Samstag, 9. Juni 2012

Tölpel und Torpedos

Es ist schön, wenn Turniere mit Überraschungen starten, und das, obwohl die gestrigen Paarungen zunächst nichts Vielversprechendes erwarten ließen. Polen hat sich im Eröffnungsspiel gegen Griechenland sehr stark verkauft – das war kreativer und agiler Fußball, den zwar einige erwartet haben, den man sich aber nicht vorstellen konnte, bis man ihn gesehen hat. Es gibt ja den Begriff des Trainingsweltmeisters (bzw. Trainingseuropameisters), und Polen hätte ich für so einen gehalten – brave Vorbereitung, brauchbares Spielermaterial plus den nötigen Biss daheim vor eigenem Publikum. Das Problem mit solchen Europameistern, wo vorne noch das „Trainings-“ dran hängt, offenbart sich im Unterschied zwischen Theorie und Praxis bzw. eben Training und Wettkampfbedingungen. Plötzlich gibt es da elf andere Akteure, die an allem möglichen interessiert sind, nur nicht an einem Trainingsspiel nach den hauseigenen Gepflogenheiten. Erfahrene Mannschaften können dies zu einem gewissen Grad ausblenden und trotz allem ihr Spiel aufziehen. Polen aber lässt sich noch zu sehr vom Gegner verunsichern. Eine schlechte Voraussetzung, würde man meinen.

Griechenland wehrte sich bis zuletzt, auch wenn sie den Polen spielerisch unterlegen waren – oder gerade deswegen. Irgendwie haben sie gespürt, dass, wenn man nur lange genug lästig ist, sich gegen die Polen Chancen auftun. Und so haben sie dann endlich auch ein Tor erstolpert, das gar nicht einmal so unverdient war, und das der oberlästige Salpingidis erzielt hat: Abgezwickte Wirbler mit allzu dichtem Bartwuchs, die die ganze Zeit so einen klagenden, weinerlich-kindlichen Blick haben, als stünden sie aller Ungerechtigkeit der Welt gegenüber, die sind immer gefährlich – das ist eine alte Fußballweisheit!

Griechenland hat es dann auch noch verstanden, sich einen Elfmeter zu erspielen, Polens Torwart mit dem herausfordernden Namen Szczesny musste daraufhin gehen und herein kam Tyton, der polnische Namensvetter von Oli Kahn also. Und der hielt dann auch gleich in der Manier desselben einen schlecht geschossenen Elfmeter, wendete also die Katastrophe (ein Wort, von dem man spätestens seit Rehakles-Zeiten weiß, warum es aus dem Griechischen stammt) ab und rettete für Polen ein Unentschieden, mit dem sie nicht zufrieden sein können.

Gegen die Sbornaja nämlich (den Namen haben wir alle seit 2008 vermisst) wird es für Polen mit Sicherheit noch schwieriger. Die Russen sind gestern nämlich wieder ähnlich aufgetreten wie schon vor vier Jahren: Mit einem Haufen wenig bekannter bis unbekannter Gesichter (die große Mehrheit spielt ja daheim in Russland), einem taktisch gepflegten, holländischen Spiel und der schönsten Nationalhymne der Welt. Freilich ist dieses Team nicht so stark wie noch vor vier Jahren und freilich blieben die Tschechen auch etwas hinter den Erwartungen zurück, aber wer uns vier Tore in einem Spiel beschert, der darf gelobt werden.

Das russische Offensivspiel ist beeindruckend – wenn es erstmal in Gang gekommen ist, und vor allem, wenn es auf ein überfordertes tschechisches Mittelfeld trifft. Weniger beeindruckend ist die Erfolgsquote der russischen Spitze, Alexander Kerschakow: Der Mann hätte sich gestern schon vorzeitig zum Rekordtorschützen des Turniers machen können, denn er wusste zwar, sich sehr intelligent zu bewegen, aber das Schießen des (auch ruhenden) Balls gelang ihm nur unbefriedigend. Dafür traf der junge Dsagojew zwei Mal, ein Wirbler im besseren Sinne als oben genannt.

Überhaupt: Schirokow, Dennisow, Arschawin, Syrjanow – die ganzen Zenit-St.Petersburg-Leute, das ist der Kern der viel zitierten russischen Dampfwalze, des post-sozialistischen Kolchosen- und Kombinatsfußball dieser wieder mal hoch sympathisch auftretenden russischen Mannschaft. Vorbei die Zeiten, als uns traurig versoffene Männer mit roten Haaren aus den Pickerlheften entgegen blickten, ihre Gesichter sämtlicher Hoffnung beraubt. Das neue Russland ist wie Arschawin beim Interview nach dem Spiel: Jung, bescheiden, irgendwie ahnungslos und froh, wenn es vorbei ist. Aber es ist auch wie Roman Pawljutschenko: frech, furchtlos und abgebrüht (siehe sein Tor zum 4:1). Oder wie Dsagojew: enthusiastisch, engagiert und ein bisschen lästig. Leider ist es auch ein bisschen wie Kerschakow: intelligent, aber mit Hang zum tragischen In-den-Permafrost-Hineintreten.

Man darf gespannt sein, ob sich Polen vom verpatzten Auftakt erholen kann, ob die Russen so weiter machen, und ob bei Tschechien und Griechenland noch was drin ist. Am Dienstag werden wir es sehen und bis dahin sind wir froh, von der Gruppe A nichts hören zu müssen. Ich ziehe mich einstweilen zurück und übe wieder ein bisschen die holländische Hymne, denn zur deutschen singe ich wie eh und je: „Gott erhalte Franz den Kaiser!“


Visage des Tages:

Dick Advocaat, den ich fast nicht erkannt habe. Er hat etwas sympathisch Versoffenes, nämlich eine russische Schnaps-Nase mit holländischen Augen. Schon eine Vertrauensfigur, aber ich möchte irgendwie nicht vor ihm stehen müssen.


Schön zu sehen:

Wie Howard Webb die Partie Russland gegen Tschechien flott gehalten hat. Toller Typ, unglaublich abgeklärt und völlig unnervös – im Gegensatz zu seinem spanischen Kollegen vom Eröffnungsspiel.


Aus der Kategorie „Hä? Geht's noch?“:

Nach dem ersten Spiel erscheint Josef Hickersberger auf dem TV-Bildschirm; neben ihm steht Roman Mählich. Ich schalte ab; am Abend schaue ich ARD.

Freitag, 8. Juni 2012

Mitfavoriten und Sorgenkinder

Heute geht’s endlich los! Die voraussichtliche Wappler-Gruppe A lässt uns aber noch ein wenig Zeit, uns mit der äußerst interessanten Gruppe D zu beschäftigen, denn die EM geht ja irgendwie doch erst morgen los.

Interessant ist die Gruppe D vor allem wegen Frankreich und England. Schweden, das vor ca. 20 Jahren das letzte Mal richtig gut war (immer wieder erschrecke ich darüber, dass ich mich daran noch so gut erinnern kann – an die Lagerbäck-Zeiten mit Thomas Brolin, Martin Dahlin, Henrik Larsson und Thomas Ravelli), bleibt jedoch weiterhin eine hoch sympathische Mannschaft, die unangenehm zu spielen ist. 31 Tore hat dieses schwedische Team in der Qualifikation geschossen, womit ihm in der Gruppe der zweite Platz hinter Holland (37 Tore) sicher war. (Übrigens hat nur Deutschland als drittes Team mehr als 30 mal getroffen.) Wir dürfen also vermuten, dass Schwedens Offensive durchaus in Ordnung ist. Diese dreht sich um Zlatan Ibrahimovic, den eitlen Geck, ohne den Schweden normalerweise besser spielt, was aber keiner wahrhaben möchte, weil er der letzte große Star in Schweden ist. Freilich gibt es da noch den uralten Mellberg in der Verteidigung, der aber ist schon so lange dabei, dass ihn gar keiner mehr wahrnimmt.

Schweden ist stark, wenn sie in Ballbesitz sind und nach vorne spielen können, aber hinten sieht es eher traurig aus. Teams wie Frankreich und England werden das auszunützen wissen, bei der Ukraine bin ich mir nicht so sicher. Das zweite Gastgeberland umweht immer ein trauriges Lüftchen Ostblockelend. Anders als Partner Polen kann man auf keinen nennenswerten Kader (oder schlagbare Gruppengegner) vertrauen. Auch abseits des Fußballs steht man nicht gerade solide da, und obwohl das eigentlich kein Thema sein sollte (auch bei den Griechen z.B. nicht), wird dies aufgrund der Tatsache, dass es sich um eines der Austragungsländer handelt, natürlich nicht wegzudenken sein. Natürlich zehrt man aber als Gastgeber immer auch ein bisschen vom Wohlwollen der Fans – keine Heimmannschaft hat sich ein vollkommenes Debakel verdient, auch wenn der Fußball noch so schlecht sein sollte. Die Stimmung könnte natürlich ein wenig kippen, wenn abseits des Rasens noch ein paar unangenehme Dinge passieren sollten – wovon jeder auszugehen scheint. Die Ukraine wird sich wohl mit Irland um den letzten Platz streiten müssen.

Hinter dem englischen Team steht wieder mal ein großes Fragezeichen. Das Mutterland des Fußballs kämpft erneut darum, dass der Fußball sich nicht seiner Mutter schämen muss. Das Wort „Personalprobleme“ fasst Englands Situation knapp zusammen: Trainer Roy Hodgson wurde nur einen Monat vor Turnierbeginn eingestellt und es fehlen wichtige Spieler wie Lampard verletzungsbedingt, während andere (Rio Ferdinand) aus „persönlichen Gründen“ nicht dabei sind. Katastrophal ist zudem die Sperre Wayne Rooneys – er ist bei den schwierigen Partien gegen Frankreich und Schweden nicht dabei. Sein Fehlen würde Ashley Young die Chance geben, aufzuzeigen, und auch der junge Danny Welbeck könnte sich aus dem Schatten seines gesperrten Teamkollegens bei Manchester United spielen. Ohne Rooney, so mag man meinen, stimmt oft die Moral nicht. Rooney ist nämlich das, was Stefan Maierhofer für Österreich gerne sein würde – ein Moralmotor und eine Energiezelle. Sollte England aber seinen Ausfall kompensieren können, werden sie nach seiner Rückkehr zu einem ernstzunehmenden Mitfavoriten.

So einer sind die Franzosen schon von Anfang an. Nach der Katastrophen-WM vor zwei Jahren und der Suspendierung des dummen Domenech kann aber alles nur noch besser werden. Und es sieht ganz danach aus, dass genau das auch passieren wird: Die Offensivabteilung mit Ribery, Malouda, Nasri und Benzema ist nicht nur hochklassig besetzt, sondern kann auch hochklassig agieren. Im Extremfall wird bei Frankreich das Positionsspiel aufgegeben und dann wirbelt es da vorne ordentlich herum – Teamchef Laurent Blanc hat diese Offensiv-Fluidität in der Vorbereitung erfolgreich getestet. Es handelt sich dabei um eine Kräfte zehrende und hochriskante Variante, die wohl nur phasenweise ausgespielt werden wird. Mit besagtem Personal aber ergeben sich überraschende Kombinationsmöglichkeiten, die jedem Gegner gefährlich werden können, und so steht zu erwarten, dass Schweden und England damit ihre Probleme haben werden. Aber auch Frankreich muss sich bei dieser EM erstmal bewähren und zeigen, dass es wieder Fußball spielen kann und will. Wenn alles gut geht, sind sie ein Final-Tipp, wenn nicht, dann ist im Viertelfinale Schluss. Die Gruppenphase sollten sie aber locker überstehen.


Worauf wir uns freuen können:

Das erste Spiel Frankreich gegen England wird spannend. Erstens handelt es sich dabei quasi um einen Klassiker des europäischen Fußballs und zweitens wissen wir wirklich erst nach diesem Spiel, was von den beiden Mannschaften zu erwarten ist. Damit sind Frankreich, England und Italien die drei Allzeit-Mitfavoriten, von denen wir diesmal noch fast gar nichts wissen.

Wir sollten uns auch die Schweden genau ansehen. Sie sind die interessanteste „dritte Mannschaft“ des Turniers und haben mit Frankreich und England die vielleicht unsichersten „logischen Favoriten“ an der Gruppenspitze.


Bemerkenswerte Namen: 

Joleon Lescott (ENG): Abwehrspieler von Manchester City; sein Name ist eine Mischung aus Lässigkeit und Tradition. Wäre Basketball in England von Belang, würde er sich dafür schon allein seines Namens wegen empfehlen.

Alex Oxlade-Chamberlain (ENG): Adeliger als der Mann von Arsenal heißt im englischen Team niemand. Das Chamberlain steht der doppelten l-x-x-l-Kombination fast schon versöhnend entgegen. Sprechen Sie nach: „Alex Oxlade-Chamberlain, Alex Oxlade-Chamberlain...“

Anthony Réveillère (FRA): Ein seltsamer Name, den der Lyon-Verteidiger da hat. Der Nachname mit seinem beliebigen Akzenten und dem etwas rätselhaften „ei“ könnte auch einem Widersacher oder Mitstreiter Robespierres gehört haben. Der Vorname allerdings schlägt diese Assoziation gänzlich in den Wind. Antoine wäre da besser gewesen.

Mathieu Debuchy (FRA): Wer denkt beim Defensivspieler aus Lille nicht an einen Komponisten, wenn er den Namen hört? Wie grausam wäre es, entpuppte sich der Komponist als kruder, holzbeiniger Rumpler!

Behrang Safari (SWE): Die Zeiten, in denen 80% der Namen im swedischen Team auf „-son“ geendet haben, sind längst vorbei. Behrang Safari von Anderlecht ist das beste und exotischste Beispiel dafür. Dafür gibt’s auch gleich zwei Olssons, einen Wilhelmsson, Svensson, Larsson, Antonsson und Hansson.

Wjatscheslaw Schewtschuk (UKR): Verteidiger von Schachtar Donezk. Wer Wjatscheslaw heißt, bräuchte eigentlich nicht mehr Schewtschuk heißen, aber so ist dieser Mann doppelt gefährlich!

Mittwoch, 6. Juni 2012

Die Unberechenbarkeit des Erwartbaren

Die Gruppe C beschert uns den ersten richtigen Knaller/Kracher/Schlager, also alles, was laut ist und weh tut, dieser EM. Schon am Sonntag treffen die Favoriten Spanien und Italien aufeinander. Moment, höre ich jetzt den ersten Schlaumeier fragen, wieso Italien Favorit sein soll? Darauf habe ich eine ganz einfache Antwort: Weil Italien immer Favorit ist. Weil mit Italien immer zu rechnen ist, ganz besonders dann, wenn alle meinen, es wäre nicht mit ihnen zu rechnen. Der europäische Fußball besteht seit jeher im Wesentlichen aus Italien, Deutschland und England. Alles andere sind bessere oder schlechtere Derivate dieser drei Mannschaften. Im Unterschied zu England konnten allerdings nur Deutschland und Italien regelmäßig beweisen, dass sie ihrer ewigen Favoritenrolle gerecht werden können. Darum wird Italien auch diesmal wieder als Favorit zu handhaben sein.

Bei den Buchmachern ist freilich Spanien der große Favorit und es spricht viel dafür, dass sie auch diesmal dieser Rolle gerecht werden. Aber haben wir uns an Spanien nicht schon ein bisschen satt gesehen? Waren wir allzu traurig, dass der FC Barcelona heuer nicht im Championsleague-Finale stand? Ist Tikitaka nicht irgendwann fad, besonders wenn es gegen doppelt verstärkte Abwehrbollwerke wirbelt? Wie lange können wir Xavi, Iniesta und Co. noch dabei zusehen, wie sie nicht nur ihre Gegner, sondern immer öfter auch sich selbst verblüffen? Und glauben wir wirklich, dass Spanien den dritten internationalen Titel in Folge gewinnt bzw. wollen wir das überhaupt? Natürlich ist es dem Fußballgott herzlich egal, was wir wollen oder nicht wollen, denn er kennt nur das Gesetz des Fußballs, das er selber erfunden hat, und das wir, wie die alten Griechen es schon sagten, nicht erschauen können. Deswegen lässt uns Fußball so oft ratlos zurück.

Möglich ist in dieser Gruppe wieder mal (fast) alles. Italien ist unberechenbar, Wettskandale hin oder her. Wer die Italiener kennt, weiß, dass es sich um ein Volk handelt, das gewohnt ist, mit Krisen umzugehen. Die Italiener halten sich selber genauso für korrupt wie alle anderen Länder die Italiener für korrupt halten; soll heißen: Der Wettskandal überrascht niemanden wirklich und geht in Wahrheit allen am Allerwertesten vorbei. Italiener lieben Fußball und sie wollen Fußball spielen – auch wenn dieser Fußball dann nicht immer schön anzusehen ist. Die Abwehr war im italienischen Team auch nie ein Problemfall und selbst wenn die großen Akteure der jüngeren Vergangenheit nicht mehr dabei sind, gibt es hier immer noch eine Juventus-Innenverteidigung mit Chiellini und Bonucci – und Juventus hat heuer in der Serie A kein Spiel verloren. Vorne gab's dann auch immer irgendwen, der ein Tor erstolpert hat. Und wer ein Tor mehr schießt als der Gegner, gewinnt im Normalfall. Wirklich weh tun können den Italienern in dieser Gruppe eigentlich nur die Spanier - und das dürfte selbst für den amtierenden Europameister schwer genug werden.

Mit Kroatien haben wir in dieser Gruppe auch einen ewigen Geheimfavoriten am Start, den man, auch in Bezug auf die Übermacht der beiden Gruppenfavoriten, gerne mit Portugal vergleichen darf. Auch hier gilt, dass das kroatische Team leider nicht nur auf die eigene Leistung vertrauen kann, sondern auch davon abhängig ist, was Italien und Spanien zulassen; und das dürfte sehr wenig sein. Die Kroaten haben aber den Vorteil, dass zwischen ihnen und Irland genügend Luft sein sollte, sodass sie sich ganz darauf konzentrieren können, gegen die Großen anständig Ärger zu machen. Spielen Spanien und Italien im ersten Spiel unentschieden, und gewinnt Kroatien erwartungsgemäß sein Spiel gegen Irland, hätten sie sich eine gute Ausgangsposition geschaffen, aus der dann alles mögliche entwachsen kann. Verlieren sie gegen Irland, dann ist das letzte Cevapcici allerdings gegessen und sie können im Grunde schon einpacken.

Irland ist der große Außenseiter in der Gruppe C. Von denen ist gar nichts zu erwarten, und sollten sie aus dieser Gruppenphase auch nur einen Punkt mit nach Hause nehmen, wäre das schon als Erfolg zu sehen. Mannschaften wie die irische haben im besten Fall Stolperstein-Charakter, füllen also zumindest eine wichtige dramatische Rolle aus. Es müsste bei den anderen schon viel schief gehen, damit Irland auch nur die Ahnung eines Viertelfinales erschnüffeln könnte.

Wir erwarten in der Gruppe C also ein Weiterkommen der Favoriten, hoffen aber darauf, dass Kroatien ein bisschen Wind in das zweite Spiel mitnehmen kann. Voraussetzung dafür ist, wie gesagt, ein Sieg gegen Irland. Es folgt dann das Spiel gegen Italien, in das man als Tabellenführer gehen könnte, keinesfalls aber als Favorit. Spiel Nummer eins zwischen Spanien und Italien ist auch nur bedingt aussagekräftig, wenn wir uns daran erinnern, dass Spanien bei der letzten Weltmeisterschaft sein erstes Spiel gegen die Schweiz verloren hat. Ein Sieg der Italiener wäre für diese ein Motivationsschub, für Spanien aber noch lange kein Grund zur Sorge. Obwohl, man sagt ja, dass es bei einer EM keine Jausengegner gibt...

Ich halte es für möglich, dass sich in der Gruppe C ein späterer Finalist befindet. Irland wird es aber nicht sein... Spanien übrigens auch nicht!


Worauf wir uns freuen können:


Auf das Auftaktspiel der Gruppe Italien gegen Spanien, auch wenn die Aussagekraft der Begegnung beschränkt sein wird. Die Kroatien-Spiele dürfen wir mit Spannung verfolgen, und Irland kann eigentlich nur überraschen.


Bemerkenswerte Namen:


Álvaro Arbeloa (SPA): Der Abwehrmann von Real Madrid darf seinen Eltern danken für diese Namenskombination. Sein voller Name ist sogar Álvaro Arbeloa Coca. Fügte man diesem Wonneklang noch ein Cola hinzu, und würde er dann nicht wie ein Brausegetränk heißen, wäre es fast schon kitschig.

Giorgio Chiellini (ITA): Die besten Namen haben doch immer die Italiener. Der Juve-Verteidiger klingt wie eine Nudelsorte oder eine süditalienische Süßspeise.

Alessandro Diamanti (ITA): Mittelfeld-Ersatzmann vom FC Bologna. Ob er so hochkarätig ist, wie sein Name vermuten lässt, wird sich erst weisen.

Darren O'Dea (IRL): Verteidiger von Celtic Glasgow, der sich mit dem Sunderland-Spieler John O'Shea O' so nicht rhymt. Warum das so ist, weiß keiner. John O'Shea kann übrigens auch Tormann.

Damien Duff (IRL): Fulham-Mittelfelder, dessen Name irgendwie erfunden und nach irischem Kinderbuchhelden klingt.

Gordon Schildenfeld (CRO): Der Abwehrspieler von Eintracht Frankfurt steht mit seinem Namen im kroatischen Nationalteam zwischen den ganzen a's und ic's so ganz alleine da. Der Name erklärt sich aus deutschen und österreichischen Vorfahren.

Montag, 4. Juni 2012

Mörder unter sich

Die Welt meint es nicht gut mit C. Ronaldo, dem Drei-Wetter-Taft-Cowboy von der Blumeninsel Madeira. Ich schreibe C. Ronaldo, weil Cristiano so ganz ohne „h“ erstens immer unangenehm falsch aussieht für unsere Augen, und zweitens der allzu kundige Fußballfan dazu verleitet würde, das s wie „sch“ auszusprechen. Das ist zwar dem Portugiesischen durchaus gerecht, macht aber ein bisschen unsympathisch. Und wenn es um C. Ronaldo geht, wabert immer schon so viel Unsympathisches am Lößboden des Diskurses, dass man sich nicht extra mühen braucht, es noch unsympathischer zu gestalten. Warum jetzt Lößboden, fragt der Geologie-affine Fußballfan, und ich kann es ihm nicht beantworten, sondern nur vermuten, dass, immer wenn es um C. Ronaldo geht, ich mich nur allzu gerne von scheinbar Unwichtigerem und Uninteressanterem ablenken lasse...

Zurück zum Haargel-Bomber aus Funchal. (Funchal ist übrigens die Hauptstadt von Madeira und der Name bedeutet so viel wie Fenchel. Fenchel ist meistens grauslich, denn sein bitter-süß-seifiger Geschmack macht sich höchsten im Tee gut. C. Ronaldo selbst ist auch ein bisschen fenchelig, wenn ich das mal so behaupten darf, ob man ihn allerdings deswegen in den Tee tun sollte, ist fraglich. Schon wieder schweife ich ab...)

C. Ronaldo – das C. müssen Sie mir lassen, sonst verwechselt man ihn mit dem brasilianischen Riesenbaby – hat ja bekanntlich im Halbfinale der Championsleague beim Elfern verschossen. Damit ist er jetzt ungefähr auf einer tragischen Ebene mit Roberto Baggio und Arjen Robben. Obwohl: Nein, denn diese Herren haben ja jeweils in Finalspielen verschossen, bei einem der beiden handelt es sich zudem um einen Foul-Elfmeter-Schützen. Aber egal, denn der wesentliche Unterschied zwischen C. Ronaldo und allen anderen tragischen Elferschützen dieser Erde ist der, dass dem Portugiesen so etwas komplett egal zu sein scheint. C. Ronaldo grämt sich nicht über einen verschossenen Elfer, viel eher ist er wütend auf den Ball, der so hoch geflogen ist, oder das Tor, das zu niedrig war. C. Ronaldo scheint ein Teflon-Mann zu sein, an dem nichts haften bleibt – außer das Haargel eben.

Diese Eigenschaft mag für einen Sportler ein großer Vorteil sein, helfen wird sie C. Ronaldo wenig. Und das ist ein bisschen schade, denn die Portugiesen haben ihre Glanzzeit schon hinter sich und bedürfen eines Weltfußballers mehr denn je. Leider kann er momentan in kein funktionierendes taktisches Gewebe eingebunden werden, was für einen wie ihn spielerisch eigentlich lebenswichtig ist. Findet man für ein Talent keinen taktischen Rahmen, in dem es seine Möglichkeiten voll ausschöpfen kann, wird das Talent früher oder später meinen, das Spiel an sich reißen zu müssen. Das endet selten gut – nicht für das Talent und nicht für die Mannschaft. Diese Krankheit könnte man als Arnautovicismus bezeichnen, und Portugal läuft Gefahr, dass sein wichtigster Spieler daran erkranken könnte.

Außer...

… die beiden Gruppenfavoriten Niederlande und Deutschland provozieren bei den Portugiesen einen … so und jetzt hätte ich gerne ein schönes, bildhaftes Wort für den Effekt, den ich hier benennen will. Es geht darum, dass ein Team, wenn es das Gefühl bekommt, ohnehin nichts verlieren zu können, plötzlich zu seiner ureigensten Stärke findet – einem unbekümmerten, unverkopften Spiel, das nicht von jeglicher Taktik gelöst sein muss, in dem sich aber eine „natürliche Taktik“ den Spielern förmlich aufdrängt („von innen her“, um es esoterisch zu formulieren), und das vollkommen von den individuellen Stärken der einzelnen Akteure getragen wird; und individuelle Stärke, das haben die Portugiesen immer. Es braucht halt Köpfe wie Felipe Scolari oder vielleicht Jose Mourinho, damit diese individuellen Stärken in die richtigen Bahnen geleitet werden. Oder eben diesen Effekt, für den ich mir noch einen klingenden Namen ausdenken muss. Vorschläge sind natürlich erbeten.

Damit sind wir auch schon beim Problem der Gruppe B: Wir haben es wieder einmal mit einer „Mördergruppe“ zu tun, einer Gruppe von Mördern also, von denen jeder einzelne danach trachtet, die jeweils anderen zu morden und zu meucheln. Ganz unten wird dann erwartungsgemäß Dänemark liegen, was wieder sehr schade wäre, weil die Dänen immer beherzten und intelligenten Fußball spielen. Dänemark ist das Anti-Griechenland, was nicht heißen soll, dass die Griechen dummen Fußball spielen, aber er wirkt immer uninspiriert und ein bisschen tölpelhaft, auch fehlt ihnen das rassig-kämpferische Element, das zum Beispiel die Türkei immer gefährlich macht. Die Dänen können – und das ist das Bittere an dieser Gruppe – jeden ihrer Gegner schlagen, wenn alles gut läuft. Ich traue ihnen auch zu, dass sie Portugal schlagen und einem der anderen beiden Teams einen Punkt abringen, und ich wünsche mir so sehr, dass dies auch passieren möge, denn dann wird es erst richtig interessant in der Mördergruppe.

Was die beiden Favoriten angeht, bleibt eigentlich nur zu sagen, dass wir uns endlich wieder einmal auf ein Deutschland-Holland-Match freuen dürfen, was uns in den letzten beiden Großveranstaltungen leider verwehrt geblieben ist. Freilich handelt es sich bei beiden Mannschaften um Favoriten auf den Turniersieg – aber das sind sie immer irgendwie und meistens wird es dann doch nichts. Großartig ist aber, dass beide Länder in den letzten Jahren fußballerische Entwicklungen gemacht haben, die man so bei (fast) keinem anderen Nationalteam feststellen kann: nämlich konstante und folgerichtige, immer zielgerichtete Entwicklungen (man könnte sagen, dass im Falle Deutschlands der Titelgewinn dafür schon fast zu lange ausständig ist. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es eine Mannschaft gibt, die ihre ganz eigene Entwicklung genommen und alle anderen Entwicklungen vorweg genommen hat. Und diese Mannschaft, Spanien, stand den Deutschen allzu oft im Weg). Das Ergebnis sind taktisch komplex agierende Teams mit überdurchschnittlichem Spielermaterial, die obendrein Fußball spielen können, der zu begeistern vermag: den viel geforderten attraktiven Fußball nämlich. Wenn sie bei ihrem Aufeinandertreffen nicht zu vorsichtig agieren, könnte es natürlich das Spiel der EM, ein vorweg genommenes Finale (der Herzen!) werden. Auf jeden Fall wird es emotional. Ich tippe auf Deutschland, würde mich aber natürlich mehr über einen Sieg der Holländer freuen.


Worauf wir uns freuen können:

Weil es sich bei der Gruppe B um die Anti-Gruppe-A handelt, dürfen wir uns folgerichtig auf alle Begegnungen freuen. Deutschland-Holland hat natürlich das größte Potenzial.

Mit Aufmerksamkeit wird man die Dänemark-Spiele verfolgen müssen, vor allem jenes gegen Portugal.


Bemerkenswerte Namen:

Kasper Schmeichel (DAN): Der Sohn des großen Peter, mit dem die Dänen 1992 den Titel holten. Wird wahrscheinlich nicht zum Einsatz kommen, aber vielleicht hat das Schmeichel'sche Blut ja magische Wirkung.

Mario Götze (DEU): Der aktuelle Kader der Deutschen beinhaltet wieder einige sehr deutsch klingende Namen. Der Name des Borussia-Talents steht dafür Pate. Vielleicht wird man in Zukunft einmal ins Schwärmen geraten, wenn man die Namen des Europameisters 2012 herunterbeten wird: Götze, Höwedes, Schweinsteiger, Müller, Schürrle, Badstuber...

Mark van Bommel (NED): Nachdem mein namenstechnischer Allzeit-Favorit Jan Vennegoor of Hesselink schon lange nicht mehr im Kader ist, bleibt van Bommel der drolligste niederländische Name im Team.

Custódio (POR): Team Portugal ist voller schöner Namen und dieser hier gehört zum Mittelfeldspieler vom SC Braga. Klingt zunächst wie die Bezeichnung für jemanden, der in einem Kustodiat tätig ist, aber selbst nicht Kustos genannt werden will. Dann aber appliziere man das portugiesische „sch“ und schon klingt es nicht nur besserwisserisch, sondern auch herrlich exotisch.

Dienstag, 29. Mai 2012

Das Kondensat des Bösen

Am 2. Dezember des vergangenen Jahres zog der niederländische Allzeit-Superstar Marco van Basten bei der Auslosung der Euro-Gruppenphase das Russland-Los und bestimmte damit den letzten Teilnehmer in der Gruppe A. Es hätte auch Deutschland sein können – aber mit den Deutschen hatte van Basten etwas ganz anderes vor. Die Gruppe A jedoch war damit vollständig und der freundliche Herr mit Glatze, der die Auslosung leitete, meinte, dass eine Menge Leute jetzt sehr glücklich seien: „Poland, Greece, Russia and the Czech Republic. I don't know if the happy ones are the Poles, the Greeks, the Russians or the Czechs or all of them...“ Die anwesenden Nationaltrainer zeigten sich überrascht und amüsiert, bis sie endlich begriffen, was für eine Katastrophen-Gruppe hier zusammengelost wurde.

Zuvor hatte der französische Allzeit-Superstar Zinedine Zidane die Aufgabe, den dritten Teilnehmer der Gruppe A zu ermitteln. „Who will join Poland and Czech Republic?“, fragte der Zeremonienmeister wie ein debiler Zirkusdirektor. Ja wer würde denn der Glückspilz sein? Schweden, Portugal, Griechenland und Kroatien standen in Topf 3 zur Auswahl. Zidane zog Griechenland. „Greece!“, sagt Zidane laut und deutlich, aber Kaugummi kauend, und hält den Zettel brav in die Kamera. Im Hintergrund lacht jemand. Der Zirkusdirektor überlegt sich, was er zu den Griechen sagen könnte und da fällt ihm ein, dass die ja 2004 Europameister waren. Der Name Otto Rehagel fällt ihm in diesem Zusammenhang auch noch ein. Ihm fällt geradezu alles ein, was einem zu griechischem Fußball einfallen kann.

Es waren also Marco van Basten und Zinedine Zidane, die uns die Gruppe A in dieser Form bescherten – eine Gruppe A, von der gleich tags darauf alle behaupteten, sie würden sich kein Spiel daraus anschauen. Die „Gruppe Ah Ah“ nennt sie mancher Schalk mit Verweis auf den kindessprachlichen Ausdruck für das große Geschäft. Tatsächlich handelt es sich bei der Gruppe A um keine sonderlich attraktive. Weder verstecken sich in ihr große Fußballer, noch bietet sie einen sympathischen Geheimfavoriten; ja nicht einmal einen Exoten gäbe es da, dem man ironischerweise die Daumen halten kann. Zu Polen fällt einem erst einmal gar nichts ein, außer, dass es ein Gastgeberland ist. Aber das war Österreich vor vier Jahren auch. Russland hat seit Guus Hiddinks Abgang seine besten Zeiten erstmal gesehen; vielleicht handelt es sich aber trotzdem um die fußballerisch beste Truppe in der Gruppe A. Tschechien hatte gemeinsam mit Griechenland im Jahr 2004 das letzte große Highlight, in einem Semifinale, das meiner Erinnerung nach diese Bezeichnung nur des Turniermodus wegen verdient hat, denn weder war es schön anzusehen, noch hat es irgendwen interessiert, wer da gewinnt. Die Zeiten von Jan Koller und (einem in Form spielenden) Milan Baroš sind genauso vorbei wie jene des Silvergoals, mit dem diese Partie damals entschieden wurde.

Unspektakulärer hat eine EM wohl auch noch nie begonnen: Am 8. Juni erwarten uns nämlich die Partien Polen gegen Griechenland (das Eröffnungsspiel) und Russland gegen Tschechien. Vielleicht ist die Gruppe A gerade wegen der Ansammlung dieser Underdogs aber ganz interessant; ziemlich unvorhersehbar ist sie jedenfalls. Polen hat, wie gesagt, den (fragwürdigen) Vorteil, als Gastgeber anzutreten, Russland und Tschechien wissen, dass sie einmal gute Fußballer waren und Griechenland ist – leider muss man an dieser Stelle auf so eine Phrase zurückgreifen – immer für eine Überraschung gut. Im Endeffekt kommt es für jedes einzelne Team in der Gruppe A mehr als in jeder anderen Gruppe darauf an, wie schlecht die anderen sind. Hier steigt nicht auf, wer sich durchsetzt, sondern die Mannschaft, die durchhält. Am Ende wird es um das Torverhältnis gehen und da werden besonders die Gegentore von Relevanz sein. Ich sehe Griechenland und Tschechien mit guten Chancen – außer den Russen fällt wieder ein, wie man Tore schießt.

Das Bittere an dieser Gruppe A sind ja weniger die Gruppenspiele, die man sich ja nicht unbedingt anschauen muss, als vielmehr das Faktum, dass zwei dieser vier Teams im Viertelfinale auftauchen werden. Dort dürfen sie sich dann mit den Aufsteigern aus der Gruppe B auseinandersetzen. (Zur Erinnerung: Gruppe B, das ist die Anti-Gruppe-A, mit Deutschland, Portugal, Holland und Dänemark.) So darf man vermuten, dass man aus der Gruppe A niemanden im Halbfinale sehen wird. Und wenn mir jetzt irgendwer mit „Stolperstein für die Großen“ daherkommt, oder damit, dass Portugal schon gegen die Griechen und Holland schon gegen Russland verloren hat, dem entgegne ich ebenso binsenweise den Satz mit dem blinden Huhn und dem Korn.

Wenden wir uns lieber wieder der fußballerischen Realität zu und anerkennen wir, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass der Europameister 2012 aus der Gruppe A kommen wird. Die Realität ist aber auch, dass solche Turniere von Überraschungen leben und dass solche Überraschungen auch manchmal überraschend sympathisch sein können (s. Dänemark vor 20 Jahren). 'Faszination Fußball' kann man das großspurig nennen, und das Überraschende im Fußball ist gerade bei Turnieren wie der EM und der WM, wo alles innerhalb weniger Tage passiert, besonders attraktiv. Der ungeduldige Fußballseher, der von sich behauptet, „nur EM und WM“ zu schauen („und vielleicht noch Championsleague – ab dem Halbfinale!“), der wird wieder auf seine Kosten kommen. Popcorn-Fußball, bei uns eher Sechser-Tragerl-Fußball, bietet so eine Europameisterschaft immer. Wieder wird es die Guten und die Bösen geben, auch wenn wir uns nachher nicht mehr so sicher sein werden, wer jetzt warum die Bösen waren und warum die Guten auf einmal so schlecht gespielt haben. Die Gruppe A, ich nenne sie ab jetzt das Kondensat des Bösen, steht weniger für chronische Erfolglosigkeit (was ja schon wieder ein Sympathiepotenzial hätte und eigentlich so gar nicht richtig wäre), als vielmehr für grauslichsten Rumpelfußball sowie für technische und taktische Infinesse – oder was immer auch das Gegenteil von Finesse sein soll. Wir lieben diese Mannschaften vielleicht nicht, aber wir brauchen sie, weil sonst der Fußball zum öden bürgerlichen Trauerspiel verkommt.



Worauf wir uns freuen können:
Äähm... Mal sehen, wie die Griechen und die Russen drauf sind. Vorprogrammierte „Kracher“ gibt es in dieser Gruppe jedenfalls keine.


Bemerkenswerte Namen:


Eugen Polanski (POL): Deutsch-Pole von Mainz. Klingt erfunden, heißt aber so.

Wladimir Granat (RUS): Verteidiger von Dynamo Moskau. Ob sein Schuss hält, was sein Name verspricht, muss man erst sehen.

Ioannis Fetfatzidis (GRE): Mittelfeldspieler von Olympiakos Piräus. Ein Name wie gefährliches Essen.

Nikos Liberopoulos (GRE): Der einstige Torschützenkönig der griechischen Liga spielt im Sturm, wurde aber unter Rehakles noch als Libero eingesetzt, weil König Otto sich dachte: nomen est omen.

Theodor Gebre Selassie
(CZE): Kein Witz, der Mann spielt Fußball für Tschechien, auch wenn es sein Name nicht vermuten ließe. Sein Vater ist aber Äthiopier.

Tomáš Hübschman (CZE): Hübscher Name; bekannt von Schachtar Donezk.

Montag, 21. Mai 2012

Dahoam is dahoam

Es geht nicht immer so, wie man sich das gern vorstellt, und es ist leider auch nicht immer ganz so gerecht, wie es sein sollte. Deswegen ist es Sport.


Ein Satz, der dem bayrischen Lamentieren das Wasser abgräbt: überraschend richtig, ein bisschen bauernschlau und die Situation in ihrer Vollkommenheit beschreibend. Ein Satz, wie ihn nur ein Profi-Sportler erdenken kann. Er stammt von Michael Schumacher.
Sport ist alles das, was der Mensch in ihn hinein denkt. Sport an sich ist lächerlich, langweilig, mitunter gefährlich. Aber garniert mit allzumenschlichen Hoffnungen, Erwartungen an das Unvorhersehbare und der Vorstellung, dass Begriffe wie "Gerechtigkeit" auch nur annähernd eine Bedeutung haben könnten, wird Sport zu etwas Persönlichem. Das geht so weit, dass man sich von einer Mannschaft oder einem einzelnen Spieler hintergangen bzw. ungerecht behandelt fühlt. In extremen Situationen, wie etwa der Niederlage des FC Bayern München gegen Chelsea, muss sogar der Fußballgott herhalten: Spiele wie diese würden beweisen, dass es einen solchen nicht gebe oder zumindest, dass er tot sei und also Nietzsche doch Recht behielte. Den armen Fritz wird's nicht mehr jucken...

Das schöne lateinische "audiatur et altera pars", jenes flotte Wort, das uns anhält, auch die andere Seite anzuhören, tut in solchen Fällen not. Die andere Seite aber beschränkt sich auf die lapidare Feststellung, dass man einfach die glücklichere Mannschaft gewesen sei. Das ist ebenso richtig wie zynisch - zumindest für die Ohren eines Bayern. Auch könnte man sagen, Chelsea sei die weniger unglückliche Mannschaft gewesen. Aber das sind Wortklaubereien. Als ob sich der Sieger des Sieges wegen rechtfertigen müsse! Muss er nicht, weil eben nicht immer alles so geht, wie man sich das vorstellt.

Nun könnte man auch behaupten, dass Chelsea sich schon lange einen CL-Titel verdient hätte, und dass es manchmal grausam zugehen muss, damit sich die Erwartungen, welche die Fußballgeschichte an eine Mannschaft stellt, einlösen. Zudem scheinen wir uns mittlerweile an verdiente Turniersieger gewöhnt zu haben. Chelsea siedelt sich hier irgendwo zwischen Griechenlands Europameistertitel und Spaniens WM- und EM-Double an. Man sollte sich überlegen, ob ein verdienter Turniersieg nicht doch eher Luxus ist. Freilich ist es schön und gerecht, und vielleicht eröffnet es sogar den Anhängern des Verlierers die Möglichkeit, Anerkennung zu zeigen. Aber egal wie überzeugend, wie gut oder elegant eine Mannschaft spielt, egal wie viele Herzen sie an sich bindet und wie viele Menschen sie begeistert – am Ende steht immer die banale Erkenntnis: Man weiß am Anfang nie, wer am Ende gewinnt. Deswegen ist es Sport. Und deswegen begeistert uns Sport.



Montag, 14. Mai 2012

Vier nach zwölf


Eine junge Frau steht vor der Weikhard-Uhr und fotografiert selbige mit ihrem iPhone. Es ist vier nach zwölf und sie ist gerade erst vor zwei Minuten gekommen. Sie wischt ein wenig aggressiv auf dem Display ihres Telefons herum. Ja, sie schickt das Foto von der Uhr bestimmt an denjenigen, der sich hier erlaubt, vier Minuten zu spät zu sein. Was für eine Geste! Befände ich mich auf dem Weg zu einer Verabredung und bekäme ich ein solches Foto, ich würde auf der Stelle umkehren. Ich stelle mir vor, wie ich durch die Straßen eilen, wie ich die Vibration des Telefons spüren und sofort einen schuldbewussten Blick darauf werfen würde, eine Klage-SMS erwartend und ohnehin schon ein schlechtes Gewissen ob meiner Verspätung habend, mir Ausreden einfallen lassend oder darüber grübelnd, ob es nicht das Beste wäre, einfach die Wahrheit zu sagen; und wie ich dann statt einer Textnachricht eine solche perfide, ja eigentlich hundsgemeine Bild-Nachricht erblicken würde, die mich nicht nur meiner Verspätung wegen mahnt, sondern die mich ganz grundsätzlich zur Pünktlichkeit erziehen will. Ich würde auf der Stelle stehen bleiben, verdutzt auf den Bildschirm starren, vor mich hin fluchen und schließlich kehrt machen. Keine Antwort würde ich schreiben, nie wieder würde ich diese Person anrufen, die mir ein Foto von der Weikhard-Uhr schickt, auf der es vier nach zwölf ist, wo doch jeder weiß, dass die Weikhard-Uhr immer ein bisschen vor geht, es also höchsten zwei Minuten nach zwölf sein kann. Ärgern würde ich mich über die Frechheit einer solchen Bild-Nachricht, ärgern darüber, dass jemand einen solchen Aufwand betreibt, der ja in Zeiten wie diesen kein großer technischer mehr ist, aber ein gedanklicher Aufwand, denn hinter solch einer Aktion steckt ja eine Idee, eine gewisse Kreativität, das muss man zugeben, ganz unkreativ ist diese Dame ja nicht, immerhin hätte sie auch ein erbostes Telefonat führen oder eine empörte Textnachricht schicken können. Stattdessen schickt sie das Foto von der Weikhard-Uhr wie ein allgemein gültiges Beweisstück an den armen Zuspätkommenden, vermutlich kommentarlos, ganz ohne Erklärung, ohne ein zärtliches „Wo bist du?“ ohne ein humorvolles „Und da heißt es immer, ich komme zu spät“ und sicherlich ohne irgendwelche Smileys, die dem Bild von der Weikhard-Uhr etwas von seiner vorwurfsvollen, bilanzierenden Wirkung nehmen könnten. Eine Kreativität der Grausamkeit würde ich das nennen, wenn ich, bereits wieder auf dem Heimweg, darüber nachdächte, eine gewisse Bewunderung für das kreative Potenzial der Dame nicht ganz verbergen könnend.

Die junge Frau steht immer noch da und sie wird immer nervöser. Ihr Hin-und-her-Getripple und das damit einhergehende unaufhörliche Klappern ihrer unverschämt hohen Absätze haben die Lästigkeit eines Spechts. Ja, die Höhe der Absätze ist genauso unverschämt wie das Foto von der Weikhard-Uhr, denke ich mir. Auf der ist es jetzt fast sechs nach zwölf. Die Person ist immer noch nicht da und sie wird, da bin ich mir ganz sicher, auch nicht mehr kommen, denn bestimmt hat sie auf dem Weg kehrt gemacht, als sie die SMS gesehen hat. Die junge Frau ist schon so nervös, dass ich zu glauben verleitet bin, ihr Verhalten habe gar nichts mehr mit der Verspätung zu tun, sondern viel eher mit Harndrang. Da macht sie auch schon kehrt und klappert von dannen. Sie ist gegangen, ohne noch einen Blick auf die Weikhard-Uhr zu werfen. Sie klappert in Richtung Sackstraße, aufgebracht und beleidigt, genauso wie die Person, mit der sie verabredet war jetzt wohl aufgebracht und beleidigt wieder auf dem Heimweg ist.

Um acht nach zwölf schlurft ein gelangweilt aussehender junger Mann heran. Er bleibt vor der Weikhard-Uhr stehen und blickt sich suchend um. Ein wenig dümmlich schaut er hinauf, vergleicht die Zeit mit seiner Armbanduhr und beschließt zu warten. Dazu steckt er die Hände in die Hosentaschen und lehnt sich an ein Schaufenster. Dort steht er ein paar Minuten, bis er um vierzehn nach zwölf sein Mobiltelefon aus einer seiner tiefen Jeanstaschen angelt. In seinem Gesicht spiegelt sich zuerst Überraschung und dann Ratlosigkeit. Er tippt ein wenig auf dem Display herum und hebt das Telefon schließlich an sein Ohr, während er sich weiter suchend umblickt. Nichts. Es kommt kein Gespräch zustande. Noch mehr Tippen, diesmal bestimmter, schneller. Dann lässt er das Handy wieder in seine tiefe Hosentasche sinken und geht weg. Es ist sechzehn nach zwölf.

Ich stehe schon eine gute Viertelstunde vor dem Weikhard und warte auf eine junge Dame, mit der ich zum Mittagessen verabredet bin. Aber er ist nicht zu spät, denn um siebzehn nach zwölf (Weikhard-Zeit) kommt sie. Ich war, wie meistens, fünfzehn Minuten zu früh. Gerne hätte ich ihr, wäre sie zu spät gewesen, ein Foto von der Uhr geschickt, nur um zu sehen, ob sie trotzdem gekommen wäre, oder ob sie umgedreht hätte. Gott sei Dank ist mir das erspart geblieben.