"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Dienstag, 23. Oktober 2012
Am Flughafen
Auch Flughäfen lehren uns: Der Großteil der Menschen ist hässlich. Eine sehr beruhigende Tatsache, vor allem, wenn man mit ihr um sieben Uhr früh konfrontiert wird. Die Realität jenseits des Reality-TVs sieht halt doch ganz anders aus: viel schmeichelhafter, aber weniger aufregend. So wenig aufregend wie der Geschmack des Flughafen-Kaffees, der zwar brav seinen Aufweck-Dienst versieht, dabei daber aber dem ungeschrieben Gesetz folgt, immer grässlich sein zu müssen.
Die Verschlafenheit eines Flughafens am Morgen ist, angesichts des Trubels, der sich in den frühen Vormittagsstunden einzustellen anschickt, eine bewundernswerte, und sie betrifft Personal wie Passagiere gleichermaßen. Ja, in Zeiten wie diesen, in denen sich jeder überlegen muss, ob er zu den 98%, den 2%, den 47% oder zu einem ganz anderen Prozentsatz gehört, hat eine solche Verschlafenheit geradezu etwas Demokratisches. Man fühlt sich wohl am Flughafen, unter all diesen hässlichen verschlafenen Menschen.
Auch, dass selbst sonst so geschäftige Orte wie Flughäfen Gezeiten kennen, stimmt einen milde. Die systolischen und diastolischen Bewegungen der Menschenströme lassen sie in einem moralischen Sinne lebendig erscheinen - nicht nur lebendig, weil sich da irgendwas rührt. Ein Flughafen, das ist schützenswertes Terrain. So viele sonderbare Wesen, die ihrem Treiben nachgehen, oder sich einfach vom Treiben der anderen ziehen lassen. Und er selbst, der Flughafen, atmet. Metalldetektoren zwitschern aufgeregt auf ihrer Suche nach eisernen Hosenknöpfen und Münzen, die sich in nachlässig ausgeräumten Taschen festgekrallt zu haben scheinen, aus Angst, entdeckt und einem Sicherheitsbeamten vorgelegt zu werden, für den sie keinen Wert besitzen. Jene Menschen, die noch keinen Platz auf einer der vielen Wartebänke gefunden haben, mäandern durch die fast leeren Hallen. Das gibt den frühen Morgenstunden einen zarten Rhythmus, wie mit einem Jazzbesen gespielt, der über eine gleichgültige Snaredrum schleicht. Überhaupt die Gleichgültigkeit, die hier herrscht! Sie geht vom Gebäude selbst aus, das so selbstverständlich die Hoffnungen und Traurigkeiten seiner Insaßen duldet. Kein Ort dieser modernen Welt kann die Wurschtigkeit eines Flughafens nachstellen, ohne dabei Gefahr zu laufen, in vollkommener Unwichtigkeit aufzugehen. Dass die Dreh- und Angelpunkte unserer Welt so beruhigend sein können, lässt jeden Reisenden zuversichtlich in den Flieger steigen; ganz ungeachtet seiner und seiner Mitreisenden Hässlichkeit. Noch ein letzter Vertrauensbeweis, bevor man den Metallvogel besteigt und sich dem Wunder des Fliegens ausliefert.
Freitag, 23. März 2012
Eroberung der Heimat
Sich aber nostalgisch zu seiner (einer) Heimat zu verhalten, wirkt mindestens unmodern, kann einem aber – je nachdem, wie intensiv der Heimatnostalgie nachgegangen wird und je nachdem, wie empfindlich das sogenannte soziale Umfeld darauf reagiert – im schlimmsten Fall als reaktionär, heimattümelnd, konservativ, biedermeierlich, allzu bürgerlich, engstirnig, stumpf, stupide oder schlichtweg dümmlich ausgelegt werden. Die Liste dieses diesen traurigen Umstand zu beschreiben möglich machende, meist recht kraftlose und von Vorurteilen nicht ganz freie Vokabular ließe sich freilich beliebig fortsetzen. Die Sache kann beliebig gedreht und gewendet werden, aber der Mief des Altbackenen lässt sich vom nostalgischen Umgang mit der Heimat nur schwer wegdenken. Dies hat nicht nur historische Gründe, sondern ist auch dem sorglosen Umgang mit dem Heimatbegriff geschuldet, der, durch politische Vereinnahmung havariert, anscheinend immer nur dort auftaucht, wo sich Bärtchen und Joppen tragende Herren an Biertischen gegenseitig zu gedanklichen Missgeburten aufmunternd auf die oft breiten, aber immer rückgratlosen Schultern klopfen. Wer „Heimat“ sagt, so scheint es, der meint doch irgendwie auch „Heim ins Reich“, „Heimatfront“, „Heimat für die, die immer schon da waren“, „Heimattreue dem Vaterland“ etc. Gegen solche Dummheiten ist, wie so oft, kein Kraut gewachsen. Von der Heimat abhalten lassen sollte man sich jedoch davon nicht.
„Ich fühle mich als Europäer“, sagt, wer modern sein möchte, zeigen will, dass die ganze Welt seine eigentliche Heimat ist, und dass, wenn schon gezwungen, seine Herkunft anzugeben, ihm die größtmögliche Einteilung die gerade noch verkraftbarste ist – denn alles andere sind kindische Dorftümeleien. Der Zug zum Großen und Ganzen (lange Auslandsaufenthalte, berufsbedingte Reisen, das Konzept Weltreise als Lebenserfahrung) ist dem Heimatlichen feindlich gesinnt. Welt und Dorf, das verträgt sich nicht. Die frei erwählte Flucht ist der Imperativ des modernen Nomaden, sie hat als Trieb ins Ungewisse die Vertreibung aus dem Paradies ersetzt: Man vertreibt die Teufel der Heimat aus seiner Seele, indem man die Heimat so weit wie möglich hinter sich lässt. „Auf zu neuen Ufern“ heißt die Devise - „und bloß nie mehr zurückkehren!“ der Nachsatz. Der Ennui ist dem Jetlag gewichen, die Menschen sind jetzt reisemüde statt lebensmüde. Eine Verbesserung kann darin nur erkennen, wer auch die Kopfschmerzen den Magenschmerzen als angenehmeres Symptom einer mittelschweren Krankheit vorzieht.
Doch wie sich dagegen wehren, dass die Heimat vereinnahmt wurde von dubiosen politischen Diskursen und funktionalistisch-bürokratischen Hohlwörtern? Wurde uns die Heimat etwa verboten, hat man uns vergrault, hat man das Territorium unzugänglich gemacht? Betritt man den heimatlichen Boden (Boden – noch so ein gefährliches Wort!) auf eigene Gefahr? Ein neues, modernes Verhältnis zur Heimat erlangt nur, wer bereit ist, hinaus zu gehen nicht um des Weggehens willen und wer bereit ist, zurückzukommen um des Daheim-Seins willen. Erst wer die Heimat als den Ort erkennt, von dem aus alles seinen Anfang nimmt, ist wirklich heim gekommen und kann sich an seiner Region, seiner Gegend erfreuen, und nicht nur an der bloßen Behaglichkeit seines Hauptwohnsitzes.
Heimat ist nämlich mehr als Heim. In einer Gegend groß zu werden bedeutet, diese Gegend im schlimmsten Fall ein Leben lang mit sich herum zu tragen. Eine Erfahrung, deren Bitternis vor allem jene spüren, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und denen sich keine Möglichkeit zur Rückkehr mehr bot. Erst wenn die Heimat verloren ist – entrückt, unzugänglich, verschwunden – wird ihr Wert schmerzlich bewusst. Dabei sollte erwähnt werden, dass es für gewöhnlich viel braucht, um ganze Familien dazu zu bewegen, ihren Heimatort zu verlassen, und dass es schwieriger ist, eine neue Heimat zu finden, als einen neuen Hauptwohnsitz – ein Umstand, der bei aller Integrations-Politisierung gerne unter den Tisch fällt. Erst wenn die Heimat zur Hölle wird, überwindet die Bereitschaft, sie zu verlassen, jene magnetische Kraft, die alles und jeden festhält, der sich einmal – freiwillig oder unfreiwillig – ihr hingegeben hat.
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| Foto: Ricarda S. Kreindl |
Immanuel Kant, so heißt es in Thomas Bernhards gleichnamigen Stück augenzwinkernd, sei nie aus Königsberg hinausgekommen. Auch wenn diese Behauptung faktisch unwahr ist, bezeichnet sie doch eine tiefe Verwurzelung mit einem Ort, der einmal für Preußen das war, was man ein geistiges Zentrum nennt. Was Königsberg für Kant war, war Prag wohl für Franz Kafka. Zwar ist Kafka öfter aus Prag hinausgekommen als Kant aus Königsberg, dennoch ist das literarische Bild, das Kafka von seiner Heimatstadt einst zeichnete (ein Mütterchen mit Krallen) das allertreffendste, wenn es darum geht, die Beziehung des Autors zu seiner Stadt zu beschreiben. Ob Kant Königsberg, ob Kafka Prag geliebt hat, ist einerlei. Fest steht, dass in beiden Fällen die Beziehung des Denkers zur Heimat nicht fruchtlos geblieben ist: War Königsberg für Kant so etwas wie ein Denkgefängnis, war Prag für Kafka Stimmungs-Vorlage für sein literarisches Werk. Die Auseinandersetzung mit der Heimat, der Herkunft, der Geschichte ist wohl immer schon Wurzel der künstlerischen Inspiration gewesen. So erlernen wir das Sehen und Denken zuallererst an unserer heimatlichen Umgebung, und erst, wenn wir uns an diese gewöhnt haben, ist das Fundament dafür gelegt, staunen zu können, wenn wir andere Gegenden bereisen – metaphorisch wie auch ganz wörtlich verstanden. Die Differenz, das Anders-Sein, errechnet sich, ob man will oder nicht, erst aus dem, was man schon kennt. Wenn Thomas Bernhard seinen Kant und Franz Kafka seinen Karl Roßmann nach Amerika schicken, ist das einerseits ein geradezu sarkastischer Akt der Entwurzelung, gleichsam aber auch Voraussetzung für wirklich neue Erkenntnis (alle Implikationen eines Amerika-Bildes, das Fortschritt und Neuanfang bedeutet, miteingeschlossen). Man lese Kafkas Verschollenen als Fortsetzung von Bernhards Kant-Stück und stelle sich den großen Professor vor, wie er in der neuen Welt zum 17-Jährigen Greenhorn wird und bald darauf sein Königsberg vergisst und sich – nach allen Irrungen und Wirrungen – schließlich irgendwann in Princeton niederlässt, weil ihn das noch am ehesten an Königsberg erinnert.
Ist Heimat also einfach all das, was wir schon kennen, weniger als das, was wir vorgeben, immer schon gekannt zu haben? Die Demarkationslinie zwischen Gekanntem und scheinbar Immer-schon-Gekanntem verläuft zwischen dem Gefühl der heimatlichen Geborgenheit und dem Drang, diese aufzugeben und dorthin aufzubrechen, wo man – so glaubt man – eigentlich hin gehört: nämlich in die große, weite Welt. Hänschen klein all over again. Aber auch Hänschen muss lernen, dass die Welt als ganzes kein Zuhause ist, und kehrt als Hans wieder zurück. Erkannt wird er natürlich nur von seiner Mutter, die ihm schon bei seiner Abreise gesagt hat, er solle bald wieder kommen. Warum Hänschen nach sieben Jahren wieder beschließt zurückzukehren, verrät das Kinderlied nicht. Wir erfahren bloß, dass sich das Kind „besinnt“: Es scheint, als wäre der nunmehrige Hans vernünftig geworden. Warum aber kehrt er dann wieder nach Hause zurück? Die Ferne war ihm wohl nicht Erfüllung genug; zwar war seine Reise eine Notwendigkeit in seinem Ablösungsprozess von der Mutter (lies: Heimat), aber es scheint, als wäre er von vornherein nur zu dem Zweck „ausgewandert“, um letztlich wieder zurückzukehren. Das Hänschen-klein von heute macht Praktika in London, Shanghai und Tokio, lässt sich dort nieder, wo die am besten zahlende Firmenniederlassung steht, und zieht dann höchstens noch von der Stadt in die Vorstadt, weil man in Städten keine Kinder aufzieht – zu sehr hat man die eigene Kindheit auf dem Land geschätzt. In die Heimat zurückzukehren lohnt gar nicht mehr, denn dort findet man nicht das richtige berufliche Umfeld vor. Und aus nostalgischen Gründen kann man sich ja immer noch im Alter dort niederlassen – wenn es denn sein muss.
Heimat – so könnte man es am einfachsten sagen – ist dort, wo man sich wohl fühlt. Die größere Frage als die nach der Heimat ist also jene nach dem Wohlergehen, und diese Frage ist es auch, die am schwierigsten zu beantworten ist. Sie reguliert das Verhältnis zur Heimat, denn dieses kann auch durchaus ein problematisches, ja traumatisches sein. So reicht es nicht nur aus, sich wo auszukennen und zurecht finden zu können, sondern es muss auch ein psychohygienischer Bezug zu einem Ort gegeben sein. Das, was heutzutage „loslassen können“ genannt wird, gelingt am ehesten dort, wo man keine Zügel in der Hand halten muss und sich in ein Nest fallen lassen kann. Gerne darf man sich darunter eine Art Primitiv-Wellness vorstellen. Wir versuchen es einmal negativ: Heimat ist dort, wo das Nichtstun nicht suspekt ist und kein schlechtes Gewissen verursacht. Heimat ist dort, wo man nicht blöd angeschaut wird. Heimat ist dort, wo man nicht existenziell gefordert ist, sondern seine Ruhe hat bzw. finden kann.
So hat Heimat viel mit Vertrauen und Ruhe zu tun. Zu viel Vertrauen und Ruhe kann zu Langeweile führen, zum bereits erwähnten Ennui, zur Melancholie bzw. zu dem, was wir heute Depression nennen. Es ist ein Sichlangweilen, wie Heidegger es nennt, das nicht mehr nur von einem Ding herrührt, sondern beginnt, auf alles andere sich auszubreiten. So wird die Heimat dem Heimgekommenen als Ganzes langweilig. Der Mief, der dann von ihr ausgeht, ist jener, der den Geflohenen die Nase rümpfen lässt, wenn von der Heimat die Rede ist. Die Langeweile der Heimat ist es auch, die das heimatliche Leben in Rituale zerfallen lässt, ist also am Land zum Beispiel der Grund für das ausgeprägte Vereinswesen.
Wir müssen feststellen, dass es nicht die Nostalgie ist, die den Diskurs über die Heimat suspekt macht, sondern die Furcht vor der Langeweile, die der Heimat entwachsen kann. Es gibt das „gesunde“ Verhältnis zur Heimat nach wie vor – wenn man sich auf das Langweilige vorbereiten, es annehmen und mit ihm umgehen kann. Ennui und Heimat gehören zusammen, und je enger die Heimat, desto ausgeprägter der Ennui. Das zeigt sich schon bei Büchners Leonce, dem hervorragendsten Vertreter langweiliger Figuren in der deutschen Literatur überhaupt, dessen Königreich Popo das allerkleinste, dessen Langeweile aber grenzenlos ist. Einen schönen Sommertag erlebt er so: „Die Bienen sitzen so träg an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden.“ Herrliche Langeweile, die herrlichen Müßiggang erlaubt, der ja bekanntlich (so stellt Leonce fest) aller Laster Anfang ist! Auch Leonces Flucht führt ihn aber doch wieder dorthin zurück, wo er hergekommen ist: Heimat ist, wovor es kein Entrinnen gibt.
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| Foto: Ricarda S. Kreindl |
Gleichzeitig muss Heimat erobert werden. Von selbst stellt sie sich nicht dar, von selbst beherbergt sie nicht; sie muss bestellt werden wie ein Acker. Man muss Fragen an sie stellen, an ihre Leute, ihre Geschichte, ihre Hässlichkeiten und selbst an ihre schönen Seiten. Man muss die Heimat bezweifeln, argwöhnisch begutachten, mit Vorsicht genießen, wie einen Menschen, dem man nicht ganz trauen mag. Mit Respekt aber sollte man sie behandeln; sie selbst, die Gegend und wie sie sich in ihren Menschen, ihren Abkömmlingen, zeigt. Zu dem gehört Abstand, Flucht, Schimpf und Tadel – eine kathartische Phase der Adoleszenz, die, einmal überwunden, eine Basis für eine gesunde und lebenslange Heimatliebe bilden kann, die nicht dumpf und reaktionär sein muss, sondern das Gefühl eines lieblichen Gefangen-Seins bereit stellt. Daheim zu sein ist, der Unentrinnbaren ins Auge zu sehen und zu sagen: „Sperr mich ein, liebe Heimat, auch wenn ich dich verlassen muss, damit ich glücklich werde!“
Donnerstag, 26. Januar 2012
Beschreitung der Sporgasse
Die Grazer Sporgasse hat eine recht ungemütliche Neigung bzw. Steigung, je nachdem, von welcher Seite man kommt. Geht man sie hinauf, ist sie gerade so steil, dass man bei geschwindem Gehen außer Atem kommt. Geht man sie hinunter, ist sie gerade so abschüssig, dass man in dieses mühselige Bergab-Schlapfen gerät, wie man es von müden Wanderern kennt, die lust- und kraftlos vom Berg zurück kommen. Insgesamt und überhaupt ist die Sporgasse, zumindest was ihr Abschreiten betrifft, ein Graus – egal von welcher Seite man kommt.
Diesmal schlapfe ich die Sporgasse hinunter und höre schon von weitem das kratzige Geschrammel des Blues-Gitarristen mit dem schwarzen Hut – jeder Grazer kennt ihn. Obwohl mich sein Handwerk nicht immer ganz überzeugt, finde ich ihn immer noch besser als die zahnlose Frau, welche – man verzeihe mir ein Vorurteil ob meiner Uninformiertheit – vermutlich aus Rumänien stammt, und sich nicht nur in osteuropäischen Volksweisen ergeht, sondern hie und da selbst einen Blues versucht. Das ist zwar von jener gemütlichen Absonderlichkeit, die sich, so scheint mir, gerade in Graz an vielen Ecken erleben lässt, und die den Charakter solcher mittleren Städte ausmacht: noch nicht ganz urban, aber auf einem langen und beschwerlichen Weg dorthin, bereit, alles hinzunehmen, was einer gewissen „Buntheit“ zuträglich ist, mit der man sich, von der Provinz eitel abhebend, schmücken kann; künstlerisch ist das Spiel der Dame jedoch mindestens fragwürdig. Ein wenig erinnert sie mich an die weißrussische Frau, die mit einer Glühbirne Slide-Gitarre spielt.
Neben diesen Grazer Blues-Größen sieht man in der Sporgasse auch oft Stadt-Damen in Pelzen. Gerade wankt eine solche aus einer Boutique heraus. Sie wankt nicht etwa, weil sie betrunken ist, sondern weil solche Damen immerzu wanken – gerade in der steilen Sporgasse. Die Stadt-Damen trotzen nämlich dem Alter und bestehen weiterhin darauf, offensichtliche körperliche Verschleißerscheinungen stur ignorierend, sich in möglichst eleganten Stöckelschuhen zu zeigen. Den überaus unglücklichen und teilweise absurden Szenen, die sich deswegen auf Kopfsteinpflastern und bei Straßenbahneinstiegen abspielen, wäre ja einiges an Humor abzugewinnen, wenn sie nicht traurige Testamente des Altersstarrsinns wären. Angestrengt müssen diese älteren Damen immerzu auf ihre Füße starren und aufpassen, wo sie hinsteigen. So kann es vorkommen, dass die Sporgasse zu manchen Zeiten von wankenden, gebückten Damen in Kamelhaarmanteln geradezu übervölkert ist, die mühevoll von ihrer Innenstadtwohnung Richtung Kaffeehaus stolpern. Sie treffen sich alle in den hinteren Räumen des Cafès Sacher (denn das Erzherzog Johann gibt es ja nicht mehr), und in diesen mit rotem Samt ausgekleideten Zimmern schimpfen sie dann über Ausländer, die Jugend, die Stadtregierung und darüber, dass das Brot schon wieder teurer geworden ist.
Es kommt mir ein Mann entgegen, der den Blick eines besorgten Glaziologen trägt. Er scheint vor sich hin zu murmeln, bleibt plötzlich stehen, dreht sich um und marschiert wieder Richtung Hauptplatz. Nach etwa zehn Metern bleibt er wieder stehen, dreht sich erneut um und geht wieder in meine Richtung. Diesmal sieht er noch besorgter aus. Jemand wie er, denke ich, weiß Zeichen zu deuten. Dieser Mann liest am Morgen die Zeitung und stellt dann fest, dass er Grund zur Sorge hat – nein, dass überhaupt Grund zur Sorge besteht. Also nicht nur für ihn, sondern für alle und jeden. Dann fährt er in die Arbeit und begutachtet dort Messdaten von Gletschern (oder was auch immer Glaziologen sonst machen). Erneut muss er feststellen, dass Grund zur Sorge besteht. Er macht aber daraus keine Panik, sondern kummert bloß ein wenig vor sich hin und in sich hinein – jedoch nicht zu viel, denn depressiv ist der Mann auch nicht. Er ist aber ernst und weiß, dass Grund zur Sorge besteht. Vielleicht ist es das, was ihn jetzt in der Sporgasse wirr und überaus besorgt dauernd seine Richtung ändern lässt. Fast hätte mich seine Besorgnis angesteckt, ich habe meinen Blick aber rechtzeitig abgewandt und gehe schnell weiter.
Spätestens als ich am Hauptplatz ankomme, kommt die Besorgnis, der ich gerade noch entkommen war, ganz von alleine auf mich zu. Ich möchte gar nicht davon reden, dass sie mich beschliche. Nein, sie kommt auf mich zu, packt mich am Arm, dreht ihn mir auf den Rücken und führt mich schnurstracks die Murgasse entlang Richtung Hauptbrücke und erst dort lässt sie mich wieder los, verabschiedet sich freundlich von mir, kehrt wieder um und geht auf den Hautplatz zurück, wo sie dann andere Leute befallen wird. Nicht umsonst geht man, vom Karmeliterplatz aus gesehen, auf den Hautplatz „hinunter“ - geradewegs in die Hölle sozusagen. Unbarmherzig treibt einen die steil abfallende Sporgasse auf den Hautplatz hinunter. Und nur mühsam lässt sich vom Hautplatz her die relative Ruhe des Karmeliterplatzes erreichen. Es wird einem nichts geschenkt in Graz, könnte man sagen. Die Sporgasse steht dafür Pate – und ihre Beschreitung (von der einen Richtung oder der anderen) ist kein Honigschlecken!
Diesmal schlapfe ich die Sporgasse hinunter und höre schon von weitem das kratzige Geschrammel des Blues-Gitarristen mit dem schwarzen Hut – jeder Grazer kennt ihn. Obwohl mich sein Handwerk nicht immer ganz überzeugt, finde ich ihn immer noch besser als die zahnlose Frau, welche – man verzeihe mir ein Vorurteil ob meiner Uninformiertheit – vermutlich aus Rumänien stammt, und sich nicht nur in osteuropäischen Volksweisen ergeht, sondern hie und da selbst einen Blues versucht. Das ist zwar von jener gemütlichen Absonderlichkeit, die sich, so scheint mir, gerade in Graz an vielen Ecken erleben lässt, und die den Charakter solcher mittleren Städte ausmacht: noch nicht ganz urban, aber auf einem langen und beschwerlichen Weg dorthin, bereit, alles hinzunehmen, was einer gewissen „Buntheit“ zuträglich ist, mit der man sich, von der Provinz eitel abhebend, schmücken kann; künstlerisch ist das Spiel der Dame jedoch mindestens fragwürdig. Ein wenig erinnert sie mich an die weißrussische Frau, die mit einer Glühbirne Slide-Gitarre spielt.
Neben diesen Grazer Blues-Größen sieht man in der Sporgasse auch oft Stadt-Damen in Pelzen. Gerade wankt eine solche aus einer Boutique heraus. Sie wankt nicht etwa, weil sie betrunken ist, sondern weil solche Damen immerzu wanken – gerade in der steilen Sporgasse. Die Stadt-Damen trotzen nämlich dem Alter und bestehen weiterhin darauf, offensichtliche körperliche Verschleißerscheinungen stur ignorierend, sich in möglichst eleganten Stöckelschuhen zu zeigen. Den überaus unglücklichen und teilweise absurden Szenen, die sich deswegen auf Kopfsteinpflastern und bei Straßenbahneinstiegen abspielen, wäre ja einiges an Humor abzugewinnen, wenn sie nicht traurige Testamente des Altersstarrsinns wären. Angestrengt müssen diese älteren Damen immerzu auf ihre Füße starren und aufpassen, wo sie hinsteigen. So kann es vorkommen, dass die Sporgasse zu manchen Zeiten von wankenden, gebückten Damen in Kamelhaarmanteln geradezu übervölkert ist, die mühevoll von ihrer Innenstadtwohnung Richtung Kaffeehaus stolpern. Sie treffen sich alle in den hinteren Räumen des Cafès Sacher (denn das Erzherzog Johann gibt es ja nicht mehr), und in diesen mit rotem Samt ausgekleideten Zimmern schimpfen sie dann über Ausländer, die Jugend, die Stadtregierung und darüber, dass das Brot schon wieder teurer geworden ist.
Es kommt mir ein Mann entgegen, der den Blick eines besorgten Glaziologen trägt. Er scheint vor sich hin zu murmeln, bleibt plötzlich stehen, dreht sich um und marschiert wieder Richtung Hauptplatz. Nach etwa zehn Metern bleibt er wieder stehen, dreht sich erneut um und geht wieder in meine Richtung. Diesmal sieht er noch besorgter aus. Jemand wie er, denke ich, weiß Zeichen zu deuten. Dieser Mann liest am Morgen die Zeitung und stellt dann fest, dass er Grund zur Sorge hat – nein, dass überhaupt Grund zur Sorge besteht. Also nicht nur für ihn, sondern für alle und jeden. Dann fährt er in die Arbeit und begutachtet dort Messdaten von Gletschern (oder was auch immer Glaziologen sonst machen). Erneut muss er feststellen, dass Grund zur Sorge besteht. Er macht aber daraus keine Panik, sondern kummert bloß ein wenig vor sich hin und in sich hinein – jedoch nicht zu viel, denn depressiv ist der Mann auch nicht. Er ist aber ernst und weiß, dass Grund zur Sorge besteht. Vielleicht ist es das, was ihn jetzt in der Sporgasse wirr und überaus besorgt dauernd seine Richtung ändern lässt. Fast hätte mich seine Besorgnis angesteckt, ich habe meinen Blick aber rechtzeitig abgewandt und gehe schnell weiter.
Spätestens als ich am Hauptplatz ankomme, kommt die Besorgnis, der ich gerade noch entkommen war, ganz von alleine auf mich zu. Ich möchte gar nicht davon reden, dass sie mich beschliche. Nein, sie kommt auf mich zu, packt mich am Arm, dreht ihn mir auf den Rücken und führt mich schnurstracks die Murgasse entlang Richtung Hauptbrücke und erst dort lässt sie mich wieder los, verabschiedet sich freundlich von mir, kehrt wieder um und geht auf den Hautplatz zurück, wo sie dann andere Leute befallen wird. Nicht umsonst geht man, vom Karmeliterplatz aus gesehen, auf den Hautplatz „hinunter“ - geradewegs in die Hölle sozusagen. Unbarmherzig treibt einen die steil abfallende Sporgasse auf den Hautplatz hinunter. Und nur mühsam lässt sich vom Hautplatz her die relative Ruhe des Karmeliterplatzes erreichen. Es wird einem nichts geschenkt in Graz, könnte man sagen. Die Sporgasse steht dafür Pate – und ihre Beschreitung (von der einen Richtung oder der anderen) ist kein Honigschlecken!
Donnerstag, 15. September 2011
Newer Leans?
Das englische Adjektiv „lean“ erscheint mir als eine nette, elegante Art, kümmerliche Dinge zu beschreiben. Wo immer ein bisschen zu wenig vorhanden ist, sage man „lean“ und schon klingt es wie eine edle Eigenschaft. Manche mögen behaupten, dass in New Orleans vieles „lean“, manches sogar zu „lean“ ist, dass die Beschreibung einiger Dinge stärkere Wörter wie „shabby“ oder gar „desolate“ verlangen würde. Das sind aber genau solche Leute, die einen ungläubig anstarren, wenn man ihnen erzählt, dass man vorhabe nach New Orleans zu fahren. Leute, die einen den blödsinnigen Tipp geben, ein Schlauchboot mitzunehmen. Blödsinnige Leute eben.
Gegen die gemeine Verunglimpfung durch euphemistische, substantivierte Adjektive, vor allem in Verbindung mit einem ironisch-antagonistischen „newer“, wehren sich die New Orleanians schon mit der Aussprache des Namens ihrer Stadt. So betonen sie stolz die erste Silbe von Orleans und nicht das New. Anstatt eines „Newer Leans“ erhält man so ein staunendes „New Oah!leans“. Damit sollen sich vor allem die Anfänger beschäftigen, denn gerade diese sollen gefälligst das Staunen lernen. Fortgeschrittene dürfen dann „N'awlins“ sagen - lässig, informiert und Kaugummi kauend.
Warum soll man also das Staunen lernen in New Orleans? Ein alter Grieche hat einmal behauptet, im Staunen liege der Beginn der Philosophie. In New Orleans braucht man aber keine Philosophie, sondern nur Augen und vor allem Ohren. Das Staunen in New Orleans gleicht vielmehr jenem Staunen, mit dem man zum ersten Mal einen Song seiner zukünftigen Lieblingsband hört. Ein aufgeregtes „Was ist das?“ schleicht einem langsam ins Bewusstsein, wird immer dringlicher und nimmt einen schließlich ganz ein. Man will um jeden Preis wissen, worum es sich bei dem, was man da gerade hört, handelt. Doch das ist zunächst ein rein informatives Verlangen. Denn bald will man wissen, warum das einen Staunen macht, was hier genau passiert und warum es einen nicht mehr loslassen will. So ist das auch mit New Orleans.
Wenn Savannah die hübsche Perle der Ostküste ist, dann ist New Orleans ihre wildere Cousine am ölverdreckten Golf von Mexiko, die sich die Haare färbt, sich tätowieren lässt und Drogen nimmt: gefährlicher, aber auch interessanter. New Orleans ist wild. Das sieht man nicht nur an den vielen Ambivalenzen, die sich einem sehr bald zeigen, sondern vor allem an der Vielfalt der kulturellen Entitäten dieser Stadt. Das Essen zum Beispiel, das hier einen noch höheren Stellenwert genießt als im restlichen Amerika (hier aber zu Recht!), ist ein fröhliches Potpourri aus karibischer, afrikanischer, amerikanischer, mediterraner und französischer Küche, welches mit den gängigen Begriffen (Cajun, kreolisch, Soul food) nur unzulänglich beschrieben werden kann. Aber auch hier ist man weniger philosophisch, begriffsanalytisch unterwegs, sondern verlässt sich auf die Sinne. Und deswegen gibt es in New Orleans kein schlechtes Essen.
Das allerwichtigste aber ist die Musik. Davon gibt es nämlich auch keine schlechte. Wandert man abends durch das French Quarter, tönen aus jeder noch so kleinen Bar Jazz, Blues, Funk und Soul in allen möglichen Varianten – und vor allem in einer von einem Mitteleuropäer noch selten gehörter Qualität. Hier hört man Künstler, die großteils im New Orleans Sound aufgewachsen sind, die von Kindesbeinen an mit ihrem Instrument beschäftigt waren. Künstler, die sich vor allem mit der Kultur ihrer Stadt, d.h. mit ihrer Musik identifizieren. Hat man in einer Bar zwei Acts an einem Abend gehört und will man nicht gleich in die nächste schleichen, obwohl es von dort so verlockend herausgroovt, setzt man sich in sein Auto und dreht das Radio an: schon wieder gute Musik! Musik ist hier allgegenwärtig, unausweichlich, ein Lebenselixier für die Menschen dieser Stadt und bald auch für jeden Besucher. Jeder hier lebt und atmet den Jazz. Und darum gibt es in New Orleans keine schlechte Musik.
Katrina – auch dieses Wort ist allgegenwärtig. Sechs Jahre nach dem verheerenden Hurrikan sind zwar noch Spuren davon sichtbar. Aber New Orleans ist nicht Haiti, und auch wenn damals in Sachen Katastrophenhilfe nicht alles besonders gut gelaufen ist, muss man sagen, dass sich die Stadt recht gut von Katrina (und Rita) erholt hat. Mit Unglücken dieser Art gehen Menschen nämlich erstaunlich produktiv um. Wenn eine Gemeinschaft ein Desaster dieser Art überlebt, wird sie stärker, selbstbewusster. Das sieht man an New Orleans nach Katrina genauso wie an New York nach 9/11. Waren die New Orleanians vorher schon etwas Besonderes, so muss ihnen das nach Katrina noch bewusster sein. Ich würde behaupten wollen, dass sich die Einwohner von New Orleans weniger amerikanisch fühlen als Amerikaner in anderen Teilen des Landes. Zum Beispiel übersteigt die Zahl der New Orleans Saints-Flaggen (hiesiges NFL-Team) und jene der fleurs-de-lis bei weitem die der Stars and Stripes. Man ist sich seines Sonderstatus gründlicher bewusst – und Katrina hat dazu wohl auch einiges beigetragen.
New Orleans muss man erlebt haben, und zwar nicht nur zur Mardi Gras Zeit. Kaum eine andere amerikanische Stadt bietet eine vergleichbare kulturelle Vielfalt, keine andere Stadt ist so schön und hässlich zugleich bzw. tritt in keiner anderen Stadt das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen so greifbar hervor. New Orleans fehlt vielleicht jene Schicht des Euphemistischen, die die Amerikaner überall sonst vor der unmittelbaren Brutalität der Wirklichkeit schützt. Authentizität wie in Savannah, möchte ich fast sagen – aber noch ein bisschen exklusiver, ein bisschen rauer und unmittelbarer. Die vielen Amerikaner, die New Orleans besuchen, verwechseln das mit Unterhaltung – obwohl für diese natürlich auch gesorgt ist. Sie glauben, New Orleans ist eines dieser vielen Märchenländer, die es in den USA zum reinen Vergnügen ihrer Besucher gibt. Das ist freilich eine krasse Fehleinschätzung, aber die New Orleanians wären schön blöd, wenn sie das nicht ausnutzen würden. Deswegen gibt es die Bourbon Street – jene Partymeile, die einem ernsthaft Interessierten schon von weitem suspekt sein muss und die gefälligst zu meiden ist. Um New Orleans muss man sich schon ein bisschen bemühen. Die Entschädigung für das Bemühen aber ist das Staunen-Dürfen über die vielleicht interessanteste Stadt der USA: N'awlins, NOLA, 504, The Big Easy..., keinesfalls aber „Newer Leans“!
Gegen die gemeine Verunglimpfung durch euphemistische, substantivierte Adjektive, vor allem in Verbindung mit einem ironisch-antagonistischen „newer“, wehren sich die New Orleanians schon mit der Aussprache des Namens ihrer Stadt. So betonen sie stolz die erste Silbe von Orleans und nicht das New. Anstatt eines „Newer Leans“ erhält man so ein staunendes „New Oah!leans“. Damit sollen sich vor allem die Anfänger beschäftigen, denn gerade diese sollen gefälligst das Staunen lernen. Fortgeschrittene dürfen dann „N'awlins“ sagen - lässig, informiert und Kaugummi kauend.
Warum soll man also das Staunen lernen in New Orleans? Ein alter Grieche hat einmal behauptet, im Staunen liege der Beginn der Philosophie. In New Orleans braucht man aber keine Philosophie, sondern nur Augen und vor allem Ohren. Das Staunen in New Orleans gleicht vielmehr jenem Staunen, mit dem man zum ersten Mal einen Song seiner zukünftigen Lieblingsband hört. Ein aufgeregtes „Was ist das?“ schleicht einem langsam ins Bewusstsein, wird immer dringlicher und nimmt einen schließlich ganz ein. Man will um jeden Preis wissen, worum es sich bei dem, was man da gerade hört, handelt. Doch das ist zunächst ein rein informatives Verlangen. Denn bald will man wissen, warum das einen Staunen macht, was hier genau passiert und warum es einen nicht mehr loslassen will. So ist das auch mit New Orleans.
Wenn Savannah die hübsche Perle der Ostküste ist, dann ist New Orleans ihre wildere Cousine am ölverdreckten Golf von Mexiko, die sich die Haare färbt, sich tätowieren lässt und Drogen nimmt: gefährlicher, aber auch interessanter. New Orleans ist wild. Das sieht man nicht nur an den vielen Ambivalenzen, die sich einem sehr bald zeigen, sondern vor allem an der Vielfalt der kulturellen Entitäten dieser Stadt. Das Essen zum Beispiel, das hier einen noch höheren Stellenwert genießt als im restlichen Amerika (hier aber zu Recht!), ist ein fröhliches Potpourri aus karibischer, afrikanischer, amerikanischer, mediterraner und französischer Küche, welches mit den gängigen Begriffen (Cajun, kreolisch, Soul food) nur unzulänglich beschrieben werden kann. Aber auch hier ist man weniger philosophisch, begriffsanalytisch unterwegs, sondern verlässt sich auf die Sinne. Und deswegen gibt es in New Orleans kein schlechtes Essen.
Das allerwichtigste aber ist die Musik. Davon gibt es nämlich auch keine schlechte. Wandert man abends durch das French Quarter, tönen aus jeder noch so kleinen Bar Jazz, Blues, Funk und Soul in allen möglichen Varianten – und vor allem in einer von einem Mitteleuropäer noch selten gehörter Qualität. Hier hört man Künstler, die großteils im New Orleans Sound aufgewachsen sind, die von Kindesbeinen an mit ihrem Instrument beschäftigt waren. Künstler, die sich vor allem mit der Kultur ihrer Stadt, d.h. mit ihrer Musik identifizieren. Hat man in einer Bar zwei Acts an einem Abend gehört und will man nicht gleich in die nächste schleichen, obwohl es von dort so verlockend herausgroovt, setzt man sich in sein Auto und dreht das Radio an: schon wieder gute Musik! Musik ist hier allgegenwärtig, unausweichlich, ein Lebenselixier für die Menschen dieser Stadt und bald auch für jeden Besucher. Jeder hier lebt und atmet den Jazz. Und darum gibt es in New Orleans keine schlechte Musik.
Katrina – auch dieses Wort ist allgegenwärtig. Sechs Jahre nach dem verheerenden Hurrikan sind zwar noch Spuren davon sichtbar. Aber New Orleans ist nicht Haiti, und auch wenn damals in Sachen Katastrophenhilfe nicht alles besonders gut gelaufen ist, muss man sagen, dass sich die Stadt recht gut von Katrina (und Rita) erholt hat. Mit Unglücken dieser Art gehen Menschen nämlich erstaunlich produktiv um. Wenn eine Gemeinschaft ein Desaster dieser Art überlebt, wird sie stärker, selbstbewusster. Das sieht man an New Orleans nach Katrina genauso wie an New York nach 9/11. Waren die New Orleanians vorher schon etwas Besonderes, so muss ihnen das nach Katrina noch bewusster sein. Ich würde behaupten wollen, dass sich die Einwohner von New Orleans weniger amerikanisch fühlen als Amerikaner in anderen Teilen des Landes. Zum Beispiel übersteigt die Zahl der New Orleans Saints-Flaggen (hiesiges NFL-Team) und jene der fleurs-de-lis bei weitem die der Stars and Stripes. Man ist sich seines Sonderstatus gründlicher bewusst – und Katrina hat dazu wohl auch einiges beigetragen.
New Orleans muss man erlebt haben, und zwar nicht nur zur Mardi Gras Zeit. Kaum eine andere amerikanische Stadt bietet eine vergleichbare kulturelle Vielfalt, keine andere Stadt ist so schön und hässlich zugleich bzw. tritt in keiner anderen Stadt das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen so greifbar hervor. New Orleans fehlt vielleicht jene Schicht des Euphemistischen, die die Amerikaner überall sonst vor der unmittelbaren Brutalität der Wirklichkeit schützt. Authentizität wie in Savannah, möchte ich fast sagen – aber noch ein bisschen exklusiver, ein bisschen rauer und unmittelbarer. Die vielen Amerikaner, die New Orleans besuchen, verwechseln das mit Unterhaltung – obwohl für diese natürlich auch gesorgt ist. Sie glauben, New Orleans ist eines dieser vielen Märchenländer, die es in den USA zum reinen Vergnügen ihrer Besucher gibt. Das ist freilich eine krasse Fehleinschätzung, aber die New Orleanians wären schön blöd, wenn sie das nicht ausnutzen würden. Deswegen gibt es die Bourbon Street – jene Partymeile, die einem ernsthaft Interessierten schon von weitem suspekt sein muss und die gefälligst zu meiden ist. Um New Orleans muss man sich schon ein bisschen bemühen. Die Entschädigung für das Bemühen aber ist das Staunen-Dürfen über die vielleicht interessanteste Stadt der USA: N'awlins, NOLA, 504, The Big Easy..., keinesfalls aber „Newer Leans“!
Montag, 5. September 2011
Savannah - Herz des Südens
In Savannah findet man das Herz des Südens: Es ist heiß, es ist schwül, die Häuser sind alt, die Pflanzen bedrohlich, es gibt jede Menge Fisch und Alkohol, beides wird in ansprechenden Kneipen serviert, und es gibt hier mehr Schwarze. Außerdem spukt es in den Häusern - das behaupten jedenfalls die Bewohner. Ob sie das selbst auch wirklich glauben, oder ob damit nur das Geschäft mit den Geister-Touristen angekurbelt werden soll, sei dahingestellt. Manche meinen, es seien die Seelen der vielen Sklaven, die diese Stadt einst beherbergt hat, welche keine Ruhe finden und die jetzigen Einwohner von Savannah immer noch plagen. "Selbst schuld!", ruft da der fälschlicherweise seine Hände in Unschuld waschen zu können glaubende Kontinentaleuropäer, "Hättet ihr sie nicht gequält, würden sie euch jetzt in Ruhe lassen!"
So beruhigen sich die noch in ihren lebendigen Körpern steckenden Seelen Savannahs mit Festen und einem Lebensstil, der an Romantik vielleicht von keiner anderen Stadt der USA zu überbieten ist. Ich spreche nicht von einer erotischen oder einer verträumten Nachtromantik, sondern von der Romantik des alten Südens. Diese Romantik hängt träge in der feuchtwarmen Sommerluft; fad neigen sich unter ihr die Bäume gen Boden, das spanische Moos in ihnen hängt wie das fransige Haar einer Greisin herab, als wolle es uns sagen, dass hier alles zu spät ist, dass sich hier nichts mehr rühren mag. Im gelbgrauen Licht eines späten Sonntag Nachmittags wandert man hier zwischen Parks und Alleen herum, ist unschlüssig, ob man dieses Städtchen ausgestorben oder quicklebendig nennen soll. Einerseits wirkt es wie ein Museum des amerikanischen Optimismus, andererseits verweist es augenzwinkernd auf seine schicke Anachronie und wird so zu einem hippen, postmodernen, subversiven Überbleibsel. Davon zeugen die vielen kleinen Galerien und Shops von lokalen KünstlerInnen, der Einfluss des Savannah College of Art and Design auf das soziale Gefüge und die Topografie der Stadt sowie das laissez-faire, das sonst in den USA so selten zu finden ist, weil so etwas den Amerikanern verdächtig ist und - vielleicht aufgrund seines französischen Ursprungs - sowieso nicht ernst genommen wird.
Und doch stehen da die vielen alten Häuser als Zeugen eines "imperialen Lebensstils" - Mahnmale der Sklaven- und Plantagenwirtschaft, des auserbeuteten Reichtums, des Traums vom alten Süden. So viele bekannte und wichtige Persönlichkeiten waren hier bzw. wurden gar hier geboren und/oder begraben. Damit gehen die Amerikaner aber fürchterlich locker um. Zur Geschichte ihrer Stadt haben sie eine Haltung, die irgendwo im weiten Feld zwischen österreichischer Wurschtigkeit und preußischer Wichtigtuerei lümmelt. Freilich ist man irgendwie stolz auf die Stadt - aber irgendwie ist das auch alles egal. Am deutlichsten merkt man dies auf Tybee Island, einer herzigen Insel nahe Savannah. Dort sind die Leute noch lässiger und lockerer als in Kalifornien, und dies mit einer angenehm unaufdringlichen Selbstverständlichkeit, die den sonst so ausgewiesen zwanglosen Westküstlern fehlt. Das hat nicht dieses Hoppsige, zappelig Surferhafte oder ultracool Relaxte. Es ist so unbetont selbstgenügsam, ohne arrogant zu wirken, was es sympathisch und authentisch macht.
Savannah, das ist Anti-Las-Vegas, das ist Authentizität ohne Aufpreis. Es ist klein und unaufgeregt, ohne dabei langweilig und vorhersehbar uninteressant zu sein. Savannah ist eine Perle, die man in den USA lange suchen muss und an der man mehr ihre Seltenheit als ihren Glanz schätzt. Da muss ich unbedingt wieder hin! Zuerst aber muss ich unbedingt wieder nach New York...
So beruhigen sich die noch in ihren lebendigen Körpern steckenden Seelen Savannahs mit Festen und einem Lebensstil, der an Romantik vielleicht von keiner anderen Stadt der USA zu überbieten ist. Ich spreche nicht von einer erotischen oder einer verträumten Nachtromantik, sondern von der Romantik des alten Südens. Diese Romantik hängt träge in der feuchtwarmen Sommerluft; fad neigen sich unter ihr die Bäume gen Boden, das spanische Moos in ihnen hängt wie das fransige Haar einer Greisin herab, als wolle es uns sagen, dass hier alles zu spät ist, dass sich hier nichts mehr rühren mag. Im gelbgrauen Licht eines späten Sonntag Nachmittags wandert man hier zwischen Parks und Alleen herum, ist unschlüssig, ob man dieses Städtchen ausgestorben oder quicklebendig nennen soll. Einerseits wirkt es wie ein Museum des amerikanischen Optimismus, andererseits verweist es augenzwinkernd auf seine schicke Anachronie und wird so zu einem hippen, postmodernen, subversiven Überbleibsel. Davon zeugen die vielen kleinen Galerien und Shops von lokalen KünstlerInnen, der Einfluss des Savannah College of Art and Design auf das soziale Gefüge und die Topografie der Stadt sowie das laissez-faire, das sonst in den USA so selten zu finden ist, weil so etwas den Amerikanern verdächtig ist und - vielleicht aufgrund seines französischen Ursprungs - sowieso nicht ernst genommen wird.
Und doch stehen da die vielen alten Häuser als Zeugen eines "imperialen Lebensstils" - Mahnmale der Sklaven- und Plantagenwirtschaft, des auserbeuteten Reichtums, des Traums vom alten Süden. So viele bekannte und wichtige Persönlichkeiten waren hier bzw. wurden gar hier geboren und/oder begraben. Damit gehen die Amerikaner aber fürchterlich locker um. Zur Geschichte ihrer Stadt haben sie eine Haltung, die irgendwo im weiten Feld zwischen österreichischer Wurschtigkeit und preußischer Wichtigtuerei lümmelt. Freilich ist man irgendwie stolz auf die Stadt - aber irgendwie ist das auch alles egal. Am deutlichsten merkt man dies auf Tybee Island, einer herzigen Insel nahe Savannah. Dort sind die Leute noch lässiger und lockerer als in Kalifornien, und dies mit einer angenehm unaufdringlichen Selbstverständlichkeit, die den sonst so ausgewiesen zwanglosen Westküstlern fehlt. Das hat nicht dieses Hoppsige, zappelig Surferhafte oder ultracool Relaxte. Es ist so unbetont selbstgenügsam, ohne arrogant zu wirken, was es sympathisch und authentisch macht.
Savannah, das ist Anti-Las-Vegas, das ist Authentizität ohne Aufpreis. Es ist klein und unaufgeregt, ohne dabei langweilig und vorhersehbar uninteressant zu sein. Savannah ist eine Perle, die man in den USA lange suchen muss und an der man mehr ihre Seltenheit als ihren Glanz schätzt. Da muss ich unbedingt wieder hin! Zuerst aber muss ich unbedingt wieder nach New York...
Mittwoch, 31. August 2011
Reise in einen unbekannten Bundesstaat
Auf einer wilden Rundfahrt durch den amerikanischen Südosten habe ich wieder zwei neue Staaten kennengelernt: Die Carolinas. North Carolina besticht durch seine für Südstaatenverhältnisse ausgesprochen vielfältige Vegetation, während South Carolina den Küstenreisenden schön langsam auf Florida vorbereitet. Diesmal erreichte ich aber den südlichsten Punkt in Savannah, der geschichtsreichen ältesten Stadt Georgias und sicher einer der schönsten Städte in den USA. Von dieser Reise versuche ich in einem ersten Teil über North Carolina zu berichten.
Wir bahnten uns unseren Weg durch das hintere Tennessee, wo am Fuße der Smokey Mountains der Ocoee-River einmal fließt, dann wieder gestaut wird. Hier fanden während der olympischen Sommerspiele 1996 die Wildwasser-Kajak-Bewerbe statt. Zu diesem Zwecke wurde das Flußbett erweitert und mit zusätzlichen Felsen ausgelegt; heute lässt sich kaum mehr unterscheiden, welche Steine schon da waren und welche erst später hinzukamen. Bei unserem Besuch zeigte sich die Szene ziemlich trocken, was darin liegt, dass dieser Teil des Flusses nur an Wochenenden geflutet wird. Unter der Woche wird das Wasser zur Stromerzeugung genutzt und über Kraftwerke geleitet. Daraus ergibt sich einmal mehr diese eigenartige Verbindung von schönster Natur und zweckmäßiger Technisierung derselben. Anscheinend lässt sich in den USA alles ein- und ausschalten, auch die Flüsse.
Weiter flussaufwärts gelangt man, vorbei Ortschaften mit klingenden Namen wie Ducktown, über die Hügel der Südappalachen nach North Carolina und damit in den Nantahala Nationalpark. Der Highway 74 bringt einen nordostwärts schließlich nach Asheville, wo man die Smokey Mountains langsam hinter sich lässt. Dort befindet sich auch das beeindruckende Biltmore-Haus, vermutlich das prächtigste historische Gebäude in den USA (mit Superlativen lässt sich nur schwer sparen!). Dafür hatten wir aber keine Zeit, weil North Carolina einer dieser Staaten ist, die sich ärger in die Länge ziehen, als es die Straßenkarte vermuten lässt. Und wir mussten nach Raleigh, der 4 Stunden entfernten Hauptstadt.
Was in North Carolina im Unterschied zu Ost-Tennessee und vor allem Nord-Georgia sofort auffällt, ist die abwechslungsreichere Vegetation. Besonders im hügeligen Westen des Staates finden sich kaum Nadelbäume, was im Herbst eine farbenprächtige Landschaft entstehen lässt. Erst hier lässt sich dann begreifen, was mit dem Begriff Indian Summer gemeint ist. Auch die Landschaftsarchitekten sind sich des floralen Reichtums der Gegend bewusst und deshalb werden sogar neben Autobahnabfahrten die schönsten Blumen, Sträucher und Bäume gepflanzt. Das alles aber mit angenehmer, fast ungewohnter Zurückhaltung.
Diese Zurückhaltung findet sich schließlich auch in den ländlichen Gegenden rund um Raleigh und Chapel Hill. Das Gras ist hier tatsächlich grüner als anderswo, die Häuser sind ein bisschen großzügiger und sauberer. Hier verschmelzt eine ländliche Idylle mit dem modernen, suburbanen Leben einer Gegend, die vor allem als Technologie- und Forschungsstandort bekannt ist. Die Universitäten (UNC, NC State, Duke University) gehören nicht nur zu den besten des Südens, sondern genießen auch internationales Ansehen.
Was Zentral-North-Carolina so reizvoll macht, ist genau diese Verbindung aus gemütlichen, ländlich geprägten Lebensstil und der Zukunftsgewandtheit in den Köpfen der Leute. Es fühlt sich hier alles richtig an, maßvoll, ja vielleicht sogar ein bisschen europäisch, obwohl viele Regionen Europas sich ein Beispiel an NC nehmen sollten. Und das alles geschieht ganz ohne großen Glanz - wer weiß hier schon über North Carolina bescheid? Insofern löst dieser Bundesstaat, der mir nun mein liebster geworden ist, sein hoch sympathisches Motto tatsächlich ein: Esse quam videri - mehr sein als scheinen.
Wir bahnten uns unseren Weg durch das hintere Tennessee, wo am Fuße der Smokey Mountains der Ocoee-River einmal fließt, dann wieder gestaut wird. Hier fanden während der olympischen Sommerspiele 1996 die Wildwasser-Kajak-Bewerbe statt. Zu diesem Zwecke wurde das Flußbett erweitert und mit zusätzlichen Felsen ausgelegt; heute lässt sich kaum mehr unterscheiden, welche Steine schon da waren und welche erst später hinzukamen. Bei unserem Besuch zeigte sich die Szene ziemlich trocken, was darin liegt, dass dieser Teil des Flusses nur an Wochenenden geflutet wird. Unter der Woche wird das Wasser zur Stromerzeugung genutzt und über Kraftwerke geleitet. Daraus ergibt sich einmal mehr diese eigenartige Verbindung von schönster Natur und zweckmäßiger Technisierung derselben. Anscheinend lässt sich in den USA alles ein- und ausschalten, auch die Flüsse.
Weiter flussaufwärts gelangt man, vorbei Ortschaften mit klingenden Namen wie Ducktown, über die Hügel der Südappalachen nach North Carolina und damit in den Nantahala Nationalpark. Der Highway 74 bringt einen nordostwärts schließlich nach Asheville, wo man die Smokey Mountains langsam hinter sich lässt. Dort befindet sich auch das beeindruckende Biltmore-Haus, vermutlich das prächtigste historische Gebäude in den USA (mit Superlativen lässt sich nur schwer sparen!). Dafür hatten wir aber keine Zeit, weil North Carolina einer dieser Staaten ist, die sich ärger in die Länge ziehen, als es die Straßenkarte vermuten lässt. Und wir mussten nach Raleigh, der 4 Stunden entfernten Hauptstadt.
Was in North Carolina im Unterschied zu Ost-Tennessee und vor allem Nord-Georgia sofort auffällt, ist die abwechslungsreichere Vegetation. Besonders im hügeligen Westen des Staates finden sich kaum Nadelbäume, was im Herbst eine farbenprächtige Landschaft entstehen lässt. Erst hier lässt sich dann begreifen, was mit dem Begriff Indian Summer gemeint ist. Auch die Landschaftsarchitekten sind sich des floralen Reichtums der Gegend bewusst und deshalb werden sogar neben Autobahnabfahrten die schönsten Blumen, Sträucher und Bäume gepflanzt. Das alles aber mit angenehmer, fast ungewohnter Zurückhaltung.
Diese Zurückhaltung findet sich schließlich auch in den ländlichen Gegenden rund um Raleigh und Chapel Hill. Das Gras ist hier tatsächlich grüner als anderswo, die Häuser sind ein bisschen großzügiger und sauberer. Hier verschmelzt eine ländliche Idylle mit dem modernen, suburbanen Leben einer Gegend, die vor allem als Technologie- und Forschungsstandort bekannt ist. Die Universitäten (UNC, NC State, Duke University) gehören nicht nur zu den besten des Südens, sondern genießen auch internationales Ansehen.
Was Zentral-North-Carolina so reizvoll macht, ist genau diese Verbindung aus gemütlichen, ländlich geprägten Lebensstil und der Zukunftsgewandtheit in den Köpfen der Leute. Es fühlt sich hier alles richtig an, maßvoll, ja vielleicht sogar ein bisschen europäisch, obwohl viele Regionen Europas sich ein Beispiel an NC nehmen sollten. Und das alles geschieht ganz ohne großen Glanz - wer weiß hier schon über North Carolina bescheid? Insofern löst dieser Bundesstaat, der mir nun mein liebster geworden ist, sein hoch sympathisches Motto tatsächlich ein: Esse quam videri - mehr sein als scheinen.
Samstag, 20. August 2011
Viva das Künstliche! (Las Vegas I)
Der innereuropäische Urlauber sieht sich nach seiner Rückkehr aus dem Ausland mit vielerlei Fragen konfrontiert, deren erste und wichtigste immer jene nach dem Wetter ist. Wie das Wetter war, interessiert die Daheimgebliebenen anscheinend am brennendsten. Sei es, weil man dem Verreisten insgeheim Sturm und Hagel gewünscht hat aus Eifersucht, weil man selbst im Regen sitzen musste, oder sei es, weil man einfach nur an den klimatischen Verschiedenheiten zwischen der Heimat und der Urlaubsdestination interessiert ist. „Dort unten ist es schon Sommer!“, hört man etwa von einem zu Pfingsten in Italien Gewesenen. „Man glaubt es kaum, aber es hatte dort auch nur 18 Grad und das Wasser war kalt“, sagt zum Beispiel einer, der während eines gesamteuropäischen Kälteeinbruchs Ende Mai ein paar Tage in Kroatien verbracht hat. Wie auch immer das Wetter im Urlaub war, es ist – wie auch sonst im Alltag – ein beliebtes Gesprächsthema für Heimkömmlinge und interessierte Daheimbleiber.
In Amerika ist das ein bisschen anders. Hier scheint man immer schon zu wissen, wie das Wetter war. Das gilt vor allem für Reiseziele, die nur wenigen meteorologischen Schwankungen unterliegen – wie zum Beispiel Las Vegas. Niemand fragt nach dem Wetter in Las Vegas, weil es dort immer gleich ist: heiß und trocken. Aber auch, weil das Wetter in Vegas sowieso keine Rolle spielt, interessiert es niemanden so wirklich. Denn Las Vegas existiert im Prinzip nur im Drinnen. Das Draußen sind lauter Lichter, die auf das, was drinnen ist, aufmerksam machen wollen. Und dem Drinnen ist es egal, ob es draußen kalt ist oder nass, heiß und feucht oder staubig, oder was auch immer. Denn das Drinnen ist klimatisiert, manchmal auch odorisiert, in jedem Fall aber hermetisiert – was drinnen ist, bleibt drinnen, oder sagen wir es so: What happens in Vegas stays in Vegas.
Meine Vermutungen (nennen wir sie Vorurteile, das klingt weniger informiert) haben sich tatsächlich bestätigt – bis auf einen Punkt: das Künstliche. Als Österreicher sehe ich das Künstliche als das Gegenteil des Authentischen. Das Authentische, so verrät schon das Wort, hat etwas mit einem Tisch zu tun. Zum Beispiel mit einem Biertisch, auf den man anständig hauen kann, wenn man etwas Ehrliches zu sagen hat. Oder denken wir an einen Esstisch, auf dem man die Gaben beim Erntedankfest ausbreiten kann, die so authentisch und natürlich aus der Erde gewachsen sind, dass es einen beim Reinbeißen zwischen den Zähnen geradezu erdelt. In Las Vegas habe ich aber gelernt, dass authentisch auch anders geht, nämlich indem man das eigentlich Lächerliche derart ernst nimmt und es so gut macht, dass man als Rezipient, als Konsument oder einfach als Besucher oder Betrachter gar nicht mehr um den Unterschied zwischen künstlich und authentisch besorgt ist. Es ist einfach, wie es ist. (Schwachfugige Einfügung dazu: Hierbei handelt es sich um eine Abwandlung des parmenidischen Grundgedankens, welche sich auf die Essenz mehr denn auf die Existenz bezieht.)
Alles, was in Las Vegas an Attraktionen zu finden ist, ist in sich perfekt. Der große Vorteil, den Vegas dabei hat, ist, dass es sich selbst die Latte legen konnte. Viele Unternehmungen mögen genau an diesem Punkt scheitern, für Vegas scheint es geklappt zu haben. Die Hotels bieten alles, was das Herz begehrt, und zwar deswegen, weil sie genau all das bieten, was der Las-Vegas-Besucher erwartet: Unterhaltung. Sie beeindrucken von außen und innen mit aufwändiger Architektur, jeder Menge Möglichkeiten, sein Geld zu verlieren und jeder nur erdenklichen Form der Verköstigung aller Sinne. Als Österreicher, der sich schon gerne mal mit dem Bier-Wurscht-Spritzer-Angebot eines mittleren Volksfestes zufrieden gibt, ist man zunächst vielleicht überfordert. Dann aber realisiert man, dass man in Las Vegas eigentlich nichts zu tun braucht, außer von einem Hotel zum anderen zu gehen (oft muss man sich nicht einmal bewegen), somit also genügend Zeit hat, sich dem Geschehen eingehend zu widmen. Nichts läuft einem hier davon. Nicht nur, weil hier alles 24 Stunden verfügbar ist, sondern auch weil alles darauf ausgelegt ist, wiederholbar und reproduzierbar zu sein.
Nehmen wir als Beispiel das Venetian-Hotel, welches sich zur Aufgabe gemacht hat, Venedig zu simulieren. Freilich meint jeder, der schon einmal in Venedig war, dass ein solches Unterfangen nicht nur unmöglich, sondern geradezu blasphemisch sein muss. Die Amerikaner wären aber noch blöder, als wofür viele sie ohnehin schon halten, wenn sie nicht wüssten, dass man Venedig nicht als Hotel nachbauen kann. Also machen sie folgendes: Sie bauen ein besseres Venedig. Eines ohne (oder nur mit dem essentiellen) Schnickschnack, eines ohne Dreck und Gestank, ohne Tauben, ohne lächerlich hohe Preise für Getränke und ohne unverständliche Einheimische – ein Venedig, wie es sich ein durchschnittlicher Tourist wünscht. (Wir sprechen hier klarerweise nicht von einem italophilen Kunsthistoriker, der an jeder Stadt gerade „das Touristische“ so abstoßend findet, sondern von einem einfachen, unschuldigen Amerikaner in Europa!) Ein solches Venedig hat schöne Häuser, tolle Geschäfte zum Einkaufen, einen Kanal mit Gondeln und singenden Gondolieren, gutes Essen, hervorragendes Eis und ist sauber. Bekommt man das alles noch in ein Hotel hinein und simuliert beleuchtungstechnisch Tag und Nacht, hat man genau das, was das Venetian-Hotel bietet: Venice in a nutshell, die italienische Stadt quasi als Smartphone-App – leicht zu bedienen, übersichtlich, praktisch, unterhaltsam. Freilich nicht das echte Venedig, aber eine Einkaufsmeile mit Stil und Geschmack, nettem Ambiente und einem Charme, der einen kurz vergessen lässt, dass man sich eigentlich im bösen, unauthentischen Las Vegas befindet und gerade fürchterlich zum Narren gehalten wird.
So habe ich mich tatsächlich infizieren lassen, nannte das Venetian großartig und eines der am besten gelungenen Hotels der Stadt, bis ich auf die Straße trat und sah, wie Touristen auf einem Rollsteig über eine, das Venetian mit einem anderen Hotel verbindende, Rialtobrücke gezogen wurden. Da meldete sich der europäische Kulturelitarismus zurück und ich weigerte mich, die Rialtobrücke quasi fahrend zu überqueren. Eigensinnig und mit von den Rollsteig fahrenden Touristen abgewandten Gesicht schritt ich eilig über die Brücke, während ich meiner duldsamen Cousine erklärte, dass dies nun doch zu weit ginge und dass man ein bisschen Respekt auch noch haben müsse, wenn man schon versucht, eine Stadt wie Venedig nachzubauen und so weiter. Ich sagte ihr, sie würde das verstehen, wenn sie erst einmal Venedig sehe, welches ich ihr, so sei mir gerade klar geworden, bei ihrem nächsten Besuch mit Sicherheit zeigen werde. Zwar grinste sie verständnisvoll, was sie sich aber dachte, wusste ich nicht und will ich auch im Nachhinein nicht vermuten.
Warum man allerdings, wenn man in Las Vegas die Rialtobrücke überquert, vor Madame Tussauds' Wachsmuseum landet, versuche ich beim nächsten Mal zu erklären.
Donnerstag, 4. August 2011
Der Preis der Freiheit
Im Land der Freiheit hat die Freiheit immer auch einen Preis. Ist das vielleicht der Grund für die Schuldenkrise der USA? Eine sündhaft teure Frage, die ich lieber stecken lasse. Was ich meine ist: Ist es nur der Zwentendorf-Österreicher, der sich von zwei Kühltürmen eines AKWs am Horizont die Idylle eines wunderbaren Sees trüben lässt? Für die Amerikaner scheint das kein besonders seltsames Bild zu sein; zumindest scheinen sie sich daran gewöhnt zu haben. So wie sie sich an Restaurants gewöhnt haben, die mexikanisches und italienisches Essen anbieten und dabei so tun, als sei es das Natürlichste der Welt, diese beiden Küchen nebeneinander, gleichzeitig und mit einem „und“ verbunden zu bewerben und auch tatsächlich anzubieten. Kulinarisch passt da jedenfalls nichts zusammen, aber betrachtet man es rein dekorativ, öffnen sich einem die Augen: Die mexikanische und die italienische Flagge sehen sich nämlich – vor allem für die ungeschulten und von Stars und Stripes rotweißblau entzündeten Augen eines Amerikaners – ziemlich ähnlich: grün, weiß und rot, längsgestreift. Bis auf das Wappen, das die Flagge Mexikos ziert, sind sie also identisch. Die Außen- und Innenbemalung des Lokals erlaubt also vieles. Aber ich schweife ab...
Der See und das Atomkraftwerk: Im zentralen Ost-Tennessee wurde der Tennessee River zu einem See aufgestaut. Damm und Schleuse heißen „Watts Bar“ und nebenan befindet sich gleich auch ein AKW, das man bei der Autofahrt von Cleveland nach Spring City schön beobachten kann, wenn man über die Watts-Bar-Brücke fährt. Der von der Watts Bar zurückgestaute Fluss nennt sich konsequenterweise Watts Bar Lake, ist ob seiner ursprünglichen Flussnatur wild verzweigt und hat etwa die Größe des Neusiedler Sees, was dem Seebesucher ein stundenlanges Herumfahren und Entdecken ermöglicht. Wie alles in östlichen Tennessee ist auch dieser See wunderschön. Von sattem Grün bewachsene Ufer, ein paar Klippen für Wagemutige und Leichtsinnige, geschmackvoll gebaute und platzierte Seehäuschen sowie ein veritabler Fischreichtum zeichnen den Watts Bar Lake aus.
Mit dem Boot lässt sich der See hervorragend erkunden, auch wenn man zunächst aufgrund der Verästelungen dauernd die Orientierung verliert. Umso schlimmer dann der Schreck, wenn man von einem malerischen Seitenarm Richtung Süden in einen anderen einbiegt und sich hinter den dichten, gesunden Wäldern auf einmal die schmauchenden Kühltürme des Kraftwerks zeigen. Einem in den 80er Jahren groß gewordenen Mitteleuropäer wird da ganz heiß im Kopf. Man denkt an Tschernobyl und die Schwammerl, man denkt an Janoschs „Lumpengesindel“ - die ökologische Erziehung, der man damals irgendwie zwangsweise ausgesetzt war, hat ihre Spuren hinterlassen. Jedenfalls passt das AKW hier gar nicht hin. Man erinnert sich an stundenlange Fahrten durch Deutschland, und wie man irgendwann mitten in der Ödnis, hinter einem Hügel gelegen, ein AKW erspähte und sich dachte, dass sich hier wohl kein Nachbar aufregen könne, weil es keinen Nachbarn gibt. Ähnliches gilt wohl auch für das Watts-Bar-Kraftwerk, nur: Dass sich daneben ein großes Erholungsresort befindet, befremdet schon ein wenig.
Mittwoch um 12 Uhr Mittags wird dann das Gebell eines Hundes durch einen lauten Sirenenton unterbrochen, der sehr nach Reaktorunfall klingt. Ich blicke meinen Onkel an. Der sagt mir, dass wenn ich dieses Geräusch zu einem anderen Zeitpunkt als Mittwoch um 12 Uhr hören sollte, ich die Flucht antreten müsse. Zur Beruhigung hält er mir die Armbanduhr vor die Nase – tatsächlich zwölf. Mir war irgendwie schon klar, dass es sich um eine Probe handeln müsse, aber der für mich ungewohnte Zeitpunkt und die grausige Fremdheit des Sirenentons vermögen einem durchaus kurz einen Schreck einzujagen. Die österreichische Feuerwehr-Sirene, die immer dann erklingt, wenn am Samstag Mittag das Lagerhaus zusperrt, klingt im Vergleich geradezu beruhigend. Und für alles andere haben wir einmal im Jahr (?) einen Strahlenalarm-Test oder so etwas ähnliches, wo man dann zählen muss, wie oft der Ton rauf und runter geht. Die schauerliche amerikanische AKW-Sirene hingegen lässt keinen Zweifel über den Ernst der Situation.
Beim Verlassen des Campingresorts fallen dann die blauen Schilder am Straßenrand auf, welche im Falle des Falles die Fluchtroute anzeigen sollen. Gemütlich und unschuldig geleiten den erholten Seebesucher diese stummen Zeugen der potenziellen Gefahr aus dem Resort. Dieses Nebeneinander von Atomkraft und intakter Natur wirkt vielleicht nur für einen Österreicher verstörend – für die Amerikaner ist das AKW am Seerand der Preis der Freiheit; so wie die Herzkrankheit als Folge des Fast-Food-Konsums oder die Schulden als Folge der „Kreditkartenwirtschaft“, quasi ein gottgegebenes Faktum, mit dem zu leben sich einfacher darstellt als Grundlegendes zu ändern und auf Komfort zu verzichten. Das AKW ändert nichts an der Schönheit des Sees, wie auch der See nichts an der Hässlichkeit des AKWs ändert. Erschreckend ist nur, mit welcher Selbstverständlichkeit diese beiden Dinge zusammengehören: die Freiheit und ihr Preis.
Donnerstag, 28. Juli 2011
Eine Prise Daytona
Daytona Beach ist eine Küstenstadt, die ihre Glanzzeit vielleicht schon hinter sich hat. Die Kombination von perfektem Sandstrand und schmucken Hotels samt Nachtlokalen hat aber nach wie vor einiges für sich. Mein Onkel erzählt, dass es heute viel sauberer und gesitteter ist als früher. Früher, damit meint er die 70er und 80er Jahre, also jene Zeit, in der, so erzählt er, betrunkene Studenten auf den Ladeflächen ihrer Pickup Trucks saßen und leichtbekleideten Damen hinterherpfiffen, die den Ocean Drive auf- und abstöckelten. Ich finde, dass es heute nicht gar so viel anders ist, allein die Pickups stehen nicht mehr auf der Straße, sondern nur noch am Strand. Und ja, so betrunken wie früher sind die Studenten auch nicht mehr. Wahrscheinlich gilt überhaupt, dass früher alle Leute viel betrunkener und ungezogener waren als sie es heute sind.
Die Hotelanlagen in Daytona sind groß und mittelmäßig gut geführt. Es sind solche typischen Hotels, die direkt am Meer liegen, in denen die Barkeeper zu freundlich und die Zimmermädchen zu unfreundlich sind. In der Lobby spielt hawaiianisch angehauchte "Strandmusik", die Pools sind von meeresfaulen sonnenbrandverkokelten, leider meist übergewichtigen Amerikanern belegt, die aus dem Landesinneren vor der Hitze an den Strand geflüchtet sind, um dann nicht am Strand, sondern eben am Pool zu liegen. Das rhythmische Knacken ihrer Budweiser-Dosen vermischt sich mit dem Kindergeschrei zu einer Geräuschkulisse, die zu meiden man den "beschwerlichen" Weg zum Strand (3 Stufen abwärts) gern auf sich nimmt. Dort angekommen wundert man sich erst einmal über die vielen Autos, die da stehen. Denn selbst wenn man in einem Hotel wohnt, das direkt am Meer liegt, fährt man hier mit dem Fahrzeug an den Strand, hat man doch etwa 5 Kühlboxen, 8 Strandstühle, ein Zelt, einen Tisch, 10 Luftmatratzen, 3 Surfboards und allerlei Bälle, die man dort aufbauen, aufstellen und ausbreiten muss, sodass dem ausgefüllten Tag am Strand nichts mehr im Wege stehe. Dann wird mit dem Nachbarn darüber diskutiert, wo man sein Sonnensegel her hat, wieviel es gekostet hat und ob es das nicht woanders günstiger geben müsste. Man bietet sich gegenseitig Bier an, weist aber darauf hin, dass es verboten ist, Alkohol am Strand zu trinken, und überhaupt die Kinder... aber man habe ja Plastikbecher etc. Am Strand verstehen sich die Leute.
Doch nicht nur der Strand ist interessant. Daytona ist auch Amerika in klein. Die Natur zeigt sich in Form des Ozeans. Gerne lassen sich Delphine beobachten, Pelikane stürzen munter in die Wellen, um nach Fischen zu tauchen, beim Parasailing sieht man in Küstennähe riesige Mantarochen durch das Wasser gleiten. Nachts ist der Strand lichterfrei, denn zu dieser Jahreszeit kommen Meeresschildkröten, um ihre Eier in zu legen. Oft kann man früh morgens noch deren Spuren im Sand entdecken.
Gleich neben der Natur, direkt an den Strand anschließend, findet sich jenes kapitalistische Brimborium in Form von Hotels, Souvenirläden und Unterhaltungsfirlefanz, das den von der Natur Gelangweilten das Leben wieder lebenswert machen soll. Überschreitet man aber den Ocean Drive und geht nur ein paar Straßen weiter, finden sich verarmte Siedlungen mit verfallenen Häusern, durch die man bei Tageslicht schon nicht gern, bei Nacht aber überhaupt nicht geht. Dieses Nebeneinander von Natur, Unterhaltungskultur und relativem (!) Elend zeichnet ein grobes Bild des amerikanischen Traums und seiner Folgen, ohne dabei allzu tragisch zu wirken. In seiner schlichten Einfachheit überzeugt es den Touristen ebenso wie den Einheimischen und wird daher für authentisch und gottgewollt gehalten.
Die Bewohner von Daytona Beach sind froh, wenn sie in einem Hotel arbeiten können, das noch nicht pleite gegangen ist. Viele der Hotelburgen am Strand stehen leer, wirklich gut halten sich nur jene im absoluten Zentrum, also nahe des Boardwalks und des Piers. Ich spreche mit der Bardame meines Hotels, die mit ihrem Job so halbwegs zufrieden ist. Sie erzählt mir, dass sie heuer in der BikeWeek, die im Februar stattfindet, auf die Dienste in der Hotelbar verzichtet und lieber in einer Kneipe gearbeitet hat. Die BikeWeek soll aber so dürftig besucht gewesen sein, dass sie im Nachhinein bereut hat, den Dienst im Hotel gegen den in der Kneipe getauscht zu haben. 'Rezession' und 'Krise' sind Wörter, die man in den Staaten immer noch dauernd aus jedem Mund hört. Man hört auch, dass die Politiker schuld seien, nicht aber Gott und schon gar nicht man selber. Also eigentlich hört man das gleiche wie auch in Europa, nur dass die Amerikaner diesen Gedanken irgendwie mehr verinnerlicht haben: Sie glauben an die Krise, anstatt sie überwinden zu wollen.
Leah (so heißt die Bardame) erklärt mir, sie habe Angst vor dem Ozean. Sie möge überhaupt keine natürlichen Gewässer, könne nicht schwimmen und Meerestiere würden bei ihr sowieso Panik verursachen. Außerdem habe sie eine irrationale Angst vor Fröschen. Ich sage, dass das nachvollziehbare Ängste seien, wenn auch - ihren Geburts- und Wohnort in Anbetracht ziehend - etwas unglückliche. Darüberhinaus habe sie Angst vor Luftballons. Die ständige Gefahr des Platzens bereite ihr unsäglichen Stress. Das halte ich schon für eine interessantere Angst. Noch interessanter allerdings ist ihre Angst vor Einkaufswägen. Was es daran zu fürchten gebe, frage ich. Leah meint, es sei die ständige Panik davor, mit jemandem zusammenzustoßen, etwas umzufahren und die Kontrolle über den Wagen zu verlieren. Die Angst vor Einkaufswagen halte ich für eine außerordentlich besondere Angst und gratuliere ihr dazu, denn so etwas Seltsames habe ich noch nie gehört. Sie freut sich irgendwie darüber und sagt mir, dass es schon witzig sei und sie auch gut mit ihren Ängsten leben könne. Allerdings mache ihr ihr Ekel vor Blut zu schaffen, der es ihr in Kombination mit den anderen Ängsten nahezu unmöglich mache, irgendwann einmal Kinder zu haben.
Ich stelle mir vor, wie Leah für eine Geburtstagsfeier eines ihrer Kinder einkaufen fährt, mehrere Male durch den Supermarkt läuft, weil sie keinen Einkaufswagen, sondern nur einen Handkorb zur Verfügung hat; wie sie Luftballons kauft, obwohl sie weiß, dass diese ihr die Party zur Hölle machen werden. Und dann sehe ich die herumtollenden Kinder und wie sie sich die Knie blutig schlagen, während Mama in Ohnmacht fällt.
Leah erzählt mir noch von dem Unbehagen, das sie verspürt, wenn sie jemand an einer Seite ihres Körpers berührt und wie sie sich dann selbst auf der anderen Seite berühren muss, um die erste Berührung 'auszugleichen'. "Wenn mein Freund mir zum Beispiel einen Klaps auf die rechte Pobacke gibt, muss ich mir selbst auf die linke schlagen, sonst drehe ich durch!", erklärt sie mir. Aha.
Leah lädt mich noch auf ein Bier ein, erklärt mir, wo in der Nacht etwas los ist und entlässt sie mich danach. Zum Abschied bedanke ich mich für ihre interessanten Ausführungen und tätschle ihr freundlich den linken Arm. Auf meinem Weg zum Aufzug sehe ich noch, wie sie beim Umdrehen, so unauffällig wie möglich, ihren rechten Arm berührt.
Sie ist zwar nett, denke ich, doch irgend etwas stimmt nicht mit ihr. Gleiches sollte auch für den Priester gelten, den ich ein paar Abende später traf...
Die Hotelanlagen in Daytona sind groß und mittelmäßig gut geführt. Es sind solche typischen Hotels, die direkt am Meer liegen, in denen die Barkeeper zu freundlich und die Zimmermädchen zu unfreundlich sind. In der Lobby spielt hawaiianisch angehauchte "Strandmusik", die Pools sind von meeresfaulen sonnenbrandverkokelten, leider meist übergewichtigen Amerikanern belegt, die aus dem Landesinneren vor der Hitze an den Strand geflüchtet sind, um dann nicht am Strand, sondern eben am Pool zu liegen. Das rhythmische Knacken ihrer Budweiser-Dosen vermischt sich mit dem Kindergeschrei zu einer Geräuschkulisse, die zu meiden man den "beschwerlichen" Weg zum Strand (3 Stufen abwärts) gern auf sich nimmt. Dort angekommen wundert man sich erst einmal über die vielen Autos, die da stehen. Denn selbst wenn man in einem Hotel wohnt, das direkt am Meer liegt, fährt man hier mit dem Fahrzeug an den Strand, hat man doch etwa 5 Kühlboxen, 8 Strandstühle, ein Zelt, einen Tisch, 10 Luftmatratzen, 3 Surfboards und allerlei Bälle, die man dort aufbauen, aufstellen und ausbreiten muss, sodass dem ausgefüllten Tag am Strand nichts mehr im Wege stehe. Dann wird mit dem Nachbarn darüber diskutiert, wo man sein Sonnensegel her hat, wieviel es gekostet hat und ob es das nicht woanders günstiger geben müsste. Man bietet sich gegenseitig Bier an, weist aber darauf hin, dass es verboten ist, Alkohol am Strand zu trinken, und überhaupt die Kinder... aber man habe ja Plastikbecher etc. Am Strand verstehen sich die Leute.
Doch nicht nur der Strand ist interessant. Daytona ist auch Amerika in klein. Die Natur zeigt sich in Form des Ozeans. Gerne lassen sich Delphine beobachten, Pelikane stürzen munter in die Wellen, um nach Fischen zu tauchen, beim Parasailing sieht man in Küstennähe riesige Mantarochen durch das Wasser gleiten. Nachts ist der Strand lichterfrei, denn zu dieser Jahreszeit kommen Meeresschildkröten, um ihre Eier in zu legen. Oft kann man früh morgens noch deren Spuren im Sand entdecken.
Gleich neben der Natur, direkt an den Strand anschließend, findet sich jenes kapitalistische Brimborium in Form von Hotels, Souvenirläden und Unterhaltungsfirlefanz, das den von der Natur Gelangweilten das Leben wieder lebenswert machen soll. Überschreitet man aber den Ocean Drive und geht nur ein paar Straßen weiter, finden sich verarmte Siedlungen mit verfallenen Häusern, durch die man bei Tageslicht schon nicht gern, bei Nacht aber überhaupt nicht geht. Dieses Nebeneinander von Natur, Unterhaltungskultur und relativem (!) Elend zeichnet ein grobes Bild des amerikanischen Traums und seiner Folgen, ohne dabei allzu tragisch zu wirken. In seiner schlichten Einfachheit überzeugt es den Touristen ebenso wie den Einheimischen und wird daher für authentisch und gottgewollt gehalten.
Die Bewohner von Daytona Beach sind froh, wenn sie in einem Hotel arbeiten können, das noch nicht pleite gegangen ist. Viele der Hotelburgen am Strand stehen leer, wirklich gut halten sich nur jene im absoluten Zentrum, also nahe des Boardwalks und des Piers. Ich spreche mit der Bardame meines Hotels, die mit ihrem Job so halbwegs zufrieden ist. Sie erzählt mir, dass sie heuer in der BikeWeek, die im Februar stattfindet, auf die Dienste in der Hotelbar verzichtet und lieber in einer Kneipe gearbeitet hat. Die BikeWeek soll aber so dürftig besucht gewesen sein, dass sie im Nachhinein bereut hat, den Dienst im Hotel gegen den in der Kneipe getauscht zu haben. 'Rezession' und 'Krise' sind Wörter, die man in den Staaten immer noch dauernd aus jedem Mund hört. Man hört auch, dass die Politiker schuld seien, nicht aber Gott und schon gar nicht man selber. Also eigentlich hört man das gleiche wie auch in Europa, nur dass die Amerikaner diesen Gedanken irgendwie mehr verinnerlicht haben: Sie glauben an die Krise, anstatt sie überwinden zu wollen.
Leah (so heißt die Bardame) erklärt mir, sie habe Angst vor dem Ozean. Sie möge überhaupt keine natürlichen Gewässer, könne nicht schwimmen und Meerestiere würden bei ihr sowieso Panik verursachen. Außerdem habe sie eine irrationale Angst vor Fröschen. Ich sage, dass das nachvollziehbare Ängste seien, wenn auch - ihren Geburts- und Wohnort in Anbetracht ziehend - etwas unglückliche. Darüberhinaus habe sie Angst vor Luftballons. Die ständige Gefahr des Platzens bereite ihr unsäglichen Stress. Das halte ich schon für eine interessantere Angst. Noch interessanter allerdings ist ihre Angst vor Einkaufswägen. Was es daran zu fürchten gebe, frage ich. Leah meint, es sei die ständige Panik davor, mit jemandem zusammenzustoßen, etwas umzufahren und die Kontrolle über den Wagen zu verlieren. Die Angst vor Einkaufswagen halte ich für eine außerordentlich besondere Angst und gratuliere ihr dazu, denn so etwas Seltsames habe ich noch nie gehört. Sie freut sich irgendwie darüber und sagt mir, dass es schon witzig sei und sie auch gut mit ihren Ängsten leben könne. Allerdings mache ihr ihr Ekel vor Blut zu schaffen, der es ihr in Kombination mit den anderen Ängsten nahezu unmöglich mache, irgendwann einmal Kinder zu haben.
Ich stelle mir vor, wie Leah für eine Geburtstagsfeier eines ihrer Kinder einkaufen fährt, mehrere Male durch den Supermarkt läuft, weil sie keinen Einkaufswagen, sondern nur einen Handkorb zur Verfügung hat; wie sie Luftballons kauft, obwohl sie weiß, dass diese ihr die Party zur Hölle machen werden. Und dann sehe ich die herumtollenden Kinder und wie sie sich die Knie blutig schlagen, während Mama in Ohnmacht fällt.
Leah erzählt mir noch von dem Unbehagen, das sie verspürt, wenn sie jemand an einer Seite ihres Körpers berührt und wie sie sich dann selbst auf der anderen Seite berühren muss, um die erste Berührung 'auszugleichen'. "Wenn mein Freund mir zum Beispiel einen Klaps auf die rechte Pobacke gibt, muss ich mir selbst auf die linke schlagen, sonst drehe ich durch!", erklärt sie mir. Aha.
Leah lädt mich noch auf ein Bier ein, erklärt mir, wo in der Nacht etwas los ist und entlässt sie mich danach. Zum Abschied bedanke ich mich für ihre interessanten Ausführungen und tätschle ihr freundlich den linken Arm. Auf meinem Weg zum Aufzug sehe ich noch, wie sie beim Umdrehen, so unauffällig wie möglich, ihren rechten Arm berührt.
Sie ist zwar nett, denke ich, doch irgend etwas stimmt nicht mit ihr. Gleiches sollte auch für den Priester gelten, den ich ein paar Abende später traf...
Sonntag, 19. Juni 2011
Landmarken: Das Metnitztal II
Es wandert sich im Metnitztal vortrefflich, sofern man weiß, wohin man muss. Wir haben den Vorteil, mit Ortskundigen unterwegs zu sein und so können wir es auch riskieren, der Warnung unseres Gastgebers zu trotzen und den Weg ohne wasserfeste Schuhe anzutreten. Die Wiesen sind noch feucht, ja, aber so schlimm wird es auch nicht werden, sind wir uns sicher. Ganz und gar nicht nach der Art des Wanderers gekleidet, stehen mein Beifahrer und ich achselzuckend vor dem Haus und sehen uns die Bergschuhe der übrigen Wanderteilnehmer an. Ich sehe aus wie ein Jogger, trage eine dunkelblaue Adidas-Trainingsjacke, eine lange Jogginghose und brandneue Nike-Laufschuhe, die ich an diesem Wochenende eingehen wollte. Respekt vor neuen, sauberen Schuhen ist mir fremd. Sie sollen bald so aussehen, als hätte man sie auch reichlich getragen. Mein Beifahrer steht mit beiden Händen in den Hosentaschen seiner Jeans da, er trägt zwar ein Wanderhemd, aber die Sneakers an seinen Füßen sprechen eine andere Sprache. Die Brille, mit der man ihn sonst nur auf seiner Couch an langen, verregneten Fernsehtagen liegen sieht, steckt lässig im Ausschnitt seines Hemdes. Irgendwie sieht er aus wie ein Ornithologe, der sich erst einmal einen ungefähren Überblick über die im Metnitztal heimischen Vogelarten verschaffen will, bevor er seine Forschung richtig angeht. Wir werden ob unserer lässigen Wanderausrüstung natürlich ausgelacht – was wir aber einsehen.
Zunächst geht es mit den Autos in irgendeinen Hinterwinkel eines Seitentals. Dort wohnt der „Alkfred“, wie man ihn hier scherzhaft nennt. Vom Haus des Alkfreds werden wir auf einem Anhänger über Waldwege gezogen. So lange, bis man nur noch mit einem Traktor weiterfahren könnte. Das Mitfahren auf dem Anhänger macht Spaß, aber der Spaß weicht bald der Verunsicherung: Keiner von uns weiß, wo wir sind und was mit uns passieren wird. Plötzlich beschleichen einen Gedanken der absonderlichsten Art. Man fragt sich, wie gut man den Gastgeber eigentlich kennt, sieht den anderen Einheimischen ins Gesicht, ob man ihnen trauen kann. Aber alle haben den gleichen gutmütigen kärntnerischen Gesichtsausdruck, der nichts verrät. Man steigt also vom Anhänger und verdrängt die bösen Gedanken, versucht sich auf die Wanderung zu freuen.
Etwas Anderes bleibt einem auch nicht übrig, denn man folgt hier keinem ausgewiesenen Wanderweg, sondern dem Ortskundigen. So geht man einfach quer in den Wald hinein, nach zehn Minuten kommt man auf eine Forststraße, die man ein bisschen entlang geht, bevor man wieder irgendwo in den Wald einbiegt. Am Boden erkennt man ungefähre Trampelpfade, die aber höchstens hie und da von Förstern beschritten werden, kein deutscher Wandertourist hat hier jemals seinen Fuß auf den Waldboden gesetzt – ein Gefühl, das man als Bewohner einer Tourismusregion zu schätzen weiß. So weht ein Hauch von Pioniergeist durch die Metnitzer Wälder, während wir uns Meter für Meter durch den Wald kämpfen.
Die Stimmung unter den Wandernden ist zwar gut, eine schöne Aussicht (Grundingredienz jeder Wanderung) ist jedoch nicht vorhanden. Zu schwer hängt der Morgennebel in den Tälern, zu schwach ist die Metnitzer Junisonne, um die Wälder dauerhaft vom Dunst zu befreien. Manchmal kann man einen blauen Streifen am Himmel erkennen, die Hoffnung auf schönes Wetter ist jedoch nicht von Dauer. Wir erreichen, nachdem der Wald durchquert wurde, eine breite Wiese, die uns zum letzten Anstieg führt, bevor wir den 2047m hohen Hirschstein erklimmen. Oben angekommen erwartet uns eine fast mystische Stimmung. Der Wind bläst den Nebel scharf von der Seite zwischen den zwei großen Felsen hindurch, die der steileren Flanke des Berges entwachsen und ihm, so versichert uns ein Einheimischer, den Namen eingetragen haben. Von unten sehen die zwei Felsen nämlich aus wie ein Hirschgeweih. Ganz sicher ist sich der Einheimische zwar nicht, wir glauben es aber dankbar.
Wir trinken ein Gipfelbier und machen uns, als wir ein tiefes Donnern aus dem Nebel heraus vernehmen, schnell wieder auf den Weg zurück ins Tal. Im großen Rucksack des Gastgebers scheppern die leeren Bierflaschen, ich und mein Beifahrer haben nasse Füße, was uns aber egal ist, denn wir haben mehr oder weniger bewiesen, dass man für den Hirschstein keine Bergschuhe braucht – nasse Füße hin oder her. Beim Haus des Alkfreds wieder angekommen, gibt es noch ein Bier. Am Weg vom Alkfred zu unserer Unterkunft, den wir abermals mit dem Auto zurücklegen, sehe ich einen alten Mann, der vor einer Hausmauer sitzt und schaut. Er sieht aus, als säße er hier schon Jahrzehnte. Er schaut unseren Autos nach, aber viele Autos kommen an seinem Haus nicht vorbei. Ansonsten schaut er geradewegs auf die bewaldeten Hügel vor ihm. Etwas Zufriedenes strahlt er aus, obwohl sich in seinem Leben nicht mehr so viel tut.
Später dann, bei der Grillerei, die unser Gastgeber veranstaltet, gibt es dann noch mehr Bier. Sorgenlos und ein bisschen müde sitzen wir auf überdachten Bierbänken. Es fängt an zu regnen, aber die Gesichter der Kärntner trübt das nur wenig. Es scheint, als könnte nichts diese Gesichter trüben. So mag es im Metnitztal vielleicht nie richtig warm werden, seine Bewohner aber tragen die Sonne im Herzen. Die einen sagen, das sei das Hirterbier. Die anderen sagen, das sei das Murauer Bier. Wieder andere meinen, das läge in der Kärntner Natur.
Freitag, 17. Juni 2011
Landmarken: Das Metnitztal I
Wir können, von der Murtalschnellstraße kommend, entweder über Murau oder über Friesach nach Metnitz fahren. Was sich zuerst anhört wie eine Entscheidung zwischen Skylla und Charybdis, entpuppt sich letztlich als Frage des Geschmacks. Da wir aber, wie wir hören, auf die eine Seite des Metnitztals müssen (Richtung Flattnitz nämlich), sei es gescheiter, über Murau zu kommen, wohingegen es, wenn man wieder aus Metnitz rausfährt, besser sei, den Weg über Friesach zu wählen – das sollten wir aber dann erst am nächsten Tag herausfinden.
Wir kommen also über Murau nach Metnitz bzw. dorthin, was alles als Metnitz gilt. Die Straße von Murau nach Metnitz ist lang und schmal, sie schlängelt sich über Anhöhen durch Wälder, von denen wir noch genug sehen sollten. Interessant ist, dass bis zur Grenze zwischen Steiermark und Kärnten die Straße recht schlecht ist, sobald man aber in das gelobte Land eingefahren ist, sie den Eindruck macht, als wäre sie erst vor wenigen Wochen asphaltiert worden. Hat dies mit dem vielen Geld zu tun, das die Kärntner haben? Oder hat es damit zu tun, dass die Metnitzer lieber nach Murau fahren als die Murauer nach Metnitz? Dass die Metnitzer also alles daran setzen, den Weg nach Murau möglichst schön und angenehm zu halten, wohingegen die Murauer froh sind, wenn sie nicht nach Metnitz müssen, und deswegen auch die Straße dorthin ein wenig vernachlässigen? Ich sollte später erfahren, dass die Kärntner Seite nur momentan die bessere sei, dass die zwei Gemeinden alle paar Jahre die Straße sanieren, und daher einmal der steirische, und ein dann wieder der kärntnerische Abschnitt neuer sei. Ich solle einmal im Winter die Strecke fahren, da sehe man, dass die Steirer ihren Abschnitt viel besser vom Schnee befreien, als es die Kärntner auf ihrer Seite tun.
Zuerst müssen wir aber zum Oberhofer Sportplatz. Den finden wir, so lautet jedenfalls die Anweisung, indem wir, an der Hauptstraße angekommen, in Richtung Flattnitz fahren – der Sportplatz komme dann irgendwann einmal auf der linken Seite. Seitdem wir aber von Murau weggefahren sind, schaut es gar nicht so aus, als käme irgendwann noch einmal irgendwas – von einem Sportplatz ganz zu schweigen! Jedenfalls finden wir die Hauptstraße und tatsächlich macht uns ein Schild auf jene Richtung aufmerksam, in welcher die Flattnitz liegt. Also biegen wir rechts ab und fahren. Wir fahren auf und ab, immer weiter in den Wald hinein, dann wieder aus dem Wald heraus, irgendwann sogar an einem Haus vorbei. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass da irgendwann noch einmal ein Sportplatz daherkommt“, murmle ich vor mich hin. Ob wir falsch sind? Andererseits können wir uns auch nicht vorstellen, dass, hätten wir irgendeine andere Richtung eingeschlagen, dort irgendwo ein Sportplatz aufgetaucht wäre. Seit gut 25 Minuten fahren wir nur zwischen Wäldern umher – ein Sportplatz scheint uns hier so undenkbar wie eine Würstelbude in der Sahara.
Dann aber, nach einer Linkskurve, erspähe ich plötzlich ein altes, graues Gebäude und davor, direkt an der Straße, das dunkle Grün eines vollgeregneten Fußballrasens. „Das muss es sein“, sage ich und werde langsamer. Mein Beifahrer meldet Zweifel an. Das könne es nicht sein, das sei doch kein Sportplatz. Ich entgegene, dass ich nicht glaube, dass wir noch etwas Sportplatzigeres finden würden als eben diesen kleinen Fußballplatz vor der Bruchbude, die sich als ehemalige Volksschule zu erkennen gibt. Oberhalb des Platzes, fast hinter der Schule, stehen ein paar Gestalten und irgendwo raucht es. Ich bin mir sicher, dass wir richtig sind, und tatsächlich haben auch schon unsere Gastgeber von uns Notiz genommen. Ich parke das Auto vor der Schule und wir steigen aus.
Es ist eisig. Dass sich Wälder im Sommer als kühle Zufluchtsorte für Hitzegeplagte eignen, hat im Metnitztal den Effekt, dass es hier vor lauter Wald gar nie warm wird. Zugegeben, es hat einen Temperatursturz gegeben und es ist bewölkt und feucht. Trotzdem ist es Mitte Juni und man fühlt sich vom Wetter ein wenig betrogen. Auch die Einheimischen meinen, dass es recht kalt sei. Ob es denn im Sommer nie richtig heiß werde, frage ich, halb im Spaß. Nein, so richtig heiß werde es eigentlich nie, sagt man mir. Ob auch das ein Scherz ist, kann ich den kärntnerischen Gesichtern nicht entnehmen, denn diese sind immer froh, und freundliche Gesichter sind schwer zu durchschauen. Wir stehen jedenfalls ein wenig bibbernd im Schlamm neben der Schule, etwas oberhalb des Fußballfeldes. Es hat geregnet und es ist wie gesagt ziemlich kalt, was aber die gute Laune der Kärntner ganz und gar nicht trübt.
Es hat am Nachmittag nämlich ein Fußballturnier stattgefunden. Oberhof I hat gegen Oberhof II gespielt. Ich glaube, auch eine dritte Mannschaft war dabei. Daraus muss sich dann der Turniercharakter ergeben haben. Wer gewonnen hat, weiß ich auch nicht, aber im Hintergrund singen ein paar Leute irgendein Jubellied. Seit dem Ende des Turniers wird gefeiert. Man hat neben der Schule ein Standl stehen, an dem Bier ausgeschenkt wird. Noch etwas weiter oben stehen ein paar Bierbänke und eine alte Tonne, aus der es herausraucht. Man hat sie mit Brennholz gefüllt und es steht eine Gruppe Männer um sie herum - sie wärmen sich. Das Bild erinnert mich an Obdachlose in einer amerikanischen Großstadt, es fehlen ihnen eigentlich nur die Fellmützen und die fingerlosen Handschuhe. Natürlich fehlt dem Bild auch die Großstadt. Stattdessen Wald, Wald, Wald, Fußballplatz, Werkstätte auf der anderen Straßenseite, alte Volksschule und wieder Wald. Forstwirtschaft sei wichtig in Metnitz, sagt mir jemand. Ich glaube es ihm.
Die Anwesenden sind alle ziemlich betrunken. Ein paar Mädels rutschen über den vollkommen verschlammten Abhang. Sie kichern und ziehen sich gegenseitig immer wieder in den Dreck. Der Rest steht herum und trinkt Bier; irgendwann gibt jemand eine Runde Jägermeister aus. Auch wir trinken Bier. Metnitz ist nämlich biertechnisch gesegnet, sagt man. Die Hirter- und die Murauerbrauerei liegen beide gleich in der Nähe. Egal was auch passiert, den Metnitzern geht das Bier so schnell nicht aus, da können die Sommer kalt sein, wie sie wollen. Uns wärmt das Bier nur wenig, trotzdem müssen wir noch ein zweites trinken, bevor wir uns zum Haus unserer Gastgeber begeben. Wo sie denn genau wohnen würden, frage ich den einen. „Do hinten oben im Wold“, sagt er mir. „Aso!“, sage ich und schaue in den Wald, während ich mir denke, dass diese Ortsangabe ja praktisch auf jedes Haus im Metnitztal zutreffen müsste.
Fortsetzung folgt...
Sonntag, 8. Mai 2011
Landmarken: Der Lendplatz
Aus dem Grazer Lendplatz wird kein Mensch schlau. Von allen Plätzen in Graz, zumindest von allen größeren, ist der Lendplatz der fragwürdigste. Eine steile These, mag man meinen, wenn man an Plätze wie den Jakominiplatz, den Griesplatz oder den wirklich auch sehr fragwürdigen Geidorfplatz denkt. Der größte Konkurrent in Sachen Fragwürdigkeit ist aber der Andreas-Hofer-Platz, der ehemalige Fischplatz. Schon allein der Name ist da sehr fragwürdig. Denn erstens: Was hat der Andi Hofer mit Graz zu tun? Zweitens verrät der alte Name schon, dass der Platz für die Fisch ist. Aber der Andi-Hofer-Platz ist schon dermaßen absurd und hässlich, dass ich ihm glatt das Wettbewerbsrecht aberkennen würde, weil er in Sachen Fragwürdigkeit tatsächlich in einer ganz eigenen Liga spielt.
Dem Lendplatz hingegen kann man eine gewisse Wichtigkeit schon allein deswegen nicht absprechen, weil er die Feuerwehr beherbergt und weil er Verkehrsknotenpunkt für 4 (in Worten: vier) GVB-Buslinien ist; außerdem fahren noch ein paar Watzke-Busse in Dörfer, die außerhalb von Graz liegen und in die in Wahrheit niemand fahren will, außer ein paar alte Leute, die nicht mehr selber mit dem Auto fahren können oder dürfen. Im Vergleich zum Jakominiplatz ist aber die verkehrstechnische Bedeutung des Lendplatzes natürlich mickrig.
Der Lendplatz ist aber gleichzeitig auch lässig, weil da viele hippe und junge Läden auf- und oft bald wieder zusperren. In den Zeitungen steht dann, das Viertel blühe auf. Außerdem ist der Lendplatz ein multikulturelles Kleinod, weil es da türkische Geschäfte gibt und ein serbisches Café sowie einen sehr modern interpretierten Kramerladen ungeklärter ethnischer Provenienz. Auch eine kurdische Pizzeria gibt es dort, die sehr gut ist. Und sonst auch noch ein paar Lokale, steirische und sonstige; man könnte also auch behaupten, dass der Lendplatz ein regelrechtes Genussviertel ist.
Freilich ist der Lendplatz auch eine Vergnügungsmeile. Denn es gibt ein Admiral Sportwettencafé, wo garstige alte Steirer den ganzen Tag Bier trinken und rauchen. In den anderen beiden Wettcafés wird sicher auch garstig getrunken und geraucht. Und natürlich gibt’s am Lendplatz Puffs. Und es gibt die Scherbe und das Exil und das Pierre's und auch das ppc ist da und so weiter und so fort.
Auch einen Bauern-Markt gibt es am Lendplatz, also ist der Lendplatz auch ein Marktplatz. Ein paar feste Standeln gibt es da, wo man auch, wenn kein Markt ist, hingehen und was kaufen kann. Meistens gehen die Leute aber nur zum Saufen hin. Wenn man den Bauernmarkt nicht mag, weil einem das zu persönlich ist, dann kann man auch zum Billa oder zum Spar gehen, denn auch solche Geschäfte hat es am Lendplatz. Parfums und Make-Up kauft man beim Bipa, Druckerpatronen und CDs beim Libro und wenn man einmal nicht daheim schlafen will, mietet man sich im Mercure (seriös) oder im Etap-Hotel (unseriös) ein, denn auch Hotels gibt es am Lendplatz.
Geld für die Hotels holt man sich bei der Sparkassa oder der Bank Austria, der Lendplatz ist nämlich das Bankenviertel von Lend. Es gibt am Lendplatz drei Friseure, einen für Herren, einen für Damen und einen für Türken. Es gibt einen Handyshop und einen Bäcker, ein Fotostudio, ein Reisebüro, eine Fahrschule, die Polizei, die Post, einen Floristen... es ist fast nicht zum Aushalten.
Ich frage mich, was es am Lendplatz eigentlich nicht gibt. Bis auf eine Straßenbahnhaltestelle gibt es eigentlich alles. Viele werden jetzt fragen, warum ich den Lendplatz nun für den fragwürdigsten aller Grazer Plätze halte. Eben deswegen, weil es da im Prinzip alles gibt und man, sofern man in Lendplatznähe wohnt, eigentlich nur zum Lendplatz gehen muss, wenn man irgendwas braucht. Das ist deswegen ein Problem, weil es dem Lendplatz nun doch nocht an etwas fehlt: an Flair. Ganz Lend hat keinen Flair, ja man müsste fast sagen, dass der Lendplatz in Sachen Flair noch das Highlight innerhalb der Grenzen von Lend ist. Als Lendbewohner kommt man, wenn man es praktisch sieht, nie über den Lendplatz hinaus, das heißt, man bekommt von Flair nie irgendwas mit, obwohl es in Graz hie und da schon ein bissl Flair zu erhaschen gäbe. Sicher aber nicht am Lendplatz!
Also geht man als Lendbewohner Umwege. Man geht möglichst schnell aus dem Lend (so heißt es doch, oder? Heißt es nicht der Lend?) hinaus, über die Keplerbrücke hinüber oder am Kai entlang Richtung Gries, bis man beim Kunsthaus ist, das ja eigentlich noch in Lend steht, aber das ist nur eine Beckmesserei für Stadtplanzeichner, denn gefühlt gehört das Kunsthaus zur Innenstadt. Man hat es nur nach Lend gestellt, also auf die andere Murseite hinüber verfrachtet, weil man da noch Platz gehabt hat und weil man es dort schön von der Innenstadt aus sehen kann. Von (vom?) Lend aus sieht man das Kunsthaus nämlich überhaupt nie, und wenn, dann nur von hinten, und von hinten ist es hässlich wie nur was – richtig ungustiös.
Die Umwege geht man als Lendbewoher, damit man einmal hinaus kommt aus dem Lend, damit man etwas Anderes sieht und ein wenig von der, sich ihrer natürlichen Grenzen gänzlich bewussten Grazer Schönheit mitbekommt. Den Lendplatz gilt es daher zu meiden. Er ist ein flairloser Alleskönner, ein Unsympathler der hundsgemeinen Art, den sie nur deswegen gemacht haben, damit die Leute, die am Grazer Bahnhof ankommen, und die nur schnell was brauchen (einen Friseur, einen Bäcker, einen Floristen), gar nicht in die Innenstadt kommen, weil es am Lendplatz ja eh alles gibt. Und weil dann viele über die Annenstraße in die Innenstadt wollten, haben sie die verkümmern lassen; haben sie zu einem langgezogenen Lendplatz werden lassen und zusätzlich, um ganz sicher zu gehen, dass keine lästigen Leute in die Innenstadt kommen, haben sie beim Bahnhof noch einen Spar gebaut, der so lange offen hat, bis kein Zug mehr fährt und kein Lästiger mehr ankommt und in die Innenstadt fahren muss. Früher hat man Stadtmauern gebaut, heute macht man ungustiöse Plätze und Straßen, die die Leute davon abhalten, in die schöne Innenstadt zu kommen.
Mittwoch, 27. April 2011
Landmarken: Das Altenmarkter Lagerhaus
Wenn man bei Altenmarkt im Pongau vorbeifährt, dann fällt einem sofort ein Gebäude auf, dessen solide Grazie sich auf die natürlichste Weise ins Landschaftsbild einfügt. Nicht so wie der Pongauer Dom zu St. Johannis, der ein bisschen protzig wirkt da auf seiner Anhöhe droben, wo er herrisch über den mickrigen Gemeindehäuseln thront - wie ein kleiner St. Stephan für ehemalige Bergbauerndörfer.
Nein, in Altenmarkt geht es subtiler zu, da wird mit dem feinen Strich gearbeitet. Im Übrigen ist es keine Kirche, die sich da so ästhetisch hervortut, wie es in den meisten Gegenden der Fall ist. Man denke hier nur an St. Georgen im Pinzgau, wo ein liebes kleines weißes Kircherl eine gar malerische Anhöhe schmückt. Aber in Altenmarkt ist es auch keine Burg, kein Schloß oder eine Ruine, die einen daran erinnert, dass hier früher einmal wichtige Persönlichkeiten ansässig waren. Beispiele: Kaprun, Mittersill, Werfen und auch Rottenmann mit der Burg Strechau, deren strenger Name nicht darüber hinweg täuschen kann, dass es sich bei dieser Burg um die einzige Perle des Paltentals handelt, der sogenannten "Selbstmördergegend" um Trieben und Treglwang.
Zurück zu Altenmarkt und seiner architektonischen Perle. Es ist der Turm vom Lagerhaus, der sich nahe der eigentlichen Hauptstraße befindet - der Salzburger Straße nämlich, welche die wichtigste Straße in Altenmarkt ist, weil sie am Orstkern vorbei und nicht etwa hinein führt wie die irrtümlich so bezeichnete "Hauptstraße", die tatsächlich so heißt und geradewegs ins Verderben, nämlich nach Altenmark hinein, dafür aber auch näher am Lagerhaus vorbei führt. Egal, zu nahe will der geübte Lagerhaus-Connaisseur dem Objekt der Begierde auch gar nicht kommen. Wie man sich vor einem schönen Gemälde in einem zweckvollen Respektsabstand positioniert, so kann man auch erst die raffinierte Schönheit des Lagerhausturms vor der Kulisse der Altenmarkter Radstädter Tauern ganz begreifen, wenn man ihn von der Salzburger Straße aus betrachtet.
Dass die Salzburger Straße dann geradewegs nach Radstadt führt, nach dem die Tauern in dieser Gegend benannt sind, ist vielleicht Zufall. Jedenfalls haben es die Altenmarkter nicht gern, wenn man von Radstadt spricht, von jener selbsternannten Sportstadt, deren Wahrzeichen mittlerweile nicht mehr die vollkommen durchschnittliche romanischgotische Elendskirche ist, sondern die Brücke, die über die Straße führt, auf der ein Willkommensgruß und eine Internetadresse sowie der Titel "Sportstadt" derart verwirrend einander den Rang um Geltung ablaufen, dass man, wenn man unter der Brücke durchfährt, nicht weiß, ob man sich in Radstadt, in Sportstadt oder auf einer Webseite befindet. Ansonsten gilt für Radstadt nur: Geradeaus geht's nach Kärnten, rechts geht's nach Graz und Wien.
Ja, der Lagerhausturm von Altenmarkt, er geht einem nicht mehr aus dem Sinn, hat man ihn einmal gesehen: eine gelblich-braune Fassade und ein Abschluss aus Holz, dessen Form an einen Wachturm erinnert. Wir fragen uns, wer hier wohl über wen wachen mag. Der Bauernbund über die Gemeinde? Das Lagerhaus über die im Haus gelagerten Sachen? Für den Vorbeifahrenden, das Lagerhaus aus sicherem Abstand bewundernden Kenner bedeutender Landmarken, hat diese Wachturmästhetik zunächst etwas Beunruhigendes. Doch die relative Ödnis, von der das Altenmarkter Lagerhaus umgeben ist, lässt wissen: Hier gibt es nichts zu befürchten, nichts zu beobachten, ergo nichts zu überwachen. Vielmehr ist das Bauwerk Selbstzweck, es zieht die Blicke auf sich selbst, anstatt neugierigen oder überwachenden und strafenden Köpfen Ausblick zu sein.
So fährt man ein wenig wehmütig am Altenmarkter Lagerhausturm vorbei und malt sich aus, wie es denn dort an einem Samstag Vormittage zuginge, wenn um Punkt 12 von der Feuerwache herüber die Sirene ertönt und sich die jüngeren Altenmarkter gegenseitig angrinsen und feixen, dass das jetzt das Zeiche wäre, dass das Lagerhaus zusperre, während vor dem Lagerhausturm die Bauern noch die sogenannten "letzten Besorgungen" erledigen, ehe das Wochenende ihnen die Seele trübe macht. Sicher laden sie noch geschwind säckeweise Dünger auf die Anhänger ihrer Steyr-Traktoren (einige Pongauer Rednecks ließen sich vielleicht auch zu einem amerikanischen Fabrikat, einem grünen John Deere, überreden), haben noch Zeit für den einen oder anderen kühnen Spott über die Landwirtschaft, die Frau oder eben auch das Gefährt des Kompagnons und verabreden sich schließlich, den Traktor anstartend und deswegen laut gegen die sprotzelnden Motorengeräusche anschreien müssend, zum Stammtisch.
Doch meist liegt das Lagerhaus still da, wie ein Mahnmal aus früheren Zeiten. Und der Turm steht einsam in der Landschaft, mehr zum Hohn als zum Gedächtnis. Böse Zungen behaupten, er ähnle jenem unsäglichen Türmlein, das aus der Mitte des Schlosses Trautenfels bei Pürgg im Ennstal wie ungefragt herausragt und dessen Optik tatsächlich an die "bösen Zeiten" erinnert, als Wachtürme noch von grimmigen Wärtern besetzt waren und ihre traurige Funktion zu erfüllen hatten. Doch mit diesem "KZ-Turm", der das Schloss Trautenfels so grausig entstellt, hat der Lagerhausturm in Altenmarkt nichts gemein. Er steht für die stumme Einfalt des ländlichen Lebens, für die Idylle einer kleinen Marktgemeinde, deren Ruhm, welchen ihr das Skigebiet Altenmarkt-Zauchensee eingetragen hat, einst gemischte Gefühle unter der Bevölkerung weckte. So gesehen ist das Lagerhaus samt Turm die letzte Bastion des ehrlichen Altenmarkters: Ort des Rückzugs und der Besinnung gleichermaßen und zudem ein Blickfang in der sonst eher langweiligen, autobahnzerfahrenen Landschaft. Gott schütze unser Lagerhaus und besonders das Lagerhaus in Altenmarkt!
Nein, in Altenmarkt geht es subtiler zu, da wird mit dem feinen Strich gearbeitet. Im Übrigen ist es keine Kirche, die sich da so ästhetisch hervortut, wie es in den meisten Gegenden der Fall ist. Man denke hier nur an St. Georgen im Pinzgau, wo ein liebes kleines weißes Kircherl eine gar malerische Anhöhe schmückt. Aber in Altenmarkt ist es auch keine Burg, kein Schloß oder eine Ruine, die einen daran erinnert, dass hier früher einmal wichtige Persönlichkeiten ansässig waren. Beispiele: Kaprun, Mittersill, Werfen und auch Rottenmann mit der Burg Strechau, deren strenger Name nicht darüber hinweg täuschen kann, dass es sich bei dieser Burg um die einzige Perle des Paltentals handelt, der sogenannten "Selbstmördergegend" um Trieben und Treglwang.
Zurück zu Altenmarkt und seiner architektonischen Perle. Es ist der Turm vom Lagerhaus, der sich nahe der eigentlichen Hauptstraße befindet - der Salzburger Straße nämlich, welche die wichtigste Straße in Altenmarkt ist, weil sie am Orstkern vorbei und nicht etwa hinein führt wie die irrtümlich so bezeichnete "Hauptstraße", die tatsächlich so heißt und geradewegs ins Verderben, nämlich nach Altenmark hinein, dafür aber auch näher am Lagerhaus vorbei führt. Egal, zu nahe will der geübte Lagerhaus-Connaisseur dem Objekt der Begierde auch gar nicht kommen. Wie man sich vor einem schönen Gemälde in einem zweckvollen Respektsabstand positioniert, so kann man auch erst die raffinierte Schönheit des Lagerhausturms vor der Kulisse der Altenmarkter Radstädter Tauern ganz begreifen, wenn man ihn von der Salzburger Straße aus betrachtet.
Dass die Salzburger Straße dann geradewegs nach Radstadt führt, nach dem die Tauern in dieser Gegend benannt sind, ist vielleicht Zufall. Jedenfalls haben es die Altenmarkter nicht gern, wenn man von Radstadt spricht, von jener selbsternannten Sportstadt, deren Wahrzeichen mittlerweile nicht mehr die vollkommen durchschnittliche romanischgotische Elendskirche ist, sondern die Brücke, die über die Straße führt, auf der ein Willkommensgruß und eine Internetadresse sowie der Titel "Sportstadt" derart verwirrend einander den Rang um Geltung ablaufen, dass man, wenn man unter der Brücke durchfährt, nicht weiß, ob man sich in Radstadt, in Sportstadt oder auf einer Webseite befindet. Ansonsten gilt für Radstadt nur: Geradeaus geht's nach Kärnten, rechts geht's nach Graz und Wien.
Ja, der Lagerhausturm von Altenmarkt, er geht einem nicht mehr aus dem Sinn, hat man ihn einmal gesehen: eine gelblich-braune Fassade und ein Abschluss aus Holz, dessen Form an einen Wachturm erinnert. Wir fragen uns, wer hier wohl über wen wachen mag. Der Bauernbund über die Gemeinde? Das Lagerhaus über die im Haus gelagerten Sachen? Für den Vorbeifahrenden, das Lagerhaus aus sicherem Abstand bewundernden Kenner bedeutender Landmarken, hat diese Wachturmästhetik zunächst etwas Beunruhigendes. Doch die relative Ödnis, von der das Altenmarkter Lagerhaus umgeben ist, lässt wissen: Hier gibt es nichts zu befürchten, nichts zu beobachten, ergo nichts zu überwachen. Vielmehr ist das Bauwerk Selbstzweck, es zieht die Blicke auf sich selbst, anstatt neugierigen oder überwachenden und strafenden Köpfen Ausblick zu sein.
So fährt man ein wenig wehmütig am Altenmarkter Lagerhausturm vorbei und malt sich aus, wie es denn dort an einem Samstag Vormittage zuginge, wenn um Punkt 12 von der Feuerwache herüber die Sirene ertönt und sich die jüngeren Altenmarkter gegenseitig angrinsen und feixen, dass das jetzt das Zeiche wäre, dass das Lagerhaus zusperre, während vor dem Lagerhausturm die Bauern noch die sogenannten "letzten Besorgungen" erledigen, ehe das Wochenende ihnen die Seele trübe macht. Sicher laden sie noch geschwind säckeweise Dünger auf die Anhänger ihrer Steyr-Traktoren (einige Pongauer Rednecks ließen sich vielleicht auch zu einem amerikanischen Fabrikat, einem grünen John Deere, überreden), haben noch Zeit für den einen oder anderen kühnen Spott über die Landwirtschaft, die Frau oder eben auch das Gefährt des Kompagnons und verabreden sich schließlich, den Traktor anstartend und deswegen laut gegen die sprotzelnden Motorengeräusche anschreien müssend, zum Stammtisch.
Doch meist liegt das Lagerhaus still da, wie ein Mahnmal aus früheren Zeiten. Und der Turm steht einsam in der Landschaft, mehr zum Hohn als zum Gedächtnis. Böse Zungen behaupten, er ähnle jenem unsäglichen Türmlein, das aus der Mitte des Schlosses Trautenfels bei Pürgg im Ennstal wie ungefragt herausragt und dessen Optik tatsächlich an die "bösen Zeiten" erinnert, als Wachtürme noch von grimmigen Wärtern besetzt waren und ihre traurige Funktion zu erfüllen hatten. Doch mit diesem "KZ-Turm", der das Schloss Trautenfels so grausig entstellt, hat der Lagerhausturm in Altenmarkt nichts gemein. Er steht für die stumme Einfalt des ländlichen Lebens, für die Idylle einer kleinen Marktgemeinde, deren Ruhm, welchen ihr das Skigebiet Altenmarkt-Zauchensee eingetragen hat, einst gemischte Gefühle unter der Bevölkerung weckte. So gesehen ist das Lagerhaus samt Turm die letzte Bastion des ehrlichen Altenmarkters: Ort des Rückzugs und der Besinnung gleichermaßen und zudem ein Blickfang in der sonst eher langweiligen, autobahnzerfahrenen Landschaft. Gott schütze unser Lagerhaus und besonders das Lagerhaus in Altenmarkt!
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