dabei, der aufspringen und „Das bin doch ich!“ schreien kann – den Aitzerl.
Das soll bei der Armdrück-Szene passieren, in der Thomas Glavinic (die Figur) mit Tolya (die Figur von Aitzerl) Arme drückt. Gleich muss es soweit sein. Jemand schreit auf der Bühne „Armdrücken!“ und man sieht, wie die Figur des Thomas Glavinic mit zwei anderen Figuren gleichzeitig armdrückt. Was soll das? Das passt jetzt überhaupt nicht in die Szene! Der soll doch mit Tolya Arm drücken! Aitzerl sitzt aufrecht und unschlüssig in seinem Sitz am dritten Rang und starrt auf die Bühne hinab. „Jetzt!“, rufen wir ihm zu. Auf der Bühne rangeln die Figuren armdrückenderweise mit einander. Gleich wird das vorbei sein. Mir ist die Szene immer noch rätselhaft. Im Buch war das irgendwie einleuchtender. Das Gerangel auf der Bühne ist völlig deplatziert. Etwa so deplatziert wie jetzt ein Aufspringen und „Das bin doch ich!“-Rufen von Aitzerl wäre. Doppelt deplatziert nämlich. Erstens, weil es sich nicht gehört und zweitens, weil es gar nicht stimmt.
Die Figuren lösen sich von einander, der Glavinic-Schauspieler stolpert rückwärts. Wen die beiden anderen Schauspieler gerade dargestellt haben, lässt sich schwer sagen. Einer davon muss Tolya, also Aitzerl, gewesen sein. Vorbei, die Szene ist vorbei. Es ist zu spät. Eigentlich ist gar nichts passiert, wir sind immer noch völlig überrascht davon, dass die Armdrück-Szene so ganz anders dargestellt wurde. Und wir fragen uns, was sie in dieser Form auf der Bühne verloren hat. Etwas ratlos schaue ich zu Aitzerl rüber, der in diesem Moment aufspringt und schreit: „Aber das war doch gar nicht ich!“
Der Glavinic-Schauspieler richtet seinen Blick kurz in das Dunkel des Raums. Auf die Idee, dass der Satz vom dritten Rang gekommen sein könnte, kommt er gar nicht. Er hat sich nur leicht aus dem Konzept bringen lassen und setzt seinen Monolog gleich wieder fort. Ein paar ältere Damen (Theaterpublikum! Endlich!) im Parterre blicken sich suchend um, schauen in die Logen und wissen gar nicht, wie falsch sie da liegen. Der Mittdreißiger und seine Freundin lachen kurz, Aitzerl dreht sich entrüstet zu ihnen um und sagt aufgebracht: „Aber das hätt doch ich sein sollen!“ Ein paar andere Zuseher auf dem dritten Rang schütteln die Köpfe, eine Dame hinter Aitzerl sagt im reinsten Städter-Deutsch: „Geh, setzen’s Ihnen wieder hin!“ Aitzerl bemerkt die Vergeblichkeit seiner Bemühungen, die Nicht-Identität zwischen Figur und ihm festzustellen, und setzt sich wieder. Den Rest des Stückes verfolgt er Fingernägel kauend.
„Blöd war das“, sind wir uns dann im Foyer einig. Die Armdrück-Szene wurde nicht zu unserer Zufriedenheit dargestellt. „Ich hätt auch nicht aufspringen sollen“, sagt Aitzerl ein wenig geknickt. Wir sagen ihm, dass es gut und richtig gewesen wäre, aufzuspringen, wenn er, Aitzerl, in der Figur des Tolya tatsächlich auf der Bühne aufgetreten wäre. Aber so war es halt ein bisschen seltsam. Die Feststellung eines Zuschauers, so der Konsens, dass es sich bei der Figur auf der Bühne NICHT um ihn handelt, hat einfach keinen Exklusivitätsanspruch. Das könnte ja jeder von sich behaupten und zwar bei jedem Stück. Und das Stück heiße nunmal „Das bin doch ich!“ und nicht „Das bist doch du!“.
Auf dem Weg in das nächstgelegene Lokal, in das wir gehen, um den doch sehr gelungenen Theaterabend zu beschließen, denke ich mir, wie das für Thomas Glavinic gewesen sein muss, als er das Stück zum ersten Mal gesehen hat. Wer, wenn nicht er, hätte die Lizenz zum „Das bin doch ich!“-Schreien? Aber wenn dann ein Autor, der Thomas Glavinic heißt, in einem Stück sitzt, das auf einem Roman basiert, den er über einen Autor, der Thomas Glavinic heißt, geschrieben hat, und dann dem Schauspieler, der die Figur Thomas Glavinic spielt, zuruft, dass das doch er, nämlich Thomas Glavinic selbst, sei, dann hat mir das persönlich zu viele Ebenen, auf denen sich jeweils mindestens zwei Katzen gegenseitig in den Schwanz beißen. Und das wäre dann lächerlich und deswegen hat das Thomas Glavinic wohl auch nicht gemacht. Dann lieber ein Kellner, der sich selbst im Stück wider Erwarten NICHT wieder erkennt, und dann betroffen feststellt: „Aber das bin doch gar nicht ich!“
Dienstag, 15. November 2011
Herbstobst und Heine
Wir machen es uns im traurigen Monat gerne daheim gemütlich. Besser gesagt: Wir versuchen es uns so gemütlich wie möglich zu machen, und das im Drinnen, weil das Draußen uns von Tag zu Tag unwirtlicher wird. Obwohl das heuer auch nicht ganz richtig ist. Der diesjährige November verhöhnt uns mit Sonnenschein bis zu den Mittagsstunden, um dann schon am frühen Nachmittag dämmrig zu werden. Wir flüchten alsdann in schummrig beleuchtete Kaffeehäuser, in die bereits geöffneten Glühweinschenken oder bleiben zu Hause und blicken traurig aus unseren Fenstern, in die wir verzweifelt Aromakerzen stellen oder depressives Herbstobst legen.
Zu Mittag aber sieht man noch viele Menschen im Stadtpark mehr oder weniger fröhlich ihre Herbstspaziergänge erledigen. Studenten machen Fotos von den am Boden liegenden Blättern des Ginkgo-Baums, weil die so schön gelb sind. Andere stellen sich in einen Laubhaufen, werfen Blätter in die Höhe und lachen, wenn ihnen das Laub auf Kopf und Mantel fällt. Sie hoffen, dasselbe in zwei Monaten mit Schnee machen zu können. Auch davon wird es wieder Fotos geben. Es werden die selben wie letztes Jahr sein. Herbst 2010, Herbst 2011, Herbst 2012...
Der Rest ist Traurigkeit. Schon zu Beginn des Novembers gedenkt man der Verstorbenen, steht andächtig und ob der manchmal noch warmen Temperaturen schwitzend am Friedhof. Es will doch der neue Herbstmantel ausgeführt werden, auch wenn es tagsüber noch 20 Grad hat. Die Tage aber werden trüber, die Gedanken auch. Also stürzt man sich in die Arbeit oder liest die erbaulichen Werke des diesjährigen Bücherherbstes.
Bald schon, wenn die Adventszeit beginnt, werden die düsteren Gedanken aber von den vielen Lichtern und der Weihnachtsmusik verscheucht. Da beginnt wieder unser aller liebster „Stress“ im Jahr und wir haben ohnehin keine Zeit mehr, um Trübsal zu blasen. Ich frage mich, was die Menschen früher gemacht haben. Es muss eine furchtbare Zeit gewesen sein, die Monate zwischen November und Februar. Deswegen hat man wohl auch alles mit religiösen Ritualen voll gestopft – einerseits aus Angst, den Winter nicht zu überleben, andererseits, um die bösen Geister zu vertreiben.
Heutzutage rettet man sich mit Glühwein- und Kaufrausch sowie mit allerlei Absonderlichkeiten wie Kekse backen oder Betriebs-Weihnachtsfeiern ins neue Jahr. Jeder, der diese Zeit noch „besinnlich“ nennt, ist sich der Ironie seiner Rede bewusst. Manch einer nennt es auch „berinnlich“ und kichert dabei blöde, obwohl die Wahrheit, die in diesem Kalauer steckt, die bitterste ist. Die Weihnachtszeit ist überhaupt nicht besinnlich; auch nicht die Vorweihnachtszeit. Wenn, dann ist es die Zeit vor der Vorweihnachtszeit: der traurige Monat November nämlich. In dem ist der Mensch ganz auf sich selbst „zurückgeworfen“, wie es dem größten Existenzialisten das reinste Vergnügen wäre.
Die Verzweiflung darüber, mit sich selbst nichts anfangen zu können bzw. die Ratslosigkeit dem eigenen Dasein gegenüber ist der Nullpunkt der menschlichen Erfahrung. Und diesen Nullpunkt erreichen wir immer so in der Mitte des Novembers, weswegen uns der Vorweihnachtsfirlefanz sehr gelegen kommt. Auch, wenn wir es nicht gerne zugeben. Also können die Glühweinstände gar nicht früh genug aufsperren, die Nikoläuse am besten schon ab Oktober wie die reinsten Ölgötzen in den Lebensmittelgeschäften stehen und die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen ist uns zwar energieökonomisch verdächtig, kommt uns aber gerade recht, wenn wir bereits um drei Uhr Nachmittag auf ansonsten dunklen Straßen herumschlurfen müssen.
Sollten wir in diesen Tagen auf die Idee kommen, eine Reise zu machen, wir würden bestimmt nicht nach Deutschland fahren wollen, wie es dieser Heine anscheinend einst getan hat. Und wenn, dann besuchen wir den Nürnberger oder den Augsburger Christkindlmarkt. Auf jeden Fall einen Christkindlmarkt in einer mittelalterlichen Stadt, wo es guten Lebkuchen und ansonsten die gleichen Punschstände und ein ähnliches Weihnachtsbrimborium wie auch bei uns gibt. Obwohl wir dann eigentlich auch gleich daheim bleiben könnten... Am Fenster. Mit Duftkerze und Herbstobst.
Montag, 31. Oktober 2011
Der Berg als Stein des Anstoßes
An Österreich und der Schweiz merkt man, wie Bewohner eines gebirgigen Landes mit jenen Erhebungen umgehen, die sie von jeher eingrenzen: Sie steigen drüber hinweg oder graben durch sie hindurch. Das reine Hinaufsteigen des Schnapserls wegen, das man beim Gipfelkreuz trinkt, ist eine Nebenerscheinung, die freilich heutzutage als das populärere Motiv gelten mag. Aber im Grunde will man die "Scheißberg" aus dem Weg haben. Zumindest kurzfristig. Nach dem Be- und Übersteigen kann man ja ohnehin wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren und sich wohlig eingesperrt fühlen. Das Bewusstsein aber, dass man schon oben und drüber hinweg war, das bleibt und beruhigt ein wenig.
Etwas wenigstens einmal getan zu haben, damit das Gewissen eine Ruh' gibt: Das ist der Keim des menschlichen Fortschritts. 90% der Menschen machen 90% der Sachen, die sie einmal ausprobieren, sowieso nie wieder. Andere verlieren sich hoffnungslos in der Sucht nach der Tätigkeit, die sie für sich entdeckt haben und gehen vielleicht sogar daran zu Grunde. Nicht selten ist der Stein des Anstoßes eine simple Störung bzw. ein Gestört-Sein-von-etwas, das zu einer Ausgleichshandlung führt, die dem Handelnden nicht selten einige Mühe kostet. Irgendwo mischt sich da noch Ehrgeiz dazu, irgendwo ein sportlicher Gedanke (was ist das überhaupt?) und schon hat man ein Projekt, das es zu bearbeiten und abzuschließen gilt. Und bevor man das nicht gemacht hat - oder gründlich daran gescheitert ist - gibt es nichts Anderes oder Wichtigeres.
Petrarca hat mit Mühen den Gipfel erklommen und hat sich dann selbst daran erinnert, dass er lieber wieder heimgehen und den Augustinus lesen sollte, er sich nicht mit den rein äußerlichen Dingen beschäftigen, sondern das Auge lieber auf die geistigen Gebirge richten sollte. Dass ihm aber der Ausblick gefallen hat, muss er dennoch - fast schon beschämt - zugeben. So erinnert mich der italienische Literat irgendwie an meinen letzten Berggang, und dass ich, nachdem ich endlich oben war, es doch ein bisschen genießen konnte, obwohl ich zuerst nur hinaufsteigen wollte, um zu erkennen, dass sie nicht alle gänzlich unüberwindbar sind, die Berge.
Ich frage mich nur, wie oft die Bergmenschen auf die Berge hinaufrennen mussten, bis sie kapiert haben, dass das, was man da oben sieht, nicht nur betrachtenswert, sondern eben auch bestaunenswert ist. Denn die Anschauungsweise eines Georg Simmel war wohl nicht von Anfang an kulturelles Gemeingut (nicht nur, weil sie sich aus der Differenz zwischen alpinen und nicht-alpinen Raum-Erleben speist).
Jedenfalls sollte man beim nächsten Berggang auch einmal versuchen, das Gefühl einzufangen, das man abseits des Wohlgefallens an der Gegend und dem befriedigten Ehrgeiz verspürt: Jenes nämlich, dass man den "Scheißberg" endlich aus dem Weg hat.
Mittwoch, 19. Oktober 2011
Wenn das die Alten wüssten!
"Faust - der Tragödie erster Teil!", verkündet der Bub. Ich frage ihn, ob er auch noch was anderes könne, weil sowohl "Faust - der Tragödie erster Teil" als auch der Beginn von Fausts erstem Monolog, das sei beides vorne und hinten auf dem Reclam-Hefterl zu finden. Um das zitieren zu können, sage ich ihm, reiche es, wenn man das Bücherl nur lange genug unaufgeschlagen vor sich liegen hat und einfach nur draufstarrt - am Klo zum Beispiel. Natürlich bin ich ihm nicht böse und tatsächlich sage ich "Hefterl" und "Bücherl", benutze also ganz bewusst Diminutive, die man Kindern zumuten kann. Das klingt lieb und verständnisvoll, verfehlt aber seine Wirkung, denn der Bub ist irgendwie ganz erbost über meine Anschuldigungen.
"Auerbachs Keller!", sagt er und weiter nichts. Ich fasse zusammen: Bis jetzt hat der Bub die Namen von Goethe und Schiller zitiert, behauptet, er habe beide gelesen (meint er - in metonymischer Wendung - beider Gesamtwerk?), dann hat er die Vorder- und Rückseite des Reclam-Hefterls zitiert. Auerbachs Keller kennt er auch. Man hat es also anscheinend mit einem Experten zu tun! Leider stellt sich bei genauerer Nachfrage heraus, dass sich das Expertentum des Buben auf das Sozialgefüge im Bollwerk beschränkt. Goethe und Schiller habe er in der Schule (sic!) gelesen. Es habe ihm aber gefallen.
Jemand sagt ihm, dass ich Germanist sei, also bittet er mich, ihm weitere Lektüreempfehlungen zu geben. Ich zähle ihm widerwillig alles auf, den ganzen Kanon, rate ihm davon ab, irgendwas zu lesen, was früher als im 18. Jahrhundert geschrieben wurde, sage ihm, dass die Traditionslinien des Realismus im 20. Jahrhundert interessanter sind als der bürgerliche Realismus, dass er sich selbigen also sparen könne, außer er erhebe Anspruch auf Vollständigkeit. Besonders empfohlen habe ich ihm natürlich Büchner, Kleist, Kafka und Musil - sie alle kennt er nur vom Hörensagen, seine Augen leuchten. Lyrik wolle er auch lesen, ich warne ihn also vor Hölderlin, spreche von einem "Wagnis", gleichzeitig auch von einer "lohnenden Herausforderung" - ich komme mir ganz deppert vor.
Abschließend sage ich ihm, dass es aber auch Leute gebe, die behaupten, dass, wenn man nur Goethe und Schiller gelesen habe, es eigentlich reichen würde. "Goethe! Schiller!", könne er dann den Rest seines Lebens brüllen und mit der entsprechenden Lektüreerfahrung würde er sich damit auch nicht gänzlich lächerlich machen. "Man kann ja nicht alles wissen wollen", sage ich ihm noch aufmunternd. Der Bub scheint mir das nicht ganz glauben zu wollen und das, obwohl er den Faust gelesen hat...
Ich bin froh, das leidige Gespräch zu einem versöhnlichen Abschluss gebracht zu haben und der Bub erzählt mir, wie er am Jakominiplatz von drei Bollwerk-Typen verprügelt worden ist. Dass er weggerannt sei, nachdem er zwei davon KO geschlagen hat, dass er aber selber eine gefangen habe und ich damit rechnen müsse, dass jeden Moment ein Dübel aus seiner Stirn wachse.
Zwei Stunden später, bevor der Bub das Lokal verlässt, überprüfe ich seine Stirn - kein Dübel weit und breit, nicht einmal rot ist es irgendwo. Ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Gleichzeitig aber empfinde ich aufgrund des Gedankens, dass da draußen ein Goethe lesender vorgeblicher Bollwerk-Prügler seine Kreise zieht, dankbare Behaglichkeit.
Daheim muss ich auf facebook lesen, wie sich jemand über den Satz "Das Nichts nichtet" amüsiert (*lol* ;-) *gg*). Den Satz habe man damals einmal bei "Echt fett" gehört.
Wenn Goethe schon nicht wegen des Bollwerk-Werthers im Grabe rotiert, so würde zumindest der Heidegger ein griesgrämiges Gesicht ziehen, wenn er erführe, dass die Jugend seine Sätze aus einem situationskomödiantischen Fernsehprogramm mit dem Namen "Echt fett" kennt und sie mit Emoticons und äußerste Heiterkeit anzeigenden Internet-Akronymen versieht. Wenn die das alles wüssten...
Freitag, 7. Oktober 2011
Keine Zeit für Lyrik?
Das Schöne an Lyrik ist ja, dass sie uns mit relativ wenigen Worten viel sagen kann. In einer Welt, in der uns andauernd mit möglichst vielen Worten im Grunde überhaupt nichts gesagt wird, ist das Gedichte-Schreiben zu einer Tugend verkommen, der höchstens noch idealistische Jungschriftsteller die Stange halten. Oder aber ältere Schriftsteller, die es sich leisten können bzw. die ihr Werk sowieso nicht allzu ernst nehmen. Freilich ist dieser Umstand auch der grundsätzlichen Frage nach den Konsumenten von Lyrik geschuldet: Wer liest denn noch Gedichte?
Vielfach wurde Poplyrik als die moderne Form des Gedichts ausgemacht. Vor allem mit dem Hinweis auf die liedhaften Ursprünge der Lyrik schien es, als wären die Texte zeitgenössischer Popsongs die verdienten Nachfolger der letzten großen lyrischen Bemühungen, die sich irgendwann in die 70er, vielleicht auch noch in die 80er Jahre datieren lassen. Nicht-Germanisten sind aus dieser Zeit höchstens noch Erich Fried oder Hans Magnus Enzensberger ein Begriff. Beides Dichter, die zu diesem Zeitpunkt den Zenit ihres lyrischen Schaffens schon mehr oder weniger überschritten hatten.
Was leisten aber Popsongs nun wirklich auf lyrischem Gebiet? Freilich gibt es da oder dort die eine oder andere knackige Zeile, einen Vers, der einen Gedanken ziemlich auf den Punkt bringt. Das taugt dann für ein Facebook-Statusupdate oder als Sinnspruch, den sich Studenten gegenseitig auf Mappen oder Taschen kritzeln. Auch wenn es die bekannten Ausnahmen gibt (ich erinnere an den jedes Jahr aufs neue als Favorit auf den Nobelpreis geltende Bob Dylan), das gros der Liedertexter versteht sich in erster Linie als Musiker. Und jenen Musikern, die ihr lyrisches Handwerk tatsächlich zu verstehen scheinen, die also eigentlich in erster Linie Dichter sind, ist nur bescheidener kommerzieller Erfolg vergönnt. So viel zum Thema Breitenwirksamkeit von moderner Poplyrik.
Ich möchte so weit gehen und dem großen Pumuckl widersprechen, der gemeint hat, dass alles, was sich reime, gut sei. So bewies eine Wochenendausgabe des Standard vor ein paar Jahren, wie platt (wie unlyrisch) die Songtexte der damaligen Sommerhits eigentlich sind: Ein paar angesehene Germanisten (allen voran der mittlerweile verstorbene Obergermanist Wendelin Schmidt-Dengler) analysierten – freilich mehr oder weniger ironisch – für den Standard besagte Texte. Das Ergebnis war weder für die Lyriker (Christina Stürmer et.al.) noch für die österreichische Germanistik besonders schmeichelhaft. Für geschätzte 90% der zeitgenössischen Songtexte gilt leider – auch wenn sich alles schön reimt und das Versmaß stimmig ist –: Es ist zu wenig da. Liedertexter sind keine Dichter, weil sie selten etwas verdichten. Meistens ziehen sie einen einzelnen Gedanken unnötig in die Länge und bedienen sich dabei des einfachsten und unaufregendsten sprachlichen Materials.
Dabei ist Lyrik das genaue Gegenteil: Sie ist das Vermitteln von Etwas über Sprache, ohne dabei besonders kommunikativ sein zu müssen. Das ist oft mühsam, weil schwer bis gar nicht verständlich (Hölderlin!). In den meisten Fällen aber lohnt sich der Aufwand für den Leser. Lesen wir Lyrik, so lernen wir am meisten über Sprache und wie sie funktionieren kann (oder auch nicht funktioniert). Das bewusst gesetzte Wort, die bis zur Unkenntlichkeit verschobene Metapher, die einen einzelnen Gedanken zu packen und nie mehr loszulassen vermag, ein Rhythmus, der den Leser stolpern lässt, um ihn gleichzeitig unaufhaltsam weiterzuschleifen; und all das auf kleinstem Raum mühevoll und sorgfältig hingeschrieben: das ist Lyrik – kleine Sprachkunstwerke, die wir immer und immer wieder lesen können, ohne dass uns dabei langweilig würde.
Das Lesen von Büchern ist noch lange keine ausgestorbene kulturelle Praxis. Im Gegenteil scheint es mir oft, als würden die Leute immer mehr und immer dickere Bücher lesen. Kindle und Co. verbinden das Mühsal mit dem Vergnüglichen und bringen Menschen dazu, wieder Texte zu lesen, die länger sind als ein Scrollen mit der Maus nach unten. Aber doch schwappt es von allen Seiten auf Leser wie Nichtleser ein. Textlawinen überrollen uns täglich – so genau wollen wir das, was uns da aufgetischt wird, gar nicht wissen. Wir picken das heraus, was unseren bescheidenen Hunger nach Information still. Platz für eine achtsame Auseinandersetzung mit Sprache bleibt da nicht. Lyrik ist irgendwie unmodern, obwohl sie knapp und kurz – also tweetig – ist.
Freilich gibt es zeitgenössische Lyriker, die zeitgenössische (oft sogar relevante) Gedichte schreiben. Aber gibt es auch den zeitgenössischen Leser, der sich Zeit für Lyrik (es muss ja gar nicht die moderne sein) nimmt? Sich mit einem Text auseinanderzusetzen, über die Erfassung, der vom Text angebotenen basalen Information, hinaus, ist unpopulär, schwierig, langweilig. Mag sein, dass das Lesen von Gedichten unzeitgemäß ist. Aber die bewusste Auseinandersetzung mit Sprache, ihren Mitteln und Wirkweisen schult nicht nur das Denken, sondern auch den eigenen Sprachgebrauch und die Sprachkritik. Das kann uns nicht nur helfen, im gegenwärtigen Informationsdschungel den Überblick zu bewahren, sondern auch das Wahre, Schöne, Gute vom restlichen Datenmüll zu unterscheiden.
Das Schreiben und Lesen von Gedichten ist eine intellektuelle wie auch eine ästhetische Schule. Daher kommt auch die damit verbundene Mühseligkeit. Aber es handelt sich um eine Mühseligkeit, die sich bezahlt macht. Dass ein Lyriker den Nobelpreis erhalten hat (ob gerechtfertigt oder nicht, spielt keine Rolle), soll uns daran erinnern, dass Literatur auch (oder vor allem) im Stillen, Kleinen und Sorgfältigen stattfindet, und nicht nur im ewig gleichförmigen Plätschern der Wörter und Floskeln.

