Portugal eliminiert Tschechien in der ersten Viertelfinalbegegnung mit 1:0: Ein Sieg, der klarer war, als das Ergebnis vermuten lässt. Heute spielt Griechenland gegen Deutschland um den Einzug ins Halbfinale - und um so viel mehr!
Warum aus dem von mir gestern getippten 3:1 dann nur ein 1:0 geworden ist, ist schnell erklärt: Ich hatte mit einem frühen Zufallstor der Tschechen gerechnet, das in der Phase fallen sollte, da sich Portugal noch warm laufen musste. Das war gestern die erste Viertelstunde, in der für Portugal wenig, für die Tschechen aber so gar nichts lief. Das Zufallstor aber fiel nicht und wollte auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht fallen. Insofern haben mich die Tschechen nur in diesem Belange enttäuscht, ansonsten spielten sie in etwa wie erwartet.
Portugal hat nur ein Tor geschossen, aber auch das war bloßer Zufall, wenn man bedenkt, dass allein C. Ronaldo schon drei Stangenschüsse hatte. Also eigentlich wäre es ein 5:1 geworden, aber daran hatte auch Petr Cech einen gewissen Anteil, der gestern wenig zugelassen und so die Chance, ein Zufallstor zu erzielen (andere Tore schießt Tschechien eh nie), bis zum Schluss aufrecht erhielt. Nur: Nach dem 1:0 für Portugal kam von den Tschechen gar nichts mehr; man war müde, kraft- und willenlos – ein würdiger Vertreter der Gruppe A also.
Der unwürdigere Gruppenkollege, Griechenland nämlich, kann zumindest das mit dem Willen besser. Und wenn der stimmt, kommt die Kraft ganz von alleine. Besonders, wenn es gegen die Deutschen geht, denn da will man sich und dem Rest Europa beweisen, dass Griechenland sich nicht an die Wand spielen lässt – auf dem Fußballplatz nicht, und auch sonst nicht. Ob das gelingt, ist eine andere Frage. Deutschland ist eine Turniermannschaft, sagt man immer. Was das genau heißt, weiß zwar niemand so genau, aber es soll wohl heißen, dass die deutsche Mannschaft das Potenzial zur Steigerung während des Fortschreiten des Turniers meistens ausschöpft – zumindest bis es gegen Italien geht.
Kein leichtes Spiel also für die Griechen; wer aber glaubt, dass Deutschland sich nicht ein kleines bisschen in die Hosen macht, der liegt falsch. Freilich ist ab der KO-Phase die Angst, zu verlieren, immer gegenwärtig. Das bedeutet auch, dass der psychologische Aspekt immer wichtiger wird. Und da sehe ich die Griechen im Vorteil, denn die haben nichts zu verlieren. Und doch sind natürlich immer die, von denen man sagt, dass sie nichts zu verlieren hätten, die krassen Außenseiter. Team Deutschland sollte die Klasse und Erfahrung haben, mit einer solchen Situation umzugehen und so sehe ich am Ende dieses Abends ein solides 2:0 für Deutschland stehen.
Wenn aber... ja dann! Dann hätten wir ein EM-Spiel gesehen, über das man in beiden Ländern noch sehr, sehr lange reden wird! Vor dem Spiel können wir jedoch höchsten von der Möglichkeit eines Untergangs sprechen.
Mann des Tages: Cristiano Ronaldo zum wiederholten Male. Wenn er so weiter macht, wird er zum Spieler der EM und da müsste man nicht einmal das Finale erreichen.
Vize-Mann des Tages: Petr Cech, der eine schwierige EM zu spielen hatte. Trotz seines Patzers gegen Griechenland natürlich bester Tscheche auf dem Feld – für den Torhüter des Turniers wird es aufgrund des frühen Ausscheidens seiner Mannschaft aber nicht reichen.
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Freitag, 22. Juni 2012
Sonntag, 17. Juni 2012
Nachzipf
Kurze Rekapitulation des Finales in der Gruppe A. Griechenland schlägt Russland unerwartet 1:0, Gastgeber Polen unterliegt Tschechien 0:1. Unerwartet war auch, dass es immer noch kein 0:0 bei dieser Euro gibt.
Müsste man das Ergebnis der Gruppe A in Lehrerjargon ausdrücken, wäre wohl die Rede von auf- bzw. absteigender Tendenz. Wieso die Griechen mit einem Nicht genügend aufsteigen und die Russen mit einem Befriedigend nach Hause fahren erklärt sich letztlich aus der hohen Dramatik, die eine solche letzte Runde haben kann. Sowohl Russland gegen Griechenland als auch Tschechien gegen Polen standen dauernd auf der Kippe. Die knappen Ergebnisse machten aber letztlich alles klar: Griechenland hat das geschafft, was eigentlich keiner für möglich gehalten hat, und Polen verfiel der alten Krankheit des stark Anfangens und schnell Nachlassens. In beiden Fällen reichte ein 1:0 um die Ausgangsverhältnisse der Gruppe A auf den Kopf zu stellen.
Vielleicht hat Griechenland in diesem Turnier mal wieder nicht den tollsten Fußball gespielt; aber ich habe schon in der letzten Begegnung festgestellt, dass sich da willensmäßig was tut, was sympathisch ist und funktioniert. Dieser Trend hat sich gegen Russland fortgesetzt, das sich seinerseits ein wenig auf den Lorbeeren der ersten eineinhalb Spiele ausruhte. Die Griechen wollten weiterkommen, haben alles dafür getan und letztlich war es Karagounis, der sein Land erlöste und ins Viertenfinale schoss. Dabei gelang Russland, das in allen Statistiken außer den erlittenen Fouls und eben den erzielten Toren vorne lag, wenig. Es war, als wehrte sich der viel zitierte Fußballgott gegen den russischen Aufstieg, weil er die Griechen für ihr Engagement belohnen wollte.
Dass Tschechien weiter ist, hat auch einen zartbitteren Beigeschmack – aber auch sie haben im letzten Spiel bewiesen, dass sie dabei sein wollen. Polen hat erneut aus einigen guten Chancen nichts gemacht und hat damit gegen das Leistungsprinzip der Gruppe A verstoßen, das besagt, dass, wenn man aus nichts ein bisschen was macht, es für gewisse Gegner reichen kann. Die Polen haben das umgedreht und aus wenig nichts gemacht – eine glatte Themenverfehlung. Leider, nun ist der erste Gastgeber ausgeschieden und es kann nur noch die Ukraine auf eine Überraschung in der Gruppe D hoffen. So unerwartet das Ergebnis in der Gruppe A ist, so gerecht ist es letztlich auch. Böse Zungen mögen behaupten, dass es eh immer schon wurscht war, wer in der Gruppe aufsteigt, weil im Viertelfinale für beide Mannschaften Schluss sein sollte.
Das mag zwar richtig sein, hängt aber natürlich auch davon ab, wer heute in der Gruppe B weiterkommt – und das kann theoretisch noch jeder sein. Mit einem guten letzten Spiel könnten sich sogar noch die inferioren Niederländer in die KO-Phase retten, sie sind dabei aber auf die Mithilfe Deutschlands angewiesen – keine angenehme Ausgangslage. Wer sich den Aufstieg letztlich verdient hat, kann man (das haben wir gestern gelernt) ohnehin erst nach dem letzten Spiel sagen, es gibt aber einen Trend, der am positiven Ende Deutschland und am negativen die Niederlande stehen hat. In jedem Fall steht uns ein hoch spannender Fußballabend bevor und ich darf zum letzten mal das orange Trikot anziehen. Orange ist nämlich sicher auch die Farbe der Verzweiflung.
Müsste man das Ergebnis der Gruppe A in Lehrerjargon ausdrücken, wäre wohl die Rede von auf- bzw. absteigender Tendenz. Wieso die Griechen mit einem Nicht genügend aufsteigen und die Russen mit einem Befriedigend nach Hause fahren erklärt sich letztlich aus der hohen Dramatik, die eine solche letzte Runde haben kann. Sowohl Russland gegen Griechenland als auch Tschechien gegen Polen standen dauernd auf der Kippe. Die knappen Ergebnisse machten aber letztlich alles klar: Griechenland hat das geschafft, was eigentlich keiner für möglich gehalten hat, und Polen verfiel der alten Krankheit des stark Anfangens und schnell Nachlassens. In beiden Fällen reichte ein 1:0 um die Ausgangsverhältnisse der Gruppe A auf den Kopf zu stellen.
Vielleicht hat Griechenland in diesem Turnier mal wieder nicht den tollsten Fußball gespielt; aber ich habe schon in der letzten Begegnung festgestellt, dass sich da willensmäßig was tut, was sympathisch ist und funktioniert. Dieser Trend hat sich gegen Russland fortgesetzt, das sich seinerseits ein wenig auf den Lorbeeren der ersten eineinhalb Spiele ausruhte. Die Griechen wollten weiterkommen, haben alles dafür getan und letztlich war es Karagounis, der sein Land erlöste und ins Viertenfinale schoss. Dabei gelang Russland, das in allen Statistiken außer den erlittenen Fouls und eben den erzielten Toren vorne lag, wenig. Es war, als wehrte sich der viel zitierte Fußballgott gegen den russischen Aufstieg, weil er die Griechen für ihr Engagement belohnen wollte.
Dass Tschechien weiter ist, hat auch einen zartbitteren Beigeschmack – aber auch sie haben im letzten Spiel bewiesen, dass sie dabei sein wollen. Polen hat erneut aus einigen guten Chancen nichts gemacht und hat damit gegen das Leistungsprinzip der Gruppe A verstoßen, das besagt, dass, wenn man aus nichts ein bisschen was macht, es für gewisse Gegner reichen kann. Die Polen haben das umgedreht und aus wenig nichts gemacht – eine glatte Themenverfehlung. Leider, nun ist der erste Gastgeber ausgeschieden und es kann nur noch die Ukraine auf eine Überraschung in der Gruppe D hoffen. So unerwartet das Ergebnis in der Gruppe A ist, so gerecht ist es letztlich auch. Böse Zungen mögen behaupten, dass es eh immer schon wurscht war, wer in der Gruppe aufsteigt, weil im Viertelfinale für beide Mannschaften Schluss sein sollte.
Das mag zwar richtig sein, hängt aber natürlich auch davon ab, wer heute in der Gruppe B weiterkommt – und das kann theoretisch noch jeder sein. Mit einem guten letzten Spiel könnten sich sogar noch die inferioren Niederländer in die KO-Phase retten, sie sind dabei aber auf die Mithilfe Deutschlands angewiesen – keine angenehme Ausgangslage. Wer sich den Aufstieg letztlich verdient hat, kann man (das haben wir gestern gelernt) ohnehin erst nach dem letzten Spiel sagen, es gibt aber einen Trend, der am positiven Ende Deutschland und am negativen die Niederlande stehen hat. In jedem Fall steht uns ein hoch spannender Fußballabend bevor und ich darf zum letzten mal das orange Trikot anziehen. Orange ist nämlich sicher auch die Farbe der Verzweiflung.
Samstag, 16. Juni 2012
Vintage-Fußball
Es ist Halbzeit bei der Euro 2012, die letzte Runde der Gruppenphase beginnt und so heißt es ab heute auch Verzicht üben, denn die letzten Spiele finden jeweils zeitgleich statt. Freilich ist das irgendwie blöd, aber erstens will man so etwas wie den Nichtangriffspakt von Gijón verhindern und zweitens wissen wir von dieser Euro bisher, dass nicht alle Spiele 90 Minuten lang gut sind. Ich wäre ja sowieso dafür, Fußballspiele auf 60 oder meinetwegen 70 Minuten zu verkürzen. Auch müsste man die Halbzeit nicht genau nach der Hälfte machen. Was wäre zum Beispiel mit einer 50-minütigen Spielzeit plus 20-minütiger Nachspielzeit mit Golden Goal bei Unentschieden? Das wäre alles viel kompakter und man könnte sich für die EM die Qualifikation sparen und überhaupt gleich alle UEFA-Mitglieder teilnehmen lassen. Aber dann würde einer der beiden Grundpfeiler des Fußballspiels umgeworfen, nämlich, dass das Spiel 90 Minuten dauert; und das geht nicht, auch wenn man den Ball rund belassen würde.
Apropos Grundpfeiler des Fußballspiels: England gegen Schweden war gestern ein bisschen Fußball im Vintage-Stil. Zwei recht unflexible 4-4-2-Formationen standen sich da gegenüber und bolzten um die Wette. Oberhand behielten schließlich die Engländer, weil sie doch mehr als einen guten Spieler haben und das auch wissen. Die Schweden besannen sich wieder ein wenig zu viel auf den immer unsympathischer werdenden Ibrahimovic, der eigentlich vor Arroganz gar nicht mehr laufen können dürfte – tut er eh ziemlich wenig. Dem englischen Tormann nach dem Tor ins Gesicht brüllen, das ist auch eine sehr fragwürdige Geschichte. Also kann man irgendwie froh sein, dass der Herr heim fährt und vielleicht wird Schweden nach der EM sich endlich seiner entledigen. Witzig, dass er aber doch ganz gut zum AC Milan passt...
Die Engländer spielten mit einem ebenso ideenlosen System wesentlich besser, aber halt nur, weil ihre Spieler in der Gesamtheit ungleich besser als die schwedischen sind. Andy Carroll, Stürmer von Liverpool, den Trainer Roy Hodgson neu brachte, ist die englische Variante von Zlatan Ibrahimovic, nur ein bisschen sympathischer: ein unangenehm zu verteidigender, sehr zweikampfstarker Stürmer gegen den sich Wayne Rooney wie ein Balletttänzer ausnimmt. Das war gestern auch eine großartige Partie von den Herren Young und Welbeck, ohne die dieses englische Team zu erlahmen gedroht hätte (Anzeichen davon sah man ja bereits in der Partie gegen Frankreich). Auch der eingewechselte Theo Walcott brachte ordentlich Schwung in die englischen Schlachtreihen, was letztlich zum bisherigen Tor des Turniers führte – dem herrlichen Ferserl von Danny Welbeck nach super Pass von Walcott. Die Frage, ob der das so wollte oder nicht, ist wie meistens eine dumme. Natürlich will man so etwas, nur gelingt es einem halt nur manchmal. Gestern hat's gepasst und es hat den Engländern sogar den verdienten Sieg gebracht und somit das Verbleiben im Turnier gesichert.
Die Schweden fahren als zweites Team der EM fix nach Hause und darüber kann niemand so wirklich traurig sein. Überhaupt hat die Gruppe D ein wenig enttäuscht. Auch Frankreich hat es nämlich wieder nicht geschafft, in seinem zweiten Spiel den Mitfavoriten-Status zu unterstreichen. Freilich war da ein Klassenunterschied zu sehen, aber das französische Angriffsspiel muss noch viel effektiver werden, sollte es gegen Spanien oder Italien zum Einsatz kommen. Für das Halbfinale reicht das nicht. Das gilt allerdings auch für England. Sollte es England mit einer so konservativen und altbackenen Herangehensweise ins Finale schaffen, wäre das eine echte Überraschung; keine, die mir unrecht wäre, wohlgemerkt! Geld würde ich allerdings keines drauf setzen.
Jetzt heißt es noch einmal durchatmen und bis Dienstag durchhalten, dann gibt es einen Tag spielfrei. Wir starten wieder mit der Gruppe A, dem Kondensat des nicht mehr ganz so Bösen: Hier können noch alle Mannschaften die KO-Phase erreichen. Russland gelingt dies mit einem Sieg oder Unentschieden gegen Griechenland. Tschechien kann mit einem Sieg gegen Polen das Ticket lösen, es reicht aber auch ein Unentschieden, wenn die Russen nicht patzen. Polen müsste gegen Tschechien schon gewinnen – das halte ich für möglich und auch für wünschenswert. Auch die Griechen können sich mit einem Sieg gegen Russland weiterschießen. Der Aufstieg Russlands ist mehr oder weniger fix, Tschechien und Polen werden sich das zweite Viertelfinal-Ticket ausspielen.
Es beginnt also das große Abschied-Nehmen, das wohl erst morgen tragisch wird, denn da müssen wir uns von mindestens einem wirklich guten Team verabschieden (und damit meine ich jetzt nicht Holland). Einerseits ist es bitter, wenn bestimmte Teams heimfahren müssen, wohingegen bestimmte andere Teams ins Viertelfinale kommen (Gruppe A), andererseits muss man den Heimfahrern auch sagen, dass sie drei Gruppenspiele hatten und also genügend Zeit, sich für diese Euro etwas einfallen zu lassen. Wer es dann nicht packt, der packt, so einfach ist das! Und ab dem Viertelfinale gibt es sowieso Rambazamba, denn da wird der mentale Faktor immer wichtiger. Der Ball ist rund. Das Spiel dauert 90 Minuten. Günter Netzer hat tolles Haar.
Austragungsort der Vorrunde: Donezk, das mit seinen Wettereskapaden schon jetzt unvergessen ist. Im ersten Spiel erlahmten Franzosen und Engländer in den Temperaturen über 30 Grad, gestern musste das Spiel Frankreich-Ukraine für eine Stunde unterbrochen werden, weil es in Strömen regnete (schüttete) und Blitzgefahr bestand. Eine WM auf Sumatra stelle ich mir ähnlich vor. Den Fans war es großteils egal, die spielten während der Unterbrechung im Regen.
Mann des Tages: Danny Welbeck für das schönste Tor der EM.
Buhmann des Tages: Zlatan Ibrahimovic – den kann doch wirklich niemand mehr sehen.
Apropos Grundpfeiler des Fußballspiels: England gegen Schweden war gestern ein bisschen Fußball im Vintage-Stil. Zwei recht unflexible 4-4-2-Formationen standen sich da gegenüber und bolzten um die Wette. Oberhand behielten schließlich die Engländer, weil sie doch mehr als einen guten Spieler haben und das auch wissen. Die Schweden besannen sich wieder ein wenig zu viel auf den immer unsympathischer werdenden Ibrahimovic, der eigentlich vor Arroganz gar nicht mehr laufen können dürfte – tut er eh ziemlich wenig. Dem englischen Tormann nach dem Tor ins Gesicht brüllen, das ist auch eine sehr fragwürdige Geschichte. Also kann man irgendwie froh sein, dass der Herr heim fährt und vielleicht wird Schweden nach der EM sich endlich seiner entledigen. Witzig, dass er aber doch ganz gut zum AC Milan passt...
Die Engländer spielten mit einem ebenso ideenlosen System wesentlich besser, aber halt nur, weil ihre Spieler in der Gesamtheit ungleich besser als die schwedischen sind. Andy Carroll, Stürmer von Liverpool, den Trainer Roy Hodgson neu brachte, ist die englische Variante von Zlatan Ibrahimovic, nur ein bisschen sympathischer: ein unangenehm zu verteidigender, sehr zweikampfstarker Stürmer gegen den sich Wayne Rooney wie ein Balletttänzer ausnimmt. Das war gestern auch eine großartige Partie von den Herren Young und Welbeck, ohne die dieses englische Team zu erlahmen gedroht hätte (Anzeichen davon sah man ja bereits in der Partie gegen Frankreich). Auch der eingewechselte Theo Walcott brachte ordentlich Schwung in die englischen Schlachtreihen, was letztlich zum bisherigen Tor des Turniers führte – dem herrlichen Ferserl von Danny Welbeck nach super Pass von Walcott. Die Frage, ob der das so wollte oder nicht, ist wie meistens eine dumme. Natürlich will man so etwas, nur gelingt es einem halt nur manchmal. Gestern hat's gepasst und es hat den Engländern sogar den verdienten Sieg gebracht und somit das Verbleiben im Turnier gesichert.
Die Schweden fahren als zweites Team der EM fix nach Hause und darüber kann niemand so wirklich traurig sein. Überhaupt hat die Gruppe D ein wenig enttäuscht. Auch Frankreich hat es nämlich wieder nicht geschafft, in seinem zweiten Spiel den Mitfavoriten-Status zu unterstreichen. Freilich war da ein Klassenunterschied zu sehen, aber das französische Angriffsspiel muss noch viel effektiver werden, sollte es gegen Spanien oder Italien zum Einsatz kommen. Für das Halbfinale reicht das nicht. Das gilt allerdings auch für England. Sollte es England mit einer so konservativen und altbackenen Herangehensweise ins Finale schaffen, wäre das eine echte Überraschung; keine, die mir unrecht wäre, wohlgemerkt! Geld würde ich allerdings keines drauf setzen.
Jetzt heißt es noch einmal durchatmen und bis Dienstag durchhalten, dann gibt es einen Tag spielfrei. Wir starten wieder mit der Gruppe A, dem Kondensat des nicht mehr ganz so Bösen: Hier können noch alle Mannschaften die KO-Phase erreichen. Russland gelingt dies mit einem Sieg oder Unentschieden gegen Griechenland. Tschechien kann mit einem Sieg gegen Polen das Ticket lösen, es reicht aber auch ein Unentschieden, wenn die Russen nicht patzen. Polen müsste gegen Tschechien schon gewinnen – das halte ich für möglich und auch für wünschenswert. Auch die Griechen können sich mit einem Sieg gegen Russland weiterschießen. Der Aufstieg Russlands ist mehr oder weniger fix, Tschechien und Polen werden sich das zweite Viertelfinal-Ticket ausspielen.
Es beginnt also das große Abschied-Nehmen, das wohl erst morgen tragisch wird, denn da müssen wir uns von mindestens einem wirklich guten Team verabschieden (und damit meine ich jetzt nicht Holland). Einerseits ist es bitter, wenn bestimmte Teams heimfahren müssen, wohingegen bestimmte andere Teams ins Viertelfinale kommen (Gruppe A), andererseits muss man den Heimfahrern auch sagen, dass sie drei Gruppenspiele hatten und also genügend Zeit, sich für diese Euro etwas einfallen zu lassen. Wer es dann nicht packt, der packt, so einfach ist das! Und ab dem Viertelfinale gibt es sowieso Rambazamba, denn da wird der mentale Faktor immer wichtiger. Der Ball ist rund. Das Spiel dauert 90 Minuten. Günter Netzer hat tolles Haar.
Austragungsort der Vorrunde: Donezk, das mit seinen Wettereskapaden schon jetzt unvergessen ist. Im ersten Spiel erlahmten Franzosen und Engländer in den Temperaturen über 30 Grad, gestern musste das Spiel Frankreich-Ukraine für eine Stunde unterbrochen werden, weil es in Strömen regnete (schüttete) und Blitzgefahr bestand. Eine WM auf Sumatra stelle ich mir ähnlich vor. Den Fans war es großteils egal, die spielten während der Unterbrechung im Regen.
Mann des Tages: Danny Welbeck für das schönste Tor der EM.
Buhmann des Tages: Zlatan Ibrahimovic – den kann doch wirklich niemand mehr sehen.
Mittwoch, 13. Juni 2012
Der Unaussprechliche und der Teufelskerl
Manchmal glaubt man, aus einer ungerechtfertigten Arroganz heraus, irgendein Spiel nicht anschauen zu müssen. Man meint etwa, bei den Begegnungen zwischen Tschechien und Griechenland oder Russland gegen Polen nicht viel zu versäumen. Freilich vermutet man, dass man sich da auch täuschen könnte, denn die Gruppe A hat sich doch weniger als das Kondensat des Bösen gezeigt, denn als wirklich interessante Ansammlung scheinbar kleinerer Fußballnationen, die bei jedem Spiel um ihr Leben spielen zu scheinen. Das ist durchaus vergleichbar mit den Nordkoreanern bei der WM vor zwei Jahren, nur mit zwei Unterschieden: 1. Die Nordkoreaner konnten überhaupt nicht kicken und 2. ging es bei denen wirklich um's nackte Überleben.
Gestern also nahm ich das mit dem Fußball-Schauen nicht gar so ernst, schaltete erst 20 Minuten nach Spielbeginn zu und wurde prompt dafür bestraft, denn da stand es schon 2:0 für Tschechien. Jetzt ist es natürlich nicht so, dass Fußballspiele nur aus Toren bestehen, und sie allein des Netzens wegen anschaubar sind, aber der Moment des Tores ist halt schon ein Höhepunkt in einem Spiel, an den man sich erinnern kann und letztlich der einzige Höhepunkt, der am Ende zählt. Nun hatte ich also schon zwei Tore versäumt und dachte, dass es schon eine gewisse Komik hätte, würde die restlichen 70 Minuten nichts mehr passieren.
Als ich dann aber die hochmotivierten Griechen sah, wie sie voller Mut, ohne falsche Bescheidenheit und vor allem ohne Unterlass auf das tschechische Tor stürmten, merkte ich, dass ich belohnt werden würde. Seit acht Jahren ist mir der griechische Fußball ein Dorn in Auge, doch das gestrige Spiel hat, wenn nicht alles, so doch einiges meiner Reserviertheit aufgeweicht. Natürlich spielt es sich mit dem Rücken zur Wand ganz anders, aber ich glaube mich auch an Spiele erinnern zu können, in denen die Griechen offenbar versuchten, einen Rückstand zu verteidigen (1. Spiel bei der WM vor zwei Jahren gegen Südkorea). Der Fortschritt ist spürbar, auch wenn es erst ein 0:2 braucht, um den Willen zu mobilisieren.
Letztlich wurden die Griechen dann auch mit einem Tor belohnt, das heißt, der gütige Petr Cech hat ihnen eines geschenkt: In der Manier eines englischen Torhüters lässt er in der 53. Minute den Ball durch seine Finger gleiten, der springt Gekas vor die Füße und es steht 1:2. Kein schönes Tor, aber eben ein gütiges, das wieder an sowas wie einen Fußballgott glauben lässt. Letztlich reicht es aber dann doch nicht, Tschechien hat sich „zurück ins Turnier geschossen“ (eine Phrase, die ganz exklusiv für die zweite Runde der Gruppenphase reserviert ist) und Griechenland müsste jetzt schon mindestens gegen Russland gewinnen, um sich „ins Viertelfinale zu schießen“ (diese Phrase wird in der nächsten Runde aktuell).
Die Russen und die Polen lieferten sich im und vor dem Warschauer Stadion einen erbitterten Kampf. Was vor dem Stadion passiert ist, hat aber wenig mit Fußball zu tun, denn da ging es mehr „um die Weltgeschichte“, wie ein kundiger Besucher des EM-Beisls in der Grazer Franziskanergasse bemerkte. Dort habe ich mir nämlich dann das zweite Spiel angeschaut – in gewohnt traurig angestaubter Atmosphäre, die, so kam mir vor, ganz gut zur Ostblock-Begegnung passte. Was aber auf dem Platz passierte, war ganz und gar nicht angestaubt, sondern viel eher wie Hälfte zwei von Schweden gegen Ukraine: emotional und aufregend.
Für Russland traf wieder der kleine Dsagojew, der jetzt schon drei Turniertreffer verzeichnen kann. Ein Teufelskerl, so hätte man ihn früher genannt. „Dieser Teufelskerl Dsagojev“, hätte man gesagt, oder auch „das Schlitzohr“, obwohl er vielleicht gar nichts Schlitzohriges getan hat. Heute sagt man ja solche Sachen nicht mehr. Dass ausgerechnet der kleinste Russe ein Kopfballtor macht, ist vielleicht ein bisschen schlitzohrig, dann aber wieder nur der polnischen Verteidigung anzulasten, die ihn „sträflich alleingelassen“ hat. Also trifft der Teufelskerl, nachdem Kerschakow wieder durch Wirkungslosigkeit im Abschluss glänzte. Vielleicht bekommt Dsagojev am Ende einen goldenen Schuh für die meisten Tore. Dann aber hätte sich Kerschakow einen hölzernen Schuh als wirkungsloseste Spitze verdient. Kein Teufelskerl, der Kerschakow. Kerschakow... das klingt wie ein Gewehr; wie eine Damenvariante der Kalaschnikow. Ein Sturmgewehr für die Handtasche: ja, so spielt er auch, der Kerschakow.
Nachdem ich an diesem Tag schon zwei Tore versäumt hatte, muss ich den ambitionierten Polen für deren Ausgleichstreffer danken. Gestern habe ich nämlich noch bemängelt, dass es ein bisschen an den schönen Toren fehlt. Und dann kommt der unaussprechliche (Moment, hier google ich jetzt …) Blaszczykowski (copy&paste!) und macht ein ganz wunderbares Tor. Über die rechte Seite aus dem Lauf heraus nimmt er den Ball an, nur eine kurze Berührung, weiterlaufen, Schuss ins lange Eck, passt genau. So elegant, so einfach war das, so lässig: Ein Tor wie im Vorbeigehen. En passant nennt sich das im Schach, wenn ein Bauer einen anderen Bauern quasi im Vorüberschreiten schlägt. Oder auch so, wie wenn man im Supermarkt auf dem Weg in die Gewürzabteilung bei den Süßwaren vorbeikommt und eine Tafel Nussschokolade lässig in den Einkaufswagen gleiten lässt, und das dann auch noch gut aussieht. Kann nicht jeder – der Unaussprechliche aber kann es.
Unaussprechlich ist er ja gar nicht, der Blaszczykowski; so annähernd bekommt es der österreichische Mund schon hin. Aber schreiben Sie den mal richtig! Zehn Mal hintereinander ohne Fehler, da kommt man sich vor wie in der Volksschule... Ich bin ja gestern schon an Schewtschenko gescheitert, er wurde bei mir zunächst zum Schwetschenko. Aber klar, wann hat man sonst schon mal ein Wort mit „Schew“, viel mehr Wörter gibt es bei uns mit „schwe“. Schwierig ist das, vor allem, wenn Schewtschenko gegen Schweden spielt. Das ist die digitale Analogie zum Zungenbrecher: die fractura digitalis, ein Fingerbrecher also. Da schmeißt es den geübtesten Tipper! Und wir Österreicher kapitulieren ja eh schon, wenn ein Name komplizierter ist als Sedlacek oder Jukic. Also üben: Blaszczykowski, Blaszczykowski, Blaszczykowski, Blaszczykowski....
So, das war alles gestern. Die Gruppe A ist rehabilitiert, man kann jetzt schon sagen, dass sich die Mannschaften hier ganz gut verkauft haben. Erwartet stark natürlich die Sbornaja (mein Lieblingswort, noch vor Squadra Azzurra), ein bisschen schwach aber abgebrüht die Tschechen, bemüht und begeisternd die Polen, die Griechen zumindest auf dem richtigen Weg zurück in den Fußball. Wunschaufsteiger sind nach dem gestrigen Spiel aber eindeutig Russland und Polen – mit denen kann man im restlichen Turnier durchaus noch was anfangen. Das Kondensat des Bösen ist zur diabolischen Reha-Klinik geworden, und das ist besser als es klingt.
Heute geht es allerdings schon um die sprichwörtliche Wurst, denn für die Niederlande heißt es „verlieren verboten“ (auch ein Zweitrunden-Jargon) und die Deutschen werden einen Teufel tun und es ihnen leicht machen. Von beiden Mannschaften erwartet man sich eine Steigerung und wenn das beide hinbekommen, dürfte das ein richtig gutes Spiel werden. Zwar wird van Marwijk gerade gegen Deutschland auf die zwei 6er van Bommel und de Jong nicht verzichten können, aber vielleicht lässt er sich sonst etwas Schlaues einfallen, um 16 Millionen arme Menschen vor einer Depression zu bewahren. Ich würde es ihm danken, indem ich nicht mehr über Robben schimpfe. Arjen Robben meine ich, Robben beschimpft man weder, noch knüppelt man sie. Robben besprüht man mit bunten Farben, damit die Grönländer sie nicht knüppeln (sind Grönländer nicht eigentlich Dänen?). Aber den Arjen Robben, der darf man nur knüppeln, wenn er wieder so spielt wie beim letzten Mal. Knüppeln und besprühen. Alle zusammen auf Niederländisch: „Knuppelen en besproeien!“ Süß klingt das... Wie süßer Wahnsinn. Wahnsinn heißt auf Niederländisch „gekte“. Und van Gogh soll gesagt haben: „Oranje is de kleur van gekte“ (Orange ist die Farbe des Wahnsinns). Na also!
Mann des Tages: Jakub Blaszczykowski für ein anständiges Tor und die Tippübungen.
Buhmann des Tages: Petr Cech. Als einer der (nominell) drei besten Torhüter dieses Turniers darf einem einfach kein Engländer passieren. Auch, wenn es nichts am Spielausgang geändert hat: das war richtig schwach.
Kuriosum des Tages: Konstantinos Chalkias, der griechische Torhüter, der sich in der 23. Minute selbst austauschte. Natürlich war es nicht, wie der ORF-Kommentator vermutete, sein verpatzter Ausschuss und die beiden frühen Gegentreffer, die uns „einen Einblick in die Seele eines griechischen Fußballspielers“ boten, sondern einfach eine Oberschenkelverletzung. Seltsam war es trotzdem.
Gestern also nahm ich das mit dem Fußball-Schauen nicht gar so ernst, schaltete erst 20 Minuten nach Spielbeginn zu und wurde prompt dafür bestraft, denn da stand es schon 2:0 für Tschechien. Jetzt ist es natürlich nicht so, dass Fußballspiele nur aus Toren bestehen, und sie allein des Netzens wegen anschaubar sind, aber der Moment des Tores ist halt schon ein Höhepunkt in einem Spiel, an den man sich erinnern kann und letztlich der einzige Höhepunkt, der am Ende zählt. Nun hatte ich also schon zwei Tore versäumt und dachte, dass es schon eine gewisse Komik hätte, würde die restlichen 70 Minuten nichts mehr passieren.
Als ich dann aber die hochmotivierten Griechen sah, wie sie voller Mut, ohne falsche Bescheidenheit und vor allem ohne Unterlass auf das tschechische Tor stürmten, merkte ich, dass ich belohnt werden würde. Seit acht Jahren ist mir der griechische Fußball ein Dorn in Auge, doch das gestrige Spiel hat, wenn nicht alles, so doch einiges meiner Reserviertheit aufgeweicht. Natürlich spielt es sich mit dem Rücken zur Wand ganz anders, aber ich glaube mich auch an Spiele erinnern zu können, in denen die Griechen offenbar versuchten, einen Rückstand zu verteidigen (1. Spiel bei der WM vor zwei Jahren gegen Südkorea). Der Fortschritt ist spürbar, auch wenn es erst ein 0:2 braucht, um den Willen zu mobilisieren.
Letztlich wurden die Griechen dann auch mit einem Tor belohnt, das heißt, der gütige Petr Cech hat ihnen eines geschenkt: In der Manier eines englischen Torhüters lässt er in der 53. Minute den Ball durch seine Finger gleiten, der springt Gekas vor die Füße und es steht 1:2. Kein schönes Tor, aber eben ein gütiges, das wieder an sowas wie einen Fußballgott glauben lässt. Letztlich reicht es aber dann doch nicht, Tschechien hat sich „zurück ins Turnier geschossen“ (eine Phrase, die ganz exklusiv für die zweite Runde der Gruppenphase reserviert ist) und Griechenland müsste jetzt schon mindestens gegen Russland gewinnen, um sich „ins Viertelfinale zu schießen“ (diese Phrase wird in der nächsten Runde aktuell).
Die Russen und die Polen lieferten sich im und vor dem Warschauer Stadion einen erbitterten Kampf. Was vor dem Stadion passiert ist, hat aber wenig mit Fußball zu tun, denn da ging es mehr „um die Weltgeschichte“, wie ein kundiger Besucher des EM-Beisls in der Grazer Franziskanergasse bemerkte. Dort habe ich mir nämlich dann das zweite Spiel angeschaut – in gewohnt traurig angestaubter Atmosphäre, die, so kam mir vor, ganz gut zur Ostblock-Begegnung passte. Was aber auf dem Platz passierte, war ganz und gar nicht angestaubt, sondern viel eher wie Hälfte zwei von Schweden gegen Ukraine: emotional und aufregend.
Für Russland traf wieder der kleine Dsagojew, der jetzt schon drei Turniertreffer verzeichnen kann. Ein Teufelskerl, so hätte man ihn früher genannt. „Dieser Teufelskerl Dsagojev“, hätte man gesagt, oder auch „das Schlitzohr“, obwohl er vielleicht gar nichts Schlitzohriges getan hat. Heute sagt man ja solche Sachen nicht mehr. Dass ausgerechnet der kleinste Russe ein Kopfballtor macht, ist vielleicht ein bisschen schlitzohrig, dann aber wieder nur der polnischen Verteidigung anzulasten, die ihn „sträflich alleingelassen“ hat. Also trifft der Teufelskerl, nachdem Kerschakow wieder durch Wirkungslosigkeit im Abschluss glänzte. Vielleicht bekommt Dsagojev am Ende einen goldenen Schuh für die meisten Tore. Dann aber hätte sich Kerschakow einen hölzernen Schuh als wirkungsloseste Spitze verdient. Kein Teufelskerl, der Kerschakow. Kerschakow... das klingt wie ein Gewehr; wie eine Damenvariante der Kalaschnikow. Ein Sturmgewehr für die Handtasche: ja, so spielt er auch, der Kerschakow.
Nachdem ich an diesem Tag schon zwei Tore versäumt hatte, muss ich den ambitionierten Polen für deren Ausgleichstreffer danken. Gestern habe ich nämlich noch bemängelt, dass es ein bisschen an den schönen Toren fehlt. Und dann kommt der unaussprechliche (Moment, hier google ich jetzt …) Blaszczykowski (copy&paste!) und macht ein ganz wunderbares Tor. Über die rechte Seite aus dem Lauf heraus nimmt er den Ball an, nur eine kurze Berührung, weiterlaufen, Schuss ins lange Eck, passt genau. So elegant, so einfach war das, so lässig: Ein Tor wie im Vorbeigehen. En passant nennt sich das im Schach, wenn ein Bauer einen anderen Bauern quasi im Vorüberschreiten schlägt. Oder auch so, wie wenn man im Supermarkt auf dem Weg in die Gewürzabteilung bei den Süßwaren vorbeikommt und eine Tafel Nussschokolade lässig in den Einkaufswagen gleiten lässt, und das dann auch noch gut aussieht. Kann nicht jeder – der Unaussprechliche aber kann es.
Unaussprechlich ist er ja gar nicht, der Blaszczykowski; so annähernd bekommt es der österreichische Mund schon hin. Aber schreiben Sie den mal richtig! Zehn Mal hintereinander ohne Fehler, da kommt man sich vor wie in der Volksschule... Ich bin ja gestern schon an Schewtschenko gescheitert, er wurde bei mir zunächst zum Schwetschenko. Aber klar, wann hat man sonst schon mal ein Wort mit „Schew“, viel mehr Wörter gibt es bei uns mit „schwe“. Schwierig ist das, vor allem, wenn Schewtschenko gegen Schweden spielt. Das ist die digitale Analogie zum Zungenbrecher: die fractura digitalis, ein Fingerbrecher also. Da schmeißt es den geübtesten Tipper! Und wir Österreicher kapitulieren ja eh schon, wenn ein Name komplizierter ist als Sedlacek oder Jukic. Also üben: Blaszczykowski, Blaszczykowski, Blaszczykowski, Blaszczykowski....
So, das war alles gestern. Die Gruppe A ist rehabilitiert, man kann jetzt schon sagen, dass sich die Mannschaften hier ganz gut verkauft haben. Erwartet stark natürlich die Sbornaja (mein Lieblingswort, noch vor Squadra Azzurra), ein bisschen schwach aber abgebrüht die Tschechen, bemüht und begeisternd die Polen, die Griechen zumindest auf dem richtigen Weg zurück in den Fußball. Wunschaufsteiger sind nach dem gestrigen Spiel aber eindeutig Russland und Polen – mit denen kann man im restlichen Turnier durchaus noch was anfangen. Das Kondensat des Bösen ist zur diabolischen Reha-Klinik geworden, und das ist besser als es klingt.
Heute geht es allerdings schon um die sprichwörtliche Wurst, denn für die Niederlande heißt es „verlieren verboten“ (auch ein Zweitrunden-Jargon) und die Deutschen werden einen Teufel tun und es ihnen leicht machen. Von beiden Mannschaften erwartet man sich eine Steigerung und wenn das beide hinbekommen, dürfte das ein richtig gutes Spiel werden. Zwar wird van Marwijk gerade gegen Deutschland auf die zwei 6er van Bommel und de Jong nicht verzichten können, aber vielleicht lässt er sich sonst etwas Schlaues einfallen, um 16 Millionen arme Menschen vor einer Depression zu bewahren. Ich würde es ihm danken, indem ich nicht mehr über Robben schimpfe. Arjen Robben meine ich, Robben beschimpft man weder, noch knüppelt man sie. Robben besprüht man mit bunten Farben, damit die Grönländer sie nicht knüppeln (sind Grönländer nicht eigentlich Dänen?). Aber den Arjen Robben, der darf man nur knüppeln, wenn er wieder so spielt wie beim letzten Mal. Knüppeln und besprühen. Alle zusammen auf Niederländisch: „Knuppelen en besproeien!“ Süß klingt das... Wie süßer Wahnsinn. Wahnsinn heißt auf Niederländisch „gekte“. Und van Gogh soll gesagt haben: „Oranje is de kleur van gekte“ (Orange ist die Farbe des Wahnsinns). Na also!
Mann des Tages: Jakub Blaszczykowski für ein anständiges Tor und die Tippübungen.
Buhmann des Tages: Petr Cech. Als einer der (nominell) drei besten Torhüter dieses Turniers darf einem einfach kein Engländer passieren. Auch, wenn es nichts am Spielausgang geändert hat: das war richtig schwach.
Kuriosum des Tages: Konstantinos Chalkias, der griechische Torhüter, der sich in der 23. Minute selbst austauschte. Natürlich war es nicht, wie der ORF-Kommentator vermutete, sein verpatzter Ausschuss und die beiden frühen Gegentreffer, die uns „einen Einblick in die Seele eines griechischen Fußballspielers“ boten, sondern einfach eine Oberschenkelverletzung. Seltsam war es trotzdem.
Samstag, 9. Juni 2012
Tölpel und Torpedos
Es ist schön, wenn Turniere mit Überraschungen starten, und das, obwohl die gestrigen Paarungen zunächst nichts Vielversprechendes erwarten ließen. Polen hat sich im Eröffnungsspiel gegen Griechenland sehr stark verkauft – das war kreativer und agiler Fußball, den zwar einige erwartet haben, den man sich aber nicht vorstellen konnte, bis man ihn gesehen hat. Es gibt ja den Begriff des Trainingsweltmeisters (bzw. Trainingseuropameisters), und Polen hätte ich für so einen gehalten – brave Vorbereitung, brauchbares Spielermaterial plus den nötigen Biss daheim vor eigenem Publikum. Das Problem mit solchen Europameistern, wo vorne noch das „Trainings-“ dran hängt, offenbart sich im Unterschied zwischen Theorie und Praxis bzw. eben Training und Wettkampfbedingungen. Plötzlich gibt es da elf andere Akteure, die an allem möglichen interessiert sind, nur nicht an einem Trainingsspiel nach den hauseigenen Gepflogenheiten. Erfahrene Mannschaften können dies zu einem gewissen Grad ausblenden und trotz allem ihr Spiel aufziehen. Polen aber lässt sich noch zu sehr vom Gegner verunsichern. Eine schlechte Voraussetzung, würde man meinen.
Griechenland wehrte sich bis zuletzt, auch wenn sie den Polen spielerisch unterlegen waren – oder gerade deswegen. Irgendwie haben sie gespürt, dass, wenn man nur lange genug lästig ist, sich gegen die Polen Chancen auftun. Und so haben sie dann endlich auch ein Tor erstolpert, das gar nicht einmal so unverdient war, und das der oberlästige Salpingidis erzielt hat: Abgezwickte Wirbler mit allzu dichtem Bartwuchs, die die ganze Zeit so einen klagenden, weinerlich-kindlichen Blick haben, als stünden sie aller Ungerechtigkeit der Welt gegenüber, die sind immer gefährlich – das ist eine alte Fußballweisheit!
Griechenland hat es dann auch noch verstanden, sich einen Elfmeter zu erspielen, Polens Torwart mit dem herausfordernden Namen Szczesny musste daraufhin gehen und herein kam Tyton, der polnische Namensvetter von Oli Kahn also. Und der hielt dann auch gleich in der Manier desselben einen schlecht geschossenen Elfmeter, wendete also die Katastrophe (ein Wort, von dem man spätestens seit Rehakles-Zeiten weiß, warum es aus dem Griechischen stammt) ab und rettete für Polen ein Unentschieden, mit dem sie nicht zufrieden sein können.
Gegen die Sbornaja nämlich (den Namen haben wir alle seit 2008 vermisst) wird es für Polen mit Sicherheit noch schwieriger. Die Russen sind gestern nämlich wieder ähnlich aufgetreten wie schon vor vier Jahren: Mit einem Haufen wenig bekannter bis unbekannter Gesichter (die große Mehrheit spielt ja daheim in Russland), einem taktisch gepflegten, holländischen Spiel und der schönsten Nationalhymne der Welt. Freilich ist dieses Team nicht so stark wie noch vor vier Jahren und freilich blieben die Tschechen auch etwas hinter den Erwartungen zurück, aber wer uns vier Tore in einem Spiel beschert, der darf gelobt werden.
Das russische Offensivspiel ist beeindruckend – wenn es erstmal in Gang gekommen ist, und vor allem, wenn es auf ein überfordertes tschechisches Mittelfeld trifft. Weniger beeindruckend ist die Erfolgsquote der russischen Spitze, Alexander Kerschakow: Der Mann hätte sich gestern schon vorzeitig zum Rekordtorschützen des Turniers machen können, denn er wusste zwar, sich sehr intelligent zu bewegen, aber das Schießen des (auch ruhenden) Balls gelang ihm nur unbefriedigend. Dafür traf der junge Dsagojew zwei Mal, ein Wirbler im besseren Sinne als oben genannt.
Überhaupt: Schirokow, Dennisow, Arschawin, Syrjanow – die ganzen Zenit-St.Petersburg-Leute, das ist der Kern der viel zitierten russischen Dampfwalze, des post-sozialistischen Kolchosen- und Kombinatsfußball dieser wieder mal hoch sympathisch auftretenden russischen Mannschaft. Vorbei die Zeiten, als uns traurig versoffene Männer mit roten Haaren aus den Pickerlheften entgegen blickten, ihre Gesichter sämtlicher Hoffnung beraubt. Das neue Russland ist wie Arschawin beim Interview nach dem Spiel: Jung, bescheiden, irgendwie ahnungslos und froh, wenn es vorbei ist. Aber es ist auch wie Roman Pawljutschenko: frech, furchtlos und abgebrüht (siehe sein Tor zum 4:1). Oder wie Dsagojew: enthusiastisch, engagiert und ein bisschen lästig. Leider ist es auch ein bisschen wie Kerschakow: intelligent, aber mit Hang zum tragischen In-den-Permafrost-Hineintreten.
Man darf gespannt sein, ob sich Polen vom verpatzten Auftakt erholen kann, ob die Russen so weiter machen, und ob bei Tschechien und Griechenland noch was drin ist. Am Dienstag werden wir es sehen und bis dahin sind wir froh, von der Gruppe A nichts hören zu müssen. Ich ziehe mich einstweilen zurück und übe wieder ein bisschen die holländische Hymne, denn zur deutschen singe ich wie eh und je: „Gott erhalte Franz den Kaiser!“
Visage des Tages:
Dick Advocaat, den ich fast nicht erkannt habe. Er hat etwas sympathisch Versoffenes, nämlich eine russische Schnaps-Nase mit holländischen Augen. Schon eine Vertrauensfigur, aber ich möchte irgendwie nicht vor ihm stehen müssen.
Schön zu sehen:
Wie Howard Webb die Partie Russland gegen Tschechien flott gehalten hat. Toller Typ, unglaublich abgeklärt und völlig unnervös – im Gegensatz zu seinem spanischen Kollegen vom Eröffnungsspiel.
Aus der Kategorie „Hä? Geht's noch?“:
Nach dem ersten Spiel erscheint Josef Hickersberger auf dem TV-Bildschirm; neben ihm steht Roman Mählich. Ich schalte ab; am Abend schaue ich ARD.
Griechenland wehrte sich bis zuletzt, auch wenn sie den Polen spielerisch unterlegen waren – oder gerade deswegen. Irgendwie haben sie gespürt, dass, wenn man nur lange genug lästig ist, sich gegen die Polen Chancen auftun. Und so haben sie dann endlich auch ein Tor erstolpert, das gar nicht einmal so unverdient war, und das der oberlästige Salpingidis erzielt hat: Abgezwickte Wirbler mit allzu dichtem Bartwuchs, die die ganze Zeit so einen klagenden, weinerlich-kindlichen Blick haben, als stünden sie aller Ungerechtigkeit der Welt gegenüber, die sind immer gefährlich – das ist eine alte Fußballweisheit!
Griechenland hat es dann auch noch verstanden, sich einen Elfmeter zu erspielen, Polens Torwart mit dem herausfordernden Namen Szczesny musste daraufhin gehen und herein kam Tyton, der polnische Namensvetter von Oli Kahn also. Und der hielt dann auch gleich in der Manier desselben einen schlecht geschossenen Elfmeter, wendete also die Katastrophe (ein Wort, von dem man spätestens seit Rehakles-Zeiten weiß, warum es aus dem Griechischen stammt) ab und rettete für Polen ein Unentschieden, mit dem sie nicht zufrieden sein können.
Gegen die Sbornaja nämlich (den Namen haben wir alle seit 2008 vermisst) wird es für Polen mit Sicherheit noch schwieriger. Die Russen sind gestern nämlich wieder ähnlich aufgetreten wie schon vor vier Jahren: Mit einem Haufen wenig bekannter bis unbekannter Gesichter (die große Mehrheit spielt ja daheim in Russland), einem taktisch gepflegten, holländischen Spiel und der schönsten Nationalhymne der Welt. Freilich ist dieses Team nicht so stark wie noch vor vier Jahren und freilich blieben die Tschechen auch etwas hinter den Erwartungen zurück, aber wer uns vier Tore in einem Spiel beschert, der darf gelobt werden.
Das russische Offensivspiel ist beeindruckend – wenn es erstmal in Gang gekommen ist, und vor allem, wenn es auf ein überfordertes tschechisches Mittelfeld trifft. Weniger beeindruckend ist die Erfolgsquote der russischen Spitze, Alexander Kerschakow: Der Mann hätte sich gestern schon vorzeitig zum Rekordtorschützen des Turniers machen können, denn er wusste zwar, sich sehr intelligent zu bewegen, aber das Schießen des (auch ruhenden) Balls gelang ihm nur unbefriedigend. Dafür traf der junge Dsagojew zwei Mal, ein Wirbler im besseren Sinne als oben genannt.
Überhaupt: Schirokow, Dennisow, Arschawin, Syrjanow – die ganzen Zenit-St.Petersburg-Leute, das ist der Kern der viel zitierten russischen Dampfwalze, des post-sozialistischen Kolchosen- und Kombinatsfußball dieser wieder mal hoch sympathisch auftretenden russischen Mannschaft. Vorbei die Zeiten, als uns traurig versoffene Männer mit roten Haaren aus den Pickerlheften entgegen blickten, ihre Gesichter sämtlicher Hoffnung beraubt. Das neue Russland ist wie Arschawin beim Interview nach dem Spiel: Jung, bescheiden, irgendwie ahnungslos und froh, wenn es vorbei ist. Aber es ist auch wie Roman Pawljutschenko: frech, furchtlos und abgebrüht (siehe sein Tor zum 4:1). Oder wie Dsagojew: enthusiastisch, engagiert und ein bisschen lästig. Leider ist es auch ein bisschen wie Kerschakow: intelligent, aber mit Hang zum tragischen In-den-Permafrost-Hineintreten.
Man darf gespannt sein, ob sich Polen vom verpatzten Auftakt erholen kann, ob die Russen so weiter machen, und ob bei Tschechien und Griechenland noch was drin ist. Am Dienstag werden wir es sehen und bis dahin sind wir froh, von der Gruppe A nichts hören zu müssen. Ich ziehe mich einstweilen zurück und übe wieder ein bisschen die holländische Hymne, denn zur deutschen singe ich wie eh und je: „Gott erhalte Franz den Kaiser!“
Visage des Tages:
Dick Advocaat, den ich fast nicht erkannt habe. Er hat etwas sympathisch Versoffenes, nämlich eine russische Schnaps-Nase mit holländischen Augen. Schon eine Vertrauensfigur, aber ich möchte irgendwie nicht vor ihm stehen müssen.
Schön zu sehen:
Wie Howard Webb die Partie Russland gegen Tschechien flott gehalten hat. Toller Typ, unglaublich abgeklärt und völlig unnervös – im Gegensatz zu seinem spanischen Kollegen vom Eröffnungsspiel.
Aus der Kategorie „Hä? Geht's noch?“:
Nach dem ersten Spiel erscheint Josef Hickersberger auf dem TV-Bildschirm; neben ihm steht Roman Mählich. Ich schalte ab; am Abend schaue ich ARD.
Dienstag, 29. Mai 2012
Das Kondensat des Bösen
Am 2. Dezember des vergangenen Jahres zog der niederländische Allzeit-Superstar Marco van Basten bei der Auslosung der Euro-Gruppenphase das Russland-Los und bestimmte damit den letzten Teilnehmer in der Gruppe A. Es hätte auch Deutschland sein können – aber mit den Deutschen hatte van Basten etwas ganz anderes vor. Die Gruppe A jedoch war damit vollständig und der freundliche Herr mit Glatze, der die Auslosung leitete, meinte, dass eine Menge Leute jetzt sehr glücklich seien: „Poland, Greece, Russia and the Czech Republic. I don't know if the happy ones are the Poles, the Greeks, the Russians or the Czechs or all of them...“ Die anwesenden Nationaltrainer zeigten sich überrascht und amüsiert, bis sie endlich begriffen, was für eine Katastrophen-Gruppe hier zusammengelost wurde.
Zuvor hatte der französische Allzeit-Superstar Zinedine Zidane die Aufgabe, den dritten Teilnehmer der Gruppe A zu ermitteln. „Who will join Poland and Czech Republic?“, fragte der Zeremonienmeister wie ein debiler Zirkusdirektor. Ja wer würde denn der Glückspilz sein? Schweden, Portugal, Griechenland und Kroatien standen in Topf 3 zur Auswahl. Zidane zog Griechenland. „Greece!“, sagt Zidane laut und deutlich, aber Kaugummi kauend, und hält den Zettel brav in die Kamera. Im Hintergrund lacht jemand. Der Zirkusdirektor überlegt sich, was er zu den Griechen sagen könnte und da fällt ihm ein, dass die ja 2004 Europameister waren. Der Name Otto Rehagel fällt ihm in diesem Zusammenhang auch noch ein. Ihm fällt geradezu alles ein, was einem zu griechischem Fußball einfallen kann.
Es waren also Marco van Basten und Zinedine Zidane, die uns die Gruppe A in dieser Form bescherten – eine Gruppe A, von der gleich tags darauf alle behaupteten, sie würden sich kein Spiel daraus anschauen. Die „Gruppe Ah Ah“ nennt sie mancher Schalk mit Verweis auf den kindessprachlichen Ausdruck für das große Geschäft. Tatsächlich handelt es sich bei der Gruppe A um keine sonderlich attraktive. Weder verstecken sich in ihr große Fußballer, noch bietet sie einen sympathischen Geheimfavoriten; ja nicht einmal einen Exoten gäbe es da, dem man ironischerweise die Daumen halten kann. Zu Polen fällt einem erst einmal gar nichts ein, außer, dass es ein Gastgeberland ist. Aber das war Österreich vor vier Jahren auch. Russland hat seit Guus Hiddinks Abgang seine besten Zeiten erstmal gesehen; vielleicht handelt es sich aber trotzdem um die fußballerisch beste Truppe in der Gruppe A. Tschechien hatte gemeinsam mit Griechenland im Jahr 2004 das letzte große Highlight, in einem Semifinale, das meiner Erinnerung nach diese Bezeichnung nur des Turniermodus wegen verdient hat, denn weder war es schön anzusehen, noch hat es irgendwen interessiert, wer da gewinnt. Die Zeiten von Jan Koller und (einem in Form spielenden) Milan Baroš sind genauso vorbei wie jene des Silvergoals, mit dem diese Partie damals entschieden wurde.
Unspektakulärer hat eine EM wohl auch noch nie begonnen: Am 8. Juni erwarten uns nämlich die Partien Polen gegen Griechenland (das Eröffnungsspiel) und Russland gegen Tschechien. Vielleicht ist die Gruppe A gerade wegen der Ansammlung dieser Underdogs aber ganz interessant; ziemlich unvorhersehbar ist sie jedenfalls. Polen hat, wie gesagt, den (fragwürdigen) Vorteil, als Gastgeber anzutreten, Russland und Tschechien wissen, dass sie einmal gute Fußballer waren und Griechenland ist – leider muss man an dieser Stelle auf so eine Phrase zurückgreifen – immer für eine Überraschung gut. Im Endeffekt kommt es für jedes einzelne Team in der Gruppe A mehr als in jeder anderen Gruppe darauf an, wie schlecht die anderen sind. Hier steigt nicht auf, wer sich durchsetzt, sondern die Mannschaft, die durchhält. Am Ende wird es um das Torverhältnis gehen und da werden besonders die Gegentore von Relevanz sein. Ich sehe Griechenland und Tschechien mit guten Chancen – außer den Russen fällt wieder ein, wie man Tore schießt.
Das Bittere an dieser Gruppe A sind ja weniger die Gruppenspiele, die man sich ja nicht unbedingt anschauen muss, als vielmehr das Faktum, dass zwei dieser vier Teams im Viertelfinale auftauchen werden. Dort dürfen sie sich dann mit den Aufsteigern aus der Gruppe B auseinandersetzen. (Zur Erinnerung: Gruppe B, das ist die Anti-Gruppe-A, mit Deutschland, Portugal, Holland und Dänemark.) So darf man vermuten, dass man aus der Gruppe A niemanden im Halbfinale sehen wird. Und wenn mir jetzt irgendwer mit „Stolperstein für die Großen“ daherkommt, oder damit, dass Portugal schon gegen die Griechen und Holland schon gegen Russland verloren hat, dem entgegne ich ebenso binsenweise den Satz mit dem blinden Huhn und dem Korn.
Wenden wir uns lieber wieder der fußballerischen Realität zu und anerkennen wir, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass der Europameister 2012 aus der Gruppe A kommen wird. Die Realität ist aber auch, dass solche Turniere von Überraschungen leben und dass solche Überraschungen auch manchmal überraschend sympathisch sein können (s. Dänemark vor 20 Jahren). 'Faszination Fußball' kann man das großspurig nennen, und das Überraschende im Fußball ist gerade bei Turnieren wie der EM und der WM, wo alles innerhalb weniger Tage passiert, besonders attraktiv. Der ungeduldige Fußballseher, der von sich behauptet, „nur EM und WM“ zu schauen („und vielleicht noch Championsleague – ab dem Halbfinale!“), der wird wieder auf seine Kosten kommen. Popcorn-Fußball, bei uns eher Sechser-Tragerl-Fußball, bietet so eine Europameisterschaft immer. Wieder wird es die Guten und die Bösen geben, auch wenn wir uns nachher nicht mehr so sicher sein werden, wer jetzt warum die Bösen waren und warum die Guten auf einmal so schlecht gespielt haben. Die Gruppe A, ich nenne sie ab jetzt das Kondensat des Bösen, steht weniger für chronische Erfolglosigkeit (was ja schon wieder ein Sympathiepotenzial hätte und eigentlich so gar nicht richtig wäre), als vielmehr für grauslichsten Rumpelfußball sowie für technische und taktische Infinesse – oder was immer auch das Gegenteil von Finesse sein soll. Wir lieben diese Mannschaften vielleicht nicht, aber wir brauchen sie, weil sonst der Fußball zum öden bürgerlichen Trauerspiel verkommt.
Worauf wir uns freuen können:
Äähm... Mal sehen, wie die Griechen und die Russen drauf sind. Vorprogrammierte „Kracher“ gibt es in dieser Gruppe jedenfalls keine.
Bemerkenswerte Namen:
Eugen Polanski (POL): Deutsch-Pole von Mainz. Klingt erfunden, heißt aber so.
Wladimir Granat (RUS): Verteidiger von Dynamo Moskau. Ob sein Schuss hält, was sein Name verspricht, muss man erst sehen.
Ioannis Fetfatzidis (GRE): Mittelfeldspieler von Olympiakos Piräus. Ein Name wie gefährliches Essen.
Nikos Liberopoulos (GRE): Der einstige Torschützenkönig der griechischen Liga spielt im Sturm, wurde aber unter Rehakles noch als Libero eingesetzt, weil König Otto sich dachte: nomen est omen.
Theodor Gebre Selassie (CZE): Kein Witz, der Mann spielt Fußball für Tschechien, auch wenn es sein Name nicht vermuten ließe. Sein Vater ist aber Äthiopier.
Tomáš Hübschman (CZE): Hübscher Name; bekannt von Schachtar Donezk.
Zuvor hatte der französische Allzeit-Superstar Zinedine Zidane die Aufgabe, den dritten Teilnehmer der Gruppe A zu ermitteln. „Who will join Poland and Czech Republic?“, fragte der Zeremonienmeister wie ein debiler Zirkusdirektor. Ja wer würde denn der Glückspilz sein? Schweden, Portugal, Griechenland und Kroatien standen in Topf 3 zur Auswahl. Zidane zog Griechenland. „Greece!“, sagt Zidane laut und deutlich, aber Kaugummi kauend, und hält den Zettel brav in die Kamera. Im Hintergrund lacht jemand. Der Zirkusdirektor überlegt sich, was er zu den Griechen sagen könnte und da fällt ihm ein, dass die ja 2004 Europameister waren. Der Name Otto Rehagel fällt ihm in diesem Zusammenhang auch noch ein. Ihm fällt geradezu alles ein, was einem zu griechischem Fußball einfallen kann.
Es waren also Marco van Basten und Zinedine Zidane, die uns die Gruppe A in dieser Form bescherten – eine Gruppe A, von der gleich tags darauf alle behaupteten, sie würden sich kein Spiel daraus anschauen. Die „Gruppe Ah Ah“ nennt sie mancher Schalk mit Verweis auf den kindessprachlichen Ausdruck für das große Geschäft. Tatsächlich handelt es sich bei der Gruppe A um keine sonderlich attraktive. Weder verstecken sich in ihr große Fußballer, noch bietet sie einen sympathischen Geheimfavoriten; ja nicht einmal einen Exoten gäbe es da, dem man ironischerweise die Daumen halten kann. Zu Polen fällt einem erst einmal gar nichts ein, außer, dass es ein Gastgeberland ist. Aber das war Österreich vor vier Jahren auch. Russland hat seit Guus Hiddinks Abgang seine besten Zeiten erstmal gesehen; vielleicht handelt es sich aber trotzdem um die fußballerisch beste Truppe in der Gruppe A. Tschechien hatte gemeinsam mit Griechenland im Jahr 2004 das letzte große Highlight, in einem Semifinale, das meiner Erinnerung nach diese Bezeichnung nur des Turniermodus wegen verdient hat, denn weder war es schön anzusehen, noch hat es irgendwen interessiert, wer da gewinnt. Die Zeiten von Jan Koller und (einem in Form spielenden) Milan Baroš sind genauso vorbei wie jene des Silvergoals, mit dem diese Partie damals entschieden wurde.
Unspektakulärer hat eine EM wohl auch noch nie begonnen: Am 8. Juni erwarten uns nämlich die Partien Polen gegen Griechenland (das Eröffnungsspiel) und Russland gegen Tschechien. Vielleicht ist die Gruppe A gerade wegen der Ansammlung dieser Underdogs aber ganz interessant; ziemlich unvorhersehbar ist sie jedenfalls. Polen hat, wie gesagt, den (fragwürdigen) Vorteil, als Gastgeber anzutreten, Russland und Tschechien wissen, dass sie einmal gute Fußballer waren und Griechenland ist – leider muss man an dieser Stelle auf so eine Phrase zurückgreifen – immer für eine Überraschung gut. Im Endeffekt kommt es für jedes einzelne Team in der Gruppe A mehr als in jeder anderen Gruppe darauf an, wie schlecht die anderen sind. Hier steigt nicht auf, wer sich durchsetzt, sondern die Mannschaft, die durchhält. Am Ende wird es um das Torverhältnis gehen und da werden besonders die Gegentore von Relevanz sein. Ich sehe Griechenland und Tschechien mit guten Chancen – außer den Russen fällt wieder ein, wie man Tore schießt.
Das Bittere an dieser Gruppe A sind ja weniger die Gruppenspiele, die man sich ja nicht unbedingt anschauen muss, als vielmehr das Faktum, dass zwei dieser vier Teams im Viertelfinale auftauchen werden. Dort dürfen sie sich dann mit den Aufsteigern aus der Gruppe B auseinandersetzen. (Zur Erinnerung: Gruppe B, das ist die Anti-Gruppe-A, mit Deutschland, Portugal, Holland und Dänemark.) So darf man vermuten, dass man aus der Gruppe A niemanden im Halbfinale sehen wird. Und wenn mir jetzt irgendwer mit „Stolperstein für die Großen“ daherkommt, oder damit, dass Portugal schon gegen die Griechen und Holland schon gegen Russland verloren hat, dem entgegne ich ebenso binsenweise den Satz mit dem blinden Huhn und dem Korn.
Wenden wir uns lieber wieder der fußballerischen Realität zu und anerkennen wir, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass der Europameister 2012 aus der Gruppe A kommen wird. Die Realität ist aber auch, dass solche Turniere von Überraschungen leben und dass solche Überraschungen auch manchmal überraschend sympathisch sein können (s. Dänemark vor 20 Jahren). 'Faszination Fußball' kann man das großspurig nennen, und das Überraschende im Fußball ist gerade bei Turnieren wie der EM und der WM, wo alles innerhalb weniger Tage passiert, besonders attraktiv. Der ungeduldige Fußballseher, der von sich behauptet, „nur EM und WM“ zu schauen („und vielleicht noch Championsleague – ab dem Halbfinale!“), der wird wieder auf seine Kosten kommen. Popcorn-Fußball, bei uns eher Sechser-Tragerl-Fußball, bietet so eine Europameisterschaft immer. Wieder wird es die Guten und die Bösen geben, auch wenn wir uns nachher nicht mehr so sicher sein werden, wer jetzt warum die Bösen waren und warum die Guten auf einmal so schlecht gespielt haben. Die Gruppe A, ich nenne sie ab jetzt das Kondensat des Bösen, steht weniger für chronische Erfolglosigkeit (was ja schon wieder ein Sympathiepotenzial hätte und eigentlich so gar nicht richtig wäre), als vielmehr für grauslichsten Rumpelfußball sowie für technische und taktische Infinesse – oder was immer auch das Gegenteil von Finesse sein soll. Wir lieben diese Mannschaften vielleicht nicht, aber wir brauchen sie, weil sonst der Fußball zum öden bürgerlichen Trauerspiel verkommt.
Worauf wir uns freuen können:
Äähm... Mal sehen, wie die Griechen und die Russen drauf sind. Vorprogrammierte „Kracher“ gibt es in dieser Gruppe jedenfalls keine.
Bemerkenswerte Namen:
Eugen Polanski (POL): Deutsch-Pole von Mainz. Klingt erfunden, heißt aber so.
Wladimir Granat (RUS): Verteidiger von Dynamo Moskau. Ob sein Schuss hält, was sein Name verspricht, muss man erst sehen.
Ioannis Fetfatzidis (GRE): Mittelfeldspieler von Olympiakos Piräus. Ein Name wie gefährliches Essen.
Nikos Liberopoulos (GRE): Der einstige Torschützenkönig der griechischen Liga spielt im Sturm, wurde aber unter Rehakles noch als Libero eingesetzt, weil König Otto sich dachte: nomen est omen.
Theodor Gebre Selassie (CZE): Kein Witz, der Mann spielt Fußball für Tschechien, auch wenn es sein Name nicht vermuten ließe. Sein Vater ist aber Äthiopier.
Tomáš Hübschman (CZE): Hübscher Name; bekannt von Schachtar Donezk.
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