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Dienstag, 4. Dezember 2012

Die potemkinsche Hündin

Im Konzert-Café Schmid Hansl (das allein schon ein vielversprechender Name!) steht eine blaue ukrainische Grableuchte auf einem Tischlein. Daneben sind Cello und Gitarre platziert, am Boden drängt sich ein Sammelsurium von Effektgeräten und Kabeln. Cordula Simon soll hier aus ihrem Debutroman lesen, der "Der potemkinsche Hund" heißt. Deswegen auch die Grableuchten, derer mehr in verschiedenen Farben am unauffälligen Piano des Cafés stehen: "In Odessa sind die Friedhöfe bunt", erklärt sie mir mit ihrer kindlich gebliebenen Begeisterung. Trotzdem solle man da nachts lieber nicht hingehen. Habe ich auch nicht vor, mir reicht vorerst eine Lesung mit Grablaternchen und "Friedhofsmusik", wie die junge Autorin die stimmungsvollen Klangkaskaden von Sainmus nennt - das sind zwei studierte Jazzmusiker, die hier für Gulasch, Bier und Hutgeld mit ihrer bemerkenswerten Musik Simons Lesung untermalen.

Das Café Schmid Hansl ist eines jener Wiener Cafés, bei denen es selbst einen bekennenden, aber nicht immer ganz konsequenten Nichtraucher wie mich reut, dass hier nicht mehr gepafft wird. Dicke Rauchschwaden würden dem Raum gut stehen. Geraucht wird hier aber nur im Hinterzimmer. Deshalb hält sich dort auch Cordula Simon viel lieber auf als vorne am Lesetisch, umrahmt von Friedhofslaternchen und Friedhofsmusik. Trotzdem steht ihr das, als sie dann Platz nimmt, verblüffend gut.

Im hinteren Teil des Cafés hat sich eine Schulklasse eingefunden - oder auch einfinden müssen. 15 heiße Schokoladen wurden hier schon lange nicht mehr verkauft. Sie alle lauschen dem exaltierten Sprachduktus der in Odessa lebenden, aber in der Steiermark so seltsam gewordenen Autorin. Wieder einmal überlistet sie uns alle, als sie vom scheinbaren Erzählen direkt in das erste Kapitel ihres Romans gleitet. Sie tut immer so, als müsste sie uns zuerst erklären, was es mit ihrer Hauptfigur, dem Anatol Grigorjevic Ivanov, auf sich hat, und auf einmal bemerkt man, dass sie jetzt in das Buch schaut und also liest. Funktioniert immer. Das ist ihr ganz persönlicher Häschen-aus-dem-Hut-Schmäh. Irgendwie charmant, auch wenn man ihr das nicht zutrauen würde.

Sainmus bieten zwischen den Kapiteln ganz famose, verjazzte Stimmungsmusik. Zwar will sich keine Friedhofsstimmung einstellen (Gott sei Dank!), aber das  dramatische Dröhnen des Cellos und die aufgeregte, zuweilen quietschvergnügte Gitarre lassen sogar die Schulkinder in den hinteren Reihen die Justin-Bieber-Scheitel wippen. Die zwei Musiker schauen sich nach dem musikalischen Intermezzo gegenseitig verwundert an. Ja, das war tatsächlich großartig!

Simon wehrt sich gegen den Applaus mit dem Kapitel, das aus der Sicht des Hundes geschrieben ist. Sie erklärt, dass man ihr anfangs davon abgeraten habe. Doch Cordula Simon lässt sich von gar nichts abraten. Immerhin hat sie ja jetzt auch einen Vermögensverwalter. Das Kapitel ist aber sehr gelungen und eigentlich auch nur konsequent. Sätze wie der folgende lassen uns glauben, dass Simon selbst die allergrößte Hündin ist: "Wenn die wüssten, wie Wurst gemacht wird, man konnte es ja riechen (!), dann würden sie sie selbst bestimmt nicht anrühren."

Ja, die potemkinsche Hündin liest aus ihrem seltsamen Roman und bittet uns nach der Lesung noch in das Hinterzimmer, wo ukrainischer Vodka gereicht wird. Ich erlaube mir zu sagen, dass der letzte, den sie von dort mitgebracht hatte, besser war, was sie gewohnt abgeklärt mit dem Satz quittiert: "Das dürfte daran gelegen sein, dass du ihn aus der Flasche trankst." So, oder so ähnlich hat sie es gesagt. Jedenfalls erinnere ich es so. Mit ihrer tiefen Damenstimme, die sie sich über die Jahre antrainiert hat, und die man so mag; zumindest als Alternative zu ihrer Furienstimme oder ihrer Quietschstimme. Ein "Stimmchen" hatte sie noch nie, die Hündin. Aber eine Sprache, die hat sie schon immer gehabt...

Sollten Sie einmal in die Verlegenheit kommen, ein Buch von Simon kaufen und signieren lassen zu können: tun sie es! Sie schreibt da gerne ganz fiese Sachen rein, die aber nur halb so schlimm sind, weil man diese odessitische Sauklaue ohnehin kaum lesen kann! Wir sind froh, dass Cordula Simon nicht Ärztin geworden ist.

Donnerstag, 27. September 2012

Unser Outlaw

Einer ist von uns gegangen, den man getrost als "Unikum" bezeichnen konnte; auch wenn Worte wie dieses gerne dazu verwendet werden, gutmütige Verschrobenheit zu diagnostizieren. Der Puffer Willi, wie er genannt wurde, war aber ein Unikum im allerbesten Sinne des Wortes - ein Original, der dem Zeller Bergvolk den Rock'n'Roll nicht nur näherbrachte, sondern vor allem vorgelebt hat - konsequent, authentisch und manchmal auch rücksichtslos. Ein Outlaw war er, aber einer mit großem Herz (nicht nur für die Damen)!

Während die einen darüber nur die Köpfe schütteln konnten, war er für die anderen ein Held. Was sich die Leute über ihn gedacht haben, war ihm aber schon seit jeher egal - Rock'n'Roll-Attitüde eben. Er spielte für die einen nicht den Narren und für die anderen nicht den Helden. Was ihm am Herzen lag, war meistens so banal wie (im Kontrast zur Borniertheit der Zeller "Intelligenzia") erhellend: Weißbier und gute Musik. Auch wenn er im Zeller Nachtleben genügend Anlass dazu fand, seinen nie ganz ernst gemeinten Zorn zu pflegen, war er aus selbigem nicht wegzudenken. Schon meine Eltern erlebten die glorreichen Zeiten bei ihm im Wurzelkeller. Ich selbst habe ihn dazumals erst als DJ im Bierkeller kennengelernt.

Dass einer amerikanische Rock- und Bluesmusik der 60er und 70er auflegte, hielt ich damals für eine Selbstverständlichkeit; zufälligerweise (?) machte ich selbst etwa um die gleiche Zeit, als ich mit dem Fortgehen begann, Bekanntschaft mit der Geschichte der früheren Popularmusik (Beatles, Hendrix etc.). Erst als seine Auftritte als DJ immer weniger wurden, erkannte ich das große musikalische Loch, das dieser Mann hinterlassen hat. "Wo spüns'n heid no a gscheide Musi!?", fragte er später oft anklagend und ich konnte ihm darauf nie eine befriedigende Antwort geben.

Aber auch als er schon nicht mehr regelmäßig Platten auflegte (oder irrtümlicherweise Schmalzbrote statt CDs in den CD-Player legte, was nur eine der vielen wahnwitzigen Anekdoten ist, die es über ihn gibt) blieb Willi den Zeller Nachteulen erhalten. Egal, ob als grantelnder Weckerlverkäufer im Viva oder als schimpfender "Wiaschtlsiada" vom Insider: Willi Puffer war gleichsam Mahnmal wie Vorbild, Sheriff wie Outlaw. Vor allem aber war er ein lustiger und lieber Kerl, der um keinen "hantigen" Spruch verlegen, sich für keinen Spaß zu schade war. Ich hoffe, dass es ihm da, wo er jetzt ist, gefällt. Zell am See wird ihn sehr vermissen und er uns wohl irgendwann auch. Auch wenn er das wahrscheinlich nie zugeben würde!



Just around the corner there's heartache
Down the street that losers use.
If you can wade in through the teardrops,
You'll find me at the Home of the Blues.
(Johnny Cash)


Freitag, 13. April 2012

30 seconds closer to Bedeutungslosigkeit

Auch auf die Gefahr hin, mich jetzt unheimlich unbeliebt zu machen, halte ich es dennoch für notwenig, ein paar Worte über 30 Seconds to Mars zu verlieren. Gestern saß ich im Auto und da wünschte sich ein Kärntner Forstarbeiter "Closer to the Edge" von besagter Band. Ich wollte schon den Sender wechseln, da dachte ich mir, nein, diesmal hörst du dir das von vorne bis hinten an und passt auf, was da passiert. Vielleicht, so dachte ich mir, erschließt sich dir die Faszination, die diese Band für so viele Leute jungen oder mittleren Alters hat.

Bekannt war mir "Closer to the Edge" von geschätzten 500 facebook-Posts und mindestens ebensovielen likes und Kommentaren mit vielen Herzen drin. Dabei fiel mir auf, dass sich die Herzen nicht immer nur auf den Song bezogen, sondern in den meisten Fällen auf Jared Leto, dem Schauspieler und Sänger dieser Band, deren Mitglieder sich allesamt gerne äußerst "badassig" inszenieren. Sei es mit langen Rockerhaaren und Bart, sei es mit Italotürken-Haarschnitt und Sonnenbrille oder mit einer Irokesenfrisur. Wie auch immer sie sich anziehen und rüberkommen wollen: Es ist alles ein bisschen neo-retro, gerade so 10 bis 15 Jahre zu spät, eine Mischung aus Shaggy, Nek und Lenny Kravitz oder so. Irgendwie peinlich - genau wie ihre Musik.

Die Live-Bilder im Video zu "Closer to the Edge" zeigen eine Band, die vorgeblich schon Jahrzehnte auf Welttournee ist und eine gigantische Liveshow zu bieten hat. Sie siedeln sich also irgendwo zwischen U2 und den Rolling Stones an, und dass es sich dabei um eine Lüge handelt, musste ich von einem Fan erfahren, der enttäuscht von einem ihrer Konzerte zurück kam. Gut, wenn die Erwartungen so hoch geschraubt werden, kann man eigentlich nur enttäuschen.

Dann das Lied: vollkommen überladen. Da findet sich allerhand Rock-Schnick-Schnack aus den letzten 3 Jahrzehnten, der höchstens noch nostalgisch wirken kann, aber im Prinzip nur noch peinlich ist. Der omnipräsente Synthesizer glimmert und fiept unaufhörlich, bei den vollkommen uninspirierten Gitarren  wird fleißig auf das Distortion-Pedal gedrückt und spätestens, wenn Jared Letos Stimme verzerrt daher kommt, wird einem richtig schlecht. Darunter legt sich das übertriebene Schlagzeug-Gehämmere von Jareds Bruder, einem hyperaktiven Nervösling, bei dem man das Gefühl hat, er müsse in nur einem Song alles unterbringen, was er je an den Drums gelernt hat.

Auch im Video findet sich viel Hyperaktives: Da werden wilde Kamerafahrten schnell hintereinander geschnitten und eigentlich sieht man nur, wie Jared Leto mit übertriebenen Gesten seinen bedeutungslosen Gesang "untermalt". Außerdem wird viel gelaufen. Leto läuft über die Bühne, Menschen laufen in Arenen, man hopst und schüttelt sich, alles ist schnell und wirkt dahingeschludert. So wundert es auch nicht, dass zwischen den Refrains wenig Platz für irgendwelche Strophen bleibt. Es stellt sich immer nur die Frage, wann der nächste Refrain denn endlich wieder kommt, wann man wieder schreiend einen Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger in den Himmel recken kann, als würde man Gott anklagen wollen, dass er nicht sieht und verstehen mag, wie geil es hier unten ist.
Überhaupt besteht das Lied im Grunde nur aus dem Refrain, und der ist, wie ein Rock-Refrain zu sein hat: Laut. Man könnte sagen, dass da nur geplärrt wird, und läge damit wohl sehr richtig. Und was hat uns das Lied zu sagen?

No I'm not saying I'm sorry
One day, maybe we'll meet again
No I'm not saying I'm sorry
One day, maybe we'll meet again
No, no, no, no

Da ist sich einer ganz sicher, dass er sich nicht entschuldigt, und dass man sich irgendwann vielleicht (!) mal wieder treffen wird. Das wird schließlich durch ein vierfaches Nein wieder revidiert, oder die Kraft reicht nicht mehr, noch einmal zu negieren, dass man Entschuldigung sagt. Der Rest des Textes sind sinnlose Aneinanderreihungen existenzkritischer Bekundungen a la "This never ending story, Paid for in pride and fate / We all fall short of glory, lost in our faith". Ist ja auch wurscht, denn bald kommt wieder der zigmal wiederholte Refrain und dann kann man wieder in das Mikrophon brüllen und hopsen.

Was an dem Song geil ist, bleibt mir zwar immer noch verborgen, aber ich vermute, dass er einfach Ventilfunktion hat. Denn bei "Closer to the Edge" handelt es sich um ein Sammelsurium von bedeutungslosen Versatzstücken der Rockmusik der letzten 20 Jahre. Alles, was für den modernen Rock sinnlos geworden ist und er hinter sich gelassen hat, findet bei 30 Seconds to Mars eine Wiederauferstehung in einem schwülstigen Konglomerat zum Zwecke der Aggressions- oder Triebabfuhr. Das Übertriebene ist dabei Primat und somit erinnern 30STM wirkungsästhetisch irgendwie an Bands wie Rage against the Machine, H-Blockxx, Dog Eat Dog, NOFX etc. nur ohne deren Talent bzw. deren Identifikationsangebot und Gruppenbindungskraft. Laut aufdrehen, zappeln und cool sein - für mehr ist da leider kein Platz.

So saß ich im Auto und ließ das Lied über mich ergehen, kam mir aber unheimlich absurd vor, denn das ist kein Lied, das zum Navigieren im Ortsverkehr einer ländlichen Kleinstadt gemacht wurde. Ob es dem Kärntner Forstarbeiter bei der Arbeit geholfen hat, oder ob er sich vor lauter Aufregung ein Bein abgehackt hat, weiß ich natürlich nicht. Bleibt nur die Vermutung, dass für Kärntner selbst die Holzarbeit noch nicht Katharsis genug ist!

Montag, 28. November 2011

"Bist du das?" (Verwechslungskomödie im Dritten Rang)

Wir stehen im Foyer des Schauspielhauses und ich halte nach dem mir sonst so verhassten Theaterpublikum Ausschau. Nur diesmal finde ich es nicht. Ein paar Schüler in Mittelschul-Abendgarderobe, das heißt zu große oder zu kleine Sakkos bei den Burschen, die ersten Stöckelschuhe bei den Mädchen, in denen sie zu gehen noch nicht ganz gelernt haben. Ein Mittdreißiger, der seine Freundin oder Frau ins Theater ausführt: Auch er hat, wie wir, die billigsten Karten gekauft (3. Rang!) und hofft auf einen unvergesslichen Theaterabend. Doch wenig überschminkte und überparfümierte ältere Damen in Pelzmänteln, auch höre ich wenig österreichisches Städter-Deutsch, jene Sprache, deren Sprecher meinen, sie klängen besonders elegant und gebildet, wobei sie doch eigentlich nur arrogant und kleingeistig klingen.

Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, dass nicht mehr typisches Theaterpublikum anwesend ist. Aber immerhin wird ja heute Thomas Glavinic gespielt und kein Thomas Bernhard oder – publikumstechnisch noch schlimmer – Schiller oder Shakespeare. Es wird ein – im Vergleich zum typischen Theaterpublikum - „junger“ Autor gespielt, der nicht unter den Verdacht der übermäßigen Intellektualität fällt, was vermutlich nicht nur ihm, sondern auch mir als Theaterbesucher ganz recht ist. Auch versucht er sich nicht als ein solcher zu inszenieren, was er vielen seiner Zeitgenossen voraus hat. Nach Lektüre seines Romans „Das bin doch ich“ erwartet man sich von der Bühnenversion etwas Frisches, Kabarettartiges, ein wenig Klamauk, vor allem aber Humor, damit den Schülern und auch uns, die wir allesamt schon lange nicht mehr im Schauspielhaus gewesen sind, das Theatergehen nicht ganz so schwer fällt.

Wer schon einmal im „3. Rang“ des Grazer Schauspielhauses gesessen ist, weiß, dass man dort oben erstens keine Höhenangst haben darf, zweitens gute Augen braucht und drittens auf Sitzkomfort keinerlei wert legen sollte. Aber zum Studentenpreis von 7 Euro wird man sich auch nicht beschweren dürfen. Wir sitzen in der ersten Reihe und wenn wir uns ein bisschen über die Brüstung schieben, sehen wir fast die ganze Bühne. Einzig jener Teil der Lichtanlage, der hier vom dritten Rang die Bühne erleuchtet, blockiert mir die Sicht auf den halbrechten Bühnenrand. Solchen Einschränkungen begegnet man am besten mit Arroganz („Brauch ich eh nicht“) oder altösterreichischem Alltagsfatalismus („Man kann eben nicht immer alles haben“). Ich tröste mich außerdem damit, dass ich auf meinem Sitzplatz die Arme auf die Brüstung legen und so in der Art eines Thomas Bernhard betont gelangweilt dem Geschehen auf der Bühne beiwohnen kann. Bernhard lümmelte bekanntlich gerne bei den Proben seiner Stücke im Burgtheater in der Loge. Dort ließ er sich zu bösen Texten über das Burgtheater im Allgemeinen, und die Burgtheaterschauspieler im Besonderen inspirieren. Die waren nämlich seiner Meinung nach alle schlecht. Außer die, die gut waren, und nur diese durften seine Stücke spielen.

Im Theater ostentativ lümmeln: Das wäre meine persönliche Rache am gespreizten Theaterpublikum. Dass davon heute zu wenig da sind, wurmt mich jetzt wieder ein bisschen. Dafür deutet der Mittdreißiger, den ich mit seiner Freundin zuvor im Foyer gesehen habe, auf mich. Leider kann ich seinem Gesichtsausdruck nicht entnehmen, ob er seine Begleitung etwas entrüstet darauf aufmerksam macht, dass hier jemand lümmelt, oder ob er mir neidig ist, dass ich meinen Kopf auf ein sanftes Ruhekissen aus Ärmeln betten kann, welches, von der Brüstung gestützt, den komfortabelsten Theatergenuss verspricht, den der dritte Rang zu bieten hat. Gut, dass er nicht sieht, wie ich meine Beine zwischen Sitz und Brüstung quer legen muss, um meinen Oberkörper nahe genug an den Balkon zu bekommen. Mit Komfort hat das nämlich wenig zu tun. Aber man gewöhnt sich daran, so wie man sich im Flugzeug an die zu engen Sitze gewöhnt, schon allein deswegen, weil man keine andere Wahl hat.

Warum sind wir eigentlich hier? Weil Thomas Glavinic uns in seinen Roman hineingeschrieben hat und wir deswegen neugierig sind, wie die Szene auf der Bühne verarbeitet wird. Aitzerl, der Kellner aus jenem Grazer Lokal, das der Szene im Buch als Vorbild dient, hat gesagt, dass, wenn er sich selbst als Figur auf der Bühne entdeckt, er im Theatersaal aufspringen und „Das bin doch ich!“ schreien wolle. Was zunächst nach einer ganz witzigen Idee geklungen hat, wirft jetzt, da wir tatsächlich im Theater sitzen, doch einige praktische Fragen auf. Was, wenn ihn gar keiner hört, weil dieser Satz vom dritten Rang gerufen vermutlich akustisch gar nie seinen Weg ins Parterre findet? Und falls doch: Wie soll der Rest des Publikums den aufgesprungenen Aitzerl erkennen? Von unten sieht man doch über den Balkon des dritten Rangs gar nicht drüber. Vielleicht ließe sich noch ein empört erhobener Finger erkennen. Aitzerl müsste sich, um erkannt zu werden, den Oberkörper auf die Brüstung legen und nach unten schauen, dem Foyerpublikum geradewegs in die erstaunten Gesichter. Und dazu müsste er einen Finger fuchtig nach vorne strecken. Dann allerdings würden die Theaterbesucher im Parterre womöglich glauben, er versuche sich an einer Nachstellung dieser Türkenfigur, die sich aus einem Sims des Palais Saurau in der Sporgasse lehnt. Und wenn sie ihn dann sehen, was dann? Hören die Schauspieler zu spielen auf? Erwartet Aitzerl sich Zurufe wie „Was, echt?“, „Oag!“ oder „Geil!“? Über solche Dinge sollte man sich aber gar keine Gedanken machen. Das große „Was dann?“ hat ja schon zu viele gute Ideen im Keim erstickt.

Das Stück fängt an wie eine Lesung. Nach etwa zwei Minuten vergesse ich, dass es sich um ein Theaterstück handelt und folge gespannt dem Text, den der Schauspieler, der Thomas Glavinic darstellt, vorliest. Ein wenig enttäuscht bin ich dann, als das Stück dann tatsächlich los geht, als die Figur Thomas Glavinic die Lesung unterbrechen muss, weil ein Teil der Bühne auf einmal von selbst nach oben fährt. Schade, jetzt ist die Lesung vorbei... Und das mit der Bühne, naja. Aber irgendwie muss es doch „anfangen“. Recht schnell verwandelt sich das Stück in eine irre Achterbahnfahrt durch den Alltag eines allzu menschlichen Autors, der sich von Dusche zu Dusche und von einem alkoholischen Getränk zum nächsten hantelt, während er dazwischen von allerlei lästigen Mitmenschen belagert und genervt wird. Das ganze ist auf der Bühne höchst unterhaltsam umgesetzt: Das Leben als permanentes Kasperltheater der sozialen Unannehmlichkeiten. Die Verdichtung von Raum und Zeit und die Zusammenführung von realem Geschehen und Innenleben der Hauptfigur auf der Bühne lässt den Theaterbesucher die allgegenwärtige beklemmende Lästigkeit der Welt sehr gut nachempfinden. Wir werden gut unterhalten und freuen uns schon auf die Szene, die in dem Grazer Lokal spielen soll.

Dann ist es soweit. Thomas Glavinic (also die Figur) befindet sich in Graz und geht zu einer Ausstellung seines Freundes Erwin Michenthaler in dieses Grazer Lokal: Wir, die Theaterbesucher, die sich sonst aus eben jenem Lokal kennen, in welchem Thomas Glavinic vor Jahren gewesen sein soll, was wir damals nicht gewusst haben, was uns aber eben jener Erwin Michenthaler bestätigt hat, sitzen im dritten Rang des Grazer Schauspielhauses. Tumult auf der Bühne, Glavinic (die Figur!) ist im Lokal, er wird angetanzt und betatscht und eine Frau kreischt „Child in Time“ von Deep Purple. Die Frau, die hier dargestellt wird, kennen wir natürlich und sie hat jahrelang nicht gewusst, dass sie in einem Roman vorkommt. Heute ist sie im Theater nicht dabei (also als Figur schon, aber nicht als Zuseherin). Ich glaube, sie ist beleidigt. An dem Abend, an dem sie erfahren hat, dass sie eine Roman- und Theaterfigur geworden ist, war sie erstens böse auf Aitzerl, weil er ihr das nie gesagt hat. Der Roman ist immerhin bereits 2007 erschienen. Zweitens war sie böse auf Thomas Glavinic („Was glaubt denn der eigentlich? Darf denn der das? Dem werd ich was erzählen!“). Wir haben ihr gesagt, sie soll mit uns ins Theater gehen und dann bei der Lokal-Szene selbst aufstehen und zu schreien beginnen, damit die Leute wissen, wer das wirklich ist. Hat sie aber nicht gemacht. Deswegen haben wir heute nur einen dabei, der aufspringen und „Das bin doch ich!“ schreien kann – den Aitzerl.

Das soll bei der Armdrück-Szene passieren, in der Thomas Glavinic (die Figur) mit Tolya (die Figur von Aitzerl) Arme drückt. Gleich muss es soweit sein. Jemand schreit auf der Bühne „Armdrücken!“ und man sieht, wie die Figur des Thomas Glavinic mit zwei anderen Figuren gleichzeitig armdrückt. Was soll das? Das passt jetzt überhaupt nicht in die Szene! Der soll doch mit Tolya Arm drücken! Aitzerl sitzt aufrecht und unschlüssig in seinem Sitz am dritten Rang und starrt auf die Bühne hinab. „Jetzt!“, rufen wir ihm zu. Auf der Bühne rangeln die Figuren armdrückenderweise mit einander. Gleich wird das vorbei sein. Mir ist die Szene immer noch rätselhaft. Im Buch war das irgendwie einleuchtender. Das Gerangel auf der Bühne ist völlig deplatziert. Etwa so deplatziert wie jetzt ein Aufspringen und „Das bin doch ich!“-Rufen von Aitzerl wäre. Doppelt deplatziert nämlich. Erstens, weil es sich nicht gehört und zweitens, weil es gar nicht stimmt.

Die Figuren lösen sich von einander, der Glavinic-Schauspieler stolpert rückwärts. Wen die beiden anderen Schauspieler gerade dargestellt haben, lässt sich schwer sagen. Einer davon muss Tolya, also Aitzerl, gewesen sein. Vorbei, die Szene ist vorbei. Es ist zu spät. Eigentlich ist gar nichts passiert, wir sind immer noch völlig überrascht davon, dass die Armdrück-Szene so ganz anders dargestellt wurde. Und wir fragen uns, was sie in dieser Form auf der Bühne verloren hat. Etwas ratlos schaue ich zu Aitzerl rüber, der in diesem Moment aufspringt und schreit: „Aber das war doch gar nicht ich!“

Der Glavinic-Schauspieler richtet seinen Blick kurz in das Dunkel des Raums. Auf die Idee, dass der Satz vom dritten Rang gekommen sein könnte, kommt er gar nicht. Er hat sich nur leicht aus dem Konzept bringen lassen und setzt seinen Monolog gleich wieder fort. Ein paar ältere Damen (Theaterpublikum! Endlich!) im Parterre blicken sich suchend um, schauen in die Logen und wissen gar nicht, wie falsch sie da liegen. Der Mittdreißiger und seine Freundin lachen kurz, Aitzerl dreht sich entrüstet zu ihnen um und sagt aufgebracht: „Aber das hätt doch ich sein sollen!“ Ein paar andere Zuseher auf dem dritten Rang schütteln die Köpfe, eine Dame hinter Aitzerl sagt im reinsten Städter-Deutsch: „Geh, setzen’s Ihnen wieder hin!“ Aitzerl bemerkt die Vergeblichkeit seiner Bemühungen, die Nicht-Identität zwischen Figur und ihm festzustellen, und setzt sich wieder. Den Rest des Stückes verfolgt er Fingernägel kauend.

„Blöd war das“, sind wir uns dann im Foyer einig. Die Armdrück-Szene wurde nicht zu unserer Zufriedenheit dargestellt. „Ich hätt auch nicht aufspringen sollen“, sagt Aitzerl ein wenig geknickt. Wir sagen ihm, dass es gut und richtig gewesen wäre, aufzuspringen, wenn er, Aitzerl, in der Figur des Tolya tatsächlich auf der Bühne aufgetreten wäre. Aber so war es halt ein bisschen seltsam. Die Feststellung eines Zuschauers, so der Konsens, dass es sich bei der Figur auf der Bühne NICHT um ihn handelt, hat einfach keinen Exklusivitätsanspruch. Das könnte ja jeder von sich behaupten und zwar bei jedem Stück. Und das Stück heiße nunmal „Das bin doch ich!“ und nicht „Das bist doch du!“.

Auf dem Weg in das nächstgelegene Lokal, in das wir gehen, um den doch sehr gelungenen Theaterabend zu beschließen, denke ich mir, wie das für Thomas Glavinic gewesen sein muss, als er das Stück zum ersten Mal gesehen hat. Wer, wenn nicht er, hätte die Lizenz zum „Das bin doch ich!“-Schreien? Aber wenn dann ein Autor, der Thomas Glavinic heißt, in einem Stück sitzt, das auf einem Roman basiert, den er über einen Autor, der Thomas Glavinic heißt, geschrieben hat, und dann dem Schauspieler, der die Figur Thomas Glavinic spielt, zuruft, dass das doch er, nämlich Thomas Glavinic selbst, sei, dann hat mir das persönlich zu viele Ebenen, auf denen sich jeweils mindestens zwei Katzen gegenseitig in den Schwanz beißen. Und das wäre dann lächerlich und deswegen hat das Thomas Glavinic wohl auch nicht gemacht. Dann lieber ein Kellner, der sich selbst im Stück wider Erwarten NICHT wieder erkennt, und dann betroffen feststellt: „Aber das bin doch gar nicht ich!“

Donnerstag, 15. September 2011

Newer Leans?

Das englische Adjektiv „lean“ erscheint mir als eine nette, elegante Art, kümmerliche Dinge zu beschreiben. Wo immer ein bisschen zu wenig vorhanden ist, sage man „lean“ und schon klingt es wie eine edle Eigenschaft. Manche mögen behaupten, dass in New Orleans vieles „lean“, manches sogar zu „lean“ ist, dass die Beschreibung einiger Dinge stärkere Wörter wie „shabby“ oder gar „desolate“ verlangen würde. Das sind aber genau solche Leute, die einen ungläubig anstarren, wenn man ihnen erzählt, dass man vorhabe nach New Orleans zu fahren. Leute, die einen den blödsinnigen Tipp geben, ein Schlauchboot mitzunehmen. Blödsinnige Leute eben.

Gegen die gemeine Verunglimpfung durch euphemistische, substantivierte Adjektive, vor allem in Verbindung mit einem ironisch-antagonistischen „newer“, wehren sich die New Orleanians schon mit der Aussprache des Namens ihrer Stadt. So betonen sie stolz die erste Silbe von Orleans und nicht das New. Anstatt eines „Newer Leans“ erhält man so ein staunendes „New Oah!leans“. Damit sollen sich vor allem die Anfänger beschäftigen, denn gerade diese sollen gefälligst das Staunen lernen. Fortgeschrittene dürfen dann „N'awlins“ sagen - lässig, informiert und Kaugummi kauend.

Warum soll man also das Staunen lernen in New Orleans? Ein alter Grieche hat einmal behauptet, im Staunen liege der Beginn der Philosophie. In New Orleans braucht man aber keine Philosophie, sondern nur Augen und vor allem Ohren. Das Staunen in New Orleans gleicht vielmehr jenem Staunen, mit dem man zum ersten Mal einen Song seiner zukünftigen Lieblingsband hört. Ein aufgeregtes „Was ist das?“ schleicht einem langsam ins Bewusstsein, wird immer dringlicher und nimmt einen schließlich ganz ein. Man will um jeden Preis wissen, worum es sich bei dem, was man da gerade hört, handelt. Doch das ist zunächst ein rein informatives Verlangen. Denn bald will man wissen, warum das einen Staunen macht, was hier genau passiert und warum es einen nicht mehr loslassen will. So ist das auch mit New Orleans.

Wenn Savannah die hübsche Perle der Ostküste ist, dann ist New Orleans ihre wildere Cousine am ölverdreckten Golf von Mexiko, die sich die Haare färbt, sich tätowieren lässt und Drogen nimmt: gefährlicher, aber auch interessanter. New Orleans ist wild. Das sieht man nicht nur an den vielen Ambivalenzen, die sich einem sehr bald zeigen, sondern vor allem an der Vielfalt der kulturellen Entitäten dieser Stadt. Das Essen zum Beispiel, das hier einen noch höheren Stellenwert genießt als im restlichen Amerika (hier aber zu Recht!), ist ein fröhliches Potpourri aus karibischer, afrikanischer, amerikanischer, mediterraner und französischer Küche, welches mit den gängigen Begriffen (Cajun, kreolisch, Soul food) nur unzulänglich beschrieben werden kann. Aber auch hier ist man weniger philosophisch, begriffsanalytisch unterwegs, sondern verlässt sich auf die Sinne. Und deswegen gibt es in New Orleans kein schlechtes Essen.

Das allerwichtigste aber ist die Musik. Davon gibt es nämlich auch keine schlechte. Wandert man abends durch das French Quarter, tönen aus jeder noch so kleinen Bar Jazz, Blues, Funk und Soul in allen möglichen Varianten – und vor allem in einer von einem Mitteleuropäer noch selten gehörter Qualität. Hier hört man Künstler, die großteils im New Orleans Sound aufgewachsen sind, die von Kindesbeinen an mit ihrem Instrument beschäftigt waren. Künstler, die sich vor allem mit der Kultur ihrer Stadt, d.h. mit ihrer Musik identifizieren. Hat man in einer Bar zwei Acts an einem Abend gehört und will man nicht gleich in die nächste schleichen, obwohl es von dort so verlockend herausgroovt, setzt man sich in sein Auto und dreht das Radio an: schon wieder gute Musik! Musik ist hier allgegenwärtig, unausweichlich, ein Lebenselixier für die Menschen dieser Stadt und bald auch für jeden Besucher. Jeder hier lebt und atmet den Jazz. Und darum gibt es in New Orleans keine schlechte Musik.

Katrina – auch dieses Wort ist allgegenwärtig. Sechs Jahre nach dem verheerenden Hurrikan sind zwar noch Spuren davon sichtbar. Aber New Orleans ist nicht Haiti, und auch wenn damals in Sachen Katastrophenhilfe nicht alles besonders gut gelaufen ist, muss man sagen, dass sich die Stadt recht gut von Katrina (und Rita) erholt hat. Mit Unglücken dieser Art gehen Menschen nämlich erstaunlich produktiv um. Wenn eine Gemeinschaft ein Desaster dieser Art überlebt, wird sie stärker, selbstbewusster. Das sieht man an New Orleans nach Katrina genauso wie an New York nach 9/11. Waren die New Orleanians vorher schon etwas Besonderes, so muss ihnen das nach Katrina noch bewusster sein. Ich würde behaupten wollen, dass sich die Einwohner von New Orleans weniger amerikanisch fühlen als Amerikaner in anderen Teilen des Landes. Zum Beispiel übersteigt die Zahl der New Orleans Saints-Flaggen (hiesiges NFL-Team) und jene der fleurs-de-lis bei weitem die der Stars and Stripes. Man ist sich seines Sonderstatus gründlicher bewusst – und Katrina hat dazu wohl auch einiges beigetragen.




New Orleans muss man erlebt haben, und zwar nicht nur zur Mardi Gras Zeit. Kaum eine andere amerikanische Stadt bietet eine vergleichbare kulturelle Vielfalt, keine andere Stadt ist so schön und hässlich zugleich bzw. tritt in keiner anderen Stadt das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen so greifbar hervor. New Orleans fehlt vielleicht jene Schicht des Euphemistischen, die die Amerikaner überall sonst vor der unmittelbaren Brutalität der Wirklichkeit schützt. Authentizität wie in Savannah, möchte ich fast sagen – aber noch ein bisschen exklusiver, ein bisschen rauer und unmittelbarer. Die vielen Amerikaner, die New Orleans besuchen, verwechseln das mit Unterhaltung – obwohl für diese natürlich auch gesorgt ist. Sie glauben, New Orleans ist eines dieser vielen Märchenländer, die es in den USA zum reinen Vergnügen ihrer Besucher gibt. Das ist freilich eine krasse Fehleinschätzung, aber die New Orleanians wären schön blöd, wenn sie das nicht ausnutzen würden. Deswegen gibt es die Bourbon Street – jene Partymeile, die einem ernsthaft Interessierten schon von weitem suspekt sein muss und die gefälligst zu meiden ist. Um New Orleans muss man sich schon ein bisschen bemühen. Die Entschädigung für das Bemühen aber ist das Staunen-Dürfen über die vielleicht interessanteste Stadt der USA: N'awlins, NOLA, 504, The Big Easy..., keinesfalls aber „Newer Leans“!