Dienstag, 10. Mai 2011

Zeller Weisheit

"Wonns da bei ins nid taugg, nocha foast hoid noch Italien. Owa reg di jo nid auf, wonns doscht recht toia is!"

Sonntag, 8. Mai 2011

Landmarken: Der Lendplatz


Aus dem Grazer Lendplatz wird kein Mensch schlau. Von allen Plätzen in Graz, zumindest von allen größeren, ist der Lendplatz der fragwürdigste. Eine steile These, mag man meinen, wenn man an Plätze wie den Jakominiplatz, den Griesplatz oder den wirklich auch sehr fragwürdigen Geidorfplatz denkt. Der größte Konkurrent in Sachen Fragwürdigkeit ist aber der Andreas-Hofer-Platz, der ehemalige Fischplatz. Schon allein der Name ist da sehr fragwürdig. Denn erstens: Was hat der Andi Hofer mit Graz zu tun? Zweitens verrät der alte Name schon, dass der Platz für die Fisch ist. Aber der Andi-Hofer-Platz ist schon dermaßen absurd und hässlich, dass ich ihm glatt das Wettbewerbsrecht aberkennen würde, weil er in Sachen Fragwürdigkeit tatsächlich in einer ganz eigenen Liga spielt.

Dem Lendplatz hingegen kann man eine gewisse Wichtigkeit schon allein deswegen nicht absprechen, weil er die Feuerwehr beherbergt und weil er Verkehrsknotenpunkt für 4 (in Worten: vier) GVB-Buslinien ist; außerdem fahren noch ein paar Watzke-Busse in Dörfer, die außerhalb von Graz liegen und in die in Wahrheit niemand fahren will, außer ein paar alte Leute, die nicht mehr selber mit dem Auto fahren können oder dürfen. Im Vergleich zum Jakominiplatz ist aber die verkehrstechnische Bedeutung des Lendplatzes natürlich mickrig.

Der Lendplatz ist aber gleichzeitig auch lässig, weil da viele hippe und junge Läden auf- und oft bald wieder zusperren. In den Zeitungen steht dann, das Viertel blühe auf. Außerdem ist der Lendplatz ein multikulturelles Kleinod, weil es da türkische Geschäfte gibt und ein serbisches Café sowie einen sehr modern interpretierten Kramerladen ungeklärter ethnischer Provenienz. Auch eine kurdische Pizzeria gibt es dort, die sehr gut ist. Und sonst auch noch ein paar Lokale, steirische und sonstige; man könnte also auch behaupten, dass der Lendplatz ein regelrechtes Genussviertel ist.

Freilich ist der Lendplatz auch eine Vergnügungsmeile. Denn es gibt ein Admiral Sportwettencafé, wo garstige alte Steirer den ganzen Tag Bier trinken und rauchen. In den anderen beiden Wettcafés wird sicher auch garstig getrunken und geraucht. Und natürlich gibt’s am Lendplatz Puffs. Und es gibt die Scherbe und das Exil und das Pierre's und auch das ppc ist da und so weiter und so fort.

Auch einen Bauern-Markt gibt es am Lendplatz, also ist der Lendplatz auch ein Marktplatz. Ein paar feste Standeln gibt es da, wo man auch, wenn kein Markt ist, hingehen und was kaufen kann. Meistens gehen die Leute aber nur zum Saufen hin. Wenn man den Bauernmarkt nicht mag, weil einem das zu persönlich ist, dann kann man auch zum Billa oder zum Spar gehen, denn auch solche Geschäfte hat es am Lendplatz. Parfums und Make-Up kauft man beim Bipa, Druckerpatronen und CDs beim Libro und wenn man einmal nicht daheim schlafen will, mietet man sich im Mercure (seriös) oder im Etap-Hotel (unseriös) ein, denn auch Hotels gibt es am Lendplatz.

Geld für die Hotels holt man sich bei der Sparkassa oder der Bank Austria, der Lendplatz ist nämlich das Bankenviertel von Lend. Es gibt am Lendplatz drei Friseure, einen für Herren, einen für Damen und einen für Türken. Es gibt einen Handyshop und einen Bäcker, ein Fotostudio, ein Reisebüro, eine Fahrschule, die Polizei, die Post, einen Floristen... es ist fast nicht zum Aushalten.

Ich frage mich, was es am Lendplatz eigentlich nicht gibt. Bis auf eine Straßenbahnhaltestelle gibt es eigentlich alles. Viele werden jetzt fragen, warum ich den Lendplatz nun für den fragwürdigsten aller Grazer Plätze halte. Eben deswegen, weil es da im Prinzip alles gibt und man, sofern man in Lendplatznähe wohnt, eigentlich nur zum Lendplatz gehen muss, wenn man irgendwas braucht. Das ist deswegen ein Problem, weil es dem Lendplatz nun doch nocht an etwas fehlt: an Flair. Ganz Lend hat keinen Flair, ja man müsste fast sagen, dass der Lendplatz in Sachen Flair noch das Highlight innerhalb der Grenzen von Lend ist. Als Lendbewohner kommt man, wenn man es praktisch sieht, nie über den Lendplatz hinaus, das heißt, man bekommt von Flair nie irgendwas mit, obwohl es in Graz hie und da schon ein bissl Flair zu erhaschen gäbe. Sicher aber nicht am Lendplatz!

Also geht man als Lendbewohner Umwege. Man geht möglichst schnell aus dem Lend (so heißt es doch, oder? Heißt es nicht der Lend?) hinaus, über die Keplerbrücke hinüber oder am Kai entlang Richtung Gries, bis man beim Kunsthaus ist, das ja eigentlich noch in Lend steht, aber das ist nur eine Beckmesserei für Stadtplanzeichner, denn gefühlt gehört das Kunsthaus zur Innenstadt. Man hat es nur nach Lend gestellt, also auf die andere Murseite hinüber verfrachtet, weil man da noch Platz gehabt hat und weil man es dort schön von der Innenstadt aus sehen kann. Von (vom?) Lend aus sieht man das Kunsthaus nämlich überhaupt nie, und wenn, dann nur von hinten, und von hinten ist es hässlich wie nur was – richtig ungustiös.
Die Umwege geht man als Lendbewoher, damit man einmal hinaus kommt aus dem Lend, damit man etwas Anderes sieht und ein wenig von der, sich ihrer natürlichen Grenzen gänzlich bewussten Grazer Schönheit mitbekommt. Den Lendplatz gilt es daher zu meiden. Er ist ein flairloser Alleskönner, ein Unsympathler der hundsgemeinen Art, den sie nur deswegen gemacht haben, damit die Leute, die am Grazer Bahnhof ankommen, und die nur schnell was brauchen (einen Friseur, einen Bäcker, einen Floristen), gar nicht in die Innenstadt kommen, weil es am Lendplatz ja eh alles gibt. Und weil dann viele über die Annenstraße in die Innenstadt wollten, haben sie die verkümmern lassen; haben sie zu einem langgezogenen Lendplatz werden lassen und zusätzlich, um ganz sicher zu gehen, dass keine lästigen Leute in die Innenstadt kommen, haben sie beim Bahnhof noch einen Spar gebaut, der so lange offen hat, bis kein Zug mehr fährt und kein Lästiger mehr ankommt und in die Innenstadt fahren muss. Früher hat man Stadtmauern gebaut, heute macht man ungustiöse Plätze und Straßen, die die Leute davon abhalten, in die schöne Innenstadt zu kommen.

Zeller Weisheit

"Wea umma hoiwa siemi scho auf is, braucht si nid wundann, wonna si umma hoiwi öfi scho wieda hieleng muas!"

Donnerstag, 5. Mai 2011

Zeller Weisheit

"Wonnst recht long untawegs woast, schaust zann Flames am Bonnhoof, wei do gibbs oiwei no a Kebab odara Pizza, wos an Alk aufsaugg."

Mittwoch, 4. Mai 2011

Flucht vor einem geistigen Gespräch


„Ah, das ist aber interessant, was Sie da haben!“ Ich weiß zunächst gar nicht, ob ich gemeint bin, weil in einer Buchhandlung angesprochen zu werden, das ist mir höchst suspekt, darauf bin ich nicht vorbereitet, weil es etwas ist, worauf man eigentlich nicht vorbereitet sein soll, will man nicht als eitel oder armselig gelten. Wer spricht schon jemanden in Buchhandlungen an? Ich meine jetzt nicht Gespräche zwischen Kunden und Angestellten, sondern Gespräche, die zwischen zwei Kunden, die sich nicht kennen, stattfinden. Das sind doch in 99,9% der Fälle irgendwelche Männer, die irgendwelche Frauen ansprechen und glauben, das wäre jetzt die beste Möglichkeit, eine intelligente Frau kennenzulernen, wenn man sie fragt, was sie da lese oder wie es ihr gefalle usw. Weil sich dann die Frau denken soll: „Sieh einer an, das ist ja ein Mann, der liest! Der muss aber gescheit sein, mit dem will ich ins Bett gehen!“

Und deswegen reagiere ich erst einmal gar nicht auf den Satz, der da an meine Ohren dringt. Ich gebe zu, dass ich auch deswegen nicht darauf reagiere, weil die Stimme nicht weiblich klingt. Aber selbst, wenn ich eine weibliche Stimme gehört hätte, nur zögerlich hätte ich mich darum gekümmert, denn: Frauen, die Männer in Buchhandlungen ansprechen, sind vielleicht sogar noch suspekter als Männer, die Frauen in Buchhandlungen ansprechen. Diese Art Frauen hat entweder zu viele solcher Filme gesehen, in denen so etwas immer toll funktioniert (bei Hugh Grant mit Brille), oder es handelt sich um Klugscheißer-Frauen, die ja nicht nur suspekt, sondern überhaupt lästig sind. Im Zweifelsfall gilt also, nicht darauf zu reagieren, wenn man in Buchhandlungen angesprochen wird.

„Simmel liest ja heute kaum noch jemand!“, höre ich die Stimme sagen. Kein Zweifel, damit bin ich gemeint. „Eigentlich paradox“, muss ich da denken, „dass ich weiß, dass ich gemeint bin, obwohl da jemand in einem Satz so undeutlich auf mich referiert, ich mich also absurderweise in der Formulierung kaum noch jemand wiederkenne.“ Dann aber erkläre ich mir die Referenz so, dass die Stimme „Simmel“ gesagt hat, damit quasi metonymisch das Buch meinte, das ich in der Hand halte und damit also mich, weil meine Hand nicht schnell genug das Buch fallen lassen kann, bis die Stimme ihren Satz beendet hat. Das hätte ich nämlich gern getan. Ich hätte augenblicklich das Buch fallen lassen müssen, mich also von der Referenz befreien, die über das Buch in meiner Hand zwischen der Stimme, dem Simmel und mir hergestellt wurde und einfach aufstehen sollen und gehen. Unhöflichkeit hin oder her.

Zu spät, das Buch ist noch in meiner Hand und die Stimme meint also ganz bestimmt mich, deshalb schaue ich auf und stelle enttäuscht fest, dass ein Philosoph vor mir steht. Der Mann hat das, was man gemeinhin eine Wurstblatt-Glatze nennt; die wenigen Haare, die sein Haupt noch zieren, sind fettig und kleben auf Glatze und Stirn. Er hat eine Brille, das einzig Sympathische an ihm, denn sie ist groß und alt und so das einzige, das seinem Kopf irgendeine Würde verleiht. Die Augen sind zwar klein, erscheinen aber durch die dicke Brille normal groß, die Nase des Mannes ist über Gebühr gebogen und lang, der schmale Mund verschwindet fast darunter. Trotzdem, sein Gesicht ist freundlich. Dass er Philosoph sein muss, erschließt sich mir über seine Kleidung und weil er in der Philosophieabteilung der Buchhandlung steht. „Leute, die so angezogen sind und sich für philosophische Bücher interessieren, sind Philosophen“, denke ich mir.

Natürlich bin ich selber schuld, dass ich in der philosophischen Abteilung einer Buchhandlung mich entblöde, Platz zu nehmen und mir erlaube, in ein Buch hineinzuschmökern. Das Hineinschmökern in Bücher ist generell eine Blödsinnigkeit, das Schmökern in philosophischen Werken allerdings ist ein Unsinn der banalsten Art, für den ich jetzt büßen muss, denn der Philosoph vor mir will offensichtlich ein
geistiges Gespräch anfangen.
„Ja, leider, den Simmel lesen nicht mehr viele“, wiederhole ich sinngemäß die Worte des Fremden und muss ein ziemlich dümmliches Lächeln aufgesetzt haben, denn der Philosoph schaut verdutzt. Er erholt sich aber schnell, wovon auch immer er sich verdutzen ließ, und wagt einen Witz: „Höchstens den Johannes Mario Simmel!“, und er kichert das Kichern eines Philosophen, welches ihn jetzt endgültig als einen solchen zu erkennen gibt. Ich muss ihn jetzt enttäuschen, muss ihm den Wind aus den Segeln nehmen, den er tatsächlich glaubt zu haben, und sage ganz ernst, mit einem künstlichen Bedauern: „Ja nicht mal mehr den!“, was ja auch stimmt. Da erholt sich der Philosoph von seinem Witz ganz schnell und wird wieder ernst. „Ein wichtiger Denker, Georg Simmel! Vor allem für die Philosophie der Kultur!“ Dieser Satz, so wahr er vielleicht sein möge, hat etwa den Erkenntniswert eines Stoßstangenaufklebers, aber er funktioniert, denn ich weiß nun, dass der Philosoph tatsächlich ein geistiges Gespräch beabsichtigt.

„Weiß ich nicht“, sage ich und freue mich diebisch über diese dumpfe Antwort. Neben „Interessiert mich nicht“ ist „Weiß ich nicht“ mit Sicherheit die ärgerlichste Antwort, die sich ein Philosoph erwarten kann. „Jaja, ganz bedeutend! Georg Simmel war der Wegbereiter für einige der größten Köpfe des 20. Jahrhunderts. Adorno, Foucault, Sartre, alle hat er sie beeinflusst.“ Der Umstand, dass der Philosoph Wörter wie bedeutend und große Köpfe verwendet, macht ihn mir gleich noch suspekter. Dass aber seine Einschätzung wie der Klappentext des Buches klingt, das ich immer noch in der Hand halte, ärgert mich doch sehr. „Mhm“, mach ich, klappe das Buch zu und ergänze: „Aber auch Bloch, Luhmann und Heidegger hat er beeinflusst!“ Dass ich dabei schamlos von der Rückseite des Buches ablese, möchte ich dem Philosophen gar nicht verbergen. Da lächelt der Philosoph ein wenig unsicher, offenbar fühlt er sich ertappt und ich habe ein bisschen Mitleid mit ihm.
„Ich wollte mir nur Simmels Essay über die Alpen durchlesen“, sage ich ihm wahrheitsgemäß, um ihm mein ehrliches Interesse quasi zum Fraß vorzuwerfen. „Oh“, macht der Philosoph und scheint sich zu freuen. „Simmel wählte ja die ungewöhnlichsten Themen für seine Aufsätze. Zum Beispiel schrieb er auch über die Mode, über den Rahmen oder den Henkel!“ Zwar klingt auch dieser Satz wieder wie ein Klappentext, ich verzeihe aber diesmal und lächle ihn nur an, so nichtssagend wie ich es fertig bringe. „Ähm, darf ich fragen, wieso Sie sich gerade für diesen Text interessieren?“, fragt mich der Philosoph sehr höflich. „Eigentlich geht dich das ja überhaupt nichts an“, denke ich mir, aber weil er mich so lieb anblickt und ich irgendwie schon wieder Mitleid mit ihm habe (ist er doch Philosoph und hat er doch in mir einen hoffnungsvollen jugendlichen Simmel-Leser gefunden) antworte ich ihm: „Ich wollte wissen, was ein Deutscher über die Alpen zu sagen hat.“
Der Philosoph schaut ein wenig überrascht und fragt mich, ob ich mich denn sehr für die Alpen interessiere. „Nicht sonderlich. Aber wissen Sie, ich bin dort aufgewachsen und meiner Erfahrung nach haben die Deutschen über die Berge sehr wenig zu sagen, und schon gar nichts Philosophisches“, sage ich und es hätte freundlich klingen sollen, kam aber ein bisschen arrogant, was mir dann doch wieder ganz recht ist.

„Achso! Und haben Sie den Text schon gelesen?“ Jetzt will er mit mir tatsächlich über den Text auch noch reden! „Philosophen sind überaus lästige Naturen“, sage ich mir, während ich das Buch wieder aufschlage und den Aufsatz über die Alpen suche. „Nein“, sage ich, während ich im Buch blättere, „ich war gerade an der Stelle, wo Simmel sagt...“ und während ich den Satz suche, den ich ihm vorlesen will, wird der Philosoph ganz aufgeregt, geradezu nervös, er scheint mir sogar zu schmatzen und versucht sich ein wenig über das Buch zu beugen, als wolle er den Satz finden, bevor ich ihn gefunden habe. „Hier … Die Alpen wirken einerseits als das Chaos, als die ungefüge Masse des Gestaltlosen, das nur zufällig und ohne eigenen Formsinn einen Umriß bekommen hat, das Geheimnis der Materie schweigt heraus, von der man an den Konfigurationen der Berge mehr mit einem Blick erfaßt, als in irgendeiner anderen Landschaft.“ Jetzt schaut der Philosoph verzwickt. Er denkt also nach. Gefährlich!
„Schweigt heraus finde ich gut“, sage ich und hoffe, ihm damit irgendwie auf die Sprünge zu helfen. „Hm hm“, macht der Philosoph, schaut mich an und zupft an der Knopfleiste seines schäbigen Jacketts herum. „Aber soweit ich weiß, geht es Simmel vorrangig ja um das Hochgebirge, als die schnee- und eisbewüsteten Gipfel der Alpen, wo das absolute Oben ohne Bezug auf ein Unten existiert.“
„Schnee- und eisbewüstet finde auch ich gut!“, sage ich, „aber so weit bin ich wohl noch nicht gekommen.“ Doch darauf reagiert der Philosoph gar nicht. „Und er setzt das Meer, welches er als das Symbol des Lebens sieht, dem Hochgebirge entgegen, welches mit seiner Stille und Starre jedes Lebens transzendiert.“, sinniert er weiter.
Mir kommt vor, dass der Philosoph durch mich hindurchschaut. Ich versuche, die Position meines Kopfes möglichst unbemerkt zu verändern, um zu kontrollieren, ob er mich überhaupt noch wahrnimmt. Deswegen nicke ich heftig, als ob ich verstanden hätte, mache ebenfalls „hmm hmm“ und trete von einem Fuß auf den anderen, lege kurz meinen linken Ellbogen in meine rechte Hand, kratze mich mit der linken Hand dabei nachdenklich unter der Nase und wackle hin und her, bis ich mit meinem Gesicht endlich dem starren Blick des Philosophen entkommen bin. Tatsächlich, er blickt ins Leere. Ich denke mir, dass sein Verhalten selbst für einen Philosophen sehr philosophisch ist.
„Natürlich, man stelle sich vor, man befände sich jenseits aller Zivilisation in der Stille und inmitten der reinen Macht des Gebirges... das ist transzendental, keine Frage. Es steht für die absolute Gleichmut gegenüber aller Entwicklung, die ästhetische, komplexe Form des Gebirges verabsolutiert sich zu einem einzigen Einen. Wie sagte schon Goethe? Über allen Gipfeln ist Ruh'. Doch es ist nicht nur die Stille, die Goethe meint, es ist die absolute Ruhe, als Gegensatz zur Bewegtheit...“
„Hm ja, da bin ich aber noch nicht“, versuche ich ihn zu unterbrechen und blättere eifrig in Simmels Buch herum, als ob das Auffinden der richtigen Stelle den Wortschwall des Philosophen stoppen, als ob ich ihn mit dem richtigen Zitat aus seiner philosophischen Starre erlösen könnte.
„Bedenken Sie doch das Konzept der Bewegtheit überhaupt. Das fängt schon bei den Vorsokratikern an. Anaximander etwa...“, brabbelt der Philosoph weiter.
„Äh, Verzeihung, aber ich muss weg.“, sage ich. Eine Ausrede ist mir der in seinem eigenen Geist gefangene Philosoph gar nicht wert bzw. glaube ich gar nicht, dass er merkt, wie ich mich an ihm vorbeischiebe und mit lächerlich kleinen, aber umso schnelleren Schritten Richtung Stiege haste. Auf den ersten Stufen drehe ich mich noch einmal zu dieser eigenartigen Figur um, und tatsächlich steht er immer noch da und redet scheinbar gegen das Bücherregal, er hat auch schon einen Finger erhoben. „Großartige philosophische Geste!“, sage ich mir, aber diese geballte philosophische Energie in diesem eigenartigen Mann macht mir zu viel Angst und ich stürze die Treppe hinunter.

Im unteren Stockwerk finde ich mich in der Abteilung der regionalen Bildbände wieder, da bemerke ich, dass ich den Simmel-Band immer noch in der Hand halte. Das Buch kommt mir vor wie ein unheilvolles Relikt, das jemand aus lauter Gier aus irgendeiner Höhle ausgegraben hat und das ihm jetzt naturgemäß nur Unheil einbringt. Also suche ich das Buch möglichst schnell wieder loszuwerden. Ich stelle den Simmel unauffällig zwischen zwei Bildbände über die Glocknergruppe und den Nationalpark Hohe Tauern. „Da passt du hin!“, denke ich mir und stelle mir vor, wie sich Georg Simmel jetzt freuen würde, mitten im Hochgebirge, wo über allen Gipfeln Ruh' herrscht. Dann aber verschwinde ich schnell aus der Buchhandlung, aus Angst, der Philosoph könnte mich – oder den Simmel – wieder finden. Als ich auf die Straße trete, weht mir ein dreckig-warmer Frühlingswind um die Nase und ich bin froh, diesem geistigen Gespräch mehr oder weniger gerade noch entkommen zu sein.

Montag, 2. Mai 2011

Die ironische Einrichtung der Welt

Im Stadtpark riecht es jetzt immer so, wie man sich den Geruch von Körperpuder für ältere Damen vorstellt. Es ist kein richtiger Frühlingsgeruch, eher ein penetranter Blütengestank, dem das Muffige der schlechten Grazer Luft eine morbide Note verleiht, wie sie sonst nur Gerüchen in Museen oder eben Häusern älterer Menschen zu eigen ist. Man denkt sich dann, wenn man im Park herum geht, dass es komisch ist, wie das Erwachen der Natur, wolle man diesem bizarren Schauspiel umherfliegenden, bunten Drecks eine derart poetische Beschreibung zukommen lassen, wie also dieses Naturschauspiel derartig nach Verderben stinken kann. Ironisch, möchte man meinen, hat Gott die Welt eingerichtet.

Ironisch auch, denkt man sich dann, wie die Amerikaner einen Präsidenten beschimpfen und mit Hitler vergleichen, wenn er eine Reform des Gesundheitswesens machen möchte, und wie sie ihn dann santo-subito-mäßig zum Helden erklären, wenn er den Befehl gibt, Bin Laden (oder bin Ladin, wie die FAZ wichtigtuerisch schreibt) umzubringen. Nicht, dass Osama (oder Usama, wie es in der FAZ und nur in der FAZ heißt) es verdient hätte, von irgendeinem Gericht angehört zu werden. Da bin ich selber ganz Advokat des schnellen Schusses. Mir kommt nur die Art und Weise, wie mit seinem Tod umgegangen wird, etwas seltsam vor. Da wird begratuliert und beklatscht, was man im Grunde gar nicht nüchtern genug zur Kenntnis nehmen kann.

Enttäuschend ist vor allem, dass man ihn nicht in einem Erdloch, wie damals den Saddam, gefunden hat. Wir haben uns alle erwartet, dass Osama irgendwo in einer afghanischen Berghöhle sitzt, wo er bebenden Bartes Hasspredigten gegen den Westen insgesamt, und gegen die USA im Besonderen anstimmt, während seine Kalashnikow-Kumpanen den Höhleneingang bewachen und sich von rohem Fleisch ernähren. Jetzt muss man vernehmen, dass er in einem dreistöckigen Haus gewohnt hat, in einer schönen Stadt in Pakistan. Da frisst den Bild-Zeitung-Leser der Neid und dann tut es gut zu erfahren, dass der fatale Schuss dem Osama anständig das Gesicht entstellt hat.

Seine Asche hat man ins Meer geschmissen, heißt es. Im Falle von bin Laden kann man kaum sagen über den Wellen des Ozeans verstreut, weil das für den finsteren Terrorchef eine zu gnadenvolle Formulierung wäre. Der Gentest wird zweifellos bestätigen, dass es sich um bin Laden gehandelt hat, ein paar Spinner werden weiterhin glauben, dass Osama noch irgendwo unter den Lebenden weilt und zusammen mit Hitler, Saddam Husseins Doppelgänger, Jörg Haider und Lee Harvey Oswald ein Elvis-Konzert besucht. Dann wird es bestimmt noch ein paar Mal krachen, weil Osamas Jünger jetzt natürlich auch nicht nach Hause gehen und wieder ihren erlernten Beruf ausüben. Und in ein paar Jahrzehnten wird sich mancher Amerikaner an Barack Obama zurückerinnern: "Obama? Wasn't he that black fella that got the nobel peace prize for killing the arab, while he ruined our economy?"


Dann aber wird man diesen Gedankengängen entrissen, weil ein herren- und damenloser Hund einem plötzlich das Bein beschnüffelt und den Schuh besabbert. So eine tolle Nase kann der Hund auch wieder nicht haben, denkt man sich, wenn er von dem Blütenstaubgeruch derart unbeeindruckt bleibt und die frisch gewaschene Hose viel interessanter bzw. beriechenswerter findet. Als dann jedoch eine ältere Dame um einen Busch biegt, die ganz und gar so aussieht wie der Stadtpark riecht, wird es einem klar, dass der Hund den Blütenstaub gar nicht mehr wahrnimmt, weil auch für ihn gilt, was dem Volksmund nach für uns Menschen gilt, nämlich, dass man sich irgendwann an alles gewöhnt, und dass etwas frisch Gewaschenes, Neutrales und jugendlich Agiles wie ein Jeansbein bei dem Hund wohl eine ähnliche Verstörung auslösen wird wie der Grazer Stadtparkgeruch bei einem sogenannten jungen Menschen.

Sonntag, 1. Mai 2011

Zeller Weisheit

"Am Koafreitog isst ma koa Lewakaassemmi. Des g'heat si owa scho üwahaubb nid!"