Samstag, 21. Mai 2011

Heimweg


Ich bin am Heimweg, es ist schon fast ganz hell. In meiner Hand habe ich ein Buch über Georg Büchner, die Seitentasche meiner Jacke ist ganz unförmig und aufgebläht, weil sich darin ein zusammengewickeltes Regen-Cape von den Universal Studios befindet. Das habe ich bei einer Versteigerung erstanden. Ich weiß nicht, ob es mir gefällt, aber ich wollte irgend etwas haben und da ich gefehlt habe, als die schwarze Beethoven-Büste mit dem Mascherl um den Hals dran war, musste ich also mit dem Regen-Cape vorlieb nehmen. Das bleibt mir jetzt. Das und die schmerzliche Erinnerung an die nicht erstandene Beethoven-Büste.

Ausgestattet also mit einem Buch über Büchner und einem Regen-Cape, auf dem einen Woody Woodpecker frech angrinst, biege ich von der Sackstraße am Schloßbergplatz in Richtung Mur ab. Ich denke, viel absurder als mit meinen Accessoires kann man gar nicht daherkommen. Da sehe ich auch schon zwei Dummköpfe auf dem Mursteg herumtorkeln. Über den Mursteg gehe ich ohnehin nicht gern, weil er aussieht, als müsste er jeden Moment zusammenbrechen, ja, er sieht irgendwie behelfsmäßig aus. Auch die zwei Betrunkenen sehen behelfsmäßig aus, deswegen wähle ich den Weg über den Kaiser-Franz-Josefs-Kai zur Keplerbrücke. Die ersten Straßenbahnen fahren schon, und eigentlich ist es eine Unzeit, denke ich mir, eine Zeit des Übergangs von der tiefen Nacht in den geschäftigen Samstag Morgen. Es ist die Zeit, in der sich Betrunkene und Arbeitstätige dauernd über den Weg laufen. In den Straßenbahnen sitzen sie einander gegenüber und manchmal ist dem, der auf dem Weg zur Arbeit ist, der Betrunkene unangenehm, oft ist es aber auch umgekehrt und der Betrunkene fühlt sich irgendwie fehl am Platz, oder auf eine bestimmte Art und Weise schäbig.

Auch auf den Straßen sind sicher ein paar alkoholisierte Heimfahrer unterwegs, während den anderen noch schlaftrunken an jeder roten Ampel der Kopf auf das Lenkrad sackt. Eigentlich eine gefährliche Zeit, aber passieren tut selten was, weil die einen noch zu müde, und die anderen schon zu müde sind um irgendwelche Handlungen zu setzen, die darüber hinausgehen, sich selbst von Punkt A nach Punkt B zu bringen. Und was den Straßenverkehr angeht, so sind sowieso die Übermotivierten und Aggressiven die eigentlich Gefährlichen. Um diese Uhrzeit ist niemand übermotiviert oder aggressiv.

Zwischen halb fünf und halb sechs liegt eine schlappe Stunde, wahrscheinlich die schlappste des Tages. Und auch ich tappe schlapp die Mur entlang, ich gehöre wohl ebenso zu den Betrunkenen. Am Himmel lichten sich noch die letzten Nachtwolken, der Mond steht auch noch immer da, als würde er auf den Bus warten, der am Samstag Morgen nie fährt, und von dem er sich erwartet hätte, dass er ihn ins Bett bringen würde. Ich überquere den Fluss an der Keplerbrücke, schau dem Mond jetzt direkt in sein Gesicht, und denke mir meinen Teil. Auch der Mond denkt sich vermutlich seinen Teil, während er von dem seltsam cremigen Morgenlicht angestrahlt wird und mit letzter Kraft versucht, zurückzustrahlen. Er gibt eine lächerliche Figur dabei ab und ich muss wieder an die zwei torkelnden Idioten vom Mursteg denken. Vielleicht sind sie schon nach Hause, oder aber in die Mur getorkelt.

Ich tappe weiter, nun den Lendkai entlang. Es gibt nichts Einsameres als den Lendkai am frühen Morgen, denke ich mir. Ich versuche mich daran zu erinnern, wann Georg Büchner starb, und weiß nicht mehr genau, ob es 1836 oder 1837 war. So seltsam der Gedanke in dieser Situation und um diese Uhrzeit auch ist, das muss ich jetzt wissen. Also versuche ich mir im Gehen die Information aus dem Büchner-Buch herauszulesen. Da wackeln die Buchstaben vor meinem Gesicht herum, als wollten sie mich ärgern. Ich suche ein „gest“ oder ein „orben“, für ein ganzes „gestorben“ ist mein Blickfeld zu klein. Noch dazu fallen mir fett gedruckte Wörter in den Weg, einiges ist mit rosaroten Textmarker hervorgehoben. Ich lese „wegweisende Wirkung“ und stutze, weil ich mir denke, was das heißen soll, wenn jemand eine Wirkung hat, die wegweist. Dann verstehe ich, dass der Weg gemeint ist, und wundere mich nur noch darüber, dass eine solche Information fett gedruckt ist. Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin, es handelt sich zumindest um das Überblickskapitel zu Büchners Leben – die wegweisende Wirkung hat sich bestätigt. Ich suche den Tod, also blättere ich auf die letzte Seite des Kapitels und da lacht mir eine schiefe Fratze entgegen. Es handelt sich um eine „Erinnerungsskizze“ von Büchners Antlitz nach Alexis Muston, wie ich der Bildunterschrift entnehme. „So möchte ich nicht erinnert werden“, sage ich mir und grusle mich noch ein bisschen, bevor ich mich entschließe, gezielt nach Jahreszahlen zu suchen. 1875 steht da, das muss aber irgendetwas anderes sein. Ich lese „Krautgarten-Friedhof“, lese es nochmal und es heißt immer noch „Krautgarten-Friedhof“. Trotzdem meine ich, mich zu irren, lasse aber vom Krautgarten-Friedhof ab und suche weiter nach Jahreszahlen, blättere eine Seite zurück, lese ganz unten auf der Seite „19. Februar 1837“ und weiß, dass ich jetzt richtig bin, denn es ist fett gedruckt und rosarot hinterlegt. Der Tod also auf der vorletzten Seite, nicht auf der letzten, das ist bemerkenswert, denke ich mir, und nach dem Tod kommt nur noch Krautgarten-Friedhof und Erinnerungsskizze.

Während meiner Suchaktion haben sich meine Schritte unmerklich verlangsamt. Der Mond lacht mich aus, weil jetzt kann auch er sehen, dass ich betrunken bin. Ich aber fühle mich recht klar im Kopf und jetzt weiß ich ja auch wieder, wann Büchner starb. Außerdem fühlt sich das Regen-Cape von den Universal Studios in meiner Jackentasche gut an. Ich sehe es noch einmal an. Es ist azurblau, ähnlich wie die Farbe des Covers von „Thomas Crown ist nicht zu fassen“, der Nr. 45 in der Filmedition der Süddeutschen Zeitung. Heller aber als der Einband des Büchner-Buches, das selbst wiederum ein wenig heller als das Verkehrsschild ist, das den Rad- und Gehweg anzeigt, der die Mur entlang führt, den ich aber jetzt nicht betreten werde. Ein schönes Arrangement in Blau wäre das – das Regen-Cape, das Büchner-Buch und die Gehweg-Tafel, denke ich mir, biege aber schon in die Neubaugasse ein, muss aber noch daran denken, wie der Erwin einmal gesagt hat, dass die Gehweg-Tafel aussieht, als würde da ein Mann ein kleines Mädchen entführen wollen. Die „Kinderfazara-Tafel“, hat er gesagt, sei das. So eine entautomatisierte Wahnehmung haben nur die Künstler, denke ich mir und muss schmunzeln. Ich bin froh, dass ich daheim bin.

Donnerstag, 19. Mai 2011

Innerhofer

Am Lendplatz soff
einst Innerhofer.
der Franz, der aus den Bergen kam.

Gesprächsstoff für
die Künstler dort
war, wie er sich im Rausch benahm.

Es heißt, er habe
morgens schon
vier, fünf, sechs, sieben Bier getrunken.

Zu Mittag saß er
schief am Thron,
die Stirn auf seinen Arm gesunken.

Der arme Franz,
der Innerhofer,
wollt nimmer lustig sein.

Er hat in Graz,
sich ganz zerlebt
und kehrte nie mehr heim.

Zeller Weisheit

"Wonnst auf d'Nocht in da woamen Luft nemman Bouch de Hoiastaun riachst, woast, dass da Summa neama weit is!"

Sonntag, 15. Mai 2011

Kurze Begehung eines Wortfeldes

Neologismen sind eine spannende Sache. Ein Wort herzunehmen, in eine andere Wortart überzuführen und mit allerlei Präpositionen oder Affixen zu schmücken, kann nicht nur von ungemein nützlicher Kurzweil sein, sondern Bedeutungsverschiebungen erzeugen, die vielleicht sogar irgendwann mal nützlich sein könnten. Einer, der so etwas mit Vergnügen macht, ist der L. Der L. ist demgemäß ein regelrechter Neologist, und er hat letztens in einem seiner heiteren Blogeinträge ein Wort kreiert, das mir viel Freude bereitete und dessen Wortfeld ich nun ein wenig abwandern möchte.

Ausgehen möchte ich von L.s Satz: [...], dass der Erfolgsmensch dann, wenn er merkt, dass sein Erfolg ausbleibt, beginnt vor sich hin zu bittern.

Hier begegnet uns das ursprüngliche Adjektiv bitter in Form eines Verbs, genauer: in der Wendung vor sich hin bittern.

  • vor sich hin bittern: Wer vor sich hinbittert, der trägt eine traurige Bitterkeit vor sich her. Das in Verbform gebrachte Adjektiv "bitter" unterstreicht die Aktivität, die von dieser Bitterkeit ausgeht. Man bekommt den Eindruck, dass hier jemand aktiv an seiner Bitterkeit arbeitet und diese auch offen zur Schau trägt. Gleichzeitig entsteht aber auch ein Eindruck der Passivität. So wie ein Joghurt an der Sonne langsam sauer wird, wird der Vor-sich-hin-Bitterer langsam bitter. Seine Bitterkeit ist nichts ihm nur äußerlich Anhaftendes mehr, sondern hat längst schon von seinem Wesen Besitz ergriffen. Soweit, dass er nicht mehr nur verbittert, sondern selbst bittert: Das Bittere ist also ganz er selbst.
  • in sich hinein bittern: Das In-sich-hinein-Bittern geht oft dem Vor-sich-hin-Bittern voraus. Wer in sich hinein bittert, arbeitet noch rein aktiv und ist bemüht, seine Existenz mit Bitterkeit zu füllen, ohne dass noch irgendjemand anderes Anteil daran hätte. Die Bitterkeit ist dem In-sich-hinein-Bitterer Nahrung. Im Gegensatz zum Vor-sich-hin-Bittern erkennen wir hier, dass das Bittere noch nicht ganz den Bitterer ausfüllt. Es klingt zudem noch etwas Bemühtes mit, als gäbe es ein Ziel zu erreichen, ähnlich dem Gefühl der Sattheit (zu der ich lieber Sätte sagen würde) beim Essen oder die Betrunkenheit beim Trinken.
  • aus sich heraus bittern: Hier handelt es sich um die destruktivste Form des Bitterns. Der Aus-sich-heraus-Bitterer trägt schon so viel Bitterkeit in sich, dass er nicht mehr in sich hinein bittern kann, und ihm das Vor-sich-hin-Bittern nicht mehr genug ist. Er muss Bitterkeit loswerden und das am besten an anderen Menschen. Also bittert er alle Bitterkeit, die er inne hat, aus sich heraus. Optisch ist das neben dem Vor-sich-hin-Bittern die interessanteste Variante, da die Expressivität wie auch die Dramatik beim Aus-sich-heraus-Bittern auf das höchste gesteigert werden kann.
Besondere Erwähnung sollten auch die passivischen Konstruktionen finden. Man lasse die folgenden einfachen Beispielsätze einmal auf sich wirken:
  • Es bitterte in ihn hinein.
  • Es bitterte aus ihm heraus.
Im ersten Fall wird jene Bedeutungskomponente, welche die Aktivität des In-sich-hinein-Bitterns ausmacht, vollkommen ausgelöscht und es entsteht ein eigenartiges, fast mythologisch anmutendes Bild eines völlig entmachteten Menschen, der von Bitterkeit durchdrungen wird, nein: in den Bitterkeit eindringt.
Aber auch die zweite Variante ist nicht weniger drastisch. Die Passivkonstruktion nimmt dem ursprünglichen Aus-sich-heraus-Bittern zwar das Aggressive, aber um den Preis, dass wir uns den Menschen, aus dem es herausbittert, nur mehr als leichenhaftes, von Bitterkeit durchtränktes Etwas vorzustellen vermögen. Ein trauriges, ein schockierendes Bild.

Doch bietet das Feld des Bitterns noch viele andere Möglichkeiten, mit Worten Bilder von grausigster Anschaulichkeit zu erzeugen. Nicht auszudenken, welch großartige Sätze man mit Konstruktionen wie zerbittern, erbittern, umbittern, einbittern, nachbittern oder ausbittern bilden könnte. Dies diene aber nur als Denkanstoß für die nächste Urlaubspostkarte oder den jährlichen Weihnachtsbrief an entfernte Verwandte.

Viel Spaß beim Bittern!

Samstag, 14. Mai 2011

Zeller Weisheit

"Wonn da nochn Fuatgeh no muads schlächt is, nocha woa wascheinlich as letzte Bia grausig!"

Freitag, 13. Mai 2011

Anekdotenhaftes über das Neue


Das Neue definiert sich vor allem über das, was es vorher war. Selbst dann, wenn vorher nichts war. Ich glaube, ich habe das Wort „neu“ in der Schule gelernt. Eigentlich seltsam, dass man sich an das Erlernen von Wörtern erinnern kann. Im Falle von „neu“ bin ich mir aber ziemlich sicher, dass ich es vorher nicht gekannt habe. Wahrscheinlich, weil man es vorher auch nicht braucht. Als keines Kind ist ja dauernd alles neu, da braucht man kein eigenes Wort dafür. Wir haben ja auch kein Wort für den Umstand, dass … sagen wir … es jeden Tag hell und wieder finster wird.

In der Schule also habe ich das Wort „neu“ gelernt und ich denke, es muss in der ersten Klasse gewesen sein. Wie man in der Schule Wörter lernt, dürfte ja jedem bekannt sein. Bei Adjektiven lernt man meist auch die Antonyme dazu, im Fall von „neu“ also „alt“. Und da ist sie auch schon passiert, die Scheidung zwischen alt und neu. So etwas bekommt man, hat man das Konzept einmal verstanden, nie mehr aus dem Kopf heraus. Und plötzlich sieht man schon als kleiner Wicht in allem das Alte und Neue. Man kommt nach Hause und die Spielsachen, die einfach immer nur da waren, sind plötzlich alt, weil eben nicht mehr neu. Plötzlich fängt alles Neue an, eine Faszination auf einen auszuüben.

Dann sieht man es im Fernseher flimmern: Alles neu. Was es alles vorher nicht gegeben hat, und es jetzt auf einmal gibt! Natürlich, wenn die Sprache auf die Werbung kommt, wird die Krux des Neuen gleich offenbar. Denn nicht alles, was „neu“ genannt wird, ist auch tatsächlich neu. Manchmal ist es einfach nur ein bisschen anders. Aber weil es eben anders ist als das, was vorher war, darf man es – unserer Eingangsdefinition gemäß – neu nennen. Es seien nur zwei Beispiele genannt, die mir den Schwindel des Neuen schon in frühester Kindheit offenbarten. In beiden Fällen war ich nämlich vom Neuen ganz schön enttäuscht. Vor allem aber von der Erfahrung, dass das Neue nicht umkehrbar ist.

„Raider heißt jetzt Twix, sonst ändert sich nix!“, versprachen sie in der Werbung. Tatsächlich hat sich nichts geändert, der Doppelriegel schmeckte auch nach seiner Neutaufe gleich. (Dass die über die Jahre hinweg natürlich die Rezeptur geändert haben und das heutige Twix mit jenem der frühen 90er nichts mehr zu tun hat, versteht sich von selbst.) Aber seitdem Raider in Twix umbenannt wurde, habe ich mich vom Neuen betrogen gefühlt. Mir gefiel nämlich der Name nicht. „Raider“, das klang irgendwie gefährlich und irrsinnig cool. „Twix“ hingegen kam mir vor wie der Name einer lächerlichen Figur in einer Kinderzeichentrickserie. In „Raider“ klang der Nimbus des Erwachsenen mit, da stellte ich mir lässige Halbstarke vor, die mit Mopeds oder Autos herumfuhren und sich hauptsächlich von Schokoriegeln ernährten, weil sie nicht mehr zu Hause essen mussten. „Twix“ verband ich mit den luschigen Typen aus der Werbung, die mir den neuen Namen einzuhämmern versuchte. Ich war unzufrieden und glaube sogar, mich erinnern zu können, dass ich vor dem Fernseher protestierte, als sie mir immer wieder sagten, dass Raider jetzt Twix heiße und sich sonst nichts ändern würde. (Ich war ein großer Protestierer vor dem Kastl! Zum Beispiel protestierte ich auch immer gegen die GlissKur-Werbung, die postulierte, dass es nur zwei Möglichkeiten gebe, dem Spliss entgegenzuwirken: Abschneiden oder GlissKur Hair Repair. Zum Ende der Werbung sagte dann eine spöttische Stimme „Also entweder...“ - hier brach die lockige Frau dann selbstzufrieden eine Schere auseinander - „... oder GlissKur.“ Das Auseinanderbrechen der Schere empfand ich als unglaublich ungerecht, denn damit wurde die anfänglich großartig angekündigte Alternative zur Farce. Also protestierte ich, dass der Schere Unrecht getan werde und die Leute von GlissKur es mit ihrem Postulat nicht ernst meinten. Soviel dazu.)

Die zweite, stillschweigend vorgenommene Veränderung betraf meine heiß geliebte Lieblingsserie Knight Rider (nur zufällig hört man auch hier ein „Raider“ mit. Gottlob, sie haben den Knight Rider so gelassen und nicht in „Knight Twix“ umbenannt!). Dort hat das Auto KITT irgendwann einfach neue Armaturen verpasst bekommen. Am drastischsten zeigte sich dies an dem roten Viereck, das synchron zu KITTs Stimme blinkte, wann immer er redete. Anstelle des roten Vierecks hatte es zuvor drei längliche, vertikal ausgerichtete Lichtbalken gegeben, von denen die beiden äußeren kürzer waren als der mittlere, und die, je nach Lautstärke (?), weiter oder weniger weit ausschlugen. Diese roten Lichter waren deshalb so wichtig, weil sie oft in Großaufnahme zu sehen waren, wenn KITT gesprochen hat. Die roten Balken waren quasi als Substitut für das Gesicht von KITT gedacht. Und die hat man irgendwann durch ein rotes, völlig einfallsloses Kastl ersetzt. Das war also neu. Auch sonst hatten die Armaturen nicht mehr den Charme der frühen Folgen, obwohl die Designer sichtlich bemüht waren, die Neuerung als Fortschritt darzustellen. Ich war beleidigt, denn mein geliebter KITT sah jetzt anders aus – zumindest von innen. Und ich wusste, dass es so bleiben würde, dass es kein zurück mehr gab und ich fortan KITT in sein plapperndes Viereck schauen müsste.



Zwei Erlebnisse also, die mir zeigten, dass es mit dem Neuen so eine Sache ist. Erstens, weil man ihm hilflos ausgeliefert ist, auch wenn einem die Neuerung nicht schmeckt. Und zweitens, dass nicht alles wirklich neu ist, was neu heißt. Das sind zweifelsohne Grundtraumata des jungen Kindes, die sich möglicherweise irgendwann einmal in einem Konservativismus äußern, der das Neue von vornherein scheut und also ablehnen muss. Dies ist freilich ein worst-case-Szenario, aber ich bemerke schon, dass ich dem Neuen weniger aufgeschlossen gegenüber stehe, weil ich erstens dahinter den (womöglich schmerzlichen) Verlust des Alten wittere und zweitens, weil das Neue potenziell suspekt ist, was die tatsächliche Andersartigkeit seines Wesens anbelangt.

Das Neue ist die Nichtung des Alten durch die Erneuerung, würde irgendein Existenzialist sagen, und das klingt tatsächlich ziemlich blöd. Ganz unproblematisch ist aber das Neue nicht und zwar besonders in Bezug auf das ersetzte Alte. Man merkt das als moderner Mensch beim Handykauf: die Konservativen oder die Technikängstlichen möchten immer ein „ganz einfaches Handy, mit dem man SMS schreiben und telefonieren kann“ (am besten auch noch ohne Kamera). Sie müssen dann enttäuscht oder verängstigt feststellen, dass es so etwas praktisch nicht mehr gibt. Oder man denke an Software, die ständig upgedatet sein will, so lange, bis das Update derart in Optik oder Funktionsweise des Programms eingreift, dass man gerne wieder downdaten würde. Dann ist der Zug aber meistens schon abgefahren. Und ich brauche gar nicht auf die vielen Klagepostings hinweisen, wenn sich bei facebook wieder mal irgendetwas mehr oder weniger Grundlegendes ändert. Plötzlich kommen da demokratische Prozesse in Gang und tausende von Menschen fordern per Mausklick die Wiederherstellung des Alten. So etwas gibt auf absurde Weise zu denken.

Davon, wie das Neue durch Versprechungen und Verheißungen die Menschen im Umgang mit dem, was sie haben, und was nun „alt“ genannt werden muss, verunsichert, will ich gar nicht reden. Ein Beispiel aus meiner gar nicht so fernen Jugend aber möchte ich schon noch bringen. Es geht darin nämlich darum, wie das Alte plötzlich als Neues erscheint und man ihm auf einmal wieder Wert zumisst.

Ich hatte einmal eine Digitaluhr von Casio. Damals besaß man so etwas nicht nur deswegen, weil es einfach Mode war und Zeigeruhren irrsinnig rückständig aussahen, sondern auch, weil man damit dauernd sich selbst oder andere beim Laufen oder Klettern oder sonstwas stoppen konnte (sowas haben die Kinder damals noch gemacht?). Ich trug die Uhr gern und andauernd, bis ich es einmal zu einer Anhäufung mehrerer Uhren brachte, deren Entstehung mir heute nicht mehr ganz klar ist. Nicht, dass ich sie gestohlen hätte! Ich glaube, es handelte sich um Werbegeschenke, die mir, teils über meinen Vater, teils über irgendwelche Bekannten, zugekommen waren. Sie waren im Wert natürlich nicht mit meiner Casio zu vergleichen, aber als Kind ist einem so etwas ohnehin egal. Wichtig war nur, dass die Casio jetzt alt war und also vorerst in einer Schublade verschwand. Die Sammlung meiner neuen Uhren (ich glaube, es waren drei) trug ich öfters übermütig als ganzes auf einem Arm, oder auf zwei Arme verteilt durch die Gegend. Mein Vater erklärte mir, dass das russisch sei, weil die Russen früher im Krieg gerne Uhren gestohlen hätten und sie auch alle gleichzeitig auf einem Arm getragen haben. So kam ich mir also vor wie ein Russe.

Wie es so ist mit Werbegeschenken, verloren die Uhren bald teilweise ihre Funktion, wurden also kaputt und für den genauen Beobachter der Zeit unbrauchbar und überdies unansehnlich, denn auf manchem Display zuckten nur noch ein oder zwei graue Balken und durch kein noch so festes Drücken an irgendwelchen Knöpfen konnte die Funktionstüchtigkeit wieder hergestellt werden. Da beschloss ich, meinem Dasein als Russe ein vorläufiges Ende zu setzen, und holte meine Casio wieder aus der Schublade heraus. Sie war dort sicher ein paar Monate gelegen, und als ich sie wieder in die Hand nahm und ihr vor Kraft strotzendes Display betrachtete, das immer noch die richtige Uhrzeit anzeigte, da bekam sie in meinen Augen einen seltsamen Glanz des Unbekannten. Ich bestaunte sie mit einer Mischung aus dem Gefühl, das eine längst verstaubt geglaubte Erinnerung auslöst, und der Aufregung beim ersten Betrachten überhaupt: Sie war wie neu.

Zwar hatte sich in den Ritzen und Rillen des Plastikarmbandes Staub angesammelt, aber ihr Gesicht strahlte in alter Frische, die Anordnung der Knöpfe und die kleinen Beschriftungen, die über die Funktionen der einzelnen Tasten Auskunft gaben, wurden von mir aufmerksamst betrachtet, als sähe ich sie zum ersten Mal. Prüfend schaltete ich alle Funktionen durch, es waren natürlich viel mehr als alle meine drei Russenuhren zusammen gehabt hatten, und ich war zufrieden. Die Umkehrung vom Alten zum Neuen war vollzogen.

Wie man sich zu seinem Zeug verhält, sei es alt oder neu, ist eine Frage der Wertschätzung. Was hier so arg bedeutend und altklug klingt, hat weitreichende Konsequenzen, wenn man anfängt, sich mit dem, was man hat, tatsächlich auseinanderzusetzen. Begierden und Wünsche, die sich auf das Neue richten, können ganz schön lästig sein. Sich mit dem, was man hat, wertschätzend zu befassen, hilft einem dabei, das Drängen dieser Wünsche empfindlich zu dämpfen. Die strenge Scheidung zwischen den Konzepten des Alten und des Neuen gedanklich aufheben zu versuchen, wäre eine Übung, die zu praktizieren sich wohl täglich lohnen würde. Gleichzeitig aber würde das der Wirtschaft vermutlich empfindlichen Schaden zufügen. Und wie wir wissen, geht es uns allen nur dann gut, wenn es auch der Wirtschaft gut geht.

Um diesen Ausführungen kein pseudo-konsumkritisches Ende zu geben, muss ich noch einmal auf den Beginn zurückkommen. Das Neue ist neu im Lichte des Alten und wird zwangsläufig selbst irgendwann zum Alten, was im Grunde beschämend für das Neue ist. Aber in dieser paradoxen Entwicklung offenbart sich das eigentlich Unbedeutende des Neuen. Das Neue ist nicht „neu“ im eigentlichen Sinn. Es ist schlichtweg etwas Anderes als das, was schon ist bzw. da war. Darin verbirgt sich die ohnehin auf der Hand liegende Erkenntnis, dass das Neue deshalb auch nie das Bessere sein muss bzw. sein kann. Das Adjektiv „neu“ sagt im besten Falle etwas über den Seinsstatus eines Dings aus, nämlich, dass es noch nicht allzu lange (eine vage Angabe!) in der Welt ist. Man bedenke, welche absurden lebenspraktischen Konsequenzen wir aus dieser bedeutungslosen Aussage ziehen!

Mittwoch, 11. Mai 2011

Das Orakel irrt sich (nie)

"Die Sturm-Spieler haben immer nur Automaten gespielt. Das hat denen getaugt! Immer nur Automaten!" Der Franz ist heute gut aufgelegt, obwohl nicht viel los war und er eigentlich müde ist. Er erzählt von früher, von berühmten Gästen und seinen Fähigkeiten als Orakel. "Dem Baric hab ich immer die Aufstellung angesagt, wie er spielen soll. Der war ja auch öfters da", grinst der Franz, weil er es selber gar nicht glauben kann, wie frech er damals schon gewesen ist. Einmal, sagt er,  habe er beim ÖFB angerufen und ist irgendwie zum Teamchef durchgestellt worden und hat ihm gesagt, wenn er wissen wolle, wen er als Libero aufstellen soll, dann habe er einen guten Tipp für ihn. Das sagt der Franz halt, das muss man ihm aber glauben, auch wenn man weiß, dass er die Leute zu gern am Schmäh hält.

Stolz ist der Franz aber vor allem auf seine Vorhersagen, für die er berüchtigt zu sein glaubt. Einmal spielte der SV Anger gegen Gratkorn. Der SV Anger ist der Lieblingsverein vom Franz. Eigentlich einer von dreien. Die zwei anderen spielen heuer im Championsleague-Finale. "Manchester United, Anger und Barcelona", sagt der Franz und spricht Barcelona "Bazelona" aus.
Damals jedenfalls saß der Franz im Stadion, als die Angerer gegen die Gratkorner spielten und hat vor dem Spiel gesagt "Heute gewinnen wir 5:3!" und alle haben ihn natürlich ausgelacht, weil wer sagt schon so ein Ergebnis voraus. "Neben mir ist der Sektionschef gesessen, der hat nur noch gesagt 'Franz, sei still jetzt', weil er sich schon geschämt hat. Und zur Pause ist es dann 3:1 für Gratkorn gestanden und die Gratkorner Fans haben auch schon gelacht. 'Trotzdem gewinnen wir noch 5:3', hab ich dann gesagt." Und da muss der Franz wieder lachen. Ein Lachen wie ein Schluckauf zuerst, und dann lacht er mehr und mehr. Weil natürlich haben die Angerer dann wirklich noch 5:3 gewonnen und alle haben den Franz angeschaut als wäre er von einem anderen Stern gekommen.

Der Franz hat damals auch Fußballgedichte geschrieben, wie er erzählt. "Sogar im Kurier habens den Blödsinn gedruckt!" Dem großen Ernst Happel hat er einmal ein Gedicht geschrieben, das mit der Warnung schloss, dass, wenn er so weitermachen würde, er bald gegen Krems oder Stockerau spielen müsse. Tatsächlich hat Happel mit Tirol dann im folgenden Cupfinale gegen den Kremser SC verloren. Wieder hat der Franz etwas richtig vorhergesagt. Wieder lacht er beim Erzählen, als könne er es selber gar nicht glauben, was er alles gemacht hat.

Nur einmal hat der Franz etwas nicht vorhergesehen. Eines schönen Sommernachmittages hat sich im Gastgarten seines damaligen Lokals der Bundeskanzler Schüssel auf einen Sessel gesetzt und auf einen zweiten seine Füße gelegt. So etwas macht man normalerweise ja nicht, aber der Franz hatte Nachsehen mit dem Herrn Bundeskanzler, weil ja auch sonst niemand im Gastgarten war und der Bundeskanzler gerade seinen Urlaub genoss, eben von der Südsteiermark gekommen war und sich ganz ohne Mascherl ein kühles Getränk gönnen wollte. Der Franz, der im Umgang mit Politikern immer schon geschickt war, hat dem Schüssel natürlich Honig um das Maul geschmiert, dass einem anderen vermutlich ganz schlecht geworden wäre. Dem Schüssel hat das natürlich getaugt wie den Sturm-Spielern der Spielautomat.
"Dann hab ich ihm gratuliert zum Finanzminister.", sagt der Franz und es schüttelt ihn wieder vor Lachen. "Wie zum Finanzminister?", fragen wir. "Ja zum Grasser ... dass er den geholt hat. Ich hab ihm gesagt 'Das ist der Richtige' und ihm zur Entscheidung gratuliert!" und jetzt scheppert der Franz direkt vor Lachen, wie ich es noch nie gesehen habe und wir lachen natürlich auch. Das war wahrscheinlich das einzige Mal, dass sich der Franz richtig getäuscht hat. Der Schüssel hat sich freilich damals beim Franz bedankt, weil dem das getaugt hat.