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Samstag, 17. März 2018

Spaziergang mit Mops

Der Mops muss raus. Immerhin hat er gestern den ganzen Tag nicht gekackt. Zumindest hat ihn dabei niemand beobachtet, und weil Möpse nichts, aber auch gar nichts, selbstständig tun können, liegt die Vermutung nahe, dass der Mops gestern nicht gekackt hat, weil ihn niemand dabei gesehen hat.

Aufgeregt dreht sich der Mops im Aufzug um die eigene Achse. Bald ist es soweit. Oben in der Wohnung wird schon sein Futter bereitet, und er weiß, dass er zuerst kacken muss, um an sein Futter zu kommen. Er ist mit seinem Fressnapf wie mit einer unsichtbaren Schnur verbunden. Während der nächsten paar Minuten ist er geistig beim Fressnapf. Der Mops läuft durch die Haustüre und biegt gleich rechts ab in Richtung See. Er weiß Bescheid.

Auf der Seepromenade herrscht reges Treiben. Ungewöhnlich viele Menschen spazieren hier auf und ab, machen Fotos, starren die langweiligen Enten an und lachen den Mops aus, wenn er an ihnen vorbei läuft. Der Mops sieht nämlich nicht nur lustig aus, er hat auch einen lustigen Gang. Aber der Gang des Mopses soll hier nicht Thema sein. Denn den Leuten vergeht das Lachen recht schnell, wenn sie den Mops beim Kacken beobachten müssen.

Der Mops schnüffelt den Boden entlang, dreht sich in die richtigen Position (Kopf nach Norden) und macht einen krummen Rücken. Seine Augenbrauen schiebt er dachförmig zusammen, und er scheint seine schwarzen Kulleraugen noch weiter herauszudrücken als sonst. Er sieht erbärmlich aus, wenn er kackt!

Hinten drückt er eine hellbraune Wurst heraus. Dann noch eine – und noch eine. Je mehr aus dem Mops heraus kommt, desto weicher und heller wird es. Herrje, was hat er denn gestern schon wieder gefressen? Der Mops ist fertig, stackst noch in gebückter Haltung ein paar Zentimeter weiter. Kommt da noch was? Der schwarze Plastikbeutel wird ausgerollt, meine Freude hält sich in Grenzen. Die Kacke klebt am frühlingshaften Gras. Wie schade für das Gras – gerade eben vom Schnee befreit, nun schon mit Mopskot beschmiert ...

Ich warte, ob noch was kommt, aber der Mops schnüffelt schon wieder an einer anderen Stelle. Noch bevor ich dazu komme, sein "Werk" aufzuheben, dreht er sich plötzlich um und stürmt davon – geradewegs durch seine eigenen Exkremente! Hier sei nochmals betont, dass es sich um besonders weiche Ausscheidungen handelt, deren Viskosität etwa mit jener von Nockerlteig ähnelt. Ich verstaue den Nockerlteig im Plastiksackerl, die Menschen um mich herum beneiden mich wenig, bemühe ich mich doch, das Gras sauber zu putzen. Jetzt bin ich derjenige, der erbärmlich aussieht.

Der Mops hat schon eine Grasinsel weiter erneut Platz genommen. Seine Leine ist um seinen Körper gewickelt, ein Teil davon verdeckt seinen Hinterausgang. Davon unbeeindruckt versucht das Tier den Rest des Nockerlteiges loszuwerden, der naturgemäß immer breiiger wird. Noch bevor ich die Leine vom Mops-Anus wegziehen kann, ist diese auch schon beschmutzt. Ein letzter Rest plumpst noch ins Gras, der Mops dreht und wendet sich, die Leine streift an seinem Hinterbein, an seinem Rücken und an seinem Ringelschwanz. Wild hüpft der Mops im Kreis, schnüffelt erneut, hetzt zuerst in die eine, dann in die andere Richtung. Nur mit Mühe gelingt es mir, ihn davon abzuhalten, erneut durch seine Scheiße zu tapsen.

Ich ziehe ein zweites Plastiksackerl hervor und bemühe mich, den Rest des Nockerlteigs vom Gras zu schaben, erreiche aber nur, dass sich die Kacke noch gleichmäßiger zwischen den Halmen verteilt. Dabei sieht mir ein kleines Kind zu, das sich schnell weg dreht, als ich es ansehe. Vielleicht hat es gerade zum ersten Mal das Gefühl von Fremdschämen verspürt.

Der Mops sieht mich an, als wäre nichts gewesen. Er ist im Geiste wieder ganz bei seinem Fressnapf und drängt zu gehen. Dass sein beiges Fell an verschiedenen Stellen mit hellbraunem Schiss beschmiert ist, scheint das Tier nicht zu stören. Es blickt mich erwartungsvoll an, und auch ich bin froh, wenn wir möglichst schnell nach Hause kommen. Am Weg dorthin wäge ich meine Optionen ab, wie ich den Mops sauber bekomme, bevor er auf seinen Futternapf los stürmt.

Wir warten auf den Lift, heraus springt der Nachbarshund. Ich halte den Mops am Halsband fest und versuche ansonsten möglichst nicht mit ihm in Berührung zu kommen. Auf die bekackte Leine vergesse ich dabei fast, und um ein Haar hätte ich mir den Nockerlteig an die Hose geschmiert. Der Nachbarshund ist fort, wir stehen im Aufzug, ich halte den Mops immer noch fest, auf dass er sich nicht an den Aufzugswänden reibe.

Vor der Wohnung muss er "Sitz" machen. Er gehorcht nur widerwillig. Mit der Leine weit von mir gestreckt gehe ich in die Wohnung und warne (auch etwas Hilfe suchend) meine Frau: "Der Hund ist voller Kacke! Die Leine ist voller Kacke!" Die Frau lacht nur. Ich solle ihn gleich in die Badewanne setzen, so lautet der Vorschlag. Die angekackte Leine bringe ich auf den Balkon. Der Balkon ist immer ein dankbarer Aufbewahrungsort für Dinge, die man nicht in der Wohnung haben will, und die man auch nicht dem Gang vor der Wohnung, und also den Blicken und Nasen der Nachbarn, zumuten will.

Bevor ich den Mops packe, versichere ich mich, dass die Stellen, an denen ich ihn anzugreifen gedenke, frei von Kot sind. Dann stelle ich ihn in die Badewanne. Er schaut mich entsetzt an. Warmes Wasser umspült seinen wurstförmigen Körper. Es ist ein liebes Tier und hat ja auch nichts falsch gemacht. Für den Mops ist aber eine Dusche – und vor allem das anschließende Abtrocknen – eine Strafe. Beim Abtrocknen ist sein Blick starr in die Küche gerichtet, wo schon sein gefüllter Fressnapf steht. Halb getrocknet stürzt er darauf zu und frisst. Ich stehe daneben und hoffe, dass das, was er da in sich hineinfrisst, morgen in etwas festerer Form wieder hinten herauskommt.

Als er fertig ist, leckt er sich das Maul und sieht mich an, als wäre nichts gewesen. Für ihn war ja auch nichts. Die Schmach, die Peinlichkeit, die Mühsal hatte ja ich! Ich musste die belustigten Blicke der Passanten ertragen, und den peinlich berührten Blick eines Kindes, das meine armseligen Versuche, das Gras zu säubern, mit einem Kopfschütteln quittiert hätte, wenn es denn schon gewusst hätte, dass dies die adäquate Geste für solche Situationen ist. Der Mops ist zufrieden, weil einerseits sein Darm leer, und andererseits sein Magen voll ist. Er niest noch zwei, drei Mal vor sich hin, und legt sich dann auf die Couch, von aus er mich, wie mir scheint, amüsiert betrachtet.

Mops in Badewanne


Dienstag, 8. November 2016

Der erste Schnee

Jedes Jahr dasselbe: Es schneit, und sofort posten alle Zeugen dieses Naturvorgangs es auf Facebook. Dann kommen die Schlaumeier, die sagen, man müsse Schneefotos nicht dauernd auf Facebook posten, weil jeder selber aus dem Fenster sehen könne. Als ob Schneefotos das Schlimmste wären, was man täglich so auf Facebook findet. "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!". Das lese ich täglich 350 Mal auf Facebook, und über diesen sinnleeren Satz hat sich noch nie jemand aufgeregt. Wahrscheinlich weil sie alle damit beschäftigt sind, ihren Traum zu leben - auf Facebook.

Dabei ist die Freude, die Menschen empfinden, wenn sie den ersten Schnee der Saison sehen, wenigstens noch etwas Echtes: die kindliche Glückseligkeit beim Anblick des wunderbaren Weiß. Lasst doch die Leute Schneefotos posten! Erstens sieht eben nicht jeder den Schnee, wenn er aus dem Fenster sieht. Schließlich ist der Witz an Facebook ja der, dass man da Sachen von Leuten sieht, die nicht unbedingt aus dem Nachbardorf kommen. Also freut sich vielleicht irgendein Schwarzwälder, bei dem es regnet, oder irgendein Australier, bei dem es grad unbarmherzig runterbrennt, über die Schneefotos der Pinzgauer.

Zweitens ist Schnee - solange wir ihn noch bekommen - etwas Magisches. Über Nacht verwandelt sich die Welt in eine einzige weiße Pracht, es riecht anders, die Welt klingt anders, wenn man auf dem Schnee geht, knackt es. Das ist doch der reinste Kindheitstraum, den man jedes Jahr gratis wieder aufs Neue erlebt! Daher freuen sich die Leute über Schneefotos - zumindest zum Winterbeginn. Da kommt es selten vor, dass einer ein Schneefoto mit einem grantigen Smiley goutiert oder schlicht "wäh!" drunter schreibt.

Schnee ist schön, magisch und sinnvoll. Darf man ruhig auf Facebook posten, denn jedes einzelne Schneefoto ist besser als alle Postings von Felix Baumgartner zusammen!


Montag, 7. März 2016

Der Blick aus dem Fenster

Warum ich immer wieder gerne über das Wetter schreibe - ich weiß es nicht. Wahrscheinlich weil ich auch jeden Tag danach gefragt werde, und deswegen jeden Tag vor lauter Angst, keine Auskunft geben zu können, eine Wetter-App checke, um dann brav sagen zu können: "Heute wird es schön!" oder eben "heute bleibt es schlecht!". Jetzt ist die Sache die, dass es nur ein Wetter gibt, aber zahlreiche Wetter-Apps, die allesamt ein anderes Wetter versprechen. Darum gibt es auch Urlauber, die während Ihres Aufenthalts mehrere Wetter-Apps konsultieren, denn die Erfahrung zeigt, dass immer mindestens eine dabei ist, die jenes Wetter anzeigt, das sich der User erhofft.

So kann es natürlich vorkommen, dass meinem "morgen wird es schlecht" ein "auf meiner App steht aber Sonne!" entgegnet wird, wogegen ich wiederum nichts anderes sagen kann als: "Ja, naja, der Wetterbericht irrt sich ja ständig. Vielleicht ist es Ihrer, vielleicht ist es meiner, aber einer irrt sich bestimmt, weil es gibt ja immer nur ein Wetter!" Meistens empfehle ich den Gästen, die Tagesplanung nicht von jenem Wetter abhängig zu machen, das die App anzeigt (oder vielmehr vorschlägt), sondern lieber auf den nächsten Tag zu verschieben. "Es empfiehlt sich", sage ich dann immer, "in der Früh aus dem Fenster zu schauen", und komme mir dabei wahnsinnig blöd und besserwisserisch zugleich vor, "und dann zu entscheiden, was man mit dem Tag anfängt." Natürlich ist mir klar, dass das belehrend klingt, quasi wie ein Vater, der sich darüber mokiert, dass die Kinder lieber auf den Smartphone-Bildschirm schauen als in das wirkliche Leben hinaus. Deswegen schicke ich meinem Tipp hinterher, dass jedoch selbst der Blick aus dem Fenster mit Vorsicht zu genießen sei, weil es oft vorkomme, dass vor dem Fenster der Nebel hänge, dieser aber schon 100 Höhenmeter weiter oben sich vollkommen aufgelöst habe, und deswegen der einzig wahre Blick weder der auf das Smartphone noch der aus dem Fenster sei, sondern einzig und allein jener in den Fernseher: Dort läuft nämlich der Panoramakanal, und der zeigt, wie das Wetter wirklich ist!

"Ist denn das live?", werde ich dann ungläubig gefragt, wenn der Blick aus dem Fenster mit dem Blick in den Fernseher so gar nicht kongruent sein will, weil es oben sonnig, vor dem Fenster aber neblig ist. Schwierig wird es, wenn der Gast zu protestieren beginnt: "Auf meinem Handy steht aber, dass es heute bewölkt ist!" Da heißt es diplomatisch sein, und deshalb antworte ich in so einem Fall gerne, dass es dann sicherlich am Nachmittag schrecklich bewölkt sein werde, es nun aber, wie der Blick in den Fernseher bestätige, das "schönste Wetter" habe. Manchmal sage ich auch "Kaiserwetter" dazu, der Habsburger-Nostalgie halber, was die Wirkung verstärkt, denn niemand möchte bei "schönstem Wetter" oder eben bei "Kaiserwetter" im Haus sitzen bleiben und auf ein Smartphone starren, bis sich dort endlich die Sonne zeigt.

Jetzt kann man viel darüber philosophieren, dass die Welt unübersichtlich geworden ist und die Wetter-Apps dafür Pate stehen. Dass sich der Mensch von der Natur entfremdet und sich der Technik unterworfen hat und deswegen hilf- und orientierungslos im Strudel der Moderne (der nachmodernen Postmoderne!) wild rudernd unterzugehen droht. Mir liegt aber mehr daran, jene Menschen älteren Semesters in Schutz zu nehmen, die gerne bloß dasitzen, aus dem Fenster schauen und das Wetter beobachten und dieses dann knurrend oder seufzend kommentieren. Jene Menschen, die immer nur sagen "sche is" oder "schiach is", und für die es kein dazwischen gibt und die sich nicht auf waghalsige Prognosen einlassen. Die dem Irrsinn widerstehen, alles genau wissen zu müssen und möglichst auch noch den nächsten Tag und die nächste Woche und den nächsten Monat vorhersagen zu wollen. Menschen, die sagen, was der Fall ist. Die sind dann doch besser als jede App.


Samstag, 13. September 2014

Der David

"Was der David immer mit der Prostata zu tun hat, musst du mir jetzt mal erklären", sagt der Langmayr Hansl und schüttelt den über sein iPad gebeugten Kopf.
"Wie meinst?", frage ich ihn geistesabwesend, weil ich selber gerade etwas überaus Interessantes im Internet entdeckt habe: Hunde, die aussehen wie ihre Besitzer - oder umgekehrt. Ich habe solche Fotos schon geschätzte 400 Mal gesehen, aber es fasziniert mich immer wieder. Vor allem der Umstand, dass immer und immer wieder solche Fotos auftauchen; und ich wage zu behaupten, dass es nie dieselben sind. Oder sind sie es doch? Ist die unermessliche Fülle an Information im Internet nur scheinbar? Kommt uns das Internet nur deswegen unendlich vor, weil wir ständig alles vergessen, was wir darin sehen, lesen und hören? Die Information ist ja zu 90 oder mehr Prozent vollkommen irrelevant. Und alles, was wir an Relevantem im Web finden, geht sowieso irgendwann verloren. Weil wir vergessen, ein Lesezeichen zu setzen; weil die Seite irgendwann offline geht und wir natürlich keine Offline-Kopie erstellt haben, und falls wir das doch gemacht haben, dann nicht auf diesem Gerät oder eben vor der letzten Formatierung...

Aber diese Hunde und ihre Besitzer... das ist schon faszinierend, dass zwei verschiedene Spezies sich so gleichen können. Aber woher weiß ich eigentlich, dass es sich bei diesen Menschen tatsächlich um die Besitzer der Hunde handelt? Vielleicht gehen da Leute mit Hunden spazieren und fragen wildfremde Passanten, ob sie sich nicht kurz mit dem Hund ablichten lassen würden; schließlich würden sie dem Köter ja so ähnlich schauen. Macht man das? In Amerika vielleicht. Oder nein, in England - da machen die das! "Excuse me, you look just like this dog. Do you mind if I take a picture of you with the dog? It's for a funny web page!". Nein, das macht doch keiner!
Oder ist es so, dass sich die Menschen gezielt Hunde zulegen, die ihnen ähnlich sehen? Also ganz absichtlich, meine ich. Nicht, dass sie durch das Tierheim marschieren und vor einem Zwinger stehen bleiben, wo sie dann ganz eitel mit einem Blick auf den Hund sagen: "Der sieht aber hübsch aus!", und eigentlich sich selber meinen.
Nein, ich meine, die Menschen gehen von Hund zu Hund und sagen irgendwo einfach: "Ja, der passt zu mir". So kommt ein dicker Mensch eher zu einem dicken Hund, weil er vielleicht Angst davor hat, sich auf einen Zwergpinscher draufzusetzen. Der Dicke denkt sich vielleicht auch: "Ich neben so einem kleinen Hund - das sieht doch lächerlich aus!" Also nimmt er einen Hund, der ihm in der Erscheinung ähnlich ist. Nach einigen Jahren des Zusammenlebens haben sich schließlich auch die Gesichtszüge einander angepasst. Der Hund ist ja ein gutmütiges Wesen und passt sich gern seinem Herrchen an. Wenn dieses ihn mit teigigem Gesicht und traurigen Augen tagein, tagaus anschaut, wird der Hund irgendwann auch ein trauriges, teigiges Gesicht bekommen. Nicht, weil er emotional verwahrlost, sondern weil der Hund das aus reiner Sympathie macht. Irgendwann sehen sich Herrchen und Hund so ähnlich, dass nicht der krasse Unterschied, den es bei der Beschaffung des Tieres noch strikt zu meiden galt, das Lächerliche ist, sondern die auffallende Ähnlichkeit zwischen Tier und Mensch.

"Was hat also jetzt der David mit der Prostata zu tun?", fragt der Hansl noch einmal, und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. - "Was? Wie meinst?", sage ich noch einmal. Der Hansl seufzt und tippt auf seinem iPad herum, während ich die Seite mit den Fotos von Hunden und ihren Besitzern schließe.
"Jedes Mal, wenn ich irgendwo über einen Artikel über die Prostata stolpere, ist da ein Bild vom David. Was hat der also damit zu tun?", fragt der Hansl. Er klingt jetzt dringlicher als zuvor. Es beschäftigt ihn also wirklich.
"Welcher David?", frage ich, lege das iPad weg und versuche mich nach meinem geistigen Ausflug in die physiogonomischen Ähnlichkeiten zwischen Tier und Mensch, jetzt ganz Hansls Problem zu widmen.
"Na die Statue. Die Davidstatue. Der Nackerte!", sagt der Hansl und hält mir das iPad hin. Es zeigt Michelangelos David neben der Überschrift "Prostatakrebs: Lang ignoriertes Leiden".
"Aso, der David", zeige ich mich verständig, habe aber schon vergessen, was der Hansl jetzt eigentlich wissen wollte. Also schaue ich ihn fragend an.
"Mir kommt vor, dass die jedes Mal den David zeigen, wenn es um die Prostata geht. Wieso machen die das?" Der Hansl scheint wirklich ein bisschen aufgebracht zu sein, aber seine Frage ist eine durchaus berechtigte.
"Die machen das wegen des Visual Contents" ist mein erster, zugegeben etwas halbherziger Versuch. "Die brauchen ja für jeden Online-Artikel ein Bild. Bei solchen Themen gehen ihnen halt oft die Bilder aus. Was sollen sie auch zeigen? Eine sezierte Prostata? Das ist ja grauslich."
"Jaja", macht der Hansl, "das ist schon klar, dass die Visual Content brauchen. Aber wieso immer der David?"
"Wegen dem Zumpferl!", sage ich. "Da weiß dann jeder 'Oha, jetzt geht es um was Intimes'. Und dann zeigt man eben das Zumpferl vom David. Also in erster Linie den David, der als nackter Mann anzeigt, dass das jetzt ein Männerthema ist. Und sein Zipfel zeigt an, dass es um was Intimes geht."
"Ja, aber das ist doch behämmert!", protestiert der Hansl sogleich. "Was hat denn der David mit der Prostata zu tun?"
"Ja eh nix... direkt halt. Eher indirekt. Also der David hatte ja auch eine Prostata. Also quasi eine Prostata."
"Der David ist eine Statue, der hat überhaupt keine Prostata!", wirft der Hansl ganz richtig ein.
"Ja, aber der David steht ja für etwas. Also die Statue, die steht für den Menschen, aber eben auch für den männlichen Körper, und also auch indirekt für die Prostata." Ich merke, dass ich mich auf dünnem Eis bewege.
"Dann steht der David aber auch für den Zehennagel des Mannes. Und für den Herzinfarkt und die Fettleber!" Der Hansl versucht jetzt also, meine eh schon schwache Argumentation mit Sarkasmus zu zerfleddern.

Ich beschließe, auch ein bisschen albern zu werden und sage: "Schau her, der David steht für den Mann. Aber eigentlich steht der David nur da, damit jeder sein Zipfel sehen kann. Darum ist es ja dem Michelangelo in erster Linie gegangen: Er macht den perfekten Körper, lässt ihn lässig dastehen mit Stand- und Spielbein und allem. Aber eigentlich will er nur das Zipfel zeigen. Und die meisten hat auch immer nur das Zipfel interessiert. Und deswegen kann eine Zeitung hergehen und das Bild vom David in einen Artikel über Prostatakrebs setzen. So funktioniert das einfach. Für 90% der Menschen ist der David einfach ein Nackerter - nicht mehr und nicht weniger."
"Hmm", macht der Hansl und lächelt ein bisschen. "Trotzdem kapier ich nicht, was das mit der Prostata jetzt genau zu tun hat."
"Eh nix,", sag ich, "aber was sollen's denn wirklich stattdessen hernehmen? Du kannst ja schlecht das Foto von einer Prostatauntersuchung zeigen. Oder gar einen behandschuhten Arztfinger! Das ist ja alles zu alarmierend. Der David ist schön und tut keinem was. Und jeder weiß, dass es jetzt um was männliches Intimes geht."
"... Kürbiskerne!", wirft der Hansl ein, "sie könnten doch auch Kürbiskerne nehmen. Da weiß auch jeder, dass die gut für die Prostata sind. Sie könnten ein Foto von Kürbiskernen nehmen, und jeder weiß: Aha, da geht es jetzt wieder um die Prostata."
"Ich weiß nicht. Das funktioniert wahrscheinlich nur bei Menschen, die viele Artikel über die Prostata lesen. Jetzt ist Herbst, und wenn du da ein Foto von Kürbiskernen hineingibst, dann denkt jeder in erster Linie an - Kürbiskerne! Da schlägt keiner die Brücke zur Prostata. Außer du vielleicht."
"Hmm", macht der Hansl erneut und schaut wieder auf das iPad.

Es gibt im Internet überhaupt viele Seiten, deren Idee darin besteht, dass sie Tiere zeigen, die irgendwie menschlich wirken. Das taugt den Menschen bzw. den Usern anscheinend am meisten: Wenn das Tier möglichst menschlich daherkommt. Der Hund trägt einen Hut, der Kater scheint zu schimpfen, das Eichhörnchen macht ein böses Gesicht: Das ist alles ganz köstlich, weil die Tiere dabei wie Personen wirken. Anthropomorphismus sagt man da auf gescheit. Das macht den Menschen lachen, weil er am liebsten eh über sich selbst lacht - auch wenn er das nicht gern zugibt. Das Tier kann ja gar nichts dafür, weil es nicht verstehen kann, worüber wir lachen. Manchmal habe ich Gefühle des Mitleids, wenn ich Menschen über Tiere lachen sehe. Im gleichen Moment erkenne ich, dass solche Gefühle ja eigentlich lächerlich sind. Das Tier trägt ja keinen emotionalen Schaden davon, wenn es verlacht wird. Im Gegenteil kann ich mir sogar vorstellen, dass ein Hund, der von seinem Herrchen ausgelacht wird, eine große Freude daran hat, dass er sein Herrchen zum Lachen bringt.
Das ist freilich irgendwie ein Missverhältnis, wenn auch kein besonders dramatisches. Es zeigt nur wieder die absonderliche Einrichtung der Welt, zumindest einen Aspekt davon: Wir sehen uns Videos an, in denen Tiere sich wie Menschen verhalten, und wir lachen darüber - und wissen eigentlich nicht warum. Das einzig Beruhigende daran ist wirklich, dass niemand Schaden daran nimmt. Dann wiederum gibt es Videos von Menschen, die sich wie Tiere aufführen, was wiederum viele Leute geil finden. Muss - ja, kann man das überhaupt verstehen?

"Was ist eigentlich die Mehrzahl von Prostata?", fragt mich der Hansl plötzlich.
"Prostatae wahrscheinlich", rate ich, während mir einfällt, dass dies bisher der einzige Nutzen des Lateinunterrichts gewesen ist: dass ich mit hoher Trefferquote den richtigen Plural von Fremdwörtern bilden kann; und, dass ich mir deren Herkunft ein bisschen erklären kann. Dafür machte man ein mehrjähriges Martyrium mit, in dem man Sätze von Autoren übersetzte, deren Leistung darin bestand, alles, was die Griechen schon erdacht hatten, noch einmal zu denken und auf Latein aufzuschreiben. Meistens übersetzte man falsch - und das Beunruhigende war, dass es einem nicht einmal auffiel, weil die falsche Übersetzung in vielen Fällen sinnreicher war als die richtige Version.

"Braucht man eh nicht", sagt der Hansl.
"Was?", frage ich, meinen Gedanken über das Lateinische entrissen.
"Die Mehrzahl von Prostata braucht man im Normalfall nicht. Man hat ja eh nur eine!"
"Stimmt. Außer du arbeitest beruflich mit Prostatae. Als Prostatologe. Die wären wahrscheinlich auch die einzigen, die dir einen falschen Plural übel nehmen würden."
"Wie meinst du?"
"Naja, einem Normalsterblichen ist es wohl egal, ob du von 'Prostatas' oder 'Prostatae' sprichst. Der Prostatologe würde wohl protestieren!"
"Prostatieren!", sagt der Hansl und lacht.
"Protestierende Prostatologen - das fehlt uns noch", sage ich und überlege, ob das Wort "Protest" irgendwas mit dem Testikel zu tun haben könnte.
"Pro testis", sagt in dem Moment der Hansl, der offenbar einen ähnlichen Gedanken hat, "für die Eier! Haha!"
"Für die Eier protestieren?"
"Genau! Die Prostatologen protastieren für die Prostata, während die Testologen für die Eier protestieren.", gluckst der Hansl.
"Oder muss es pro testes heißen? Pro verlangt ja den Ablativ? Oder pro testem? Was ist denn testis für eine Deklination?"
"Weiß ich doch nicht!", sagt der Hansl vorwurfsvoll. Und eigentlich möchte ich es selbst auch gar nicht wissen, weil ich mit der Information nur vor die weitere Frage gestellt wäre, wie denn jetzt korrekt zu deklinieren wäre. testis, testis, testi, testem, teste? Ich nehme das iPad wieder zur Hand und überlege, was denn nun der Plural von Testis ist.
"Was ist denn die Mehrzahl von Testis?", frage ich den Hansl, der reflexartig mit den Schultern zuckt.
"Ist das nicht schon Mehrzahl? Es sind ja zwei! Im Gegensatz zur Prostata", sagt er und lacht wieder.
"Na, es ist ja 'der Hoden'". werfe ich ein.
"Testis klingt aber eh schon nach Plural", bemerkt der Hansl und fährt seine volks-grammatischen Betrachtungen so fort: "Da hast du ein i und ein s. Das riecht zehn Meter gegen den Wind nach Mehrzahl!"
Tatsächlich google ich das Wort und sage nur: "Testes!"
"Testes?"
"Ja, das ist die Mehrzahl von Testis: Testes!"
"Das ergibt ja überhaupt keinen Sinn!", sagt der Hansl und ich gebe ihm Recht.
In einem Tab ist noch die Tierseite geöffnet und also schaue ich mir lieber das Video von einer Ratte an, die mit einer Spielzeugeisenbahn fährt und dazu pfeift.

"Da zeigen's übrigens auch immer den David", sagt der Hansl wieder.
"Wo?"
"Bei den Hoden-Artikeln im Gesundheitsteil in der Zeitung! Da sieht man auch oft den David!"
"Na also", sage ich und lache über die Ratte als Lokführer.


Samstag, 19. Juli 2014

Die Causa Nepomuk


Grausiges ereignete sich kürzlich in einer Sommernacht in Zell am See. Bisher unbekannte Vandalen vergingen sich an unserem schönen Stadtbrunnen und stürzten die Statue, die von vielen liebevoll "Nepomuk" genannt wird, samt dem Sockel um. Dabei wurde auch noch der Rand des Brunnens beschädigt. Ein trauriger Anblick, dieser in hundert Teile zersprungene Marmor-Nepomuk am Boden des Zeller Stadtplatzes. Die Zeller sind böse und naturgemäß ranken sich wilde Gerüchte darum, wer zu so einer Bosheit fähig sein könnte. Hier zwei mögliche Erklärungen und wie es gewesen sein könnte:


"Das waren bestimmt Einheimische", sagen die einen, und meinen damit eine besonders grimmige Spezies, nämlich die Oberpinzgauer. Denn ein Zeller würde sowas nie machen. Die Oberpinzgauer aber, die sind zu sowas fähig! Die reißen aus Neid auf die Zeller die Stadtbrunnenfigur um, sind sich viele sicher. Das hätte sich wohl so zugetragen:

A: "Schau her, de Hundtling mit eanan Stoudploutz! San eh koa richtige Stoud, owa Hauptsoch an Stoudploutz homms!"
B: "Jo, des san hoit richtige Großkopfate, de Zella. Schau o, den Brunnen, do sigg ma wieda wias moanan dass eppas Bessas san."
A: "Geh, Olympia-Siega und Tunni-Eröffning schreims do auffi, wei eana siest nix Bessas nid eifoit. So a Bagaasch, de Zella!"
B: "Schau hea, des Mannei do schaut a gou a so großkopfat hea!" (deutet auf die Statue)
A: "Jo, do host Recht, dea schaut hea wiara richtiga Zöia. Großkopfat und arrogant."
B: "Wos duat offt dea mit dem Fiesch? Schau hea, dea wüagg den! Des Mannei wüagg an Fiesch!"
A: "Ajo! Jo do siggst es wieda, wias mit de Viecher dand, de Zöia! Wiang duat an! Aufm Koupf steigga eam!"
B: "A so a Sauhundt, der Zöia-Doggi, dea!"
A: "Na woat, hiaz wiag i di!" (besteigt den Brunnen)
B: "Reisn hea, den Noun, den!" (auch B fängt an, auf den Brunnen zu klettern)
A, den Nepomuk schon mit dem Arm umklammernd: "So, du Sauhundt, wos du koost, koo i scho long!"
B: "Wiagn, den Sauzella! Den Sauhundt, den grausigen!" (fasst dem Nepomuk am Kopf)
A: "Ha! Den Toifi reis i hea!"
A nimmt die Marmorfigur in den Schwitzkasten, während B an deren Kopf rüttelt. Es ertönt ein dumpfes Grollen aus dem Inneren des Sockels.
A: "Hiaz riat a si, dea Doggi!"
B: "Hauman owa!"
Die beiden zerren weiter an dem Nepomuk, bis der Sockel nachgibt und auf den Brunnenrand kracht. Die Statue fällt zu Boden und zerspringt.
A: "Öha! Hiaz isa gou!"
Die beiden verschwinden.

--

Dass es aber ausgerechnet Einheimische gewesen sein sollen, die am Tag nach dem ersten rauschenden Sommernachtsfest bis vier Uhr früh unterwegs waren, ist zumindest fragwürdig. Auch wenn die niederen Motive, welche manche Zeller den Oberpinzgauern unterstellen, ja durchaus nachvollziehbar sind.
Es hielten sich aber auch einige Jugendgruppen aus Deutschland und den Niederlanden zur fraglichen Zeit in Zell am See auf, und so könnte es durchaus sein, dass der arme Nepomuk dem exzessiven Alkoholkonsum verantwortungsloser Urlauber zum Opfer fiel.
Vielleicht war es also auch so:

Vier deutsche Jugendliche, offensichtlich sehr betrunken, purzeln aus einem Lokal und finden ihren Weg auf den Stadtplatz:
A: "Och, guck mal, Stiebe, die hamm hier n' Brunn'n!"
B: "Krass Kacke, Alter! Die Ösis hamm nen Knall. Stelln da einfach n'Brunn'n hin!"
C schreit mehr als er singt: "So geh'n die Gauchos! Die Gauchos, die geh'n so! So geh'n die Gauchos, die Gauchos die geh'n so!" (geht in gebückter Haltung)
D: "Ne, die Ösis, die geh'n so!" (macht ihn nach)
A und B singend und hüpfend: "Sooo geh'n die Deutschen! Die Deuschen, die geh'n so! So geh'n die Deutschen, die Deutschen, die geh'n so!"
C: "Am Arsch, Alter, wir sind Weltmeister!"
D: "Die Ösis nich! Die hammja nichmal n'richtign Fußballer!"
A: "Doch, hammse. Den Alaba, der spielt doch bei Bayern!"
B: "Alaba is'n Schwarzer, das is kein Ösi!"
A: "Quatsch nich rum, Boateng is auch'n Schwarzer. Und der is Berliner!"
C: "Deutschland ist Weltmeister, Alter!"
D: "Genau! Egal, ob da'n Schwarzer bei is!"
B entdeckt die Tafeln am Brunnen: "Haste nich gesehen, guck, die hamm hier sogar Segelolympiasieger!"
C: "Voll schwul, Alter!"
B: "Krass. Hamm'wa auch n' Segelolympiasieger?"
A: "Weiß nich. Aber hamm'wa bestimmt. Wir hamm doch alles! Da is sicher irgendwo n'Segelolympiasieger bei!"
C: "Den WM-Pokal hammwa! Segeln is doch schwul!"
D: "Is nich schwul, Alter. Segeln is voll geil!"
C: "Am Arsch! Deutschland is Fußballweltmeister!"
Alle zusammen: "So geh'n die Gauchos, die Gauchos, die geh'n so!" usf.

C: "Guck, der olle Jung da hat'n Fisch inner Hand!"
B: "Krasse Statue hamm die da, die Ösis!"
A: "Wär'n geiler Pokal!"
Die anderen lachen zustimmend.
D: "Den holnwa runter! Der gehört uns!"
C: "Ja komm, Deutschland ist Weltmeister!"
Zwei klettern auf den Brunnen und versuchen, den "Pokal" zu stemmen.
A: "Helft mal, ihr Kacker! Hoch da!"
Die zwei anderen klettern auch auf den Brunnen und beteiligen sich. Beim Versuch, den "Pokal" zu stemmen, reißen die Jugendlichen den Sockel aus der Verankerung. Als einer der Betrunkenen droht, vom Brunnen zu stürzen, hält er sich an Nepomuk fest. Die Statue stürzt um und zerbricht.
B: "Krass, Mann! Scheiße!"
D: "Boah eh, Scheiße! Bloß weg hier!"
Die vier stürzen davon, einen hört man noch rufen: "Deutschland ist Weltmeister!"

--

Wer auch immer den Nepomuk auf dem Gewissen hat, soll nie mehr ruhig schlafen können! Unser schöner Stadtbrunnen ist von bösen Menschen zerstört worden, und Obiges ist nur ein verzweifelter satirischer Versuch, der Causa Nepomuk irgendeinen Sinn abzuringen. Nepomuk, wir werden dich nie vergessen!

Dienstag, 13. Mai 2014

Der Knopf

"Wo immer ein Knopf, da eine Lösung", denkt der moderne Mensch. Darum drückt er auf alle möglichen Knöpfe, wenn er sich verlassen fühlt. In Zeiten des Smartphones, die beinahe schon ohne materielle Knöpfe auskommen, mag die Feststellung schon fast antiquiert klingen. Dennoch: Hilft alles nichts mehr, muss der Home-Button her bzw. im Extremfall der Ein/Aus-Knopf.

Wo rührt es her, das blinde Vertrauen, das die Menschen jeglichen Knöpfen entgegen bringen? Hinter jedem Knopf steckt eine Automatik, die etwas passieren lässt. Denn jeder Knopf muss auch für etwas gut sein, warum sonst gäbe es ihn? So ist der Knopf ein Garant für einen geregelten Ablauf, der etwas in die Welt setzt, eine Funktion, ein Produkt eines oft geheimen, undurchschaubaren Prozesses. Dieser Prozess kann durchaus etwas Gefährliches sein. Man denke an all die roten Knöpfe in Filmen, die böse Dinge geschehen lassen. Da explodieren Bomben, da werden Maschinen in Gang gesetzt, die Tod und Verderben über ganze Städte bringen. Und doch: Der Knopf bleibt auch in diesen Situationen (zumindest für den Bösewicht) die letzte Versicherung einer funktionierenden Welt.

Wie groß dann die Empörung, wenn so ein gedrückter Knopf nichts bewirkt! Nichts Sinnloseres in diesem Universum gibt es als einen Knopf, der nichts geschehen lässt! Der Wahnsinn, den so ein wirkungsloser Knopf auslösen kann, lässt sich täglich an Fußgängerampeln erleben, immer dann, wenn Menschen empört mehrmals hintereinander auf den Ampelknopf drücken. Dieser macht auch immer brav "Piep", in machen Fällen geht ihm sogar ein Licht auf, aber oft lässt die erwünschte Wirkung sehr lange auf sich warten. Wütend wird er eindringlicher gedrückt, gerne auch von verschiedenen Menschen, die jeweils die Fertigkeiten im Knopf-Drücken ihres Vorgängers in Zweifel ziehen. Manche Leute scheinen nicht zu wissen, dass diese Fußgängerampelknöpfe nur nachts tatsächlich Wirkung zeigen, und sie der automatischen Ampelschaltung im alltäglichen Verkehr nichts entgegenzusetzen haben.

Und doch, die Faszination für den Knopf ist ungebrochen. Knöpfe strahlen ein fast heilendes Vertrauen aus. Sie beruhigen uns, denn sie geben uns Kontrolle - auch wenn diese in den meisten Fällen nur eine scheinbare ist.
Ich stelle mir einen Apparat vor, der nur aus einem Knopf besteht, der auf einer Art Sockel montiert ist. Drückt man den Knopf, gibt der Apparat ein akustisches, optisches oder meinetwegen auch haptisches Feedback. Sonst passiert nichts. Und doch würde ein solcher Apparat Seelenheil verbreiten. Wenn es einem schlecht geht, wenn man sich hilflos fühlt, so drückt man einfach auf einen Knopf. Und schon geht es ein wenig besser. Vielleicht erfüllen Smartphones einen solchen Zweck und wir bilden uns nur ein, dass wir die vordergründigen Funktionen, die diese Geräte haben, tatsächlich brauchen. Womöglich finden wir es einfach nur schön, das Telefon zu drücken und zu streicheln...

Dienstag, 31. Dezember 2013

Guten Rutsch!

Der vorletzte Tag des Jahres ist der 30. Dezember. An diesem feiern manche Leute in Österreich das sogenannte "Bauernsilvester", ohne zu wissen, was damit eigentlich gemeint ist. Das soll hier auch nicht aufgeklärt werden. Bauernsilvester dient sowieso nur als Ausrede, es auch am Abend vor dem Jahreswechsel schonmal ordentlich krachen zu lassen. Ich spreche hier nicht von Knallern.

So schob sich gestern Abend ein Paar britischer Provenienz ins Lokal und wünschte schon an der Türschwelle ein "Happy New Year". Gewiss war diesen Gästen der österreichische (?) Brauch (?!) des Bauernsilvester völlig unbekannt. Deswegen wurden sie aber nicht daran gehindert, sich anständig vollaufen zu lassen. Die Dame bestellte ein großes Glas Wodka mit einem "Spritzer" Orangensaft, der Herr begnügte sich mit einem Flaschenbier. "Happy New Year" frohlockten die beiden unaufhörlich und gerne hätte man ihnen gesagt, dass es ja noch gar nicht so weit ist. Gut, wir sprechen von britischen Touristen auf Winterurlaub, da sollte man es mit solchen Dingen nicht so genau nehmen. Aber tatsächlich lagen beide dieses Jahr voll im Trend.

Für mich war Bauernsilvester eine schöne Gelegenheit, das Jahr gemütlich mit geschätzten Menschen ausklingen zu lassen. Silvester eignet sich dafür ja nur bedingt, da diese Nacht an Irrsinn und Widerlichkeiten dem Fasching um nichts nachsteht. Heuer verzichtete ich auf Bauernsilvester und musste bemerken, dass alle anderen Menschen sich dieses "geheimen Feiertages" angenommen haben und ihn besinnungslos zelebrierten. Noch vor wenigen Jahren war der 30. Dezember der stillste Abend des Jahres - gleich nach dem 1. Januar versteht sich. Gestern aber musste ich mich wundern, ob ich mich denn nicht im Datum geirrt hatte und nicht doch schon Silvester war. Bauern! Überall fröhliche Bauern, die ihr Silvester feiern wollten. Freilich war der Großteil dieser "Bauern" in Wahrheit Dänen, Engländer und Holländer, die sich in ihrem Skiurlaub nicht an die allgemein akzeptierten Gepflogenheiten des Trinkkalenders halten wollten. Aber immerhin: Es war was geboten.

Noch mehr wundern musste ich mich allerdings heute, da sich schon am Vormittag die Menschen in den Straßen gegenseitig ein "Gutes Neues!" zubrüllten, als wäre schon der erste Jänner. Irre ich mich, oder hielt man sich mit diesem Wunsch noch bis vor kurzem zurück und wartete, bis das Neue Jahr auch tatsächlich angefangen hat. Freilich, man vernahm vor allem in den Geschäften den Wunsch, dass man gut "hinüber rutschen" sollte, und ja, ab und an wünschte man auch ein "gutes neues Jahr", aber die Mehrzahl dieser Wünsche ereignete sich doch erst nach dem Jahreswechsel. Wir haben es eilig mit der Wünscherei, und wenn mich jetzt mein Gedächtnis nicht trügt, waren die Leute heuer mit den Weihnachtswünschen auch schrecklich früh dran. Das erste "Frohe Weihnachten" vermeine ich am zweiten Advent vernommen zu haben. Oder hänge ich einfach nur hinten nach?

Aber wehe, wenn man jemandem im Vorhinein zum Geburtstag gratulieren will! Das geht gar nicht, weil das Unglück bringt und sowieso. Außerdem sehe man sich ja, wenn nicht am Geburtstag, so doch bald wieder mal und könne die Glückwünsche nachreichen. Der Eine oder Andere würde sogar dann auf vorträgliche Wünsche verzichten, wenn die nachträglichen erst in Monaten möglich wären. Quasi dem Motto folgend: "Ein nachträglicher Wunsch per SMS ist mir lieber als ein persönlicher im Vorhinein." Absurd ist daran vor allem, mit welcher Pedanterie hier Wünsche abgewehrt werden und welche Kasperliaden die Wünschenden aufführen, wenn sie sich dabei ertappen, dass sie dem Jubilar gerne im Vorhinein alles Gute wünschen würden, es aber aufgrund des Verbots nicht möglich ist. "Ich darf ja noch nicht, aber...", "man soll ja nicht im Vorhinein, also..." Greuliches Gestammle begleitet von entschuldigenden Mienen - ein Affenzirkus, der im Grunde vollkommen unnötig ist.

Zu Silvester kennen wir da nichts, obwohl das Jahr Geburtstag hat. Rücksichtslos wünschen wir einander schon Tage vorher ein "Gutes Neues", um so im alten Jahr unsere Schuldigkeit getan zu haben und das neue nicht mit ewigen Glückwünschen beginnen zu müssen. Die ganz Eifrigen (zu denen ich mich in manchen Jahren zählen mag) wünschen am 31. einen "guten Rutsch" und am Ersten dann "ein Frohes Neues" bzw. brüllen sie zur nullten Stunde ein heftiges "Prosit Neujahr!", das man durchaus mit einem Niesen vergleichen kann, verschafft es einem doch ungemeine Erleichterung.

Zwar weiß ich, dass der "gute Rutsch" eigentlich mit dem Rutschen gar nichts zu tun hat, weil das Wort aus dem Hebräischen "Rosch" abgeleitet wurde und "Anfang/Beginn" bedeutet (man möge mir verzeihen, dass ich das jetzt nicht wikipediatisch verbürgen kann), aber das Bild des Hinüberrutschens hat doch etwas sehr Vergnügliches und Frohsinniges. Mögen wir uns wünschen, dass wir alle wie Kinder auf einer Rutsche ins Neue Jahr rutschen und dabei vergnügt "Prosit" quieken, und lassen wir uns dann in aller Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit "ein gutes Neues Jahr!" wünschen. In diesem Sinne: Guten Rutsch!

Montag, 21. Oktober 2013

Der Geruch des Lebens

"So wie einer am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!", verkündete der Student und kicherte zufrieden in seinen Cappuccinoschaum hinein. Die Spitzenkandidatin ermahnte ihn sofort: "Oder wie EINE!" Sie häkelte an etwas, das wie eine tibetische Gebetsfahne aussah. Genau genommen konnte es aber alles mögliche sein. Dazu trank sie fair gehandelten Jojobaöltee aus Surinam, wie sie zuvor stolz verkündet hatte.
"Wie, was? Eine? Häh?" Der Student schien verwirrt zu sein.
"Naja, das Leben riecht doch auch wie EINE morgens aus dem Mund, oder?", fragte die Spitzenkandidatin streng, während sie im Häkeln kurz innehielt und über den Rand ihrer Brille lugte. Es sah aus, als wäre ihr die Brille zufällig auf die Nasenspitze gerutscht, doch in Wahrheit trug sie ihre Brille immer so.
"Tja, also, das weiß ich jetzt nicht. Vermutlich schon. Ja, da hast du wahrscheinlich Recht… hm…" macht der Student und sah tatsächlich so aus als würde er grübeln. Schließlich sagte er nur: "Aber das sagt man halt so. Man sagt halt 'So wie einer aus dem Mund' und meint dann halt alle. Also die Menschen, beziehungsweise den Menschen an sich!"
"Das ist ja genau das Problem!" Die Spitzenkandidatin ließ jetzt ihre Häkelarbeit in den Schoß sinken und der Student wusste, dass das kein gutes Zeichen war. Eigentlich war er nur hier hergekommen, um den Wohnungskollegen der Spitzenkandidatin zum Fußball abzuholen. Der war aber gerade am Klo und so hatte der Student gedacht, es wäre eine gute Idee, mit der Spitzenkandidatin ein Gespräch zu führen. Er war der Meinung, dass sie eine Vorliebe für "schräge Sätze" hatte, und so hatte er sich schon vor Wochen diesen Satz zurechtgelegt und hatte nur auf die Gelegenheit gewartet, ihn "anbringen" zu können, wie er es ihrem Wohnungskollegen immer angekündigt hatte. "Irgendwann bring ich den an!", hatte er sich immer gefreut und gesagt: "Der ist gut, der Satz! Sehr gut sogar! Das haut die um, ganz sicher!"


Die Spitzenkandidatin elaborierte: "Dieses Mit-Meinen, das funktioniert nicht. Das ist immer die billige Ausrede. 'Frauen sind immer mitgemeint', wie oft habe ich den Schwachsinn schon gehört! Es ist doch so: Wenn wer mit-meint, dann kann er auch mit-sagen. Woher weiß man denn, dass frau wirklich mitgemeint ist? Ich kann ja nicht einfach davon ausgehen, dass sich wer mitgemeint fühlt, wenn ich den oder die dann nicht anspreche." Sie sagte wirklich "frau" statt "man", und das imponierte dem Studenten in gewisser Weise schon. Das war offenbar eine konsequente Frau, die redete nicht nur, die tat auch was! Eine Spitzenkandidatin, völlig zurecht!
"Naja", sagte der Student verlegen und nach kurzem Innehalten, "ich habe mir halt auch gedacht, dass das nicht sehr galant ist, wenn man sagt: 'So wie eine am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!'. Da hättest du dann wahrscheinlich auch protestiert und gesagt, was mir überhaupt einfallen würde, ob denn nur Frauen am Morgen aus dem Mund riechen würden und so weiter. Also hab ich mich für die männliche Variante entschieden." Das war natürlich gelogen, aber um Spontanausreden war der Student noch nie verlegen gewesen.
"Aso! Aha!", rief die Spitzenkandidatin aufgebracht, als hätte sie darauf nur gewartet. "Das ist ja da nächste chauvinistische Vorurteil, das Mann dauernd anbringt!" (Hier freute sich der Student kurz, dass sie auch das Wort "anbringen" verwendete.) "Wieder so quasi die Frauen, die sind ja von Natur aus rein und sauber und stinken nicht, die Männer aber schon, weil die das dürfen. Das ist ja wieder derselbe Quatsch, das geht ja alles in die gleiche Richtung." Obwohl sie gerade noch den Eindruck erweckt hatte, als wäre sie ehrlich erbost - sie hatte sich in ihrem Sessel aufgerichtet und den Studenten scharf über die Brille hinweg angesehen -, sackte ihre Aufgeregtheit nun schon etwas ab. Sie nahm einen Schluck vom Jojobaöltee und sank irgendwie zufrieden in ihren Sessel zurück, um sich wieder ihrer Gebetsfahne, oder was das auch immer war, zu widmen. "Eine müde, alte Dame, die so ein Gespräch schon hunderttausende Male geführt hat und eigentlich keine Lust mehr darauf hat, weil am Ende das Unverständnis steht", dachte der Student und die Erkenntnis machte ihn irgendwie traurig. Trotzdem bemühte er sich um eine Fortführung des Gesprächs.
"Ja, hm. Also irgendwie hast du da natürlich Recht. Aber der Satz verliert ja auch an Knackigkeit, wenn man sagt: 'So wie einer oder eine am Morgen aus dem Mund- so riecht das Leben!" Es war eine Verzagtheit in seinen Worten, die zu groß geraten war; so verzagt wollte er gar nicht klingen, nur ein bisschen unsicher, um sie wieder in Fahrt zu bekommen. Daher war er froh, als in diesem Moment der Mitbewohner der Spitzenkandidatin vom Klo zurück kam.


"Was? Wie riecht das Leben? Sag nochmal!", wurde der Student sofort aufgefordert, seine Weisheit zu wiederholen. Die Spitzenkandidatin blickte ihn prüfend an, was den Studenten natürlich nervös machte, obwohl er sich auch freute, dass sie jetzt wieder da war.
"So wie einer oder eine am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!" wiederholte er brav.
Der Mitbewohner blickte ihn ratlos an. "Was? Wie einer oder eine? Was meinst du da?"
"Na eben einer… oder halt eine! Mann oder Frau. Kann ja beides sein. Die Frau ist ja nicht automatisch mitgemeint, und Frauen können am Morgen auch aus dem Mund riechen. Also einer - oder eine!", erläuterte der Student umständlich. Die Spitzenkandidatin musste kurz grinsen, gab sich aber alle Mühe, dies zu verbergen. Also griff sie schnell zur Teetasse.
"Aha. Und so riecht das Leben? Wie einer aus dem Mund? Oder eine? Versteh ich nicht." Der Mitbewohner kannte sich noch immer nicht ganz aus.
"Nein. Also ja. Nein, der Satz geht nur so. Also wenn man ihn so sagt: 'Wie einer am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!'. Den kann man nicht umstellen. Sonst leidet die Knackigkeit darunter!"
"Ja, aber ich dachte einer oder eine?", stellte sich der Mitbewohner nun extra blöd, obwohl er den Satz ja schon lange kannte. Schließlich wusste er, dass der Student nur darauf gewartet hatte, ihn endlich "anbringen" zu können.
"Ja eh. Na, also der ursprüngliche Satz, so wie ich ihn gedacht hatte, war: 'So wie einer am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!' Aber dann hat sie gesagt, das geht nicht, weil die Frauen da nicht mitgemeint sein dürfen, sondern extra erwähnt werden müssen." Der Mitbewohner musste ein bisschen grinsen ob des Theaters, das der Student da jetzt aufführte, indem dieser vorgab, dem Mitbewohner noch nie zuvor von dem Satz erzählt zu haben.
"Das ist aber uncharmant!" rief der Mitbewohner deshalb vergnügt und sah die Spitzenkandidatin erwartungsvoll an.
"Ja, aber charmant darf man nicht mehr sein, weil das ist chauvinistisch. Oder so", wehrte sich der Student während die Spitzenkandidatin zufrieden lächelte.
"Aha. Weiß ich aber trotzdem nicht, was ich davon halten soll. 'Eine oder einer' hin oder her."
"Von was?", fragte der Student.
"Wovon!", rief die Spitzenkandidatin, "nicht von was. Wovon!"
"Ja, von wo äh wovon. Wie jetzt?" Das war dem Studenten jetzt zu viel.
"Na von dem Satz. Da weiß ich nicht, was ich von dem halten soll."
"Davon!", korrigierte die Spitzenkandidatin.
"Nein nein, von dem! Von dem Satz. Ich mein den Satz, den konkreten Satz. Da verwende ich 'dem', damit klar ist, dass ich den Satz gemeint habe und nicht irgendwas Allgemeines", wusste sich der Mitbewohner zu helfen. Er war ein ähnlicher Klugscheißer wie die Spitzenkandidatin eine Klugscheißerin war.
"Hm, ja. Hast Recht" sagte die Spitzenkandidatin nur schulterzuckend und widmete sich wieder der Häkelei. Der Student war verblüfft.
"Wie du weißt nicht, was du von dem halten sollst?" konzentrierte er sich wieder auf seinen Satz und den Mitbewohner.
"Ja, weiß nicht. Erstmal nichts. Ich halte lieber erstmal nichts davon."
"Von dem! Warum jetzt 'davon' und vorher hast du auf 'von dem' bestanden? Das ist doch inkonsequent!" erregte sich die Spitzenkandidatin wieder.
"Ja, von dem. Erstmal halt ich nichts von dem Satz. Erstmal nichts davon halten hat sich bewährt", meinte der Mitbewohner ruhig. "Übrigens auch ein guter Satz", schob er nach, "Erstmal nichts davon halten hat sich bewährt. Gut, oder?"
Der Student schien ein wenig beleidigt und wollte nicht auf den Satz des Mitbewohners eingehen: "Wieso hältst du nichts davon? Der ist doch gut! Also in seiner ursprünglichen Form, ohne die Gender-Problematik."
"Ts, Problematik!", sagte die Spitzenkandidatin leise und verdrehte dabei übertrieben die Augen.
"Sag doch 'jemand'! Dann sparst du dir das mit 'einer oder eine'", schlug der Mitbewohner vor.
"Ha!", machte die Spitzenkandidatin, "Jemand! Je-Mann-d! Da steckt überall der Mann drinnen!"


"Das ist jetzt nicht dein Ernst?" Der Student war ehrlich entsetzt. Die Spitzenkandidatin hingegen kicherte eigentümlich versöhnlich. Nahm sie ihn auf den Arm? Neckte sie ihn gar?
"Das klingt ja wie Kafka. Jemand…" Der Mitbewohner schien sich wirklich Gedanken zu machen. "'So wie jemand am Morgen aus dem Mund - so riecht das Leben!'. Nein, das klingt zu mystery-mäßig, zu anonym. Das ist ja wer konkreter, der da aus dem Mund riecht."
"Jemand konkretes!" korrigierte die Spitzenkandidatin sofort.
"Nein, jemand konkreter!" behauptete der Mitbewohner fest.
"Da wären wir ja schon wieder beim er!" Und da hatte die Spitzenkandidatin Recht. Der Mitbewohner grübelte noch, da sagte der Student: "Aber ja, das stimmt schon, das geht nicht mit dem 'jemand'. Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte…" deklinierte er und der Mitbewohner ergänzte: "… roch er eines Morgens aus dem Mund!", und beide kicherten.
Die Studentin hingegen sagte nun, wie um der ganzen Diskussion ein Ende bereiten zu wollen: "Das ist überhaupt ein schwachsinniger Satz. Jetzt mal ehrlich! Was soll das bitte heißen? 'Das Leben riecht wie jemand aus dem Mund'. Totaler Unsinn ist das!"
"Am Morgen!" warf der Student ein.
"Am Morgen, am Abend… Ist doch egal. Das Leben riecht doch nicht wie jemand aus dem Mund riecht! Das Leben riecht überhaupt nicht. Und wenn, dann schon gar nicht wie jemand morgens aus dem Mund."
"Aber das ist doch auch das Leben, irgendwie", wusste der Mitbewohner anzuführen. "So schlecht ist der doch nicht, der Satz! Irgendwie poetisch. Wie jemand am Morgen aus dem Mund… klingt doch gut!"
"Sag ich ja! Aber ohne jemand!" freute sich der Student, dass wenigstens der Mitbewohner nun die Magie des Satzes erkannt zu haben schien.
"Schwachsinn ist das. Das ist doch keine Poesie, das ist Unfug." Die Spitzenkandidatin blieb hart.
"Ach was, Fug ist das! Da fügt sich was zusammen!", rief der Student erregt. Er wusste nicht, ob er ihre Wehrhaftigkeit gut finden sollte oder bloß stur. "Außerdem klingt das gut! Es klingt zusammen… symphonisch also - im wahrsten Sinne des Wortes!"
"Aber grausig ist das auch", gab der Mitbewohner zu bedenken, "muss man zugeben. Bei aller Liebe, schön ist das nicht, wie einer am Morgen aus dem Mund riecht!" - "Oder eine!" ergänzte die Spitzenkandidatin nun fast schon lethargisch.
"Das Leben ist doch auch grausig, manchmal. Das ist ja der Reiz der Aussage!", verteidigte der Student seinen Satz weiter.
"Dann darfst du das aber nicht generalisieren und sagen 'so riecht das Leben'. So und nicht anders. Das ist plump. Da fällt ja einiges unter den Tisch, was das Leben sonst noch sein kann." Die Spitzenkandidatin hatte anscheinend wieder zu ihrer markanten Sachlichkeit zurückgefunden.
Der Student konterte: "Freilich. Aber das ist halt der knackigen Aussage geschuldet. Da muss was unter den Tisch fallen, sonst gibt's keine Pointe und darunter würde die Knackigkeit leiden!"
"Knackigkeit… das ist auch so ein fragwürdiges Wort", gab der Mitbewohner zu bedenken; und die Mitbewohnerin darauf: "Direkt beknackt ist das!" Niemand kicherte.


"Also gut", versuchte sich der Student an einer Korrektur seines Satzes, 'Wie ein Mensch unbestimmten Geschlechts am Morgen aus dem Mund - so könnte ein Aspekt des Daseins riechen'. Das klingt doch scheiße!" Die Spitzenkandidatin lachte kurz auf, der Mitbewohner grinste und sagte ermutigend:
"Dasein ist gut! Besser als Leben! Und Mensch auch! Da sparst du dir 'jemand' und dieses umständliche 'einer oder eine'."
"Pff. Solche Sprücheklopfer… Das ist ja nicht auszuhalten. Diese pseudogescheiten Weisheiten. Das geht gar nicht!" Die Spitzenkandidatin das Interesse an der Konversation zu verlieren.
"'Geht gar nicht' sagen geht auch gar nicht!" ätzte der Student zurück.
"Lass Sie, die findet ja sogar Panoramafernsehen reaktionär!", versuchte der Mitbewohner unbeholfen die Wogen zu glätten.
"Ist es ja auch", sagte die Spitzenkandidatin beleidigt und schlürfte wieder am Jojobaöltee.
"Ist aber auch das Leben!", verkündete der Student stolz. "Wie Panoramafernsehen mit Hüttenmusik unterlegt - auch das ist ein Aspekt unseres Daseins!" Und der Mitbewohner lachte.
"Davon halte ich erstmal nichts", entgegnete die Spitzenkandidatin und schob ihre Brille hinauf, die sofort wieder zurück auf die Nasenspitze glitt.
"Das bewährt sich meistens!" Der Mitbewohner grinste und wandte sich an den Studenten: "Siehst du, so gehen gute Sätze. Die müssen sich bewähren. So wie mein Satz 'Ich halte erstmal nichts davon', der hat sich bewährt."
"Das hat sich bewährt!", rief der Student und hob den Zeigefinger wie der reinste Lehrer Lempel.
"Was?"
"Na du hast vorher gesagt: 'Ich halte erstmal nichts davon. Das hat sich bewährt' oder 'erstmal nichts davon halten hat sich bewährt'. Das war dein Satz - oder deine Sätze."
"Was? Ja, nein. Ich meinte doch den Satz jetzt. Also den ersten Teil. Der hat sich bewährt… im Gespräch, weil sie ihn verwendet hat."
"Also Bewährung zweiter Ebene meinst du?" feixte der Student und der Mitbewohner schien verzagt: "Ach, egal." Die Spitzenkandidatin grinste nur und fragte noch mal: "Und wie riecht es jetzt, das Leben?"
"Egal", sagte der Student und meinte es auch so.

Montag, 13. Mai 2013

Die Eisheiligen

In meiner Kemenate ist es saukalt. Ich sitze im unbeheizten Teil des Hauses, unter mir die kalte Garage, ober mir ein weiteres kaltes Zimmer, zwei Außenwände mit großzügigen Fenstern lassen mich auf das gräuliche Grün des Waldes blicken, bibbernd reite ich auf dem alten Bürostuhl; dabei habe ich mir schon meinen Winterpullover angezogen. Wir schreiben den 13. Mai, Sankt Servatius hält uns fest im Griff. Auf den Bergen liegt (wieder) Schnee, der Niederschlag dauert den ganzen Tag an und wechselt zwischen Niesel- und Platzregen. Wie zum Hohn zeigt sich hie und da ein blaues Fleckchen am Himmel, aber das ist nur Andeutung, ein meteorologischer Mummenschanz, eine - so würde es der Bundesdeutsche nennen - Verhohnepiepung des frühlingsgereiften Innergebirglers, der gerade noch die Hoffnung hegte, bald die Sommerlatschen hervorholen zu können, ja vielleicht sogar schon Teile der "Übergangsgarderobe" einsommern zu können. Nichts da - zu den drei Eisheiligen wird gefroren!

Es heißt: "Servaz muss vorüber sein, will man vor Nachtfrost sicher sein!" (Oder vor Frost überhaupt!) Besser passt da schon, wenn auch rhythmisch nicht ganz so elegant: "Pankraz und Servaz sind zwei böse Brüder. Was der Frühling gebracht, zerstören sie wieder." Dabei kommt morgen erst der Bonifaz und übermorgen der Bavaria Blu bzw. die kalte Sophie. "Die kalte Sophie macht alles hie", heißts recht apokalyptisch im bayerischen Raum. Das mag vielleicht übertrieben sein, aber immerhin übertreiben es die Eisheiligen auch gehörig. Welcher Bauer mag in seinen Regeln da schon Nachsicht walten lassen? Immerhin hat man genug damit zu tun, sich in diesen Tagen auf Ofenbänke zu legen und mit Katzen zuzudecken während man durchs Fenster den Pflanzen dabei zusieht, wie sie ob der Kälte erstaunt eingehen. Traurig, diese paar Tage im Mai, denen zum düstersten November nur die abgefallenen Blätter und die Allerheiligenromantik fehlen. Man fragt sich schon, wo da das Heilige wirkt und werkt, wenn es an diesen Tagen immer so bitterkalt ist. Man muss sich Petrus als einen humorlosen Menschen vorstellen. Mamertius, Pankratius, Bonifatius, Servatius und die Sophie übrigens auch.

Montag, 25. März 2013

Sprechen Sie Deutsch ?/!

Touristen und Einwanderer haben es nicht leicht im Gebirge. Nicht nur ist es die ihnen oft unvertraute Landschaft, welche die Beschwerlichkeit des Berganschreitens genauso in sich birgt wie die oft schwer vorherzusehenden Wetterwechsel, die im Gebirge nicht nur unterhaltsam, sondern eben auch gefährlich sein können; viel öfter scheitert der Wille zum Wohlfühlen an der seltsamen Sprache der Innergebirgler. Denn der Bergmensch kann und will es nicht verstehen, dass er außerbergs nicht verstanden wird. Vielmehr: Es ist ihm egal. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass trotz mittlerweile flächendeckenden Englisch-Unterrichts, der Gebirgler auf dieser Sprache nur phrasenhaft kommunizieren mag. Sein Gebrauch des Englischen beschränkt sich zudem meist auf Wegbeschreibungen, die sich wiederum in den vielsagenden Anweisungen "down" und "up" erschöpfen. "Go up, donn hintre ... hinter... behind hoit. Nochand links... left!" Ahja.

Freilich, der Gebrauch der Englischen Sprache ist nicht jedermanns everyday business. Aber im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends kann mir kein Bewohner einer schon seit fast einem Jahrhundert touristischen Region erzählen, dass er einem Ortsunkundigen nicht auf Englisch den Weg zum nächsten Wirtshaus (als ob er den nicht kennen würde!) oder zum Skiverleih erklären könne. Der Grund, warum diese Situationen in echt immer wieder scheitern, liegt ganz einfach im Unwillen des sogenannten Einheimischen, etwas anderes als seine, die einheimische, Sprache zu sprechen. Diese Verweigerung macht nicht bei einer Weltsprache wie dem Englischen halt. Es erstreckt sich erschreckenderweise sogar auf die standardisierte, überregional verständliche Variante unserer Muttersprache.

Es sind nicht nur "arrogante Deutsche", die vorgeben, rein gar nichts von dem zu verstehen, was der Gebirgler ihm in breitestem Pinzgauer Dialekt zu verstehen gibt. Freilich, es schon auch solche, die sich absichtlich blöd stellen (oder einfach noch keinen Sprachkontakt mit uns hatten oder wollten), und die gleichzeitig davon ausgehen, dass wir ihrem Thüringischen oder Rheinfränkischen Dialekt so ohne weiteres folgen können. Ignorant sein, das kann man auch - und vor allem - in der Sprache.

Viel schlimmer ist die Weigerung des Bergmenschen, seinen Dialekt kurzzeitig zugunsten einer allgemein verständlicheren Variante des Deutschen aufzugeben, wenn er mit Menschen kommuniziert, die dem Deutschen durchaus mächtig sind bzw. sich zumindest alle Mühe geben, es sein zu wollen. Die Rede ist von Zuwanderern, denen ja immer gesagt wird, sie sollen gefälligst zuerst Deutsch lernen, bevor sie es sich bei uns gemütlich machen. Diese Menschen sind nicht abgeneigt zu tun, was von ihnen verlangt wird, ja manche sind mit Eifer und Freude bei der Sache - bis sie merken, wie wenig ihnen im sprachlichen Alltag ihr Wissen nützlich ist. Dort nämlich treffen sie auf den Bergmenschen, der, sobald er die ersten deutschsprachigen Bemühungen des Lernenden bemerkt, anfängt, mit diesem konsequent Pinzgauerisch zu reden. "Ko jo eh Deitsch. Des vastehta scho!", heißt es dann.

So fürsorglich und kameradschaftlich das vielleicht gemeint ist, so frustrierend ist es für den, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Sprache zu lernen, die angeblich in Österreich gesprochen wird. Sprachlernende, die ohnehin schon Mühe haben, das Deutsche in der freien Wildbahn des Alltags (im Gegensatz zur gepflegten Konstruiertheit des im Klassenraum Erlernten) sinnerfassend zu verstehen, sind verwundert: Was ist das für eine Sprache, die die Menschen hier sprechen?

Über die Unterschiede zwischen dem standardisiertem Deutsch und unserem Dialekt sind wir vielleicht zu wenig im Bilde. Wir können uns nicht vorstellen, wie unsere Umgangssprache für jemanden klingt, der sich gerade Mühe gibt, das Lautinventar, die oft komplexe Satzgrammatik und die Intonation des Deutschen zu durchschauen bzw. zu erhören. Für die Sprachlernenden aber ist es eine frustrierende Erfahrung: All die Mühe, die man vor allem am Anfang in ein Sprachstudium des Deutschen steckt, scheint umsonst gewesen zu sein. Das im Klassenzimmer mühsam Angeeignete hat in der Praxis wenig bis gar keinen Wert.

Umgekehrt geht der Einheimische her und hat mit den fortlaufenden Verständnisschwierigkeiten des Zuwanderers nur wenig Nachsehen: "Der lernt's nia!", heißt es dann lapidar. Und wenn er es lernt, der Herr Gastarbeiter, dann kommt dabei ein Kauderwelsch heraus, der jenseits der Grenzen des Bezirks wenig kommunikativen Alltagsbestand haben wird. Ein schlecht gelerntes Deutsch, das sich aus Dialektversatzstücken, der Grammatik der Muttersprache und ein bisschen Hochdeutsch konglomeriert, marginalisiert mehr als es integriert. Von keinem Einwanderer, der Deutsch ohne Vorkenntnisse erlernt, kann man erwarten, dass er es eines Tages akzentfrei sprechen wird, und das soll und kann auch gar nicht Ziel der sprachlichen Integration sein. Aber man kann als Muttersprachler den Lernwilligen eine kleine Hilfestellung leisten, indem man mit ihnen so kommuniziert, dass sie nicht nur verstehen, sondern im selben Zug auch noch wiedererkennen und dazulernen. Was kostet uns das mehr als eine kleine sprachliche Mühe, die eigentlich jeder Volksschüler im Unterricht aufzubringen imstande ist?

Woran also liegt es, dass die Gebirgler mit ihren so geschätzten Saisonkräften nicht ordentlich Deutsch sprechen können oder wollen? Einerseits wird da das Berufsumfeld des Gastgewerbes ins Spiel gebracht, das es angeblich unmöglich macht, Anweisungen in verständlichem Deutsch zu geben, weil alles "ruck-zuck" gehen muss und eigentlich sowieso alles ohne Worte ablaufen sollte. Nur: Wer seinen Angestellten Anweisungen auf Pinzgauerisch zubellt, läuft eben Gefahr, nicht richtig verstanden zu werden. Das hat entweder Nachfragen zur Folge (was auch wieder Zeit kostet) oder ein Missverständnis, das dazu führt, dass die erteilte Aufgabe nicht richtig erledigt wird - was noch mehr Zeit kostet.

Viel öfter aber scheint es so, als wolle der Innergebirgler gar kein ordentliches Deutsch sprechen. Er sieht den Dialekt als eine Art Geheimsprache, deren Verwendung Zugehörigkeit signalisiert. So manifestiert sich das allseits bekannte "Mia san mia" vor allem in der Sprache. Dem Lernenden wird damit signalisiert, dass er, so sehr er sich auch bemühen mag, es eben nie lernen wird. Er wird nie dazugehören. So gut sein Deutsch auch sein mag, der Gebirgler wird ihm mit seinem Dialekt immer voraus sein. "Haha, des vasteht a nid, ge?", ergötzt sich der Bergmensch am Unverständnis des Migranten. Diese "anti-integratorische" Komponente des Dialekts wird nie wirklich übersehen. Im Gegenteil: Der Dialekt ist dem Einheimischen sein Rückzugsort, wenn es ihm in der touristischen Interaktion zu viel wird, und er sich darauf besinnen möchte, dass er etwas Besonderes ist. Schließlich kann man sich eine Lederhose und einen Hut mit Gamsbart kaufen - eine kernige Aussprache jedoch nicht. An der hat sich noch immer gezeigt, ob einer ein "Dosiger" oder ein "Zuag'roaster" ist. Und die Zuag'roasten kann man ja jederzeit wieder "ausgrausigen", wie es heißt.

Freitag, 1. Februar 2013

Probleme mit dem Klopfer


Die Dame kommt aus Fuschl am See, sagt sie. Also muss sie wohl für Red Bull arbeiten, denn was täte man sonst in Fuschl am See mit einem mitteldeutschen Akzent? Darüberhinaus hat sie das perfekte Alter für Red Bull-Mitarbeiter: nicht mehr ganz jung, aber auch nicht alt; nicht verbraucht - eher angebraucht wirkt sie. Ein bereits geöffnetes Red Bull, das ein bisschen in der Sonne gestanden, aber noch nicht ausgeraucht ist. Sie fährt sicher nicht mehr in einem Mini Cooper mit einer Dose auf dem Dach umher. Vermutlich ist sie Sekretärin oder eine Vertriebsmitarbeiterin - irgendwas Unspektakuläres jedenfalls. Sie muss zu jenen Mitarbeitern gehören, die der Konzern versteckt, weil sie eigentlich nicht ganz in das nach außen getragene Image passen. Sie ist keine Extremsportlerin und eben auch nicht so ein junges Blondchen, das im RB-Mini durch Großstadtevents flitzt und dabei Kombucha trinkt. Wahrscheinlich aber macht sie ihre Arbeit gut. Trotzdem wirkt sie, als hätte sie einen Didi. Einen Titi vielmehr, also im Sinne von Klopfer, Huscher, Hieb oder Klescher. Einen Didi hat sie nur als obersten Chef, den Titi allerdings im Oberstübchen.

Abgesehen von der Dame, die einen Huscher hat, obwohl sie eigentlich kompetent sein müsste oder zumindest in der Lage sein, so zu tun: Wie schreibt man "Didi/Titi"? Didi kann es nicht heißen, weil es sich dann wirklich wie der Name anhört und darüberhinaus das "D" zu weich ist für den Klopfer, den jemand hat, wenn er nicht ganz auf der Höhe ist. "Titi" allerdings schaut wieder verfänglich aus, und spricht man es aus, wie es dasteht, klingt das gar nicht nach dem Huscher, sondern ganz blöd nach "Titty" und dann müssen schlichtere Geister schon mal kichern.

Was muss man anstellen, um diesem Wort in der schriftlichen Darstellung gerecht zu werden, ohne dabei die Aussprache zu verfälschen? Ich plädiere für "Didti". Mit dem "dt" wird das zweite "d" bzw. "t" nicht zu weich und es entsteht die nötige kleine Spannung vor der zweiten Silbe, die bei "Didi" einfach nicht eintritt. Das "D" am Wortanfang ist leider nicht wegzudenken, weil Österreicher ohnehin fast nie stimmhafte Ds sprechen, und meinen, sie müssten jedes "T" aspirieren, also ein besonders deutsches T produzieren, ein hartes, mit einem Nachhauch, bei bei "Theke" (was übrigens ein besonders hässliches Wort ist). Schreib also "Didti" und die meisten werden die Aussprache erwischen, die nötig ist, um den Klopfer zu beschreiben und nicht den Herrn Mateschitz.

So wie die Dame nicht ganz in die Red-Bull-Schiene passt, passt das Wort "Didti" nicht in unser Schreibvokabular: Didti schreiben wir nicht, wir sagen es nur. Erstens, weil wir nicht genau wissen, wie wir es schreiben sollen (das Problem wäre hiermit gelöst, auch wenn es blöd ausschaut), und zweitens, weil es eben so viele Synonyme dafür gibt. Da ist der Reichtum der Sprache wieder am richtigen Platz zu finden!

Samstag, 8. Dezember 2012

Advent

Advent ist eine komische Zeit. Advent ist auch ein komisches Wort. Jeder neunmalkluge Mittelschüler kann einem erklären, dass es so viel wie "Ankunft" bedeutet. Alles klar, aber warum gibt es dann den ersten, zweiten, dritten und vierten Advent? Vier Ankünfte für eine Person, das ist schon ein bisschen übertrieben. Da merkt man bereits, was der Advent im Schilde führt: Er blendet uns nämlich. Mit Kränzen und Lichtern und Türchen auf Adventkalendern etc.

Advent ist die Zeit, in der man sich nichts erwartet und dann doch enttäuscht ist, wenn nichts passiert. Die meisten tun so, als wäre ihnen der Advent wurscht. Andere wiederum machen ein riesen Brimborium aus dem Advent und zelebrieren das Keksebacken, das Dekorieren, das Singen und Glühwein trinken usf. Dabei ist der Advent eigentlich nur ein Countdown. Der Adventkranz und der entsprechende Kalender sind Taktapparate. Tag um Tag rücken wir der Weihnacht näher - vier Wochen, 24 Tage und dann ist endlich alles vorbei und wir können uns wieder der lähmendsten Woche im Jahr widmen, nämlich jener zwischen Weihnachten und Neujahr, in der so gut wie gar nichts passiert.

Der Advent ist also das Warten auf das große Nichtstun, auf die Entspannung zwischen den Jahren. Hier wird gefressen und getrunken, und wer es gar nicht aushält, der sucht sich exotische Reiseziele, wo es heller und wärmer ist als in unseren Gefilden. Aber noch ist es nicht so weit, noch müssen wir uns mit Kerzerln und Lichterln über Wasser halten! Als Nervennahrung gibt es die unvermeidlichen Kekse sowie Punsch zur Beruhigung. Außerdem dürfen wir einkaufen gehen - auch das beruhigt die meisten und es steht sinnbildlich und ganz unironisch für das Warten auf das Nichts.

"Advent, Advent" - schon die Wiederholung des Wortes drückt die Ungeduld der Wartenden aus. Und nachher will es wieder keiner gewesen sein! Der nachweihnachtliche Kater ist das Eingeständnis einer Schuld, das Bekenntnis, dass man tatsächlich auf nichts gewartet hat. Obwohl man immer irgendwie gehofft hat, dass doch was passiert. Das ist, was vom Advent übrig bleibt: Hoffnung. Das wäre auch die verständlichere (wenn auch nicht die richtige) Übersetzung. Als Kind hofft man ganz profan auf das richtige Weihnachtsgeschenk. Als geübter Erwachsener darauf, dass diesmal alles anders wird und doch noch Weihnachtsstimmung aufkommt. Als älterer Mensch hofft man vielleicht schon spirituell auf das, was danach kommt. Eigentlich eine schlimme Zeit, dieser Advent...

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Der Poet

In der U-Bahn-Station steht ein frisurloser Student. Es handelt sich um einen von jenen Studenten, die unbedingt zeigen müssen, dass sie Studenten sind. Er ist fast zwei Meter groß, zumindest würde er diese Höhe erreichen, stünde er gerade. Aber sein Nacken ist geknickt wie der eines Aasgeiers - vermutlich ob der Schwere der Gedanken, die in seinem Kopfe kreisen. Außerdem hat er einen dieser übergroßen Kopfhörer auf, um damit Indiemusik zu hören und sich gegen den traurigen Alltag einer Wiener U-Bahn-Station abzuschirmen, mit dem er so gar nichts anfangen kann, seitdem er sich das Gesamtwerk Sartres besorgt hat, das er nie lesen wird, und er einen Blick in die Vorrede von Kants Kritik der reinen Vernunft geworfen hat, wovon er naturgemäß nichts verstanden hat.

Seine Mode ist modisch im weitesten Sinne: Das, was Studenten halt so tragen, wenn sie Geschmack vorschützen wollen. Die Hose ist gelb, die Jacke irgendwas Braunes und die Schuhe sind eben cool. Die unvermeidliche Umhängtasche strahlt dieselbe Lustlosigkeit aus wie sein Gesicht. Er ist gerade erst aufgestanden. Nicht, weil der Schlaf sich seiner erschöpften Forschernatur bemächtigte und Morpheus ihn nicht mehr hergeben wollte, sondern einfach deswegen, weil Studenten das halt so tun: Sie schlafen lange. Eine Brille hat er auch auf, so eine mit dickem schwarzen Rahmen. Nicht, weil es modern ist, sondern weil es einfach stimmt. Man braucht dickrandige Brillen, denn der Student studiert bestimmt die Geisteswissenschaften. Und zwar alle. Er hat mindestens sieben Studienrichtungen inskribiert und unterliegt noch den zwei großen Täuschungen der Universität: nämlich der Idee, dass man alles schaffen könne, was man sich vornimmt, auch wenn das bedeutet, dass man im Semester ca. 15 Klausuren und 5 Seminararbeiten zu schreiben hätte; und zweitens, dass alle Studienrichtungen interessant wären und man überall etwas Anderes und völlig Neuartiges lernen könnte.

Seine schlechte Haltung lässt mir das Kipferl im Magen rotieren. Gekrümmt steht er an der Wand, mit einem Fuß wippt er leicht zum Takt seiner Musik, traurig schaut er auf die Gleise. Endlich kommt die U-Bahn. Ich sitze ihm schräg gegenüber und bin gespannt, welches intelligente Buch der junge Herr gleich aus seiner Tasche ziehen wird. Zu meinem allergrößten Vergnügen holt er ein Notizbuch hervor! Es ist von Moleskine und freilich noch völlig unbenützt. Der Student schlägt es auf der zweiten Seite auf, die erste scheint leer zu sein. Jetzt zückt er einen Stift und schaut sehr ernst durch das Fenster in den dunklen U-Bahn-Schacht hinaus. Inspirierende Schwärze, singe mir! Er senkt den Blick bedächtig auf das Papier und lässt die Spitze des Stiftes eifrig über dem Papier nicken - als würde er anvisieren, den richtigen Schwung abwarten. Gleich, gleich müsste es kommen, das erste Wort, der wichtige Gedanke zu einer neuen Großstadtliteratur, das philosophische Stichwort, der Auftakt zu einer Sonate der jugendlichen Wehleidigkeit, der Anfang von etwas ganz Großem, von etwas noch nie Dagewesenem, das noch aufgeschrieben werden muss, bevor die Welt vergeht! ... Nichts. Der Blick sucht wieder den Schacht, der Stift hört auf zu nicken.

Ich muss schmunzeln. Da glaubt noch einer an die inspirierende Kraft des weißen Papiers! Er hatte genau gar keinen Gedanken in seinem Kopf, als er zum Notizbuch griff. Nicht einmal ein Wort hätte er hinschreiben können, nichts wäre ihm eingefallen, das ein paar Quadratzentimeter seines feinen Büchleins wert gewesen wäre. Stumm sitzt er jetzt da. Er schweigt, der Stift schweigt, ja sogar der Kopf schweigt jetzt wahrscheinlich. Da, wieder! Der Blick senkt sich erneut, diesmal weniger optimistisch, ein bisschen traurig gar. Auch der Stift fängt wieder an, seine abwarteten Bewegungen zu machen. Es ist alles angerichtet, mein Freund! Schreib nieder! Notier! Dichte! Das alles will ich ihm zurufen und weiß genau, es wäre nur der neiderträchtigste Hohn, der aus mir sprechen würde.

Der Student wird erlöst. Es ist seine Station, die Universität. Hurtig packt er das leere Notizbuch und seinen Stift wieder in die Umhängetasche. Wieder ist er davon gekommen. Jeden Tag zwei Stationen Inspirationslosigkeit wünsche ich ihm und folge ihm. Im Gewimmel der anderen Studenten verliere ich seinen Lockenkopf. Ich werde abgelenkt von anderen, noch fragwürdigeren Frisuren und Barttrachen. Ockhams Rasiermesser fällt mir ein. Mit so einem müsste man durch die Universität gehen und die Inspiration in die Köpfe lassen, indem man sie vom fragwürdigen Wulst zerzauster und verfilzter Haare befreit. Gar garstige Gedanken sind das, ich weiß! Aber Ockham, oh, er würde mir beipflichten!

Ich folge meinem schlechten Gewissen und nähere mich einem Stand der Grünen. Volksbegehren gegen Korruption! Ja, das klingt gut. Ich bin gegen Korruption, ich begehre! Ich begehre und unterschreibe. Am liebsten möchte ich gleich erlöst werden - nur eine Unterschrift genügt und mir sind meine garstigen Gedanken verziehen. Gegen Korruption! Wer kann da nicht ja sagen? Ein großes JA ankreuzen? Volksbegehren gegen Korruption, gegen Sittenverfall und Amoral! Ich möchte ein generelles Volksbegehren gegen "unfair". Gegen alles, was unfair ist, möchte ich begehren. Oder besser noch: Eine Volksabstimmung zum Thema: "Fair oder nicht fair?" Das wäre die ultima ratio der Politik. Wenn nichts mehr geht, fragen wir die Leute einfach mal, ob sie eigentlich wollen, dass es fair zugeht im Staate Österreich, oder ob eh alles blunzn ist.

Alles ist gut. Wir haben Wasser, steirische Äpfel, Mozartkugeln und die Donau. Wir fahren Geländewagen in Großstädten, trinken in der Adventszeit Glühwein bis zum Erbrechen und singen und frohlocken unterm Plastik-Christbaum. Vor allem aber haben wir den ORF und den freien Hochschulzugang, fesche Politiker und alte Schillingscheine in Matratzen versteckt. Wir brauchen also keine besonders inspirierten Studenten in U-Bahnen. Das macht alles nichts. Der Mensch in der Krise, wenn er das Designer-Notizbuch gezückt hat und ihm nichts einfällt: Den können wir uns gerade noch leisten! Es geht uns gut.

Montag, 12. November 2012

Appell an die Brüllenden

Freundlichkeit ist ein dehnbarer Begriff und ein sehr strapazierfähiges Konzept. Man merkt dies zum Beispiel im Innergebirg, vor allem in den touristischen Regionen: dort, wo also die Freundlichkeit zu Hause ist, wie gerne behauptet wird. In Wahrheit ist das Innergebirg der Freundlichkeit ein so fremdes Umfeld wie die Sahara einem Pinguin. Trotzdem gibt es sie hier – irgendwie halt. Schließlich könnte man ja einen Pinguin auch in der Wüste aussetzen. Die Frage ist halt nur, wie er sich dort verhält und wie lange er überlebt!

Es gibt im Innergebirg zwei Arten der Freundlichkeit. Die erste ist jene den Gästen gegenüber. Es ist dies eine servile Freundlichkeit, die der Österreicher im allgemeinen besonders gut beherrscht. Mit Ehrlichkeit hat sie nichts zu tun. Manchmal erahnt man an ihr einen Hauch von Höflichkeit; das ist aber auch schon alles. Sie ist keineswegs von einem empathischen Miteinander gespeist und hat nichts mit Interesse an anderen Menschen zu tun. Eher mit allgemein akzeptierten Umgangsformen – mit eingeübten kulturellen Praktiken also, die man nicht verstehen muss, um sie zu beherrschen.

Die andere Art der Freundlichkeit ist von noch seltsamerer Natur. Sie hat ähnlich wenig mit tatsächlicher Anteilnahme zu tun wie die servile Freundlichkeit, aber sie hat existenzielleren Charakter. Sie ist quasi eine Überlebensübung und gerät als solche immer ein bisschen bemüht, ja wirkt mitunter verzweifelt. Deswegen äußert sie sich vor allem auch in überlautem Rufen bzw. 'Begrüßungsgebrüll'. Wenn also zum Beispiel ein Pinzgauer freundlich sein will, schreit er richtig laut „Servas!“ oder „Hawidere!“ und begleitet diesen Ruf mit übertriebenem Winken oder Deuten – als wolle er einen auf einem entfernten Gipfel stehenden Wanderer grüßen, auch wenn sich die gemeinte Person nur wenige Meter von ihm entfernt befindet. Die einfache soziale Gleichung, die hinter solch seltsamen Verhalten steckt, ist die folgende: „Je lauter ich mich verhalte, desto auffälliger widme ich mich der anderen Person, desto freundlicher muss ich also wirken.“ Dass dieses Gebaren nicht regelmäßig auf offene Ablehnung stößt, ist bloß dem Gewöhnungseffekt geschuldet, der sich einstellt, wenn man lange genug in der betreffenden Region freundlich gegrüßt wird – und auch selber grüßt.

Unter Freunden äußert sich besonders freundliches Verhalten gerne in übertriebenem Schulterklopfen oder gemütlichem In-den-Schwitzkasten-Nehmen. Was gleich bleibt ist aber der laute und mitunter raue Tonfall der Begrüßung, welcher oft ein noch lauteres „OH!“ voran- und ein tiefkehliges Lachen hintangestellt ist. „OH! Servas Kaiser! Hohohoho!“ oder „OH! Grias eich, Schweinsbeich! Huahaha!“ Auch die Verwendung von multiplen Grußformeln ist im Innergebirg nicht unbekannt: „Hallo, servas, grias di!“ oder „Grüß Gott, guten Morgen, hallo!“ hört man nur allzu oft. Besonders freundlich gemeint, werden multiple Grußformeln dann so gebrüllt, dass der Grüßende bereits vor dem Beginn eines möglichen Gesprächs heiser ist.

Zugegeben werden eben genannte Tugenden zumeist von Männern gepflegt, doch haben sie auch ihre weiblichen Entsprechungen. Ein falsetto-artiges „Grüß Gott!“, bei dem sich beim „Gott!“ die Stimme schon mal überschlagen kann, und dazu ein lippenstiftrotes, fratzenhaftes Lächeln – das sind die deutlichsten Anzeichen der existenziellen Freundlichkeit der Pinzgauerinnen. „Ja wie GEHT's dir denn?“ (hier hüpft der Kehlkopf beim „geht's“ fast aus dem faltigen Hals heraus). Auch die an die Begrüßung anschließenden Sätze werden übertrieben intoniert und von entsetzlichen Grimassen und Kopf-Schieflegen begleitet, das nach Meinung der Gesprächsteilnehmerin Empathie anzeigen soll, bei einem Außenstehenden allerdings nur Verstörung auslösen kann. Ein Tourist etwa, welcher der österreichischen Sprache und unserer Umgangsformen nicht kundig ist, kann solche Szenen nur als spontane Inszenierungen eines absurden Theaters wahrnehmen – niemals aber als jene völlig normalen Alltagssituationen, die sie in Wahrheit sind.

Aber auch als Bewohner besagter Region muss man diesen Emanationen Pinzgauer Geistes gegenüber kritisch sein. Daher sei hier in aller Deutlichkeit (aber in angemessener Lautstärke) gesagt: Lauter ist nicht gleich freundlicher – lauter ist grob! Lauter ist in den allermeisten Fällen unhöflich. Vor allem aber ist überlautes Begrüßen vollkommen unnotwendig, weil sich keine weiten Täler und keine tiefen Gräben mehr zwischen uns befinden. Wir sind zusammengewachsen im Innergebirg. Die Welt ist ein Dorf und das Dorf ist genauso kleiner geworden wie die Welt. Kein Grund zum Schreien! Der Fortschritt hat es uns sogar möglich gemacht, mit Menschen, die sich tausende Kilometer von uns entfernt befinden, in normaler Gesprächslautstärke zu kommunizieren, ja man könnte ihnen sogar ins Ohr flüstern! Warum also einen Bekannten auf der Straße derartig anbrüllen als habe er etwas angestellt? Mäßigt euch in der Lautstärke, liebe Innergebirgler! Die Freundlichkeit kauft man uns ja so oder so nicht ab...

Montag, 17. September 2012

:-P ...

Aus einer Fülle der seltsamsten Emoticons werde ich gezwungen jenes zu wählen, das meinen momentanen Gemütszustand am ehesten zu beschreiben vermag. Dazu muss ich mir erst einmal darüber klar werden, wie ich mich eigentlich gerade fühle. Ein Smiley, der die Zunge rausstreckt - was für ein Gefühl vermittelt er? Ich finde ihn nicht schlecht, aber momentan befinde ich mich in keiner Laune, in der man für gewöhnlich die Zunge rausstreckt. Überhaupt kann so eine herausgetreckte Zunge die verschiedensten Zustände beschreiben. Ich kann die Zunge frech herausstrecken, ja neckisch, obwohl sich so etwas für einen Mann ab einem gewissen Alter gar nicht mehr gehört.
Ich kann hechelnd wie ein Hund die Zunge zum Lüften aus dem Mund hängen lassen; das wäre ein angestrengtes Zunge-Zeigen, das bei Hunden oft lässig, bei Menschen aber immer ein bisschen debil aussieht. Ich kann wie Einstein auf dem Foto, das er, lebte er noch, wahrscheinlich am meisten hassen würde, die Zunge mit weit aufgerissenen Augen ganz "crazy" rausstrecken, so wie man es noch ab und an auf verschiedenen Fotos sieht, die auf Partys aufgenommen wurden, auf denen Menschen, in Ermangelung kontrollierter Mimik, zu extremen Grimassen neigen und also, wenn es an geeigneter Kreativität fehlt, einfach die Zunge so weit wie möglich Richtung Kinn strecken.
Doch so verschiedenartig diese Zunge-Zeig-Varianten auch sind, ein einheitlicher, diesen allen zugrunde liegender Gemütszustand lässt sich ihnen genausowenig zuordnen wie es völlig unklar ist, was diese Gesichter in jedem einzelnen Fall genau zu bedeuten haben. Deswegen gibt es auch einen Smiley mit herausgestreckter Zunge und Augen, die aussehen wie ein X. Dabei handelt es sich, denke ich mir, vielleicht um einen Gewichtheber-Smiley, denn so eine angestrengte Visage, eine Mischung aus Konzentration und gewaltiger Anstrengung, sieht man eigentlich nur bei Gewichthebern und vielleicht auch noch bei Diskurs- und/oder Hammerwerfern. Letztere aber drehen sich so schnell, dass ein prüfender Blick in das Athletengesicht meist nicht möglich ist. Ich selbst mache so anstrengende Sachen für gewöhnlich nicht, und sollte ich mich doch einmal so plagen müssen, dass meine Augen sich zu einem X verzwicken, würde ich mich davor hüten, meine Zunge zwischen die Zähne zu schieben, müsste ich doch die Befürchtung haben, mir bei einer derartigen Anstrengungen versehentlich die Zunge abzubeißen.

Enttäuscht lasse ich von den Smileys ab. Die Vorstellung, für jede menschliche Emotion auch ein passendes Emoticon zur Verfügung zu haben, kommt mir immer irrwitziger vor. Am ehesten sind es drei Punkte, welche die meisten meiner Emotionen recht treffsicher beschreiben, und die sich dabei noch schön schlicht und bescheiden ausnehmen. Nichtssagend, ja; ... aber nichtssagend sind doch auch solche Gewichtheber-Smileys ob ihres übersemantisierten Vorbeischrammens an humanmimischen Tatsächlichkeiten.
"Hier gibt es nichts zu sehen", sagen drei Punkte und bedeuten somit ungleich mehr als die fragwürdigen Emoticons, die in ihrer Absicht, das menschliche Gefühlsspektrum auf drei Zeichen zu verkürzen, stetsfort auf die bedenklichste Weise versagen. Genug gesagt...


Nachtrag:

Vor 30 Jahren wurde das Smiley-Emoticon von Scott Fahlmann erfunden. Der Erfinder selbst steht der Entwicklung, die seine Idee genommen hat, skeptisch gegenüber:
"Ich hatte doch keine Ahnung, dass ich etwas auslöste, das bald alle Kommunikationskanäle der Welt verschmutzen würde." Und dem Independent sagte er kürzlich, er finde die grafischen Smileys hässlich. Sie ruinierten "die Herausforderung, auf schlaue Art und Weise Gefühle mit einigen Tastatursymbolen auszudrücken."
Viele Schreiber setzen ihre Emoticons ohnehin nicht als Stimmungssignal ein, sondern als eine Art Verlegenheitsgeste, ein Anzeiger für sprachliche Unsicherheit. Das :-) soll anzeigen, dass ein Satz irgendwie vielleicht nicht ganz wörtlich gemeint ist und um Gottes willen nicht missverstanden werden soll – ersetzt also das Bemühen, so präzise zu formulieren, dass die Worte das wirklich Gemeinte übermitteln.

Hier zum Artikel in der 'Zeit'.

Samstag, 25. August 2012

Arge Vermutungen

Am Wegesrand liegt Müll. Niemand will ihn da hingeworfen haben. Er ist wohl von selbst dorthin getragen worden, oder vom Wind, dem Wind, dem himmlischen Kind. Beim Müll handelt es sich um eine schnöde Chips-Packung, aus der wohl gierige Münder genascht haben. Sie glänzt in der Sonne, was nicht allein dem Material geschuldet ist, aus dem solche Sackerl gemeinhin gemacht werden. Auch die fettigen Finger der fleißigen Esser haben ihre Spuren auf der Packung hinterlassen. So liegt das Sackerl am Wegesrand und glänzt edel vor sich hin.

Nun mag man allerhand Spekulationen anstellen über den Ursprung dieses Chips-Sackerls. Wer hat es gekauft, wer gegessen und wie kam es am Wegesrand zu liegen? Niemand wird behaupten, es absichtlich dort hingelegt zu haben. Überhaupt „legt“ niemand irgendeinen Müll irgendwohin. Müll wird immer weggeworfen. Zwar wirft man ihn selten in hohem Bogen davon (etwa aus dem fahrenden Auto, obwohl auch das vorkommen soll), aber zumindest lässt man ihn achtlos fallen. Achtlos ist dieses Chips-Sackerl wohl also einer fettigen Hand entglitten. Und, da es einmal unten lag, bemühte sich niemand mehr darum, es vom Boden aufzuheben. Vielleicht ertönte noch ein keckes Kinderlachen ob dieser Dreistigkeit, dieser fälschlicherweise (in Kinderaugen) als rebellisch verstandenen Achtlosigkeit. „Hehe!“, machte das Kind wohl und schlich verstohlen von dannen.

Aber nun bin ich schon in die erste Interpretationsfalle gegangen, da ich annehme, es müssen unbedingt Kinder gewesen sein, die dieses Umweltverbrechen begangen haben. Kein Erwachsener, sagt mir mein blauäugiger Verstand, wird es fertig bringen, eine leere Chips-Packung einfach so wegzuwerfen! Ich nehme das Corpus Delicti als Indiz für unreifes Verhalten bzw. kindliche Dummheit, anstatt es als jene unbedachte Rotzigkeit eines erwachsenen Menschen zu verstehen, die es vielleicht war. Womöglich hat sich sogar ein feiner Herr oder eine feine Dame diesen Aplomb geleistet? Ich werde es nie mit Sicherheit wissen können.


Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass es genau so war:
Eine Gruppe Araber schlurft durch die Stadt: Drei Männer, fünf Frauen, acht Kinder. Kinder und Männer schreien durcheinander, Frauen murmeln unter ihren Schleiern Unverständliches. Die Kinder werden mit ungesundem Essen ruhig gestellt, in diesem Fall mit Chips, welche sie binnen kürzester Zeit aufgegessen haben. Die Chipstüte wird weggeworfen, und zwar auf dem Boden, nur wenige Meter von einem Mistkübel entfernt. Frauen und Männer sehen zu und sagen nichts, weil ihnen das Konzept Mülleimer unbekannt ist und sie das zu Hause genauso machen.

Grauenhaft, diese vorurteilsbelastete Vermutung, nicht? Wie gesagt, nie werde ich wissen können, ob ich damit Recht behalte. Aber dass auf dem Chips-Sackerl arabische Schriftzeichen zu finden sind, stützt meine Spekulationen schon wesentlich...

Freilich kann es aber auch besagter feiner Herr gewesen sein, der sich bisweilen (weil seines Zeichens Kartoffelchips-Connaisseur) an fremdländischen Spezialitäten versuchte. Von den arabischen Chips unbeeindruckt, ließ er die Packung angewidert fallen. Den Rest erledigten die nun sehr durstigen Spatzen. Ja, auch so könnte es gewesen sein! Welcher Annahme man nun folgen will, bleibt jedem selbst überlassen...

Dienstag, 14. August 2012

Bergauf Bremsen

Ich wohne, so glaube ich, auf einer Anhöhe. Manche behaupten auch, ich würde „am Berg“ wohnen. Beides ist eigentlich nicht richtig. Denn im Grunde wohne ich in einem Tal, am Fuße eines Berges. Aber Tal klingt nach „niedrig“ und Berg klingt nach „hoch oben“. Die Wahrheit liegt, wie immer, irgendwo dazwischen – das gilt besonders im Gebirge.

Irgendwer hat einmal gesagt, die Straße, die zu meinem Haus führt, habe eine 34-prozentige Steigung. Das heißt, dass auf einer Strecke von 100 Metern 34 Höhenmeter zurück gelegt werden. Ich bin kein Zahlen-Mensch, mir sagt das überhaupt nichts. Obwohl 34%ige Steigungen schon recht anständige Steigungen sind, klingt die Zahl 34 alleine nach nicht viel. Sagen wir: Es geht anständig bergauf. Oder sagen wir so: Wenn Sie einmal betrunken meine Straße hinauf gegangen sind, machen Sie es freiwillig kein zweites Mal – außer aus perverser Selbstüberschätzung.

Ich würde meine Straße nicht als Bergstraße bezeichnen, obwohl sie zu einem solchen hinführt und die eben genannte Steigung besitzt. Große Teile dieser Straße sind in ihrer Neigung ohnehin unspektakulär; dort aber, wo mein Haus liegt, wird es happig! Da fangen die Mountainbiker erst richtig zu schwitzen an, da gehen die deutschen Wanderer immer schon rückwärts den Berg runter und wenn ein Belgier oder Holländer mit dem Auto vorbei fährt, riecht es entweder nach Bremsen oder Kupplung – je nachdem, ob er gerade von unten oder oben kommt. Womit wir auch schon beim Thema wären: Dem Autofahren auf Straßen mit großer Neigung bzw. Steigung.

Holländer und Belgier müssen hier nicht ganz umsonst als Beispiele der niedrigsten Form des Gebirgfahrers herhalten, stammen doch beide Völker aus Gegenden, die uns nicht ob ihrer spektakulären Gebirgszüge bekannt sind. „Halt, halt!“, will da der Opapa sprechen, “In Belgien gibt es doch die Ardennen!“ (Das war da, wo man im Dezember 1944 die Alliierten im Zuge der Ardennenoffensive noch mal so richtig erschreckte.) Ich halte dagegen: Was die Belgier aus der Ardennen-Region den Holländern in punkto Bergfahren eventuell voraus haben mögen, büßen sie aufgrund ihres (völlig gerechtfertigten) Rufes als schlechteste Autofahrer Europas wieder ein. Also: Holländer und Belgier können auf Bergstraßen ziemlich gleich schlecht Autofahren. Damit aber die Benelux-Brüder auf diesem Gebiet nicht so ganz alleine die Buhmänner abgeben müssen, schließe man vorsichtshalber ganz Deutschland auch noch mit ein (und nehme, wie man es in Österreich immer macht, die Bayern davon aus). Selbstverständlich lassen sich auch manche Slowaken, Polen oder Wiener dazu zählen – ein eindeutiges Bild lässt sich hier sowieso nicht zeichnen, aber mit Holländern, Belgiern und Deutschen als Beispielen fährt man schon recht gut...

Man kennt die Tragödie des Bergabfahrens vor allem, wenn man das Pech hat, einem solchen Talent hinterher fahren zu müssen. Das erste, was man als Hintermann am vorderen Fahrzeug bemerkt, sind die nie erlöschenden Bremslichter: Der naive Glaube an die Allmacht der Bremse beseelt den Fahrzeuglenker aus dem flachen Land und verlässt ihn nicht mehr, bis er wieder geraden Boden unter den Rädern hat. Das dauerrrote Bremslicht steht auch für das blanke Entsetzen, das den ungeübten Bergfahrer ergreift, sobald sich sein Fahrzeug in Bewegung setzt, ohne dass er dazu das Gaspedal drücken muss. Er sieht sich der fremden Zaubermacht der Schwerkraft ausgeliefert, die sein Auto erbarmungslos den Hang hinunterzieht – und gegen die nur das besagte Kraut der Fußbremse gewachsen zu sein scheint. Dabei macht der Fahrzeuglenker eine seltsam paradoxe Entdeckung: Zum ersten Mal bewegt sich sein Vehikel schneller, wenn er den rechten Fuß vom Pedal wegnimmt, anstatt es fester zu drücken. Er muss feststellen, dass er mit dem Bremspedal das Fahrzeug beschleunigen kann – nämlich, indem er es loslässt (Perdauz!).

Die Angst vor der Schwerkraft und die Verwirrung, die durch das Bremspedal-Paradoxon entsteht, hinterlassen ihre Spuren in den Gesichtern der Fahrer. Wenn man das Vergnügen hat, einem herunterkommenden Flachland-Bergfahrer in das Gesicht sehen zu können, erblickt man meistens weit aufgerissene Augen, und dort, wo sonst der Mund sitzt, klafft ein schwarzes Loch des Schreckens. Hinter einem dergestalt Paralysierten fahren zu müssen, ist jedoch ein Geduldspiel der grausamsten Art. Man hat auch viel Zeit zu überlegen, und so stellt man sich vor, wie der Vordermann in seinem Fahrersitz sitzt, beide Hände fest an das Lenkrad geklammert. Hat er vielleicht den ersten Gang eingelegt und die Kupplung durchgedrückt? Oder hat er vielleicht den dritten Gang drinnen und fährt schön untertourig, indem er den Motor mit der Bremse nah an den Kollaps bringt? Hat er vielleicht überhaupt keinen Gang drinnen und lässt das Auto fröhlich im Leerlauf den Berg hinunter rollen, sich vor dem sicheren Unfall nur mit der Bremse bewahrend? Ich weiß es nicht, ja eigentlich will ich es gar nicht wissen, denn ich warte nur auf die nächste Kurve, nach der ich ihn dann endlich überholen kann!

Dass dieses meist ein Wunschtraum bleibt, ist ebenfalls der übertriebenen, von purer Angst gefütterten Vorsicht geschuldet, die den Fahrer vor mir fest im Griff hat: Zur Angst, ungebremst den Berg hinunterfahren zu müssen, gesellt sich offenbar die noch diffusere Furcht vor dem Randstein oder der Leitplanke. Als würde es ehernes Gesetz sein, dass einem in der Mitte der Straße am wenigsten passieren kann, orientiert sich der verängstigte Urlauber am (imaginären) Mittelstreifen der Fahrbahn. Als würde ihn ausreichender, übergroßzügiger Seitenabstand zum Gehsteig noch zusätzliche Sicherheit garantieren, schleicht er nun mitten auf der Straße – scheinbar immer langsamer werdend – den Abhang hinunter, während ich im Auto hinter ihm laut schreie, ihn Körperteile schimpfe und (vielleicht völlig ungerechtfertigt) der Imbezilität bezichtige. Solcher Rage Herr zu werden ist unmöglich und daher schuf Gott die Autohupe...

Doch nicht nur das Bergabfahren von Benelux-Bürgern ist Grund für die zahlreichen Sorgenfalten, die meine Stirn schon zeichnen – auch der umgekehrte Fall bringt Schwierigkeiten mit sich. Nicht wissend, wohin sie fahren müssen, bleiben besagte Gäste beim Bergauffahren auch sehr vorsichtig und schleichen entsprechend die Bergstraße empor. Hinter diesen Kandidaten befinde ich mich dauernd auf der Suche nach dem richtigen Gang, der zu der Geschwindigkeit des vor mir Fahrenden passen will. Denn mein zweiter Gang ist zu hoch-, der dritte aber zu niedertourig, was mich zu der Frage führt, welchen Gang denn der Volltrottel vor mir eingelegt haben könnte. Ich lasse in solchen Fällen gern das Fenster runter, um zu lauschen, ob der Motor vor mir eher heult (2. oder gar 1. Gang) oder vor sich hin gurgelt (3. Gang). Die Erkenntnis ist in beiden Fällen erschreckend und dient eigentlich nur dazu, meine Neugier zu befriedigen. Ich gebe zu, ich bin an Dummheiten allgemein interessiert und klassifiziere diese gerne nach Schwachsinnigkeiten, Unsinnigkeiten, Stumpfsinnigkeiten, allgemeinen und speziellen Blödheiten sowie Unerhörtheiten. Der Katalog ist beliebig ausbaubar, aber nicht zu streng ausgelegt, weil es sich bei den allermeisten Arten von Dummheit um grenzüberschreitende Phänomene handelt – denn wie wir wissen, kennt die Dummheit ja keine Grenzen!

Bergauf fahrende Urlauber sollte man vor allem in der Nähe von Parkplatz-Einfahrten im Auge behalten. Abruptes Abbremsen droht hierbei nicht nur direkt vor einer Einfahrt, sondern vor allem auch kurz danach und – der Teufel schläft nie – dort, wo weit und breit keine Einfahrt zu finden ist. Beliebte Haltegelegenheiten sind zudem unübersichtliche und steile Kurven; vor allem im Winter wird hier gerne angehalten, um zum Beispiel Schneeketten auf den Sommerreifen zu montieren, oder vielleicht nur, um zu sehen, ob der Mercedes mit Heckantrieb auch bei Glatteis im Steilen aus dem Stand so galant anfährt wie sonst. (Tut er übrigens meistens nicht!)

Dies und vieles andere lässt sich beim täglichen Aus- und Einfahren in meiner Straße beobachten und beschimpfen. Was mir allerdings bis vor kurzem auch neu war: Das Bremsen beim Bergauf-Fahren. Um es genauer zu sagen: Das Bremsen während des Bergauf-Fahrens. Ich spreche nicht davon, wie ein übermütiger Führerschein-Neuling vor der 90-Grad-Kurve von 80 auf 30 km/h herunterbremst, weil ihm die Steigung des Berges in diesem Fall zu wenig Hindernis ist. Ich meine ein Auto, das sich, zwar langsam, aber stetig, den Berg hinauf quält, dessen Bremslicht aber immerzu leuchtet! So gesehen jüngst bei einem Holländer, der mir bewies, dass praktische Dialektik auch mit Dummheiten zu praktizieren ist. (Und nein, das Bremslicht war nicht defekt!)

Bergauf Bremsen möchte ich eine oxymorische Kunst nennen: Es ist ein Sinngebungsprozess, der in sich widersprüchlich ist, gleichzeitig natürlich über sich selbst hinaus-, letztlich aber auf nichts Bedeutendes hinweist, sondern einfach den Gipfel der Dummheiten als Synthese aller Lächerlichkeiten darstellt. Ich habe Demut vor diesem Unterfangen, denn ich wüsste nicht, wie ich es praktisch anstellen sollte. Diesen Holländer aber, der mich mit seiner Leistung so verblüffte, dass ich wohl das ungläubig-panische Gesicht eines touristischen Bergab-Fahrers angenommen haben muss, nenne ich den größten praktischen Philosophen und Zyniker seit Diogenes im Fass, und, um auch seinem Land die Treue zu halten, den größten Ethiker seit dem Niederländer Spinoza. Denn wenn Sparsamkeit eine Tugend ist, dann ist bergauf Bremsen die tugendhafteste Handlung überhaupt. Vorausgesetzt – und hier liegt die Krux dieses dialektischen Unterfangens – hinter dem Bergauf-Bremser befindet sich kein Einheimischer. Aber natürlich, mein leidendes Hinterherfahren als Zeuge dieses Weltgeistes an Dummheit ist von größter epistemologischer Relevanz, habe ich doch schließlich dieses Wunder mit meinen eigenen Augen wahrgenommen. Anders könnte ich auch nicht davon berichten, es sei denn, ich lüge – aber wer würde mir das schon glauben?

Bergauf Bremsen (ich kann meine Gedanken nicht davon lassen): das ist die hohe Kunst der Selbstzurücknahme, beinahe die Grenze zur Selbstaufgabe und -auslöschung überschreitend. Es ist autofahrerische Demut im Gewand der motoristischen Unmöglichkeit. Vor allem ist es ein ewiges Geheimnis für den ortskundigen Bergfahrer – ein widernatürliches Wunder, Zeuge einer modernen Magie der Berge und Pate für eine Psychologie der Unmöglichkeit. Es ent-setzt einen, weil es das Gegenteil einer Setzung ist, die ultimative Aufhebung ebenjenes Dogmas, dass man bergauf nicht bremsen muss oder soll. Bergauf Bremsen ist ein Lebensgefühl, das ich nie kennenlernen werde. Bergauf Bremsen ist außerdem ein praktisches Konzept unbeschwerter Dummheit. Davor kann man nur tiefsten Respekt haben – und daher muss die Hupe schweigen!