"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Samstag, 19. Juli 2014
Die Causa Nepomuk
Grausiges ereignete sich kürzlich in einer Sommernacht in Zell am See. Bisher unbekannte Vandalen vergingen sich an unserem schönen Stadtbrunnen und stürzten die Statue, die von vielen liebevoll "Nepomuk" genannt wird, samt dem Sockel um. Dabei wurde auch noch der Rand des Brunnens beschädigt. Ein trauriger Anblick, dieser in hundert Teile zersprungene Marmor-Nepomuk am Boden des Zeller Stadtplatzes. Die Zeller sind böse und naturgemäß ranken sich wilde Gerüchte darum, wer zu so einer Bosheit fähig sein könnte. Hier zwei mögliche Erklärungen und wie es gewesen sein könnte:
"Das waren bestimmt Einheimische", sagen die einen, und meinen damit eine besonders grimmige Spezies, nämlich die Oberpinzgauer. Denn ein Zeller würde sowas nie machen. Die Oberpinzgauer aber, die sind zu sowas fähig! Die reißen aus Neid auf die Zeller die Stadtbrunnenfigur um, sind sich viele sicher. Das hätte sich wohl so zugetragen:
A: "Schau her, de Hundtling mit eanan Stoudploutz! San eh koa richtige Stoud, owa Hauptsoch an Stoudploutz homms!"
B: "Jo, des san hoit richtige Großkopfate, de Zella. Schau o, den Brunnen, do sigg ma wieda wias moanan dass eppas Bessas san."
A: "Geh, Olympia-Siega und Tunni-Eröffning schreims do auffi, wei eana siest nix Bessas nid eifoit. So a Bagaasch, de Zella!"
B: "Schau hea, des Mannei do schaut a gou a so großkopfat hea!" (deutet auf die Statue)
A: "Jo, do host Recht, dea schaut hea wiara richtiga Zöia. Großkopfat und arrogant."
B: "Wos duat offt dea mit dem Fiesch? Schau hea, dea wüagg den! Des Mannei wüagg an Fiesch!"
A: "Ajo! Jo do siggst es wieda, wias mit de Viecher dand, de Zöia! Wiang duat an! Aufm Koupf steigga eam!"
B: "A so a Sauhundt, der Zöia-Doggi, dea!"
A: "Na woat, hiaz wiag i di!" (besteigt den Brunnen)
B: "Reisn hea, den Noun, den!" (auch B fängt an, auf den Brunnen zu klettern)
A, den Nepomuk schon mit dem Arm umklammernd: "So, du Sauhundt, wos du koost, koo i scho long!"
B: "Wiagn, den Sauzella! Den Sauhundt, den grausigen!" (fasst dem Nepomuk am Kopf)
A: "Ha! Den Toifi reis i hea!"
A nimmt die Marmorfigur in den Schwitzkasten, während B an deren Kopf rüttelt. Es ertönt ein dumpfes Grollen aus dem Inneren des Sockels.
A: "Hiaz riat a si, dea Doggi!"
B: "Hauman owa!"
Die beiden zerren weiter an dem Nepomuk, bis der Sockel nachgibt und auf den Brunnenrand kracht. Die Statue fällt zu Boden und zerspringt.
A: "Öha! Hiaz isa gou!"
Die beiden verschwinden.
--
Dass es aber ausgerechnet Einheimische gewesen sein sollen, die am Tag nach dem ersten rauschenden Sommernachtsfest bis vier Uhr früh unterwegs waren, ist zumindest fragwürdig. Auch wenn die niederen Motive, welche manche Zeller den Oberpinzgauern unterstellen, ja durchaus nachvollziehbar sind.
Es hielten sich aber auch einige Jugendgruppen aus Deutschland und den Niederlanden zur fraglichen Zeit in Zell am See auf, und so könnte es durchaus sein, dass der arme Nepomuk dem exzessiven Alkoholkonsum verantwortungsloser Urlauber zum Opfer fiel.
Vielleicht war es also auch so:
Vier deutsche Jugendliche, offensichtlich sehr betrunken, purzeln aus einem Lokal und finden ihren Weg auf den Stadtplatz:
A: "Och, guck mal, Stiebe, die hamm hier n' Brunn'n!"
B: "Krass Kacke, Alter! Die Ösis hamm nen Knall. Stelln da einfach n'Brunn'n hin!"
C schreit mehr als er singt: "So geh'n die Gauchos! Die Gauchos, die geh'n so! So geh'n die Gauchos, die Gauchos die geh'n so!" (geht in gebückter Haltung)
D: "Ne, die Ösis, die geh'n so!" (macht ihn nach)
A und B singend und hüpfend: "Sooo geh'n die Deutschen! Die Deuschen, die geh'n so! So geh'n die Deutschen, die Deutschen, die geh'n so!"
C: "Am Arsch, Alter, wir sind Weltmeister!"
D: "Die Ösis nich! Die hammja nichmal n'richtign Fußballer!"
A: "Doch, hammse. Den Alaba, der spielt doch bei Bayern!"
B: "Alaba is'n Schwarzer, das is kein Ösi!"
A: "Quatsch nich rum, Boateng is auch'n Schwarzer. Und der is Berliner!"
C: "Deutschland ist Weltmeister, Alter!"
D: "Genau! Egal, ob da'n Schwarzer bei is!"
B entdeckt die Tafeln am Brunnen: "Haste nich gesehen, guck, die hamm hier sogar Segelolympiasieger!"
C: "Voll schwul, Alter!"
B: "Krass. Hamm'wa auch n' Segelolympiasieger?"
A: "Weiß nich. Aber hamm'wa bestimmt. Wir hamm doch alles! Da is sicher irgendwo n'Segelolympiasieger bei!"
C: "Den WM-Pokal hammwa! Segeln is doch schwul!"
D: "Is nich schwul, Alter. Segeln is voll geil!"
C: "Am Arsch! Deutschland is Fußballweltmeister!"
Alle zusammen: "So geh'n die Gauchos, die Gauchos, die geh'n so!" usf.
C: "Guck, der olle Jung da hat'n Fisch inner Hand!"
B: "Krasse Statue hamm die da, die Ösis!"
A: "Wär'n geiler Pokal!"
Die anderen lachen zustimmend.
D: "Den holnwa runter! Der gehört uns!"
C: "Ja komm, Deutschland ist Weltmeister!"
Zwei klettern auf den Brunnen und versuchen, den "Pokal" zu stemmen.
A: "Helft mal, ihr Kacker! Hoch da!"
Die zwei anderen klettern auch auf den Brunnen und beteiligen sich. Beim Versuch, den "Pokal" zu stemmen, reißen die Jugendlichen den Sockel aus der Verankerung. Als einer der Betrunkenen droht, vom Brunnen zu stürzen, hält er sich an Nepomuk fest. Die Statue stürzt um und zerbricht.
B: "Krass, Mann! Scheiße!"
D: "Boah eh, Scheiße! Bloß weg hier!"
Die vier stürzen davon, einen hört man noch rufen: "Deutschland ist Weltmeister!"
--
Wer auch immer den Nepomuk auf dem Gewissen hat, soll nie mehr ruhig schlafen können! Unser schöner Stadtbrunnen ist von bösen Menschen zerstört worden, und Obiges ist nur ein verzweifelter satirischer Versuch, der Causa Nepomuk irgendeinen Sinn abzuringen. Nepomuk, wir werden dich nie vergessen!
Donnerstag, 13. März 2014
Des Liftlers 13 Worte
Als Liftbediensteter hat man es, entgegen landläufiger Meinung, nicht leicht. Freilich mag diese Beschäftigung an sonnigen Märztagen einen sehr entspannten Eindruck machen: Ein bisschen bei lauen Temperaturen in der Sonne sitzen, dem Schnee beim Schmelzen zusehen und dann und wann auf einen Knopf drücken, wenn es irgendjemand nicht geschafft hat, sich beim Sessellift rechtzeitig niederzusetzen. Auch die Bediensteten an den altgedienten Schleppliften scheinen ein unbeschwertes Dasein zu fristen, welches gelegentlich Gefahr läuft, ins Eintönige abzugleiten. Wer das denkt, der vergisst, was wir skifahrende Geselligkeitsterroristen ihnen dabei abverlangen!
Seit jeher gehört es nämlich zum guten Ton, mit dem Liftler beim Einsteigen ein paar Worte zu wechseln. Und welche Worte das sind! Was beim ersten Zusteigen dem Liftler noch leicht von der Hand geht und sich als abgekürzter Smalltalk verbuchen lässt, wird beim dritten, vierten oder spätestens fünften Mal zu einem echten Mühsal. Die Zeit, die einem Liftler zur Verfügung steht, um mit dem Fahrgast launige Konversation zu führen, lässt in den allermeisten Fällen nicht mehr als 13 Worte zu. Weil die Welt in 13 Worten nicht erklärt werden kann, und man in selbiger Zeitspanne auch keinen Witz oder eine Anekdote erzählen kann, beschränkt sich das Gespräch am Lift auf simple Fragen und Antworten. Hinzu kommt, dass der phatische Anteil der Konversation (jene sozial akzeptierten Floskeln, die allein dazu dienen, den Gesprächskanal offen zu halten) Überhand nimmt, und so mehr Blabla- als Aha-Momente entstehen.
So begnügt sich kein Liftler mit einem einfachen "Guten Morgen", sondern behilft sich mit einer in die Länge gezogenen Begrüßungsformel, welche die Zeit vom Öffnen der Zugangstürchen zur Einstiegsstelle bis zum unvermeidlichen Abtransport des Skifahrers durch den Schlepplift zu überbrücken sucht. Er sagt dann etwas wie "Mooooorgen, seeeeervaaas, Griiiaaas diiii!", und hofft dabei inständig, der Lift möge jetzt nicht stehen bleiben. Denn sein Gruß ist wohl getaktet: "Mooooooorgen!" - die Tür zur Einstiegesstelle geht auf, der Skifahrer rutscht unbeholfen nach vor - "Seeeervaaaas" - der verwirrte Skifahrer sieht den Bügel schon um die Kurve fahren - "Griiaaaaas diiii!" - der Bügel klemmt dem Skifahrer schon unterm Hintern und bevor er noch "Hallo" erwidern kann, winkt ihm der Liftler schon grinsend zum Abschied.
Mancher versucht, dem Liftler zuvor zu kommen und brüllt diesem schon ein "Servas!" auf dem Weg zum Einstieg, vielleicht sogar noch kurz vor dem Drehkreuz, zu. Denn der Liftler lässt sich generell bitten und grüßt nie als erstes! Auf einen solchen Präventivschlag reagiert er meistens, indem er so tut als hätte er einen nicht gehört, auch wenn sonst niemand in der Nähe ist, der seine Aufmerksamkeit verlangte. Steht man dann vor ihm, tut er erschreckt und sagt "Oh, servas, hallo, Morgen, Griasdi. Hab ich dich ja gar nicht kommen sehen!" ... 13 Worte, und da ist der Skifahrer schon weg.
Schwierig wird die Konversation beim zweiten oder dritten Mal. Mit landläufigen Themen wie dem Wetter oder den Pistenverhältnissen lässt sich kein Liftler der Welt aus der Reserve locken. Denn wie oft hören diese Leute am Tag den Satz "Schön ist es heute wieder, gell?" oder "Gut geht es heute wieder, nicht?" oder "viele Leute sind heute aber wieder unterwegs, oder?". Nur selten überrascht ein Liftler mit einer Antwort auf solche Fragen. "Jo, mia homm heit scho 14 Grad do herunten. Und des im Schottn!", zählt da schon zu den ausführlicheren Entgegnungen, die man sich in 13 Worten erwarten kann. Man fragt sich, wie vielen Menschen der Liftler das erzählen muss. Und doch, als Gast am Lift fühlt man sich freundlich behandelt, angehört, ja fast erhört. Mit einer Antwort erteilt einem der Liftler Absolution - aber lieber sagt er nichts. Daher beschränken sich viele der Antworten auf eine zustimmende Wiederholung des Gefragten. "Gut geht es heute wieder!" - "Jo, guat is. Woa gestern eh a scho guat. Und morgen wahrscheinlich aa!" - "Heute ist es aber wieder voll!" - "Jo, wonns nid oi a so saubled foan dadatn, meakat mas eh nid!" - eine Systemkritik in 13 Worten, beeindruckend.
Leute wiederum, die den Liftlern gerne ihre Ruhe lassen möchten, werden an manchen Tagen, wenn der Liftler besonders gut aufgelegt ist und ihm schweigen nicht lieber ist, am falschen Fuß erwischt. Denn da sagt der einem plötzlich was, und noch bevor man sich überhaupt eine Antwort zurecht legen kann, wird man schon von einem der Liftbügel abtransportiert. "Joo", kann man da nur noch stammeln, wenn der Liftler sagt "Mei hiatz host owa long braucht, san deine Schi nid gscheit gwaxlt, ha?" Wenn man Glück hat, fällt einem noch eine pfiffige Antwort ein, die man ihm dann noch im Wegfahren zubrüllen kann, aber da tut er schon wieder, als wäre man nicht mehr in dieser Welt zugegen. Denn der Liftler hat eine Wahrnehmung, die kann man sich gar nicht vorstellen: Dauernd tauchen vor seinem Auge Menschen auf, die nur gekommen sind, um wieder zu verschwinden. Da kann man ihm auch nicht böse sein, wenn er einen nicht wiedererkennt. Den bösen Spaß, einen Liftler bei jeder Fahrt aufs Neue zu begrüßen als sähe man ihn zum ersten Mal, sollte man sich dennoch nicht erlauben, denn: Ein verärgerter Liftler kann ein unangenehmer Zeitgenosse sein.
Ich selbst hatte heute an einem Lift Mühe, rechtzeitig vor dem Schließen der Türchen den Einstiegsbereich zu erreichen. Kurz nach dem Drehkreuz hatte sich am Boden eine Schneewanne gebildet, nach der es ein wenig nach oben ging, was zusätzlichen Stockeinsatz verlangte. Belustigt schaute mir der Liftler zu und ich versuchte mich selbstironisch zu retten, indem ich sagte: "Jetzt wäre ich fast nicht heraufgekommen zu dir!" Er entgegnete: "Jo woat nua, wos glabbst, am Noumittog sauffns ma in dera Wonn oo!"
Überrascht, düpiert und schließlich doch zufrieden wurde ich schon vom Schlepplift von dannen gezogen, bevor mir dazu noch etwas einfiel.
Seit jeher gehört es nämlich zum guten Ton, mit dem Liftler beim Einsteigen ein paar Worte zu wechseln. Und welche Worte das sind! Was beim ersten Zusteigen dem Liftler noch leicht von der Hand geht und sich als abgekürzter Smalltalk verbuchen lässt, wird beim dritten, vierten oder spätestens fünften Mal zu einem echten Mühsal. Die Zeit, die einem Liftler zur Verfügung steht, um mit dem Fahrgast launige Konversation zu führen, lässt in den allermeisten Fällen nicht mehr als 13 Worte zu. Weil die Welt in 13 Worten nicht erklärt werden kann, und man in selbiger Zeitspanne auch keinen Witz oder eine Anekdote erzählen kann, beschränkt sich das Gespräch am Lift auf simple Fragen und Antworten. Hinzu kommt, dass der phatische Anteil der Konversation (jene sozial akzeptierten Floskeln, die allein dazu dienen, den Gesprächskanal offen zu halten) Überhand nimmt, und so mehr Blabla- als Aha-Momente entstehen.
So begnügt sich kein Liftler mit einem einfachen "Guten Morgen", sondern behilft sich mit einer in die Länge gezogenen Begrüßungsformel, welche die Zeit vom Öffnen der Zugangstürchen zur Einstiegsstelle bis zum unvermeidlichen Abtransport des Skifahrers durch den Schlepplift zu überbrücken sucht. Er sagt dann etwas wie "Mooooorgen, seeeeervaaas, Griiiaaas diiii!", und hofft dabei inständig, der Lift möge jetzt nicht stehen bleiben. Denn sein Gruß ist wohl getaktet: "Mooooooorgen!" - die Tür zur Einstiegesstelle geht auf, der Skifahrer rutscht unbeholfen nach vor - "Seeeervaaaas" - der verwirrte Skifahrer sieht den Bügel schon um die Kurve fahren - "Griiaaaaas diiii!" - der Bügel klemmt dem Skifahrer schon unterm Hintern und bevor er noch "Hallo" erwidern kann, winkt ihm der Liftler schon grinsend zum Abschied.
Mancher versucht, dem Liftler zuvor zu kommen und brüllt diesem schon ein "Servas!" auf dem Weg zum Einstieg, vielleicht sogar noch kurz vor dem Drehkreuz, zu. Denn der Liftler lässt sich generell bitten und grüßt nie als erstes! Auf einen solchen Präventivschlag reagiert er meistens, indem er so tut als hätte er einen nicht gehört, auch wenn sonst niemand in der Nähe ist, der seine Aufmerksamkeit verlangte. Steht man dann vor ihm, tut er erschreckt und sagt "Oh, servas, hallo, Morgen, Griasdi. Hab ich dich ja gar nicht kommen sehen!" ... 13 Worte, und da ist der Skifahrer schon weg.
Schwierig wird die Konversation beim zweiten oder dritten Mal. Mit landläufigen Themen wie dem Wetter oder den Pistenverhältnissen lässt sich kein Liftler der Welt aus der Reserve locken. Denn wie oft hören diese Leute am Tag den Satz "Schön ist es heute wieder, gell?" oder "Gut geht es heute wieder, nicht?" oder "viele Leute sind heute aber wieder unterwegs, oder?". Nur selten überrascht ein Liftler mit einer Antwort auf solche Fragen. "Jo, mia homm heit scho 14 Grad do herunten. Und des im Schottn!", zählt da schon zu den ausführlicheren Entgegnungen, die man sich in 13 Worten erwarten kann. Man fragt sich, wie vielen Menschen der Liftler das erzählen muss. Und doch, als Gast am Lift fühlt man sich freundlich behandelt, angehört, ja fast erhört. Mit einer Antwort erteilt einem der Liftler Absolution - aber lieber sagt er nichts. Daher beschränken sich viele der Antworten auf eine zustimmende Wiederholung des Gefragten. "Gut geht es heute wieder!" - "Jo, guat is. Woa gestern eh a scho guat. Und morgen wahrscheinlich aa!" - "Heute ist es aber wieder voll!" - "Jo, wonns nid oi a so saubled foan dadatn, meakat mas eh nid!" - eine Systemkritik in 13 Worten, beeindruckend.
Leute wiederum, die den Liftlern gerne ihre Ruhe lassen möchten, werden an manchen Tagen, wenn der Liftler besonders gut aufgelegt ist und ihm schweigen nicht lieber ist, am falschen Fuß erwischt. Denn da sagt der einem plötzlich was, und noch bevor man sich überhaupt eine Antwort zurecht legen kann, wird man schon von einem der Liftbügel abtransportiert. "Joo", kann man da nur noch stammeln, wenn der Liftler sagt "Mei hiatz host owa long braucht, san deine Schi nid gscheit gwaxlt, ha?" Wenn man Glück hat, fällt einem noch eine pfiffige Antwort ein, die man ihm dann noch im Wegfahren zubrüllen kann, aber da tut er schon wieder, als wäre man nicht mehr in dieser Welt zugegen. Denn der Liftler hat eine Wahrnehmung, die kann man sich gar nicht vorstellen: Dauernd tauchen vor seinem Auge Menschen auf, die nur gekommen sind, um wieder zu verschwinden. Da kann man ihm auch nicht böse sein, wenn er einen nicht wiedererkennt. Den bösen Spaß, einen Liftler bei jeder Fahrt aufs Neue zu begrüßen als sähe man ihn zum ersten Mal, sollte man sich dennoch nicht erlauben, denn: Ein verärgerter Liftler kann ein unangenehmer Zeitgenosse sein.
Ich selbst hatte heute an einem Lift Mühe, rechtzeitig vor dem Schließen der Türchen den Einstiegsbereich zu erreichen. Kurz nach dem Drehkreuz hatte sich am Boden eine Schneewanne gebildet, nach der es ein wenig nach oben ging, was zusätzlichen Stockeinsatz verlangte. Belustigt schaute mir der Liftler zu und ich versuchte mich selbstironisch zu retten, indem ich sagte: "Jetzt wäre ich fast nicht heraufgekommen zu dir!" Er entgegnete: "Jo woat nua, wos glabbst, am Noumittog sauffns ma in dera Wonn oo!"
Überrascht, düpiert und schließlich doch zufrieden wurde ich schon vom Schlepplift von dannen gezogen, bevor mir dazu noch etwas einfiel.
Dienstag, 14. Januar 2014
Der Bienenmann
Mit dem Bienenmann verhält es sich so: Was er sagt, passiert. Nicht, weil alle daran glauben, dass es passiert. Die Dinge, die um uns geschehen, geschehen einfach - ganz egal, was wir davon halten. Beim Bienenmann ist das anders: Es geschieht, weil er es sagt. Ganz egal, was er davon hält. Nun tätigt der Bienenmann gottlob keine Aussagen über alles, was in der Welt passiert. Würde er es tun, geschähe es freilich. Nur wer wollte das schon? Niemand - und am wenigsten er selbst.
Wichtig ist nur das Wetter, denn das kann er bestimmen. Die meisten Menschen interessieren sich ja auch für wenig Anderes. Es ist auch nicht so, dass er das Wetter machen würde. Er sagt bloß, wie es wird, und das Wetter hält sich daran. Ein stilles Abkommen scheint zwischen dem Bienenmann und dem Wetter zu bestehen.
Der Mensch will vieles wissen. Am meisten interessiert ihn aber, wie das Wetter wird. Also fragt er den Bienenmann, vor allem zwei Mal im Jahr. Einmal nach dem Winter; und einmal nach dem Sommer. "Wie wird der Sommer?" oder "Wie wird der Winter?". Im Sommer will der Mensch Sonne, aber es soll auch nicht zu lange trocken bleiben. Im Winter will der Mensch Schnee, aber eben auch Sonne, um diesen genießen zu können. Für Menschen in Tourismusgebieten ist der Schnee im Winter also besonders wichtig. "Wann kommt der Schnee?", fragen sie deshalb den Bienenmann, oder: "Wie viel Schnee bekommen wir heuer?". Und der Bienenmann sagt es dann. Er sagt zum Beispiel: "Ende November kommt viel Schnee. Danach wird es warm. Im Jänner gibt's dann wieder Neuschnee." Und das Wetter wird dann so. Zunächst zumindest.
Nach einem Monat Winter fragen die Menschen wieder: "Wann kommt der Schnee?", und der Bienenmann muss ihn wieder verheißen. "Jetzt noch nicht. Ende Jänner oder Anfang Februar", vertröstet er die Menschen. Er sagt, er habe das von den Bienen gehört oder aus dem Misthaufen herausgelesen, außerdem habe er jahrzehntelang Aufzeichnungen geführt. So gibt der Bienenmann dem Wetter auch eine statistisch gute Chance, so zu werden, wie es immer schon war: Kalt im Winter, warm im Sommer. Mal mehr Schnee oder Regen, mal weniger. Aber Schnee oder Regen kommt immer! Entweder am Ende des einen, oder am Anfang eines anderen Monats. Oder zwischendrin, einfach so.
Werden die Fragen dringlicher, wehrt der Bienenmann ab: Er könne es ja auch nicht ganz genau sagen, schließlich sei er nicht der liebe Gott. Obwohl es natürlich schon oft so aussieht, als wäre er genau das: der liebe Gott. "Fürchtet euch nicht", spricht er dann, eine Biene streichelnd, "bald einmal kommt der Schnee!" Und die Menschen erzittern unter den Worten des Bienenmannes, weil sie nun wissen: Bald einmal schneit es. "Kommt viel Schnee?", fragen sie weiter. "Nein, generell eher wenig, stellenweise aber ganz ordentlich!", sagt der Bienenmann dann, weil sein Misthaufen hat es ihm geflüstert und die Bienen haben es ihm gesummt. Damit gibt er dem Wetter wieder die Chance, auf dem Berg "ganz ordentlich" Schnee abzulagern, in sonnigen Tälern hingegen "eher wenig" liegen zu lassen.
"Sprich, Bienenmann!", fordern die Menschen, "wie wird der Sommer?" - "Vor dem Sommer kommt das Frühjahr, und das wird regenreich, dann wird es warm, und im Sommer heiß! Aber auch viel Regen - oder wenig. Und nach dem Sommer kommt ein schöner Herbst." "Oh", sagen dann die Menschen, "gut!", und verbreiten die Kunde, dass das Wetter wieder so werde, wie es der Bienenmann gesagt habe. Und sollte es im Februar immer noch zu wenig Schnee haben, so hoffen sie inständig darauf, dass der Bienenmann sein heilig Wort sprechen möge und sage: "Es kommt Schnee!" Und sie hoffen, dass das Wetter selbigen dann auch bringe, sich also wieder an die Worte des Bienenmannes halte, das stille Abkommen einlösend, welches er mit dem Wetter hat. Oh, Zauber der Natur! Oh, Weisheit des Misthaufens! Mach, lieber Bienenmann, dass es schneie!
Wichtig ist nur das Wetter, denn das kann er bestimmen. Die meisten Menschen interessieren sich ja auch für wenig Anderes. Es ist auch nicht so, dass er das Wetter machen würde. Er sagt bloß, wie es wird, und das Wetter hält sich daran. Ein stilles Abkommen scheint zwischen dem Bienenmann und dem Wetter zu bestehen.
Der Mensch will vieles wissen. Am meisten interessiert ihn aber, wie das Wetter wird. Also fragt er den Bienenmann, vor allem zwei Mal im Jahr. Einmal nach dem Winter; und einmal nach dem Sommer. "Wie wird der Sommer?" oder "Wie wird der Winter?". Im Sommer will der Mensch Sonne, aber es soll auch nicht zu lange trocken bleiben. Im Winter will der Mensch Schnee, aber eben auch Sonne, um diesen genießen zu können. Für Menschen in Tourismusgebieten ist der Schnee im Winter also besonders wichtig. "Wann kommt der Schnee?", fragen sie deshalb den Bienenmann, oder: "Wie viel Schnee bekommen wir heuer?". Und der Bienenmann sagt es dann. Er sagt zum Beispiel: "Ende November kommt viel Schnee. Danach wird es warm. Im Jänner gibt's dann wieder Neuschnee." Und das Wetter wird dann so. Zunächst zumindest.
Nach einem Monat Winter fragen die Menschen wieder: "Wann kommt der Schnee?", und der Bienenmann muss ihn wieder verheißen. "Jetzt noch nicht. Ende Jänner oder Anfang Februar", vertröstet er die Menschen. Er sagt, er habe das von den Bienen gehört oder aus dem Misthaufen herausgelesen, außerdem habe er jahrzehntelang Aufzeichnungen geführt. So gibt der Bienenmann dem Wetter auch eine statistisch gute Chance, so zu werden, wie es immer schon war: Kalt im Winter, warm im Sommer. Mal mehr Schnee oder Regen, mal weniger. Aber Schnee oder Regen kommt immer! Entweder am Ende des einen, oder am Anfang eines anderen Monats. Oder zwischendrin, einfach so.
Werden die Fragen dringlicher, wehrt der Bienenmann ab: Er könne es ja auch nicht ganz genau sagen, schließlich sei er nicht der liebe Gott. Obwohl es natürlich schon oft so aussieht, als wäre er genau das: der liebe Gott. "Fürchtet euch nicht", spricht er dann, eine Biene streichelnd, "bald einmal kommt der Schnee!" Und die Menschen erzittern unter den Worten des Bienenmannes, weil sie nun wissen: Bald einmal schneit es. "Kommt viel Schnee?", fragen sie weiter. "Nein, generell eher wenig, stellenweise aber ganz ordentlich!", sagt der Bienenmann dann, weil sein Misthaufen hat es ihm geflüstert und die Bienen haben es ihm gesummt. Damit gibt er dem Wetter wieder die Chance, auf dem Berg "ganz ordentlich" Schnee abzulagern, in sonnigen Tälern hingegen "eher wenig" liegen zu lassen.
"Sprich, Bienenmann!", fordern die Menschen, "wie wird der Sommer?" - "Vor dem Sommer kommt das Frühjahr, und das wird regenreich, dann wird es warm, und im Sommer heiß! Aber auch viel Regen - oder wenig. Und nach dem Sommer kommt ein schöner Herbst." "Oh", sagen dann die Menschen, "gut!", und verbreiten die Kunde, dass das Wetter wieder so werde, wie es der Bienenmann gesagt habe. Und sollte es im Februar immer noch zu wenig Schnee haben, so hoffen sie inständig darauf, dass der Bienenmann sein heilig Wort sprechen möge und sage: "Es kommt Schnee!" Und sie hoffen, dass das Wetter selbigen dann auch bringe, sich also wieder an die Worte des Bienenmannes halte, das stille Abkommen einlösend, welches er mit dem Wetter hat. Oh, Zauber der Natur! Oh, Weisheit des Misthaufens! Mach, lieber Bienenmann, dass es schneie!
Sonntag, 7. Juli 2013
Grazer Reminiszenzen 3: Die Sprache
"Kernöil ... Kernöuhl ... Kernaöl ... Kernauöil ...", probierte ich oft allein in meinem Studentenzimmer. Alles fängt mit dem Kernöl an. Nicht nur beim Essen, sondern auch in der Sprache. Der im bairischen Sprachraum vielgepriesene "Oachkatzlschwoaf" ist quasi die Eintrittskarte für Zugewanderte. An ihm demonstriert der Bayer oder Österreicher, dass du nie dazugehören wirst, egal wie gut dein "Oachkatzlschwoaf" auch ist - irgendwo zwischen "Oach" und "oaf" wird man immer erkennen, dass du eigentlich von woanders bist. Das Kernöl aber, das ist, von kundigen Sprechern gesagt, ein Wort von solcher phonetischer Subtilität, dass jeder Nicht-Steirer an seine natürlichen Sprachgrenzen stoßen muss. Weil man nämlich tausendmal glaubt, dass man es jetzt hat; und der Steirer dir gegenüber schüttelt unentwegt den Kopf. Das nicht-steirische Ohr hört das richtige "Öl" nicht, sondern immer etwas anderes. "Öil, Öuhl, Aöuil, ..." Manchmal glaubt man sogar das "l" verschwinden zu hören. Kontaktassimilation nennt der Phonetiker das. Aber auch der Phonetiker ist hilflos gegenüber dem Kernöl, weil es für die phonetische Transkription keine geeigneten Zeichen im phonetischen Inventar gibt. Es lässt sich nicht erhören oder erfassen.
Man hört das Wort nämlich weniger als man es spürt. Damit ist es der Urvater aller steirischen Wörter. Das Steirische erschöpft sich nämlich überhaupt nicht im allgemein angenommenen "Bellen". Freilich, der Student der Sprachwissenschaften schmunzelt, wenn er im ersten Semester erfährt, dass die neuhochdeutsche Diphthongierung, also jener Lautwandelprozess, der aus einem einfachen Vokal einen Doppelvokal werden lässt, im 12. Jahrhundert vom südostbairischen Sprachraum ausging: dem heutigen Kärnten und der Steiermark. Auch lässt sich der steirische Dialekt recht leicht (zureichend aber nicht hinreichend) parodieren, wenn man einfach aus jedem Vokal einen Zwielaut macht. Wer aber jemals Kontakt mit Süd- oder Oststeirern hat, merkt schnell, dass es damit nicht getan ist. Der steirische Dialekt prügelt einem das Trommelfell und verleitet zum Mitnicken beim Zuhören. Manchmal klingt es, wie wenn ein Volksschüler ein Gedicht im jambischen Versmaß übertrieben zu rezitieren versucht, um sich selbst vor dem Leiern zu bewahren. Das Steirische ist zuweilen anstrengend, aber es ist eine agile, nie langweilige und manchmal lustig hopsende Sprache. Und es ist (siehe Kernöl) komplexer als man denkt.
Im lexikalischen Bereich findet man als in die Kulturstadt gezogener Innergebirgler wenig Auffälliges. Im Lokal muss man sich halt daran gewöhnen, dass für den Steirer offenbar der Inbegriff eines Glases einen nullkommadreilitrigen Inhalt hat. Das "Glasl Bier" ist demnach das unsrige "Seitl" bzw. "Seitei". Zu Schwierigkeiten kommt es dabei aber nicht, weil auch die Variante "Seidl" bekannt ist. Am "Seitei" erfreuten sich die Grazer unverständlicherweise aber besonders, und so konnte ich stets mit meiner bescheidenen Bestellung Amusement erzeugen. "Seite! Seite!", riefen die Grazer vergnügt, und so war auch ich vergnügt darüber, dass ihnen das "ei" am Schluss ähnlich entgangen war wie mir manches Mal das "l" beim Kernöl.
Dass der Spritzwein bei den Grazern lapidar "Mischung" genannt wird, finde ich immer noch höchst kurios und es lässt mich den Steirern eine generelle Vorliebe für Oberbegriffe andichten. Glasl, Mischung, ... dauernd möchte man dem Steirer entgegenschreien "Wos? A Glasl wos? A Mischung wos? Wos wüst du mischen?! Wos wüst du in dei Glasl hom?!", aber eigentlich findet man das ganze eh recht drollig und lässt den Steirer gewähren. Die Vagheit der Begriffe "Glasl" und "Mischung" im Auge wundert es einen dann aber doch, dass ein Radler ein Radler bleibt, auch wenn der vorzugsweise mit Lederhosenlimonade gemacht wird. So gibt es konsequenterweise auch die "Almdudlermischung" - ein Wort von faszinierender Eleganz, vor allem, wenn es von einem Bewohner der südlichen Steiermark ausgesprochen wird.
Wenn der Steirer einige Glasln Bier und Mischungen verschiedenster Art getrunken hat, geht er meistens liegen. "Liegen gehen" heißt ganz eigentlich, dass man sich zum Schlafen niederlegt. Auch hier bleibt der Steirer sprachlich wieder sehr allgemein und sagt nicht genau, was er macht. Anfangs stellte ich mir Studenten vor, die wach auf ihrem Bette ruhen und sich Gedanken über die Unbestimmtheit der steirischen Sprache machen, wenn jemand sagte, er ginge jetzt liegen. Für die höchst passive Tätigkeit des einfachen Daliegens oder gar Schlafens hat die Wendung "liegen gehen" einen unangebracht aktiven Charakter. Es klingt fast wie Arbeit, schließlich muss man sich ja erst zu einer geeigneten Liegestätte begeben: "Ich gehe jetzt liegen" klingt nach Auftragserfüllung, wohingegen "Ich leg mich ein bisschen nieder" schon in der Ankündigung vor Faulheit stinkt. Zusätzlich meidet der Steirer mit dieser Phrase das Alarmwort "schlafen". Der Steirer schläft nie! Er liegt immer nur bzw. befindet sich Zeit seines Lebens immer nur auf dem Weg zu einer Ruhestätte. Wir können das einen Euphemismus nennen, sind aber im gleichen Moment nicht sicher, ob hier tatsächlich etwas Unangenehmes durch etwas Unverdächtiges ausgedrückt wird. Uns beschleicht vielmehr die Vermutung, dass der Steirer uns einfach täuschen will - auf gut deutsch: Er will uns verarschen. Oder aber er schämt sich. So wie man sagt "ich muss mal wohin" und niemals "ich habe Durchfall".
Wir erkennen also im Steirischen den Hang zur Verschleierung. Laute werden verschleiert, indem sie durch Hinzufügen von Zwischenlauten verwaschen werden. Möglichst allgemeine Begriffe ersetzen eindeutige Ansagen. Der Steirer täuscht und tarnt, wo er nur kann, er lässt uns im Unklaren über die wahre Natur der Dinge. Vielleicht lebt er aber auch nur konsequent die philosophische Grundannahme, dass die Dinge an sich eh nicht verfügbar sind - warum sich also die Mühe machen, sie möglichst genau zu beschreiben versuchen? Wir können den Steirer Sprachpragmaten nennen, der aber wegen eines untrüglichen Sinns für melodische Eleganz sich dankenswerter Weise einem jaulenden Singsang verpflichtet hat, der uns bei Laune hält und uns manchmal schmunzeln lässt; vielleicht neidisch schmunzeln lässt, weil wir uns zu Hause vor dem Spiegel wiederfinden, das Lautinventar des Kernöls betend: "Kernäöl, Kernauöil, Kernöuil, ..."
Man hört das Wort nämlich weniger als man es spürt. Damit ist es der Urvater aller steirischen Wörter. Das Steirische erschöpft sich nämlich überhaupt nicht im allgemein angenommenen "Bellen". Freilich, der Student der Sprachwissenschaften schmunzelt, wenn er im ersten Semester erfährt, dass die neuhochdeutsche Diphthongierung, also jener Lautwandelprozess, der aus einem einfachen Vokal einen Doppelvokal werden lässt, im 12. Jahrhundert vom südostbairischen Sprachraum ausging: dem heutigen Kärnten und der Steiermark. Auch lässt sich der steirische Dialekt recht leicht (zureichend aber nicht hinreichend) parodieren, wenn man einfach aus jedem Vokal einen Zwielaut macht. Wer aber jemals Kontakt mit Süd- oder Oststeirern hat, merkt schnell, dass es damit nicht getan ist. Der steirische Dialekt prügelt einem das Trommelfell und verleitet zum Mitnicken beim Zuhören. Manchmal klingt es, wie wenn ein Volksschüler ein Gedicht im jambischen Versmaß übertrieben zu rezitieren versucht, um sich selbst vor dem Leiern zu bewahren. Das Steirische ist zuweilen anstrengend, aber es ist eine agile, nie langweilige und manchmal lustig hopsende Sprache. Und es ist (siehe Kernöl) komplexer als man denkt.
Im lexikalischen Bereich findet man als in die Kulturstadt gezogener Innergebirgler wenig Auffälliges. Im Lokal muss man sich halt daran gewöhnen, dass für den Steirer offenbar der Inbegriff eines Glases einen nullkommadreilitrigen Inhalt hat. Das "Glasl Bier" ist demnach das unsrige "Seitl" bzw. "Seitei". Zu Schwierigkeiten kommt es dabei aber nicht, weil auch die Variante "Seidl" bekannt ist. Am "Seitei" erfreuten sich die Grazer unverständlicherweise aber besonders, und so konnte ich stets mit meiner bescheidenen Bestellung Amusement erzeugen. "Seite! Seite!", riefen die Grazer vergnügt, und so war auch ich vergnügt darüber, dass ihnen das "ei" am Schluss ähnlich entgangen war wie mir manches Mal das "l" beim Kernöl.
Dass der Spritzwein bei den Grazern lapidar "Mischung" genannt wird, finde ich immer noch höchst kurios und es lässt mich den Steirern eine generelle Vorliebe für Oberbegriffe andichten. Glasl, Mischung, ... dauernd möchte man dem Steirer entgegenschreien "Wos? A Glasl wos? A Mischung wos? Wos wüst du mischen?! Wos wüst du in dei Glasl hom?!", aber eigentlich findet man das ganze eh recht drollig und lässt den Steirer gewähren. Die Vagheit der Begriffe "Glasl" und "Mischung" im Auge wundert es einen dann aber doch, dass ein Radler ein Radler bleibt, auch wenn der vorzugsweise mit Lederhosenlimonade gemacht wird. So gibt es konsequenterweise auch die "Almdudlermischung" - ein Wort von faszinierender Eleganz, vor allem, wenn es von einem Bewohner der südlichen Steiermark ausgesprochen wird.
Wenn der Steirer einige Glasln Bier und Mischungen verschiedenster Art getrunken hat, geht er meistens liegen. "Liegen gehen" heißt ganz eigentlich, dass man sich zum Schlafen niederlegt. Auch hier bleibt der Steirer sprachlich wieder sehr allgemein und sagt nicht genau, was er macht. Anfangs stellte ich mir Studenten vor, die wach auf ihrem Bette ruhen und sich Gedanken über die Unbestimmtheit der steirischen Sprache machen, wenn jemand sagte, er ginge jetzt liegen. Für die höchst passive Tätigkeit des einfachen Daliegens oder gar Schlafens hat die Wendung "liegen gehen" einen unangebracht aktiven Charakter. Es klingt fast wie Arbeit, schließlich muss man sich ja erst zu einer geeigneten Liegestätte begeben: "Ich gehe jetzt liegen" klingt nach Auftragserfüllung, wohingegen "Ich leg mich ein bisschen nieder" schon in der Ankündigung vor Faulheit stinkt. Zusätzlich meidet der Steirer mit dieser Phrase das Alarmwort "schlafen". Der Steirer schläft nie! Er liegt immer nur bzw. befindet sich Zeit seines Lebens immer nur auf dem Weg zu einer Ruhestätte. Wir können das einen Euphemismus nennen, sind aber im gleichen Moment nicht sicher, ob hier tatsächlich etwas Unangenehmes durch etwas Unverdächtiges ausgedrückt wird. Uns beschleicht vielmehr die Vermutung, dass der Steirer uns einfach täuschen will - auf gut deutsch: Er will uns verarschen. Oder aber er schämt sich. So wie man sagt "ich muss mal wohin" und niemals "ich habe Durchfall".
Wir erkennen also im Steirischen den Hang zur Verschleierung. Laute werden verschleiert, indem sie durch Hinzufügen von Zwischenlauten verwaschen werden. Möglichst allgemeine Begriffe ersetzen eindeutige Ansagen. Der Steirer täuscht und tarnt, wo er nur kann, er lässt uns im Unklaren über die wahre Natur der Dinge. Vielleicht lebt er aber auch nur konsequent die philosophische Grundannahme, dass die Dinge an sich eh nicht verfügbar sind - warum sich also die Mühe machen, sie möglichst genau zu beschreiben versuchen? Wir können den Steirer Sprachpragmaten nennen, der aber wegen eines untrüglichen Sinns für melodische Eleganz sich dankenswerter Weise einem jaulenden Singsang verpflichtet hat, der uns bei Laune hält und uns manchmal schmunzeln lässt; vielleicht neidisch schmunzeln lässt, weil wir uns zu Hause vor dem Spiegel wiederfinden, das Lautinventar des Kernöls betend: "Kernäöl, Kernauöil, Kernöuil, ..."
Montag, 25. März 2013
Sprechen Sie Deutsch ?/!
Touristen und Einwanderer haben es nicht leicht im Gebirge. Nicht nur ist es die ihnen oft unvertraute Landschaft, welche die Beschwerlichkeit des Berganschreitens genauso in sich birgt wie die oft schwer vorherzusehenden Wetterwechsel, die im Gebirge nicht nur unterhaltsam, sondern eben auch gefährlich sein können; viel öfter scheitert der Wille zum Wohlfühlen an der seltsamen Sprache der Innergebirgler. Denn der Bergmensch kann und will es nicht verstehen, dass er außerbergs nicht verstanden wird. Vielmehr: Es ist ihm egal. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass trotz mittlerweile flächendeckenden Englisch-Unterrichts, der Gebirgler auf dieser Sprache nur phrasenhaft kommunizieren mag. Sein Gebrauch des Englischen beschränkt sich zudem meist auf Wegbeschreibungen, die sich wiederum in den vielsagenden Anweisungen "down" und "up" erschöpfen. "Go up, donn hintre ... hinter... behind hoit. Nochand links... left!" Ahja.
Freilich, der Gebrauch der Englischen Sprache ist nicht jedermanns everyday business. Aber im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends kann mir kein Bewohner einer schon seit fast einem Jahrhundert touristischen Region erzählen, dass er einem Ortsunkundigen nicht auf Englisch den Weg zum nächsten Wirtshaus (als ob er den nicht kennen würde!) oder zum Skiverleih erklären könne. Der Grund, warum diese Situationen in echt immer wieder scheitern, liegt ganz einfach im Unwillen des sogenannten Einheimischen, etwas anderes als seine, die einheimische, Sprache zu sprechen. Diese Verweigerung macht nicht bei einer Weltsprache wie dem Englischen halt. Es erstreckt sich erschreckenderweise sogar auf die standardisierte, überregional verständliche Variante unserer Muttersprache.
Es sind nicht nur "arrogante Deutsche", die vorgeben, rein gar nichts von dem zu verstehen, was der Gebirgler ihm in breitestem Pinzgauer Dialekt zu verstehen gibt. Freilich, es schon auch solche, die sich absichtlich blöd stellen (oder einfach noch keinen Sprachkontakt mit uns hatten oder wollten), und die gleichzeitig davon ausgehen, dass wir ihrem Thüringischen oder Rheinfränkischen Dialekt so ohne weiteres folgen können. Ignorant sein, das kann man auch - und vor allem - in der Sprache.
Viel schlimmer ist die Weigerung des Bergmenschen, seinen Dialekt kurzzeitig zugunsten einer allgemein verständlicheren Variante des Deutschen aufzugeben, wenn er mit Menschen kommuniziert, die dem Deutschen durchaus mächtig sind bzw. sich zumindest alle Mühe geben, es sein zu wollen. Die Rede ist von Zuwanderern, denen ja immer gesagt wird, sie sollen gefälligst zuerst Deutsch lernen, bevor sie es sich bei uns gemütlich machen. Diese Menschen sind nicht abgeneigt zu tun, was von ihnen verlangt wird, ja manche sind mit Eifer und Freude bei der Sache - bis sie merken, wie wenig ihnen im sprachlichen Alltag ihr Wissen nützlich ist. Dort nämlich treffen sie auf den Bergmenschen, der, sobald er die ersten deutschsprachigen Bemühungen des Lernenden bemerkt, anfängt, mit diesem konsequent Pinzgauerisch zu reden. "Ko jo eh Deitsch. Des vastehta scho!", heißt es dann.
So fürsorglich und kameradschaftlich das vielleicht gemeint ist, so frustrierend ist es für den, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Sprache zu lernen, die angeblich in Österreich gesprochen wird. Sprachlernende, die ohnehin schon Mühe haben, das Deutsche in der freien Wildbahn des Alltags (im Gegensatz zur gepflegten Konstruiertheit des im Klassenraum Erlernten) sinnerfassend zu verstehen, sind verwundert: Was ist das für eine Sprache, die die Menschen hier sprechen?
Über die Unterschiede zwischen dem standardisiertem Deutsch und unserem Dialekt sind wir vielleicht zu wenig im Bilde. Wir können uns nicht vorstellen, wie unsere Umgangssprache für jemanden klingt, der sich gerade Mühe gibt, das Lautinventar, die oft komplexe Satzgrammatik und die Intonation des Deutschen zu durchschauen bzw. zu erhören. Für die Sprachlernenden aber ist es eine frustrierende Erfahrung: All die Mühe, die man vor allem am Anfang in ein Sprachstudium des Deutschen steckt, scheint umsonst gewesen zu sein. Das im Klassenzimmer mühsam Angeeignete hat in der Praxis wenig bis gar keinen Wert.
Umgekehrt geht der Einheimische her und hat mit den fortlaufenden Verständnisschwierigkeiten des Zuwanderers nur wenig Nachsehen: "Der lernt's nia!", heißt es dann lapidar. Und wenn er es lernt, der Herr Gastarbeiter, dann kommt dabei ein Kauderwelsch heraus, der jenseits der Grenzen des Bezirks wenig kommunikativen Alltagsbestand haben wird. Ein schlecht gelerntes Deutsch, das sich aus Dialektversatzstücken, der Grammatik der Muttersprache und ein bisschen Hochdeutsch konglomeriert, marginalisiert mehr als es integriert. Von keinem Einwanderer, der Deutsch ohne Vorkenntnisse erlernt, kann man erwarten, dass er es eines Tages akzentfrei sprechen wird, und das soll und kann auch gar nicht Ziel der sprachlichen Integration sein. Aber man kann als Muttersprachler den Lernwilligen eine kleine Hilfestellung leisten, indem man mit ihnen so kommuniziert, dass sie nicht nur verstehen, sondern im selben Zug auch noch wiedererkennen und dazulernen. Was kostet uns das mehr als eine kleine sprachliche Mühe, die eigentlich jeder Volksschüler im Unterricht aufzubringen imstande ist?
Woran also liegt es, dass die Gebirgler mit ihren so geschätzten Saisonkräften nicht ordentlich Deutsch sprechen können oder wollen? Einerseits wird da das Berufsumfeld des Gastgewerbes ins Spiel gebracht, das es angeblich unmöglich macht, Anweisungen in verständlichem Deutsch zu geben, weil alles "ruck-zuck" gehen muss und eigentlich sowieso alles ohne Worte ablaufen sollte. Nur: Wer seinen Angestellten Anweisungen auf Pinzgauerisch zubellt, läuft eben Gefahr, nicht richtig verstanden zu werden. Das hat entweder Nachfragen zur Folge (was auch wieder Zeit kostet) oder ein Missverständnis, das dazu führt, dass die erteilte Aufgabe nicht richtig erledigt wird - was noch mehr Zeit kostet.
Viel öfter aber scheint es so, als wolle der Innergebirgler gar kein ordentliches Deutsch sprechen. Er sieht den Dialekt als eine Art Geheimsprache, deren Verwendung Zugehörigkeit signalisiert. So manifestiert sich das allseits bekannte "Mia san mia" vor allem in der Sprache. Dem Lernenden wird damit signalisiert, dass er, so sehr er sich auch bemühen mag, es eben nie lernen wird. Er wird nie dazugehören. So gut sein Deutsch auch sein mag, der Gebirgler wird ihm mit seinem Dialekt immer voraus sein. "Haha, des vasteht a nid, ge?", ergötzt sich der Bergmensch am Unverständnis des Migranten. Diese "anti-integratorische" Komponente des Dialekts wird nie wirklich übersehen. Im Gegenteil: Der Dialekt ist dem Einheimischen sein Rückzugsort, wenn es ihm in der touristischen Interaktion zu viel wird, und er sich darauf besinnen möchte, dass er etwas Besonderes ist. Schließlich kann man sich eine Lederhose und einen Hut mit Gamsbart kaufen - eine kernige Aussprache jedoch nicht. An der hat sich noch immer gezeigt, ob einer ein "Dosiger" oder ein "Zuag'roaster" ist. Und die Zuag'roasten kann man ja jederzeit wieder "ausgrausigen", wie es heißt.
Freilich, der Gebrauch der Englischen Sprache ist nicht jedermanns everyday business. Aber im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends kann mir kein Bewohner einer schon seit fast einem Jahrhundert touristischen Region erzählen, dass er einem Ortsunkundigen nicht auf Englisch den Weg zum nächsten Wirtshaus (als ob er den nicht kennen würde!) oder zum Skiverleih erklären könne. Der Grund, warum diese Situationen in echt immer wieder scheitern, liegt ganz einfach im Unwillen des sogenannten Einheimischen, etwas anderes als seine, die einheimische, Sprache zu sprechen. Diese Verweigerung macht nicht bei einer Weltsprache wie dem Englischen halt. Es erstreckt sich erschreckenderweise sogar auf die standardisierte, überregional verständliche Variante unserer Muttersprache.
Es sind nicht nur "arrogante Deutsche", die vorgeben, rein gar nichts von dem zu verstehen, was der Gebirgler ihm in breitestem Pinzgauer Dialekt zu verstehen gibt. Freilich, es schon auch solche, die sich absichtlich blöd stellen (oder einfach noch keinen Sprachkontakt mit uns hatten oder wollten), und die gleichzeitig davon ausgehen, dass wir ihrem Thüringischen oder Rheinfränkischen Dialekt so ohne weiteres folgen können. Ignorant sein, das kann man auch - und vor allem - in der Sprache.
Viel schlimmer ist die Weigerung des Bergmenschen, seinen Dialekt kurzzeitig zugunsten einer allgemein verständlicheren Variante des Deutschen aufzugeben, wenn er mit Menschen kommuniziert, die dem Deutschen durchaus mächtig sind bzw. sich zumindest alle Mühe geben, es sein zu wollen. Die Rede ist von Zuwanderern, denen ja immer gesagt wird, sie sollen gefälligst zuerst Deutsch lernen, bevor sie es sich bei uns gemütlich machen. Diese Menschen sind nicht abgeneigt zu tun, was von ihnen verlangt wird, ja manche sind mit Eifer und Freude bei der Sache - bis sie merken, wie wenig ihnen im sprachlichen Alltag ihr Wissen nützlich ist. Dort nämlich treffen sie auf den Bergmenschen, der, sobald er die ersten deutschsprachigen Bemühungen des Lernenden bemerkt, anfängt, mit diesem konsequent Pinzgauerisch zu reden. "Ko jo eh Deitsch. Des vastehta scho!", heißt es dann.
So fürsorglich und kameradschaftlich das vielleicht gemeint ist, so frustrierend ist es für den, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Sprache zu lernen, die angeblich in Österreich gesprochen wird. Sprachlernende, die ohnehin schon Mühe haben, das Deutsche in der freien Wildbahn des Alltags (im Gegensatz zur gepflegten Konstruiertheit des im Klassenraum Erlernten) sinnerfassend zu verstehen, sind verwundert: Was ist das für eine Sprache, die die Menschen hier sprechen?
Über die Unterschiede zwischen dem standardisiertem Deutsch und unserem Dialekt sind wir vielleicht zu wenig im Bilde. Wir können uns nicht vorstellen, wie unsere Umgangssprache für jemanden klingt, der sich gerade Mühe gibt, das Lautinventar, die oft komplexe Satzgrammatik und die Intonation des Deutschen zu durchschauen bzw. zu erhören. Für die Sprachlernenden aber ist es eine frustrierende Erfahrung: All die Mühe, die man vor allem am Anfang in ein Sprachstudium des Deutschen steckt, scheint umsonst gewesen zu sein. Das im Klassenzimmer mühsam Angeeignete hat in der Praxis wenig bis gar keinen Wert.
Umgekehrt geht der Einheimische her und hat mit den fortlaufenden Verständnisschwierigkeiten des Zuwanderers nur wenig Nachsehen: "Der lernt's nia!", heißt es dann lapidar. Und wenn er es lernt, der Herr Gastarbeiter, dann kommt dabei ein Kauderwelsch heraus, der jenseits der Grenzen des Bezirks wenig kommunikativen Alltagsbestand haben wird. Ein schlecht gelerntes Deutsch, das sich aus Dialektversatzstücken, der Grammatik der Muttersprache und ein bisschen Hochdeutsch konglomeriert, marginalisiert mehr als es integriert. Von keinem Einwanderer, der Deutsch ohne Vorkenntnisse erlernt, kann man erwarten, dass er es eines Tages akzentfrei sprechen wird, und das soll und kann auch gar nicht Ziel der sprachlichen Integration sein. Aber man kann als Muttersprachler den Lernwilligen eine kleine Hilfestellung leisten, indem man mit ihnen so kommuniziert, dass sie nicht nur verstehen, sondern im selben Zug auch noch wiedererkennen und dazulernen. Was kostet uns das mehr als eine kleine sprachliche Mühe, die eigentlich jeder Volksschüler im Unterricht aufzubringen imstande ist?
Woran also liegt es, dass die Gebirgler mit ihren so geschätzten Saisonkräften nicht ordentlich Deutsch sprechen können oder wollen? Einerseits wird da das Berufsumfeld des Gastgewerbes ins Spiel gebracht, das es angeblich unmöglich macht, Anweisungen in verständlichem Deutsch zu geben, weil alles "ruck-zuck" gehen muss und eigentlich sowieso alles ohne Worte ablaufen sollte. Nur: Wer seinen Angestellten Anweisungen auf Pinzgauerisch zubellt, läuft eben Gefahr, nicht richtig verstanden zu werden. Das hat entweder Nachfragen zur Folge (was auch wieder Zeit kostet) oder ein Missverständnis, das dazu führt, dass die erteilte Aufgabe nicht richtig erledigt wird - was noch mehr Zeit kostet.
Viel öfter aber scheint es so, als wolle der Innergebirgler gar kein ordentliches Deutsch sprechen. Er sieht den Dialekt als eine Art Geheimsprache, deren Verwendung Zugehörigkeit signalisiert. So manifestiert sich das allseits bekannte "Mia san mia" vor allem in der Sprache. Dem Lernenden wird damit signalisiert, dass er, so sehr er sich auch bemühen mag, es eben nie lernen wird. Er wird nie dazugehören. So gut sein Deutsch auch sein mag, der Gebirgler wird ihm mit seinem Dialekt immer voraus sein. "Haha, des vasteht a nid, ge?", ergötzt sich der Bergmensch am Unverständnis des Migranten. Diese "anti-integratorische" Komponente des Dialekts wird nie wirklich übersehen. Im Gegenteil: Der Dialekt ist dem Einheimischen sein Rückzugsort, wenn es ihm in der touristischen Interaktion zu viel wird, und er sich darauf besinnen möchte, dass er etwas Besonderes ist. Schließlich kann man sich eine Lederhose und einen Hut mit Gamsbart kaufen - eine kernige Aussprache jedoch nicht. An der hat sich noch immer gezeigt, ob einer ein "Dosiger" oder ein "Zuag'roaster" ist. Und die Zuag'roasten kann man ja jederzeit wieder "ausgrausigen", wie es heißt.
Donnerstag, 15. November 2012
Gibs auf
Der Dohlinger Franz erzählt:
"Gonz in da Fria is gwenn, auf da Stroßn koa Söi, und i bin zan Bonnhof gonga. Wiari mei Uh mit da Uh vom Kiachtiamei vaglichn ho, ho i gseng, dass dou scho a weng spada woa ois wia i ma docht hou; offt ho i recht an Gnett ghobb und vor lauta Hudln hou i offt neama gwisst wo i hi muas, wei in dem Deafei do ho i mi a no nid so guad auskennt. Wos moast wia froh i gwenn bi, dass i glei an Schantinga dawuschn hou! I zu eam zuachidoggit und gfrogg wo i hi muas. Owa der Nox houd nua deppat grinst und gmoat: 'Vo mia wüst du wissn, wo'st hi muast?' 'Jo', ho i gsogg, 'i siech mi söm neama aus!' 'Gibs auf, gibs auf', houda noand gsogg und si a so kommisch wegdraht, wia oana, der mit seim Lochn aloa sei wü."
"Gonz in da Fria is gwenn, auf da Stroßn koa Söi, und i bin zan Bonnhof gonga. Wiari mei Uh mit da Uh vom Kiachtiamei vaglichn ho, ho i gseng, dass dou scho a weng spada woa ois wia i ma docht hou; offt ho i recht an Gnett ghobb und vor lauta Hudln hou i offt neama gwisst wo i hi muas, wei in dem Deafei do ho i mi a no nid so guad auskennt. Wos moast wia froh i gwenn bi, dass i glei an Schantinga dawuschn hou! I zu eam zuachidoggit und gfrogg wo i hi muas. Owa der Nox houd nua deppat grinst und gmoat: 'Vo mia wüst du wissn, wo'st hi muast?' 'Jo', ho i gsogg, 'i siech mi söm neama aus!' 'Gibs auf, gibs auf', houda noand gsogg und si a so kommisch wegdraht, wia oana, der mit seim Lochn aloa sei wü."
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