Der Plamberger Loisl sitzt gerne vor seinem Haus, genauer auf der Terrasse vor seinem Haus, an die Hausmauer gelehnt, die sich an warmen Sonnentagen dermaßen aufheizt, dass es den Loisl daran erinnert, wie er sich früher immer an den abkühlenden Backofen der Mutter gelehnt hat, weil es ihm zwar an menschlicher, nie aber an elektrischer Wärme gefehlt hat. Eine schöne Kindheit war das. An der Mauer also sitzend und die wohlige Wärme genießend, schaut er auf die rumpelige Straße, auf der sich, weil sie so steil ist, im Winter die Holländer und im Sommer die Araber abmühen. Die Holländer im Winter, weil es so glatt ist, und sie aber zum Apartmenthaus am Ende der Straße müssen; Die Araber im Sommer, weil das Navigationsgerät sie auf so unwegsames Gelände geführt hat und sie jetzt nur noch Allah oder der Prophet höchstpersönlich im Gewande eines österreichischen Feuerwehrautos aus ihrer misslichen Lage befreien kann.
Der Loisl, der im Winter nur selten vor der Türe sitzt, sondern lieber drinnen am Fenster, von wo aus er die gleiche Aussicht auf die rumpelige Bergstraße hat wie an der Hausmauer auf der Terrasse, nimmt das Theater, welches sich auf besagter Straße sommers wie winters abspielt, gelassen hin. Man vermag es gar nicht zu beurteilen, ob er es überhaupt wahrnimmt, denn meist sagt der Loisl nicht viel, sondern schaut nur verzwickt (das hat er von seinem Großvater gelernt, der, man glaube es den übrigen Zellern, der Weltmeister im Verzwickt-Schauen war). Wenn er etwas sagt, dann sagt er nur "mhm" oder "hmm", je nach Laune mehr aus der Nase heraus (gut gelaunt) bzw. mehr aus dem unteren Kehlbereich heraus (schlecht gelaunt). Dazu schüttelt er oft den Kopf - nicken hat man den Plamberger Loisl nur selten gesehen. Denn wenn er eine Frage wortlos bejaht, kippt sein Kopf nur zustimmend auf seine Brust, hebt sich aber nicht mehr. In diesem Falle von einem vollwertigen Nicken zu sprechen, wäre der Beobachtung nicht gerecht.
Früher hat er das Kopfschütteln geübt, als er mit dem Rücken gegen den Backofen gelehnt saß und dabei versuchte, seine Ohren abwechselnd zu wärmen. Kopf nach links - linkes Ohr warm; Kopf nach rechts - rechtes Ohr warm, linkes aber schon wieder kühl; schnell wechseln...
Seine Mutter hat ihr an den Backofen gelehnt sitzendes und den Kopf wild hin und her werfendes Kind nur verständnislos angesehen, dabei selbst den Kopf geschüttelt und ihm gesagt, wenn es so weiter tue, bliebe ihm das Kopfschütteln irgendwann. Einmal haben sie in der Stadt ein altes Männlein gesehen, das den Kopf beim Gehen ständig geschüttelt hat, damit, einer pessimistischen Taube gleich, aber aufhörte, als es still stand. Des Loisls Mutter zeigte mit dem Finger auf das Männlein und verkündete ihrem Sohn: "Schau, Loisl, so wirst du auch einmal!" Da schauderte es dem Knaben.
Der Loisl ist letztlich doch nicht so geworden, weil das Kopfschütteln bei ihm keine motorische, neurologische oder eine andere körperliche Störung ist. Es ist bloßer Ausdruck eines innergebirglerischen Weltekels, den zu lindern nur die warme, sommerliche Hausmauer im Stande ist. Daher schüttelt der Lois im Winter häufiger den Kopf und im Sommer dann besonders oft, wenn er - was selten genug vorkommt - sein Haus verlässt oder es "Araberwetter" hat: So nennt man kühles und regnerisches Sommerwetter in Zell am See gerne.
Dem Loisl sind die Araber wurscht, genauso wie die Holländer. Er schüttelt bei beiden den Kopf, und zwar genauso verächtlich, wie wenn der Apartment-Besitzer in dem übermotorisierten Sportwagen vorbeifährt, mit dem er im Winter nie den Berg rauf kommt, weil das Auto Heckantrieb hat und die computergesteuerten Fahrassistenz-Programme den Kasatschok tanzen, wenn der Fahrer den Wagen über die eisige Rumpelstraße lenkt. Keine Laborbedingungen für deutsche Sportwagen sind das! Wenn das der deutsche Ingenieur sehen könnte, er würde den Kopf genauso schütteln wie der Lois, der dazu noch "mhmm" macht. Ein "mhmm", das ganz tief unten in der Kehle gurgelt. Für den Apartment-Besitzer, der eh bloß zwei Mal im Jahr für ein paar Tage nach Zell kommt, ist das nur ein weiterer Grund, sich vielleicht doch so einen schicken englischen Geländewagen anzuschaffen. Der wird dem Loisl nur ein amüsiertes "hm!" wert sein.
Eigentlich ist dem Loisl alles wurscht. Man nennt das Resignation - der Loisl sagt aber Zufriedenheit dazu. "I bin z'friedn", sagt er, wenn er danach gefragt wird, wie es ihm ginge. Ob das jetzt Understatement oder eine krasse Fehleinschätzung ist, weiß niemand so genau. Tatsächlich aber kann man, wenn man am Haus vom Loisl vorbei die rumpelige Bergstraße hinauf fährt, fast ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht erkennen. An einem warmen Sommertag, versteht sich; wenn der Loisl an der Hausmauer lehnt, den Kopf nach hinten gekippt, und ein bisschen schläft. Wenn er vom Backofen der Mutter träumt und wie fein alles war und eigentlich noch immer ist. Meist wacht er kurz auf, wenn die Reifen auf dem Schotter durchdrehen oder die Stoßdämpfer ob der gemeinen Schlaglöcher stöhnen. Dann blinzelt er, macht "hmm" und schüttelt den Kopf.
"Das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht." (Franz Kafka)
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Mittwoch, 3. Juni 2015
Dienstag, 14. Januar 2014
Der Bienenmann
Mit dem Bienenmann verhält es sich so: Was er sagt, passiert. Nicht, weil alle daran glauben, dass es passiert. Die Dinge, die um uns geschehen, geschehen einfach - ganz egal, was wir davon halten. Beim Bienenmann ist das anders: Es geschieht, weil er es sagt. Ganz egal, was er davon hält. Nun tätigt der Bienenmann gottlob keine Aussagen über alles, was in der Welt passiert. Würde er es tun, geschähe es freilich. Nur wer wollte das schon? Niemand - und am wenigsten er selbst.
Wichtig ist nur das Wetter, denn das kann er bestimmen. Die meisten Menschen interessieren sich ja auch für wenig Anderes. Es ist auch nicht so, dass er das Wetter machen würde. Er sagt bloß, wie es wird, und das Wetter hält sich daran. Ein stilles Abkommen scheint zwischen dem Bienenmann und dem Wetter zu bestehen.
Der Mensch will vieles wissen. Am meisten interessiert ihn aber, wie das Wetter wird. Also fragt er den Bienenmann, vor allem zwei Mal im Jahr. Einmal nach dem Winter; und einmal nach dem Sommer. "Wie wird der Sommer?" oder "Wie wird der Winter?". Im Sommer will der Mensch Sonne, aber es soll auch nicht zu lange trocken bleiben. Im Winter will der Mensch Schnee, aber eben auch Sonne, um diesen genießen zu können. Für Menschen in Tourismusgebieten ist der Schnee im Winter also besonders wichtig. "Wann kommt der Schnee?", fragen sie deshalb den Bienenmann, oder: "Wie viel Schnee bekommen wir heuer?". Und der Bienenmann sagt es dann. Er sagt zum Beispiel: "Ende November kommt viel Schnee. Danach wird es warm. Im Jänner gibt's dann wieder Neuschnee." Und das Wetter wird dann so. Zunächst zumindest.
Nach einem Monat Winter fragen die Menschen wieder: "Wann kommt der Schnee?", und der Bienenmann muss ihn wieder verheißen. "Jetzt noch nicht. Ende Jänner oder Anfang Februar", vertröstet er die Menschen. Er sagt, er habe das von den Bienen gehört oder aus dem Misthaufen herausgelesen, außerdem habe er jahrzehntelang Aufzeichnungen geführt. So gibt der Bienenmann dem Wetter auch eine statistisch gute Chance, so zu werden, wie es immer schon war: Kalt im Winter, warm im Sommer. Mal mehr Schnee oder Regen, mal weniger. Aber Schnee oder Regen kommt immer! Entweder am Ende des einen, oder am Anfang eines anderen Monats. Oder zwischendrin, einfach so.
Werden die Fragen dringlicher, wehrt der Bienenmann ab: Er könne es ja auch nicht ganz genau sagen, schließlich sei er nicht der liebe Gott. Obwohl es natürlich schon oft so aussieht, als wäre er genau das: der liebe Gott. "Fürchtet euch nicht", spricht er dann, eine Biene streichelnd, "bald einmal kommt der Schnee!" Und die Menschen erzittern unter den Worten des Bienenmannes, weil sie nun wissen: Bald einmal schneit es. "Kommt viel Schnee?", fragen sie weiter. "Nein, generell eher wenig, stellenweise aber ganz ordentlich!", sagt der Bienenmann dann, weil sein Misthaufen hat es ihm geflüstert und die Bienen haben es ihm gesummt. Damit gibt er dem Wetter wieder die Chance, auf dem Berg "ganz ordentlich" Schnee abzulagern, in sonnigen Tälern hingegen "eher wenig" liegen zu lassen.
"Sprich, Bienenmann!", fordern die Menschen, "wie wird der Sommer?" - "Vor dem Sommer kommt das Frühjahr, und das wird regenreich, dann wird es warm, und im Sommer heiß! Aber auch viel Regen - oder wenig. Und nach dem Sommer kommt ein schöner Herbst." "Oh", sagen dann die Menschen, "gut!", und verbreiten die Kunde, dass das Wetter wieder so werde, wie es der Bienenmann gesagt habe. Und sollte es im Februar immer noch zu wenig Schnee haben, so hoffen sie inständig darauf, dass der Bienenmann sein heilig Wort sprechen möge und sage: "Es kommt Schnee!" Und sie hoffen, dass das Wetter selbigen dann auch bringe, sich also wieder an die Worte des Bienenmannes halte, das stille Abkommen einlösend, welches er mit dem Wetter hat. Oh, Zauber der Natur! Oh, Weisheit des Misthaufens! Mach, lieber Bienenmann, dass es schneie!
Wichtig ist nur das Wetter, denn das kann er bestimmen. Die meisten Menschen interessieren sich ja auch für wenig Anderes. Es ist auch nicht so, dass er das Wetter machen würde. Er sagt bloß, wie es wird, und das Wetter hält sich daran. Ein stilles Abkommen scheint zwischen dem Bienenmann und dem Wetter zu bestehen.
Der Mensch will vieles wissen. Am meisten interessiert ihn aber, wie das Wetter wird. Also fragt er den Bienenmann, vor allem zwei Mal im Jahr. Einmal nach dem Winter; und einmal nach dem Sommer. "Wie wird der Sommer?" oder "Wie wird der Winter?". Im Sommer will der Mensch Sonne, aber es soll auch nicht zu lange trocken bleiben. Im Winter will der Mensch Schnee, aber eben auch Sonne, um diesen genießen zu können. Für Menschen in Tourismusgebieten ist der Schnee im Winter also besonders wichtig. "Wann kommt der Schnee?", fragen sie deshalb den Bienenmann, oder: "Wie viel Schnee bekommen wir heuer?". Und der Bienenmann sagt es dann. Er sagt zum Beispiel: "Ende November kommt viel Schnee. Danach wird es warm. Im Jänner gibt's dann wieder Neuschnee." Und das Wetter wird dann so. Zunächst zumindest.
Nach einem Monat Winter fragen die Menschen wieder: "Wann kommt der Schnee?", und der Bienenmann muss ihn wieder verheißen. "Jetzt noch nicht. Ende Jänner oder Anfang Februar", vertröstet er die Menschen. Er sagt, er habe das von den Bienen gehört oder aus dem Misthaufen herausgelesen, außerdem habe er jahrzehntelang Aufzeichnungen geführt. So gibt der Bienenmann dem Wetter auch eine statistisch gute Chance, so zu werden, wie es immer schon war: Kalt im Winter, warm im Sommer. Mal mehr Schnee oder Regen, mal weniger. Aber Schnee oder Regen kommt immer! Entweder am Ende des einen, oder am Anfang eines anderen Monats. Oder zwischendrin, einfach so.
Werden die Fragen dringlicher, wehrt der Bienenmann ab: Er könne es ja auch nicht ganz genau sagen, schließlich sei er nicht der liebe Gott. Obwohl es natürlich schon oft so aussieht, als wäre er genau das: der liebe Gott. "Fürchtet euch nicht", spricht er dann, eine Biene streichelnd, "bald einmal kommt der Schnee!" Und die Menschen erzittern unter den Worten des Bienenmannes, weil sie nun wissen: Bald einmal schneit es. "Kommt viel Schnee?", fragen sie weiter. "Nein, generell eher wenig, stellenweise aber ganz ordentlich!", sagt der Bienenmann dann, weil sein Misthaufen hat es ihm geflüstert und die Bienen haben es ihm gesummt. Damit gibt er dem Wetter wieder die Chance, auf dem Berg "ganz ordentlich" Schnee abzulagern, in sonnigen Tälern hingegen "eher wenig" liegen zu lassen.
"Sprich, Bienenmann!", fordern die Menschen, "wie wird der Sommer?" - "Vor dem Sommer kommt das Frühjahr, und das wird regenreich, dann wird es warm, und im Sommer heiß! Aber auch viel Regen - oder wenig. Und nach dem Sommer kommt ein schöner Herbst." "Oh", sagen dann die Menschen, "gut!", und verbreiten die Kunde, dass das Wetter wieder so werde, wie es der Bienenmann gesagt habe. Und sollte es im Februar immer noch zu wenig Schnee haben, so hoffen sie inständig darauf, dass der Bienenmann sein heilig Wort sprechen möge und sage: "Es kommt Schnee!" Und sie hoffen, dass das Wetter selbigen dann auch bringe, sich also wieder an die Worte des Bienenmannes halte, das stille Abkommen einlösend, welches er mit dem Wetter hat. Oh, Zauber der Natur! Oh, Weisheit des Misthaufens! Mach, lieber Bienenmann, dass es schneie!
Montag, 25. März 2013
Sprechen Sie Deutsch ?/!
Touristen und Einwanderer haben es nicht leicht im Gebirge. Nicht nur ist es die ihnen oft unvertraute Landschaft, welche die Beschwerlichkeit des Berganschreitens genauso in sich birgt wie die oft schwer vorherzusehenden Wetterwechsel, die im Gebirge nicht nur unterhaltsam, sondern eben auch gefährlich sein können; viel öfter scheitert der Wille zum Wohlfühlen an der seltsamen Sprache der Innergebirgler. Denn der Bergmensch kann und will es nicht verstehen, dass er außerbergs nicht verstanden wird. Vielmehr: Es ist ihm egal. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass trotz mittlerweile flächendeckenden Englisch-Unterrichts, der Gebirgler auf dieser Sprache nur phrasenhaft kommunizieren mag. Sein Gebrauch des Englischen beschränkt sich zudem meist auf Wegbeschreibungen, die sich wiederum in den vielsagenden Anweisungen "down" und "up" erschöpfen. "Go up, donn hintre ... hinter... behind hoit. Nochand links... left!" Ahja.
Freilich, der Gebrauch der Englischen Sprache ist nicht jedermanns everyday business. Aber im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends kann mir kein Bewohner einer schon seit fast einem Jahrhundert touristischen Region erzählen, dass er einem Ortsunkundigen nicht auf Englisch den Weg zum nächsten Wirtshaus (als ob er den nicht kennen würde!) oder zum Skiverleih erklären könne. Der Grund, warum diese Situationen in echt immer wieder scheitern, liegt ganz einfach im Unwillen des sogenannten Einheimischen, etwas anderes als seine, die einheimische, Sprache zu sprechen. Diese Verweigerung macht nicht bei einer Weltsprache wie dem Englischen halt. Es erstreckt sich erschreckenderweise sogar auf die standardisierte, überregional verständliche Variante unserer Muttersprache.
Es sind nicht nur "arrogante Deutsche", die vorgeben, rein gar nichts von dem zu verstehen, was der Gebirgler ihm in breitestem Pinzgauer Dialekt zu verstehen gibt. Freilich, es schon auch solche, die sich absichtlich blöd stellen (oder einfach noch keinen Sprachkontakt mit uns hatten oder wollten), und die gleichzeitig davon ausgehen, dass wir ihrem Thüringischen oder Rheinfränkischen Dialekt so ohne weiteres folgen können. Ignorant sein, das kann man auch - und vor allem - in der Sprache.
Viel schlimmer ist die Weigerung des Bergmenschen, seinen Dialekt kurzzeitig zugunsten einer allgemein verständlicheren Variante des Deutschen aufzugeben, wenn er mit Menschen kommuniziert, die dem Deutschen durchaus mächtig sind bzw. sich zumindest alle Mühe geben, es sein zu wollen. Die Rede ist von Zuwanderern, denen ja immer gesagt wird, sie sollen gefälligst zuerst Deutsch lernen, bevor sie es sich bei uns gemütlich machen. Diese Menschen sind nicht abgeneigt zu tun, was von ihnen verlangt wird, ja manche sind mit Eifer und Freude bei der Sache - bis sie merken, wie wenig ihnen im sprachlichen Alltag ihr Wissen nützlich ist. Dort nämlich treffen sie auf den Bergmenschen, der, sobald er die ersten deutschsprachigen Bemühungen des Lernenden bemerkt, anfängt, mit diesem konsequent Pinzgauerisch zu reden. "Ko jo eh Deitsch. Des vastehta scho!", heißt es dann.
So fürsorglich und kameradschaftlich das vielleicht gemeint ist, so frustrierend ist es für den, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Sprache zu lernen, die angeblich in Österreich gesprochen wird. Sprachlernende, die ohnehin schon Mühe haben, das Deutsche in der freien Wildbahn des Alltags (im Gegensatz zur gepflegten Konstruiertheit des im Klassenraum Erlernten) sinnerfassend zu verstehen, sind verwundert: Was ist das für eine Sprache, die die Menschen hier sprechen?
Über die Unterschiede zwischen dem standardisiertem Deutsch und unserem Dialekt sind wir vielleicht zu wenig im Bilde. Wir können uns nicht vorstellen, wie unsere Umgangssprache für jemanden klingt, der sich gerade Mühe gibt, das Lautinventar, die oft komplexe Satzgrammatik und die Intonation des Deutschen zu durchschauen bzw. zu erhören. Für die Sprachlernenden aber ist es eine frustrierende Erfahrung: All die Mühe, die man vor allem am Anfang in ein Sprachstudium des Deutschen steckt, scheint umsonst gewesen zu sein. Das im Klassenzimmer mühsam Angeeignete hat in der Praxis wenig bis gar keinen Wert.
Umgekehrt geht der Einheimische her und hat mit den fortlaufenden Verständnisschwierigkeiten des Zuwanderers nur wenig Nachsehen: "Der lernt's nia!", heißt es dann lapidar. Und wenn er es lernt, der Herr Gastarbeiter, dann kommt dabei ein Kauderwelsch heraus, der jenseits der Grenzen des Bezirks wenig kommunikativen Alltagsbestand haben wird. Ein schlecht gelerntes Deutsch, das sich aus Dialektversatzstücken, der Grammatik der Muttersprache und ein bisschen Hochdeutsch konglomeriert, marginalisiert mehr als es integriert. Von keinem Einwanderer, der Deutsch ohne Vorkenntnisse erlernt, kann man erwarten, dass er es eines Tages akzentfrei sprechen wird, und das soll und kann auch gar nicht Ziel der sprachlichen Integration sein. Aber man kann als Muttersprachler den Lernwilligen eine kleine Hilfestellung leisten, indem man mit ihnen so kommuniziert, dass sie nicht nur verstehen, sondern im selben Zug auch noch wiedererkennen und dazulernen. Was kostet uns das mehr als eine kleine sprachliche Mühe, die eigentlich jeder Volksschüler im Unterricht aufzubringen imstande ist?
Woran also liegt es, dass die Gebirgler mit ihren so geschätzten Saisonkräften nicht ordentlich Deutsch sprechen können oder wollen? Einerseits wird da das Berufsumfeld des Gastgewerbes ins Spiel gebracht, das es angeblich unmöglich macht, Anweisungen in verständlichem Deutsch zu geben, weil alles "ruck-zuck" gehen muss und eigentlich sowieso alles ohne Worte ablaufen sollte. Nur: Wer seinen Angestellten Anweisungen auf Pinzgauerisch zubellt, läuft eben Gefahr, nicht richtig verstanden zu werden. Das hat entweder Nachfragen zur Folge (was auch wieder Zeit kostet) oder ein Missverständnis, das dazu führt, dass die erteilte Aufgabe nicht richtig erledigt wird - was noch mehr Zeit kostet.
Viel öfter aber scheint es so, als wolle der Innergebirgler gar kein ordentliches Deutsch sprechen. Er sieht den Dialekt als eine Art Geheimsprache, deren Verwendung Zugehörigkeit signalisiert. So manifestiert sich das allseits bekannte "Mia san mia" vor allem in der Sprache. Dem Lernenden wird damit signalisiert, dass er, so sehr er sich auch bemühen mag, es eben nie lernen wird. Er wird nie dazugehören. So gut sein Deutsch auch sein mag, der Gebirgler wird ihm mit seinem Dialekt immer voraus sein. "Haha, des vasteht a nid, ge?", ergötzt sich der Bergmensch am Unverständnis des Migranten. Diese "anti-integratorische" Komponente des Dialekts wird nie wirklich übersehen. Im Gegenteil: Der Dialekt ist dem Einheimischen sein Rückzugsort, wenn es ihm in der touristischen Interaktion zu viel wird, und er sich darauf besinnen möchte, dass er etwas Besonderes ist. Schließlich kann man sich eine Lederhose und einen Hut mit Gamsbart kaufen - eine kernige Aussprache jedoch nicht. An der hat sich noch immer gezeigt, ob einer ein "Dosiger" oder ein "Zuag'roaster" ist. Und die Zuag'roasten kann man ja jederzeit wieder "ausgrausigen", wie es heißt.
Freilich, der Gebrauch der Englischen Sprache ist nicht jedermanns everyday business. Aber im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends kann mir kein Bewohner einer schon seit fast einem Jahrhundert touristischen Region erzählen, dass er einem Ortsunkundigen nicht auf Englisch den Weg zum nächsten Wirtshaus (als ob er den nicht kennen würde!) oder zum Skiverleih erklären könne. Der Grund, warum diese Situationen in echt immer wieder scheitern, liegt ganz einfach im Unwillen des sogenannten Einheimischen, etwas anderes als seine, die einheimische, Sprache zu sprechen. Diese Verweigerung macht nicht bei einer Weltsprache wie dem Englischen halt. Es erstreckt sich erschreckenderweise sogar auf die standardisierte, überregional verständliche Variante unserer Muttersprache.
Es sind nicht nur "arrogante Deutsche", die vorgeben, rein gar nichts von dem zu verstehen, was der Gebirgler ihm in breitestem Pinzgauer Dialekt zu verstehen gibt. Freilich, es schon auch solche, die sich absichtlich blöd stellen (oder einfach noch keinen Sprachkontakt mit uns hatten oder wollten), und die gleichzeitig davon ausgehen, dass wir ihrem Thüringischen oder Rheinfränkischen Dialekt so ohne weiteres folgen können. Ignorant sein, das kann man auch - und vor allem - in der Sprache.
Viel schlimmer ist die Weigerung des Bergmenschen, seinen Dialekt kurzzeitig zugunsten einer allgemein verständlicheren Variante des Deutschen aufzugeben, wenn er mit Menschen kommuniziert, die dem Deutschen durchaus mächtig sind bzw. sich zumindest alle Mühe geben, es sein zu wollen. Die Rede ist von Zuwanderern, denen ja immer gesagt wird, sie sollen gefälligst zuerst Deutsch lernen, bevor sie es sich bei uns gemütlich machen. Diese Menschen sind nicht abgeneigt zu tun, was von ihnen verlangt wird, ja manche sind mit Eifer und Freude bei der Sache - bis sie merken, wie wenig ihnen im sprachlichen Alltag ihr Wissen nützlich ist. Dort nämlich treffen sie auf den Bergmenschen, der, sobald er die ersten deutschsprachigen Bemühungen des Lernenden bemerkt, anfängt, mit diesem konsequent Pinzgauerisch zu reden. "Ko jo eh Deitsch. Des vastehta scho!", heißt es dann.
So fürsorglich und kameradschaftlich das vielleicht gemeint ist, so frustrierend ist es für den, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Sprache zu lernen, die angeblich in Österreich gesprochen wird. Sprachlernende, die ohnehin schon Mühe haben, das Deutsche in der freien Wildbahn des Alltags (im Gegensatz zur gepflegten Konstruiertheit des im Klassenraum Erlernten) sinnerfassend zu verstehen, sind verwundert: Was ist das für eine Sprache, die die Menschen hier sprechen?
Über die Unterschiede zwischen dem standardisiertem Deutsch und unserem Dialekt sind wir vielleicht zu wenig im Bilde. Wir können uns nicht vorstellen, wie unsere Umgangssprache für jemanden klingt, der sich gerade Mühe gibt, das Lautinventar, die oft komplexe Satzgrammatik und die Intonation des Deutschen zu durchschauen bzw. zu erhören. Für die Sprachlernenden aber ist es eine frustrierende Erfahrung: All die Mühe, die man vor allem am Anfang in ein Sprachstudium des Deutschen steckt, scheint umsonst gewesen zu sein. Das im Klassenzimmer mühsam Angeeignete hat in der Praxis wenig bis gar keinen Wert.
Umgekehrt geht der Einheimische her und hat mit den fortlaufenden Verständnisschwierigkeiten des Zuwanderers nur wenig Nachsehen: "Der lernt's nia!", heißt es dann lapidar. Und wenn er es lernt, der Herr Gastarbeiter, dann kommt dabei ein Kauderwelsch heraus, der jenseits der Grenzen des Bezirks wenig kommunikativen Alltagsbestand haben wird. Ein schlecht gelerntes Deutsch, das sich aus Dialektversatzstücken, der Grammatik der Muttersprache und ein bisschen Hochdeutsch konglomeriert, marginalisiert mehr als es integriert. Von keinem Einwanderer, der Deutsch ohne Vorkenntnisse erlernt, kann man erwarten, dass er es eines Tages akzentfrei sprechen wird, und das soll und kann auch gar nicht Ziel der sprachlichen Integration sein. Aber man kann als Muttersprachler den Lernwilligen eine kleine Hilfestellung leisten, indem man mit ihnen so kommuniziert, dass sie nicht nur verstehen, sondern im selben Zug auch noch wiedererkennen und dazulernen. Was kostet uns das mehr als eine kleine sprachliche Mühe, die eigentlich jeder Volksschüler im Unterricht aufzubringen imstande ist?
Woran also liegt es, dass die Gebirgler mit ihren so geschätzten Saisonkräften nicht ordentlich Deutsch sprechen können oder wollen? Einerseits wird da das Berufsumfeld des Gastgewerbes ins Spiel gebracht, das es angeblich unmöglich macht, Anweisungen in verständlichem Deutsch zu geben, weil alles "ruck-zuck" gehen muss und eigentlich sowieso alles ohne Worte ablaufen sollte. Nur: Wer seinen Angestellten Anweisungen auf Pinzgauerisch zubellt, läuft eben Gefahr, nicht richtig verstanden zu werden. Das hat entweder Nachfragen zur Folge (was auch wieder Zeit kostet) oder ein Missverständnis, das dazu führt, dass die erteilte Aufgabe nicht richtig erledigt wird - was noch mehr Zeit kostet.
Viel öfter aber scheint es so, als wolle der Innergebirgler gar kein ordentliches Deutsch sprechen. Er sieht den Dialekt als eine Art Geheimsprache, deren Verwendung Zugehörigkeit signalisiert. So manifestiert sich das allseits bekannte "Mia san mia" vor allem in der Sprache. Dem Lernenden wird damit signalisiert, dass er, so sehr er sich auch bemühen mag, es eben nie lernen wird. Er wird nie dazugehören. So gut sein Deutsch auch sein mag, der Gebirgler wird ihm mit seinem Dialekt immer voraus sein. "Haha, des vasteht a nid, ge?", ergötzt sich der Bergmensch am Unverständnis des Migranten. Diese "anti-integratorische" Komponente des Dialekts wird nie wirklich übersehen. Im Gegenteil: Der Dialekt ist dem Einheimischen sein Rückzugsort, wenn es ihm in der touristischen Interaktion zu viel wird, und er sich darauf besinnen möchte, dass er etwas Besonderes ist. Schließlich kann man sich eine Lederhose und einen Hut mit Gamsbart kaufen - eine kernige Aussprache jedoch nicht. An der hat sich noch immer gezeigt, ob einer ein "Dosiger" oder ein "Zuag'roaster" ist. Und die Zuag'roasten kann man ja jederzeit wieder "ausgrausigen", wie es heißt.
Mittwoch, 9. Januar 2013
Pfeifenberger hält Maß
Eine von Pfeifenbergers ausgesuchten Vorlieben ist jene für Miniaturen. Pfeifenberger ist nämlich ein Mann, der sich seine Vorlieben, Hobbys und Passionen sehr genau aussucht. Er hegt und pflegt sie so wie andere Pflanzen oder Tiere hegen und pflegen. Dabei ist er ein Mann des Mittelmaßes, weswegen der Begriff „Passion“ schon beinahe zu viel ist und eigentlich zu keiner von Pfeifenbergers Vorlieben wirklich passt. Er behält gern die Übersicht und daher hält er sich nur wenige Interessen, und diejenigen, die er verfolgt, hält er sozusagen an der kurzen Leine. Nie hätte ihn eine seiner Vorlieben dazu getrieben, etwas Unüberlegtes oder gar Dummes zu machen. Auch Unvernünftigem sieht er sich nie ausgesetzt, so wie etwa ein passionierter Sammler für ein ihm besonders begehrenswert erscheinendes Objekt eine horrende Summe Geld zahlen würde. Nein, Pfeifenberger kennt seine Grenzen, denn er hat sie ja selbst gesetzt!
Die Vorliebe für Miniaturen allerdings, so unauffällig sie zunächst scheinen mag, ist eine tief gehende. Sie umfasst viele – wenn nicht sogar alle – Lebensbereiche; doch wenn man nicht um sie weiß, sie würde einem gar nicht auffallen. Manche, die davon wissen, haben sich schon an allerlei psychologischen Erklärungen versucht. „Der Pfeifenberger ist halt selbst ein kleines Mandl, der mag kleine Dinge, weil ihm die großen Angst machen!“, hört man etwa die Leute sagen. So naheliegend derlei Interpretationen auch sein mögen, so ungenügend ist doch auch ihre Erklärungsleistung. Wir wollen uns auch hier nicht lange mit den Gründen für Pfeifenbergers Vorliebe aufhalten; ich aber glaube, es hat etwas damit zu tun, dass Pfeifenberger eben gerne den Überblick hat. Als gebürtiger Innergebirgler ist er es gewohnt, von Anhöhen und Bergesgipfeln aus sich den Blick über die große Welt zu behalten. So hält er es auch mit der Lebenswelt. Dies zeigt sich nicht nur bei der sorgfältigen Auswahl seiner Vorlieben, sondern auch an seiner kargen Einrichtung, seiner Sparsamkeit beim Einkaufen und dem generellen Maßhalten bei Essen und Trinken.
Vor allem was das Trinken betrifft, ist Pfeifenberger nach Ansicht der ihm bekannten Leute ein recht kauziger Genosse. Obwohl es eigentlich die Art der Innergebirgler ist, große Mengen an Alkohol in sich hinein zu schütten, wird man Pfeifenberger nie auch nur mit einem großen Bier erwischen. Abgesehen davon, dass er sowieso wenig trinkt, trinkt er auch nur in kleinen Portionen. Ein Seitel Bier ist ihm da oft schon zu viel – lieber hat er einen Pfiff. Dem Wein kann er höchstens zum Essen etwas abgewinnen, und auch da trinkt er ihn nur, wenn er ihn bereits als Zutat verwendet hat. Schnaps trinkt Pfeifenberger nur in Ausnahmefällen bzw. aus „medizinischer Notwendigkeit“, wie er es nennt. Wenn ihn der Magen drückt, greift er gern zum Nussschnaps, den er immer bei einem Lungauer Bauern kauft. Im Lokal lässt er sich nur ungern einladen, aber wenn, dann weiß ein jeder, dass der Pfeifenberger nur Kalmus trinkt. Denn auch der wirkt beruhigend auf Geist und Körper. „Nur keine Aufregung!“, das ist die Pfeifenberger'sche Devise und also trinkt er niemals Vodka oder Rum. Nicht pur und schon gar nicht mit irgendwelchen Mixgetränken.
Manche Leute meinen, der Pfeifenberger würde den Kalmus und den Nussschnaps sowieso nur deswegen trinken, weil ihm das kleine Schnapsglas so gefiele. Da mag etwas dran sein, denn auch am Pfiffglas gefällt ihm nicht nur die kleinere Portion Bier, sondern eben auch die „Haptik und Optik“, so er, des kleineren Glases. Vulgär würde es aussehen, müsste der Pfeifenberger ein Halbeglas (oder gar ein Mass!) jedes Mal zum Mund stemmen, wollte er daraus trinken. Es würde aussehen, als hätte ihm jemand etwas zu Fleiß getan, und Pfeifenberger wäre darüber auch gewiss nicht glücklich! „Eine Halbe, das ist ja pervers“, soll er einmal gesagt haben als ihm jemand eine solche spendieren wollte. Niemals wird man Pfeifenberger am Oktoberfest Masskrüge heben sehen, und dieses Faktum allein beweist schon die grundrichtige Geordnetheit unserer Welt.
Nicht nur, was die Größe des Glases anbelangt, ist Pfeifenberger eher ein Mann des Maßhaltens statt des Masshaltens (ein derartig dümmlicher Wortwitz sei dem Berichtenden hier ausnahmsweise erlaubt): Auch was die Wahl der Getränke anbelangt, lobt Pfeifenberger sich die Miniatur. So ist sein eigentliches Lieblingsgetränk der Radlerpfiff. Man merkt schon: Der Pfeifenberger ist kein ungeselliger Mensch, aber übertreiben will er es deswegen auch nicht! An manchen Abenden verzichtet Pfeifenberger gänzlich auf Alkohol. Stattdessen trinkt er Limonade oder Apfelsaft. Sollte er dabei auf eine besonders gesellige Runde stoßen, die sein analkoholisches In-der-Bar-Stehen als Dreistheit empfinden, gibt er dem Wirt seines Vertrauens ein Zeichen, worauf ihm dieser quasi im Geheimen ein Schlossgold einschenkt. Je geselliger und fordernder die Runde, desto unwahrscheinlicher ist es, dass einem dieser Kniff (auf den Pfeifenberger besonders stolz ist, wie er einmal verraten hat) auffällt. Das aber ist freilich bloß eine Notlösung, denn das alkoholfreie Bier wird in der betreffenden Kneipe nur in Halbliterflaschen ausgeschenkt. Der Wirt füllt dem Pfeifenberger das Schlossgold zwar in ein Seitelglas, aber es bleibt doch immer noch ein Pfiff in der Flasche zurück, der nach einiger Zeit zum sogenannten „Hansl“ wird – einem letzten, abgestandenen und schier ungenießbaren Bierrest, den nur Alkoholiker oder ganz Verzweifelte zu trinken vermögen. Davon nimmt Pfeifenberger freilich Abstand.
Manchmal, wenn Pfeifenberger die ihm unzuträgliche Einrichtung der Welt beklagt, meint er: „Das ideale Getränk für mich, das wäre ein Schlossgold-Soda-Radler-Pfiff.“ Dabei ignoriert er das überraschte Gesicht seines Gegenübers und fügt seufzend hinzu: „Aber wer schenkt das schon aus?“ Und wenn er das sagt, dann schaut er, als ob es kein Morgen gäbe, und für einen kurzen Moment erwischt man sich selbst dabei, über eine solche Tatsache ein wenig Traurigkeit zu verlieren. „Komm, trink noch einen Apfelsaft, ich lade dich ein!“, sagt man dann und hofft, dass es ihn aufmuntert. „Nein danke. Mir ist eh schon schlecht“, wird er dann antworten und an schlechten Tagen heimgehen. An guten Tagen aber lässt er sich zu einem Kalmus überreden. Und wenn dann das kleine Schnapsglas vor ihm steht, sieht man seine Augen wieder ein wenig funkeln.
Die Vorliebe für Miniaturen allerdings, so unauffällig sie zunächst scheinen mag, ist eine tief gehende. Sie umfasst viele – wenn nicht sogar alle – Lebensbereiche; doch wenn man nicht um sie weiß, sie würde einem gar nicht auffallen. Manche, die davon wissen, haben sich schon an allerlei psychologischen Erklärungen versucht. „Der Pfeifenberger ist halt selbst ein kleines Mandl, der mag kleine Dinge, weil ihm die großen Angst machen!“, hört man etwa die Leute sagen. So naheliegend derlei Interpretationen auch sein mögen, so ungenügend ist doch auch ihre Erklärungsleistung. Wir wollen uns auch hier nicht lange mit den Gründen für Pfeifenbergers Vorliebe aufhalten; ich aber glaube, es hat etwas damit zu tun, dass Pfeifenberger eben gerne den Überblick hat. Als gebürtiger Innergebirgler ist er es gewohnt, von Anhöhen und Bergesgipfeln aus sich den Blick über die große Welt zu behalten. So hält er es auch mit der Lebenswelt. Dies zeigt sich nicht nur bei der sorgfältigen Auswahl seiner Vorlieben, sondern auch an seiner kargen Einrichtung, seiner Sparsamkeit beim Einkaufen und dem generellen Maßhalten bei Essen und Trinken.
Vor allem was das Trinken betrifft, ist Pfeifenberger nach Ansicht der ihm bekannten Leute ein recht kauziger Genosse. Obwohl es eigentlich die Art der Innergebirgler ist, große Mengen an Alkohol in sich hinein zu schütten, wird man Pfeifenberger nie auch nur mit einem großen Bier erwischen. Abgesehen davon, dass er sowieso wenig trinkt, trinkt er auch nur in kleinen Portionen. Ein Seitel Bier ist ihm da oft schon zu viel – lieber hat er einen Pfiff. Dem Wein kann er höchstens zum Essen etwas abgewinnen, und auch da trinkt er ihn nur, wenn er ihn bereits als Zutat verwendet hat. Schnaps trinkt Pfeifenberger nur in Ausnahmefällen bzw. aus „medizinischer Notwendigkeit“, wie er es nennt. Wenn ihn der Magen drückt, greift er gern zum Nussschnaps, den er immer bei einem Lungauer Bauern kauft. Im Lokal lässt er sich nur ungern einladen, aber wenn, dann weiß ein jeder, dass der Pfeifenberger nur Kalmus trinkt. Denn auch der wirkt beruhigend auf Geist und Körper. „Nur keine Aufregung!“, das ist die Pfeifenberger'sche Devise und also trinkt er niemals Vodka oder Rum. Nicht pur und schon gar nicht mit irgendwelchen Mixgetränken.
Manche Leute meinen, der Pfeifenberger würde den Kalmus und den Nussschnaps sowieso nur deswegen trinken, weil ihm das kleine Schnapsglas so gefiele. Da mag etwas dran sein, denn auch am Pfiffglas gefällt ihm nicht nur die kleinere Portion Bier, sondern eben auch die „Haptik und Optik“, so er, des kleineren Glases. Vulgär würde es aussehen, müsste der Pfeifenberger ein Halbeglas (oder gar ein Mass!) jedes Mal zum Mund stemmen, wollte er daraus trinken. Es würde aussehen, als hätte ihm jemand etwas zu Fleiß getan, und Pfeifenberger wäre darüber auch gewiss nicht glücklich! „Eine Halbe, das ist ja pervers“, soll er einmal gesagt haben als ihm jemand eine solche spendieren wollte. Niemals wird man Pfeifenberger am Oktoberfest Masskrüge heben sehen, und dieses Faktum allein beweist schon die grundrichtige Geordnetheit unserer Welt.
Nicht nur, was die Größe des Glases anbelangt, ist Pfeifenberger eher ein Mann des Maßhaltens statt des Masshaltens (ein derartig dümmlicher Wortwitz sei dem Berichtenden hier ausnahmsweise erlaubt): Auch was die Wahl der Getränke anbelangt, lobt Pfeifenberger sich die Miniatur. So ist sein eigentliches Lieblingsgetränk der Radlerpfiff. Man merkt schon: Der Pfeifenberger ist kein ungeselliger Mensch, aber übertreiben will er es deswegen auch nicht! An manchen Abenden verzichtet Pfeifenberger gänzlich auf Alkohol. Stattdessen trinkt er Limonade oder Apfelsaft. Sollte er dabei auf eine besonders gesellige Runde stoßen, die sein analkoholisches In-der-Bar-Stehen als Dreistheit empfinden, gibt er dem Wirt seines Vertrauens ein Zeichen, worauf ihm dieser quasi im Geheimen ein Schlossgold einschenkt. Je geselliger und fordernder die Runde, desto unwahrscheinlicher ist es, dass einem dieser Kniff (auf den Pfeifenberger besonders stolz ist, wie er einmal verraten hat) auffällt. Das aber ist freilich bloß eine Notlösung, denn das alkoholfreie Bier wird in der betreffenden Kneipe nur in Halbliterflaschen ausgeschenkt. Der Wirt füllt dem Pfeifenberger das Schlossgold zwar in ein Seitelglas, aber es bleibt doch immer noch ein Pfiff in der Flasche zurück, der nach einiger Zeit zum sogenannten „Hansl“ wird – einem letzten, abgestandenen und schier ungenießbaren Bierrest, den nur Alkoholiker oder ganz Verzweifelte zu trinken vermögen. Davon nimmt Pfeifenberger freilich Abstand.
Manchmal, wenn Pfeifenberger die ihm unzuträgliche Einrichtung der Welt beklagt, meint er: „Das ideale Getränk für mich, das wäre ein Schlossgold-Soda-Radler-Pfiff.“ Dabei ignoriert er das überraschte Gesicht seines Gegenübers und fügt seufzend hinzu: „Aber wer schenkt das schon aus?“ Und wenn er das sagt, dann schaut er, als ob es kein Morgen gäbe, und für einen kurzen Moment erwischt man sich selbst dabei, über eine solche Tatsache ein wenig Traurigkeit zu verlieren. „Komm, trink noch einen Apfelsaft, ich lade dich ein!“, sagt man dann und hofft, dass es ihn aufmuntert. „Nein danke. Mir ist eh schon schlecht“, wird er dann antworten und an schlechten Tagen heimgehen. An guten Tagen aber lässt er sich zu einem Kalmus überreden. Und wenn dann das kleine Schnapsglas vor ihm steht, sieht man seine Augen wieder ein wenig funkeln.
Samstag, 8. Dezember 2012
Advent
Advent ist eine komische Zeit. Advent ist auch ein komisches Wort. Jeder neunmalkluge Mittelschüler kann einem erklären, dass es so viel wie "Ankunft" bedeutet. Alles klar, aber warum gibt es dann den ersten, zweiten, dritten und vierten Advent? Vier Ankünfte für eine Person, das ist schon ein bisschen übertrieben. Da merkt man bereits, was der Advent im Schilde führt: Er blendet uns nämlich. Mit Kränzen und Lichtern und Türchen auf Adventkalendern etc.
Advent ist die Zeit, in der man sich nichts erwartet und dann doch enttäuscht ist, wenn nichts passiert. Die meisten tun so, als wäre ihnen der Advent wurscht. Andere wiederum machen ein riesen Brimborium aus dem Advent und zelebrieren das Keksebacken, das Dekorieren, das Singen und Glühwein trinken usf. Dabei ist der Advent eigentlich nur ein Countdown. Der Adventkranz und der entsprechende Kalender sind Taktapparate. Tag um Tag rücken wir der Weihnacht näher - vier Wochen, 24 Tage und dann ist endlich alles vorbei und wir können uns wieder der lähmendsten Woche im Jahr widmen, nämlich jener zwischen Weihnachten und Neujahr, in der so gut wie gar nichts passiert.
Der Advent ist also das Warten auf das große Nichtstun, auf die Entspannung zwischen den Jahren. Hier wird gefressen und getrunken, und wer es gar nicht aushält, der sucht sich exotische Reiseziele, wo es heller und wärmer ist als in unseren Gefilden. Aber noch ist es nicht so weit, noch müssen wir uns mit Kerzerln und Lichterln über Wasser halten! Als Nervennahrung gibt es die unvermeidlichen Kekse sowie Punsch zur Beruhigung. Außerdem dürfen wir einkaufen gehen - auch das beruhigt die meisten und es steht sinnbildlich und ganz unironisch für das Warten auf das Nichts.
"Advent, Advent" - schon die Wiederholung des Wortes drückt die Ungeduld der Wartenden aus. Und nachher will es wieder keiner gewesen sein! Der nachweihnachtliche Kater ist das Eingeständnis einer Schuld, das Bekenntnis, dass man tatsächlich auf nichts gewartet hat. Obwohl man immer irgendwie gehofft hat, dass doch was passiert. Das ist, was vom Advent übrig bleibt: Hoffnung. Das wäre auch die verständlichere (wenn auch nicht die richtige) Übersetzung. Als Kind hofft man ganz profan auf das richtige Weihnachtsgeschenk. Als geübter Erwachsener darauf, dass diesmal alles anders wird und doch noch Weihnachtsstimmung aufkommt. Als älterer Mensch hofft man vielleicht schon spirituell auf das, was danach kommt. Eigentlich eine schlimme Zeit, dieser Advent...
Advent ist die Zeit, in der man sich nichts erwartet und dann doch enttäuscht ist, wenn nichts passiert. Die meisten tun so, als wäre ihnen der Advent wurscht. Andere wiederum machen ein riesen Brimborium aus dem Advent und zelebrieren das Keksebacken, das Dekorieren, das Singen und Glühwein trinken usf. Dabei ist der Advent eigentlich nur ein Countdown. Der Adventkranz und der entsprechende Kalender sind Taktapparate. Tag um Tag rücken wir der Weihnacht näher - vier Wochen, 24 Tage und dann ist endlich alles vorbei und wir können uns wieder der lähmendsten Woche im Jahr widmen, nämlich jener zwischen Weihnachten und Neujahr, in der so gut wie gar nichts passiert.
Der Advent ist also das Warten auf das große Nichtstun, auf die Entspannung zwischen den Jahren. Hier wird gefressen und getrunken, und wer es gar nicht aushält, der sucht sich exotische Reiseziele, wo es heller und wärmer ist als in unseren Gefilden. Aber noch ist es nicht so weit, noch müssen wir uns mit Kerzerln und Lichterln über Wasser halten! Als Nervennahrung gibt es die unvermeidlichen Kekse sowie Punsch zur Beruhigung. Außerdem dürfen wir einkaufen gehen - auch das beruhigt die meisten und es steht sinnbildlich und ganz unironisch für das Warten auf das Nichts.
"Advent, Advent" - schon die Wiederholung des Wortes drückt die Ungeduld der Wartenden aus. Und nachher will es wieder keiner gewesen sein! Der nachweihnachtliche Kater ist das Eingeständnis einer Schuld, das Bekenntnis, dass man tatsächlich auf nichts gewartet hat. Obwohl man immer irgendwie gehofft hat, dass doch was passiert. Das ist, was vom Advent übrig bleibt: Hoffnung. Das wäre auch die verständlichere (wenn auch nicht die richtige) Übersetzung. Als Kind hofft man ganz profan auf das richtige Weihnachtsgeschenk. Als geübter Erwachsener darauf, dass diesmal alles anders wird und doch noch Weihnachtsstimmung aufkommt. Als älterer Mensch hofft man vielleicht schon spirituell auf das, was danach kommt. Eigentlich eine schlimme Zeit, dieser Advent...
Freitag, 23. März 2012
Eroberung der Heimat
Sich aber nostalgisch zu seiner (einer) Heimat zu verhalten, wirkt mindestens unmodern, kann einem aber – je nachdem, wie intensiv der Heimatnostalgie nachgegangen wird und je nachdem, wie empfindlich das sogenannte soziale Umfeld darauf reagiert – im schlimmsten Fall als reaktionär, heimattümelnd, konservativ, biedermeierlich, allzu bürgerlich, engstirnig, stumpf, stupide oder schlichtweg dümmlich ausgelegt werden. Die Liste dieses diesen traurigen Umstand zu beschreiben möglich machende, meist recht kraftlose und von Vorurteilen nicht ganz freie Vokabular ließe sich freilich beliebig fortsetzen. Die Sache kann beliebig gedreht und gewendet werden, aber der Mief des Altbackenen lässt sich vom nostalgischen Umgang mit der Heimat nur schwer wegdenken. Dies hat nicht nur historische Gründe, sondern ist auch dem sorglosen Umgang mit dem Heimatbegriff geschuldet, der, durch politische Vereinnahmung havariert, anscheinend immer nur dort auftaucht, wo sich Bärtchen und Joppen tragende Herren an Biertischen gegenseitig zu gedanklichen Missgeburten aufmunternd auf die oft breiten, aber immer rückgratlosen Schultern klopfen. Wer „Heimat“ sagt, so scheint es, der meint doch irgendwie auch „Heim ins Reich“, „Heimatfront“, „Heimat für die, die immer schon da waren“, „Heimattreue dem Vaterland“ etc. Gegen solche Dummheiten ist, wie so oft, kein Kraut gewachsen. Von der Heimat abhalten lassen sollte man sich jedoch davon nicht.
„Ich fühle mich als Europäer“, sagt, wer modern sein möchte, zeigen will, dass die ganze Welt seine eigentliche Heimat ist, und dass, wenn schon gezwungen, seine Herkunft anzugeben, ihm die größtmögliche Einteilung die gerade noch verkraftbarste ist – denn alles andere sind kindische Dorftümeleien. Der Zug zum Großen und Ganzen (lange Auslandsaufenthalte, berufsbedingte Reisen, das Konzept Weltreise als Lebenserfahrung) ist dem Heimatlichen feindlich gesinnt. Welt und Dorf, das verträgt sich nicht. Die frei erwählte Flucht ist der Imperativ des modernen Nomaden, sie hat als Trieb ins Ungewisse die Vertreibung aus dem Paradies ersetzt: Man vertreibt die Teufel der Heimat aus seiner Seele, indem man die Heimat so weit wie möglich hinter sich lässt. „Auf zu neuen Ufern“ heißt die Devise - „und bloß nie mehr zurückkehren!“ der Nachsatz. Der Ennui ist dem Jetlag gewichen, die Menschen sind jetzt reisemüde statt lebensmüde. Eine Verbesserung kann darin nur erkennen, wer auch die Kopfschmerzen den Magenschmerzen als angenehmeres Symptom einer mittelschweren Krankheit vorzieht.
Doch wie sich dagegen wehren, dass die Heimat vereinnahmt wurde von dubiosen politischen Diskursen und funktionalistisch-bürokratischen Hohlwörtern? Wurde uns die Heimat etwa verboten, hat man uns vergrault, hat man das Territorium unzugänglich gemacht? Betritt man den heimatlichen Boden (Boden – noch so ein gefährliches Wort!) auf eigene Gefahr? Ein neues, modernes Verhältnis zur Heimat erlangt nur, wer bereit ist, hinaus zu gehen nicht um des Weggehens willen und wer bereit ist, zurückzukommen um des Daheim-Seins willen. Erst wer die Heimat als den Ort erkennt, von dem aus alles seinen Anfang nimmt, ist wirklich heim gekommen und kann sich an seiner Region, seiner Gegend erfreuen, und nicht nur an der bloßen Behaglichkeit seines Hauptwohnsitzes.
Heimat ist nämlich mehr als Heim. In einer Gegend groß zu werden bedeutet, diese Gegend im schlimmsten Fall ein Leben lang mit sich herum zu tragen. Eine Erfahrung, deren Bitternis vor allem jene spüren, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und denen sich keine Möglichkeit zur Rückkehr mehr bot. Erst wenn die Heimat verloren ist – entrückt, unzugänglich, verschwunden – wird ihr Wert schmerzlich bewusst. Dabei sollte erwähnt werden, dass es für gewöhnlich viel braucht, um ganze Familien dazu zu bewegen, ihren Heimatort zu verlassen, und dass es schwieriger ist, eine neue Heimat zu finden, als einen neuen Hauptwohnsitz – ein Umstand, der bei aller Integrations-Politisierung gerne unter den Tisch fällt. Erst wenn die Heimat zur Hölle wird, überwindet die Bereitschaft, sie zu verlassen, jene magnetische Kraft, die alles und jeden festhält, der sich einmal – freiwillig oder unfreiwillig – ihr hingegeben hat.
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| Foto: Ricarda S. Kreindl |
Immanuel Kant, so heißt es in Thomas Bernhards gleichnamigen Stück augenzwinkernd, sei nie aus Königsberg hinausgekommen. Auch wenn diese Behauptung faktisch unwahr ist, bezeichnet sie doch eine tiefe Verwurzelung mit einem Ort, der einmal für Preußen das war, was man ein geistiges Zentrum nennt. Was Königsberg für Kant war, war Prag wohl für Franz Kafka. Zwar ist Kafka öfter aus Prag hinausgekommen als Kant aus Königsberg, dennoch ist das literarische Bild, das Kafka von seiner Heimatstadt einst zeichnete (ein Mütterchen mit Krallen) das allertreffendste, wenn es darum geht, die Beziehung des Autors zu seiner Stadt zu beschreiben. Ob Kant Königsberg, ob Kafka Prag geliebt hat, ist einerlei. Fest steht, dass in beiden Fällen die Beziehung des Denkers zur Heimat nicht fruchtlos geblieben ist: War Königsberg für Kant so etwas wie ein Denkgefängnis, war Prag für Kafka Stimmungs-Vorlage für sein literarisches Werk. Die Auseinandersetzung mit der Heimat, der Herkunft, der Geschichte ist wohl immer schon Wurzel der künstlerischen Inspiration gewesen. So erlernen wir das Sehen und Denken zuallererst an unserer heimatlichen Umgebung, und erst, wenn wir uns an diese gewöhnt haben, ist das Fundament dafür gelegt, staunen zu können, wenn wir andere Gegenden bereisen – metaphorisch wie auch ganz wörtlich verstanden. Die Differenz, das Anders-Sein, errechnet sich, ob man will oder nicht, erst aus dem, was man schon kennt. Wenn Thomas Bernhard seinen Kant und Franz Kafka seinen Karl Roßmann nach Amerika schicken, ist das einerseits ein geradezu sarkastischer Akt der Entwurzelung, gleichsam aber auch Voraussetzung für wirklich neue Erkenntnis (alle Implikationen eines Amerika-Bildes, das Fortschritt und Neuanfang bedeutet, miteingeschlossen). Man lese Kafkas Verschollenen als Fortsetzung von Bernhards Kant-Stück und stelle sich den großen Professor vor, wie er in der neuen Welt zum 17-Jährigen Greenhorn wird und bald darauf sein Königsberg vergisst und sich – nach allen Irrungen und Wirrungen – schließlich irgendwann in Princeton niederlässt, weil ihn das noch am ehesten an Königsberg erinnert.
Ist Heimat also einfach all das, was wir schon kennen, weniger als das, was wir vorgeben, immer schon gekannt zu haben? Die Demarkationslinie zwischen Gekanntem und scheinbar Immer-schon-Gekanntem verläuft zwischen dem Gefühl der heimatlichen Geborgenheit und dem Drang, diese aufzugeben und dorthin aufzubrechen, wo man – so glaubt man – eigentlich hin gehört: nämlich in die große, weite Welt. Hänschen klein all over again. Aber auch Hänschen muss lernen, dass die Welt als ganzes kein Zuhause ist, und kehrt als Hans wieder zurück. Erkannt wird er natürlich nur von seiner Mutter, die ihm schon bei seiner Abreise gesagt hat, er solle bald wieder kommen. Warum Hänschen nach sieben Jahren wieder beschließt zurückzukehren, verrät das Kinderlied nicht. Wir erfahren bloß, dass sich das Kind „besinnt“: Es scheint, als wäre der nunmehrige Hans vernünftig geworden. Warum aber kehrt er dann wieder nach Hause zurück? Die Ferne war ihm wohl nicht Erfüllung genug; zwar war seine Reise eine Notwendigkeit in seinem Ablösungsprozess von der Mutter (lies: Heimat), aber es scheint, als wäre er von vornherein nur zu dem Zweck „ausgewandert“, um letztlich wieder zurückzukehren. Das Hänschen-klein von heute macht Praktika in London, Shanghai und Tokio, lässt sich dort nieder, wo die am besten zahlende Firmenniederlassung steht, und zieht dann höchstens noch von der Stadt in die Vorstadt, weil man in Städten keine Kinder aufzieht – zu sehr hat man die eigene Kindheit auf dem Land geschätzt. In die Heimat zurückzukehren lohnt gar nicht mehr, denn dort findet man nicht das richtige berufliche Umfeld vor. Und aus nostalgischen Gründen kann man sich ja immer noch im Alter dort niederlassen – wenn es denn sein muss.
Heimat – so könnte man es am einfachsten sagen – ist dort, wo man sich wohl fühlt. Die größere Frage als die nach der Heimat ist also jene nach dem Wohlergehen, und diese Frage ist es auch, die am schwierigsten zu beantworten ist. Sie reguliert das Verhältnis zur Heimat, denn dieses kann auch durchaus ein problematisches, ja traumatisches sein. So reicht es nicht nur aus, sich wo auszukennen und zurecht finden zu können, sondern es muss auch ein psychohygienischer Bezug zu einem Ort gegeben sein. Das, was heutzutage „loslassen können“ genannt wird, gelingt am ehesten dort, wo man keine Zügel in der Hand halten muss und sich in ein Nest fallen lassen kann. Gerne darf man sich darunter eine Art Primitiv-Wellness vorstellen. Wir versuchen es einmal negativ: Heimat ist dort, wo das Nichtstun nicht suspekt ist und kein schlechtes Gewissen verursacht. Heimat ist dort, wo man nicht blöd angeschaut wird. Heimat ist dort, wo man nicht existenziell gefordert ist, sondern seine Ruhe hat bzw. finden kann.
So hat Heimat viel mit Vertrauen und Ruhe zu tun. Zu viel Vertrauen und Ruhe kann zu Langeweile führen, zum bereits erwähnten Ennui, zur Melancholie bzw. zu dem, was wir heute Depression nennen. Es ist ein Sichlangweilen, wie Heidegger es nennt, das nicht mehr nur von einem Ding herrührt, sondern beginnt, auf alles andere sich auszubreiten. So wird die Heimat dem Heimgekommenen als Ganzes langweilig. Der Mief, der dann von ihr ausgeht, ist jener, der den Geflohenen die Nase rümpfen lässt, wenn von der Heimat die Rede ist. Die Langeweile der Heimat ist es auch, die das heimatliche Leben in Rituale zerfallen lässt, ist also am Land zum Beispiel der Grund für das ausgeprägte Vereinswesen.
Wir müssen feststellen, dass es nicht die Nostalgie ist, die den Diskurs über die Heimat suspekt macht, sondern die Furcht vor der Langeweile, die der Heimat entwachsen kann. Es gibt das „gesunde“ Verhältnis zur Heimat nach wie vor – wenn man sich auf das Langweilige vorbereiten, es annehmen und mit ihm umgehen kann. Ennui und Heimat gehören zusammen, und je enger die Heimat, desto ausgeprägter der Ennui. Das zeigt sich schon bei Büchners Leonce, dem hervorragendsten Vertreter langweiliger Figuren in der deutschen Literatur überhaupt, dessen Königreich Popo das allerkleinste, dessen Langeweile aber grenzenlos ist. Einen schönen Sommertag erlebt er so: „Die Bienen sitzen so träg an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden.“ Herrliche Langeweile, die herrlichen Müßiggang erlaubt, der ja bekanntlich (so stellt Leonce fest) aller Laster Anfang ist! Auch Leonces Flucht führt ihn aber doch wieder dorthin zurück, wo er hergekommen ist: Heimat ist, wovor es kein Entrinnen gibt.
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| Foto: Ricarda S. Kreindl |
Gleichzeitig muss Heimat erobert werden. Von selbst stellt sie sich nicht dar, von selbst beherbergt sie nicht; sie muss bestellt werden wie ein Acker. Man muss Fragen an sie stellen, an ihre Leute, ihre Geschichte, ihre Hässlichkeiten und selbst an ihre schönen Seiten. Man muss die Heimat bezweifeln, argwöhnisch begutachten, mit Vorsicht genießen, wie einen Menschen, dem man nicht ganz trauen mag. Mit Respekt aber sollte man sie behandeln; sie selbst, die Gegend und wie sie sich in ihren Menschen, ihren Abkömmlingen, zeigt. Zu dem gehört Abstand, Flucht, Schimpf und Tadel – eine kathartische Phase der Adoleszenz, die, einmal überwunden, eine Basis für eine gesunde und lebenslange Heimatliebe bilden kann, die nicht dumpf und reaktionär sein muss, sondern das Gefühl eines lieblichen Gefangen-Seins bereit stellt. Daheim zu sein ist, der Unentrinnbaren ins Auge zu sehen und zu sagen: „Sperr mich ein, liebe Heimat, auch wenn ich dich verlassen muss, damit ich glücklich werde!“
Donnerstag, 2. Februar 2012
Rupert denkt um die Ecke
„De Deppattn san oft liab“, sagt
der Josef und gluckst in sein Bier hinein, von dem er nur zum Zwecke
dieses Satzes kurz abgelassen hat. Nach einem weiteren, tiefen
Schluck fügt er hinzu: „De Schiachn aa!“
Wieso das so sei, wird er vom Rupert
gefragt, der von sich selbst immer behauptet, er sei ja „im Grunde
ein Liberaler“, beziehungsweise – so korrigiert er sich selber
oft – ein „Freigeist“. Andere Leute behaupten, beim Rupert sei
es mit dem Geist nicht so weit her, aber das stört den Rupert wenig.
„Was meinst?“, fragt der Josef und
schaut dabei dem Rupert am Bier vorbei an, das immer noch leicht
gekippt in seiner großen Hand ruht, bereit, weiter in seinen Schlund
geleert zu werden. Eigentlich schaut er dem Rupert auf den Hals, denn
ganz hinauf bis zum Gesicht kommt der Josef mit seinen Augen heute
nicht mehr.
„Naja, du hast gesagt, die Deppattn
und die Schiachen sind oft lieb. Wieso, glaubst du, ist das so? Ich
mein, ich finde das ja auch, aber einfach so daher sagen kann man
das, finde ich, nicht. Warum also?“ Der Rupert wird immer sehr
eifrig, wenn er sich in etwas verbissen hat. Er glaubt nämlich von
sich selber, dass er immer alles hinterfrägt, weil das, so habe er
einmal wo gelesen, die Art eines Freigeistes sei.
Mit einer für seinen Zustand
überraschend dynamischen Bewegung kippt der Josef den letzten Rest
seines Bieres in sich hinein. Von der Seite sieht das aus, als würde
das Bier von seinem mächtigen Vollbart aufgesogen. Dass es aber
definitiv im Magen gelandet ist, erkennt man an einem beherzten
Rülpsen, das dem Josef jetzt entfährt. Stolz grinsend blickt er
sich um – man sieht seinen Mund durch den Bart hindurch zwar nicht,
aber die zusammen gekniffenen Augen mit den dicken Augenbrauen sind
Zeugen seines inneren Vergnügens. Langsam dreht er sich zum Rupert
hin und stützt sich mit seinem rechten Ellenbogen auf der Bar ab.
Was wohl lässig und überlegen wirken soll, wird zu einem kurzen
Kampf um sein Gleichgewicht. Einmal eingependelt sucht der Josef
wieder die Augen vom Rupert und findet sie wieder nicht.
„Weil eana nix ondas übrig bleibb!“,
nuschelt er und der Satz kostet ihm die letzte Kraft. Der Josef fällt
vornüber auf die schwere Holztheke, die in diesem Moment ihren
wahren Zweck offenbart. Die sehr klobige Bar ist für das winzige
Lokal eigentlich viel zu groß, aber nun sieht man, dass sie einzig
und allein dafür gemacht ist, die Last schwerer Oberkörper auf sich
zu nehmen. „Bummsdi!“, kommentiert der Wirt den Fall des Josef
vergnügt. „Des klescht immer so wüd!“, lacht er, während er
einen Schnaps einschenkt und diesen neben den großen Kopf vom Josef
hinstellt. Dem fragenden Blick Ruperts antwortet er: „Des brauchta
donn imma.“
„Sauft der immer so viel?“, fragt
der Rupert den Wirt. „Jojo, mei. Er oaweit jo a den gonzn Tog!“,
meint der Wirt und lacht wieder. Was denn der Josef arbeite, will der
Rupert wissen. „Ah, wos woas i. Im Winta duata meistns Liftln und
im Summa is a bei da Bohn und duat Boizn schmian oda so eppas.“ -
„Aha“, macht der Rupert.
„Owa wosa sogg, des stimmb scho, des
mit de Deppatn und de Schiachn“, sagt der Wirt weiter, „dass de
oft liab sand.“ „Ahja“, nickt der Rupert nachdenklich. „Er is
jo a im Grunde aa a Liaba“, erklärt der Wirt, deutet auf den
bewusstlosen Josef und kichert.
„Und ist es dann umgekehrt auch so,
dass die Gescheiten und die Feschen nicht lieb sind?“, fragt der
Rupert und man merkt, dass er auf diese Frage ungemein stolz ist. Man
müsse, so hat ihm nämlich sein Großvater immer gesagt, auch einmal
um die Ecke denken. Als kleiner Bub hat der Rupert lange Zeit
gedacht, es ginge da um die Egge, also das landwirtschaftliche Gerät,
und dass der Großvater eigentlich meinte, man müsse auch an die
Egge denken, wenn er gesagt hat, man „muas a amoi um d'Eggn denga“.
Da der Großvater in Oberösterreich eine Landwirtschaft führte und
auch sonst komisch redete, dachte der kleine Rupert damals, dass die
Wendung „um die Egge denken“ auf Oberösterreichisch etwa so viel
heiße wie „sich um die Egge sorgen“ bzw. eben „an die Egge
denken“. So blieb ihm der Sinn des großväterlichen Stehsatzes
lange Zeit verrätselt, aber seit er ihn entschlüsselt hat, ist es
sein Motto, wie er immer behauptet.
„Wos
moanst?“, fragt der Wirt und schaut ihn ein bisschen verständnislos
an. „Naja, wenn die Schiachn und Deppatn lieb sind, sind dann die
anderen alle nicht lieb? Also die Feschen und die Gescheiten?“ Der
Rupert hat jetzt, so glaubt er zumindest selber, den coolen Look
eines Kommissars, den er daheim immer vor dem Spiegel übt: Augen ein
bisschen zusammenkneifen, eine Augenbraue hoch ziehen, Kinn anheben
und Kopf nach vorne schieben.
„Aso
moast. Des woas i nid, mia homm koane Feschn und Gscheidn do!“,
sagt der Wirt, lacht lauthals und haut mit der flachen Hand mehrmals
auf den Tresen, als würde er sich damit selbst applaudieren. Davon
wacht der Josef wieder kurz auf. Er sieht den Schnaps, lässt ihn
beinahe mit Eleganz in seinem Bart verschwinden und kippt sogleich
wieder in seine vorherige Lage zurück.
Der
Rupert steht jetzt ein bisschen verdutzt da. Seine Versuche, mit
diesen einheimischen Volk in Kontakt zu kommen, waren bis jetzt nicht
von Erfolg gekrönt. Auf seine hintersinnige Frage bekam er nur eine
Prise innergebirglerischer Selbstironie präsentiert. Er wusste da
noch nicht, dass er einem ganz raren Phänomen auf die Spur gekommen
ist...
Sonntag, 6. November 2011
Wenn es "wildelt"
Am Abend gab es Hirsch. Der Koch wurde gelobt, weil der Hirsch nicht "gewildelt" hat. Das habe nichts mit dem Kochen zu tun, so der bescheidene Koch abwehrend, sondern damit, wann der Hirsch geschossen wurde. Brünftige Hirschen "wildeln" mehr. "Aha, jaja", machen die Gäste. Von wem er den Hirsch habe, und ob der gewildert wäre, fragt man den Koch scherzhaft. Ich sage, dass es gewildert wohl besser schmecke als gejagt. Der Koch und die Gäste lachen. Das müsse ich als Schmittinger wohl am besten wissen, sagt mir mein Gegenüber augenzwinkernd.
Der Dessertwein ist gut. Ein Kracher, sagt man mir. Ich finde, das ist übertrieben. Dann eröffnet sich mir, dass damit das Weingut gemeint ist. Weingut Kracher, Illmitz, Burgenland. "Achso!", mache ich in mich selbst hinein und amüsiere mich über meine diesbezügliche Ahnungslosigkeit. Der Kracher sei schon gestorben, heißt es - leider. Aber der Wein schmeckt immer noch ausgezeichnet. Weltruhm habe er mit dem Süßwein erlangt.
Den Grappa lassen wir Jungen aus. Stattdessen trinken wir Vodka lemon. So jung, so dynamisch. Mit Red Bull könne ich es nicht mehr trinken, meine ich. Da schlafe ich schlecht. Mein Gegenüber überrascht mich mit der Aussage, dass er gern Red Bull trinke. Er sagt "ein Red Bull" und das, obwohl er damit nicht aufgewachsen ist, so wie ich. Ältere Leute sagen ja oft "einen Red Bull", weil der Bulle ja männlich ist. Dieser ältere Herr überrascht mich also doppelt. Ich sage, ich würde das "nicht mehr" erleiden und trinke es eigentlich nur noch beim Autofahren. Das lange Ennstal, jaja. Schrecklich alt komme ich mir jetzt vor, weil ich kein Red Bull mehr erleide, - mein Gegenüber aber sehrwohl und auch seine Frau trinke es gern, wie sie mir versichert.
Die Gastgeberin erzählt, wie sie den Koch kennengelernt hat. Also eigentlich ihren Mann, der für diesen Abend der Koch ist. Beide waren sie Schilehrer damals. Sie eine Anwärterin, er schon ein gestandener Schilehrer. Eingestaubt habe er sie alle und lässig dagestanden sei er. Seinen Kollegen, der die Ausbildung geleitet hat, habe er gefragt, was für Hasen dieser heute parat hätte. Unsympathisch sei das gewesen. Aber später habe er ihr einmal geholfen, als sie mit den Kindern beim Schlepplift war und alle Hände voll zu tun hatte. Das habe der Kollege nicht gemacht, der sei nur dagestanden und habe gegrinst. Es zahlt sich also doch aus, wenn man einmal nett auch ist und nicht nur lässig dasteht. Später haben sie sich dann auf einer Schihütte wieder getroffen. Beim gemeinsamen Runterfahren, sagt der Koch, habe er dann gewusst, dass er sie jetzt habe. "Die hab ich", hat er sich gedacht. Alle lachen, weil es eine schöne Geschichte ist und sie so schön erzählt wurde.
Beim Dessert habe ich dann Dessertwein, Kaffe und Vodka lemon vor mir stehen. Aber auch diese Kombination schmeckt gut. Man muss es ja im Mund nicht mischen. Und im Magen kommt ja bekanntlich eh alles zusammen. Die Jugend meint, dass früher alles besser gewesen sei. Wir (also die Vodka-lemon trinkende Jugend) klingen neidig, weil die Älteren so tolle Geschichten erzählen. Es klingt alles so heimelig und spannend zugleich. Ganze Gruppen von Schihaserln seien da immer gekommen, aus Schweden, Holland und Dänemark. Fesch! Heute kommen ja nur mehr die dicken Engländerinnen - was haben wir es schlecht! Nein nein, früher sei auch nicht alles so rosig gewesen, versichert man uns. Man erinnere sich halt nur an die schönen und lustigen Sachen. Dass aber früher alle rauschig Auto gefahren sind, das stimme schon. Und beim Schifahren habe keiner einen Helm getragen. Heutzutage geht das ja nicht mehr. Die Technologie! Alles schneller, viel mehr Leute. Und rücksichtslos sind die! Deswegen gehe ich immer nur in der Früh, sage ich. Ja, da sei es auch am schönsten, bestätigt man mich.
Diese Gegend ist voller unhingehbarer Wahrheiten, denke ich mir. Das ist gut, aber auch schlecht. Einerseits ist das irrsinnig konservativ. Wobei, wenn hier etwas konserviert wird, kann das ja so schlecht auch nicht sein. Andererseits nimmt auch keiner die Wahrheiten so wahnsinnig ernst. Der Witz stirbt zuletzt und wer zuletzt lacht, der muss ein Schnapserl mehr trinken.
Dumm ist auch, wenn man sagt, etwas sei gut, aber auch schlecht. Mein Vater erzählt mir öfter, dass ich als kleiner Bub beim Spazierengehen einmal einen Kuhfladen nachdenklich betrachtet habe. Anscheinend habe ich dann gesagt, dass es schon interessant sei, dass überall, wo etwas Schlechtes ist, auch etwas Gutes sei. Mein Vater hat sich über mich gewundert. Ich habe mich über die Fliegen gewundert, die die Kuhscheiße so interessant fanden. Gut, aber auch schlecht. Was denn nun? Ich weiß es bis heute nicht. Und will mich auch nicht entscheiden. Wie sagt man hier? Es hilft eh nix. Oder: wenn's nicht hilft, schadet es auch nix. So wie Topfenwickel oder Essigpatscherl.
Der Dessertwein ist gut. Ein Kracher, sagt man mir. Ich finde, das ist übertrieben. Dann eröffnet sich mir, dass damit das Weingut gemeint ist. Weingut Kracher, Illmitz, Burgenland. "Achso!", mache ich in mich selbst hinein und amüsiere mich über meine diesbezügliche Ahnungslosigkeit. Der Kracher sei schon gestorben, heißt es - leider. Aber der Wein schmeckt immer noch ausgezeichnet. Weltruhm habe er mit dem Süßwein erlangt.
Den Grappa lassen wir Jungen aus. Stattdessen trinken wir Vodka lemon. So jung, so dynamisch. Mit Red Bull könne ich es nicht mehr trinken, meine ich. Da schlafe ich schlecht. Mein Gegenüber überrascht mich mit der Aussage, dass er gern Red Bull trinke. Er sagt "ein Red Bull" und das, obwohl er damit nicht aufgewachsen ist, so wie ich. Ältere Leute sagen ja oft "einen Red Bull", weil der Bulle ja männlich ist. Dieser ältere Herr überrascht mich also doppelt. Ich sage, ich würde das "nicht mehr" erleiden und trinke es eigentlich nur noch beim Autofahren. Das lange Ennstal, jaja. Schrecklich alt komme ich mir jetzt vor, weil ich kein Red Bull mehr erleide, - mein Gegenüber aber sehrwohl und auch seine Frau trinke es gern, wie sie mir versichert.
Die Gastgeberin erzählt, wie sie den Koch kennengelernt hat. Also eigentlich ihren Mann, der für diesen Abend der Koch ist. Beide waren sie Schilehrer damals. Sie eine Anwärterin, er schon ein gestandener Schilehrer. Eingestaubt habe er sie alle und lässig dagestanden sei er. Seinen Kollegen, der die Ausbildung geleitet hat, habe er gefragt, was für Hasen dieser heute parat hätte. Unsympathisch sei das gewesen. Aber später habe er ihr einmal geholfen, als sie mit den Kindern beim Schlepplift war und alle Hände voll zu tun hatte. Das habe der Kollege nicht gemacht, der sei nur dagestanden und habe gegrinst. Es zahlt sich also doch aus, wenn man einmal nett auch ist und nicht nur lässig dasteht. Später haben sie sich dann auf einer Schihütte wieder getroffen. Beim gemeinsamen Runterfahren, sagt der Koch, habe er dann gewusst, dass er sie jetzt habe. "Die hab ich", hat er sich gedacht. Alle lachen, weil es eine schöne Geschichte ist und sie so schön erzählt wurde.
Beim Dessert habe ich dann Dessertwein, Kaffe und Vodka lemon vor mir stehen. Aber auch diese Kombination schmeckt gut. Man muss es ja im Mund nicht mischen. Und im Magen kommt ja bekanntlich eh alles zusammen. Die Jugend meint, dass früher alles besser gewesen sei. Wir (also die Vodka-lemon trinkende Jugend) klingen neidig, weil die Älteren so tolle Geschichten erzählen. Es klingt alles so heimelig und spannend zugleich. Ganze Gruppen von Schihaserln seien da immer gekommen, aus Schweden, Holland und Dänemark. Fesch! Heute kommen ja nur mehr die dicken Engländerinnen - was haben wir es schlecht! Nein nein, früher sei auch nicht alles so rosig gewesen, versichert man uns. Man erinnere sich halt nur an die schönen und lustigen Sachen. Dass aber früher alle rauschig Auto gefahren sind, das stimme schon. Und beim Schifahren habe keiner einen Helm getragen. Heutzutage geht das ja nicht mehr. Die Technologie! Alles schneller, viel mehr Leute. Und rücksichtslos sind die! Deswegen gehe ich immer nur in der Früh, sage ich. Ja, da sei es auch am schönsten, bestätigt man mich.
Diese Gegend ist voller unhingehbarer Wahrheiten, denke ich mir. Das ist gut, aber auch schlecht. Einerseits ist das irrsinnig konservativ. Wobei, wenn hier etwas konserviert wird, kann das ja so schlecht auch nicht sein. Andererseits nimmt auch keiner die Wahrheiten so wahnsinnig ernst. Der Witz stirbt zuletzt und wer zuletzt lacht, der muss ein Schnapserl mehr trinken.
Dumm ist auch, wenn man sagt, etwas sei gut, aber auch schlecht. Mein Vater erzählt mir öfter, dass ich als kleiner Bub beim Spazierengehen einmal einen Kuhfladen nachdenklich betrachtet habe. Anscheinend habe ich dann gesagt, dass es schon interessant sei, dass überall, wo etwas Schlechtes ist, auch etwas Gutes sei. Mein Vater hat sich über mich gewundert. Ich habe mich über die Fliegen gewundert, die die Kuhscheiße so interessant fanden. Gut, aber auch schlecht. Was denn nun? Ich weiß es bis heute nicht. Und will mich auch nicht entscheiden. Wie sagt man hier? Es hilft eh nix. Oder: wenn's nicht hilft, schadet es auch nix. So wie Topfenwickel oder Essigpatscherl.
Dienstag, 4. Oktober 2011
Heimkehr: Ein Berggang
Den unendlichen Weiten des amerikanischen Landesinneren entrissen, sitze ich im schönen Schmittental nahe des Zeller Sees am Balkon und starre auf die Berge. Unüberwindbar kommen sie mir vor, unglaublich grün, fast schon pervers bewaldet und irgendwie hinterlistig. Der Volksmund sagt ja, Bergmenschen würden sich oft eingesperrt fühlen und deshalb besonders gerne auf die Berge hinaufwandern, um diesen Gefühl wenigstens kurzfristig zu entfliehen; oder sie würden sich des Einsperrt-Seins wegen „wegtun“. Letzteres soll heißen: Aufgrund der wenigen Sonnenstunden in manchen Innergebirgstälern und des psychologischen Gefühls der Bedrängnis würde in den Bergmenschen oft ein suizidaler Drang entstehen. Selbst wenn das so wäre: Heutzutage fahren solariumgebräunte Menschen aus sogenannten Selbstmördertälern in schnellen Sportwagen hinaus ins Salzburgische oder Münchnerische und zelebrieren dort das heitere Leben. Umbringen tun sie sich dabei höchstens beim Zu-schnell-um-die-Kurve-Fahren: zu viel Schampus, zu viel Koks. Aber herrje, das soll sogar höchstrangigen Politikern passieren, und das alles hat mit Trübsinn und hohen Bergen nur ganz wenig zu tun...
Je länger ich auf die Berge schaue und je länger ich über die Bergmenschen nachdenke, desto mehr möchte ich auf einen dieser Berge wenigstens ein bisschen hinaufwandern. Es ist einen ja doch ins Blut „geschrieben“, dass ein Berg zum Hinaufgehen da ist und zum Von-oben-Herunterschauen. Flink habe ich meine Turnschuhe angezogen, die mir schon bei meiner Wanderung im Metnitztal gute Dienste erwiesen haben, und wähle eine unpopuläre Route auf die Sonnenalm, einem Forstweg im entlegensten Graben folgend, wo es abwechselnd nach Schnittholz und Forstmaschinen riecht.
Ich quäle mich durch den Wald den Berg hinauf, bleibe stehen, schaue auf die Uhr, blicke Hilfe suchend rings umher, überlege gar auf halbem Wege umzukehren. Aber starrköpfig sind sie ja auch, die Bergmenschen, also schleppe ich mich weiter. Letztes Jahr, so erinnere ich mich zurück, bin ich diesen Weg noch hinaufgeschritten, im reinsten Jägerschritt. Heute torkle ich halb bewusstlos vor Erschöpfung von Kehre zu Kehre und richte mein Wort an den Herrn, er möge den Weg bald flacher werden lassen.
So schäme ich mich vor mir selbst, als ich plötzlich ein Knacksen höre und weiter oben zwei Wanderer erblicke, die mir flotten Schrittes entgegen kommen. Da ich mit einem Blick erkennen kann, dass es sich bei den beiden um Deutsche handelt, reiße ich mich zusammen, wische mir den Schweiß aus dem vermutlich hochroten Gesicht und eile den steilen Forstweg hinauf, so als ob ich immer schon so gegangen wäre und auch vorhätte, den Rest des Berges sehr eilig bezwingen zu wollen (zu können). Da Deutsche es immer sehr gern haben, wenn man sie mit einem herzig herzhaften „Grüß Gott“ begrüßt (sie meinen nämlich, man würde sie als ebenbürtig akzeptieren, wenn man das tut), mache ich selbiges, um von meiner offensichtlichen Erschöpfung abzulenken.
Es stellt sich heraus, dass es sich um Sachsen handelt. Das beruhigt mich insofern, als mir die Sachsen als ein kerniges und tüchtiges Volk bekannt sind, die das Wandern noch als eine Tugend begreifen und nicht als ein leidiges Mühsal. „Kommen wir hier zur Jaga-Alm?“, fragt mich der Sachse freundlich. Wie immer amüsiert mich die bundesdeutsche Aussprache des Wortes „Jaga“, diesmal um eine sächsische Intonation bereichert. In solchen Situationen ist der Bergmensch bemüht, allen Klischees gerecht zu werden, und also lache ich kurz auf, bevor ich antworte. Dieses Lachen ist eine Mischung aus verwunderter Erheiterung und milder Nachsicht und will geübt sein – ich beherrsche es (so unbescheiden darf ich sein) perfekt. Daraufhin erkläre ich ihm in grober, aber für das Deutsche Ohr gerade noch verständlicher Mundart, dass er sich „ganz auf der falschen Seite“ des Berges befinde. Er sei wohl von oben her kommend rechts abgebogen? Das bestätigt der Sachse mit einem überaus sächsischem „Jawoll!“. Die Jaga-Alm befinde sich aber auf linken Seite, erkläre ich ihm. „Aha!“, sagt der Sachse ein wenig enttäuscht. Ich tue so als ob ich ihn und seine Frau begutachten würde und sage ihnen aufmunternd, dass mir scheine, dass sie beide gut „beinander“ seien und, unten angekommen, den Weg zur Jaga-Alm vom Tal aus angehen könnten – es seien von unten ja nur 20 Minuten. Der Sachse verzieht etwas den Mund. „Für Sie 15!“, füge ich noch hinzu, um sein Misstrauen ein wenig zu zerstreuen. Da grinst er, bedankt sich und wünscht mir noch einen guten Tag.
Ich eile weiter, bleibe aber, sobald ich die Sachsen aus meinem Blickfeld verloren habe, sofort stehen um Luft zu holen. Dabei verfluche ich den amerikanischen Lebensstil, der mir jegliche Kondition verkümmern ließ, und den versuche, das Brennen in meinen Beinen als wohliges Gefühl zu interpretieren. Dann erinnere ich mich aber daran, dass ein Amerikaner nie aufgeben würde und ich jetzt hier nicht als Österreicher auf den amerikanischen Lebensstil schimpfen und gleichzeitig auf gut österreichisch aufgeben kann. Deshalb quäle ich mich weiter.
Oben dann die gewohnt schöne Aussicht. Ja, toll ist es hier und staunen muss man schon, dass es einen solchen Flecken Erde usw... Ein wenig versöhnt mich der Blick ins Tal wieder mit meiner Heimat. Noch einmal kommt mir der Sachse in den Sinn, der die Jaga-Alm nur deshalb verfehlt hat, weil er den unwahrscheinlicheren Abstieg gewählt hat. Weil er eine Route gewählt hat, die sonst niemand wählt, ja, die die wenigsten überhaupt finden. Und Sachsen, die in unseren Wäldern unwahrscheinliche Wege beschreiten, gehören zu der Heimat genauso dazu wie der schöne Blick ins Tal und die geheimnisvollen Gerüche des Waldes. Dass das Fremde zur Heimat gehört, das wissen nur die Bergmenschen in den Tourismusgebieten. Und mag auch der eine oder andere darüber schimpfen, bestreiten kann es keiner, denke ich mir und beginne meinen knieweichen Abstieg.
Wieder unten angekommen, sitze ich erneut am Balkon und starre auf die Berge. „Das Erhabene!“, denke ich mir und muss lachen, weil ich immer an Immanuel Kant denken muss, wenn ich an „das Erhabene“ denke (was bei Gott nicht oft der Fall ist!). Und dann fällt mir ein, wie dieser Kant einmal behauptet hat, dass es überhaupt nur zwei Dinge gebe, die sein Herz berühren oder was auch immer: „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“, so er. Ich lache über die pathetische Übertriebenheit seines Satzes, obwohl mir klar ist, dass ich gerade auf die Berge schaue wie der Kant damals auf die Sterne und irgendetwas fühle. Auch, wenn es nicht das „moralische Gesetz in mir“ ist, ist es irgendetwas Wichtiges, etwas Beruhigendes. „Der Kant, der alte Depp“, sage ich mir. „Wenn der je aus Königsberg hinaus gekommen wäre und die Berge gesehen hätte, dann wäre ihm das moralische Gesetz auch wurscht gewesen.“
Und weil ich mich selbst dabei ertappe, wie ich in Gedanken Berge und Heimat mit dem Kant vermische, habe ich das Gefühl, wieder zu Hause und irgendwie bei mir selbst angekommen zu sein. Und das erheitert mich genauso wie es mich be(un)ruhigt.
Je länger ich auf die Berge schaue und je länger ich über die Bergmenschen nachdenke, desto mehr möchte ich auf einen dieser Berge wenigstens ein bisschen hinaufwandern. Es ist einen ja doch ins Blut „geschrieben“, dass ein Berg zum Hinaufgehen da ist und zum Von-oben-Herunterschauen. Flink habe ich meine Turnschuhe angezogen, die mir schon bei meiner Wanderung im Metnitztal gute Dienste erwiesen haben, und wähle eine unpopuläre Route auf die Sonnenalm, einem Forstweg im entlegensten Graben folgend, wo es abwechselnd nach Schnittholz und Forstmaschinen riecht.
Ich quäle mich durch den Wald den Berg hinauf, bleibe stehen, schaue auf die Uhr, blicke Hilfe suchend rings umher, überlege gar auf halbem Wege umzukehren. Aber starrköpfig sind sie ja auch, die Bergmenschen, also schleppe ich mich weiter. Letztes Jahr, so erinnere ich mich zurück, bin ich diesen Weg noch hinaufgeschritten, im reinsten Jägerschritt. Heute torkle ich halb bewusstlos vor Erschöpfung von Kehre zu Kehre und richte mein Wort an den Herrn, er möge den Weg bald flacher werden lassen.
So schäme ich mich vor mir selbst, als ich plötzlich ein Knacksen höre und weiter oben zwei Wanderer erblicke, die mir flotten Schrittes entgegen kommen. Da ich mit einem Blick erkennen kann, dass es sich bei den beiden um Deutsche handelt, reiße ich mich zusammen, wische mir den Schweiß aus dem vermutlich hochroten Gesicht und eile den steilen Forstweg hinauf, so als ob ich immer schon so gegangen wäre und auch vorhätte, den Rest des Berges sehr eilig bezwingen zu wollen (zu können). Da Deutsche es immer sehr gern haben, wenn man sie mit einem herzig herzhaften „Grüß Gott“ begrüßt (sie meinen nämlich, man würde sie als ebenbürtig akzeptieren, wenn man das tut), mache ich selbiges, um von meiner offensichtlichen Erschöpfung abzulenken.
Es stellt sich heraus, dass es sich um Sachsen handelt. Das beruhigt mich insofern, als mir die Sachsen als ein kerniges und tüchtiges Volk bekannt sind, die das Wandern noch als eine Tugend begreifen und nicht als ein leidiges Mühsal. „Kommen wir hier zur Jaga-Alm?“, fragt mich der Sachse freundlich. Wie immer amüsiert mich die bundesdeutsche Aussprache des Wortes „Jaga“, diesmal um eine sächsische Intonation bereichert. In solchen Situationen ist der Bergmensch bemüht, allen Klischees gerecht zu werden, und also lache ich kurz auf, bevor ich antworte. Dieses Lachen ist eine Mischung aus verwunderter Erheiterung und milder Nachsicht und will geübt sein – ich beherrsche es (so unbescheiden darf ich sein) perfekt. Daraufhin erkläre ich ihm in grober, aber für das Deutsche Ohr gerade noch verständlicher Mundart, dass er sich „ganz auf der falschen Seite“ des Berges befinde. Er sei wohl von oben her kommend rechts abgebogen? Das bestätigt der Sachse mit einem überaus sächsischem „Jawoll!“. Die Jaga-Alm befinde sich aber auf linken Seite, erkläre ich ihm. „Aha!“, sagt der Sachse ein wenig enttäuscht. Ich tue so als ob ich ihn und seine Frau begutachten würde und sage ihnen aufmunternd, dass mir scheine, dass sie beide gut „beinander“ seien und, unten angekommen, den Weg zur Jaga-Alm vom Tal aus angehen könnten – es seien von unten ja nur 20 Minuten. Der Sachse verzieht etwas den Mund. „Für Sie 15!“, füge ich noch hinzu, um sein Misstrauen ein wenig zu zerstreuen. Da grinst er, bedankt sich und wünscht mir noch einen guten Tag.
Ich eile weiter, bleibe aber, sobald ich die Sachsen aus meinem Blickfeld verloren habe, sofort stehen um Luft zu holen. Dabei verfluche ich den amerikanischen Lebensstil, der mir jegliche Kondition verkümmern ließ, und den versuche, das Brennen in meinen Beinen als wohliges Gefühl zu interpretieren. Dann erinnere ich mich aber daran, dass ein Amerikaner nie aufgeben würde und ich jetzt hier nicht als Österreicher auf den amerikanischen Lebensstil schimpfen und gleichzeitig auf gut österreichisch aufgeben kann. Deshalb quäle ich mich weiter.
Oben dann die gewohnt schöne Aussicht. Ja, toll ist es hier und staunen muss man schon, dass es einen solchen Flecken Erde usw... Ein wenig versöhnt mich der Blick ins Tal wieder mit meiner Heimat. Noch einmal kommt mir der Sachse in den Sinn, der die Jaga-Alm nur deshalb verfehlt hat, weil er den unwahrscheinlicheren Abstieg gewählt hat. Weil er eine Route gewählt hat, die sonst niemand wählt, ja, die die wenigsten überhaupt finden. Und Sachsen, die in unseren Wäldern unwahrscheinliche Wege beschreiten, gehören zu der Heimat genauso dazu wie der schöne Blick ins Tal und die geheimnisvollen Gerüche des Waldes. Dass das Fremde zur Heimat gehört, das wissen nur die Bergmenschen in den Tourismusgebieten. Und mag auch der eine oder andere darüber schimpfen, bestreiten kann es keiner, denke ich mir und beginne meinen knieweichen Abstieg.
Wieder unten angekommen, sitze ich erneut am Balkon und starre auf die Berge. „Das Erhabene!“, denke ich mir und muss lachen, weil ich immer an Immanuel Kant denken muss, wenn ich an „das Erhabene“ denke (was bei Gott nicht oft der Fall ist!). Und dann fällt mir ein, wie dieser Kant einmal behauptet hat, dass es überhaupt nur zwei Dinge gebe, die sein Herz berühren oder was auch immer: „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“, so er. Ich lache über die pathetische Übertriebenheit seines Satzes, obwohl mir klar ist, dass ich gerade auf die Berge schaue wie der Kant damals auf die Sterne und irgendetwas fühle. Auch, wenn es nicht das „moralische Gesetz in mir“ ist, ist es irgendetwas Wichtiges, etwas Beruhigendes. „Der Kant, der alte Depp“, sage ich mir. „Wenn der je aus Königsberg hinaus gekommen wäre und die Berge gesehen hätte, dann wäre ihm das moralische Gesetz auch wurscht gewesen.“
Und weil ich mich selbst dabei ertappe, wie ich in Gedanken Berge und Heimat mit dem Kant vermische, habe ich das Gefühl, wieder zu Hause und irgendwie bei mir selbst angekommen zu sein. Und das erheitert mich genauso wie es mich be(un)ruhigt.
Donnerstag, 15. September 2011
Newer Leans?
Das englische Adjektiv „lean“ erscheint mir als eine nette, elegante Art, kümmerliche Dinge zu beschreiben. Wo immer ein bisschen zu wenig vorhanden ist, sage man „lean“ und schon klingt es wie eine edle Eigenschaft. Manche mögen behaupten, dass in New Orleans vieles „lean“, manches sogar zu „lean“ ist, dass die Beschreibung einiger Dinge stärkere Wörter wie „shabby“ oder gar „desolate“ verlangen würde. Das sind aber genau solche Leute, die einen ungläubig anstarren, wenn man ihnen erzählt, dass man vorhabe nach New Orleans zu fahren. Leute, die einen den blödsinnigen Tipp geben, ein Schlauchboot mitzunehmen. Blödsinnige Leute eben.
Gegen die gemeine Verunglimpfung durch euphemistische, substantivierte Adjektive, vor allem in Verbindung mit einem ironisch-antagonistischen „newer“, wehren sich die New Orleanians schon mit der Aussprache des Namens ihrer Stadt. So betonen sie stolz die erste Silbe von Orleans und nicht das New. Anstatt eines „Newer Leans“ erhält man so ein staunendes „New Oah!leans“. Damit sollen sich vor allem die Anfänger beschäftigen, denn gerade diese sollen gefälligst das Staunen lernen. Fortgeschrittene dürfen dann „N'awlins“ sagen - lässig, informiert und Kaugummi kauend.
Warum soll man also das Staunen lernen in New Orleans? Ein alter Grieche hat einmal behauptet, im Staunen liege der Beginn der Philosophie. In New Orleans braucht man aber keine Philosophie, sondern nur Augen und vor allem Ohren. Das Staunen in New Orleans gleicht vielmehr jenem Staunen, mit dem man zum ersten Mal einen Song seiner zukünftigen Lieblingsband hört. Ein aufgeregtes „Was ist das?“ schleicht einem langsam ins Bewusstsein, wird immer dringlicher und nimmt einen schließlich ganz ein. Man will um jeden Preis wissen, worum es sich bei dem, was man da gerade hört, handelt. Doch das ist zunächst ein rein informatives Verlangen. Denn bald will man wissen, warum das einen Staunen macht, was hier genau passiert und warum es einen nicht mehr loslassen will. So ist das auch mit New Orleans.
Wenn Savannah die hübsche Perle der Ostküste ist, dann ist New Orleans ihre wildere Cousine am ölverdreckten Golf von Mexiko, die sich die Haare färbt, sich tätowieren lässt und Drogen nimmt: gefährlicher, aber auch interessanter. New Orleans ist wild. Das sieht man nicht nur an den vielen Ambivalenzen, die sich einem sehr bald zeigen, sondern vor allem an der Vielfalt der kulturellen Entitäten dieser Stadt. Das Essen zum Beispiel, das hier einen noch höheren Stellenwert genießt als im restlichen Amerika (hier aber zu Recht!), ist ein fröhliches Potpourri aus karibischer, afrikanischer, amerikanischer, mediterraner und französischer Küche, welches mit den gängigen Begriffen (Cajun, kreolisch, Soul food) nur unzulänglich beschrieben werden kann. Aber auch hier ist man weniger philosophisch, begriffsanalytisch unterwegs, sondern verlässt sich auf die Sinne. Und deswegen gibt es in New Orleans kein schlechtes Essen.
Das allerwichtigste aber ist die Musik. Davon gibt es nämlich auch keine schlechte. Wandert man abends durch das French Quarter, tönen aus jeder noch so kleinen Bar Jazz, Blues, Funk und Soul in allen möglichen Varianten – und vor allem in einer von einem Mitteleuropäer noch selten gehörter Qualität. Hier hört man Künstler, die großteils im New Orleans Sound aufgewachsen sind, die von Kindesbeinen an mit ihrem Instrument beschäftigt waren. Künstler, die sich vor allem mit der Kultur ihrer Stadt, d.h. mit ihrer Musik identifizieren. Hat man in einer Bar zwei Acts an einem Abend gehört und will man nicht gleich in die nächste schleichen, obwohl es von dort so verlockend herausgroovt, setzt man sich in sein Auto und dreht das Radio an: schon wieder gute Musik! Musik ist hier allgegenwärtig, unausweichlich, ein Lebenselixier für die Menschen dieser Stadt und bald auch für jeden Besucher. Jeder hier lebt und atmet den Jazz. Und darum gibt es in New Orleans keine schlechte Musik.
Katrina – auch dieses Wort ist allgegenwärtig. Sechs Jahre nach dem verheerenden Hurrikan sind zwar noch Spuren davon sichtbar. Aber New Orleans ist nicht Haiti, und auch wenn damals in Sachen Katastrophenhilfe nicht alles besonders gut gelaufen ist, muss man sagen, dass sich die Stadt recht gut von Katrina (und Rita) erholt hat. Mit Unglücken dieser Art gehen Menschen nämlich erstaunlich produktiv um. Wenn eine Gemeinschaft ein Desaster dieser Art überlebt, wird sie stärker, selbstbewusster. Das sieht man an New Orleans nach Katrina genauso wie an New York nach 9/11. Waren die New Orleanians vorher schon etwas Besonderes, so muss ihnen das nach Katrina noch bewusster sein. Ich würde behaupten wollen, dass sich die Einwohner von New Orleans weniger amerikanisch fühlen als Amerikaner in anderen Teilen des Landes. Zum Beispiel übersteigt die Zahl der New Orleans Saints-Flaggen (hiesiges NFL-Team) und jene der fleurs-de-lis bei weitem die der Stars and Stripes. Man ist sich seines Sonderstatus gründlicher bewusst – und Katrina hat dazu wohl auch einiges beigetragen.
New Orleans muss man erlebt haben, und zwar nicht nur zur Mardi Gras Zeit. Kaum eine andere amerikanische Stadt bietet eine vergleichbare kulturelle Vielfalt, keine andere Stadt ist so schön und hässlich zugleich bzw. tritt in keiner anderen Stadt das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen so greifbar hervor. New Orleans fehlt vielleicht jene Schicht des Euphemistischen, die die Amerikaner überall sonst vor der unmittelbaren Brutalität der Wirklichkeit schützt. Authentizität wie in Savannah, möchte ich fast sagen – aber noch ein bisschen exklusiver, ein bisschen rauer und unmittelbarer. Die vielen Amerikaner, die New Orleans besuchen, verwechseln das mit Unterhaltung – obwohl für diese natürlich auch gesorgt ist. Sie glauben, New Orleans ist eines dieser vielen Märchenländer, die es in den USA zum reinen Vergnügen ihrer Besucher gibt. Das ist freilich eine krasse Fehleinschätzung, aber die New Orleanians wären schön blöd, wenn sie das nicht ausnutzen würden. Deswegen gibt es die Bourbon Street – jene Partymeile, die einem ernsthaft Interessierten schon von weitem suspekt sein muss und die gefälligst zu meiden ist. Um New Orleans muss man sich schon ein bisschen bemühen. Die Entschädigung für das Bemühen aber ist das Staunen-Dürfen über die vielleicht interessanteste Stadt der USA: N'awlins, NOLA, 504, The Big Easy..., keinesfalls aber „Newer Leans“!
Gegen die gemeine Verunglimpfung durch euphemistische, substantivierte Adjektive, vor allem in Verbindung mit einem ironisch-antagonistischen „newer“, wehren sich die New Orleanians schon mit der Aussprache des Namens ihrer Stadt. So betonen sie stolz die erste Silbe von Orleans und nicht das New. Anstatt eines „Newer Leans“ erhält man so ein staunendes „New Oah!leans“. Damit sollen sich vor allem die Anfänger beschäftigen, denn gerade diese sollen gefälligst das Staunen lernen. Fortgeschrittene dürfen dann „N'awlins“ sagen - lässig, informiert und Kaugummi kauend.
Warum soll man also das Staunen lernen in New Orleans? Ein alter Grieche hat einmal behauptet, im Staunen liege der Beginn der Philosophie. In New Orleans braucht man aber keine Philosophie, sondern nur Augen und vor allem Ohren. Das Staunen in New Orleans gleicht vielmehr jenem Staunen, mit dem man zum ersten Mal einen Song seiner zukünftigen Lieblingsband hört. Ein aufgeregtes „Was ist das?“ schleicht einem langsam ins Bewusstsein, wird immer dringlicher und nimmt einen schließlich ganz ein. Man will um jeden Preis wissen, worum es sich bei dem, was man da gerade hört, handelt. Doch das ist zunächst ein rein informatives Verlangen. Denn bald will man wissen, warum das einen Staunen macht, was hier genau passiert und warum es einen nicht mehr loslassen will. So ist das auch mit New Orleans.
Wenn Savannah die hübsche Perle der Ostküste ist, dann ist New Orleans ihre wildere Cousine am ölverdreckten Golf von Mexiko, die sich die Haare färbt, sich tätowieren lässt und Drogen nimmt: gefährlicher, aber auch interessanter. New Orleans ist wild. Das sieht man nicht nur an den vielen Ambivalenzen, die sich einem sehr bald zeigen, sondern vor allem an der Vielfalt der kulturellen Entitäten dieser Stadt. Das Essen zum Beispiel, das hier einen noch höheren Stellenwert genießt als im restlichen Amerika (hier aber zu Recht!), ist ein fröhliches Potpourri aus karibischer, afrikanischer, amerikanischer, mediterraner und französischer Küche, welches mit den gängigen Begriffen (Cajun, kreolisch, Soul food) nur unzulänglich beschrieben werden kann. Aber auch hier ist man weniger philosophisch, begriffsanalytisch unterwegs, sondern verlässt sich auf die Sinne. Und deswegen gibt es in New Orleans kein schlechtes Essen.
Das allerwichtigste aber ist die Musik. Davon gibt es nämlich auch keine schlechte. Wandert man abends durch das French Quarter, tönen aus jeder noch so kleinen Bar Jazz, Blues, Funk und Soul in allen möglichen Varianten – und vor allem in einer von einem Mitteleuropäer noch selten gehörter Qualität. Hier hört man Künstler, die großteils im New Orleans Sound aufgewachsen sind, die von Kindesbeinen an mit ihrem Instrument beschäftigt waren. Künstler, die sich vor allem mit der Kultur ihrer Stadt, d.h. mit ihrer Musik identifizieren. Hat man in einer Bar zwei Acts an einem Abend gehört und will man nicht gleich in die nächste schleichen, obwohl es von dort so verlockend herausgroovt, setzt man sich in sein Auto und dreht das Radio an: schon wieder gute Musik! Musik ist hier allgegenwärtig, unausweichlich, ein Lebenselixier für die Menschen dieser Stadt und bald auch für jeden Besucher. Jeder hier lebt und atmet den Jazz. Und darum gibt es in New Orleans keine schlechte Musik.
Katrina – auch dieses Wort ist allgegenwärtig. Sechs Jahre nach dem verheerenden Hurrikan sind zwar noch Spuren davon sichtbar. Aber New Orleans ist nicht Haiti, und auch wenn damals in Sachen Katastrophenhilfe nicht alles besonders gut gelaufen ist, muss man sagen, dass sich die Stadt recht gut von Katrina (und Rita) erholt hat. Mit Unglücken dieser Art gehen Menschen nämlich erstaunlich produktiv um. Wenn eine Gemeinschaft ein Desaster dieser Art überlebt, wird sie stärker, selbstbewusster. Das sieht man an New Orleans nach Katrina genauso wie an New York nach 9/11. Waren die New Orleanians vorher schon etwas Besonderes, so muss ihnen das nach Katrina noch bewusster sein. Ich würde behaupten wollen, dass sich die Einwohner von New Orleans weniger amerikanisch fühlen als Amerikaner in anderen Teilen des Landes. Zum Beispiel übersteigt die Zahl der New Orleans Saints-Flaggen (hiesiges NFL-Team) und jene der fleurs-de-lis bei weitem die der Stars and Stripes. Man ist sich seines Sonderstatus gründlicher bewusst – und Katrina hat dazu wohl auch einiges beigetragen.
New Orleans muss man erlebt haben, und zwar nicht nur zur Mardi Gras Zeit. Kaum eine andere amerikanische Stadt bietet eine vergleichbare kulturelle Vielfalt, keine andere Stadt ist so schön und hässlich zugleich bzw. tritt in keiner anderen Stadt das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen so greifbar hervor. New Orleans fehlt vielleicht jene Schicht des Euphemistischen, die die Amerikaner überall sonst vor der unmittelbaren Brutalität der Wirklichkeit schützt. Authentizität wie in Savannah, möchte ich fast sagen – aber noch ein bisschen exklusiver, ein bisschen rauer und unmittelbarer. Die vielen Amerikaner, die New Orleans besuchen, verwechseln das mit Unterhaltung – obwohl für diese natürlich auch gesorgt ist. Sie glauben, New Orleans ist eines dieser vielen Märchenländer, die es in den USA zum reinen Vergnügen ihrer Besucher gibt. Das ist freilich eine krasse Fehleinschätzung, aber die New Orleanians wären schön blöd, wenn sie das nicht ausnutzen würden. Deswegen gibt es die Bourbon Street – jene Partymeile, die einem ernsthaft Interessierten schon von weitem suspekt sein muss und die gefälligst zu meiden ist. Um New Orleans muss man sich schon ein bisschen bemühen. Die Entschädigung für das Bemühen aber ist das Staunen-Dürfen über die vielleicht interessanteste Stadt der USA: N'awlins, NOLA, 504, The Big Easy..., keinesfalls aber „Newer Leans“!
Samstag, 20. August 2011
Viva das Künstliche! (Las Vegas I)
Der innereuropäische Urlauber sieht sich nach seiner Rückkehr aus dem Ausland mit vielerlei Fragen konfrontiert, deren erste und wichtigste immer jene nach dem Wetter ist. Wie das Wetter war, interessiert die Daheimgebliebenen anscheinend am brennendsten. Sei es, weil man dem Verreisten insgeheim Sturm und Hagel gewünscht hat aus Eifersucht, weil man selbst im Regen sitzen musste, oder sei es, weil man einfach nur an den klimatischen Verschiedenheiten zwischen der Heimat und der Urlaubsdestination interessiert ist. „Dort unten ist es schon Sommer!“, hört man etwa von einem zu Pfingsten in Italien Gewesenen. „Man glaubt es kaum, aber es hatte dort auch nur 18 Grad und das Wasser war kalt“, sagt zum Beispiel einer, der während eines gesamteuropäischen Kälteeinbruchs Ende Mai ein paar Tage in Kroatien verbracht hat. Wie auch immer das Wetter im Urlaub war, es ist – wie auch sonst im Alltag – ein beliebtes Gesprächsthema für Heimkömmlinge und interessierte Daheimbleiber.
In Amerika ist das ein bisschen anders. Hier scheint man immer schon zu wissen, wie das Wetter war. Das gilt vor allem für Reiseziele, die nur wenigen meteorologischen Schwankungen unterliegen – wie zum Beispiel Las Vegas. Niemand fragt nach dem Wetter in Las Vegas, weil es dort immer gleich ist: heiß und trocken. Aber auch, weil das Wetter in Vegas sowieso keine Rolle spielt, interessiert es niemanden so wirklich. Denn Las Vegas existiert im Prinzip nur im Drinnen. Das Draußen sind lauter Lichter, die auf das, was drinnen ist, aufmerksam machen wollen. Und dem Drinnen ist es egal, ob es draußen kalt ist oder nass, heiß und feucht oder staubig, oder was auch immer. Denn das Drinnen ist klimatisiert, manchmal auch odorisiert, in jedem Fall aber hermetisiert – was drinnen ist, bleibt drinnen, oder sagen wir es so: What happens in Vegas stays in Vegas.
Meine Vermutungen (nennen wir sie Vorurteile, das klingt weniger informiert) haben sich tatsächlich bestätigt – bis auf einen Punkt: das Künstliche. Als Österreicher sehe ich das Künstliche als das Gegenteil des Authentischen. Das Authentische, so verrät schon das Wort, hat etwas mit einem Tisch zu tun. Zum Beispiel mit einem Biertisch, auf den man anständig hauen kann, wenn man etwas Ehrliches zu sagen hat. Oder denken wir an einen Esstisch, auf dem man die Gaben beim Erntedankfest ausbreiten kann, die so authentisch und natürlich aus der Erde gewachsen sind, dass es einen beim Reinbeißen zwischen den Zähnen geradezu erdelt. In Las Vegas habe ich aber gelernt, dass authentisch auch anders geht, nämlich indem man das eigentlich Lächerliche derart ernst nimmt und es so gut macht, dass man als Rezipient, als Konsument oder einfach als Besucher oder Betrachter gar nicht mehr um den Unterschied zwischen künstlich und authentisch besorgt ist. Es ist einfach, wie es ist. (Schwachfugige Einfügung dazu: Hierbei handelt es sich um eine Abwandlung des parmenidischen Grundgedankens, welche sich auf die Essenz mehr denn auf die Existenz bezieht.)
Alles, was in Las Vegas an Attraktionen zu finden ist, ist in sich perfekt. Der große Vorteil, den Vegas dabei hat, ist, dass es sich selbst die Latte legen konnte. Viele Unternehmungen mögen genau an diesem Punkt scheitern, für Vegas scheint es geklappt zu haben. Die Hotels bieten alles, was das Herz begehrt, und zwar deswegen, weil sie genau all das bieten, was der Las-Vegas-Besucher erwartet: Unterhaltung. Sie beeindrucken von außen und innen mit aufwändiger Architektur, jeder Menge Möglichkeiten, sein Geld zu verlieren und jeder nur erdenklichen Form der Verköstigung aller Sinne. Als Österreicher, der sich schon gerne mal mit dem Bier-Wurscht-Spritzer-Angebot eines mittleren Volksfestes zufrieden gibt, ist man zunächst vielleicht überfordert. Dann aber realisiert man, dass man in Las Vegas eigentlich nichts zu tun braucht, außer von einem Hotel zum anderen zu gehen (oft muss man sich nicht einmal bewegen), somit also genügend Zeit hat, sich dem Geschehen eingehend zu widmen. Nichts läuft einem hier davon. Nicht nur, weil hier alles 24 Stunden verfügbar ist, sondern auch weil alles darauf ausgelegt ist, wiederholbar und reproduzierbar zu sein.
Nehmen wir als Beispiel das Venetian-Hotel, welches sich zur Aufgabe gemacht hat, Venedig zu simulieren. Freilich meint jeder, der schon einmal in Venedig war, dass ein solches Unterfangen nicht nur unmöglich, sondern geradezu blasphemisch sein muss. Die Amerikaner wären aber noch blöder, als wofür viele sie ohnehin schon halten, wenn sie nicht wüssten, dass man Venedig nicht als Hotel nachbauen kann. Also machen sie folgendes: Sie bauen ein besseres Venedig. Eines ohne (oder nur mit dem essentiellen) Schnickschnack, eines ohne Dreck und Gestank, ohne Tauben, ohne lächerlich hohe Preise für Getränke und ohne unverständliche Einheimische – ein Venedig, wie es sich ein durchschnittlicher Tourist wünscht. (Wir sprechen hier klarerweise nicht von einem italophilen Kunsthistoriker, der an jeder Stadt gerade „das Touristische“ so abstoßend findet, sondern von einem einfachen, unschuldigen Amerikaner in Europa!) Ein solches Venedig hat schöne Häuser, tolle Geschäfte zum Einkaufen, einen Kanal mit Gondeln und singenden Gondolieren, gutes Essen, hervorragendes Eis und ist sauber. Bekommt man das alles noch in ein Hotel hinein und simuliert beleuchtungstechnisch Tag und Nacht, hat man genau das, was das Venetian-Hotel bietet: Venice in a nutshell, die italienische Stadt quasi als Smartphone-App – leicht zu bedienen, übersichtlich, praktisch, unterhaltsam. Freilich nicht das echte Venedig, aber eine Einkaufsmeile mit Stil und Geschmack, nettem Ambiente und einem Charme, der einen kurz vergessen lässt, dass man sich eigentlich im bösen, unauthentischen Las Vegas befindet und gerade fürchterlich zum Narren gehalten wird.
So habe ich mich tatsächlich infizieren lassen, nannte das Venetian großartig und eines der am besten gelungenen Hotels der Stadt, bis ich auf die Straße trat und sah, wie Touristen auf einem Rollsteig über eine, das Venetian mit einem anderen Hotel verbindende, Rialtobrücke gezogen wurden. Da meldete sich der europäische Kulturelitarismus zurück und ich weigerte mich, die Rialtobrücke quasi fahrend zu überqueren. Eigensinnig und mit von den Rollsteig fahrenden Touristen abgewandten Gesicht schritt ich eilig über die Brücke, während ich meiner duldsamen Cousine erklärte, dass dies nun doch zu weit ginge und dass man ein bisschen Respekt auch noch haben müsse, wenn man schon versucht, eine Stadt wie Venedig nachzubauen und so weiter. Ich sagte ihr, sie würde das verstehen, wenn sie erst einmal Venedig sehe, welches ich ihr, so sei mir gerade klar geworden, bei ihrem nächsten Besuch mit Sicherheit zeigen werde. Zwar grinste sie verständnisvoll, was sie sich aber dachte, wusste ich nicht und will ich auch im Nachhinein nicht vermuten.
Warum man allerdings, wenn man in Las Vegas die Rialtobrücke überquert, vor Madame Tussauds' Wachsmuseum landet, versuche ich beim nächsten Mal zu erklären.
Montag, 8. August 2011
Ein Schuss Lebensgefühl
Chester sitzt auf der Veranda und beobachtet die Futterstation, die er für die Kolibris aufgestellt hat. In den letzten Tagen haben größere Vögel das Kolibrifutter für sich entdeckt und laben sich seitdem frech daran, was die kleinen Kolibris natürlich abschreckt. Chester aber hat sich zum Ziel gesetzt, die großen Vögel zu vertreiben und so den Kolibris zu ihrem Futter zu verhelfen. Deswegen sitzt er auch mit einem Revolver in seinem Schaukelstuhl, um im „Ernstfall“ auf die Vögel schießen zu können. Die Vögel aber wissen, womit sie es zu tun haben und halten sich fern. Also geht Chester wieder ins Haus zurück und legt den Revolver hinter die Couch, als ob er ihn vor den Vögeln verstecken wollte. Kaum im Wohnzimmer, sieht er sie vor dem Fenster schon wieder herumflattern. Er schleicht zur Couch, holt den Revolver wieder hervor, stellt sich an die Tür und öffnet sie einen Spalt breit. Die Vögel fliegen davon.
Chester, ein Ex-Green-Beret und Vietnam-Veteran, scheint mir keineswegs einer dieser Eichhörnchen schießenden Rednecks zu sein, die es hier im Süden tatsächlich gibt. Deswegen frage ich ihn, womit die Waffe geladen sei. Es handelt sich um Gummigeschosse – die Streuung, so Chester, mache es einfacher, die Vögel zu treffen. Die Gummimunition habe er sich besorgt, nachdem er vor ein paar Wochen einen Hasen habe ziehen lassen müssen. Das Vieh sei schwer zu treffen gewesen, und er wollte nicht das Haus oder Auto eines Nachbarn treffen. „Oder gar den Nachbarn selbst“, ergänze ich. Chester lacht, ja, das wäre natürlich ganz schlecht gewesen.
Die selbstverständliche Allgegenwärtigkeit der Schusswaffen ist gewöhnungsbedürftig. So erschrak ich letztens regelrecht, als ich in den Keller ging, um das Modem neu zu starten, und ich, als ich das Licht eingeschaltete, direkt vor dem verglasten Waffenschrank stand. Schrank und Waffen erinnerten mich an eine Columbofolge – ich weiß nicht mehr welche. Jedenfalls ist der Schrank mit allerlei Kostbarkeiten der Gewehrskunst bestückt, Pistolen enthält er allerdings keine. Dabei hätte mich die unregistrierte Pistole interessiert, die mein Onkel vor ein paar Wochen gekauft hat. Das Wort „unregistriert“, das ich in Zusammenhang mit Waffen bisher nur aus diversen Fernsehserien kannte, hat mein Onkel dabei besonders betont. Mit unregistrierten Pistolen begeht man Morde, nach welchen man die Tatwaffe in einem See, einem Fluss oder in einer Bucht (je nach geographischer Gegebenheit) versenkt. Das hat mein Onkel freilich nicht vor, aber natürlich weiß er das und so bereitet ihm die unregistrierte Pistole ein besonderes Vergnügen, dessen Reiz für mich nur bedingt nachvollziehbar ist.
Als wir an einem der letzten Wochenenden in Alabama – ich war dort bei meinem Cousin und meiner Cousine auf College-Besuch – zu einem Liquor Store fahren wollten, begab ich mich auf den Rücksitz eines verantwortungsvoll scheinenden jungen Herren. Zwischen Fahrersitz und Mittelkonsole sah ich eine Pistole stecken. Ich fragte ihn, ob er vorhabe, damit den Laden auszurauben. Er lachte und schüttelte den Kopf. Er sei gerade vom Schießen gekommen, erklärte er mir, außerdem habe er eine Lizenz. Hätte er keine Lizenz, dachte ich mir, würde die Pistole auch nicht in einem Holster neben der Mittelkonsole stecken, sondern ohne Holster im Handschuhfach liegen. Sie würde wahrscheinlich auch unregistriert sein, und er würde keine Lizenz dafür haben. „Oh, es ist übrigens eine Glock“, sagte der verantwortungsvolle junge Herr, „aus Österreich, richtig?“ „Ja“, nickte ich, „die sind aus Österreich.“ Wenn sie auch oft nicht wissen, dass es in Österreich keine Kängurus gibt, dachte ich mir, wissen doch die meisten, dass Glock eine österreichische Firma ist. „Hervorragendes Erzeugnis“, lobte der junge Herr die Glock. Ich stimmte ihm zu, ohne dass ich einen Vergleich gehabt hätte – meine Schießerfahrung beschränkt sich schließlich auf die Waffen des österreichischen Bundesheeres. Wir raubten den Liquor Store schließlich nicht aus. Im Gegenteil: Wir mussten warten, bis alle von uns, die den Laden betreten hatten, ihren Ausweis gezeigt haben, und da eines der Mädchen ihren daheim vergessen hatte und also erst wieder nach Hause fahren musste, um den Ausweis zu holen, verbrachten wir ca. 15 Minuten wartend an der Kassa des Schnapsladens. Ich betrachtete zum Zeitvertreib die Überwachungskamerafotos jener „Kunden“, die sich als Diebe entpuppten und deshalb jetzt einen prominenten Platz in der Galerie über der Eingangstüre haben.
Irgendwie freue ich mich schon auf die nächsten Erlebnisse mit Schusswaffen, obwohl das etwas seltsam klingt. Interessant ist die Sache aber allemal. Die angebliche Waffenvernarrtheit der Amerikaner hielt ich nämlich immer für eine unsaubere Übertragung von Wildwest-Romantik in die heutige Zeit und also für eine Übertreibung. Im Süden allerdings scheint mir das Bild des allzeit bewaffneten Amerikaners ein adäquates zu sein. Die zahlreichen Waffengeschäfte entlang der Highways bestätigen mir diesen Eindruck. (Witzigerweise scheinen diese Läden auch nicht von der „schlechten Wirtschaftslage“ betroffen zu sein, von der hier dauernd die Rede ist.) „You gotta have a gun down here“, ist ein Satz, den ich schon ein paar Mal gehört habe. Haus, Autos, Boot, Gewehr, Klimaanlage, Kreditkarte: Das sind die Grundingredienzen des Südstaaten-Lebensstils, an die man sich gewöhnen muss, wenn man hier leben will. Und an die Sprache, die bisweilen durchaus kein Englisch ist. Aber davon ein andermal...
Samstag, 30. April 2011
Der Lodenbeidl
Am Stadtplatz herrscht Unruhe. Etwa 20 holländische Jugendliche, wie man diese Brut an unreifen, sich selbst in die Stumpfheit saufenden jungen Menschen nennt, brüllen herum. Einige sitzen auf den Stufen des ehemaligen Amtsgebäudes, andere stehen vor den Auslagen des Souvenirgeschäfts, tappen die Scheibe an und schreien, was für eine Scheiße da verkauft werde. Natürlich haben sie ganz Recht, aber erstens sind die Sachen, die ein Souvenirgeschäft so verkauft es gar nicht wert, sie einem ästhetischen oder qualitativen oder sonst irgendeinem Urteil auszusetzen, und zweitens sind ja auch viele dieser Dinge ganz absichtlich so gemacht, dass man sie "Scheiß" nennen kann. Gemacht für genau solche Menschen, die diesen Scheiß dann auch kaufen, nicht weil er ihnen gefällt, sondern weil sie ihn irgendwie witzig finden. Oder sie kaufen ihn, weil sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen, so einfach ist das. Auch diese jungen Holländer werden vermutlich am nächsten Tag, ausgenüchtert, am Nachmittag durch die Stadt schlurfen und in solchen Geschäften solchen "Scheiß" kaufen. Angebot und Nachfrage: frage lieber nicht!
Vor dem Zigarettenautomat ist es meistens ruhig, denn seit man nur noch mit einer Bankomatkarte Zigaretten kaufen kann, ist das den Touristen zu kompliziert geworden. Abgesehen davon sind viele Touristen gar keine Raucher mehr und die, die noch welche sind, zünden sich in den Lokalen immer ganz scheu die Zigaretten an, etwa so, wie ein Griechenlandreisender zum ersten Mal einen Teller auf den Boden wirft, weil man sich in einem Bereich befindet, wo das Verbotene auf einmal geboten oder, wenn es schon nicht erwartet, so doch geduldet wird. Die Pinzgauer rauchen noch fleißig - ich glaube, das kann man ganz allgemein sagen. Österreichische Jugendliche rauchen sowieso viel, und dass gerade bei uns die besseren und weniger rauchenden Jugendlichen wären, das hält man einfach mal so für unwahrscheinlich.
Dass diese Zigaretten auch immer nach Orten benannt sein müssen, wenn ihnen nichts Besseres einfällt, denke ich mir, als ich eine Schachtel Parisienne wähle, für die man, lässt man sie in Paris am Tisch offen liegen, neugierig angeschaut wird. Memphis-Zigaretten in Memphis zu rauchen wäre auch sowas. Nur, dass man sich mit Memphis prinzipiell schämt, egal wo man ist. Memphis hat etwas Prolliges und das goldene Papier innen erinnert an 70er-Jahre, Schnauzbart, Goldring und sehr behaarte Unterarme. Will man nicht rauchen. Kratzt auch im Hals, aber erst am nächsten Tag.
Im Lokal ist dann eher wenig los, man hört nur vor der Türe in den Gassen die Holländer schreien. Es kommt der "echte Pinzgauer" herein - so nennt er sich selbst. Ich nenne ihn den Lodenbeidl und weiß nicht warum. Er ist gern "trachtig" gekleidet, wie er sagt, aber das eigentlich nur zu besonderen Anlässen wie dem Mittwochsfest, dem Seefest oder irgendeinem anderen Fest, dessen genauer Anlass eigentlich eh jedem wurscht ist. Der Lodenbeidl redet immer vom Pinzgau und wie es ist, ein "echter Pinzgauer" zu sein. Etwas anderes redet er nie. Er sieht auch aus wie ein Pinzgauer, auch wenn er nicht trachtig gekleidet ist, das muss man ihm lassen. Er hat eine Pinzgauer Physiognomie, aber das sagt man ihm besser nicht. Erstens müsste man es anders formulieren, sonst fühlte er sich angegriffen und zweitens weiß man nicht, ob ihm das Recht ist, denn so naiv zu sein und zu glauben, einem "echten Pinzgauer" wäre es quasi eine Ehre, sagte man ihm, er habe eine Pinzgauer Physiognomie, soweit will man dann doch nicht gehen - weil es riskant ist.
Ich sage es ihm trotzdem. Und zwar genau nachdem er mir mitteilt, dass er ein echter Pinzgauer sei. "I bin da Peda und i bin a richtiger Pinzgaua", sagt er. Er legt eine leichte Betonung auf das Wort "richtiger" und sieht mich dabei mit etwas zusammengekniffenen Augen an. Ich fühle mich sofort als unechter Pinzgauer und sage "Mhm... Schaust owa a so aus!". Jetzt kneift er die Augen noch mehr zusammen und stößt ein scharfes "Wieso?" aus. "Naja, du schaust aus, als wärst du ein erdiger Typ.", sage ich. Das war nicht schwer. Der Lodenbeidl grinst zuerst, lacht dann kurz auf und sagt "Jojo... mei. A echter Pinzgauer hoit!". Ich will nicht mehr mit ihm reden, doch da sagt der Lodenbeidl schon "Woher bist oft du?!". Da ist er, der alles entscheidende, der entsetzliche Satz. Hätte Goethe im Pinzgau gelebt, dann hätte Faust eine ganz andere Gretchenfrage gestellt bekommen.
Das „Gespräch“ ist jetzt in einer kritischen Phase, denn einerseits fühle ich mich, als hätte ich einen Trumpf im Ärmel, doch andererseits weiß man nie, welchen Effekt die Antwort haben wird. Deswegen entscheide ich mich dafür, während ich "Schmitten" sage, das Kinn anzuheben und den Kopf noch etwas bedeutungsschwer nachschaukeln zu lassen. Das macht die Pause zwischen meiner Antwort und der Reaktion des Lodenbeidls lange. Gerade, als ich einen Schluck von meinem Bier nehmen will, wie zur Bestätigung des gerade Gesagten, sagt der Lodenbeidl, der mich die ganze Zeit fixiert hat, auf einmal: "Geh!?... Aha...", und dann trinkt auch er von seinem Bier. Geschafft. Schmitten kennt er, aber nicht zu genau als dass er fragen könnte, wie ich heiße und so weiter. "Wüde Hundt, die Schmittinga." setzt er nach. Ich sage nur "Jaja, haha!" und für den Lachnachsatz schäme ich mich gleich.
Irgendwas passt ihm nicht, dem Lodenbeidl, das merke ich ganz genau. Ich sehe wahrscheinlich nicht aus wie ein Pinzgauer. Mein im Gespräch mit ihm absichtlich verstärkter Dialekt scheint zwar seine Wirkung nicht ganz verfehlt zu haben, aber anscheinend passt der auch nicht so ganz zu mir, deswegen sagt der Lodenbeidl "Ausschaun tuast owa du wiara Stodinga!". Jetzt nicht nervös werden! Leider neige ich in solchen Situationen zur Spitzfindigkeit und sage: "Najo, Zell is ja auch eine Stadt...", diesmal traue ich mich gar nicht zu lachen und das ist auch gut so, denn jetzt scheint der Lodenbeidl böse zu werden. Er schüttelt heftig den Kopf und sagt "Jo, na geh..." und es klingt irgendwie wütend und beleidigt und man weiß nicht, ob er einem wie ein Kind vorkommt oder wie ein böser, betrunkener Mann oder beides. "Wiara Soizbuaga schaust du ma her!" ... Jetzt hat er mich. Jetzt hat er mich doppelt, nein dreifach.
Ich könnte mich jetzt im Stillen über die Formulierung "jemand schaut jemandem wie etwas her" aufregen, die ich immer schon mehr dumm als charmant fand. Das ist aber jetzt unmöglich, da ich ja selber die ganze Zeit versuche, dem Pinzgauer Dialekt möglichst treu zu bleiben. Die zweite Möglichkeit wäre die, zu behaupten, man wäre ja eh ein Salzburger, um nach einigem Hin und Her dann dem Lodenbeidl zu erklären, dass man das Bundesland gemeint hat und nicht die Stadt. Das ist aber eine selbst dem Lodenbeidl gegenüber recht freche und eigentlich hundsgemeine Geschichte, die nur Zwietracht sät. Ich entscheide mich für Möglichkeit Nummer drei, die ohnehin einen empfindlichen Nerv trifft, denn ich mag die Stadt Salzburg schon nicht und für einen Salzburger gehalten zu werden, empfinde ich als schwere Beleidigung. Jetzt aber Vorsicht, nicht zu emotional werden, sonst ergibt sich zum Schluss noch eine schön ausgebettete, mit vielen Beleidigungen gegen die Stadt Salzburg geschmückte und wohlig gemachte Gesprächsbasis. Das Böse kommt auf leisen Sohlen, erst recht wenn es um Salzburg geht!
Ich also - leicht entrüstet, aber nicht zu entrüstet, mit einer ordentlichen Prise Verwunderung, die, bevor ihre Wirkung verfliegt, sich in einer beleidigten Miene zu setzen sucht: "Wos!? Naaa!" Es braucht nicht viele Worte, um in dieser Gegend Kommunikation zu führen, aber man benötigt schon ein Geschick in Sachen Intonation, Wortwahl und vor allem mimischer Gesprächsführung. Ein Zucken im Mundwinkel, während man ein freundlich-beleidigtes Gesicht zu machen versucht, und das Ganze gleitet entweder in etwas Feindseliges oder etwas Harmloses ab. Beides kann ungute Folgen haben. Mir gelingt mein Wos?-Na!-Gesicht ganz gut und der Lodenbeidl lacht zufrieden - offenbar gefällt ihm meine leichte Entrüstung. Seine Skepsis aber weicht nicht, ich bin ihm immer noch nicht urig genug. Sein Gesicht verlangt nach Erklärung und ich muss jetzt ganz schnell von mir ablenken, hin zu den fürchterlichen Salzburgern und ihm irgendwie zu Verstehen geben, dass ich mit denen überhaupt nichts am Hut habe und das auch gar nicht haben will.
Der Lodenbeidl hält ja viel auf Äußerlichkeiten. Deswegen hat er eine bäuerliche Frisur, einen missglückten Ziegenbartversuch im Gesicht, eine recht geschundene Haut und seine Kleidung ist von proletarischer Eleganz. Viel Pinzgauerisches hat er heute nicht an, seine Bodenständigkeit signalisiert er durch ein Holzhackerhemd, das er unter einem hellbraunen Pullover trägt, dazu Jeans und Schuhe, die ich noch nie zuvor gesehen habe - nicht, weil sie besonders extravagant wären, sondern eher ihrer wenig galanten Unscheinbarkeit wegen. Ich hingegen habe eine "gemachte Frisur", wie man sagt, hab ein einfärbiges Hemd und graue Jeans an, sehe also "sauber" aus und darüber hinaus habe ich lange, dünne Finger - auf die hat der Lodenbeidl schon missmutig geschielt. Alles in allem bin ich also eine optische Provokation für ihn und genau da muss ich ihn packen, das ist das, was ihm auffällt, ihn stört, ihn misstrauisch macht. "Die Salzburger schaun ja ganz anders aus.", sage ich. Jetzt habe ich ungefähr drei Sekunden Zeit zu überlegen, was ich darauf folgen lasse. Der Lodenbeidl schaut verwundert, ich merke, dass er sich irgendwie zu freuen scheint, dass ich auf seinen Zug aufgesprungen bin, aber natürlich erwartet er jetzt eine Argumentation, dass es ihm die seltsamen Schuhe auszieht - da dürfen jetzt keine Fragen offen bleiben. "Wia leicht?", fragt der Lodenbeidl und verschränkt die Arme vor der Brust. Er hat sich jetzt im Gespräch eingehakt, da gibt es kein Aufs-Klo-Gehen, kein Am-Bier-Nippen oder Zigarretten-Anzünden, das mich aus dieser Zwickmühle herausbringt. Mir raucht der Kopf, ich sage mir selber, dass ich nie wieder auf solche Gespräche einsteige und wie das überhaupt passiert sei, wie schnell das gegangen ist, das wundert mich, keine 4 Sätze gewechselt und schon ist man in so einer Situation, wo ein Pinzgauer mit verschränkten Armen vor einem steht und auf eine Erklärung wartet, die man vorgegeben hat zu haben, die man sich aber jetzt doch aus den Studentenfingern saugen muss. Ich schaue kurz auf meine Hände, ja nicht einmal Risse haben die von der Kälte, oft sind sie im Winter wenigstens ein bisschen trocken und schauen nicht gar so gepflegt aus. Ich verschränke auch schnell die Arme, um die Finger nicht mehr sehen zu müssen und hol mir das Bild eines Salzburgers vor das innere Auge, von einem richtig unangenehmen Salzburger, den letzten, der mich richtig unangenehm aufgefallen ist... Ja, da ist er schon.
"Naja, die ziehen sich ja meistens so an, als wären sie recht kernig", sage ich, während ich daran denke, wie der letzte unsympathische Salzburger, den ich getroffen habe und bei dem ich mir gedacht habe "Wah, ein richtiger Salzburger ist das", wie der mich also gefragt hat, woher ich komm und ich habe gesagt "Aus Zell am See" und dann hat er so komisch geschaut. Der hatte ein rot-weiß-kariertes Hemd an. So eines, das sich einer zum Fasching anzieht, wenn er einen Bauern darstellen will oder einen Tiroler Schilehrer im Sommer und so weiter. Man ist ja selber nie vor Vorurteilen sicher, denke ich mir, während der Lodenbeidl nachdenkt, was ich mit meinem Satz gemeint habe. Aber gut, in dieser Situation helfen mir die Vorurteile, die der Salzburger gehabt hat, als er sich das Hemd gekauft hat, weil er dachte "Damit sehe ich kernig aus". Er war aber überhaupt nicht kernig, sondern eher glitschig oder pampig. Oben eher glitschig und dann so ab der Nase oder ab dem Mund pampig. Das denk ich mir, während mich der Lodenbeidl immer noch anschaut - er denkt gerade nach. Und was hatte der Salzburger für eine Hose an? War das nicht so eine Pseudo-Lederhose? So eine, die aussieht, als wäre sie eine echte Lederne, die aber einen höheren Tragekomfort hat, weils doch kein echtes Leder ist, aber sicher fast genausoviel kostet, weil der das in einem Laden in der Getreidegasse oder was weiß ich wo gekauft hat. So Läden, wo Country-Style-Sachen verkauft werden. Wo reiche Stadtmenschen so tun können, als würden sie in Wahrheit am Land wohnen, ein bissl urig, aber schon modern. Wo man einfach besser aussieht, wenn man im Land Rover drinsitzt.
"Mhm.", sagt der Lodenbeidl. "Jojo, do host scho recht", setzt er nach. Und ich bin erleichtert und auch etwas verwundert. Hat er jetzt wirklich verstanden, was ich meine? Er mustert mich und als wäre es Gedankenübertragung, scheint er mich mit meinem inneren Bild des Salzburgers verglichen zu haben - und der Vergleich ist gut ausgegangen für mich. "Wiara Hotelier schaust du aus", sagt er drauf und spricht „Hotelier“ so aus, dass es sich auf „Fakir“ reimen würde. Damit kann ich leben, denn damit ist jetzt auch bewiesen, dass ich wie ein Zeller aussehe, denn Hoteliers gibt es hier genug. Ich frage mich noch, ob ich mit ihm darüber diskutieren soll, ob man "Hotlier" oder "Hoteljee" sagen soll oder darf, aber dann fürchte ich mich davor, eventuell noch die Frage präsentiert zu bekommen, die ich ohnehin als nächste erwartet hätte: "Wos tuast oft du?"
Doch da bis zur nächsten Frage im Pinzgau in etwa die Zeit eines halben kleinen Bieres zu vergehen hat - außer es ist großes Misstrauen im Spiel, und dieses habe ich ja jetzt auf ein für den Lodenbeidl erträgliches Maß reduziert - entkomme ich diesem Fallstrick, denn gerade geht die Tür auf und herein kommt Uwe, der ganz und gar unpinzgauerische Koch eines relativ ungustiösen Lokals in Zell am See. Uwe, ein Deutscher, riecht immer sehr nach Fett und nicht nur deswegen unterhalten sich die Leute nur ungern mit ihm. Der Lodenbeidl aber, der unterhält sich liebend gern mit dem Uwe, weil dem kann er erzählen, was richtig Pinzgauerisch ist und was nicht.
Ich denke mir gerade, ob es das Wort "faschistofetischistisch" geben sollte, wer daran Gefallen fände und wie es aussehe, wenn es stenographiert würde, da höre ich den Lodenbeidl schon zu Uwe sagen "I bin a richtiga Pinzgaua!" und Uwe sagt "Ach ne?", bestellt ein Bier und ich proste ihm zu, denn dem Uwe möchte ich nicht die Hand geben. Das hat nichts mit Unhöflichkeit zu tun, denn wenn einer so unhöflich ist und sich nach einem langen Tag in der Küche nicht wäscht und stinkend in ein Lokal geht, dann bin ich auch so unhöflich und gebe ihm nicht die Hand. Nur wegen seiner Faulheit will ich keinen Fettgestank an den Fingern haben. Und da sehe ich, wie der Lodenbeidl dem Uwe die Hand gibt und sie vor lauter Rausch gar nicht mehr auslässt. Die klobigen Hände vom Lodenbeidl saugen sich richtig an mit dem Fett an den Händen vom Uwe, so kommt es mir vor und ich frage mich, ob das gut für den Feuchtigkeitshaushalt der Haut ist, wenn die Hände in Fett getränkt werden, kann mir aber irgendwie nicht vorstellen, dass etwas intuitiv Grauenhaftes irgendwie gut sein soll. Uwe packt seine Zigarretten aus, er raucht York, und ich frage mich, ob die Leute wissen, dass selbst die Marlboro-Zigarretten nach einer Londoner Straße benannt sind und was Reisen mit Rauchen zu tun haben könnte. "Morgen gehe ich Schifahren", denke ich, trinke aus, zahle und geh.
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