Montag, 11. Juni 2012

Überraschend erfüllte Erwartungen

Irland ist ein seltsames Fußball-Völkchen. In der Nationalmannschaft kann jeder spielen, der zumindest einen irischen Opa oder eine irische Oma vorweisen kann, man muss also nicht einmal Ire sein. So clever dieses Rekrutierungssystem sein mag, so bitter ist allerdings auch die Erkenntnis, dass es dem Inselvolk anscheinend an wirklich guten Fußballern mangelt. Das ist aber okay und letztlich wurscht, denn man hat sich für diese EM qualifiziert und das ist schon Beweis genug, dass es auch mit Vaterlands-Stief-Enkelsöhnen möglich ist, erfolgreich zu kicken – und mit einem gescheiten Trainer.

Giovanni Trapattoni ist vielleicht der Trainer, der am wenigsten zu seiner Mannschaft passt. Die graue Eminenz aus Italien und die wilden Burschen von der verregneten Insel, die optisch gesehen eigentlich lieber Rugby spielen sollten – das ist ein seltsamer Verband. Aber irgendwie kommen sie sympathisch daher, wie so viele Außenseiter. Ich vergleiche sie gerne mit Australien oder Neuseeland bei Weltmeisterschaften: Jeder weiß, dass man von denen nicht viel erwarten kann, aber diese Mannschaften wirken immer, als wollten sie wirklich Fußball spielen und allen zeigen, dass sie das auch ganz gut zustande bringen. Außerdem sind die Fans immer extrem begeistert ohne deswegen übermütig zu werden: harmlose Betrunkene im besten Fall. So sind die Iren auch, und deswegen sind sie irgendwie lieb.

Dass sie guten Fußball spielen wollen ohne besonders gute Fußballer zu sein, zeigten sie auch gestern gegen Kroatien. Das Spiel war so erfrischend, weil es so unkompliziert war. Den Iren fehlt zwar das technische Können, um ein komplexes Spiel aufzuziehen, aber sie lassen sich deswegen auch nicht hinten reinstellen und zu Bollwerks-Defensivarbeit verdonnern. Das ist ein weiterer Grund, warum Trapattoni nicht zu den Iren passt. Deswegen (und natürlich, weil es seine Natur ist) hauste Trap auch wieder wie kein zweiter an der Seitenlinie. Es wirkte, als würde er bei Angriffen seiner Mannschaft verzagt zusehen, wie ein Vater, der es schon aufgegeben hat, seinen Söhnen gute Ratschläge zu geben, die diese sowieso nicht beachteten. Bei Angriffen der Kroaten dann wurde er wieder wild, fuchtelte, schrie und deutete, als könne er allein durch Zurufen die Spieler am Feld bewegen, so wie er es sich vorstellt.

Die Iren aber sind widerspenstig; und sie sind auch ein bisschen tollpatschig. Deswegen sind sie ja auch so lieb. Iren spielen den Ball, wenn sie ihn nicht mit dem Fuß treten, am liebsten mit dem Gesicht, oder er springt ihnen irgendwie anders auf den Kopf, so, dass es halt einfach nicht gut aussieht, sondern komisch. Das macht aber alles nichts, denn wenn sie den Ball haben, dann laufen und rackern sie wie Irre – so motiviert (nicht übermotiviert!) ist bisher noch keine Mannschaft aufgetreten. Man sollte sie einfach spielen lassen, es ist aufregend anzusehen. Freilich, ohne Trapattoni wären sie vermutlich nicht da, wo sie jetzt sind. Hier haben sie aber überhaupt nichts zu verlieren, warum also nicht einfach drauf pfeifen und dem Motto gemäß spielen, das auf dem Teambus der Iren prangt: „Talk with your feet. Play with your heart.“

Ähnliches haben sich wohl auch die Kroaten gedacht und deshalb mit einer bisschen intelligenteren Scheißdrauf-Mentalität mehr aus dem Match holen können. Natürlich finden sich in den Reihen der Kroaten auch die besseren Spieler; wer aber einen Coach wie Slaven Bilic hat, der spielt einfach auch unbekümmerter. Bilic ist bei dieser EM außer Joachim Löw der einzige Trainer, der auch schon 2008 auf der Bank saß (oder vor selbiger stand). Damals als Zigaretten rauchender Prolet mit Flinserl aufgefallen, gab er sich gestern 'stilsicher' mit Sakko, brauner Krawatte und Haube. Ich weiß nicht, ob die kroatischen Spieler sich manchmal seiner schämen, aber irgendwie scheinen sie ihm doch zu vertrauen und der Erfolg gibt ihm erstmal recht. Jedenfalls liegt hier der eklatanteste Unterschied zu Irland: Bilic passt zu seiner Mannschaft, seine Mentalität passt zum kroatischen Spiel – nein, sie ist das kroatische Spiel: Wild und laut, ein bisschen proletoid, gleichzeitig aber sehr intelligent und sich seiner eigenen Möglichkeiten bewusst. Weiter so, Kroatien!

Spanien gegen Italien war das zweite (eigentlich das erste) Spiel dieser Gruppe und es kam eigentlich alles so, wie man es sich gedacht hat: Die Spanier mit Problemen beim Abschluss (merke: Mit dem Ball in's Tor rennen, das geht bei italienischen Verteidigern nicht!), Italien hinten gewohnt gut. Was aber doch überraschend war: Die Offensivfreudigkeit der Italiener. Nicht, dass Italiener keinen Offensivfußball spielen könnten, aber bisher schien es immer so, als verstünden sie diesen als notwendiges Übel. Gestern aber wirkte das ganz anders. Schon die Aufstellung hat das verraten: Die Italiener starteten mit einem 3-5-2, einem Dreier-Abwehrkern um DeRossi, der im Verteidigungsfall aber zu einer Fünfer-Abwehr werden konnte. Das machte es für die Spanier schwierig, ihr Kurzpassspiel in Strafraumnähe zu bringen. Über die Flanken ging nicht nur deswegen nichts, weil es das Spiel der Spanier einfach nicht ist, sondern vor allem auch, weil Spanien ohne echten Stürmer auftrat. Negredo, Llorente und Torres blieben zunächst auf der Bank, während sich Fabregas und Silva jeweils als vorderster Mann abwechselnden. Überhaupt schien del Bosques Mittelfeld alle Freiheiten zu besitzen, es wirkte, als wolle man sich wirbelnder Weise durch die italienische Abwehr bohren.

Das führte zu teilweise absurden Szenen, in denen Spanier sich gegenseitig Pässe zuspielten und dafür so viel Platz hatten wie in einer Besenkammer. Gegen Irland und Kroatien wird das bestimmt anders aussehen, gegen Italien aber war es eine interessante und kluge Variante. Was die Italiener anbelangt, wird es auch spannend zu sehen sein, wie diese gegen die schwächeren Gruppengegner auftreten. Was sie allerdings gegen Spanien gezeigt haben, muss jede technisch gute, offensiv ausgerichtete Mannschaft das Fürchten lehren. Sollten Spanien und Italien sich im Finale wiedersehen, ist es nicht ausgeschlossen, dass es dann auf die beiden Torhüter ankommt – im Elfmeterschießen.

Ein Tag mit zwei sehr ansehnlichen Partien war das also, jeweils auf unterschiedlichem Niveau zwar, aber so kann man doch von jenem Popcorn-Fußball sprechen, von dem ich gestern noch behauptet habe, dass man es nur in der österreichischen Regionalliga zu sehen bekomme (was natürlich nicht ganz ernst gemeint war). Man musste mit Spanien vs. Italien vielleicht geduldiger sein, aber das war ein sehr dichtes, komplexes und durchdachtes Match. Der einzige, der da nicht ganz dazu passte, war Balotelli – charakterlich wie fußballerisch nicht. Deswegen wurde er dann konsequenterweise auch ausgetauscht. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen, ich glaube, dass der noch für so manch fragwürdige Szene sorgen wird.

Ich tu mir schwer mit diesem Italien, weil es gar nicht so unsympathisch ist, wie ich es erwartet hatte. Zeitweise habe ich mich sogar dabei ertappt, die Italiener gut zu finden; also jetzt nicht nur rein fußballerisch, sondern auch so, wie sie auf dem Platz auftraten und offensivwillensmäßig, ein bisschen – jetzt kann man es ja sagen – irisch-kroatisch fast. Außerdem ödet mich das spanische Spiel schön langsam an. Nicht, weil es nicht schön wäre, sondern weil es ein bisschen vorhersehbar geworden ist und damit schwieriger auszuführen und eben nicht mehr so leicht und einfach aussieht, wie damals vor vier Jahren noch. Aber spätestens, wenn ich wieder Italiener jammern und umfallen sehe, vergeht es mir wieder, weil ich weiß, dass sie die Urheber dieses unsittlichen Betragens sind, das man mittlerweile auch schon in Mannschaften findet, die für so etwas ganz und gar nicht bekannt waren (Ja, Arjen Robben, du bist gemeint!).

Danke, Gruppe C, für diesen tollen, sehr vielfältigen Fußballtag, der unsere Erwartungen nicht enttäuscht und uns trotzdem ein bisschen überrascht hat! Wenn es heute in der Gruppe D auch wieder so wird, können wir von einem gelungenen ersten Durchgang sprechen.


Typ des Tages: Bilic, der Hauben-Prolet. Der ist einfach super!

Buhmann des Tages: Mario Balotelli, der sinnlos-Prolet. Als er allein auf's spanische Tor gelaufen ist und sich den Ball dann so einfach abnehmen ließ, sah das auch ein bisschen nach Wett-Skandal aus.

Team dieser Gruppe: Irland, auch wenn sie nicht aufsteigen werden. Aber sie sind einfach lieb und spielen so sympathisch!

Eine Anstrengung gedanklicher Natur

So eine EM hat es in sich. Vor allem die Gruppenphase beanstrengt den geneigten Fußball-Seher ungemein: Zunächst, wenn das Turnier also endlich begonnen hat und die Vorfreude zur Freude wird, hat man es jeden Tag mit vier Teams zu tun, die man sich ansehen, die man beurteilen muss. Am Ende des Tages stehen zwei Ergebnisse da, die man zu interpretieren hat, die Hoffen und Bangen für die nächsten Spiele erzeugen und die Erwartungen erfüllen oder enttäuschen. Aber lange kann man sich damit nicht aufhalten, denn schon am nächsten Tag sieht man vier neue Mannschaften und das Rad beginnt sich wieder von neuem zu drehen.

Nebenbei zappt man sich durch das televisionäre Fußball-Angebot, vergleicht ORF mit den deutschen Sendern, sieht von Hickersberger über Schinkels, Mählich, Kahn, Scholl und schließlich den unvermeidbaren Herbert Prohaska so viele mehr oder weniger ahnungsvolle Fußball-Gesichter, die einem entweder alle das gleiche, oder gar immer etwas anderes erzählen, dass man am liebsten ganz darauf verzichtet und sich Meinungen und Analysen viel lieber später im Internet holt. Da gibt es schließlich auch für jeden was: von der fundierten, hoch komplexen Taktik-Analyse bis zum Boulevard-Interpretatorium á la Bild mit Fotostrecken zum Durchklicken und dumpfen Schulnoten-Bewertungssystemen. Das heißt: Für den wirklichen EM-Afficionado beginnt der Fußball nicht um sechs und hört um elf auf, sondern bemächtigt sich auch mittendrin der Freizeit und des gedanklichen Fokus des Fans.

Es ist also anstrengend (sofern man die Zeit aufbringen kann und will) und deswegen sind dann immer alle froh, wenn die Gruppenphase in ihre letzte Runde geht – leider in der Form von Parallelspielen, die das ganze dann noch einmal so verdichten, dass man schlussendlich gezwungen wird, auf ein Spiel zu verzichten, weil man es nicht bloß aus zeitlichen Gründen nicht schafft, sondern weil es schlichtweg unmöglich ist; weil man eben im Leben oft erkannt hat, dass man zur selben Zeit sich nicht an unterschiedlichen Orten aufhalten kann. Die postmoderne Zeit hat dieses Dilemma zumindest ansatzweise durch multiple Endgeräte in Public-Viewing-Spelunken und die Technik der Übertragungsaufzeichnung in den Griff bekommen. Trotzdem: Als übermedialisierte Unterhaltungslemminge wissen wir, dass nur live zählt, und dass es praktisch unmöglich ist, uns eine Information wie das Endergebnis eines EM-Spiels vorzuenthalten, um das Spiel später daheim anzusehen und so zu tun, als wäre nicht längst alles vorbei und entschieden.

Erschöpft und ausgezehrt bekommen wir dann nach den letzten Gruppenspielen einen Tag Pause, bevor die Playoff-Phase beginnt. Ein Tag ist eigentlich lächerlich wenig verglichen mit dem Fußball-Overkill, den wir die vielen Tage zuvor zu 'erleiden' hatten. Aber man nehme einem Süchtigen auch nur einen Tag sein Suchtmittel und sehe, was passiert: Wir werden uns am Abend des (spielfreien) 20. Juni zu irgendeinem Zeitpunkt fragen, ob und wieso denn heute kein Fußball zu sehen ist. Traurig müssen wir dann feststellen, dass das Turnier schon bald vorbei ist, und wir trösten uns mit der Spannung, die der Modus des KO-System für uns bereit hält. Nur kurz haben wir Zeit, einen ausgeschiedenen persönlichen Favoriten zu betrauern und in Gedanken ein Kerzerl für jene anzuzünden, die während der Gruppenphase in Schönheit oder Eleganz untergegangen sind. Nur kurz dürfen wir uns an die schönen, hässlichen und kuriosen Situationen erinnern, mit denen unsere nie weichende Aufmerksamkeit von dieser Europameisterschaft belohnt wurde. Dann geht es schon wieder weiter, Schlag auf Schlag, KO auf KO.

Aber noch sind wir ja mitten drin, in der Gruppenphase, noch ist nichts – überhaupt nichts! - entschieden; es ist erst angerichtet. Ja, angerichtet ist es: Das Besteck wurde ausgelegt, die Speisekarten verteilt und nun wartet in der Küche schon der erste Gang. So eine EM fängt nämlich immer mehrmals an. Streng genommen ja in der Vorbereitung zur Qualifikation, aber auch die Endrunde selbst hat mehrere Anfänge: Die Eröffnungszeremonie, das erste Spiel, der erste Kracher, dann die ersten Vor-Entscheidungen, dann der Beginn der KO-Phase. Und alles läuft zum Endspiel hin, von dem ausgehend dieses ganze Brimborium erst erdacht wurde. Faszinierend, was sich alles aus der Idee ergibt, dass irgendwer irgendwann wissen wollte, wer eigentlich den besten Fußball in Europa spielt, und dass aus diesem simplen Gedanken dann jene gedankliche Anstrengung wurde, der wir jetzt tagtäglich ausgesetzt werden – und für die wir auch noch dankbar sind.

Sonntag, 10. Juni 2012

Resultate vs. Realitäten

Ja, tatsächlich, endlich hat die EM angefangen. Die Gruppe B hält, was sie versprochen hat, aber es kam doch alles ganz anders, als viele sich das erwartet hatten. Dass Deutschland gegen Portugal gewinnt, hätten viele vorhergesagt, aber die meisten tippten auf mindestens zwei Tore Unterschied. Dass Dänemark gegen Holland gewinnt, hat keiner wissen können. Am Ende des ersten Durchgangs muss man aber doch feststellen, dass Portugal stärker und Deutschland schwächer ist als angenommen. Niederlande hat ungefähr so gespielt, wie man es erwarten konnte – natürlich noch mit viel Luft nach oben. Dänemark hat nicht wirklich überrascht, außer durch die wirklich starke Defensivleistung zum Ende des Spiels hin. Ironischerweise spiegelt sich das alles in den Resultaten gar nicht wieder.

Das ist der Kernwitz des Fußballs bzw. des Sports überhaupt: Nämlich, dass Resultate oft weniger über das Spiel bzw. die Leistung der Teilnehmer verraten, aber letztlich doch alles sind, was zählt. Daraus entspringt dann das dumme Ungerechtigkeitsgefühl des Fußball-Fans. Freilich ist keiner davor gefeit, seine Mannschaft als die unglücklich oder (wenn auch nur vom Schicksal) ungerecht behandelte zu sehen. Aber das ist dumm, weil Gerechtigkeit eben kein Begriff des Fußballs ist bzw. das Spiel selber ihn nicht kennt, sondern nur die Fans. Trotzdem gibt es natürlich so etwas wie Überraschungen und es ist dem ganzen Turnier zuträglich, dass gerade die Gruppe B gestern irgendwie doppelt überrascht hat.

Holland spielte eigentlich eh ganz gut, zeitweise sogar wieder brillant. Aber wenn man an die 30 Torchancen braucht, um null Tore zu erzielen, hilft einem das eben wenig weiter. Die bekannte Abwehrschwäche der Kaasköppe zeigte sich auch gestern wieder deutlich. Aber Holland konnte bisher immer mehr Tore schießen als es bekam. Es gibt aber doch einiges zu bemängeln. Erstens, warum Bert van Marwijk gegen Dänemark die defensive Mittelfeldvariante (mit van Bommel und de Jong als 6er) statt der offensiven bevorzugt.

Von den Dänen war offensiv wenig bis gar nichts zu sehen (Bendtner, hallo?), da braucht man keine zwei Holzfüße im defensiven Mittelfeld, die nach vorne gar nicht (de Jong) bzw. zu langsam (van Bommel) wirken. Und die ohnehin schwache Verteidigung wird man durch zwei solche Prügelknaben auch nicht entlasten können – dann lieber früher attackieren. Wie schlecht das ausgesehen hat, als Holland sich in der eigenen Hälfte vor Dänemark versteckt hat, war kaum auszuhalten!

Freilich fehlen an den Außenpositionen Leute wie Giovanni van Bronckhorst (wehmütig habe ich mich gestern an dessen starkes Turnier vor vier Jahren erinnert), die schnell und effektiv nach vorne spielen können. Aber wenn man solche schon nicht hat, warum dann im zentralen Mittelfeld auch noch holzen? Gegen Dänemark!

Vorne rechts hat man den ewig gleichen Robben, der brav läuft und wirbelt, dem aber immer wieder nur die alten Tricks einfallen, von denen sich nur jene noch hineinlegen lassen, die in den letzten Jahren kein einziges Spiel der Bayern oder der holländischen Elftal gesehen haben. Das wird echt langsam bitter, Arjen! Trotzdem ist man personell in der Offensive einfach überlegen; und das wurde viel zu wenig ausgespielt. Da war viel Statik und über weite Strecken zu wenig vom spanischen Oranje-Fußball zu sehen – stattdessen handelte man sich die spanische Krankheit ein: zu viele Chancen zu benötigen.

Sneijder hingegen hat mich überrascht, der ist nach wie vor der beste und aktivste Mann auf dem Platz (sein langer Pass auf Huntelaar war die Aktion des Tages – perfektes Timing, großartige Übersicht und technisch einwandfrei). Huntelaar für van Persie hätte man schon nach der Halbzeit bringen können, stattdessen gab es viel zu spät eine Doppelspitze – nicht schlecht, aber eben zu spät. Auch van der Vaart hätte schon zur Halbzeit für de Jong kommen müssen. Warum so lange am Bestehenden festhalten, wenn man eh schon hinten ist? Weil man sich vor den Offensivaktionen der Dänen gefürchtet hat? Alles too little, too late – man muss aber auch vor Dänemark den Hut ziehen, dass sie keine Nerven gezeigt haben und die schmale Führung trotz ständiger Unterlegenheit bis zum Schluss halten konnten.

Das scheint überhaupt die Devise für die sogenannten „Kleinen“ zu sein: Aus nichts ein bisschen was machen – und dann schauen, was passiert bzw. intelligent verwalten. Das kommt aus der Chelsea-Inter-Italien-Schule, aus dem verzweifelten Sich-gegen-das-Tiki-Taka-Wehren, ist taktisch hoch interessant, aber halt nicht immer so toll anzusehen. Wer Popcorn-Fußball will, der schaue sich Spiele des GAK an – in der Regionalliga.

Achja, und da war dann noch Portugal, die irgendwann in der zweiten Hälfte gemerkt haben, dass sie doch guten und gefährlichen Fußball spielen können, nachdem ein paar Deutsche gemerkt hatten, dass Portugal nicht nur aus C. Ronaldo besteht. Letzterem machte der böse Boateng, der sich nach seinem Late-Night-Eklat natürlich beweisen wollte, unschädlich. Aber nicht nur Boateng, sondern vor allem auch der Hummels überzeugte defensiv über alle Maßen.

Der Rest blieb fraglich, vor allem die eigentlichen Hauptakteure Schweinsteiger und Özil wirkten irgendwie schaumgebremst – bei Schweinsteiger ist es wohl die Form, bei Özil macht das alles nichts, weil er auch so immer noch gefährlich genug ist und es ja auch noch Khedira gibt. Aber auch wenn man diesmal mit alten deutschen Tugenden gewonnen hat: die drei Punkte sind im Sack („The cat is in the sack“, würde Trapattoni sagen) und wenn es gegen die Niederlande geht, sind es die Holländer, die unter Zugzwang stehen. Eigentlich eine recht komfortable Ausgangsposition, v.a. mit Dänemark als letztem Gegner in der Gruppe. Was aber, wenn die Dänen... ach was!

Trotzdem: Ich bitte die Deutschen, den neuen Weg, den sie die letzten vier Jahre so erfolgreich eingeschlagen haben, nicht zu verlassen. Die Fans, die Schlander, die sind leider unverbesserlich – das ist einfach eine Mentalitätsfrage, da werden die Rüben nicht mehr mit der Spitze voran aus der Erde wachsen. Was war denn das mit den Papierkugelchen schon wieder für ein Mumpitz? War jetzt nicht das große Drama, aber auffallen um jeden Preis ist denen schon wichtig...


Mann des Tages: Morten Olsen – der Look allein ist einfach überzeugend und hat was Fuchsiges. Wie man eben aus nichts ein bisschen was macht.


Buhmann des Tages: Bert van Marwijk – der hat heute die Partie irgendwie wie ein rauschiger Konsolenspieler verdaddelt.


Geste des Tages: Wie sich Mario Gomez alle zwei Minuten durch die Haare fährt... wie um C. Ronaldo zu zeigen, dass er geilere hat als der Drei-Wetter-Taft-Cowboy.

Samstag, 9. Juni 2012

Tölpel und Torpedos

Es ist schön, wenn Turniere mit Überraschungen starten, und das, obwohl die gestrigen Paarungen zunächst nichts Vielversprechendes erwarten ließen. Polen hat sich im Eröffnungsspiel gegen Griechenland sehr stark verkauft – das war kreativer und agiler Fußball, den zwar einige erwartet haben, den man sich aber nicht vorstellen konnte, bis man ihn gesehen hat. Es gibt ja den Begriff des Trainingsweltmeisters (bzw. Trainingseuropameisters), und Polen hätte ich für so einen gehalten – brave Vorbereitung, brauchbares Spielermaterial plus den nötigen Biss daheim vor eigenem Publikum. Das Problem mit solchen Europameistern, wo vorne noch das „Trainings-“ dran hängt, offenbart sich im Unterschied zwischen Theorie und Praxis bzw. eben Training und Wettkampfbedingungen. Plötzlich gibt es da elf andere Akteure, die an allem möglichen interessiert sind, nur nicht an einem Trainingsspiel nach den hauseigenen Gepflogenheiten. Erfahrene Mannschaften können dies zu einem gewissen Grad ausblenden und trotz allem ihr Spiel aufziehen. Polen aber lässt sich noch zu sehr vom Gegner verunsichern. Eine schlechte Voraussetzung, würde man meinen.

Griechenland wehrte sich bis zuletzt, auch wenn sie den Polen spielerisch unterlegen waren – oder gerade deswegen. Irgendwie haben sie gespürt, dass, wenn man nur lange genug lästig ist, sich gegen die Polen Chancen auftun. Und so haben sie dann endlich auch ein Tor erstolpert, das gar nicht einmal so unverdient war, und das der oberlästige Salpingidis erzielt hat: Abgezwickte Wirbler mit allzu dichtem Bartwuchs, die die ganze Zeit so einen klagenden, weinerlich-kindlichen Blick haben, als stünden sie aller Ungerechtigkeit der Welt gegenüber, die sind immer gefährlich – das ist eine alte Fußballweisheit!

Griechenland hat es dann auch noch verstanden, sich einen Elfmeter zu erspielen, Polens Torwart mit dem herausfordernden Namen Szczesny musste daraufhin gehen und herein kam Tyton, der polnische Namensvetter von Oli Kahn also. Und der hielt dann auch gleich in der Manier desselben einen schlecht geschossenen Elfmeter, wendete also die Katastrophe (ein Wort, von dem man spätestens seit Rehakles-Zeiten weiß, warum es aus dem Griechischen stammt) ab und rettete für Polen ein Unentschieden, mit dem sie nicht zufrieden sein können.

Gegen die Sbornaja nämlich (den Namen haben wir alle seit 2008 vermisst) wird es für Polen mit Sicherheit noch schwieriger. Die Russen sind gestern nämlich wieder ähnlich aufgetreten wie schon vor vier Jahren: Mit einem Haufen wenig bekannter bis unbekannter Gesichter (die große Mehrheit spielt ja daheim in Russland), einem taktisch gepflegten, holländischen Spiel und der schönsten Nationalhymne der Welt. Freilich ist dieses Team nicht so stark wie noch vor vier Jahren und freilich blieben die Tschechen auch etwas hinter den Erwartungen zurück, aber wer uns vier Tore in einem Spiel beschert, der darf gelobt werden.

Das russische Offensivspiel ist beeindruckend – wenn es erstmal in Gang gekommen ist, und vor allem, wenn es auf ein überfordertes tschechisches Mittelfeld trifft. Weniger beeindruckend ist die Erfolgsquote der russischen Spitze, Alexander Kerschakow: Der Mann hätte sich gestern schon vorzeitig zum Rekordtorschützen des Turniers machen können, denn er wusste zwar, sich sehr intelligent zu bewegen, aber das Schießen des (auch ruhenden) Balls gelang ihm nur unbefriedigend. Dafür traf der junge Dsagojew zwei Mal, ein Wirbler im besseren Sinne als oben genannt.

Überhaupt: Schirokow, Dennisow, Arschawin, Syrjanow – die ganzen Zenit-St.Petersburg-Leute, das ist der Kern der viel zitierten russischen Dampfwalze, des post-sozialistischen Kolchosen- und Kombinatsfußball dieser wieder mal hoch sympathisch auftretenden russischen Mannschaft. Vorbei die Zeiten, als uns traurig versoffene Männer mit roten Haaren aus den Pickerlheften entgegen blickten, ihre Gesichter sämtlicher Hoffnung beraubt. Das neue Russland ist wie Arschawin beim Interview nach dem Spiel: Jung, bescheiden, irgendwie ahnungslos und froh, wenn es vorbei ist. Aber es ist auch wie Roman Pawljutschenko: frech, furchtlos und abgebrüht (siehe sein Tor zum 4:1). Oder wie Dsagojew: enthusiastisch, engagiert und ein bisschen lästig. Leider ist es auch ein bisschen wie Kerschakow: intelligent, aber mit Hang zum tragischen In-den-Permafrost-Hineintreten.

Man darf gespannt sein, ob sich Polen vom verpatzten Auftakt erholen kann, ob die Russen so weiter machen, und ob bei Tschechien und Griechenland noch was drin ist. Am Dienstag werden wir es sehen und bis dahin sind wir froh, von der Gruppe A nichts hören zu müssen. Ich ziehe mich einstweilen zurück und übe wieder ein bisschen die holländische Hymne, denn zur deutschen singe ich wie eh und je: „Gott erhalte Franz den Kaiser!“


Visage des Tages:

Dick Advocaat, den ich fast nicht erkannt habe. Er hat etwas sympathisch Versoffenes, nämlich eine russische Schnaps-Nase mit holländischen Augen. Schon eine Vertrauensfigur, aber ich möchte irgendwie nicht vor ihm stehen müssen.


Schön zu sehen:

Wie Howard Webb die Partie Russland gegen Tschechien flott gehalten hat. Toller Typ, unglaublich abgeklärt und völlig unnervös – im Gegensatz zu seinem spanischen Kollegen vom Eröffnungsspiel.


Aus der Kategorie „Hä? Geht's noch?“:

Nach dem ersten Spiel erscheint Josef Hickersberger auf dem TV-Bildschirm; neben ihm steht Roman Mählich. Ich schalte ab; am Abend schaue ich ARD.

Freitag, 8. Juni 2012

Mitfavoriten und Sorgenkinder

Heute geht’s endlich los! Die voraussichtliche Wappler-Gruppe A lässt uns aber noch ein wenig Zeit, uns mit der äußerst interessanten Gruppe D zu beschäftigen, denn die EM geht ja irgendwie doch erst morgen los.

Interessant ist die Gruppe D vor allem wegen Frankreich und England. Schweden, das vor ca. 20 Jahren das letzte Mal richtig gut war (immer wieder erschrecke ich darüber, dass ich mich daran noch so gut erinnern kann – an die Lagerbäck-Zeiten mit Thomas Brolin, Martin Dahlin, Henrik Larsson und Thomas Ravelli), bleibt jedoch weiterhin eine hoch sympathische Mannschaft, die unangenehm zu spielen ist. 31 Tore hat dieses schwedische Team in der Qualifikation geschossen, womit ihm in der Gruppe der zweite Platz hinter Holland (37 Tore) sicher war. (Übrigens hat nur Deutschland als drittes Team mehr als 30 mal getroffen.) Wir dürfen also vermuten, dass Schwedens Offensive durchaus in Ordnung ist. Diese dreht sich um Zlatan Ibrahimovic, den eitlen Geck, ohne den Schweden normalerweise besser spielt, was aber keiner wahrhaben möchte, weil er der letzte große Star in Schweden ist. Freilich gibt es da noch den uralten Mellberg in der Verteidigung, der aber ist schon so lange dabei, dass ihn gar keiner mehr wahrnimmt.

Schweden ist stark, wenn sie in Ballbesitz sind und nach vorne spielen können, aber hinten sieht es eher traurig aus. Teams wie Frankreich und England werden das auszunützen wissen, bei der Ukraine bin ich mir nicht so sicher. Das zweite Gastgeberland umweht immer ein trauriges Lüftchen Ostblockelend. Anders als Partner Polen kann man auf keinen nennenswerten Kader (oder schlagbare Gruppengegner) vertrauen. Auch abseits des Fußballs steht man nicht gerade solide da, und obwohl das eigentlich kein Thema sein sollte (auch bei den Griechen z.B. nicht), wird dies aufgrund der Tatsache, dass es sich um eines der Austragungsländer handelt, natürlich nicht wegzudenken sein. Natürlich zehrt man aber als Gastgeber immer auch ein bisschen vom Wohlwollen der Fans – keine Heimmannschaft hat sich ein vollkommenes Debakel verdient, auch wenn der Fußball noch so schlecht sein sollte. Die Stimmung könnte natürlich ein wenig kippen, wenn abseits des Rasens noch ein paar unangenehme Dinge passieren sollten – wovon jeder auszugehen scheint. Die Ukraine wird sich wohl mit Irland um den letzten Platz streiten müssen.

Hinter dem englischen Team steht wieder mal ein großes Fragezeichen. Das Mutterland des Fußballs kämpft erneut darum, dass der Fußball sich nicht seiner Mutter schämen muss. Das Wort „Personalprobleme“ fasst Englands Situation knapp zusammen: Trainer Roy Hodgson wurde nur einen Monat vor Turnierbeginn eingestellt und es fehlen wichtige Spieler wie Lampard verletzungsbedingt, während andere (Rio Ferdinand) aus „persönlichen Gründen“ nicht dabei sind. Katastrophal ist zudem die Sperre Wayne Rooneys – er ist bei den schwierigen Partien gegen Frankreich und Schweden nicht dabei. Sein Fehlen würde Ashley Young die Chance geben, aufzuzeigen, und auch der junge Danny Welbeck könnte sich aus dem Schatten seines gesperrten Teamkollegens bei Manchester United spielen. Ohne Rooney, so mag man meinen, stimmt oft die Moral nicht. Rooney ist nämlich das, was Stefan Maierhofer für Österreich gerne sein würde – ein Moralmotor und eine Energiezelle. Sollte England aber seinen Ausfall kompensieren können, werden sie nach seiner Rückkehr zu einem ernstzunehmenden Mitfavoriten.

So einer sind die Franzosen schon von Anfang an. Nach der Katastrophen-WM vor zwei Jahren und der Suspendierung des dummen Domenech kann aber alles nur noch besser werden. Und es sieht ganz danach aus, dass genau das auch passieren wird: Die Offensivabteilung mit Ribery, Malouda, Nasri und Benzema ist nicht nur hochklassig besetzt, sondern kann auch hochklassig agieren. Im Extremfall wird bei Frankreich das Positionsspiel aufgegeben und dann wirbelt es da vorne ordentlich herum – Teamchef Laurent Blanc hat diese Offensiv-Fluidität in der Vorbereitung erfolgreich getestet. Es handelt sich dabei um eine Kräfte zehrende und hochriskante Variante, die wohl nur phasenweise ausgespielt werden wird. Mit besagtem Personal aber ergeben sich überraschende Kombinationsmöglichkeiten, die jedem Gegner gefährlich werden können, und so steht zu erwarten, dass Schweden und England damit ihre Probleme haben werden. Aber auch Frankreich muss sich bei dieser EM erstmal bewähren und zeigen, dass es wieder Fußball spielen kann und will. Wenn alles gut geht, sind sie ein Final-Tipp, wenn nicht, dann ist im Viertelfinale Schluss. Die Gruppenphase sollten sie aber locker überstehen.


Worauf wir uns freuen können:

Das erste Spiel Frankreich gegen England wird spannend. Erstens handelt es sich dabei quasi um einen Klassiker des europäischen Fußballs und zweitens wissen wir wirklich erst nach diesem Spiel, was von den beiden Mannschaften zu erwarten ist. Damit sind Frankreich, England und Italien die drei Allzeit-Mitfavoriten, von denen wir diesmal noch fast gar nichts wissen.

Wir sollten uns auch die Schweden genau ansehen. Sie sind die interessanteste „dritte Mannschaft“ des Turniers und haben mit Frankreich und England die vielleicht unsichersten „logischen Favoriten“ an der Gruppenspitze.


Bemerkenswerte Namen: 

Joleon Lescott (ENG): Abwehrspieler von Manchester City; sein Name ist eine Mischung aus Lässigkeit und Tradition. Wäre Basketball in England von Belang, würde er sich dafür schon allein seines Namens wegen empfehlen.

Alex Oxlade-Chamberlain (ENG): Adeliger als der Mann von Arsenal heißt im englischen Team niemand. Das Chamberlain steht der doppelten l-x-x-l-Kombination fast schon versöhnend entgegen. Sprechen Sie nach: „Alex Oxlade-Chamberlain, Alex Oxlade-Chamberlain...“

Anthony Réveillère (FRA): Ein seltsamer Name, den der Lyon-Verteidiger da hat. Der Nachname mit seinem beliebigen Akzenten und dem etwas rätselhaften „ei“ könnte auch einem Widersacher oder Mitstreiter Robespierres gehört haben. Der Vorname allerdings schlägt diese Assoziation gänzlich in den Wind. Antoine wäre da besser gewesen.

Mathieu Debuchy (FRA): Wer denkt beim Defensivspieler aus Lille nicht an einen Komponisten, wenn er den Namen hört? Wie grausam wäre es, entpuppte sich der Komponist als kruder, holzbeiniger Rumpler!

Behrang Safari (SWE): Die Zeiten, in denen 80% der Namen im swedischen Team auf „-son“ geendet haben, sind längst vorbei. Behrang Safari von Anderlecht ist das beste und exotischste Beispiel dafür. Dafür gibt’s auch gleich zwei Olssons, einen Wilhelmsson, Svensson, Larsson, Antonsson und Hansson.

Wjatscheslaw Schewtschuk (UKR): Verteidiger von Schachtar Donezk. Wer Wjatscheslaw heißt, bräuchte eigentlich nicht mehr Schewtschuk heißen, aber so ist dieser Mann doppelt gefährlich!

Mittwoch, 6. Juni 2012

Die Unberechenbarkeit des Erwartbaren

Die Gruppe C beschert uns den ersten richtigen Knaller/Kracher/Schlager, also alles, was laut ist und weh tut, dieser EM. Schon am Sonntag treffen die Favoriten Spanien und Italien aufeinander. Moment, höre ich jetzt den ersten Schlaumeier fragen, wieso Italien Favorit sein soll? Darauf habe ich eine ganz einfache Antwort: Weil Italien immer Favorit ist. Weil mit Italien immer zu rechnen ist, ganz besonders dann, wenn alle meinen, es wäre nicht mit ihnen zu rechnen. Der europäische Fußball besteht seit jeher im Wesentlichen aus Italien, Deutschland und England. Alles andere sind bessere oder schlechtere Derivate dieser drei Mannschaften. Im Unterschied zu England konnten allerdings nur Deutschland und Italien regelmäßig beweisen, dass sie ihrer ewigen Favoritenrolle gerecht werden können. Darum wird Italien auch diesmal wieder als Favorit zu handhaben sein.

Bei den Buchmachern ist freilich Spanien der große Favorit und es spricht viel dafür, dass sie auch diesmal dieser Rolle gerecht werden. Aber haben wir uns an Spanien nicht schon ein bisschen satt gesehen? Waren wir allzu traurig, dass der FC Barcelona heuer nicht im Championsleague-Finale stand? Ist Tikitaka nicht irgendwann fad, besonders wenn es gegen doppelt verstärkte Abwehrbollwerke wirbelt? Wie lange können wir Xavi, Iniesta und Co. noch dabei zusehen, wie sie nicht nur ihre Gegner, sondern immer öfter auch sich selbst verblüffen? Und glauben wir wirklich, dass Spanien den dritten internationalen Titel in Folge gewinnt bzw. wollen wir das überhaupt? Natürlich ist es dem Fußballgott herzlich egal, was wir wollen oder nicht wollen, denn er kennt nur das Gesetz des Fußballs, das er selber erfunden hat, und das wir, wie die alten Griechen es schon sagten, nicht erschauen können. Deswegen lässt uns Fußball so oft ratlos zurück.

Möglich ist in dieser Gruppe wieder mal (fast) alles. Italien ist unberechenbar, Wettskandale hin oder her. Wer die Italiener kennt, weiß, dass es sich um ein Volk handelt, das gewohnt ist, mit Krisen umzugehen. Die Italiener halten sich selber genauso für korrupt wie alle anderen Länder die Italiener für korrupt halten; soll heißen: Der Wettskandal überrascht niemanden wirklich und geht in Wahrheit allen am Allerwertesten vorbei. Italiener lieben Fußball und sie wollen Fußball spielen – auch wenn dieser Fußball dann nicht immer schön anzusehen ist. Die Abwehr war im italienischen Team auch nie ein Problemfall und selbst wenn die großen Akteure der jüngeren Vergangenheit nicht mehr dabei sind, gibt es hier immer noch eine Juventus-Innenverteidigung mit Chiellini und Bonucci – und Juventus hat heuer in der Serie A kein Spiel verloren. Vorne gab's dann auch immer irgendwen, der ein Tor erstolpert hat. Und wer ein Tor mehr schießt als der Gegner, gewinnt im Normalfall. Wirklich weh tun können den Italienern in dieser Gruppe eigentlich nur die Spanier - und das dürfte selbst für den amtierenden Europameister schwer genug werden.

Mit Kroatien haben wir in dieser Gruppe auch einen ewigen Geheimfavoriten am Start, den man, auch in Bezug auf die Übermacht der beiden Gruppenfavoriten, gerne mit Portugal vergleichen darf. Auch hier gilt, dass das kroatische Team leider nicht nur auf die eigene Leistung vertrauen kann, sondern auch davon abhängig ist, was Italien und Spanien zulassen; und das dürfte sehr wenig sein. Die Kroaten haben aber den Vorteil, dass zwischen ihnen und Irland genügend Luft sein sollte, sodass sie sich ganz darauf konzentrieren können, gegen die Großen anständig Ärger zu machen. Spielen Spanien und Italien im ersten Spiel unentschieden, und gewinnt Kroatien erwartungsgemäß sein Spiel gegen Irland, hätten sie sich eine gute Ausgangsposition geschaffen, aus der dann alles mögliche entwachsen kann. Verlieren sie gegen Irland, dann ist das letzte Cevapcici allerdings gegessen und sie können im Grunde schon einpacken.

Irland ist der große Außenseiter in der Gruppe C. Von denen ist gar nichts zu erwarten, und sollten sie aus dieser Gruppenphase auch nur einen Punkt mit nach Hause nehmen, wäre das schon als Erfolg zu sehen. Mannschaften wie die irische haben im besten Fall Stolperstein-Charakter, füllen also zumindest eine wichtige dramatische Rolle aus. Es müsste bei den anderen schon viel schief gehen, damit Irland auch nur die Ahnung eines Viertelfinales erschnüffeln könnte.

Wir erwarten in der Gruppe C also ein Weiterkommen der Favoriten, hoffen aber darauf, dass Kroatien ein bisschen Wind in das zweite Spiel mitnehmen kann. Voraussetzung dafür ist, wie gesagt, ein Sieg gegen Irland. Es folgt dann das Spiel gegen Italien, in das man als Tabellenführer gehen könnte, keinesfalls aber als Favorit. Spiel Nummer eins zwischen Spanien und Italien ist auch nur bedingt aussagekräftig, wenn wir uns daran erinnern, dass Spanien bei der letzten Weltmeisterschaft sein erstes Spiel gegen die Schweiz verloren hat. Ein Sieg der Italiener wäre für diese ein Motivationsschub, für Spanien aber noch lange kein Grund zur Sorge. Obwohl, man sagt ja, dass es bei einer EM keine Jausengegner gibt...

Ich halte es für möglich, dass sich in der Gruppe C ein späterer Finalist befindet. Irland wird es aber nicht sein... Spanien übrigens auch nicht!


Worauf wir uns freuen können:


Auf das Auftaktspiel der Gruppe Italien gegen Spanien, auch wenn die Aussagekraft der Begegnung beschränkt sein wird. Die Kroatien-Spiele dürfen wir mit Spannung verfolgen, und Irland kann eigentlich nur überraschen.


Bemerkenswerte Namen:


Álvaro Arbeloa (SPA): Der Abwehrmann von Real Madrid darf seinen Eltern danken für diese Namenskombination. Sein voller Name ist sogar Álvaro Arbeloa Coca. Fügte man diesem Wonneklang noch ein Cola hinzu, und würde er dann nicht wie ein Brausegetränk heißen, wäre es fast schon kitschig.

Giorgio Chiellini (ITA): Die besten Namen haben doch immer die Italiener. Der Juve-Verteidiger klingt wie eine Nudelsorte oder eine süditalienische Süßspeise.

Alessandro Diamanti (ITA): Mittelfeld-Ersatzmann vom FC Bologna. Ob er so hochkarätig ist, wie sein Name vermuten lässt, wird sich erst weisen.

Darren O'Dea (IRL): Verteidiger von Celtic Glasgow, der sich mit dem Sunderland-Spieler John O'Shea O' so nicht rhymt. Warum das so ist, weiß keiner. John O'Shea kann übrigens auch Tormann.

Damien Duff (IRL): Fulham-Mittelfelder, dessen Name irgendwie erfunden und nach irischem Kinderbuchhelden klingt.

Gordon Schildenfeld (CRO): Der Abwehrspieler von Eintracht Frankfurt steht mit seinem Namen im kroatischen Nationalteam zwischen den ganzen a's und ic's so ganz alleine da. Der Name erklärt sich aus deutschen und österreichischen Vorfahren.

Montag, 4. Juni 2012

Mörder unter sich

Die Welt meint es nicht gut mit C. Ronaldo, dem Drei-Wetter-Taft-Cowboy von der Blumeninsel Madeira. Ich schreibe C. Ronaldo, weil Cristiano so ganz ohne „h“ erstens immer unangenehm falsch aussieht für unsere Augen, und zweitens der allzu kundige Fußballfan dazu verleitet würde, das s wie „sch“ auszusprechen. Das ist zwar dem Portugiesischen durchaus gerecht, macht aber ein bisschen unsympathisch. Und wenn es um C. Ronaldo geht, wabert immer schon so viel Unsympathisches am Lößboden des Diskurses, dass man sich nicht extra mühen braucht, es noch unsympathischer zu gestalten. Warum jetzt Lößboden, fragt der Geologie-affine Fußballfan, und ich kann es ihm nicht beantworten, sondern nur vermuten, dass, immer wenn es um C. Ronaldo geht, ich mich nur allzu gerne von scheinbar Unwichtigerem und Uninteressanterem ablenken lasse...

Zurück zum Haargel-Bomber aus Funchal. (Funchal ist übrigens die Hauptstadt von Madeira und der Name bedeutet so viel wie Fenchel. Fenchel ist meistens grauslich, denn sein bitter-süß-seifiger Geschmack macht sich höchsten im Tee gut. C. Ronaldo selbst ist auch ein bisschen fenchelig, wenn ich das mal so behaupten darf, ob man ihn allerdings deswegen in den Tee tun sollte, ist fraglich. Schon wieder schweife ich ab...)

C. Ronaldo – das C. müssen Sie mir lassen, sonst verwechselt man ihn mit dem brasilianischen Riesenbaby – hat ja bekanntlich im Halbfinale der Championsleague beim Elfern verschossen. Damit ist er jetzt ungefähr auf einer tragischen Ebene mit Roberto Baggio und Arjen Robben. Obwohl: Nein, denn diese Herren haben ja jeweils in Finalspielen verschossen, bei einem der beiden handelt es sich zudem um einen Foul-Elfmeter-Schützen. Aber egal, denn der wesentliche Unterschied zwischen C. Ronaldo und allen anderen tragischen Elferschützen dieser Erde ist der, dass dem Portugiesen so etwas komplett egal zu sein scheint. C. Ronaldo grämt sich nicht über einen verschossenen Elfer, viel eher ist er wütend auf den Ball, der so hoch geflogen ist, oder das Tor, das zu niedrig war. C. Ronaldo scheint ein Teflon-Mann zu sein, an dem nichts haften bleibt – außer das Haargel eben.

Diese Eigenschaft mag für einen Sportler ein großer Vorteil sein, helfen wird sie C. Ronaldo wenig. Und das ist ein bisschen schade, denn die Portugiesen haben ihre Glanzzeit schon hinter sich und bedürfen eines Weltfußballers mehr denn je. Leider kann er momentan in kein funktionierendes taktisches Gewebe eingebunden werden, was für einen wie ihn spielerisch eigentlich lebenswichtig ist. Findet man für ein Talent keinen taktischen Rahmen, in dem es seine Möglichkeiten voll ausschöpfen kann, wird das Talent früher oder später meinen, das Spiel an sich reißen zu müssen. Das endet selten gut – nicht für das Talent und nicht für die Mannschaft. Diese Krankheit könnte man als Arnautovicismus bezeichnen, und Portugal läuft Gefahr, dass sein wichtigster Spieler daran erkranken könnte.

Außer...

… die beiden Gruppenfavoriten Niederlande und Deutschland provozieren bei den Portugiesen einen … so und jetzt hätte ich gerne ein schönes, bildhaftes Wort für den Effekt, den ich hier benennen will. Es geht darum, dass ein Team, wenn es das Gefühl bekommt, ohnehin nichts verlieren zu können, plötzlich zu seiner ureigensten Stärke findet – einem unbekümmerten, unverkopften Spiel, das nicht von jeglicher Taktik gelöst sein muss, in dem sich aber eine „natürliche Taktik“ den Spielern förmlich aufdrängt („von innen her“, um es esoterisch zu formulieren), und das vollkommen von den individuellen Stärken der einzelnen Akteure getragen wird; und individuelle Stärke, das haben die Portugiesen immer. Es braucht halt Köpfe wie Felipe Scolari oder vielleicht Jose Mourinho, damit diese individuellen Stärken in die richtigen Bahnen geleitet werden. Oder eben diesen Effekt, für den ich mir noch einen klingenden Namen ausdenken muss. Vorschläge sind natürlich erbeten.

Damit sind wir auch schon beim Problem der Gruppe B: Wir haben es wieder einmal mit einer „Mördergruppe“ zu tun, einer Gruppe von Mördern also, von denen jeder einzelne danach trachtet, die jeweils anderen zu morden und zu meucheln. Ganz unten wird dann erwartungsgemäß Dänemark liegen, was wieder sehr schade wäre, weil die Dänen immer beherzten und intelligenten Fußball spielen. Dänemark ist das Anti-Griechenland, was nicht heißen soll, dass die Griechen dummen Fußball spielen, aber er wirkt immer uninspiriert und ein bisschen tölpelhaft, auch fehlt ihnen das rassig-kämpferische Element, das zum Beispiel die Türkei immer gefährlich macht. Die Dänen können – und das ist das Bittere an dieser Gruppe – jeden ihrer Gegner schlagen, wenn alles gut läuft. Ich traue ihnen auch zu, dass sie Portugal schlagen und einem der anderen beiden Teams einen Punkt abringen, und ich wünsche mir so sehr, dass dies auch passieren möge, denn dann wird es erst richtig interessant in der Mördergruppe.

Was die beiden Favoriten angeht, bleibt eigentlich nur zu sagen, dass wir uns endlich wieder einmal auf ein Deutschland-Holland-Match freuen dürfen, was uns in den letzten beiden Großveranstaltungen leider verwehrt geblieben ist. Freilich handelt es sich bei beiden Mannschaften um Favoriten auf den Turniersieg – aber das sind sie immer irgendwie und meistens wird es dann doch nichts. Großartig ist aber, dass beide Länder in den letzten Jahren fußballerische Entwicklungen gemacht haben, die man so bei (fast) keinem anderen Nationalteam feststellen kann: nämlich konstante und folgerichtige, immer zielgerichtete Entwicklungen (man könnte sagen, dass im Falle Deutschlands der Titelgewinn dafür schon fast zu lange ausständig ist. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es eine Mannschaft gibt, die ihre ganz eigene Entwicklung genommen und alle anderen Entwicklungen vorweg genommen hat. Und diese Mannschaft, Spanien, stand den Deutschen allzu oft im Weg). Das Ergebnis sind taktisch komplex agierende Teams mit überdurchschnittlichem Spielermaterial, die obendrein Fußball spielen können, der zu begeistern vermag: den viel geforderten attraktiven Fußball nämlich. Wenn sie bei ihrem Aufeinandertreffen nicht zu vorsichtig agieren, könnte es natürlich das Spiel der EM, ein vorweg genommenes Finale (der Herzen!) werden. Auf jeden Fall wird es emotional. Ich tippe auf Deutschland, würde mich aber natürlich mehr über einen Sieg der Holländer freuen.


Worauf wir uns freuen können:

Weil es sich bei der Gruppe B um die Anti-Gruppe-A handelt, dürfen wir uns folgerichtig auf alle Begegnungen freuen. Deutschland-Holland hat natürlich das größte Potenzial.

Mit Aufmerksamkeit wird man die Dänemark-Spiele verfolgen müssen, vor allem jenes gegen Portugal.


Bemerkenswerte Namen:

Kasper Schmeichel (DAN): Der Sohn des großen Peter, mit dem die Dänen 1992 den Titel holten. Wird wahrscheinlich nicht zum Einsatz kommen, aber vielleicht hat das Schmeichel'sche Blut ja magische Wirkung.

Mario Götze (DEU): Der aktuelle Kader der Deutschen beinhaltet wieder einige sehr deutsch klingende Namen. Der Name des Borussia-Talents steht dafür Pate. Vielleicht wird man in Zukunft einmal ins Schwärmen geraten, wenn man die Namen des Europameisters 2012 herunterbeten wird: Götze, Höwedes, Schweinsteiger, Müller, Schürrle, Badstuber...

Mark van Bommel (NED): Nachdem mein namenstechnischer Allzeit-Favorit Jan Vennegoor of Hesselink schon lange nicht mehr im Kader ist, bleibt van Bommel der drolligste niederländische Name im Team.

Custódio (POR): Team Portugal ist voller schöner Namen und dieser hier gehört zum Mittelfeldspieler vom SC Braga. Klingt zunächst wie die Bezeichnung für jemanden, der in einem Kustodiat tätig ist, aber selbst nicht Kustos genannt werden will. Dann aber appliziere man das portugiesische „sch“ und schon klingt es nicht nur besserwisserisch, sondern auch herrlich exotisch.